Als ich das erste Mal zum Hort geführt worden war, gingen wir zu Fuß. Zu Pferd legten wir nun den Weg schneller zurück. Nach einiger Zeit trafen wir auf die Schlucht. Wie Jahre zuvor führte Patrick uns in die Tiefe. Luvalaes blieb oben am Eingang der Schlucht stehen. Er wollte dort Wache halten. Wieder öffnete sich vor uns ein Spalt im Fels. Durch diesen betraten wir die kleine Höhle, an die ich mich erinnerte. Patrick bedeutete uns hier zu warten und verschwand wie damals in einem der schmalen Gänge, die von dort ins Innere der Erde führten.
Anordil stand am Eingang. Niemand würde an ihm vorbei kommen. "Mathon angol bo hen had - ich spüre Magie an diesem Ort", sagte er leise. Er schloss die Augen und schien die Umgebung zu sondieren. Dann nickte er. "Thenin angol iuithant hi. A iuithant lim. Annon edratha. Han mathon. - Starke Magie wurde hier gewirkt. Und sie wirkt immer noch. Ein Tor wird geöffnet. Ich kann es spüren." Auch ich fühlte die Magie. Für mich war es wie ein leichtes Kribbeln auf der Haut. Vorher hatte ich es nie bemerkt.
Nach einer Weile kam Patrick wieder. Er hatte eine Kiste bei sich, die mit einem Schloss und einem Wachssiegel verschlossen war. Wie damals. Doch diesmal war es eine kleinere Kiste, mehr eine Schatulle. "Deine Mutter hat den Hort neu geordnet", sagte Patrick, "es war kurz vor jener Nacht. Ich dachte mir, ich bringe dir zuerst diese Schatulle. Sie brachte sie als letztes zur Aufbewahrung. Danach können wir die anderen Kisten sichten."
Schweigend nahm ich die Schatulle in die Hand. Mit meinem Dolch brach ich das Siegel. Ich holte tief Atem, bevor ich den Deckel öffnete. Im Inneren befanden sich einige Papiere und eine kleine Rolle, die ebenfalls versiegelt war. Ich sichtete zuerst die Papiere. Es waren Briefe meiner Eltern an mich und an Ewan, ein Brief von Ewan an mich, sowie eine Übersetzung aus dem Aramäischen und die Kopie einer alten Schriftrolle. Die Briefe nahm ich an mich. Ich würde sie später lesen. Als ich jedoch die Übersetzung las, wusste ich auf einmal, warum meine Eltern sterben mussten. Der Inhalt war hochbrisant und gefährlich.
Jetzt wunderte mich nicht mehr, dass der Vatikan Killer ausschickte! Würde dies jemals an die Öffentlichkeit geraten, würde das die Kirche nicht nur in ihren Grundfesten erschüttern, sondern wahrscheinlich sogar auslöschen. "Das Original dieser Schriftrolle ist an einem anderen Ort. Deine Mutter hat darauf bestanden", flüsterte mir Patrick zu, "leider hatte sie nicht gesagt, was denn der Inhalt der Schriftrolle ist."
"Ich kann es dir ebenfalls nicht mitteilen. Es ist sicherer für dich, wenn du nichts darüber weißt. Schon das dir bekannt ist, dass dieses Dokument existiert, könnte für dich gefährlich werden. Bitte, schweige darüber. Niemand soll je Einblick in diese Schatulle nehmen", sagte ich zu ihm, als ich den Deckel schloss, "falls sie in späteren Zeiten einmal durch Zufall gefunden wird, ist die Welt vielleicht in anderen Bahnen. Der Inhalt hat genug Blut gekostet und ich könnte mir vorstellen, das meine Familie nicht die ersten Opfer dieser Schriftrolle waren. Verstecke sie im tiefsten Keller des Hortes, abseits von allem anderen. Und das Original sollte ebenfalls gut versteckt werden." Ich gab ihm die Schatulle und er siegelte sie in meinem Beisein neu. "Nur mein Nachfolger wird von der Existenz dieser Schatulle und dem Original erfahren", versprach er mir. Er verschwand damit in einem der Gänge. Es war ein anderer, als der, aus dem er gekommen war.
Nach einer Weile kehrte er aus dem anderen Gang zurück. In den Händen trug er eine große Kiste. Sie war ebenfalls versiegelt. Diese Kiste kannte ich von früher. Ich brach das Siegel. Dann hob ich den Deckel. Der Inhalt war weitgehend der gleiche wie damals. Nur einige Schmuckstücke und Kultgegenstände waren dazugekommen. Ich nahm zwei Gegenstände heraus, um sie zu betrachten.
Es waren Amulette in der Form des Rades der Schöpfung. "Es sind Schutzamulette", sagte Anordil, "mathon angol ech. Annach i dhâf nin tirion hain? - Ich fühle ihre Magie. Darf ich sie betrachten?" Ich legte sie in seine Hände. Interessiert betrachtete er beide. "Sie sind inaktiv", sprach er zu mir, "wenn du willst, werden wir sie aktivieren." "Man iuitha? - Was bewirken sie?", fragte ich ihn. Er zeigte mir das eine Amulett. "Tíro - sieh her", damit deutete er auf eine Vertiefung in der Mitte, welche die Radsymbole miteinander verband, "hier hinein wird eine magische Substanz gegeben und mit einem Stein, Edelstein oder Metall verschlossen. Was man verwendet, hängt von der Wirkung ab, die man erzielen möchte. Je nach magischem Potential der Umgebung, kann die Wirkung von einem Aufglimmen des Amulettes bis zur Errichtung eines Schutzschildes gegen magische Angriffe variieren. Auf alle Fälle warnt und schützt es vor Gefahr in jedweder Form. Auch Wahrheit und Lüge kann man damit auseinander halten. Der Verschlussstein ändert entsprechend die Farbe." "Boe rim iaur - es muss sehr alt sein", sagte ich ehrfürchtig.
Anordil nickte bestätigend. "Mindestens ein Zeitalter, wenn nicht sogar zwei. Es muss einmal starke Magie hier in deiner Welt gegeben haben." Aus einem Impuls heraus schloss ich Anordils Hand um die Amulette. "Ich bitte dich, nimm' die beiden Amulette als meinen Dank an. Für alles, was du für mich getan hast", flüsterte ich, "verwende sie, wie es dir beliebt." Er sah mich mit seinen strahlendblauen Augen an. Ich versank in seinem Blick. "Dies sind wertvolle Geschenke", sagte er, "ich werde sie gut verwenden." Danach wandte ich mich wieder der Kiste zu. Ein leichter Schauer lief mir über den Rücken.
Ich kramte ein wenig in der Kiste. Viele Stücke waren mit Erinnerungen behaftet. Wehmut und tiefe Trauer erfasste mich. Nach einigem Überlegen entschloss ich mich, nur einen einzigen Ring als Andenken mitzunehmen und einige verschieden große Edelsteine. Der Ring hatte meiner Mutter gehört. Er trug einen wunderschönen blauen Stein, der mit winzigen grünen Splittern umgeben war. Die Edelsteine konnte ich hier oder in Mittelerde tauschen, wie ich es brauchte. Ein weiteres Mal sah ich in die Kiste. Pergamente, Spruchrollen, Amulette, Schmuck, Edelsteine, Kultgegenstände. Ein wahrer Schatz. Nicht nur an Wert, sondern gleichermaßen an Wissen. Jedes Museum würde froh sein, nur diese eine Kiste zu erlangen. Und in den anderen Kisten, die hier von meiner Familie gelagert waren, würde noch mehr sein. Im Laufe der Jahrhunderte war eine Menge zusammengekommen.
