IBruchtal

Nach dem wir die Mädchen wohlbehalten im Gasthaus zur Letzten Brücke abgeliefert hatten, machten wir uns auf unseren Weg Richtung Imladris. Die Trollhöhen passierten wir bei Tag. Nach den Erlebnissen der letzten Tage hatten wir an einer Begegnung mit Hügeltrollen wahrlich kein gesteigertes Interesse. Unsere Reise verlief jetzt recht ruhig. Unsere Nachtruhe wurde ab und zu durch umherziehende Wölfe gestört, aber das war bereits alles.

In der dritten Nacht hörte ich bei unserer Wache ein leichtes Fauchen aus dem Gebüsch. Legolas stand auf der anderen Seite des Feuers. Schneller als ein Gedanke hatte er einen Pfeil eingelegt, der blitzartig von der Sehne ins Gebüsch flog. Ein lautes Aufjaulen war die Antwort. Anschließend brach ein großes pelziges Wesen daraus hervor. Durch eine unglückliche Bewegung fiel mein Kampfstab zu Boden. In der Dunkelheit und bei der schwachen Beleuchtung durch das herunter gebrannte Feuer, konnte ich ihn nicht direkt wiederfinden. Auch Anordils Schwert lag außer Reichweite. Er hatte es mir überlassen, da meine Schwerter bei dem Kampf in Herubar Gûlar zerbrochen waren. Blitzschnell zog ich deshalb meinen Dolch. Aber schon spürte ich scharfe Krallen an meinem linken Arm.

Reflexartig stieß ich den Dolch in den Fellkörper. Ich merkte, wie der Stahl durch Muskeln schnitt. Dann hörte ich noch einmal das Sirren der Bogensehne, gefolgt von einem lauten Geknurre, das in einen kreischenden Schrei überging. Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken. Im selben Moment loderte das Feuer hell auf. Anordil hatte die Glut wieder aufflammen lassen. Im Schein des Feuers konnte ich das Tier sehen, was jetzt tot zu unseren Füßen lag.

Es war ein katzenähnliches, großes Wesen mit grauem Fell. Es hatte übergroße Pfoten und ein gewaltiges Gebiss. Die Krallen waren ausgefahren. Blut tropfte auf den Boden. "Hannon le, Legolas", sagte ich mit kratziger Stimme, "man hen? – Was war das?" "Ú-moe hannach nin – du brauchst mir nicht zu danken", sagte Legolas ruhig, "sen Chetmig – dies war eine Chetmig." "Man charnach? – Du bist verletzt?", fragte mich Anordil. Ich nickte. Meine Beine fingen an zu zittern. Die Anspannung ließ nach. Jetzt spürte ich erst den Schmerz. Es brannte wie Feuer. Er bedeutete mir mich hinzusetzen und untersuchte meine Wunde. Ich war sowieso nicht mehr in der Lage stehen zu bleiben. Der Blutverlust machte sich jetzt bemerkbar. Mir wurde beinahe schwarz vor Augen.

Ungläubig sah ich auf meinen Arm. Die Krallen hatten diesen vom Ellenbogen bis zum Handgelenk aufgefetzt. Muskelfleisch hing zerfasert aus der Wunde. "Dies wird äußerst starke Zauber benötigen", meinte Anordil ernst. Rellena schaute ebenfalls ernst auf meine Verletzung. "Versuchen wir es gemeinsam", sagte sie zu Anordil. Dieser nickte. Dann fingen sie an zu zaubern. Rellena streute mir erst ein Pulver in die Wunde. Daraufhin versiegte der Blutstrom augenblicklich. Beide murmelten Worte in der Zaubersprache vor sich her.

Ich spürte ein Prickeln und Brennen im ganzen Arm, das immer stärker wurde. Als würden Tausende von Ameisen darauf Tango tanzen, während sie munter ihre Säure verspritzten. Ich biss die Zähne zusammen, konnte aber ein Stöhnen nicht vermeiden. Jetzt sah ich, wie sich das Fleisch auf meinem Arm schloss. Die tiefen Krallenspuren verschwanden. Doch das rohe Fleisch blieb weiterhin sichtbar. Haut überzog die Wunden nur an wenigen Stellen. Der Arm sah jetzt grün und blau aus.

"Bewege deinen Arm", sagte Rellena zu mir. Ich beugte und streckte ihn. Er tat zwar höllisch weh, aber funktionierte. Anordil strich geschickt eine Paste auf den Arm und verband ihn. "Leider haben sich die Wunden nicht vollständig geschlossen. Die nächsten Tage möglichst keinen Bogen spannen und auf dieser Seite kein Schwert führen", wies Anordil mich an, "ansonsten reißen die Wunden erneut auf." "Ich versuch's", antwortete ich und versuchte krampfhaft den immer noch herrschenden Schmerz zu unterdrücken. Rellena stopfte mir eine Substanz in den Mund. Ich wollte nicht wissen, aus was es bestand, denn es schmeckte fürchterlich. "Das wird den Schmerz lindern", sagte sie zu mir. Anordil lächelte mir aufmunternd zu. "Bald sind wir in Imladris", wisperte er mir zu, "bis dahin sollte das meiste verheilt sein. Falls die Heilung wider Erwarten nicht fortschreitet, wird Elrond persönlich dich heilen. Das verspreche ich dir."

Radamar und Legolas hatten sich in der Zwischenzeit um den Kadaver gekümmert. Das Feuer wurde hochgeschürt. Für den Rest der Nacht hielten Anordil und Legolas Wache. Wir anderen konnten uns schlafen legen. Ich konnte den Schlaf gut gebrauchen. Nach dem die Anspannung vorbei war, wurde ich von einer tiefen Müdigkeit übermannt. Oder war das die Wirkung dieser Substanz, die mir Rellena gegeben hatte? Ich wusste es nicht. Ich hatte kaum den Boden berührt, als ich schon tief und traumlos schlief.

