Entscheidungen

Auf der Wanderung schossen wir für den Abend zwei Kaninchen und einen Fasan. Das war mehr als genug für uns fünf. Wir streiften ein wenig durch die Wälder, bis wir einen geeigneten Platz für unser Lager gefunden hatten. Eine kleine Lichtung, dicht mit Bäumen umstanden. In der Nähe konnte man den Flusslauf hören.

Hier hatten mein Bruder Ewan und ich oft als Teenager gelagert. Der Steinkreis, der die Feuerstelle markierte, war sogar noch da. Ewan hatte sich früher immer um solche Dinge gekümmert. Er war schließlich bei den Pfadfindern gewesen. Ich hatte damals darin keinen Sinn gesehen. Als ich die Lichtung sah, stiegen Erinnerungen in mir hoch.

Automatisch schaute ich nach den anderen Hinweisen. Diese hatte ich schnell entdeckt. Ewan hatte damals mit seinem Messer Tengwar-Zeichen in die Stämme von zwei Eichen geschnitzt. Jetzt waren die Zeichen mit Rinde verwachsen, aber lesbar. "Ewan a Arwen. Tâd ben îar - - Ewan und Arwen. Zwei vom gleichen Blut", las Anordil leise, "tâd or uireb 'arithar thanc dan ir îar. I 'ollor a i vess i vaetha. Nautha a car. - Zwei die auf ewig dem Blut verpflichtet sind. Der Magier und die Kämpferin. Einer denkt und einer handelt. – Dein Bruder liebte Sindarin. Er war wohl ein ehrenvoller Mensch. - ‚Der Magier und die Kämpferin'. Er scheint dich gut eingeschätzt zu haben. Mit ‚Magier' hat er sich selber bezeichnet?"

Tränen liefen mir über die Wangen. Ich wischte sie weg und nickte. "Mae, e uireb ben i nauthant. Han ú-beniant dîn vaethad, sui nin. - Ja, er war immer mehr der Denker. Es war ihm nicht bestimmt zu kämpfen, so wie mir", bestätigte ich, "allerdings ging er freiwillig zu den Pfadfindern, was ich nie verstanden hatte. Ich dagegen lehnte es ab. – ‚Der Magier und die Kämpferin', das waren zwei Spielfiguren, die wir gerne als Kinder annahmen." "Du vermisst ihn sehr", stellte er fest. Ich nickte stumm. Bilder aus meiner Kindheit zogen an meinem inneren Auge vorbei.

"Ja, sehr", antwortete ich nach einer Weile, "er gab mir stets Kraft und Mut. Nur durch ihn bin ich, was ich bin. Ewan hat immer die Kämpferin in mir gesehen." "Ich wäre ihm gerne begegnet", flüsterte Anordil mir zu, "du musst sehr stolz auf ihn gewesen sein." "Natürlich, denn er war mein Bruder", lächelte ich ihn an.

Die beiden jungen Deutschen hatten von diesem kurzen Wortwechsel nichts mitbekommen. Sie genossen sichtlich den Ausflug. Ich lächelte still in mich hinein. Sie würden trotzdem ihre heutigen Lektionen bekommen. Das wäre nicht mehr so spaßig. Wenn man müde war, machte man Fehler. Und diese Fehler führten unweigerlich zu blauen Flecken. Ich hatte es selber am eigenen Leib erfahren. Und so war es. Heute führten wir nur Schwert- und Kampfstabtraining durch. Aber das reichte den beiden schon. Es war später Nachmittag, als wir unser Lager bereiteten.

"Tjann, komme mit mir", sprach ich den jungen Deutschen an, "wir wollen Holz sammeln gehen für das Feuer." Er keuchte noch ein wenig. Schweiß rann in Bächen seine Wangen hinunter. Er wischte ihn mit einer Hand weg. "Dürfen wir das?", fragte er unsicher. "Natürlich, schließlich müssen wir unsere erjagte Beute auch garen", lachte ich zurück, "nun, komm, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit." Er stolperte hinter mir her. Ich zeigte ihm, was für Holz für ein Feuer geeignet war und was man besser liegen ließ. Nach einer Weile hatten wir genug für die Nacht zusammen.

