In der Zeit unserer Wanderung hatte ich bemerkt, dass Anordil mehr als nur freundschaftliche Gefühle für mich empfand. Aber er hatte seit jener Nacht vor einem Jahr keinen ernsthaften Versuch unternommen mich zu verführen. Er sprach nicht darüber. Ich verdankte ihm enorm viel. Damals hatte meine Seele angefangen zu heilen. Mittlerweile hatte ich ein normales Verhältnis zu meinem Körper entwickelt.
Ich hatte keine Scheu mehr nackt zu baden oder mich von Anordil verarzten zu lassen, wenn ich abermals einem Pfeil im Weg gewesen war. Ab und zu hatte er mich geneckt oder spielerisch versucht, mich zu provozieren, wenn ich wieder zu ängstlich war. Doch ich hatte vor dem letzten Schritt weiterhin Angst. Es war aber eher die Angst einer jeden Frau vor dem ersten Mal. Gelegentlich ertappte ich mich dabei, wie ich Anordil heimlich beobachtete. Insgeheim fragte ich mich, wie es sein würde, von einem Elben geliebt zu werden.
Nach einem Jahr trafen wir wieder an der Kultstätte ein. Doch unsere Jagd nach dem Torstein war nicht von Erfolg gekrönt worden. Wir konnten nur hoffen, dass Luvalaes mehr erreicht hatte. Am Rand der Lichtung schlugen wir unser Lager auf. Dort würden wir warten, bis Luvalaes eintreffen würde. Nach zwei Tagen kam er an. Wie ein Schatten tauchte er neben unserem Feuer auf.
"Boe anthala veriach i echad - ihr solltet besser Wache halten", lächelte er uns an, während er Platz nahm. Ich war aufgeschreckt. Beinahe hätte ich ihn mit dem Kampfstab erschlagen. Anordil saß völlig ungerührt da. "Lastannen anann toled gen - ich habe dich längst kommen hören", kommentierte er trocken, während er ihm Brot reichte, welches wir im letzten Dorf gekauft hatten. Luvalaes ergriff es und schnitt sich Streifen von der Ente ab, die über dem Feuer röstete.
Anordil ließ Luvalaes zuerst essen, bevor er weiter sprach. "Ad dollim na lost gaim - wir sind leider mit leeren Händen zurückgekommen", sagte er zu seinem Bruder, "wie sieht es bei dir aus?" Luvalaes lachte leise und lehnte sich bequem an den Baumstamm hinter ihm. Mit einer lässigen Bewegung warf er Anordil einen Gegenstand zu. Dieser fing ihn geschickt auf. Ich sah ein schillerndes hühnereigroßes Gebilde in seiner rechten Hand blitzen und hielt den Atem an.
"Sen i annon'ond - dies also ist der Torstein", sagte er. Er schloss kurz die Augen. Nach einer Weile öffnete er sie wieder. Er sah zufrieden aus. "Mae, nauthon sen i dîr - ja, ich glaube, das ist der Richtige", sagte er erfreut. Luvalaes nickte bestätigend. "Ich bin zu dem gleichen Schluss gekommen." "Man i ven chirnich hon? - Wo hast du ihn gefunden?", fragte ich ihn neugierig. "Bo in ennyn 'ondor - an den Toren zu Gondor", antwortete er ruhig, als hätte er einen Apfel gepflückt, "im westlichen Erid Nimrais Gebirge. Leider habe ich einige Orks und einen Lindwurm dafür erschlagen müssen." Er sah gelangweilt aus, als er dies sagte. "Naro o lend lîn - erzähle von deiner Reise", forderte ich ihn erwartungsvoll auf. Es wurde eine lange Nacht, denn er hatte viel zu berichten.
Nachdem er sich von uns getrennt hatte, schloss er sich in der nächsten Stadt einer Gruppe von Reisenden an, die Richtung Süden zogen. Viele Wochen lang hatte er überhaupt keinen Anhaltspunkt gehabt, wo er hätte suchen sollen. Dann wurde ihm von einem alten Krieger ein Hinweis auf verlorene Schätze in Gondor gegeben. Um dem nachzugehen, zog er Richtung Gondor. Er durchquerte es bis zum Meer.
In der Hafenstadt Pelargir erhielt er den nächsten Hinweis. Sein Weg führte wieder Richtung Norden. Er hatte Anschluss an eine Gruppe von Abenteurern gefunden. Sie wanderten erst an der Küste entlang bis Belfalas. Dort verließ er sie, weil er einen weiteren Hinweis auf den Torstein bekam. Mit einigen anderen Leuten gelangte er anschließend in das Erid Nimrais Gebirge.
Dort wurden sie mehrfach in Kämpfe verwickelt. Die Gegend dort wurde stetig unsicherer. Die Geschöpfe der Dunkelheit wagten sich immer weiter vor. "Wir hätten die Höhlen übersehen, wenn nicht einige Orks dort heraus gekommen wären", erzählte Luvalaes, "wir versteckten uns und ließen sie erst einmal ziehen. Nöre Thorleben, ein Nordländer, folgte ihnen. Anscheinend hat er sie erschlagen, denn er kehrte äußerst zufrieden zurück. Dabei streichelte er seine Keule liebevoll. Von dieser Seite wurden wir nicht mehr behelligt." Er brach sich ein Stück Brot ab und kaute es genüsslich.
„Wir hatten mehrere Schwertkämpfer und Bogenschützen in unserer Gruppe", fuhr er nach dieser Unterbrechung fort, „zwei von ihnen konnten magische Schwingungen erfassen. Sie waren sich einig, dass in den Höhlen finstere Magie gewoben wurde. Ich konnte sie gleichermaßen spüren." Ein breites Lächeln überzog sein Gesicht. „Allerdings konnte ich auch den Lindwurm spüren, der in den Tiefen sein Nest hatte. Aber auf mich einfachen Barden - " hierbei lachte er leicht ironisch " - wollte ja keiner hören. Wir schlichen uns vorsichtig in die Höhlen vor. Die Orkwachen waren schnell beseitigt. Es hat sogar richtig Spaß gemacht." Sein Empfinden von Spaß in dieser Hinsicht war mir hinlänglich bekannt. Mir schauderte ein wenig.
„Die beiden Vampire und die Handvoll Warge waren allerdings ein wenig heftiger. Aber selbst diese konnten wir rasch besiegen. Anscheinend wollten sie sich in den Höhlen häuslich niederlassen. Weit im Inneren des Berges fanden wir das Wurmnest. Es muss vormals einem Drachen gehört haben, denn viel Gold und Geschmeide lag dort verstreut. Offenbar hatten die Orks wie auch das restliche Gezücht nicht geahnt, was sich unter ihren Füßen abspielte." Er machte eine kleine Pause. „Wir hatten sogar Glück, der Lindwurm war auswärts", erzählte er weiter, „wusstest du, dass Lindwürmer einst zu den Drachen gezählt wurden? Manche nennen sie noch heute Erddrachen." Ich nickte zustimmend. Anordil hatte mir während meiner Zeit in Cillien davon erzählt.
„Mich interessierte von alledem eigentlich nur der Torstein", fuhr er fort, „den hatte ich schnell gefunden. Er lag dummerweise direkt auf dem Nest des Wurmes. Der kam aber just in diesem Moment wieder. Unglücklicherweise stand ich oben auf dem Nest. Ich steckte erst einmal den Torstein ein. Dann erst zog ich meine Schwerter. Es gab einen heftigen Kampf." Wenn er einen Kampf als heftig beschrieb, so musstes es ziemlich hart zugegangen sein. Ich hielt den Atem an.
„Die Hälfte meiner Reisegruppe wurde dabei getötet", leichtes Bedauern schwang in der Stimme mit, „es waren gute Kämpfer, aber nicht gut genug für den Wurm. Wir Übriggebliebenen konnten ihn schließlich zur Strecke bringen." Er langte zum Becher und trank einen Schluck Wasser. „Da ich den Torstein eingesteckt hatte, gab es nichts mehr für mich zu tun. Für Gold habe ich mich nie interessiert. Es ist auch nicht Elbenart. Edelsteine waren zwar genügend da, aber ich hatte nichts für mich entdeckt, was interessant gewesen wäre. Die anderen wollten nicht auf mich hören und schwelgten im Schatz. Und wenn ich mich nicht schwer irre, haben sie sich später gegenseitig zerfleischt." Die letzten Worte wurden mit Verachtung gesprochen. Ich konnte mir denken, an welche Sorte Mensch er da geraten war.
„Gold macht die Menschen blind. Sie sind viel zu gierig", bestätigte er meine Vermutung, „ich hatte keine Lust in diese Auseinandersetzung zu geraten, also trat ich den Rückzug an. Auf dem Weg nach draußen musste ich an fünf Orks vorbei. Aber ich hatte kein Interesse daran mit ihnen zu spielen. Es wurde nur ein recht kurzer Kampf. Anschließend habe ich mich auf den Weg hierher begeben. - Und nun bin ich hier." Seine Hand vollführte einen Bogen, während er zufrieden lächelte.
Ich ahnte, was mit den Orks geschehen war. Damals, auf unserer Reise von Cillien bis zu dieser Lichtung, waren wir ebenfalls von Orks angegriffen worden. Luvalaes hatte ein regelrechtes Massaker unter ihnen angerichtet. Mir taten die Orks aus dieser Höhle regelrecht Leid. Danach erzählte er, was er auf seinem Weg noch alles erlebt hatte. Es dämmerte schon, als er endete. Besonders hatte mich beeindruckt, wie er in den Besitz des Torsteins gelangt war. Das konnte nur Luvalaes fertig bringen, ihn direkt aus dem Nest eines Lindwurmes zu holen.