Am nächsten Morgen zogen wir direkt weiter. Eigentlich hatten wir vorgehabt, uns hier von den anderen zu trennen. Aber aufgrund dessen, das ich verletzt war und das unsere Gefährten Anordil vertrauenswürdig erschienen, beschloss er sie mit auf den Weg nach Imladris zu nehmen. Wir würden weitere vier Tagen bis zum Erreichen unseres Zieles benötigen. Anordil führte unsere Gruppe.

"Es gibt nicht viele, die den Weg nach Imladris wissen", sagte er, "ihr werdet hiernach dazu zählen. Doch ihr dürft es nicht verraten. Imladris liegt versteckt und ist durch Magie geschützt. Nur der Wissende oder der Reisende der dringende Hilfe benötigt, wird es finden. – Sofern die Wachen dies zulassen. – Es ist gleichfalls möglich, dass ihr nach diesem Besuch den Weg vergesst, da Elrond euch einen Trank des Vergessens gibt. – Andererseits ist es möglich, dass ihr bei einem nächsten Besuch nicht mehr durchgelassen werdet. – Aber dies ist allein Elronds Entscheidung."

Er führte uns über die Bruinenfurt und von dort leicht nordöstlich. Einen fast undurchdringlichen Wald, der sich am südlichen Ufer der Südgabel des Bruinen erstreckte, mussten wir durchqueren. Die Bäume standen außergewöhnlich dicht. Das Unterholz war stark verfilzt. Der Weg wand sich als sehr enger Pfad weiter durch ein Stück Wiese bis zu einer schmalen, elegant geschwungenen Brücke.

"Jetzt betreten wir den Herrschaftsbereich von Elrond, dem Herrn von Imladris", erklärte Anordil, "lasst eure Waffen dort, wo sie sind und folgt mir ohne Aufenthalt. Ich hatte das Glück einige Male hier Gast sein zu dürfen und in meiner Begleitung wird euch vorerst nichts geschehen. An den Grenzen zu Imladris sind Wachen postiert. Vielleicht lassen sie uns durch. Vielleicht auch nicht. Versucht nicht, sie zu entdecken. Ihr würdet sie sowieso nicht sehen. – Auch du nicht, Legolas."

Legolas zog überrascht eine Augenbraue hoch. Es war äußerst selten, dass den Augen eines Elben etwas entging. Wenn dem wirklich so war, musste Magie im Spiel sein. Wir folgten dem Pfad weiter. Niemand war zu sehen. Niemand hielt uns auf. Dann sahen wir plötzlich ein schmales, tiefes Tal vor uns.

Es war ein atemberaubender Anblick. Die Stadt der Elben lag in dieser zerklüfteten Bergschlucht. Wald und viel Grün umsäumte die Häuser. Sie wirkten sphärisch, so wie sie sich an die Felsen schmiegten. Unzählige Wasserfälle glitzerten im Sonnenlicht. Der dadurch aufstäubende Nebelschleier machte den Anblick unwirklich. Regenbogen schimmerten über dem Tal. Der Herr von Imladris war Elrond, einer der hohen Elbenfürsten.

Anordil ging zielstrebig auf das Hauptgebäude zu. Dort wurde er von einem Elben erwartet. Offensichtlich ein Noldor mit dunkelbraunem, annähernd schwarzem Haar und eisgrauen Augen. "Mae govannen, Anordil Glordoronion", grüßte dieser. "Mae govannen, Erestor, tirn en adab o Elrond. – Ich grüße euch, Erestor, Hüter des Hauses von Elrond", grüßte Anordil zurück, "lange ist es her, dass mein Weg mich in dieses Haus führte. Wie geht es dem Hausherrn Elrond?" "Danke, gut", antwortete Erestor, "er erwartet dich bereits. Dein Kommen wurde uns angekündigt." Anordil lachte leise. "Hätte mich stark gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Ich bitte gleichfalls um Quartier für meine Weggefährten."

Erestor musterte uns gründlich. Sein Blick blieb kurz an Legolas haften. Erkennen blitzte in ihnen auf. "Ich werde sie in die Gästequartiere geleiten lassen." "Ich würde mich ebenfalls gerne vom Staub der Reise reinigen, bevor ich Elrond aufsuche. Und ich denke, Legolas geht es genauso. - Meldet Elrond, dass der Sohn Thranduils hier weilt. Von einer langen Reise ist er auf dem Rückweg nach Düsterwald. Er wird viel zu berichten haben, was auch für Elrond von Interesse sein könnte." "Ich heiße Prinz Legolas Thranduilion willkommen im letzten heimeligen Haus der Elben", erwiderte Erestor mit einer leichten Verbeugung, "erfrischt Euch. Herr Elrond erwartet Euch anschließend im Ratszimmer." Uns andere begrüßte er mit einem leichten Neigen seines Kopfes, bevor er eine einladende Bewegung mit der Hand machte, ihm zu folgen.

Im Inneren des Hauses schaute ich mich aufmerksam um. Geschlossene Räume wechselten mit weit offenen, wo selbst die Bäume hinein wachsen konnten. Leicht und luftig wirkte die Bauweise. Filigrane Säulen mit floralen Mustern trugen die Decken. An den Wände waren überwiegend Bilder gemalt. Sie zeigten fröhliche Motive, wie Festlichkeiten, historische, wie die Ankunft der Elben in Mittelerde oder kriegerische, wie die Schlacht bei Dagorlad und Isildurs Tod.

Wir bekamen drei Gästequartiere im dritten Stock des Haupthauses. Radamar und Rellena bezogen eines. Anordil sah mich fragend an. Ich nickte zustimmend auf seine stumme Frage. Legolas nahm das Gemach, was übrig blieb.

Anordil und ich betraten ein recht großes geräumiges Zimmer. Ein riesiges Bett mit vier Pfosten stand an einer Wand. Leichte seidige Vorhänge hingen von dem Betthimmel herunter. Die Fenster reichten bis zum Boden. Man konnte ungehindert auf den Balkon treten. Wie in Cillien fehlte hier ebenfalls die Verglasung. Aber es waren Türen vorhanden, welche die Räume voneinander trennten. Zwei Stühle und ein kleiner Tisch standen an der anderen Seite des Zimmers. In einer Ecke stand ein Spiegel, der bis zur Decke reichte. In der Feuerstelle lag Holz aufgeschichtet. Die Nächte konnten trotz des derzeit milden Wetters kalt werden.