Als wir am Lager eintrafen, war dieses fertig. Auf Laubaufschichtungen waren unsere Umhänge gebreitet. Der Rucksack unseres Gepäcks bildete jeweils das Kopfkissen. Ich zeigte Tjann, wie man ein Feuer ohne große Rauchentwicklung entzündete. Luvalaes hatte mit Bran in der Zwischenzeit unsere Beute gesäubert - gehäutet und gerupft - und ausgenommen. Jetzt steckten die Kaninchen und der Fasan auf Holzspießen, die über das Feuer ragten. Sie würden alleine vor sich her brutzeln. Ich war ein wenig unruhig. "Wir können auf die Braten auf passen", sagte Bran, "ihr wollt euch bestimmt erfrischen gehen." "Danke, Bran", entgegnete ich, "ich nehme euer Angebot gerne an." Anordil und Luvalaes waren bereits verschwunden. Vielleicht arbeiteten sie an den Amuletten. Ich ging in Richtung Fluss. Ich wollte Erinnerungen nachhängen.

In der Dämmerung zog leichter Nebel auf. Dieser tauchte den Fluss in eine unwirkliche Atmosphäre. In Gedanken war ich wieder Kind und tobte mit Ewan hier durch die Wälder. Nach einer Weile näherte sich mir Anordil. Lautlos wie ein Schatten setzte er sich neben mich. Wir saßen schweigend nebeneinander. So verstrichen einige Minuten.

"Han rim man vroniannech - es ist viel gewesen, was du ertragen musstest", sagte Anordil plötzlich leise auf Sindarin, "henio dîr in bith nin. Ú-íron dogin gen ned thang egro annon band cared man ú-velich. - Fasse deshalb meine Worte nicht falsch auf. Ich will dich weder bedrängen noch in irgendeiner Form zu etwas zwingen, was du nicht möchtest." Verwundert blickte ich ihn an. Ich wanderte jetzt über ein Jahr mit ihm als Kampfgefährten und kannte ihn einige Monate länger, doch so hatte ich ihn bisher nie reden hören.

"Cennin gen, sui eg harn a ú-chaeron i 'ûr úthannech bronad dan in yrch. Garnin i dhâf 'ovad gen bo bâd gîn o achassen adaneth an vagor edhellen. - Annon gen i guil chervess nin a ned Ennor. Garich ú-thang thar-nin. Aníron ú-er-vellon gen. Or nautho in bith nin. Man mabathach, aníron dambeth ned dâd oer. - Ich habe dich gesehen, wie du verwundet und dem Tode nah versuchtest, den Orks Widerstand zu bieten. Danach durfte ich die Verwandlung eines verängstigten Menschenmädchen in eine elbisch anmutende Kriegerin begleiten. - Ich biete dir ein Leben an meiner Seite und in Mittelerde. Du bist zu nichts verpflichtet. Ich möchte dir mehr als Freund sein. Überdenke meine Worte. Egal, wie du dich entscheidest, bitte ich in zwei Tagen um eine Antwort." Er erhob sich und verschwand im Wald. Überrascht über sein Angebot, schaute ich ihm nach. Eine Weile blieb ich nachdenklich sitzen, bevor ich mich zum Lager aufmachte.

Die beiden jungen Männer hatten in der Zwischenzeit das Nachtmahl fertig bereitet. Es duftete nach gebratenem Kaninchen und Fasan. Tjann hatte Stockbrot gemacht. Ich hatte vorhin auf der Wanderung ein paar Beeren gesammelt. Alles zusammen mundete vorzüglich. Nach dem Mahl saßen wir eine Weile um das Feuer herum. Ich zog meine Flöte hervor und spielte ein paar irische Lieder. Anordil und Luvalaes sangen einige Balladen in Sindarin, wozu ich sie auf der Flöte begleitete.