Mit einer Bewegung, in der Endgültigkeit lag, schloss ich den Deckel. "Bitte, Patrick, versiegle die Kiste wieder", sagte ich zu ihm, "die anderen möchte ich nicht mehr einsehen. Nur diesen Stein möchte ich bei dir in Geld umtauschen. - Und hier ist mein Testament – in Gegenwart eines Zeugen. Schau mich nicht so an, Patrick. Ich werde wohl nie wieder hierher zurückkehren. Ich muss jetzt bestimmen, was hiermit denn geschehen soll. Demzufolge soll der Inhalt unserer Kammer an Fiona O'Reilly übergehen, sobald diese ihren einundzwanzigsten Geburtstag feiert. Sie soll nach eigenem Ermessen damit verfahren." Patrick sah mich lange an. Er sah die Entschlossenheit in meinen Augen. "Ich habe es gehört und ich werde es besiegeln", erwiderte er, "willst du die anderen Kisten wirklich nicht sehen?" Ich schüttelte schweigend den Kopf. Er siegelte daraufhin die Kiste und brachte sie weg. Als er wieder zurückkam, verließen wir diesen Ort.
Draußen wartete Luvalaes auf uns. Wir stiegen auf die Pferde. Schweigend ritten wir zum Festplatz. Dort angekommen, zogen wir uns in unser Zelt zurück. Luvalaes dagegen verschwand in der Dunkelheit. Ich vermutete, dass er sich mit Eleanor traf. Ich lächelte leise, als ich daran dachte. Eleanor würde nie mehr von einem anderen Mann so geliebt werden. Über dreitausend Jahre Erfahrung sind nicht zu unterschätzen. Ich hatte selber einen Vorgeschmack in jener Nacht vor einem Jahr bekommen. Eleanor würde vermutlich ihr Herz verlieren. Aber sie war jung und ich dachte mir, trotz ihrer Jugend, der Liebe aufgeschlossener als ich.
Schlafen konnte ich nicht. Dafür war ich zu aufgewühlt. Im Schein eines kleinen Feuers las ich die Briefe meiner Familie. Anordil sah mir zu. Ich fing mit dem Brief meines Vaters an.
"Liebe Arwen, geliebte Tochter", las ich, "wenn du diesen Brief in der Hand hältst, sind wir tot. Nie hätte ich gedacht, dass es soweit kommen könne. Alles fing harmlos an. Du erinnerst dich, dass ich mich auf dieses Forschungssemester gefreut hatte. Doch jetzt sitze ich hier an meinem Schreibtisch und wünschte, ich wäre nie aufgebrochen. Ich habe in meinem Leben oftmals viel zu wenig Zeit mit meiner Familie verbracht. Jetzt wünschte ich mir die Zeit, doch ich werde sie nicht mehr haben. Ich bereue zutiefst, was ich getan habe. Aber ich kann die Uhr nicht mehr zurückdrehen. Ich kann nur nach vorne schauen und auf ein Wunder hoffen. Wir alle drei sind darin übereingekommen, möglichst dich zu schützen. Dir eine Chance zu geben. Auch Ewan versucht zu überleben. Für deine Mutter und mich ist es zu spät. Unser Todesurteil steht fest. Egal was geschieht, wir werden auf jeden Fall den Preis meiner Neugier zahlen müssen. Geliebte Tochter. - Ich ließ dich einst auf den Namen Arwen taufen. Frei nach Arwen Undómiel, dem Abendstern aus Tolkiens Erzählungen. Du bist unser Abendstern. Strahlend, schön und rein. Mögen die Götter der alten Kelten dich beschützen, denn Gott im Himmel tut es nicht mehr. Selbst wenn ich Unglück über dich gebracht haben sollte, bitte verzeih' mir. Bitte erinnere dich an mich. Dein dich liebender Vater."
Schon nach den ersten Zeilen standen mir die Tränen in den Augen. Immer wieder wischte ich sie fort, um weiterlesen zu können. Aufgewühlt nahm ich den Brief meiner Mutter.
"Geliebte Tochter, mögen die Götter dich schützen. Für deinen Vater und mich wird es keine Hilfe mehr geben. Wir werden den Preis seiner Neugier zahlen. Doch für dich, meine Tochter, wie auch für Ewan, bete ich zu Belenus, zu Lugh und zur Großen Mutter Brigid, dass sie euch beschützen mögen. Bei Patrick O'Reilly habe ich das meiste, was von Wert war, gelagert. Frage ihn um Rat, wenn du nicht weiter weißt. Er stammt, wie wir, aus der gleichen keltischen Blutlinie. Damit ist er dem Blut verpflichtet. Für uns gibt es keine Hoffnung mehr. Ich habe die Runen befragt. Sie sagten mir den Tod voraus. Dies sind meine letzten Worte an dich. - Denke immer daran, wer du bist. - Lass dich nicht unterkriegen. - Kämpfe, wenn es sein muss! Töte, wenn es nötig sein sollte! - Ich bete für dich, geliebte Tochter. Ich bete, dass der Kelch an dir vorbei gehen mag. Ich bete, dass du in deinem Leben die Liebe finden wirst. So wie ich sie in deinem Vater gefunden hatte, vor so vielen Jahren. In der Anderswelt werden wir uns wiedersehen. Wir werden dort auf dich warten. Viel Glück auf deinem Weg und mögen die Götter dich schützen. Behalte uns in Erinnerung. Ich trage dich in meinem Herzen, deine Mutter."
Tränen liefen mir über das Gesicht. Ich schämte mich ihrer nicht. Anordil hielt mich tröstend im Arm. Ganz leise sang er mir elbische Lieder ins Ohr. Seine Stimme hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. Als letztes nahm ich den Brief meines Bruders. Er hatte ihn, wie immer, in Sindarin geschrieben. Die Tengwar-Zeichen waren schwungvoll und flüssig.
"Gen suilon, niben thêl,
ae cennithach hen bith, ú-veriathon deved gen. I lû nin dollitha aen. Adar mîn echuia lorant lhûg. E a naneth mîn vabathar bo emairth rîn. Úthar bâd chiro ammen bronad. Nan ingon nin, dan hen lhûg, darthatha chan dofn úthaes. Boe útham chan er-chared. Harthon ed-'aritham deved ed-bent. Man ú-istach, devich ú-gaul. Mae renin nin bo io anann dílin mîn. - Rochben a arwen. - Gollor a maethor. - Dan hi tollen i lû, ias boe vabon vanadh en rochben nîn. Ú-vae mathon. Iston ú-vronathon. Sirarad han ú-anna erphin. Si ben vrona, i ellint. A ú-iston, im ellint. Egro im daged ben. Harthon ae i hûl annatha nîn, han bado lint.
A harthon, i ú-moe 'enin 'ûr lîn. Pedon na rodyn, i veriathar gen, tithen tinu. Im canad idhrinn bo nostor gîn. Renithon uireb erin vinui henn dírannen nedin rainc naneth mîn. Cennin na anwar or chen tithen adan. Tiriannen hen dithen man caedant ennas. Na hen lû 'westannen uireb veriad gen. Sirarad iston, i hen ú-benia nin. Padon râd gen. Maetho, ae mboe a dago, ae i vaur han benia. Ú-dano i faelas hyn a an ubenn tanatha le faelas gen.
Brono bo hannas. Harthon, ir iaur rodyn veriatham gen. Pedithon na hain achen.
Namarië, niben thêl. Reniach nin.
Mi veleth, Ewan.
Ich grüße dich, kleine Schwester.