"Es gibt hier im Untergeschoss ein Badehaus", sagte Anordil, "wenn du möchtest, bringe ich dich hin. In der Truhe dort liegen normalerweise einfache Gewänder für die Gäste bereit. Siehe nach, ob dir ein Gewand davon passt." Ich legte meine Waffen und mein Reisegepäck ab. Dann schaute ich in die Truhe am Fuß des Bettes. Anordil hatte Recht. Dort lagen Gewänder unterschiedlicher Größe und Form. Ich hielt mir verschiedene vor. Letztendlich entschied ich mich für ein dunkelgrünes Kleid mit weiten Ärmeln. Es hatte zwei lange schmale Bindebänder. Wahrscheinlich wurde es auf eine Art gebunden, die den römischen Gewänder der Kaiserzeit Neros ähnelte. Anordil nahm zielstrebig ein Gewand in silbergrau. "Wie gesagt, ich war des öfteren Gast in diesem Haus", erklärte er mir. Danach begleitete er mich in das Badehaus.

Das war eigentlich kein Haus, sondern eine Ansammlung von Räumen, die der Reinigung des Körpers dienten, im Untergeschoss des Hauptgebäudes. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier mangelte es an nichts. Diese Räumlichkeiten konnten durchaus mit den großen Bädern meiner Welt mithalten. Die Räume waren recht großzügig geschnitten und hauptsächlich in den Farben grün, blau und braun in allen Tönen gehalten. Hier gab es sogar ein Dampfbad. Auch ein Schwimmbecken war vorhanden und ein Thermalbecken. Männer wie Frauen badeten gemeinsam. Es gab keine Trennung, so wie in den Badehäusern der Städte Mittelerdes.

Es war mir peinlich, als ich mich entkleidete. "Es muss dir nicht peinlich sein", lächelte Anordil mich an, als er meine Verlegenheit bemerkte, "es ist völlig natürlich. Lerne deinen Körper kennen und akzeptieren. Dann wirst du es verstehen. Sieh dort in den Spiegel - " Ich folgte seiner Anweisung. Im Spiegel sah ich, wie ich krampfhaft versuchte meine Scham zu bedecken. Ich versteckte mich. "- du versteckst einen schönen Körper. Weil du Angst hast. Angst vor mir, vor anderen und vor dir selber. Lerne deinen Körper zu akzeptieren, wie er ist. Lerne die Reaktionen zu akzeptieren, die der Anblick deines Körpers hervorrufen kann. Erst dann wirst du frei sein."

Ich wusste, das er Recht hatte. Aber ich konnte nichts dagegen tun. "Akzeptiere dich so wie du bist, Arwen." Stumm vor Verlegenheit schaute ich zu Boden. Er trat vor mich hin. Sanft hob er mein Kinn. "Es gibt nichts, dessen du dich schämen müsstest", sagte er zu mir, nahm meine Hände, und zog mich zum Reinigungsbecken. Er drückte mir einen Schwamm in die Hand. Dann spritzte er mich mit Wasser nass. Er lachte und scherzte mit mir. Spielerisch half er mir meine Verlegenheit zu überwinden.

Anordil war äußerst charmant. Wenn ich mich unbeobachtet fühlte, betrachtete ich ihn. Er hatte einen schönen Körper. Schlank und doch muskulös. Seine Haut zeigte keine Körperbehaarung. Sie schien seidig weich zu sein. Jede Frau in unsere Welt hätte ihn darum beneidet. Nach einiger Zeit hatte ich völlig vergessen, dass ich nackt war. In der nächsten Stunde genoss ich das Bad, genau wie das anschließende Einölen. Später kleideten wir uns in die frischen Gewänder. Unsere Reisekleidung war zur Wäsche entfernt worden. Anordil brachte mich zurück in unser Quartier. Er ging danach zu seinem Gespräch mit Elrond. Ich sah das Bett an und beschloss zu schlafen. Man konnte nie wissen, wann man wieder in den Genuss eines weichen Bettes kam. Ich schlüpfte aus dem Gewand. Sekunden später versank ich in den Kissen. Nach ein paar weiteren Sekunden war ich eingeschlafen.

Erst der Geruch von frischem Brot weckte mich auf. Als ich die Augen aufschlug, sah ich in einen wunderschönen Sonnenuntergang. Wie verzaubert blieb ich liegen. "Es ist immer wieder atemberaubend", hörte ich Anordils Stimme hinter mir, "das kommt von den Wasserfällen hier in der Schlucht." Ich zog unwillkürlich die Decke enger, als ich mich umdrehte. Er lächelte mich leicht an. "Ich werde dich nicht verführen. Keine Angst", schmunzelte er, "obwohl ich dazu schon Lust hätte." Verwirrt schaute ich ihn an.

Er provoziert dich, dachte ich plötzlich. Ich sah es in seinen Augen aufblitzen. Spielerisch zupfte er an der Decke. Nach einigen Minuten waren wir in einem leichten Handgemenge verwickelt. Doch nach einer Weile musste ich mich geschlagen geben. Mein Arm war noch nicht vollständig verheilt und schmerzte. Schweratmend gab ich meinen Widerstand auf. Die Decke hatte sich mittlerweile verabschiedet und ich lag nackt da. Anordil hielt meine Handgelenke fest. Sein Haar kitzelte meine Haut. Er schaute mich spitzbübisch lächelnd an.