In der nächsten Nacht wollten wir unser Glück mit der Öffnung des Tores erneut versuchen. Ich sammelte für das Opferfeuer Ebereschen- und Eibenzweige sowie einige Opfergaben. Ich fand ein paar Beeren, Honig, einen Hasen und ein paar Ähren wilden Weizen. Am Lager weidete ich den Hasen aus. Dabei fing ich sorgfältig das Blut auf. Das würden wir für das Opfer brauchen. Die Elben beschäftigten sich in der Zeit mit dem Torstein. Vor allem damit, wie er einzusetzen sei.
Wie vor einem Jahr entzündete ich gegen Mitternacht zu Füßen der alten Eiche ein kleines Opferfeuer. Wieder führte ich den alten keltischen Ritus durch. Im Schein des Feuers rief ich erneut Brigid an. Ich dankte für ihre Gnade und Güte und brachte ihr das Opfer dar. Wieder standen die beiden Elben mir zur Seite. Wie vor einem Jahr zeichneten ihre Hände Symbole in die Luft und auf die Erde. Ein paar konnte ich sogar mittlerweile erkennen. Sie zeichneten sie in die Flüssigkeit des Opferbechers wie auch in die Flammen des Feuers. Ich spürte, wie die Luft um uns herum knisterte.
Diesmal nahm ich die magische Spannung bewusster wahr. Anordil hatte in dem letzten Jahr mit mir an meinen magischen Fähigkeiten gearbeitet. Das Druidenblut in mir reagierte jetzt auf die magischen Schwingungen. Ich bat die Göttin um ihre Gnade und schüttete die Opfergaben ins Feuer. Wieder hörte ich die Stimme.
‚Was ist dein Begehr?', wisperte es fragend in den Zweigen. Ich verneigte mich in Ehrfurcht. "Ich möchte erfahren, warum meine Familie sterben musste", sagte ich erneut zu den Zweigen, "bitte gewähre mir die Gunst zurückkehren zu dürfen, um dies herauszufinden." ‚Du hast den Torstein gefunden. Es sei dir gewährt. Doch gebe ich dir nur einen Mond Zeit. Wenn du leben willst, so musst du hierher zurückkehren. Das Tor wird sich dir mit Hilfe der beiden Freunde des Waldes öffnen. Sie können den Torstein mit ihrer Magie aktivieren. Aber denke daran, in deiner eigenen Welt wirst du sterben', wisperte es in den Blättern der Eiche, ‚wähle also deine Zeit mit Bedacht.' Dann war nur noch das Rauschen der Blätter zu hören. Vor uns wurde der Baum durchscheinend.
"Was ist damit gemeint ‚Wähle deine Zeit mit Bedacht'", fragte ich laut. "Du sollst die Zeit angeben, in der du zurückkehren möchtest", sagte Luvalaes schlicht, "dieses Tor hier kann wohl nicht nur Welten miteinander verbinden, sondern auch Zeiten. Jedenfalls scheint der Torstein so ausgerichtet zu sein." Ich könnte meine Familie warnen, schoss es mir durch den Kopf. "Devich hen man carir aen ú-garir - du kannst das, was geschehen ist, nicht ungeschehen machen", sagte Anordil, der ahnte, was mir durch den Kopf ging, "es ist ein verführerisches Angebot, aber du kannst es nicht annehmen. - Im gleichen Augenblick würdest du dein eigenes Todesurteil unterschreiben. Der Überfall würde nicht zu diesem Zeitpunkt stattfinden, sondern zu einem anderen. Und dann hast du vielleicht keine Möglichkeit mehr zu entkommen." Ich musste zugeben, dass er Recht hatte. Aber zu welcher Zeit konnte ich unerkannt mit zwei Elben in meiner Welt auftauchen?
Plötzlich fielen mir die Celtic-weeks wieder ein. Letzten Sommer hätten sie wieder stattgefunden. Meine Mutter und mein Bruder hatten sich schon darauf gefreut. "Ich wähle den fünfundzwanzigsten Juli des vergangenen Jahres", sagte ich mit fester Stimme. Anordil und Luvalaes nahmen den Torstein in ihre Hände. Dann sprachen sie Worte in einer fremden Sprache. Es musste die Beschwörungsformel für den Torstein sein. Ich spürte, wie die Magie ihren Höhepunkt erreichte. Sie reichten mir ihre freien Hände. Gemeinsam durchschritten wir das Tor.
Auf der anderen Seite war es Tag. Dem Sonnenstand nach zu urteilen, später Nachmittag. Die Vegetation sah nach Sommer aus. In der Ferne hörte ich das Rauschen eines Zuges. Erleichtert atmete ich auf. Wir schienen tatsächlich in meiner Welt gelandet zu sein. Die Elben waren angespannt. Für sie mussten sich die fremden Geräusche verwirrend anhören. Ich ahnte, dass ihre sensiblen Ohren nicht nur das Zuggeräusch, sondern auch die Flugzeuge wahrnahmen, die Richtung Dublin flogen.
"Die Luft ist hier anders", sagte Luvalaes, "es riecht merkwürdig metallisch und staubig. Fast wie in einer Zwergenschmiede." Ich musste ihm Recht geben. So hatte ich die Luft meiner Welt noch nicht betrachtet. Früher war mir nie aufgefallen, dass sie ein doch eher merkwürdiges Aroma hatte. Doch jetzt roch ich es ebenfalls. "Man gewöhnt sich schnell daran", sagte ich, "es riecht so, weil viele Menschen nicht mit der Natur leben, wie ihr Elben, sondern nur an sich und ihren Vorteil denken." Durch meine Erzählungen hatte ich ihnen bereits einen Eindruck meiner Welt vermittelt.
Neugierig betrachteten sie die andere Vegetation. Angespannt lauschten sie den fremden Geräuschen. Ich führte sie in Richtung meines Elternhauses. Als ich es vom Waldrand aus sah, kamen mir die Tränen. Verlassen und einsam lag es da. Nirgendwo war ein Zeichen menschlicher Anwesenheit zu erkennen. Unkraut wucherte im Hof. Der Garten war verwildert und die Zufahrt sowie die Wege nahezu zugewachsen. Die Türen wie auch die Fenster erwiesen sich als fest verschlossen. Polizeisiegel klebten auf den Rahmen. Aber es gab nicht nur diese Wege ins Innere.
Ich ging auf den Brunnen vor dem Haus zu. Dort schaute ich in den Schacht und war zufrieden. Niemand hatte die kleine Geheimtür entdeckt. "Boe badam hi dad - wir müssen hier hinunter", sagte ich zu den Elben. Wir befestigten ein Seil am Brunnengestänge, welches wir in den Schacht fallen ließen. Ich kletterte als Erste hinab. Auf halber Höhe drückte ich einen der moosigen Steine beiseite. Eine kleine Tür glitt zurück. Der Mechanismus funktionierte tadellos. Er musste Hunderte von Jahren alt sein. Meine Mutter hatte mir den Zugang gezeigt, in dem Jahr, als wir nach Irland zogen. Ich schwang mich in die Öffnung. In der Dunkelheit tastete ich nach der kleinen Laterne, die ich mit den beiliegenden Streichhölzern entzündete. Sie brannte kaum, als die Elben schon hinter mir standen. Der Weg war alt und eng, aber er führte ohne Umwege in den Keller des Hauses.
Vorsichtig spähte ich hinter der Tür hervor. Der Kellerraum sah unangetastet aus. Auch die übrigen Kellerräume erschienen unversehrt. Geräuschlos huschten wir die Treppe empor. Staubflocken wirbelten auf. Im Erdgeschoss erwartete mich ein unglaublicher Anblick. Im Flur sah ich getrocknetes Blut auf dem Boden und Spritzer an den Wänden. Eine Kreidezeichnung markierte den Platz, wo einer der Bodyguards gelegen haben musste. Wenn man die Umrisse richtig deutete, mussten es sogar zwei Körper gewesen sein. Im Wohnzimmer bot sich mir ein ähnliches Bild.
Als ich durch die Räume ging, war ich entsetzt. Alles war durchwühlt und durcheinander. Der Inhalt der Schränke lag auf dem Boden ausgebreitet. Eine dünne Staubschicht lag über allem. Vorsichtig bewegten wir uns durch das Chaos. Es war trotzdem nicht zu vermeiden, dass wir Abdrücke im Staub hinterließen. Das Arbeitszimmer meines Vaters im ersten Stock sah besonders schlimm aus. Trotzdem versuchte ich in dem Durcheinander einen Hinweis zu finden.
Draußen schwand das Tageslicht. "E cheno - sieh dort", sagte Anordil und deutete auf die Wand, "si bith mi i-lam thindrim – hier sind Worte in Sindarin." An der Wand hing hinter Glas ein Papier. Ich erinnerte mich, das früher eine Abschrift aus einem alten hebräischen Pergament dort ihren Platz hatte. Doch der Text war ausgetauscht worden gegen eine Nachricht auf Quenya und Sindarin. Es war die Inschrift auf dem Tor von Moria mit einigen kurzen Gedankengänge. In diesen war die eigentliche Botschaft versteckt. Zusätzlich war das ganze in Tengwar-Schriftzeichen verfasst.