"Das hört sich ja an wie Sindarin", sagte Tjann unvermittelt. "Gälisch ähnelt Sindarin", antwortete ich schnell, "Tolkien hatte viele Anleihen in dieser Sprache gemacht. Beherrschst du Sindarin?" Er schaute mich an und nickte zögerlich. "Ein paar Brocken. Es ist schwierig, die Sprache aus dem Internet zu lernen, da es ja keine direkten Lehrer gibt." "Suilad anech", sprach ich ihn an, "bedin i-lam thindrim - ich spreche Sindarin." Verdutzt schaute er mich an. Er antwortete mir ein wenig holpriger. "Wo hast du es gelernt?", fragte er mich. "Von meinem Vater", antwortete ich, "er war Mitglied der Tolkien-Gesellschaft in England." Wir unterhielten uns jetzt eine Weile auf Sindarin. Bran beherrschte es ebenfalls leidlich.

Anordil und Luvalaes zogen überrascht eine Augenbraue hoch. "Sollen wir tatsächlich Sindarin sprechen?", fragte er auf Jerne, "hältst du das für eine gute Idee?" "Warum nicht?", antwortete ich ebenfalls auf Jerne, "Sindarin ist hier eine Kunstsprache, die kaum jemand beherrscht. Wenn jemand diese Sprache lernt, freut er sich über jede Gelegenheit sie mal anzuwenden. Und außerdem wissen die zwei ja nicht, dass das eure Muttersprache ist." Anordil lächelte verschmitzt. "Sen dîr, Arwen. Si beditham i-lam thindrim. – Dies ist richtig, Arwen. Sprechen wir ein wenig Sindarin." Bran und Tjann hatten erstaunt unseren kurzen Gedankenaustausch beobachtet. Gälisch oder Jerne schienen sie nicht zu beherrschen. Hätte mich auch sonst stark gewundert. "Nun denn, üben wir ein wenig Sindarin", sprach ich zu den beiden auf Sindarin. Angeregt unterhielten wir uns eine ganze Weile. Wir halfen mit Vokabeln aus, wenn die zwei nicht weiterkamen.

Unauffällig steuerten wir das Gespräch auf die Vergangenheit der beiden hin. "Wie seid ihr eigentlich zu den celtic-weeks gekommen?", fragte ich sie später auf Englisch, denn ich sah, dass ihnen die Köpfe rauchten.

"Das ist eine längere Geschichte. Im wirklichen Leben heiße ich Stefan Müller und bin Student der Wirtschaftswissenschaften in Heidelberg. Als Ausgleich für das Studium habe ich mir ein Hobby gesucht. Kommilitonen haben mich dann einmal zu einem Rollenspiel eingeladen. Ich habe danach Gefallen daran gefunden", erzählte Bran, der sich gemütlich zurücklehnte, "aber das reine Spielen am Wohnzimmertisch hat mir nach einer Weile nicht mehr gereicht. Ich bin zu Life-Rollenspiel-Events gegangen. Das hat mich so fasziniert, dass ich mich richtig in die Sache hineingekniet habe. Ich habe Seminare besucht, in denen man lernen konnte, wie man seine Kleidung, Rüstung usw. herstellt, was für Materialien man nimmt und so. Dann habe ich richtiges Schwerttraining besucht, weil ich mich in erster Linie für den Schwertkampf interessierte. Aber es ist schwierig und teuer gute Lehrer zu bekommen. Also ging das alles langsam vonstatten. Ich habe bei einem Event von den celtic-weeks gehört. Da die günstigerweise mit meinen Semesterferien zusammenfielen, habe ich mich direkt angemeldet. Ich war neugierig, ob man wirklich hier gute Lehrer findet und eine absolut gute Atmosphäre. Und ich muss sagen, man hatte Recht. Die celtic-weeks sind bis jetzt das beste Event, wo ich je war."