"Si, man hi? – Nun, was jetzt?", fragte er leise. Angst flackerte in mir auf. Ich war mir nicht sicher, ob er es bemerkt hatte, aber ich fühlte, wie sein Griff an Intensität abnahm und nutzte es aus. Mit einem Kniff, den er selber mir beigebracht hatte, änderte ich die Lage. Ich entzog mich seinen Händen. Blitzschnell glitt ich aus dem Bett. Ich legte das Gewand an, bevor ich das Tablett in Augenschein nahm, das auf dem Tisch stand. Brot, Wein und gefüllte Teigtaschen standen dort bereit. Ich merkte, wie hungrig ich war. "Si madithon - jetzt werde ich essen", antwortete ich ihm. Er nickte und lächelte mich, zufrieden wie es schien, an. "Nedin lû vadich, pulin bed gen hinniath - während du isst, kann ich dir ein paar Neuigkeiten mitteilen", sagt er.

Während ich schlief, hatten er und Legolas ein langes Gespräch mit Elrond, unserem Gastgeber, gehabt. Dort hatte Anordil nicht nur weitergegeben, was er von dem toten Barden Turlin erfahren hatte, sondern auch nach dem Torstein gefragt. Ihm wurde von Elrond mitgeteilt, dass der alte Elbenmagier, der in den Schriftrollen der Gilde der Gelehrten in Fornost erwähnt wurde, nicht mehr lebte. Er war vor einigen Jahren den schweren Verletzungen eines Zauberduells erlegen. Aber Elrond würde uns Einsicht in die Archive von Imladris gewähren. Diese könnten wir am nächsten Tag aufsuchen. "Wenn du möchtest, können wir in die Halle des Feuers gehen", schlug Anordil vor, "erin had linnatha a naritha nern - dort wird Musik gespielt und Geschichten erzählt." Neugierig sah ich ihn an. "Mae, hen dannen nin - ja, das würde mir gefallen", erwiderte ich interessiert.

Schon bevor wir in der Nähe der Halle waren, konnte man die Musik hören. Sphärisch schwebte sie durch das riesige Haus. Als wir die Halle des Feuers betraten, blieb mir der Atem beinahe stehen. Es war ein gewaltiger Saal, in deren Mitte ein großes Feuer brannte. Ich war fasziniert von der Größe des Raumes. Es waren Elben, Menschen, Zwerge, und andere Völker vertreten. Einige waren verwundet, wie man an den Verbänden sehen konnte, andere waren wohl Reisende, wie wir. Viele der Anwesenden schienen Bewohner von Imladris zu sein. Musiker spielten vor dem Feuer. Die Musik war von unglaublicher Klarheit. Eine Frau, schön wie der Sonnenuntergang, sang eine Ballade. "Sen Arwen Undómiel - dies ist Arwen Undómiel", erklärte mir Anordil leise, "ir iell o Elrond - sie ist die Tochter Elronds." Neugierig sah ich sie an.

Mein Vater hatte mich schließlich nach ihr benannt. Sie war selbst für Elbenaugen beeindruckend schön. Dunkles, fast schwarzes Haar fiel in Wellen bis zu ihrer Hüfte. Ihr schön geschnittenes Gesicht hatte etwas Entrücktes an sich. Ihre Augen blickten in die Ferne. Ihre schlanke Gestalt war in Blau und Silber gewandet. Um ihren Hals trug sie eine Kette aus Mithril mit einem wunderschön geformten Anhänger. Der Stein in der Mitte funkelte wie ein Stern am Abendhimmel.

Abseits des Feuers sah ich einen alten Hobbit sitzen. Später erfuhr ich, dass dies Bilbo Beutlin war.

D e r Bilbo Beutlin muss ich dazu sagen. Er war nicht nur einfach ein Hobbit, der hier seinen Lebensabend verbrachte. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, so aufgeregt war ich. Hier konnte ich Leute sehen, die ich bisher nur aus einer Erzählung kannte und nun sah ich sie in Fleisch und Blut vor mir!

Ich betrachtete sie aus der geringen Entfernung und ich musste feststellen, dass ich sie mir so ungefähr vorgestellt hatte. Ich kam mir vor wie in einem Traum. Alles wirkte so unwirklich auf mich. Ich kniff mich in den Arm, um festzustellen, dass ich wach war. Arwen Undómiel - meine Namensschwester.

Ich sah, dass ihre Augen mich kurz interessiert musterten. Anscheinend wusste sie, dass ich ihren Namen trug. Ihre Augen waren klar und hellblau. Sie bildeten einen wunderschönen Kontrast zu ihrem dunklen Haar. Im Laufe des Abends gesellte sie sich sogar für einige Zeit zu uns. Sie begrüßte Anordil wie einen alten Bekannten und wandte sich mir zu.

"Mae govannen, mellon", sagte sie mit ihrer melodischen Stimme, "im Arwen. O gwaith lîn estathon Undómiel. Adar nîn bent nin, Arwen i eneth lîn. - Ich bin Arwen. Von meinem Volk werde ich Undómiel genannt. Mein Vater sagte mir, dass du ebenfalls den Namen Arwen trägst." Ich hatte mich erhoben, als sie zu uns trat und verbeugte mich jetzt. "Mae govannen, Arwen Undómiel", antwortete ich leise, "sen dîr. Adar nîn annant eneth lîn. Egleriant lîn. - Das ist richtig. Mein Vater hat mich nach Euch benannt. Er verehrte Euch." Das stimmte sogar. Er hatte sogar einmal ein Essay über sie geschrieben. "Naro nin narn lîn - erzählt mir Eure Geschichte", wies sie mich an. Ich sah fragend zu Anordil hinüber. Er nickte mir aufmunternd zu.

"Nun, denn", hob ich an, "sie ist lang und vielleicht wird sie Euch langweilen." "Das glaube ich nicht", erwiderte sie belustigt, "gute Geschichten haben mich nie gelangweilt." Also erzählte ich ihr meine Geschichte. Fasziniert hörte sie mir zu. Sie schien gebannt von meiner Erzählung einer anderen Welt zu sein. Als ich geendet hatte, blickte sie mich überrascht an.