"Ennyn Hadhodrond edrathar mellon aníra minnad - die Tore von Khazad-dûm werden sich öffnen, wenn ein Freund es betreten will. - Dies ist ein eindeutiger Hinweis in der Inschrift. Allerdings sollte der Freund Sindarin sprechen und lesen, sonst wird er das Tor nicht öffnen können. Tíranner i Mirion nedin dyrn e-Hadhodrond. Anna ú-daith or i valrog. I annon einior în ... - sie suchten das Silmaril in den Tiefen von Moria. - es gibt keinen Hinweis auf den Feuerdämon. Das Tor wird älter sein......", las ich und stockte.
Einen Augenblick dachte ich nach. "Ú-anna Mirion ned Chadhodrond - es gibt keinen Silmaril in Moria", überlegte ich laut, "laut Tolkiens Texten wurde dort nach Mithril gegraben. - Mein Vater muss etwas dem Hort anvertraut haben." "Sen dîr – es ist wahr", stimmte Anordil mir überrascht zu, "die Zwerge gruben tatsächlich nach Mithril in Moria. Stattdessen befreiten sie Böses. Moria war lange Zeit verlassen und versiegelt. Doch woher wusste dein Vater das? Er war doch nie in Mittelerde. Oder?" Ich zögerte mit meiner Antwort. Schließlich durfte ich ja nichts über den Ringkrieg verraten.
Luvalaes stand am Fenster und spähte hinaus. "Da nähert sich jemand dem Haus", sagte er leise. Damit erledigte sich erst einmal meine Antwort. "Dann sollten wir rasch verschwinden", erwiderte ich stattdessen. Schnell, ohne eine lesbare Spur zu hinterlassen, da Anordil sie verwischte, traten wir den Rückweg durch den Keller an. Ich verschloss die Geheimtür wieder sorgfältig. Nur ein Eingeweihter würde wissen, das sie geöffnet worden war.
Als wir aus dem Brunnen kletterten, war es draußen dämmerig. Wir rannten in die Deckung der nahen Bäume und warteten dort. Tatsächlich näherte sich eine Gestalt zu Pferd dem Anwesen. Im Zwielicht konnte ich sie nicht genau erkennen, da sie sich nicht von vorne zeigte. In diesem Moment bedauerte ich es, dass ich nicht die scharfen Augen und vor allem die Nachtsicht der Elben besaß.
Die Gestalt stieg ab, schaltete eine Taschenlampe ein und näherte sich dem Brunnen. Dort leuchtete sie in die Tiefe. Bei mir stellten sich die Nackenhaare auf. Da musste jemand über den Geheimgang Bescheid wissen. Die Gestalt nickte und leuchtete sich auf einmal ins Gesicht. Da erkannte ich, dass es Patrick O'Reilly war. "Keine Gefahr", wisperte ich den Elben zu, "aber lasst mich erst alleine vorgehen." "Sei vorsichtig, es könnte eine Falle sein", raunte Anordil zurück. Ich sah, dass Luvalaes seinen Bogen spannte. Anordil nickte mir zu. Er legte ebenfalls einen Pfeil ein. Falls das eine Falle sein sollte, was ich nicht dachte, würde Patrick es mit dem Leben bezahlen.
Lautlos näherte ich mich O'Reilly. "Dia dhuit, a Pháidrig, es ist schön, dass jemand das Haus bewacht", sagte ich leise auf Gälisch. Patrick zuckte zusammen und fuhr herum. Nach ein paar Sekunden erkannte er mich. "Meine Güte hast du mich jetzt erschreckt", japste er. Seine Hand fasste unwillkürlich an die Brust. "Aber es ist schön zu sehen, dass du lebst, Arwen." Er umarmte mich herzlich.
"Was ist geschehen?", fragte er mich. "Ich dachte, dass du mir das beantworten könntest", konterte ich. Er nickte kurz und holte tief Atem. "Es war eine schreckliche Nacht", sagte er leise und schüttelte traurig den Kopf, "doch solltest du dich erst stärken, bevor wir reden. - Komme mit mir! Die Celtic-weeks sind seit zwei Tagen im Gang. Ich kann dich mühelos in dem Getümmel verstecken." Er ging einen Schritt zurück. Dann betrachtete er mich kurz von oben bis unten. "Ich denke, damit hast du gerechnet. Deine Kostümierung ist absolut perfekt", schmunzelte er, "wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man dich für eine vom Alten Volk aus den Legenden halten." "Da hast du nicht ganz unrecht", erwiderte ich mit einem breiten Lächeln, "aber dies ist keine Kostümierung, die ich trage. Ich erkläre es dir später. Aber du musst wissen, dass ich nicht alleine hier bin."
Ich winkte den Elben zu. Wie Schatten glitten sie aus der Dunkelheit. Patrick sog scharf die Luft ein. "Donner und Blitz", brach es aus ihm heraus, "wenn das nicht Leute des Alten Volkes sind, will ich nicht mehr Pádraig heißen." Mit ‚Altem Volk' wurden in den keltischen Legenden die Elben bezeichnet. Ihre Bögen hatten sie in der Hand. Die Pfeile packten sie in die Köcher. Patrick wurde blass.
"Sieht so aus, als wäre ich mit dem Leben davon gekommen", sagte er und schluckte kurz, "du hast mit einer Falle gerechnet." Er atmete zweimal tief durch. Danach nickte er anerkennend. "Ich hätte es nicht anders gemacht, Arwen." "Sprich bitte weiterhin Gälisch oder Jerne. Dass verstehen sie und ein wenig Englisch", sagte ich zu Patrick. "Ich heiße die Krieger des Alten Volkes in meiner Welt willkommen. Möget Ihr Frieden mitbringen", grüßte Patrick auf Jerne. "Mit Freude höre ich deinen Gruß und entbiete dir meinen", erwiderte Anordil förmlich. "Ich entbiete dir meinen Gruß und verweile in Frieden", sagte Luvalaes. Patrick fuhr fort: "Wir sollten jetzt von hier verschwinden. Das Haus wird immer noch in Abständen überwacht. Doch leider habe ich keine Pferde für euch."
"Das macht nichts", erwiderte ich, "wir werden dich auf dem Festplatz treffen. Dein Zelt steht am gleichen Platz, nehme ich an?" "Ja, dass wird am unauffälligsten sein. Aber es ist kein Zelt mehr, sondern ein Haus aus der Keltenzeit", grinste er mich an, "du wirst staunen. Wir haben den halben Sommer daran gebaut. Hier sind Platzmarken. Damit kommt ihr ungehindert und ohne Kontrolle auf den Festplatz." Er zog Silbermarken aus der Tasche. Drei davon drückte er mir in die Hände. Ich kannte sie von früheren Veranstaltungen dieser Art. Sie wurden an die Mitwirkenden des Festes ausgegeben und fungierten praktisch als Ausweis. Am Ende des Festes, bei der Abreise, wurden die Marken wieder eingesammelt.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verschwand ich mit den Elben im Wald. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass Patrick uns kurz nachschaute, bevor er sich wieder auf sein Pferd schwang. Wir würden die halbe Nacht brauchen, um zum Festplatz zu gelangen, aber das war gut so. So konnten wir unbemerkt Patricks Haus erreichen.
"Esteliach hon? - Du vertraust ihm?", fragte mich Anordil. "Mae - ja. Ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Er ist der Hüter des Hortes." "Mathannen, gared dolen i vach nu gen - ich habe gespürt, dass er vor dir etwas verbarg", sprach er weiter, "aber er war überwiegend von Trauer erfüllt, als er mit dir sprach. Er schien es ehrlich zu meinen." "A mathannen, i dholtha angol ned den - und ich spürte, das er Zauberkraft in sich birgt", sagte Luvalaes, "sui Arwen - genau wie Arwen." "Wir sind aus der gleichen Blutlinie. Patrick ist ein entfernter Cousin meiner Mutter und er ist der Hüter des Zwergenhortes. Angeblich existiert der Hort nicht in dieser Welt", sagte ich zu ihnen, "aber wir sollten trotzdem vorsichtig sein." Schweigend setzten wir unseren Weg fort. Dabei konnte ich ein wenig nachdenken.
Mir kam jene Beltaine-Nacht in Erinnerung, die jetzt so ewig weit weg war, in einem anderen Leben. Die Nacht, in der meine Mutter und Patrick mich zum Hort geführt hatten. Meine Mutter sagte damals, dass der Hort nicht von dieser Welt sei. Ich hielt es zu jenem Zeitpunkt für eine Legende. Doch jetzt war ich mir sicher, dass Patrick gleichermaßen in der Lage war, ein Tor in eine andere Welt zu öffnen. Was mich interessieren würde war, ob dieses Tor nach Mittelerde führte oder woanders hin.
Kurz nach Mitternacht näherten wir uns dem Festplatz. Schon von weitem bot sich uns ein imposantes Bild. Banner wehten im Wind. Ein paar erkannte ich von früher. Der Platz war mit Fackeln und Feuern erleuchtet und es herrschte trotz der späten Stunde recht reges Treiben. Patrick hatte seinen Traum wahr gemacht. Seit einigen Jahren hatte er davon gesprochen einige keltische Häuser fest zu integrieren. Es sollte so im Lauf der Zeit ein Museumsdorf entstehen.