Wenn du diese Worte liest, werde ich dich nicht mehr beschützen können. Meine Zeit wird gekommen sein. Unser Vater weckte einen schlafenden Drachen. Er und unsere Mutter werden ihr Schicksal annehmen. Sie versuchen, einen Weg für uns zu finden zu Überleben. Aber ich denke mir, gegen diesen Drachen, wird es nur ein bescheidener Versuch bleiben. Wir müssen versuchen, es selber zu tun. Ich hoffe, wir werden dich aus der Geschichte heraus halten können. Was du nicht weißt, kann dich nicht belasten. Ich erinnere mich gut an unsere Spiele von einst. Ritter und Edelfrau. Magier und Kämpferin. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, wo ich wirklich meine Bestimmung als Ritter annehmen muss. Mir ist nicht wohl dabei. Ich weiß, dass ich es nicht überleben werde. Heute gibt es keine Ehrenmänner. Hier überlebt derjenige, der schneller ist. Und ich weiß nicht, ob ich schneller bin. Oder ich jemanden töten kann. Ich hoffe, wenn der Kelch bei mir angelangt ist, dass es schnell geht.
Und ich hoffe, dass ich nicht deinen Tod sehen muss. Ich bete zu den Göttern, dass sie dich beschützen, kleines Sternchen. Ich war vier, als du geboren wurdest. Ich werde nie den Moment vergessen, als ich dich das erste Mal im Arm unserer Mutter sah. So klein und zerbrechlich. Ehrfürchtig sah ich auf dich kleinen Mensch. Ich betrachtete dieses kleine Wunder, was dort lag. Damals hatte ich mir geschworen, dich immer zu beschützen. Doch heute weiß ich, dass mir nicht bestimmt ist. Gehe deinen Weg. Kämpfe, wenn es sein muss und töte, wenn es nötig ist. Zeige ihnen keine Gnade, denn der Gegner wird dir auch keine zeigen.
Überlebe mit Verstand. Ich hoffe, die alten Götter werden dich beschützen. Ich werde für dich beten. Namarië, kleine Schwester. Vergiss mich nicht.
In Liebe, Ewan."
Irgendwann hatte ich keine Tränen mehr. Ich fühlte mich leer. Die Briefe legte ich sorgfältig zusammen, bevor ich sie in meinem Gepäck verstaute. Die Briefe, die an Ewan gerichtet waren, öffnete ich nicht. Ich warf sie ins Feuer. Mit Trauer im Herzen sah ich zu, wie sie langsam verglühten. Meine Augen brannten von den vielen Tränen. Anordil hielt mich fest in seinen Armen. Sacht wiegte er mich und summte mir Melodien ins Ohr. Ich kuschelte mich in diese tröstende Umarmung. Tief atmete ich seine Nähe. Ihm haftete ein Geruch nach Wald und Moos an. Nach einer Weile schlief ich vor Erschöpfung ein.
Luvalaes kehrte kurz vor der Morgendämmerung ins Zelt zurück. Mit einem Ohr hörte ich ihn. Den leichten Schlaf hatte ich mir in Mittelerde antrainiert. Anordil erwartete ihn bereits. Sie würden wach bleiben. Als Elben benötigten sie den Schlaf nicht. Ich spürte, wie Anordil mich betrachtete.
"Han charna nin, i vroniant ned neth idhrinn anrim - es tut mir weh, dass sie in jungen Jahren so viel ertragen musste", sagte er zu seinem Bruder. "Rim milich e, Anordil. Han tirion. – Du liebst sie sehr, Anordil. Ich habe es bemerkt", erwiderte er. Um ein Haar hätte ich mich bewegt, so überrascht war ich. Ich hatte zwar geahnt, dass Anordil mir gegenüber Gefühle hegte, aber wie sehr, dass war mir bis jetzt verborgen geblieben. "Hast du vorhin in der Höhle auch die Magie wahrgenommen?", fragte Anordil seinen Bruder, "es ist ein sehr starkes Feld dort vorhanden. Doch es scheint nicht nach Mittelerde zu führen. Ich spürte etwas anderes, als wäre es ein Zeittor." "Ähnliches habe ich auch gefühlt", stimmte Luvalaes ihm zu, "was ist dort unten geschehen?"
"Patrick brachte ihr verschiedene Kisten", berichtete Anordil, "die erste war eine kleine, und sie enthielt wohl die Antwort auf Arwens Frage nach dem Warum. Sie wurde bleich, als sie die Schriftrolle las. Aber mit keinem Wort erwähnte sie den Inhalt. - Ich habe sie auch nicht danach gefragt. Es ist ihre Entscheidung. Sie bat Patrick diese sorgfältig zu verbergen. Danach war sie gelöster. Sie sah noch in eine andere Kiste hinein und entnahm ein paar Gegenstände. - Unter anderem diese." Er hielt Luvalaes die beiden Amulette hin. Einige Minuten herrschte Stille.
"Es sind starke Amulette", sagte Luvalaes, "aber inaktiv." "Sie schenkte sie mir", erwiderte Anordil, "ich möchte sie aufladen. Doch alleine fehlt mir die Kraft dazu. Du bist eher in der Lage Amulette zu aktivieren, als ich." "Ich werde dir helfen, Anordil. Es wird zwei oder drei Nächte dauern. Wir brauchen dafür auch einige Dinge. Morgen werden wir sehen, ob wir diese hier erstehen können oder ob wir bis Mittelerde warten müssen." Sie schwiegen. Ich hörte, wie Schwerter gezogen wurden und das Rascheln von den Rucksäcken, die geöffnet wurden. Die beiden Elben pflegten ihre Waffen. Ich nahm mir vor, dies morgen auch zu tun. Meine Schwerter konnten auch eine Politur vertragen.
Als ich erwachte, fühlte ich mich total ausgebrannt. Ich wusste jetzt, warum meine Familie sterben musste und ich hatte ihre letzten Briefe gelesen. Das alles stimmte mich traurig. Trotzdem beschloss ich, den Tag ein wenig zu genießen. Das Leben ging schließlich weiter. Die Elben waren wohl schon zum Bogenschießplatz gegangen. Sie wollten sich mit den beiden jungen Männern aus Deutschland am Schießplatz treffen. Sie hatten mich schlafen lassen. Ich würde erst später am Tag dazukommen und meine Unterrichtsstunde mit dem Kampfstab abhalten.
In Patricks Haus wurde ich erwartet. Sinéad erzählte mir einige Neuigkeiten. Beim Frühstück beobachtete ich Eleanor. Sie machte einen äußerst glücklichen und zufriedenen Eindruck. Luvalaes schien seine Fähigkeiten gut ausgeschöpft zu haben. Ich lächelte in mich hinein. Sie verließ das Frühstück vor mir. Sie wollte sich mit den anderen Musikern treffen und das Repertoire für heute Abend durchsprechen.
Nach dem Frühstück schlenderte ich über den Festplatz und ließ mich von der gelösten Stimmung im Lager anstecken. Dabei übersah ich, dass ich eigentlich auf der Flucht war. Selbst den Elben war wohl der eine Mann entgangen, der mich unauffällig beobachtete. Allerdings wähnte ich mich zu sehr in Sicherheit. Das sollte sich rächen.
Ich schaute mir die Stände an. Es gab alles zu kaufen, was es zur Keltenzeit oder im Mittelalter zu kaufen gab. Zwischendurch sah man Gaukler und Musiker. Unter ihnen sah ich Eleanor. Heute war sie in Blau gewandet. An einigen Ständen präsentierten die Leute altes Handwerk, was heute nahezu in Vergessenheit geraten war. Von weitem konnte ich die Elben mit Ian zusammen an einem der Stände sehen. Sie schienen ein paar Dinge zu kaufen. Patrick hatte ihnen wohl heute früh Geld getauscht. Ich hatte ebenfalls einen meiner Edelsteine bei ihm eingetauscht. Bei einem Feldbäcker kaufte ich eine für mich selten gewordene Leckerei, Mandeltörtchen. Ich ließ es mir schmecken. Bei einem Gerber erstand ich einen neuen Miedergürtel und ein paar Lederbeutelchen. Wo ich dabei war, konnte ich mich mit neuem Schuhwerk ausrüsten. Meine waren doch arg durchgelaufen.