"No naer le? - Ihr seid traurig?", fragte sie mich leise. "Mae - ja", antwortete ich so leise, dass sie es gerade noch vernehmen konnte, "iston, i lû brestar aen. I nelui andrann adlann na i veth. Beleg auth dagitha Ennor ned ú-rim idhrinn. - A in edhil eglan Ennor. - Ich weiß, dass die Zeiten im Umbruch sind. Das dritte Zeitalter neigt sich dem Ende zu. Ein großer Krieg wird in ein paar Sonnenläufen Mittelerde nahezu vernichten. – Und die Elben werden Mittelerde verlassen." Den letzten Satz hauchte ich nur. Mit Mühe versuchte ich Fassung zu bewahren und nicht zu viel zu verraten. Mein Blick war Richtung Mordor gerichtet. Es war mir, als könne ich schon den kalten Atem Saurons verspüren.

"Kriege gab es viele in der Geschichte Mittelerdes. Auch diesen, sofern er kommen mag, werden die freien Völker überstehen", erwiderte sie beruhigend, "seid ohne Sorge. Wir Elben werden Mittelerde noch lange nicht verlassen." Sie drückte mir die Hand und erhob sich lächelnd. "Die Pflicht ruft", sagte sie, "möge Euer Aufenthalt in diesem Tal von Freude erfüllt sein und Eure weitere Reise glücklich verlaufen. Zumindest habt Ihr einen der hervorragendsten Elbenkrieger an Eurer Seite." Anordil lächelte sie an. "Habt Dank für Eure Anpreisung, edle Arwen", sprach er mit einer leichten Verbeugung. "Auch Ihr seid glücklich, edler Anordil", erwiderte sie auf Quenya, "ein Schatz liegt zu Euren Füßen. Hütet ihn gut." Dann verließ sie uns. Anordils Blick streifte mich kurz, schließlich wusste er, dass ich Quenya beherrschte. Doch ich war mir nicht sicher, ob ich die Worte richtig gedeutet hatte. Jedenfalls sah ich Arwen nachdenklich hinterher, als sie ging.

Zum Grübeln blieb mir indes keine Zeit. Elrond selber hatte sich vor das Feuer gestellt und erzählte eine Geschichte. Gebannt lauschte ich ihm. Er konnte wunderbar erzählen. An diesem Abend hörte ich viele neue und alte Geschichten, Elbenlieder und Balladen. Ich war berauscht von den vielen Eindrücken. Spät schlief ich an Anordils Schulter ein.

Am nächsten Morgen erwachte ich im Bett unseres Quartieres. Ich war entkleidet und allein. Verlegen stand ich auf. Rasch zog ich mich an. Dem Sonnenstand nach zu urteilen, musste es spät am Tag sein.

Einen von den Bediensteten fragte ich nach dem Weg zu den Archiven. Diese waren in einem der Nachbargebäude untergebracht. Staunend ging ich durch die atemberaubende Landschaft. Die Gebäude waren umgeben von eindrucksvollen Bäumen und wunderschönen Gärten. Manchmal wuchsen die Bäume mitten in eines dieser filigranen Häuser hinein. Nachdenklich tauchte ich meine Finger in das Wasser des Brunnens an dem ich vorbeikam. "Oh Mum, Dad", murmelte ich sehnsüchtig, "wenn ihr das doch hier sehen könntet! Dad hatte in allem Recht. Und ich hatte ihm nicht geglaubt. – Ich vermisse euch und Ewan so sehr." Wasser rann aus meiner Hand. Kristallklar glitzerte es in der Sonne. Tränen liefen über mein Gesicht.

"Imladris dilia ben na 'lass - Bruchtal erfüllt einen mit Freude", hörte ich eine melodische Stimme hinter mir, "a sí cenin o dim mabant nîf - doch hier sehe ich ein von Trauer erfasstes Antlitz." Ich kannte diese Stimme. Gestern Abend hatte ich sie das erste Mal vernommen. Sie gehörte Elrond. Seine dunkelbraune Robe raschelte kaum hörbar, als er näher trat. Schnell wischte ich die Tränen weg und verbeugte mich ehrerbietig. "Dim an noss nin, hîr Elrond - Trauer um meine Familie, Herr Elrond", erwiderte ich leise, "sie hätten die Schönheit von Imladris geliebt."

"Es ist nicht nur dies, was dich mit Trauer erfüllt", sagte er ruhig, "han mathon - ich spüre es. - " Er hielt inne. Seine Augen weiteten sich vor Erstaunen. "Dimiach an ven? - Du trauerst um uns?", fragte er ungläubig. Erschrocken blickte ich ihn an. Anordil hatte mir erzählt, dass Elrond einer der fähigsten Elbenmagier war, die auf Mittelerde wandelten. Jedoch kam es für mich unerwartet, dass dieser derart mächtig war. Konnte er meine Gedanken lesen oder fühlte er es tatsächlich nur? "Ú-dhimion an 'uruth dîn - nicht um Euren Tod", flüsterte ich rasch, "iston man i amarth dogitha. Dimion an i arad, erin i 'waith i edhil eglan Ennor. - Ich weiß, was die Zukunft bringen wird. Ich trauere um den Tag, an dem das Elbenvolk Mittelerde verlassen wird." Mit einer fließenden Bewegung unterbrach er mich. "Istach an vinui cor? - So weißt du um den Einen Ring?", fragte er leise. Obwohl es eher eine Feststellung, als eine Frage war.

Meine Augen blickten in die Ferne, Richtung Mordor. "Erin had i ulug echui - dort erwacht das Böse", meine Stimme geriet ins Stocken, "es gewinnt allmählich an Kraft. I nelui andrann adlann na i veth. - A istach han. - Das Dritte Zeitalter neigt sich dem Ende zu. - Und Ihr wisst es ebenfalls. Vielleicht noch besser als ich." Wissend nickte er mir zu. "Edhil han mathar - wir Elben spüren es", sagte er mit fester Stimme, "han annatha daer bresta. Galadriel trasta. Ennor tangado am i brestar. - No pen-drass, beriatham. I ulug ú-'eritha dûr. – Si tíro nin am charu gîn. Anordil mabent nin hin chared. - Es wird eine große Veränderung geben. Galadriel ist beunruhigt. - Mittelerde bereitet sich auf den Umbruch vor. – Sei unbesorgt, wir sind wachsam. Das Böse wird keinen Sieg davontragen. - Doch nun lasse mich deine Wunde sehen. Anordil hat mich gebeten dieses zu tun."