Dieses Jahr war eine niedrige Palisade um den Platz gezogen worden. Es gab dem Ganzen den Anschein eines kleinen keltischen Dorfes. Zwischen die Rundbauten der Häuser waren Zelte und Stände gebaut. Musik hallte zu uns herüber. Ein einsamer Wachtposten stand am Tor.
"Guten Abend, Wanderer. Ihr seid spät unterwegs", grüßte er uns in Englisch. "Seid gegrüßt, Wache", erwiderte ich gelassen, "wir wollten das Fest zu Fuß erreichen und haben uns in der Zeit geirrt." Ich zeigte ihm unsere Marken. "Nun, dann sei Euch Zutritt gewährt", sagte er und gab den Weg frei, "ich wünsche Euch ein angenehmes Fest. Wisst Ihr Euren Zeltplatz?" "Ja, vielen Dank", antwortete ich und wir gingen durch. "Tolle Kostüme", hörte ich es hinter mir murmeln, "die sehen verdammt echt aus." Wenn der wüsste, dachte ich bei mir und lächelte in mich hinein.
Wir gingen einmal quer über den Festplatz. Interessiert schauten die Elben sich um. Es musste ihnen alles reichlich merkwürdig erscheinen. Sie wirkten ein wenig angespannt. Ich würde ihnen nachher einiges erklären müssen. Erst aber brannte ich darauf Patricks Haus zu erreichen. Wir erregten allerdings ein wenig Aufmerksamkeit. Ab und zu streiften uns neugierige Blicke. Selbst in der spärlichen Beleuchtung der Feuer und Fackeln mussten wir ein imposantes Bild abgeben. Schließlich waren die beiden Elben nicht gerade klein gewachsen.
Eine Gruppe hielt uns an. "Seid gegrüßt, Reisende", sagte der eine von ihnen mit deutlichem Akzent, "ihr seid neu hier in diesem Lager. Können wir Euch helfen?" Er war groß und hatte kurz geschnittenes dunkles Haar. Seine Gewandung entsprach der eines Schwertkämpfers. Baumwollenes dunkelbraunes Hemd, schwarze lederne Hosen, eine schwarze, gut gearbeitete Lederrüstung mit Arm- und Beinschienen, die mit Metallbeschlägen versehen waren. Ein Schwert hing quer über seinem Rücken. An seinem Gürtel hingen mehrere Beutel. Aus einem hatte ich das leise Klacken von Würfeln gehört.
Die Gruppe, die ihn begleitete, war bunt gemischt. Zwei Frauen waren dabei. Beide trugen leinene Gewänder in guter Qualität. Die eine hatte einen ledernen Beutel mit eingeätzten Heilersymbolen über der Schulter. Die andere trug einen Überwurf über ihrem Gewand, der sie als Magierin auswies. Zwei weitere Männer waren in der Gruppe. Offensichtlich Bogenschützen, den Langbögen nach zu urteilen, die sie geschultert hatten. Auch ihre Gewandung war in gutem Zustand.
Aus meiner Erfahrung von früheren Veranstaltungen dieser Art, würde ich sagen, eine Gruppe Rollenspieler vom Festland. Sie mussten uns aufgrund unserer doch auffallend detailreichen Kleidung ebenfalls für Rollenspieler halten.
"Seid gegrüßt, Schwertkämpfer", antwortete ich bedächtig, "wir sind nicht ganz fremd. Wir wissen unseren Weg. Aber habt Dank für Euer Angebot." "Wir grüßen Euch, Bogenschützen", sagte einer der Bogenträger, "dürfen wir Euch denn zu unserem Feuer einladen? Man trifft selten auf Leute, die so schöne Bögen mit sich führen." Da hatte er wohl Recht. Sein eigener war billig dagegen, obwohl ich wusste, wie viel Bögen hier kosteten.
"Es tut mir leid, Bogenschütze", erwiderte ich und schüttelte bedauernd den Kopf, "aber selbst dieses Angebot müssen wir ausschlagen. Wir haben eine Queste zu erfüllen. Ein anderes Mal werden wir gerne an Euren Feuern lagern." Aus früheren celtic-weeks war mir bekannt, dass die Rollenspieler diese gestelzte Sprache liebten. Wir tauschten ein paar höfliche Floskeln aus und konnten danach weiterziehen.
"I vess 'ari ú-angol thir - Die eine Frau hatte keine magische Aura", flüsterte mir Luvalaes auf Sindarin zu, "ae goll champ e-gollor - obwohl sie in eine Magierrobe gewandet war." "Sen dîr - das ist richtig", wisperte ich zurück, "si anna ú-angol. Sen 'wend o binn e-dílin - hier gibt es keine Magie. Dies war eine Gruppe von Rollenspielern. -" Er sah mich neugierig an. "- Ich erkläre die Zusammenhänge später. Wir sollten uns beeilen, zu Patrick zu gelangen. Wir sind schon auffallend genug."
Wir erreichten Patricks Haus ohne weiter aufgehalten zu werden. Aus dem Zelt von früher war mittlerweile ein kleines Haus geworden, dass in typischer Rundbauweise der Inselkelten errichtet worden war. Patrick erwartete uns. Er trug jetzt ein keltisches Gewand in Brauntönen. "Tretet ein und seid unsere Gäste", begrüßte er uns auf Jerne.
Drinnen stand seine Frau Sinéad. Sie war eine eher zierliche Person. Neben ihrem Mann wirkte sie zerbrechlich. Obwohl sie einen starken Willen hatte. Brauchte sie auch bei Patrick. Sie hatte langes dunkelbraunes Haar, dass sie heute in einem dicken Zopf geflochten trug. Das dunkelgrüne keltische Gewand kleidete sie gut. An ihren Armen hatte sie goldene Spangen und eine goldene Torque schmückte ihren Hals. Ihre braungrünen Augen betrachteten neugierig die beiden Elben.
Sie reichte jedem von uns einen Becher Wein. Ihre Hand zitterte dabei leicht vor Aufregung. "Willkommen unter unserem Dach, möget Ihr Frieden mitbringen", begrüßte sie uns ebenfalls auf Jerne. "Wir danken dir, Frau, dass wir uns in deinem Hause ausruhen dürfen", sagte Anordil, als er den Becher entgegennahm. Seine Stimme verfehlte ihre Wirkung nicht. Ich wusste, wie es damals auf mich gewirkt hatte, diese melodiöse, weiche Stimme zu hören. Sinéad sah ihn fasziniert an.
Patrick stellte seine Söhne vor. "Das sind Ian und Brian, meine Söhne. Sie werden draußen Wache halten, damit wir hier nicht gestört werden. Ich habe Anweisung gegeben, dass in diesem Haus nur Jerne gesprochen wird." Die beiden kannte ich seit vielen Jahren. Sie begrüßten die Elben mit Respekt und umarmten mich herzlich. "Ich bin froh, dass du lebst", flüsterte mir Ian ins Ohr. Brian drückte mich nur stumm ganz fest an sich. Er hatte Tränen in den Augen, die er sich verstohlen weg wischte, als die beiden nach draußen gingen.
Ian war drei Jahre älter als ich. Er war groß und kräftig, wie sein Vater. Rotes kurzgeschnittenes Haar verrieten das irische Erbgut. Für die strahlendgrüne Augen war das Druidenblut in ihm verantwortlich. Brian war ein Jahr jünger als ich. Er kam mehr auf seine Mutter. Von der Gestalt her zwar gleichermaßen muskulös, dafür ein wenig kleiner als sein Bruder. Er wirkte dadurch drahtiger. Braunrotes Haar, dass er in einem Zopf trug, fiel ihm bis auf den Rücken hinunter. Seine Augen waren, wie die seines Bruders, strahlendgrün. Beide trugen die Kleidung mittelalterlicher Bogenschützen. Als ich hier in Irland lebte, waren die beiden wie Brüder zu mir gewesen. Sie hatten mir über vieles hinweg geholfen.
Allerdings vermisste ich die Mädchen. "Wo sind Eleanor und Fiona?", fragte ich. "Oh, Eleanor ist irgendwo auf dem Fest. Wahrscheinlich am Tanzplatz, wo sie mit aufspielt. Und Fiona schläft schon. - Sie hat dich arg vermisst", erwiderte Sinéad, "aber setzen wir uns doch erst einmal. Ich habe ein Mahl für Euch bereitet und danach werden wir reden." Wir legten unsere Waffen, Umhänge und Rucksäcke ab. Danach setzten wir uns. Entgegen keltischer Sitte gab es sogar Stühle und einen hohen Tisch. Sinéad hatte gut gedeckt. Frisches warmes Brot, Käse, Sülzfleisch, Obst, Honig und Butter. Wir stärkten uns ein wenig. Nach dem wir fertig waren, steckte sich Patrick eine Pfeife an. Er bot auch den Elben Pfeife und Tabak an, aber sie lehnten beide dankend ab.
Er zog einige Male an der Pfeife. Rauchkringel stiegen in die Luft. Ich hatte das Gefühl, als müsse er sich vorher sammeln. "Das war eine schreckliche Nacht, Arwen", fing er traurig an. Seine Augen blickten in die Ferne.