Dem Gerber fiel die Machart meiner Stiefel auf. "Diese Stiefel sind interessant gefertigt", sagte er zu mir, "wo habt ihr sie gekauft?" Ich sah ihn an und überlegte, was ich sagen sollte. Schließlich konnte ich ihm ja nicht erzählen, dass dieses Schuhwerk von Elben gefertigt worden waren. "Ich weiß nicht mehr, wo ich sie gekauft habe", antwortete ich ausweichend, "es muss irgendwo auf einem Event gewesen sein." "Wenn ihr erlaubt, würde ich sie gerne behalten und sie auseinander nehmen", fragte er mich. Seinem Dialekt nach zu urteilen, musste er vom Kontinent sein.
"Ich habe nichts dagegen", entgegnete ich, "ihr seid vom Kontinent?" Er nickte. "Ich bin Lorenzo Pallini aus Breschia in Oberitalien. Seit zehn Jahren ziehe ich jetzt von Markt zu Markt", stellte er sich vor, "und mir ist noch nie solches Schuhwerk untergekommen. Die Machart ist mir völlig unbekannt." Logisch, denn sie stammten aus Mittelerde. Wir tauschten ein paar Höflichkeiten aus. Danach ging ich weiter.
Einmal sah ich von weitem Pater Michael. Er schien jemanden zu suchen. Früher hatte ich oft bei ihm in der Pfarrei gesessen und über Gott und die Kelten diskutiert. Pater Michael war ebenfalls keltischer Abstammung. In manchen Dingen war das stark zu merken. Er selber war froh, dass er in der Abgeschiedenheit Shancahirs leben konnte. Hier konnte er zumindest seinem kirchlichen und seinem keltischen Glauben gleichzeitig frönen.
Mir fiel auf, dass er, seit dem ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, alt geworden war. Schütteres graues Haar kräuselte sich unter dem Priesterkäppchen. Sein Gesicht war faltiger geworden. Seine Gestalt ein wenig breiter. Er ähnelte jetzt noch mehr Bruder Tuck als je zuvor. Seine Soutane wirkte zerknittert, als ob er sie die ganze Nacht getragen hatte. Er wirkte übermüdet. Ich hatte keine Lust ihn in Verlegenheit zu bringen, obwohl ich mich gerne mit ihm unterhalten hätte, also verschwand ich unauffällig in der Menschenmenge.
Sinéad hatte mir gesagt, dass Fiona mit zum Schießplatz gegangen sei. Sie erzählte mir, dass Fiona regelrecht vernarrt war in Anordil. Anscheinend hielt sie ihn in ihrer kindlichen Phantasie für einen Engel. Sie wich ihm den ganzen Tag nicht von der Seite. Wo immer man Anordil sah, war Fiona nicht weit. Am Abend schlief sie wieder an seiner Schulter ein und er brachte sie zusammen mit Sinéad ins Bett. Danach lauschten wir ein wenig Eleanors musischen Künsten.
Sie war besser als gestern. Sie schaute Luvalaes im übrigen eindeutig an. So wie sie ihn anblickte, hätte ich meinen Kopf darauf verwettet, dass sie sich unsterblich verliebt hatte. Luvalaes schien ebenfalls Gefühle für sie zu hegen. Oder war das nur eine kleine Episode?
"Man ingach, Anordil? - Was meinst du, Anordil?", wisperte ich ihm zu, "ist es ernst mit den beiden oder eher ein kleines Abenteuer?" Er schaute mich prüfend an. "Ich denke, dass es ein Abenteuer ist", flüsterte er zurück, "Eleanor und mein Bruder sind nicht füreinander bestimmt. Für Eleanor werden es einige unvergessliche Tage und Nächte sein. Sie wird von nun an jeden Mann mit Luvalaes vergleichen. Aber sie wird irgendwann doch einen Menschenmann wählen. Ihre Zukunft liegt hier in dieser Welt. – Und für Luvalaes? - Nun, schöne Frauen haben es ihm schon immer angetan. Ich denke, dass ist mit ein Grund, warum er Barde geworden ist. Aber so gefühlsbetont, wie bei Eleanor habe ich ihn lange nicht mehr erlebt. Das letzte Mal ist knapp zweihundert Jahre her." Ich lächelte ihn an.
Seine Worte hatten mich wieder zum Nachdenken gebracht. Er hatte Recht. Eleanor würde jeden Mann mit Luvalaes messen und viele würden die Prüfung nicht bestehen. Als ich so in mich hinein horchte, musste ich feststellen, dass ich für Anordil ebenfalls mehr als nur freundschaftliche Gefühle empfand. Ich gönnte Eleanor die kommenden Nächte. In ein paar Tagen würden wir wieder aufbrechen und nach Mittelerde zurückkehren. Spät in der Nacht machten wir uns Richtung unseres Zeltes auf. Als wir vom Tanzplatz weggingen, war alles noch beim Alten.
Wir hatten unser Zelt jedoch nicht ganz erreicht, als Brian uns einholte. Er sah totenbleich aus. "Fiona", japste er nach Luft, "man hat Fiona entführt." Erschrocken sah ich ihn an. Wir kamen sofort mit ihm mit. Als wir bei Patricks Haus ankamen, sahen wir Sinéad in Tränen aufgelöst. Sie hielt mir einen Zettel hin.
"McGregor hat, was wir wollen", las ich, "morgen um Mitternacht bei McGregors Haus. Keine Polizei, kein Aufsehen oder die Kleine stirbt." Patricks Gesicht war versteinert. "Was sollen wir tun?", fragte Sinéad verzweifelt. "Zuerst einmal Ruhe bewahren. Wir haben jetzt knapp vierundzwanzig Stunden Zeit", sagte ich mit fester Stimme, "ich war zu leichtsinnig gewesen. Jemand muss mich erkannt und verraten haben." Ich schaute mich nach den Elben um und sah nur Anordil. "Luvalaes geht das Haus auskundschaften", sagte er ruhig, "ich möchte ihre Schlafstätte sehen. Vielleicht gibt es Hinweise." Seine Augen hatten einen harten kühlen Glanz. Sinéad brachte ihn zu Fionas Schlafplatz. Dort würde er sorgfältig jeden Quadratzentimeter untersuchen.
"Ian und Brian sollen herausfinden, ob sich weitere Störenfriede hier aufhalten", sagte ich zu Patrick. Seine Söhne nickten und verschwanden in der Dunkelheit. Sie würden unauffällig das gesamte Lager durchsuchen.
"Es tut mir leid", sprach Patrick zu mir, "wir haben nicht gut auf sie aufgepasst." Seine Stimme war voller Schmerz. Ich schüttelte energisch den Kopf. "Jetzt rede nicht so einen Unsinn, Pádraig. Ihr habt Fiona bis heute gut gehütet. Sie ist eine wundervolle kleine Person geworden. Ihr habt ihr das gegeben, wozu ich nie in der Lage gewesen wäre. Wärme, Liebe, Geborgenheit. - Seht sie euch an", widersprach ich ihm, "sie ist in jeder Hinsicht eure Tochter, wenn sie auch nicht von eurem Blut ist. Und doch hat sie das alte Blut unserer Blutlinie in sich. Damals war ich verzweifelt. Ich hätte sie abgetrieben, wenn meine Mutter mich nicht gehindert hätte. Aber sie hatte Recht. Es sind zu wenige vom altem Blut übrig, als dass man nur eine einzige davon opfern könnte. Und sie ist ein wundervolles Kind geworden. Wir werden sie zurückholen. Wir haben Krieger vom Alten Volk auf unserer Seite, dass wissen die Entführer nicht und es wird eine bitterböse Überraschung für sie werden."