Verwirrt zeigte ich ihm den Arm. Die Wunden hatten mittlerweile eine dünne Hautschicht. Allerdings schillerte das Ganze in allen Farben. "Dies ist nicht weiter schwierig", sagte Elrond und sprach einige Worte in einer fremden Sprache. Vorsichtig strich er dabei über den Arm. Erstaunt sah ich, wie die Verfärbung verschwand. "Nun dürftest du ihn wieder problemlos benutzen können", zufrieden sah er mich an, "Anordil hatte bereits gute Arbeit geleistet. – Si hirich i ven in 'ovad. Teg hiniath achen. – Doch nun suche deinen Gefährten auf. Er hat Neuigkeiten für dich." "Hannon len, hîr Elrond – ich danke Euch, Herr Elrond", sagte ich leise und verbeugte mich. Er wies auf eines der Gebäude zu seiner Linken. Schnell verschwand ich in dessen Inneren. Als ich zurückblickte, sah ich Elrond am Brunnen stehen. Auch er schöpfte mit einer Hand Wasser und ließ es nachdenklich zurückrinnen.

Wie ich vermutet hatte, konnte ich Anordil in den Archiven finden. "Wir kommen dem Torstein immer näher", empfing er mich erfreut, "hier in diesen Aufzeichnungen ist er mehrfach erwähnt. Dort sollten wir weitersuchen." Gemeinsam durchforsteten wir die weiten Gänge des Archivs. Nach langem Suchen fanden wir weitere Hinweise auf den Torstein. Diese waren allerdings nicht erfreulich. Er schien dem Elbenmagier in der Nähe der Hochebene von Uthnael Beese im Ered Mithrin Gebirge verloren gegangen zu sein. Dieses Gebirge war nicht ungefährlich. Es lag im Grenzgebiet zu den Reichen der Hexenkönige. Dem Magier war der Torstein während eines Kampfes aus den Händen in eine tiefe Spalte gefallen. Drachen wurden erwähnt sowie Höhlenfledermäuse. Trolle und Orks sollen angeblich die Höhle bewachen. Das waren keine guten Aussichten.

Wir hielten uns mehrere Tage in Imladris auf, bevor wir weiterzogen. Ich genoss diese Zeit. Das Haus Elronds war nahezu immer mit Musik erfüllt. Hier fühlte man sich leicht und frei. Ohne Sorgen. Weit weg von allem, was einen bedrückte. Die Schönheit Bruchtals überwältigte mich. Und erfüllte mich mit Wehmut. In weniger als einem Jahrhundert würde dieses wunderschöne Tal verlassen werden. Die Elben, die hier lebten, würden sich aufmachen in die Unsterblichen Lande. Nur Legenden würden von ihnen bleiben.

In den Tagen, die wir hier verbrachten, suchte ich zusammen mit Anordil die Schmiede auf. "Die Schmieden von Imladris sind berühmt", erklärte er mir, "von hier stammen einige der besten Schwerter, die je gefertigt worden sind. Vor allem mächtige Zauberklingen sind hier hergestellt worden." Schon von weitem konnte man die typischen Geräusche einer Schmiede hören. Bei unserem Eintritt verstummten diese allerdings.

"Mae govannen, mellyn", grüßten wir die Anwesenden höflich. "Gen suilon, mellyn", sagte einer der Schmiede, "man matha bo hen had? - Was führt Euren Weg hierher?" Ein hochgewachsener, ungewöhnlich muskulöser Elb mit kupferfarbenem Haar, dass er zurückgebunden trug, damit es nicht in die Flammen des Schmiedefeuers geriet, trat näher. Graugrüne Augen musterten uns kurz. Erkennen blitzte in ihnen auf, als er Anordil streifte. Die anderen nahmen ihre Arbeit wieder auf. "Edler Iavasmall, Meister der Schmiede von Imladris, meiner Weggefährtin sind im Kampf die Schwerter zerbrochen", erläuterte Anordil, "aníram istad, man pul eden nedin damin nadu - wir möchten gerne wissen, ob man sie reparieren kann." Ich zeigte die Überreste meiner Schwerter.

Interessiert sah der Schmiedemeister Iavasmall sie an. Er drehte sie in seinen Händen, um sie von allen Seiten zu betrachten. Beinahe liebevoll strich er über die Klingen. Als wolle er die Schwerter fühlen. Nach einigen Minuten nickte er zufrieden. "Wir können die Schwerter neu schmieden und auch die Ornamente neu gravieren", sagte Iavasmall, "das wird zwei Tage dauern. Die Bezahlung ist die hier übliche." Damit wandte er sich ab und reichte die Hälften meiner Schwerter an einen Gesellen weiter. "Das ist in unserem Sinne", antwortete Anordil zustimmend. "Was ist die hier übliche Bezahlung?", fragte ich ihn irritiert.

Der Schmiedemeister sah mich amüsiert an. Doch er verkniff sich die Bemerkung, die ihm offensichtlich auf der Zunge lag. "Hier in Imladris wird normalerweise nicht mit Goldstücken bezahlt", erwiderte Anordil, "das ist nicht nötig. Gold- oder Silberstücke werden nur angenommen, wenn mit Händlern oder Reisenden von außerhalb ein Geschäft abgeschlossen wird. Das ist jedoch äußerst selten der Fall. Innerhalb des Herrschaftsgebietes von Imladris wird alles über Tauschhandel abgewickelt. Der Schmiedemeister erhält von uns den Gegenwert seiner Arbeit. Das kann ein Edelstein oder Metall sein, dass er in seiner Arbeit weiter verwenden kann oder aber Wissen. - Wie steht es bei dir, Arwen, hast du etwas Wissenswertes für den edlen Iavasmall?"