"Gegen Mitternacht trafen wir an der Kultstätte der Brigid ein", fuhr er leise fort, "wir bereiteten den Platz für das Imbolc-Fest. Als ihr nicht kamt, ahnten wir, dass etwas passiert sein musste." Er seufzte tief, bevor er weiter erzählte. „Deine Mutter hatte mir schon vor einiger Zeit Andeutungen über Drohungen und Verfolgungen gemacht. Also nahm ich meine Söhne und ging zu eurem Haus. Dort bot sich uns ein Bild des Grauens." Seine Stimme zitterte. Tief atmete er ein und aus, bevor er in der Lage war weiterzusprechen. Man spürte, dass er nach Worten suchte, um das Gesehene erträglich zu machen.
„Von weitem sahen wir euren Wagen mit eingeschalteten Scheinwerfern stehen. Der erste, den wir fanden, war Ewan -", ihm stockte die Stimme, „ – er war grauenvoll zugerichtet. Sein Körper war noch warm. Er musste bis kurz vorher gelebt haben." Er schloss kurz die Augen, als müsse er den Anblick aus seinem Gedächtnis vertreiben. „Im Auto saß einer der Bodyguards. Von seinem Schädel war nicht mehr viel vorhanden. Brian rief die Polizei, während wir uns vorsichtig dem Haus näherten." Er räusperte sich kurz. Mit belegter Stimme sprach er leise weiter. „Vor der Tür im Hof fanden wir Sean und Mairie. Sie lagen in einer riesigen Blutlache", erzählte er bewegt, „ihre Körper waren mit Einschüssen übersät. - Es sah aus wie im Krieg. Ich dachte auf einmal, ich wäre in Nordirland." Kurz schwieg er überwältigt von der Erinnerung.
„ - Die Tür war auf und ich ging hinein", fuhr er dann fort, „eure Bodyguards fand ich im Flur und im Wohnzimmer. Sie waren mit Kopfschüssen gezielt getötet worden. An den Wänden war Blut. Der Boden mit Blut verschmiert. Überall Chaos. Die Schubläden herausgerissen. Alles lag auf dem Boden zerstreut. -" Er pausierte kurz und zog an seiner Pfeife. In seinen Augen standen Tränen. "Wir fanden dich nicht und ich schickte Ian und Brian aus, dich zu suchen", sagte er, während er kleine Rauchwölkchen aufsteigen ließ, „sie konnten dich nirgendwo entdecken. Ich schaute sogar im Geheimgang nach, weil ich annahm, du hättest dich vielleicht dort versteckt. Aber es war alles leer. Ich habe ihn dann sorgfältig wieder verschlossen." Noch einmal zog er kräftig an der Pfeife.
„Wir hielten Wache, bis die Polizei eintraf. Die Ermittlungen ergaben nicht viel. Man ging von mindestens vier Tätern aus", berichtete er weiter, „sie müssen etwas gesucht haben, da war sich die Polizei schnell drüber im Klaren. Allerdings hatten sie es wohl nicht auf Wertsachen abgesehen. Da war alles vorhanden. Was sie wirklich gesucht haben, dass konnte keiner herausfinden." Er trank einen Schluck Wein, um die Kehle zu befeuchten. „Die Spurensicherung war mehrere Tage vor Ort. Sie fanden Hinweise darauf, dass du von zwei Personen verfolgt und beschossen wurdest. Man nahm an, dass du verletzt wurdest, weil man Blut fand. Der Bluttest ergab, dass es von dir sein musste", ergänzte er weiter. Eine weitere Rauchwolke stieg zur Decke auf.
„Aber du warst wie vom Erdboden verschwunden", Erleichterung schwang in der Stimme mit, „die letzte Spur, die man fand, war ein kleiner Stofffetzen und einige Tropfen Blut bei der großen Eiche. Falls es andere Spuren dort gab, so hatten wir sie aus Unwissenheit vernichtet, als wir den Platz schmückten." Er unterbrach seine Erzählung um einen Zug aus der Pfeife zu nehmen. „Man hat dich noch wochenlang gesucht. Da man deine Leiche nicht fand, ging man davon aus, dass du leben und dich zu einem geeigneten Zeitpunkt melden würdest. Aber ich wusste, dass du nicht leichtfertig Kontakt aufnehmen würdest", sagte er mit Überzeugung, „vor zwei Wochen übergab man mir dann euren Besitz zur treuhänderischen Verwaltung. Ich hatte mich, als entfernter Verwandter deiner Mutter, darum bemüht." Wieder machte er eine kleine Pause und zog an seiner Pfeife. Ich schwieg, denn aus seiner Art konnte ich schließen, dass er nicht fertig war.
Nach ein paar Minuten sprach er leiser weiter: "In den letzten Monaten - seit jener Nacht - hatten wir des öfteren Besuch von Angehörigen der römischen Kirche. - Viel zu oft. Sie versuchten uns unauffällig über dich auszufragen. Von unserem Dorfpfarrer, Pater Michael, habe ich dann erfahren, - nach einigen Glässchen guten irischen Whiskys und ein wenig Nachhilfe einer alten keltischen Pflanze - dass die Kirche dich vor Ablauf diesen Jahres für tot erklären lassen will, um das Erbe zu annektieren." Seine Worte wogen schwer. Mein Magen zog sich unwillkürlich zusammen. „Anscheinend denken sie, du hättest etwas in deinem Besitz, was eigentlich denen gehören würde." Es klang eher nach einer Frage, denn nach einer Feststellung. Geflissentlich überhörte ich den neugierigen Unterton.
„Deine Mutter hatte jedoch das meiste von Wert einige Tage vor dem Überfall unauffällig in den Zwergenhort gebracht. Dort wird keiner von diesen Aasgeiern zuschlagen können. Allerdings würde es mich interessieren, was sie denn so verzweifelt suchen." Er sah mich fragend an. Ich schüttelte nur leicht den Kopf. Ich durfte es ihm nicht verraten. „Was sie nicht wissen ist, dass deine Eltern ein eindeutiges Testament bei einem Notar in Dublin hinterlegt haben." Patricks Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Ich freue mich schon auf die dummen Gesichter. – Pater Michael war gar nicht glücklich über die ganzen Besuche. Die haben sich nämlich stets bei ihm eingenistet. Du weißt ja, dass er viel mit seinen Blumenfeen spricht." Dabei schmunzelte er mir zu, denn er glaubte zwar an die alten Götter, hielt aber die Blumenfeen für einen ausgewachsenen Spleen unseres guten Pfarrers. „Die hatten ihm geflüstert, dass Brigid dich geholt habe", fuhr er fort, „da er trotz seines Priestertums weiterhin dem alten Glauben anhängt, war er da im Konflikt. – Er fühlte sich schuldig am Tod deiner Familie. Die Blumenfeen hätten ihn gewarnt, dass sich da was zusammenbraute, sagte er, aber er habe es nicht glauben wollen. Seit jener Nacht ist er stark erschüttert und zweifelt an der Kirche. Allerdings hütete er sich, einen Verdacht zu äußern." Ich nickte zustimmend, denn mir war zu sehr bewusst, dass der Pater gut daran tat, sich nicht zu verraten.
„Aber vor ein paar Tagen, kurz vor Beginn der celtic-weeks, kam er zu mir und warnte mich, dass sich Leute der römischen Kirche unter das Volk schleichen wollten", ergänzte er, „bis jetzt ist der Festplatz allerdings sauber und ich hoffe, dass das so bleibt." Seine Worte lagen mir im Magen wie ein dicker Klumpen. Auf einmal schien es mir keine gute Idee mehr bei den celtic-weeks zu sein. „Allerdings habe ich Pater Michael jetzt seit zwei Tagen nicht gesehen. Und da du jetzt hier bist, bin ich da ein wenig beunruhigt. Ich werde einen meiner Söhne hinschicken und nachsehen lassen. - So, jetzt bist du an der Reihe." Er nahm einen tiefen Zug von seiner Pfeife. Erwartungsvoll schaute er mich an.
Während seines Berichtes hatte ich beschlossen, dass ich nur eine kurze Version meiner Geschichte preisgeben würde. Je weniger er wusste, desto weniger waren er und seine Familie in Gefahr. Ich atmete tief durch. "Deine Vermutung ist völlig richtig. Es waren Männer der Kirche, die meine Familie ermordet haben", bestätigte ich, "um genauer zu sein, Killer im Dienste des Vatikans. Ich habe es gesehen. - Ich habe gesehen, wie sie meinen Vater und meine Mutter erschossen haben. - Ich habe gesehen, wie sie meinem Bruder keine Chance gaben." Die Erinnerung kam wieder hoch. Ich hörte die Schüsse und sah das Blut vor mir. Anordil legte mir sacht eine Hand auf die Schulter. Es tat gut ihn neben mir zu wissen.
„Ich konnte flüchten, wurde aber angeschossen, wie richtig vermutet wurde", fuhr ich nach kurzem Räuspern fort, „ich rannte bis zur alten Kultstätte der Brigid. In meiner Verzweiflung bat ich die alten Götter um Hilfe. Sie gewährten sie mir." Ich unterbrach kurz. Meinen Blick ins Feuer gerichtet, als könnte ich dort jenen Augenblick betrachten, an dem ich die Welten wechselte. „- Von einem Moment zum anderen war ich nicht mehr in dieser Welt", stockend kamen meine Worte, „ich war verwirrt und orientierungslos, aber ich lebte. - Ich versuchte Menschen zu finden. Tagelang wanderte ich durch die Wildnis. Anordil fand mich halbtot und pflegte mich gesund. Er brachte mich zu seinem Volk." Ich musste unwillkürlich lächeln, wenn ich an diese Wanderung dachte.