Tjann nickte bedächtig. Er saß im Schneidersitz und spielte grüblerisch mit Grashalmen. "Mir erging es ähnlich", fing er an, "allerdings habe ich mit dem Rollenspiel bereits in der Schule angefangen. Mein Name ist übrigens im wirklichen Leben Robert Schumann. Ich bin kein studierter Kopf wie Stefan hier, aber ich verdiene mein Geld redlich als Bäckergeselle. Während der Ausbildung habe ich das Rollenspiel als Ausgleich genutzt - einfach in eine fremde Welt zu flüchten. Ich habe meine Ausbildung zum Bäcker gehasst. - Nicht den Beruf an sich, sondern eher die Art und Weise, wie mit den Azubis umgegangen wird. Aber das nur am Rande. - Nach einer Weile bin ich zu Life-Events gegangen und habe mich richtig in dieser Szene verloren. Bei einem Event habe ich Stefan kennen gelernt. Ich glaube, wir haben gegeneinander gekämpft und später zusammen Würstchen gegessen. War auf alle Fälle spaßig. Nach einer Weile habe ich den Kampfstab als Waffe für mich entdeckt und den Bogen. Stefan konnte ich nach einigem Hin und Her überreden, ebenfalls mit dem Bogenschießen anzufangen. Aber da ist es wie mit dem Schwertkampf. Man findet selten gute Lehrer. Und wenn sie gut sind, sind sie teuer. Seit meiner Ausbildung bin ich eigentlich jedes Wochenende unterwegs. Wenn ich Freitags aus der Backstube komme, wechsle ich meine Kleider und bin ein anderer Mensch. Eigentlich arbeite ich die ganze Woche nur, damit ich am Wochenende leben kann. Bei einem Event auf der Ronneburg - dass ist eine Burganlage in der Nähe von Frankfurt - habe ich von den celtic-weeks erfahren. Ich war neugierig, weil ich so ein großes Event bisher nicht besucht hatte. Deshalb habe ich mich angemeldet. Meine Rollenspielgruppe meinte, ich wäre verrückt. Aber bis jetzt sind meine Erwartung bei weitem übertroffen worden." Ich lächelte sie an. Die beiden Elben hatten ohne mit der Wimper zu zucken zugehört. Für sie mussten die Zusammenhänge äußerst komisch wirken.

Ich hatte ihnen in der ersten Nacht hier viel über die celtic-weeks und die Leute, die hier anzutreffen waren, erzählt. Auch über die Rollenspieler hatte ich versucht, sie aufzuklären. Sie fanden es verrückt, dass sich Menschen trafen und anhand von Würfeln Kämpfe austrugen sowie Abenteuer erlebten. Aber das gehörte nun mal zu meiner Welt. "Ich bin hier in der Nähe aufgewachsen und mit dem keltischen Ursprung vertraut", sagte ich, "für mich sind die celtic-weeks nichts Neues. Für meine Freunde hier schon. Ich habe sie weit weg von zu Hause kennen gelernt und sie zum Besuch dieser celtic-weeks eingeladen. Und dieses Jahr sind sie besonders beeindruckend. Letztes Mal gab es die Palisade und die festen Häuser noch nicht. Es hat mich überrascht, wie schön das geworden ist." Unauffällig führten wir das Gespräch von uns persönlich weg, auf neutralere Gesprächsthemen. Gegen Mitternacht legten wir uns zur Ruhe. Aus Gewohnheit losten wir die Wachen aus. Die beiden jungen Männer erboten sich, auch Wachen zu übernehmen. Mir war nicht entgangen, dass Roberts Worte eine gewisse Sehnsucht enthielten.

Anordil sprach mich später bei unserer Wache darauf an. "Sen neth venn – Tjann egro Robert, sui ane esta – sen amar ú-amar dîn. - Dieser junge Mann – Tjann oder auch Robert, wie er sich nennt - diese Welt ist nicht die seine ", wisperte er mir zu, "gar iaur hûn ned neth thraw. Hûn, i vadant in râd i vist. Mathannen na vaeth-'olthad. E ned ú-dîr lûg ned hen amar. - Er hat einen alten Geist in einem jungen Körper. Ein Geist, der sich verirrt hat. Ich habe es schon bei den Übungskämpfen gespürt. Er ist in dieser Welt in der falschen Zeit." Ich nickte ihm zu. "Sen no - das kann sein", antwortete ich, "das geht vielen Menschen so. Deshalb gibt es auch die Rollenspieler. Sie flüchten aus der Realität in eine vergangene Zeit und in andere Charaktere." "Cennitham, man i vâd athan an den - wir werden sehen, wie er sich weiterentwickelt", sagte Anordil und verfiel in Schweigen.