Ich überlegte angestrengt. "Mir fällt da nichts besonderes ein", antwortete ich, "im Zuge meiner Studien hatte ich mich mal mit Waffentechnik ein wenig befassen müssen. Aber ich wüsste nicht, ob ein Elbenschmied sich dafür interessiert, wie und was für Arten von Waffen in unserem Mittelalter verwendet wurden." "Wenn sie anders sind als die von Mittelerde, würde er sich bestimmt dafür interessieren", warf Iavasmall ein, "so kommt heute in der Dämmerung in mein Haus. Dort sollt Ihr mir berichten, was für Waffen in Eurem Land benutzt werden. Erst dann werde ich entscheiden, ob dies als Preis genüge." "Sie wird kommen", antwortete Anordil für mich, "erlaubt, dass ich sie begleite." "Ihr seid mir stets willkommen, edler Anordil", entgegnete Iavasmall lächelnd. Dann verabschiedeten wir uns.

Gegen Abend besuchten wir den Schmied in seinem Haus. Erst war mir ein wenig unwohl zu Mute, da ich ja nicht wusste, ob Iavasmall Verwendung für mein Wissen haben würde. Aber meine Bedenken waren umsonst. Ich musste sagen, es wurde ein interessanter Abend. Ich hätte nicht gedacht, dass mein doch eher spärliches Wissen über die mittelalterlichen Waffen meiner Welt auf so große Beachtung stoßen könnte.

Am nächsten Morgen trafen wir mit unseren Weggefährten zusammen. "Wir müssen unseren weiteren Weg entscheiden", sprach Anordil, "für uns bedeutet es, das Nebelgebirge zu überqueren und dann nach Norden zu reisen. Wenn ihr von nun an euren eigenem Weg folgen wollt, so seid ihr frei dies zu tun." "Unser Ziel ist vorerst Esgaroth am Langen See. Folglich führt unser Weg ebenfalls über das Nebelgebirge", sagte Radamar, "soweit mir bekannt ist, leben dort Angehörige meines Volkes. Rellena und ich möchten den Bund eingehen, sobald wir den Segen von einem der Ältesten meines Volkes erhalten können." "Ich freue mich für euch", warf ich ein, "ich hatte nicht gedacht, dass ihr euch so schnell dazu entschließt." "Es hat uns ebenfalls ein wenig überrascht", sagte Rellena mit geröteten Wangen, "doch seid Dagobars Tod haben wir viel Zeit miteinander verbracht und festgestellt, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Und mit einem Mal haben unsere Herzen entschieden. Esgaroth wird auch nur eine Zwischenstation sein. Ich will die Heimat von Radamar kennen lernen. Vielleicht können wir uns dort am Meer von Rhûn niederlassen."

"Auch ich wünsche euch den Segen der Valar für eure Verbindung", sprach Legolas, "mein Weg führt zurück in den Düsterwald. Selbst wenn Imladris zum Verweilen einlädt, zieht es mich doch zu meinen Wurzeln. Also führt auch mein Weg über das Gebirge. Begleitet mich nach Aradhrynd! – Esgaroth liegt hinter dem Düsterwald, so dass ihr ihn queren müsst, falls ihr nicht an seinen Grenzen entlang wandert. Unter meinem Schutz geschieht euch nichts und ihr könnt euren Weg um etliche Tagereisen abkürzen. Auch Arwen und Anordil wären gut beraten bei meinem Volk einzukehren. Das Nordland ist kalt und unwirtlich. Gute Vorräte und angemessene Kleidung sind daher notwendig." "So sei es", stimmte Anordil zu, "Legolas' Worte sind vernünftig. Wir werden ihn in den Düsterwald begleiten und von dort aus in die Nordlande aufbrechen. – Radamar?" "Wir nehmen den Vorschlag dankbar an", erwiderte dieser. "Morgen, bei Anbruch des Tages brechen wir auf", sagte Anordil. Damit trennten sich für heute unsere Wege.

Bevor wir Imladris verließen, kleideten wir uns neu ein. Diesmal zahlte ich mit Goldstücken. Unser Weg würde uns über das Nebelgebirge führen. Alle, die wir Nichtelben waren, taten gut daran, uns warme Kleidung zu besorgen. Ich hatte zwar welche, aber sie war arg mitgenommen. Hier ersetzte ich das eine oder andere Teil. Der Abschied von Imladris tat mir weh. Ich hatte mich hier gut eingelebt. Alles war so friedlich. Als wir das Tal verließen, drehte ich mich kurz um und sah die kleine Elbenstadt vor mir liegen, umhüllt von einem zarten Nebel, der von den Wasserfällen stammte. Unwirklich, eher sphärisch sah es aus. Ein Bild wie in einem Traum.

Ob ich je hierher zurückkehren würde? Ich wusste es nicht. Doch ich bemerkte, dass auch Legolas zurückblickte. Ob auch er ähnliche Gedanken hegte, wie ich? Im Gegensatz zu ihm wusste ich, dass er ein weiteres Mal Imladris besuchen würde. In etwa fünf Jahren würde er erneut das Haus Elronds betreten. Diesmal zum großen Rat einberufen, wo über das Schicksal des Ringes entschieden werden sollte.

Wir folgten erst dem Südarm des Bruinen ein Stück nach Osten. Dann bogen wir in einen alten Weg ein, der nach Norden führte. Er wand sich zwischen einem kleinen Gebirgszug zur Linken und einem ausgedehnten Waldgebiet zur Rechten hindurch. Es folgte eine Ebene mit unwegsamem Gelände. Der Boden war steinig. Nach zwei Tagen erreichten wir den Nordarm des Bruinen. Wir lagerten in einem kleinen Pinienwäldchen.