Patrick atmete tief durch. Dann nickte er. "Ich werde zu Pater Michael gehen. Vielleicht weiß er etwas darüber, was uns weiterhelfen kann", sagte er, "auch wenn er ein Mann der Kirche ist, ist er doch einer von uns. Wusstest du, dass seine Blutlinie fast so alt ist, wie die deine? In seiner Familie gab es mehr Druiden, als es der Kirche lieb sein dürfte." Ich wusste es, denn meine Mutter hatte mir die Ahnenreihen erklärt. Von jedem im Dorf, der altes Blut in den Adern hatte, kannte ich die Ahnenreihe und meine war ihnen bekannt. Ohne eine Antwort abzuwarten ging Patrick hinaus in die Dunkelheit.
Anordil kam mir entgegen. "Ich habe dies an ihrer Lagerstatt gefunden", sagte er leise. Er hielt mir einen Anstecker entgegen. Das Symbol der Inquisition glitzerte mir entgegen. "Die Kirchenmänner haben wieder zugeschlagen", hauchte ich entsetzt, "sie haben meine Familie getötet. Sie dürfen Fiona nichts tun!" Verzweifelt blickte ich Anordil an. "Leithiatham e, ú-osto - wir werden sie befreien, keine Angst", flüsterte er mir zu, "iell lîn ú-garutha lhîw - deiner Tochter wird kein Leid geschehen." Überrascht blickte ich ihn an. "Bedithon bo ú-beth ... - ich habe mit keinem Wort erwähnt..." "Du unterschätzt die Augen eines Elben. Eure familiäre Ähnlichkeit ist offensichtlich und den Rest konnte ich mir, aufgrund deiner Geschichte, denken." Er lächelte mich an.
Unerwartet bekamen seine Augen auf einmal einen leeren Blick. Es sah aus, als wäre er von einem Augenblick zum anderen in Trance gefallen. Bereits mehrmals, in der Zeit wo ich ihn kannte, war mir dies aufgefallen. Das dauerte einige Sekunden und auf einmal war er wieder da. "Luvalaes", sagte er erklärend, "tiriach i adab. Fiona han matha. Gador dîn nedin ham gaw. Pen gar tafnen i chenneth na vain. Cenn canad bin. - Er beobachtet das Haus. Fiona geht es gut. Sie ist in einem der oberen Räume eingesperrt. Man hat das Fenster mit Brettern verriegelt. Vier Männer hat er gesehen." Verwirrt schaute ich ihn an. "Unter Blutsverwandten meines Volkes kommt es häufiger vor, dass man durch Magie verstärkt in der Lage ist, Gedanken auszutauschen", erklärte er mir.
Die Nacht verging. Die Stimmung war gedrückt in Patricks Haus. Ian und Brian hatten keine Kirchenmänner mehr aufgespürt. Der Festplatz schien demzufolge sauber zu sein. Patrick hatte aus dem Hort die versiegelte Rolle geholt. Vielleicht würden sie auf die Kopie hereinfallen. Er konnte außerdem bei Pater Michael einiges in Erfahrung bringen.
Dieser hatte durch seine Blumenfeen von meiner Ankunft erfahren. Sie erzählten ihm, dass das Tor an Brigids Kultstätte sich wieder geöffnet hätte. Er wäre erleichtert gewesen, dass ich lebte. Dann waren gestern gegen Abend fünf Männer des Vatikans bei ihm erschienen. Er hätte zufällig mitbekommen, dass die Männer durch einen Alarm her gelockt worden wären. Irgendwas war im McGregor-Haus versteckt, dass sie alarmiert hatte. Er habe Patrick warnen wollen, aber keine Möglichkeit dazu erhalten. Die Kirchenmänner hätten ihn nicht aus den Augen gelassen. In der Nacht waren sie dann plötzlich verschwunden. Nur einer war zurück geblieben. Allerdings verschwand dieser später, nachdem er angerufen worden war.
Anordil berichtete, dass Luvalaes vier Männer als Bewachung gesehen habe. Ein fünfter sei gegen Morgen dazugekommen. Er schien dem Gebaren nach der Wortführer zu sein. Fiona würde es gut gehen. Sie habe Angst, aber ihr würde nichts fehlen.
"So, was nun?", fragte ich in die Runde, "hat jemand einen konstruktiven Vorschlag für die weitere Vorgehensweise?" Ian schaute mich hart an. Seine Züge waren versteinert. "Wenn es nach mir ginge", er hielt inne und räusperte sich kurz, "würde ich das Haus stürmen und die Leute beseitigen." Er brachte das, was ich dachte auf einen Punkt. Schockiert sah Sinéad ihn an. So drastisch hatte sie ihren Sohn noch nie erlebt. "Ich meine", fuhr er fast entschuldigend fort, "sie haben soviel Blut vergossen, – Blut unserer Blutlinie – dass sie dafür bezahlen müssen. Sie sind sowieso Killer. Es ist ihr Berufsrisiko selber getötet zu werden." Ohne Regung sah ich zu ihm herüber. Die Zeit in Mittelerde hatte mich in dieser Hinsicht geändert.
"Deinem Vorschlag kann ich nur zustimmen. Denn dasselbe hatte ich auch gedacht", stimmte ich ihm mitleidlos zu, "aber wir sollten relativ lautlos zu Werke gehen. - Brian, Ian, wie steht es mit euren Bogenkünsten?" Brian sah mich stolz an. "Voriges Jahr habe ich die Meisterschaft gewonnen. Ich könnte mir denken, dass nur deine beiden Weggefährten besser sind als ich", verkündete er mit erhobenem Haupt. Anordil musterte ihn und nickte beifällig. Er stand emotionslos im Halbschatten, doch in seinen Augen glitzerte es eiskalt. Ich kannte diesen Blick.
"Aber ihr könnt doch nicht einfach irgendwelche Leute töten!", fuhr Sinéad entsetzt dazwischen. Kalt sah ich sie an. "Doch, Sinéad", entgegnete ich und hatte Mühe meine Gefühle unter Kontrolle zu halten, "diese Männer würden dasselbe tun. – Ohne zu überlegen. – Sie haben meine Familie getötet! Und nun wollen sie Hand an Fiona legen. Niemals lasse ich das zu!! – Glaubst du allen Ernstes sie würden sie am Leben lassen? – Oder mich? – Oder dich und deine Familie hier? – Sobald sie haben, was sie wollen, werden sie uns alle töten. – Wir wissen zuviel. – Alle hier in diesem Raum. - Auch wenn ihr eigentlich nichts wisst. - Daher müssen sie sterben." "Ich pflichte dir bei", hörte ich Patrick mit eisenharter Stimme sagen, "wenn das, was sie suchen, tatsächlich so wertvoll ist, dass der Vatikan dafür Killer ausschickt, so dürfen wir nicht zögern unser Leben und das unserer Lieben zu verteidigen. – Bringt mir Fiona gesund wieder. Das ist alles, was ich möchte." Damit war es besiegelt.
Gegen Nachmittag brachen wir zu Pferd auf. Bewaffnet nur mit Bögen und Schwertern. In der Dämmerung trafen wir an der alten Eiche ein. Von hier aus gingen wir zu Fuß weiter. Wir schlichen bis an den Rand des Waldes. Wie ein Schatten tauchte Luvalaes plötzlich neben uns auf. Brian und Ian zuckten zusammen.