In den beiden nächsten Tagen hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Und ich musste vieles überdenken. Vor allem Anordils Angebot. Auf der einen Seite fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Ich horchte tief in mich hinein und stellte fest, dass ich nicht nur Freundschaft empfand. Auf der anderen widerstrebte es mir, mich zu binden. Genauer gesagt, ich wollte mich an keinen Mann binden. Ich hatte regelrecht Angst davor. Aber ich konnte Anordil nicht mit den Männern der Erde vergleichen. Er war anders. Anordil sah mich manchmal prüfend an. In der Nacht lag ich wach da und dachte nach. Ich konnte mir denken, dass Anordil es ebenfalls bemerkte.

Wir erteilten Stefan und Robert Unterricht. Jetzt nicht nur im Bogenschießen und Schwerttechnik, sondern auch im Spurenlesen sowie sich im Wald bewegen. Sie waren wissbegierig wie auch gelehrig. In manchen Dingen ein wenig zu neugierig. Ich bemerkte, dass ihnen die Ohren der Elben langsam auffielen. Im Kampf, und sei es nur zu Trainingszwecken, konnte man nicht immer gut frisiert sein. Da verrutscht schon mal eine Haarlocke. So kam es, dass des öfteren die Ohrspitzen der Elben hervor blitzten. Gegen Abend waren die beiden Deutschen stark erschöpft. Wir hatten aber auch ein hartes Tempo vorgelegt. Sie gingen zum Fluss hinunter, um sich zu erfrischen.

Anordil sah mich an. "Cennir em ú-edain - sie haben gemerkt, dass wir keine Menschen sind", sagte er. "wir könnten ihnen ihre Erinnerung nehmen, aber dann vergessen sie auch, was sie heute gelernt haben." "Ich denke, wir sollten sie ihren Gedanken überlassen", meinte ich, "sie werden es niemandem erzählen können. Man würde sie für verrückt halten, da es in dieser Welt keine Elben gibt." Wir gingen zum Lagerplatz und entfachten ein kleines Feuer.

Diesmal war ich an der Reihe, um für das Abendessen zu sorgen. Ich ging zum Fluss hinunter. Heute Abend würde es Fisch geben. Das Glück war mit mir. Nach kurzer Zeit hatte ich ein paar ordentliche Fische gefangen. Ich nahm sie am Ufer aus. Am Lagerplatz spießte ich sie auf Stöcke und hing sie über das Feuer. Sogar ein paar wilde Kartoffeln hatte ich gefunden. Diese landeten in der Glut.

An diesem Abend waren wir recht schweigsam. Die beiden Deutschen waren ebenfalls zurückhaltend. Sie sahen gelegentlich zu den Elben hinüber. Nach einer Weile fasste sich Stefan endlich ein Herz. "Edhil rîn, egro law? - Ihr seid wirklich Elben, nicht wahr?", fragte er leise auf Sindarin. Anordil schaute ihn durchdringend an. Seine Augen glitzerten wie Kristalle im Schein des Feuers. "Mae, sen dîr - ja, es ist wahr", sagte er zu meiner Überraschung. "Bitte, Herr Anordil, erzählt von eurer Welt", bat Stefan jetzt auf Englisch, "es ist doch vermutlich Mittelerde, oder? Wir werden nichts verraten. Uns würde sowieso niemand glauben." Anordil blickte ihn forschend an. Ich spürte einen leisen Strom von Magie. Dann nickte er. "Wir werden ein wenig erzählen", stimmte er zu.

Und an diesem Abend wurde viel erzählt. Die beiden jungen Deutschen sogen jedes Wort in sich auf. Sie wussten nicht, dass Anordil sie auf ihre Gesinnung getestet hatte. Vor allem Robert hing an jedem Wort. Er sprach heute nicht viel. Er sah vielmehr immer nachdenklicher aus. Stefan unterhielt sich dagegen angeregt mit uns. Er hatte eine Menge Fragen, die wir gar nicht alle beantworten konnten und nicht wollten.