Jedenfalls sahen diese Bäume ähnlich aus wie Pinien und dufteten genau so intensiv. Am nächsten Morgen wanderten wir am Südufer des Bruinen entlang nach Nordosten. Nach weiteren zwei Tagen konnten wir wieder in einem kleinen Pinienwäldchen rasten. Danach stieg das Gelände langsam an. Wir kamen allmählich ins Nebelgebirge. Es rückte merklich näher. Die Gipfel ragten immer höher auf. Die meisten waren von einem dichten Nebelschleier umhüllt. Das Gebirge trug seinen Namen zurecht.

Drei Tage später waren wir tief im Nebelgebirge. Etliche Höhenmeter lagen hinter uns. Es wurde immer kälter. Jetzt waren wir heilfroh um die warme Kleidung, die wir in Imladris erstanden hatten. Wir folgten weiterhin dem Bruinen. Am Abend erreichten wir seine Quelle. Hier machten wir Rast. Und ausnahmsweise ein kleines Feuer, da diese Nacht äußerst kalt zu werden drohte. Rellena und Radamar hatten sich bereits neben das Feuer gelegt. Legolas stand ein wenig abseits. Ich konnte noch nicht schlafen. Daher ging ich erneut zur Quelle. Klar sprudelte das Wasser aus dem Fels hervor. Es war eisig, als ich die Finger hinein tauchte. Ich nahm einen tiefen Schluck.

"Du solltest dich nicht alleine vom Lager entfernen", hörte ich Anordils Stimme hinter mir. "Es tut mir leid", erwiderte ich zerknirscht, "ich hatte nicht bedacht, dass es auch hier Gefahren gibt." Ein paar Sekunden standen wir einfach nur da. Mein Blick schweifte gen Himmel. Unzählige Sterne waren dort zu sehen. In der Kälte dieser Nacht schienen sie besonders gut zu leuchten. "Ich habe eine Frage, Anordil", sagte ich leise. "Nur zu", entgegnete er, "wenn ich sie beantworten kann." Ich deutete ins Rund, über die nun schwarzen Gipfel des Nebelgebirges. "Warum gehen wir diesen Weg?", fragte ich neugierig, "ich dachte bisher, das Nebelgebirge könne nur über den Pass des Caradhras oder durch die Pforte von Rohan überquert werden." Anordil sah mich überrascht an.

"Du weißt viel, dafür, dass du nicht aus Mittelerde bist", antwortete er mir. "jedoch ist dies nicht ganz richtig. Es führen mehrere Pässe und Wege über das Nebelgebirge auf die andere Seite. Allerdings hängt es von der Jahreszeit ab, inwieweit sie passierbar sind. Zurzeit können mehrere genutzt werden. Daher wählten wir den, der uns am sinnvollsten erschien. Zu einer anderen Jahreszeit kann es sein, dass nur der Pfad über den Caradhras oder die Pforte von Rohan nutzbar sind. Es heißt sogar, es gäbe einen weiteren Weg quer durch den Fels, den die Zwerge von Hadhodrond gegraben hätten, aber dies ist nicht bestätigt. – Indes solltest du dich nun zur Ruhe begeben. Die nächsten Tage werden äußerst anstrengend." Er deutete hinüber zum Feuer. Die Silhouetten unserer Gefährten warfen dunkle Schatten auf den Fels. "Legolas und ich werden abwechselnd Wache halten", sagte er zu mir. "Du hast Recht", stimmte ich zu, während ich zum Feuer ging. Rasch wärmte ich meine eisigen Finger auf, bevor ich mich, gleich den anderen, zum Schlafen niederlegte.

Die Temperaturen sanken in der Nacht stark ab. Ich hatte mich ganz fest in meinen Umhang gekuschelt. Ganz nah lag ich am Feuer. Mich fröstelte trotzdem erbärmlich. In meinem Rücken ragte der Felsen auf. Am Morgen war ich froh, aufstehen zu können. Meine Glieder waren steif vor Kälte. Es wurde erst nach ein paar Stunden der Bewegung besser. Die bittere Kälte schien den beiden Elben überhaupt nichts auszumachen.

Das Gelände war schwierig. Nur mühsam kamen wir vorwärts. Schon bald hatten wir die Schneegrenze erreicht. Am Abend des zehnten Tages, seit wir Imladris verlassen hatten, kamen wir an einen größeren Bergsee. Majestätisch lag er zwischen den Gipfeln und schimmerte in einem klaren tiefen Blau. An seinem Ufer machten wir Rast. In einer geschützten Felsnische wagten wir erneut ein Feuer zu entzünden. Das Wasser des Sees war eiskalt. Aber es schmeckte hervorragend. Erschöpft schlief ich die ganze Nacht. Ich würde meine Kraft schließlich noch brauchen.

Die nächsten drei Tage waren hart. Das Gelände war besonders felsig und unwegsam. Gelegentlich mussten wir Schneefelder queren. Wir kamen nur langsam voran. Auf einmal ging es besser. Der Weg führte talwärts. Wir konnten eine Ebene vor uns liegen sehen. In der Ferne erblickten wir den Düsterwald.

Überwältigt von dem Ausblick blieben wir einen Moment stehen. Legolas Augen bekamen einen leuchtenden Glanz. "Im rim lû haeron i var - ich bin oft von der Heimat weg", sagte er leise, "buien adar nîn egro i chaered nalla nin. Dan chûn nîn gellatha, ae cenin i daurdhuir a iston han ú-vann an i noer i tham en Aradhrynd. - Entweder im Dienste meines Vaters oder weil mich das Abenteuer lockt. Aber jedes Mal wird mein Herz leicht, wenn ich den Düsterwald erblicke und ich weiß, es ist nicht mehr weit bis an die Feuer der Halle von Aradhrynd." Offensichtlich hatte er diese Worte nur für Anordil und mich gesprochen. Wären sie für die Ohren der beiden anderen Menschen bestimmt gewesen, hätte er Westron gewählt. Legolas verharrte ein paar Minuten, bevor er weiter ging. Erfrischt durch die kurze Rast folgten wir ihm.

to be continued ...

- 12 -