„Dort wurde ich vollständig geheilt. Bei seinem Volk lernte ich alles, was ich brauchte, um zu Überleben. Ich lernte, in jener Welt zu bestehen und zurecht zu kommen." Unwillkürlich dache ich an die zahllosen Stunden in der Übungshalle. „ - Er und sein Bruder Luvalaes boten mir an, mich zur Kultstätte zurück zu bringen. Es gelang uns ein Tor hierher zu öffnen. - Jetzt bin ich hier, um herauszufinden, was der Grund für den Auftragsmord war." Ich schwieg, denn mehr wollte und konnte ich nicht sagen.
Patrick nickte bedächtig. Immer noch zog er an seiner Pfeife. Er blies langsam Rauchwolken in die Luft. "Wir werden morgen Nacht den Hort aufsuchen, Arwen. Vielleicht findet sich in dem, was deine Mutter gebracht hatte, etwas, was Licht in diese Angelegenheit bringt. Sie war nämlich kurz vor dieser Nacht bei mir und gab mir einiges zur Aufbewahrung. Darunter auch eine alte Schriftrolle, die ich gesondert wegschließen sollte. Heute reicht allerdings die Zeit nicht mehr den Hort zu öffnen." Wir sprachen noch eine Weile über belanglosere Dinge. Nach einer Weile meinte Patrick, dass es jetzt Zeit wäre sich zur Ruhe zu begeben.
"Ian wird euch zu eurem Zelt bringen. Ich habe vorhin von meinen Söhnen eines aufstellen lassen. Das ist unauffälliger, als wenn ihr hier mit nächtigen würdet." Wir nahmen unser Gepäck und verließen das Haus. Ian und Brian erwarteten uns draußen. Patrick sprach kurz mit ihnen. Brian verschwand wortlos in der Dunkelheit. Dann brachte Ian uns zu einem Zelt in der Nähe.
Als wir alleine waren, erklärte ich den Elben erst einmal ein wenig den Sinn und Zweck dieses Festes, die Funktion von Rollenspiel sowie einige andere Dinge, die mit meiner Welt zusammenhingen. Vieles setzte sie in Erstaunen. Über anderes konnten sie nur verwundert den Kopf schütteln. Sie würden versuchen sich unauffällig zu verhalten. Hier auf den celtic-weeks dürfte das überhaupt kein Problem sein. Luvalaes und Anordil hielten diese Nacht trotzdem abwechselnd Wache. Sie ließen mich ruhen. Richtig schlafen konnte ich allerdings nicht.
Am nächsten Morgen wurde ich durch den Lärm des erwachenden Platzes geweckt. "Suilad anech, Arwen", begrüßte mich Anordil. Luvalaes entdeckte ich nicht. "Tiriach sen had - er erkundet diesen Ort", Anordil hatte meine stumme Frage richtig gedeutet, "wenn er zurückkehrt, sollten wir den Staub der Reise abwaschen gehen." Langsam stand ich auf. Mein Körper fühlte sich bleischwer und zerschlagen an. Ich sehnte mich nach einem Bad.
"Sen had edregol - dies ist ein merkwürdiger Ort", ließ Luvalaes verlauten, als er in das Zelt hereinhuschte, "han ú-dírad dirn 'leinar echad a rim meigol ú-vaeg - es sind keine Wachen um das Lager postiert und viele Waffen sind stumpf." Ich lachte leise. "Sen dîr - das ist richtig", kicherte ich, "si anna ´ú-'yth, dan i voe veria sen echad. Yrch a goer ú-istannen. - hier gibt es keine Feinde, gegen die man dieses Lager verteidigen müsste. Orks und Warge sind unbekannt. – Man veranstaltet solche Feste in Angedenken an die vergangenen Zeiten. Schwerter und Bögen werden schon längst nicht mehr als Waffen benutzt. Wenn sie benutzt werden, wie hier zu Schaukämpfen oder Übungszwecken, dann sind sie meist auch stumpf." "Deshalb werden wir unsere Waffen wohl hier im Zelt lassen", folgerte Anordil. Ich nickte verhalten.
"Trotzdem sollten wir nicht auf sämtliche Bewaffnung verzichten", erwiderte ich gedehnt, "ich denke, die Dolche sind am unauffälligsten." Ich betrachtete die beiden Elben. "Was mir allerdings Kopfschmerzen bereitet", sagte ich, "dass sind eure Ohrspitzen." Luvalaes sah mich fragend an. "Wie ich euch erzählte, sind Elben hier unbekannt. Es wäre viel zu auffällig, eure Ohren zu zeigen. Ich rate euch, diese unter eurem Haar verschwinden zu lassen."
Gelassen drapierten sie ihr Haar zurecht. "Gibt es hier ein Badehaus?", fragte mich Anordil. "Gestern hatte ich keines bemerkt,", erwiderte ich, "aber es ist eigentlich immer eines da. Wir sollten uns auf die Suche begeben. Auch mich verlangt es danach, den Staub der Reise abzuwaschen." Wir ließen unsere Waffen, bis auf die Dolche im Zelt. Auch unsere Rüstungen legten wir ab. Auf dem Festplatz würden wir diese nicht brauchen.
Viele Leute waren noch nicht auf. Doch an manchen Stellen des Platzes herrschte reges Treiben. Vor allem bei den Feldbäckern und Köchen. Als wir so über den Platz schlenderten, kaufte ich bei einem der Bäcker warmes mit Kräutern gewürztes Brot, dass wir mit Genuss verspeisten. Außerdem erstand ich Hollermilch, eine mit Holunderblüten gewürzte Milch. Ein lang entsagter Genuss für mich. Patrick hatte uns gestern Nacht ein wenig Geld gegeben im Austausch für ein paar Goldmünzen. Mit den Goldstücken aus Mittelerde würde ich hier kaum bezahlen können.
Da ich keine Ahnung hatte, wo das Badehaus aufgebaut sein würde, fragte ich einen von den Feldköchen, die schon fleißig werkelten. "Sagt an, werter Herr", grüßte ich ihn freundlich, "wir suchen auf diesem Feste das Badehaus. Wo wart es gesehen?" Der Koch grinste mich an und wies nach links. "Dort drüben werdet Ihr es finden", erwiderte er vergnügt, "so früh am Morgen ist es noch recht wenig besucht. Ihr dürftet das Wasser durchaus sauber vorfinden."
Zufrieden mit dieser Antwort gingen wir in die angegebene Richtung. Und tatsächlich sah ich nach einigen Dutzend Schritten ein Zelt mit einer hölzernen Tafel vor dem Eingang. Diese wies auf die Bademöglichkeit hin und es waren die Preise für die verschiedenen Dienstleistungen aufgelistet. Der Koch hatte auch Recht. Bis auf den Bader und dessen Bedienstete war niemand anwesend.
"Guten Morgen, werter Bader", sagte ich höflich, "wir möchten ein Bad für drei." "Guten Morgen, werte Reisende", grinste der Bader mich an, "wünscht Ihr das Bad zusammen oder getrennt einzunehmen?" "Wir haben nichts dagegen, dass Bad gemeinschaftlich zu nutzen", erwiderte Anordil liebenswürdig. Der Bader zuckte leicht zusammen, als er die Stimme vernahm. "So tretet ein, Herr", sagte er fast automatisch und gab den Eingang frei.
Wir betraten das Badehaus. Dieses war eigentlich ein Badezelt, welches in verschiedene Bereiche mit Stoffwänden unterteilt war. Wir entledigten uns unserer Kleidung. Diese reichten wir den beiden Bediensteten, einem jungen Mann und einer jungen Frau, die uns gefolgt waren. In einer Ecke standen mehrere kleine Zuber, an denen man sich mit Schwamm und Seife reinigen konnte. Danach betraten wir den eigentlichen Badebereich. Dort tauchten wir in den großen, im Boden eingelassenen Badezuber ein. Um diese Tageszeit waren wir die einzigen Besucher. Die anderen drei Zuber waren leer.
"Pedir or ven - sie sprechen über uns", sagte Luvalaes leise und zog amüsiert die Mundwinkel hoch. "A man an bith? - Und was?", fragte ich neugierig zurück. Anordil lachte leise. "Über die Verrücktheit von Menschen, wie Elben aussehen zu wollen", schmunzelte er auf Sindarin, "ú-istar man in vin ven - sie wissen ja nicht, wer wir wirklich sind." "I dhess tiria na anwar i vain chaimp a sin tass - die junge Frau bewundert die Schönheit der Gewänder und deren Verarbeitung", warf Luvalaes ein. Er spritzte mich ein wenig nass, dann lachte er amüsiert auf. "Maba ane, em ú-naud - sie fragt sich, ob wir noch zu haben sind." "Dortham ú-anann - wir sollten nicht zu lange verweilen", mahnte ich, "sonst fallen die Ohren noch mehr auf." "Vielleicht sollte ich den einen Illusionsspruch einmal ausprobieren", sagte Luvalaes. Anordil nickte. "Han útho - versuche es", forderte er ihn auf, "es muss schließlich nur für kurze Zeit sein." "Für länger möchte ich auch meine Kraft nicht verschwenden", erwiderte Luvalaes. Dann fing er an sich zu konzentrieren.