"Alles ruhig", sagte er gedämpft, "ich konnte sogar mit Fiona sprechen. Ihr geht es gut. Sie hat zwar Angst, aber ist tapfer. Die Leute, die sie bewachen, sind nicht besonders aufmerksam." Geringschätzung sprach aus seinem letzten Satz. Wenn Fiona älter gewesen wäre, hätte er das Haus wahrscheinlich im Alleingang genommen. Das wäre arg blutig geworden. Ich erinnerte mich, wie Luvalaes von seinem letzten Kampf um den Torstein berichtet hatte. Völlig emotionslos hatte er ein Massaker an einer Gruppe Orks beschrieben, dass es mir kalt über den Rücken lief. Elben waren fürchterliche Kämpfer, denn es gab nichts, dass sie in Angst versetzen konnte. So schön sie aussahen, so grausam konnten sie sein, wenn es notwendig war. Ich hatte selber einen Kampf zwischen Luvalaes und einigen Orks erlebt. Es schauderte mich, wenn ich daran dachte.
Wir würden bei der Übergabe zuschlagen. Aufmerksam beobachteten wir das Haus. Ein Geländewagen stand einsam in der Auffahrt. Zwei Wachen waren draußen zu sehen. Sie wechselten stündlich. Drei müssten demzufolge im Haus sein. Niemand hatte das Gelände verlassen. Niemand war dazu gekommen. Kurz vor Mitternacht bezogen wir unsere Posten. Ich legte meine Waffen, bis auf den Dolch und den Kampfstab, ab. Luvalaes und Anordil huschten zum Haus hinüber. Sie bewegten sich wie Schatten. Anordil kletterte auf das niedrige Dach des Anbaus und Luvalaes verschwand hinter dem Brunnen. Ian und Brian würden vom Waldrand aus Feuerschutz geben.
Ich sah, wie Anordil wie eine Katze auf das Dach des Anbaus kletterte. Ein paar Sekunden folgte ihm mein Blick, bevor ich mich auf die Eingangstür konzentrierte. Es war kurz vor Mitternacht, als ein Mann aus dem Haus kam. Seinem Gebaren nach musste es der Anführer dieser Gruppe sein. Die beiden Wachtposten sicherten jetzt zu den Seiten mit locker gehaltenen Maschinenpistolen. Der Mann hatte keine Waffe in den Händen. Lässig und arrogant stellte er sich in den Hof. Ich erkannte in ihm denjenigen, der meine Familie getötet hatte.
"McGregor, wir warten!", rief er in die Dunkelheit. Ich schüttelte nur mit dem Kopf. Das wollten Profis sein? Sie wurden von hinten hell erleuchtet durch die Fenster und Türen. Damit boten sie ein perfektes Ziel. Sie mussten sich äußerst sicher sein. Ian und Brian nickten mir zu. Sie hatten ihre englischen Langbögen gespannt.
Ich trat aus dem Schatten der Bäume und ging vor. "Männer der Kirche sollten nicht mit Menschenleben spielen", sagte ich sarkastisch. Der in der Mitte winkte mich heran. "Leute, die totgesagt sind, sollten nicht so große Töne spucken", sagte er süffisant, "wo ist die Schriftrolle?" Wortlos hielt ich die versiegelte Rolle aus dem Hort hoch. "Hier ist sie", sagte ich, "wo ist Fiona?" "Zuerst die Rolle", wies er mich an, "schön hinlegen und drei Schritt zurück."
Nachdem ich der Anweisung gefolgt war, winkte er einen von seinen Männern, die Rolle aufzuheben. Dieser tat es langsam und vorsichtig. "Bringt das Mädchen", rief er zum Haus. Doch von da kam keine Antwort. Hatte ich auch nicht erwartet. "Sieh nach was da los ist", wies er einen von den anderen an. Der näherte sich vorsichtig der Tür und ging hinein. Dann war er plötzlich schnell wieder draußen.
"Sie sind tot!", brüllte er und riss seine Maschinenpistole hoch. Doch bevor er abdrücken konnte, brach er tot zusammen. Er war mit drei Pfeilen gespickt. Der zweite versuchte in Deckung zu gehen, schaffte es aber nicht. Er hatte sich ungünstigerweise dafür den Brunnen ausgesucht. Hier wurde er von Luvalaes in Empfang genommen. Die Maschinenpistole half ihm nicht gegen die Schnelligkeit des Elben. Der Wortführer hatte sich auf mich gestürzt. Zu seinem Leidwesen war ich nicht mehr das junge unerfahrene Mädchen, dass ich einstmals war.
Kaltblütig wehrte ich ihn ab. Mit einem harten Gegenschlag brach ich ihm den linken Arm. Überrascht brüllte er auf. "Für meinen Bruder", sagte ich eisig. Mit der rechten Hand zog er eine Pistole hervor. Doch bevor er abdrücken konnte, brach ich ihm den rechten Arm, was mit weiterem Schmerzgeheul quittiert wurde. Die Pistole flog in hohem Bogen davon. "Für meinen Vater", zischte ich. Er sah in meinen Augen seinen Tod. Panik breitete sich in seinem Gesicht aus und er versuchte zu fliehen. Mit zwei gezielten Schlägen brach ich ihm die Beine. Wie ein nasser Sack sank er mit einem unmenschlichen Aufschrei zu Boden. "Für meine Mutter." Jetzt trat ich nah an ihn heran. Die Schmerzensschreie verstummten. Hektisch atmete er. "Es ist einfach Unschuldige zu quälen und zu töten, weil es einem selber nicht weh tut", sagte ich eiskalt zu ihm, "doch wie fühlt es sich an, wenn man selber das Opfer ist?" Entsetzen sprach aus seinem Blick. Ich hob den Kampfstab und schlug zu. Mit einem sauberen Knack brach sein Genick. Seine Augen wurden glasig.
Luvalaes stand am Brunnen mit locker gespanntem Bogen. Jetzt senkte er ihn ab und steckte den Pfeil zurück in den Köcher. Ohne ein Wort zu sagen, wandte ich mich dem Wald zu. Ian und Brian kamen hinter den Bäumen hervor. Sie waren leicht bleich geworden. "Wir werden hier aufräumen", sagte Ian zu mir, "Anordil ist mit Fiona zur alten Eiche vorgegangen. Reite mit den beiden zurück. Das hier dauert ein Weilchen." Ich nickte nur stumm.
Er sah mich besorgt an. "Alles in Ordnung?", fragte er mich. "Ja, Ian", antwortete ich müde, "jetzt ist alles in Ordnung."
"Noch eine Frage, Arwen. Dürfen wir, wenn nötig, das Haus abbrennen?" Abbrennen? Das Haus meiner Mutter? Es stand schon viele hundert Jahre. Das Anwesen war seit Urzeiten in Familienbesitz und das Haus mehrfach ein Raub der Flammen geworden. "Ja, alles was von Wert oder erinnerungswürdig ist, befindet sich im Hort", sagte ich nach kurzer Überlegung. Mit dem Niederbrennen des Hauses würde ich mich endgültig aus dieser Welt verabschieden. Ich blickte einmal kurz zurück.
Das Haus sah anheimelnd aus, so wie es sich in die Dunkelheit schmiegte. Hell erleuchtet waren Fenster und Tür. Sie strahlten eine Wärme aus, die jedoch hier nicht mehr herrschte. Stattdessen hatten Kälte und Tod die Herrschaft übernommen. Dies passte nicht in das Bild von Wärme und Geborgenheit, an die ich mich erinnerte, wenn ich zum Haus hinüber sah. Erinnerungen stiegen in mir auf. Erinnerungen an glücklichere Tage.
Von weitem hörte ich Kinderlachen. Ein fernes Echo aus der Vergangenheit. Ich erinnerte mich an so vieles. Den Duft von Ingwerplätzchen, regennasses Moos auf der Fensterbank, der Geruch von Mums Parfüm, die Flecken von Erde auf Ewans Hosen und das Knarren der Bodendielen in Dads Arbeitszimmer. Bald würde dies in den reinigenden Flammen des Feuers vergehen. Zurück blieben nur Erinnerungen. Tränen liefen über mein Gesicht. Ich schämte mich ihrer nicht. Rasch wandte ich mich ab und verschwand im Wald.