Er murmelte einen Spruch vor sich hin und berührte Anordils Ohren. Fast augenblicklich nahmen sie menschliche Formen an. Ich musste mich bemühen, einen Ausruf des Erstaunens zu unterdrücken. Luvalaes sprach nochmals die Worte. Dabei berührte er seine eigenen Ohren. Auch hier vollzog sich die Verwandlung.
Just in diesem Moment kamen die beiden Bediensteten herein. Sie hatten frische Leinentücher dabei. Wir entstiegen dem Zuber und hüllten uns in die Tücher. In einem anderen Bereich, durch Leinwände abgetrennt, standen einige Pritschen. Ich genoss das Einölen. Anschließend schlüpften wir in unsere Gewänder. Rasch und gewissenhaft kämmte ich meine Haare, die ich dann neu einflocht. Auch die Elben kämmten ihre Haare. Sorgfältig verdeckten sie damit die Ohrspitzen, die Sekunden zuvor ihre alte Form annahmen. Erstaunlicherweise waren ihre Haare auch schon trocken. Meine glänzten noch feucht. Erfrischt durch das Bad machten wir uns auf einen Rundgang über das Fest.
Mittlerweile war der Festplatz zum Leben erwacht. Die Händler öffneten ihre Stände. Von den Backöfen wie auch den Garküchen ging ein verführerischer Duft aus. Ritter, Gaukler, Schwertkämpfer, Bogenschützen, Musikanten und Fußvolk bevölkerten den Platz. Ein paar Besucher in Zivil hatten sich ebenfalls bereits hierher verirrt. Sie wirkten ein wenig fehl am Platz. Selbst auf den Übungsplätzen und auf dem Turnierplatz tummelten sich einige wenige Unermüdliche zu dieser frühen Stunde.
Die Elben schauten interessiert den Übenden zu. "Es ist bei manchen durchaus Talent vorhanden", sagte Luvalaes anerkennend, "sieh nur die beiden dort drüben. - Die Ansätze beim Spannen des Bogens sind gut, aber sie halten den Bogen viel zu verkrampft. Mit einer anderen Technik würde es ihnen leichter fallen."
Er deutete auf zwei junge Männer, die abseits der anderen auf dem Bogenschießplatz standen und übten. Ich würde sie vom Alter her auf etwa Anfang bis Mitte zwanzig schätzen. Von der Gestalt her waren sie recht durchschnittlich. Der rechte hatte dunkle, kurzgeschnittene Haare. Er trug ein ungebleichtes leinenes Hemd, hellbraune Hosen aus Leder, ein Lederwams und geschnürte Lederstiefel. Seine Gewänder wiesen Gebrauchsspuren auf, als würde er sie öfter als nur zu den celtic-weeks tragen. Der linke hatte hellbraune, etwa schulterlange Haare, die er in einem Zopf trug. Er war mit einem dunkelgrauem Hemd, schwarzen ledernen Hosen und einem schwarzen Lederwams bekleidet. An den Füßen hatte er ebenfalls geschnürte Lederstiefel. Diese Stücke schienen nicht so häufig getragen zu sein, denn sie befanden sich in einem recht guten Zustand. Neben ihnen lagen Kampfstab und Schwert. Die Ähnlichkeit ihrer Gewandung ließ darauf schließen, dass sie sich wohl näher kannten. Sie waren dort alleine. Die meisten anderen tummelten sich auf den übrigen Plätzen weiter vorne. Wir schlenderten zu den Bogenschützen hinüber.
Luvalaes war uns voraus. Anordil und ich folgten ihm eher gemütlich. Er ging auf die beiden zu und sprach sie an. Nach ein paar Minuten trat der Dunkelhaarige zur Seite. Dabei reichte er Luvalaes den Bogen. Dieser spannte ihn probeweise. Danach löste er die Sehne und zog sie neu auf. Er nahm einen Pfeil, den er Richtung Zielscheibe sandte, wo er zitternd in der Mitte stecken blieb. Luvalaes lächelte zufrieden. Dann gab er den Bogen zurück an den jungen Mann.
Beim Näherkommen erkannte ich, dass die Bögen und Köcher einfach gebaut, aber gut gepflegt waren. Sie unterhielten sich angeregt auf Englisch, als wir ankamen. "Ich gebe euch Unterricht, wenn ihr wollt", hörte ich Luvalaes sagen. Die beiden wirkten erfreut. "Wir würden es sehr begrüßen", antwortete der eine, "es ist äußerst schwierig gute Lehrer zu finden." Dem Akzent nach zu urteilen, waren es keine Iren oder Briten. Sie schienen vom Festland zu kommen. "Seid gegrüßt, Bogenschützen", sprach ich sie an, "mein Name ist Ceridwen. Wie heißt ihr?" Ich hatte ihnen meinen Zweitnamen genannt, den ich auf den Celtic-weeks immer verwendete.
"Mein Name ist Tjann Grünauge von den Ebenen", stellt sich der Dunkelhaarige vor, "die celtic-weeks besuche ich das erste Mal." "Ich heiße Bran Flinkfuß", liess der andere verlauten, "ich bin ebenfalls das erste Mal auf den celtic weeks. Wir sind beide aus Deutschland und wollten hier mal schauen, ob wir nicht gute Lehrer finden. Es ist schwer gute zu finden, und wenn man sie gefunden hat, sind sie sehr teuer. - So teuer, dass man sich den Unterricht gar nicht leisten kann. Ich wollte mal sehen, ob ich hier meine Kenntnisse im Langschwert etwas erweitern kann." "Und ich meine im Kampfstab", warf Tjann ein. "Wir können ja eure Fähigkeiten kurz testen", schlug ich interessiert vor. "Gerne", erwiderte Bran, "wir würden uns freuen, eine Gelegenheit zum Lernen zu nutzen." Tjann nickte zustimmend.
Anordil und ich gingen zu unserem Zelt, um unsere Waffen zu holen. Allerdings nur meinen Kampfstab und seine beiden Kurzschwerter. Das dürfte genügen. Als wir wieder kamen, sahen wir Luvalaes mit den beiden üben. Er verlor wahrlich keine Zeit. Sie hielten inne, als wir näher kamen. "Nun denn, Tjann", sagte ich zu ihm, "so nehmt euren Kampfstab und stellt euch mir." Ein wenig nervös fingerte er an seinem Kampfstab herum, als er in Position ging.
Ganz locker fing ich an. Ich attackierte ihn gemächlich. Seine Abwehr war zwar ansatzweise gut, aber langsam. Jetzt ließ ich ihn angreifen. Auch dies war relativ gemütlich. In aller Ruhe konnte ich die Schläge abwehren und kontern. Nach ein paar Schlagwechseln brach ich den Kampf ab.
"Es sind durchaus Ansätze vorhanden, um einen guten Kämpfer aus dir zu machen", hob ich an, "aber es muss ein wenig geübt werden. Die Attacken und die Abwehr sind viel zu langsam. Du überlegst dir die Schläge, bevor du sie ausführst. In einem wirklichen Kampf, würdest du nach spätestens drei Schlägen besiegt sein. - Sieh zu. Vielleicht fällt dir auf, was ich meine." Ich nickte Anordil zu. Er trat neben Tjann.
"Würdest du mir deinen Stab leihen", fragte er diesen höflich. "Gerne", antwortete Tjann, "bitte nehmt ihn nur." Er reichte ihm den Kampfstab. Anordil nahm ihn entgegen. Prüfend wog er ihn in der Hand. Dann gaben wir den beiden einen kleinen Eindruck dessen, was ich gemeint hatte. Anordil konnte mich immer wieder mit neuen Schlagkombination und Angriffsvarianten überraschen. Was mich nicht wunderte. Schließlich schöpfte er aus knapp viertausend Jahren Erfahrung. Mittlerweile hatte sich andere Kämpfer als Zuschauer eingefunden. Als wir den Kampf abbrachen, gab es sogar Applaus. Man hielt das ganze wohl für einen Schaukampf. Sollten die ruhig glauben, was sie wollten.
Danach war Anordil mit Bran dran. "Nautho bo hen. Sí ú-vaeg rim in meigol. - Denke daran. Hier sind die meisten Schwerter stumpf", wisperte ich ihm auf Sindarin zu, "ú-charno den - verletze ihn nicht." Er neigte leicht den Kopf. Dann fingen sie an. Ich sah schnell, dass Bran das gleiche Problem hatte, wie Tjann. Die Ansätze der Technik waren zwar gut, aber er war viel zu langsam. Man sah förmlich, wie er den nächsten Schlag überlegte.
"Nautha na rim - er denkt zuviel", flüsterte mir Luvalaes auf Sindarin zu, "genauso wie der andere junge Mann." Nach ein paar Minuten brach Anordil den Kampf ab. "Für dich gilt das gleiche, wie für deinen Weggefährten", sprach er, "du überlegst zuviel beim Kämpfen. In einem echten Kampf kann das tödlich sein." Er winkte Luvalaes zu sich. Wortlos reichte er ihm eines der Kurzschwerter. Die beiden legten spielerisch los. Sie hatten ihr Tempo herunter geschraubt. Aber selbst das wirkte rasant und überzeugend. Ihren Schlagabtausch brachen sie nach ein paar Minuten ab.
"Habt ihr gesehen, was wir meinen", fragte Luvalaes freundlich. Die beiden jungen Männer nickten. "Wir würden gerne Unterricht bei euch nehmen. Wir wissen aber nicht, ob wir uns das leisten können", sagte Tjann. "Wir nehmen diesmal keinen Lohn", erwiderte Anordil. Folglich war es beschlossen, dass wir alle drei sie unterrichten würden. Die beiden waren wissbegierig und der Tag verging rasch. Das hatte den Vorteil, dass wir von hier aus einen gewissen Überblick über das Fest hatten. Verdächtige Gestalten würden schnell ausgemacht werden können. Die Elben schauten gelegentlich prüfend über den Platz. Ihnen würde nichts entgehen.
Gegen Abend trafen wir wieder bei Patrick ein. Er begrüßte uns herzlich. "Eleanor spielt heute Abend", sagte er vergnügt, "wir können dort eine Weile zuhören und mittanzen, bevor wir zum Hort aufbrechen müssen." Gemeinsam gingen wir zum Tanzplatz hinüber. Patrick hatte einen Tisch am Rande reservieren lassen. Dort waren wir relativ ungestört.
Eleanor kam auf uns zu und sie umarmte mich wie eine Schwester. Sie war zu einer jungen Frau herangereift. Groß, schlank, honigfarbene Haare, dunkelbraune Augen mit kleinen goldfarbenen Sprengseln und eine helle, makellose Haut. Das dunkelbraune, mit Goldfäden durchwirkte Samtkleid schmeichelte ihrer Figur. "Bin ich froh, dass du heil und gesund bist", sagte sie zu mir auf Jerne, "dies sind deine Freunde?" "Ja, das sind Anordil und Luvalaes", stellte ich die beiden vor, "Anordil hatte mir das Leben gerettet."
Sie musterte die beiden kritisch. "Seid gegrüßt, Eleanor", sagte Luvalaes charmant, "ein Licht leuchte über der Stunde unserer Begegnung." Hoppla, so förmlich hatte ich Luvalaes bisher nicht erlebt. Anordil sagte: "Seid gegrüßt, Eleanor. Arwen hat viel von Euch erzählt." Das stimmte, denn ich hatte sie oft erwähnt, wenn ich von hier erzählt hatte. Sie schaute die beiden intensiv an. "Nach Euren Stimmen zu urteilen, müsstet Ihr Sänger sein und keine Bogenschützen", sagte sie lachend, während sie beiden herzlich die Hand gab. Luvalaes lächelte sie an, verbeugte sich elegant und meinte: "Das eine schließt das andere in Mittelerde nicht aus und in unserem Volk sind wir eher mittelmäßige Sänger, falls dass Euch beruhigen sollte." Damit untertrieb er schamlos, denn er besaß eine wirklich wunderschöne Tenorstimme. Als Barde musste er gut singen können.
Wir setzten uns hin. Patrick winkte die Bedienung herbei und bestellte für uns alle. Nach einer Weile brachte diese Wein und Wasser sowie Brot, Fleisch, Käse, gebackenes Gemüse und sogar geröstete Kartoffeln. Nachdem wir uns gestärkt hatten, spielte Eleanor mit ihrer Gruppe auf. Später kam Sinéad mit der kleinen Fiona dazu. Fiona war hübsch anzusehen in ihrem hellblauen keltischen Kleidchen. Ihre goldblonden Locken fielen kaum gebändigt bis zur Hüfte hinunter. Sie blieb scheu bei Sinéad stehen und umklammerte deren linkes Bein.
"Das ist Fiona, unsere Jüngste", stellte Patrick sie vor. Es dauerte ein paar Sekunden bis sie mich erkannte. Dann stürmte sie auf mich zu. "Tante Arwen, schön dass du da bist", strahlte sie mich an. Artig begrüßte sie die beiden Elben auf Gälisch. Sie konnte es schon recht gut sprechen. Fasziniert schaute sie die Elben an, während sie neben mir saß. Anscheinend hatte sie bemerkt, dass die beiden keine Menschen waren. Kinder waren da wirklich empfindsam. Vor allem Anordil schien es ihr angetan zu haben. Er hatte es ebenfalls bemerkt.
Nach einer Weile fragte er sie leise: "Möchtest du bei mir sitzen?" Vor Aufregung versagte ihr die Stimme und sie nickte nur heftig. Dann saß sie neben Anordil auf der Bank. Ihre grünen Augen leuchteten und sie rührte sich nicht mehr. Ihre Finger spielten verstohlen mit ihren Haaren.
"Cén t-ainm atá ort? – Wie heißt du?", fragte Anordil sie leise auf Gälisch. Sie sah ihn staunend an. "Fiona an t-ainm atá orm – ich heiße Fiona", antwortete sie ganz schüchtern. "Cén aois thú? – Wie alt bist du?", fragte er sie weiter. Er versuchte ein kleines Gespräch mit ihr anzufangen. "Tá mé a deichmbliana d'aois – ich bin zehn Jahre alt", flüsterte sie, "an bhfuil clann agat? – Hast du Kinder?" Anordil nickte lächelnd. "Ta, inion amháin. Mallenloth an t-ainm atá sibh. – Ja, eine Tochter. Sie heißt Mallenloth", antwortete er ihr. Ihre großen Kulleraugen blickten zu ihm auf. "Cén fáth a bhfuil Gaeilge agat? – Wie kommt es, dass du Irisch sprichst?", fragte sie ihn. Anordil sah ihr ganz sanft in die Augen. "Arwen hat es mir beigebracht, kleine Fiona", erzählte er ihr. "Erzählst du mir eine Geschichte", fragte sie ihn zurückhaltend. Anordil nickte. Ich hörte, wie er eine Kindergeschichte aus Mittelerde zum Besten gab.
Luvalaes forderte mich zwischendurch zu einem Tanz auf. Auf der vollen Tanzfläche fiel es nicht weiter auf, dass wir ein wenig anders tanzten als der Rest, da sowieso jeder tanzte, wie er wollte. Ich genoss den Tanz. Ab und zu sah ich zu Anordil hinüber.
Fiona hatte sich ganz schüchtern an ihn gelehnt. Als der Abend fortschritt, wurden ihre Lider schwer. Endlich schlief sie ein. Sie kuschelte sich an Anordils Schulter. Dabei vergrub sie ihr Gesicht in seinem Haar. Man sah, wie ihre Fingerspitzen im Schlaf mit seinem Haar spielten. Als Sinéad sie aufnehmen wollte, schüttelte Anordil nur leicht den Kopf. "Ich werde sie tragen, wenn ihr erlaubt", flüsterte er ihr zu und begleitete Sinéad zu ihrem Haus.
Als er wiederkam, schaute er mich kurz forschend an. Ich bemerkte es nicht wirklich, sondern konzentrierte mich auf die Musiker. Eleanor spielte wunderschön und ihre Singstimme war herausragend geworden. Sie forderte die Leute immer wieder zum Mitsingen auf. Selbst vor unserem Tisch machte sie nicht halt. Sie wusste, dass ich ganz gut singen konnte und überredete mich zu einem Duett einer alten gälischen Ballade. Erstaunt musterte sie mich nach ein paar Takten. Ihr Ton schwankte jedoch keine einzige Sekunde. Die Lehrzeit bei den Elben schien sich bezahlt gemacht zu haben.
Plötzlich sah ich, wie der Schalk in ihren Augen aufblitzte. Nachdem wir geendet hatten und die Leute tatsächlich applaudierten, wandte sie sich an Luvalaes. "Nun, Herr Elb, wie wäre es mit einem Lied?", wisperte sie ihm leise auf Jerne zu, "traut Ihr Euch in unserer Welt zu singen?" Herausfordernd blickte sie ihn mit ihren ausdrucksstarken Augen an. Jetzt am Abend und bei der Beleuchtung wirkten sie wie dunkle Kirschen.
Luvalaes lächelte sie äußerst charmant an. "Fordere nie einen Elben heraus", warnte er sie spitzbübisch auf Jerne, "bist du bereit dafür den Preis zu zahlen?" Er blickte sie seinerseits herausfordernd an. Ich kannte diesen Ton, wie auch diesen Blick und ich sah, wie Eleanor in seinen Augen versank. Sie konnte nur leicht nicken. Er entschied sich für ein fröhliches, elbisches Lied, dass ich nicht kannte. Nach den ersten paar Takten sah Eleanor ihn vollkommen fasziniert an. Mir war sofort klar, dass sie seinem weichen Tenor und seinem Charme erlegen war.
Anordil lächelte mich an, als er das sah. "Puled úbenn him dan hen? - Kann euch denn keiner widerstehen?", fragte ich ihn leise. "Nicht wenn ein Verführungszauber angewandt wird", wisperte er augenzwinkernd zurück, "er singt das Lied der Verführung." Überrascht blickte ich ihn an. Jetzt wo er es sagte, konnte ich den vagen Strom von Magie wahrnehmen. Aber ich konnte Luvalaes verstehen. Eleanor war eine Schönheit. Und sie war blutjung. Erst dieses Frühjahr hatte sie ihren neunzehnten Geburtstag gefeiert. Ihr erstes Beltaine lag damit schon ein Jahr zurück. Zudem schien sie den Verführungskünsten von Luvalaes auch nicht abgeneigt zu sein.
Wir genossen den Rest des Abends, bis Patrick uns zum Aufbruch mahnte. Schließlich wollten wir heute Nacht den Hort besuchen. Gemeinsam verließen wir den Platz Richtung Pferdewiese. Dort nahmen wir uns Pferde und folgten Patrick in die Nacht.
to be continued ...
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