Von weitem konnte ich eine kleine Flamme sehen. Von der Farbe her, war es ein magisches Feuer, dass dort brannte. Anordil saß mit Fiona davor. Er wiegte sie in seinen Armen und sang leise eine elbische Weise. Erschrocken trat ich hinzu. Doch jetzt sah ich, das sie schlief.
"Ú-charnen hen - sie ist unverletzt", sagte Anordil leise zu mir, "sie haben sie nicht berührt." Erleichterung breitete sich in mir aus. "Luvalaes und ich hatten uns dazu entschlossen, sie so unbemerkt wie möglich aus dem Haus zu holen. Ist ja auch gelungen. - Ich habe sie gefragt. Sie hatte nur Angst vor den Männern. Sie waren ein wenig grob, aber ansonsten haben sie ihr nichts getan. Die blauen Flecke habe ich geheilt. Ihre Angst konnte ich nicht ganz vertreiben. Aber ich habe ihre Erinnerung gelöscht. Jetzt schläft sie. Wenn sie aufwacht, wird sie sich nicht mehr an den Tag und die Nacht erinnern." Dann berichtete er mir, was sich zugetragen hatte.
"Du hast vermutlich bemerkt, dass ich auf das Dach geklettert bin", schilderte Anordil mir sein Handeln, "Luvalaes hatte mir gesagt, wo ich Fiona finden könne. Nach dem ich niemanden bemerkte, öffnete ich das Fenster und schlüpfte ins Haus. Ich erkannte den Raum als das Arbeitszimmer deines Vaters. Aus der Erinnerung rekonstruierte ich die Zimmerfolge in diesem Stockwerk." Erstaunt sah ich ihn an, er musst ein fotografisches Gedächtnis haben, da er die Räume nur ein einziges Mal gesehen hatte. „Drei Auren konnte ich erspüren. Eine davon musste Fionas sein. Von den anderen entfernte sich eine. Im Flur war niemand zu sehen. Aus dem einen Zimmer am Ende des Flures hörte ich eine laute Männerstimme, die Fiona anschrie. Dem folgenden Geräusch nach muss er sie auch geschlagen haben." Seine Stimme wurde kühl.
„Als ich die Tür öffnete, konnte ich den Mann mit dem Rücken zu mir sehen", fuhr er fort, „Fiona lag zusammengekauert in einer Ecke und hatte die Arme vor den Kopf genommen, als ob sie Schläge abwehren wollte. Sie wimmerte leise." Für einen Sekundenbruchteil blitzte es in seinen Augen eisig.
„ - Ich habe den Mann angesprochen. Als er mich angreifen wollte, tötete ich ihn mit dem Dolch." Erschrocken wollte ich ihn unterbrechen, aber er deutete mir mit einem Handzeichen zu schweigen.
„Fiona hat nichts mitbekommen", beruhigte er mich, „sie konnte den Toten auch nicht sehen, weil ich diesen verdeckte. Ich sagte ihr, dass sie auf meinen Rücken klettern solle und leise sein müsse. Im Flur habe ich noch einmal nach Auren gespürt. Eine war unter mir. Ich sah den Mann in einem der Zimmer stehen. Auch diesen beseitigte ich rasch, bevor ich mit Fiona aus dem Haus verschwand. Draußen waren keine zusätzlichen Wachen und die Übriggebliebenen konnte ich ruhig Luvalaes, Patricks Söhnen und dir überlassen. In der Sicherheit des Waldes kontaktierte ich kurz Luvalaes und begab mich auf den Weg zur Kultstätte. Dort erzählte Fiona mir, was geschehen war." Ganz sanft strich er über ihr Haar. „Ich versetzte sie in Schlaf, um sie heilen zu können", ergänzte er weich, „auch ihre Erinnerung sollte jetzt gelöscht sein."
Was er verschwieg, konnte ich mir dennoch zusammenreimen. Wir brachen auf. Anordil löschte das Feuer mit einer Handbewegung und trug Fiona zu den Pferden. Wir ritten durch die Nacht. Ich war erleichtert, dass alles für uns so glimpflich ausgegangen war.
Weit vor der Morgendämmerung erreichten wir das Lager. Patrick und Sinéad waren wach. Anordil trug Fiona ins Haus. Vorsichtig legte er sie auf ihre Schlafstatt. Danach erklärten wir den beiden was geschehen war. "Ian und Brian werden die Leichen vermutlich im Hort entsorgen. Da gibt es eine tiefe Spalte, die bis in die Lavaebene führt", sagte Patrick, "man wird sie nie finden. Das Haus wird man erst morgen finden bzw. das Dorf am anderen Ende der Ebene wird den Feuerschein sehen. Ihr solltet bei Tagesanbruch in den Wäldern sein. Es werden Polizisten kommen und jede Menge Fragen stellen. – Wer mir allerdings ein wenig Sorgen macht, ist Pater Michael. Er ist zwar vom alten Blut, aber er ist gleichermaßen der Kirche verpflichtet."
Anordil sah Patrick mit einem feinen Lächeln an. "Wenn ihr erlaubt, werde ich mich darum kümmern", sagte er, "er dürfte für Magie empfänglich sein. Ich werde seine Erinnerung löschen, so wie ich es bei Fiona getan habe." "Gut, ich werde euch begleiten", sagte Patrick. "Ich sollte mitkommen", sagte ich, "Pater Michael wird mir Glauben schenken, wenn er sieht, dass ich lebe." Patrick nickte zustimmend. Gemeinsam verschwanden wir in der Dunkelheit.
Von weitem konnte ich das erleuchtete Pfarrhaus sehen. Der Garten schien in ein eigenartiges verhaltenes Flimmern getaucht. Es war mir vorher nie aufgefallen. "Ich spüre Magie", wisperte Anordil mir zu und deutete auf den Garten. "Das müssen die Blumenfeen sein", flüsterte ich zurück. Patrick führte uns zur Eingangstür und klingelte. Nach ein paar Minuten hörten wir jemanden von drinnen.
"Wer um Gottes Namen klingelt denn morgens um drei?", polterte eine nicht mehr ganz nüchterne Stimme. "Pater Michael, mach die Tür auf!", polterte Patrick zurück, "und das schnell!" "Donner und Blitz, O'Reilly", hörten wir beim hastigen Zurückschieben der Riegel, "komm rein, bevor dich einer von den Kerlen sieht." Währenddessen ging die Tür auf. Ein wirklich angetrunkener Pater Michael torkelte uns entgegen.
Er scheuchte uns hinein und schloss die Tür wieder sorgfältig. Dabei murmelte er einiges unverständliches Zeug vor sich hin. "Du bist ja nicht alleine", sagte er erstaunt. Sein Blick wanderte zu Anordil und mir. Plötzlich schoss die Erkenntnis durch sein umnebeltes Gehirn. "Oh, Gott sei Dank, du lebst, Arwen", stieß er hervor und umarmte mich heftig. Eine Fahne guten irischen Whiskys wehte mir entgegen. Dann betrachtete er Anordil. Er sah ihn kurz reglos an. Sekunden später rieb er sich die Augen und betrachtete ihn wieder.
"Bei Belenus und dem gehörnten Cernunnos", hauchte er, "jemand vom Alten Volk. Ich hätte nie zu träumen gewagt, einen vom Alten Volk zu treffen. Aber die Blumenfeen hatten mich gewarnt. Ich hätte besser auf sie hören sollen."
Schlagartig war er nüchtern. "Ich ahne, warum ihr hier seid", sagte er ernst und ging mehr taumelnd voraus ins Wohnzimmer, "bei mir waren wieder Männer der Kongregation für Glaubensfragen. Widerliche Kerle. Letzte Nacht waren sie endlich verschwunden. Der letzte von ihnen sah zufrieden aus. Aber das hatte ich dir schon heute morgen erzählt." Er sah uns der Reihe nach an. "Was wollt ihr hier?", fragte er mehr sich selber. Unvermittelt durchzuckte ihn die Erkenntnis. "Sie leben nicht mehr. Wenn du hier vor mir stehst, Arwen, sind die Männer tot. Habe ich Recht?" Ich senkte leicht den Kopf. "Ja, Pater Michael, ihr habt Recht", bestätigte ich ihn.
Rastlos wanderte er in dem kleinen Wohnzimmer herum. "Was wollt ihr hier?", wiederholte er seine Frage, "ihr müsst mich beseitigen, damit man mir keine Fragen mehr stellen kann. Damit der Tod der Männer nicht auffällt." Totenbleich sah er Anordil an. "Seid ihr hier, um mich zu töten?", fragte er leise. Anordil schüttelte den Kopf. "Es ist genug Blut geflossen für diese Nacht", sagte er mit seiner melodischen Stimme, "ich werde dir nur deine Erinnerung nehmen. Du wirst dich an die letzten zwei Tage nicht mehr erinnern können. Du wirst vergessen, das du Arwen gesehen hast. Und du wirst vergessen, dass du Besuch von diesen Männern hattest. Ich denke, dass ist ein geringer Preis für dein Leben." Pater Michael nickte erleichtert.
Er ging zum Schrank und öffnete dort eine Tür. Er holte eine halbvolle Flasche Whisky und ein Glas hervor. "Das ist wahrlich besser, als tot zu sein", murmelte er vor sich hin. Dann ließ er sich in einen Sessel fallen. Den Whisky und das Glas stellte er auf den Tisch. Dann schaute er sich noch mal um. "Oh, was bin ich unhöflich", schimpfte er plötzlich mit sich, "wollt ihr nicht ein Glas mit trinken?" Wir lehnten dankend ab.
Er goss sich das Glas voll bis an den Rand und leerte es in einem Zug. Danach sah er Anordil fest in die Augen. "Bitte, fangt an", forderte er ihn auf. Anordil stand locker im Raum. Er sah Richtung Fenster. "Ich kann die Feen spüren", sagte Anordil leise, "sie haben Angst um dich, Menschenmann. Sie wollen dich verteidigen. Du musst ihnen viel gegeben haben, wenn sie einen deiner Art so vehement schützen wollen." Er deutete hinaus. Dort konnte man vom Garten einen winzigen Lichtschein sehen, der näher kam.
Vor dem Fenster stoppte der Lichtschein. Anordil öffnete es. Herein schwebten einige wirklich winzige Wesen. "Du darfst ihm nichts tun!", hörte ich eine leise weiche Stimme, "er war immer gut zu uns und hat uns einen Ort zum Überleben gegeben." "Hör zu, kleine Fee", sprach Anordil zu dem Winzling, "ich habe nicht die Absicht ihm zu schaden. Er wird nur ein paar Stunden seines Gedächtnisses verlieren. Wenn dir wirklich etwas an ihm liegt, so sei still und schweige über die letzten beiden Tage und das, was du hier siehst." "Ich beobachte dich genau", wehte die Stimme wieder herüber, "wenn du ihm weh tust, tue ich dir weh!"
Ich sah, wie die winzige fliegende Frau sich in Positur warf und eine Art winzigen Speer hochhielt. Anordil wandte sich ab. Er schmunzelte mir zu. Ich hatte den Atem angehalten. Noch nie hatte ich die Blumenfeen gesehen, die bei Pater Michael im Garten hausten. Ich hatte sie immer für ein Hirngespinst gehalten. Doch jetzt hatte ich den Beweis.
Ich betrachtete die kleine Fee genauer an. Sie war vielleicht so groß wie meine Hand. Sie besaß ein Paar zarter Flügel, die wie Schmetterlingsflügel wirkten, nur das sie beinahe durchsichtig waren. Blütenblätter waren ihre Kleidung. Bronzefarbenes lockiges Haar wurde von Blattfasern in einer kunstvollen Frisur gehalten. Einzelne Strähnen hatten sich gelöst. Sie umspielten das feine Gesicht. Große goldfarbene Augen blickten besorgt zu Pater Michael hinüber.
Dieser sah das fliegende Wesen liebevoll an. "Für diese kleine Dame würde ich sogar den Tod in Kauf nehmen", flüsterte er selig, "wenn die Kirche davon wüsste, würde ich nicht nur exkommuniziert, sondern man würde versuchen einen Exorzismus durchzuführen. Nun Herr Elb, worauf wartet ihr? Nehmt mir mein Gedächtnis und ich kann bei meinen Feen bleiben." Ruhig machte er es sich in seinem Sessel bequem.
Die Blumenfeen, außer der Sprecherin waren fünf weitere herein geschwebt, verteilten sich im Raum. Jede von ihnen sah ein wenig anders aus. Alle trugen Speere in den Händen. Die eine, die gesprochen hatte, schwebte näher heran und wedelte mit ihrem winzigen Speer. Anordil konzentrierte sich kurz. Dann sprach er Worte in einer fremden Sprache. Pater Michael fiel zusehends in Schlaf. Anordil setzte den Zauberspruch fort.
Nach einer Weile hörte er auf. Er nickte zufrieden. "Wir können jetzt gehen", sagte er, "der Mensch hier wird in einigen Stunden aufwachen und einen fürchterlichen Kater haben. Die letzten zwei Tage werden gänzlich aus seinem Gedächtnis gestrichen sein. Er wird sich an nichts erinnern." Die Blumenfee flog herbei und setzte sich bei Pater Michael aufs Knie. "Ich werde auf ihn aufpassen", wisperte sie selbstbewusst. "Ja, kleine Fee, wache gut über ihn. Er hat ein gutes Herz." Damit wandte sich Anordil zum Gehen.
Patrick hatte die ganze Zeit staunend daneben gestanden. Ungläubig sah er zu den Blumenfeen. Ab und zu rieb er sich die Augen. Selbst er hatte die Blumenfeen für einen Spleen des guten Paters gehalten. Doch jetzt musste er ihm Recht geben. Schließlich hatte er sie nun mit eigenen Augen gesehen. Nachdem wir uns von den winzigen Wesen losreißen konnten, folgten wir Anordil in die Dunkelheit.
Wir kehrten erst im Morgengrauen zum Haus zurück. Ian, Brian und Luvalaes kamen gleichfalls mit der Dämmerung. Wir sprachen kein Wort mehr über die vergangene Nacht, sondern holten unsere Sachen, bevor wir uns quer durch das Lager aufmachten. Wir gingen am Bogenschießplatz vorbei Richtung Wald.
Am Platz waren doch tatsächlich zwei junge Männer fleißig am üben. Ich erkannte sie als die beiden, die bei uns Unterricht hatten. Sie grüßten uns. Wir grüßten zurück und wollten im Wald verschwinden. Doch die beiden kamen hinterher. "Wohin führt euch der Weg?", fragte Bran. "Wir haben vom Veranstalter die Erlaubnis bekommen zwei Tage durch die Wälder zu streifen und zu jagen", antwortete ich schnell. "Dürfen wir euch begleiten? Wir würden gerne unsere Lektionen fortsetzen, wenn ihr erlaubt." Tjann schaute die Elben erwartungsvoll an. Ich schaute sie ebenfalls an. Sie nickten mir stumm zu.
"Also, gut", erwiderte ich, "ihr könnt uns begleiten. Holt was ihr benötigt. Wir werden am Waldrand zehn Minuten warten. Seid ihr dann nicht da, werden wir losziehen." Wie der Blitz spurteten die beiden los. Es vergingen keine zehn Minuten bis sie wieder da waren. Nun verschwanden wir im Wald. Dort würden wir die nächsten zwei Tage bis zum Lughnasad-Fest verbringen.
to be continued ...
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