Am Tag des Lugnasadh-Festes kehrten wir wieder zum Festplatz zurück. Wir waren früh erwacht. Im heraufziehenden Morgennebel machten wir uns auf den Rückweg. Die beiden jungen Männer sahen müde aus. Wahrscheinlich hatten sie vor Aufregung nicht geschlafen. Sie trugen jetzt ein Geheimnis mit sich, dass sie niemandem mitteilen konnten, ohne für verrückt gehalten zu werden. Das musste ihr Verstand erst einmal verarbeiten.

Von weitem konnten wir Pater Michael sehen. Er sah blass aus. Wir vermieden es mit ihm zusammen zutreffen. Schließlich wollten wir ihn nicht in Verlegenheit bringen. Wir kamen über den Bogenschießplatz. Dort trennten wir uns von den beiden Deutschen. Heute würden wir die Übungen ausfallen lassen.

Ian wartete bereits auf uns. "Die Polizei hat viele Fragen gestellt. Sie haben die Überreste des Hauses gesichert. Zwei von ihnen sind immer noch hier, aber mir scheint, dass sie eher neugierig darauf sind, die Zusammenhänge mit diesem Dorf zu finden", informierte er uns. "Aber man kann sich ungehindert bewegen?", fragte ich ihn. Er nickte. "Wie geht es Pater Michael?", fragte Anordil, "wir haben ihn vorhin im Morgennebel gesehen." "Gut", grinste Ian, "er kann sich nur an einen gewaltigen Kater erinnern. Alles andere ist ausgelöscht. Gute Arbeit." Er nickte Anordil anerkennend zu. "Und Fiona?", fragte er weiter. Ian lächelte weich. "Sie kann sich an nichts mehr erinnern", sagte er, "sie redet jetzt nur von dem Engel, den sie im Traum gesehen hat. – Vorsicht, da kommen zwei von den Schnüfflern."

Anordil sah mich irritiert an. "Schnüffler?", fragte er mich erstaunt. "Sí tirn i ost estathar bin i nosta - die hiesige Stadtwache wird gerne als Schnüffler bezeichnet", erklärte ich ihm auf Sindarin, "eigentlich heißen sie Polizei. Dies ist eine Ableitung aus einer alten Sprache. Polis bedeutet dabei soviel wie Staat. Die Übersetzung würde grob lauten ‚die dem Staat dienen'." Er nickte verstehend.

In der Zwischenzeit waren zwei Leute auf uns zugekommen. Ein Mann und eine Frau. Sie trugen Zivil, das will heißen, weder eine Polizeiuniform noch eine der Umgebung angepasste Gewandung. "Guten Morgen, Mr. O'Reilly", sagte der Mann, "sie sind ja früh unterwegs." Ian lächelte freundlich. "Guten Morgen, Mr. Finch, Mrs. O'Brian", antwortete er, "als Organisator muss man früh auf den Beinen sein, damit alles reibungslos läuft." Wir grüßten nur stumm.

"Darf man fragen, wohin sie unterwegs sind?", fragte die Frau. Ian schaute sie ohne mit der Wimper zu zucken an. "Ich bin auf meinem täglichen Rundgang. Wenn sie möchten, können sie mich ja begleiten", erwiderte er, "einen Moment, bitte." Er wandte sich uns zu. "Es freut mich, dass ihr mit dem Übungsplatz zufrieden seid. Wenn ihr weitere Anregungen für uns habt, teilt sie uns mit. Ich wünsche euch einen angenehmen Tag." "Vielen Dank für ihr Gehör und möge die Sonne auf eurem Weg scheinen", verabschiedete ich mich betont schwülstig. So sprachen die Rollenspieler und man sollte dieses Image hier ein wenig pflegen. Wenigstens in diesem Moment. Dann wandten wir uns dem Bogenschießplatz zu. Wir würden uns eine halbe Stunde den Anschein geben, als würden wir üben, bevor wir zu Patricks Haus gingen.

"So", wandte sich Ian zu den beiden Polizisten, "mein Bruder und ich sind für die Turnier- und Übungsplätze sowie Pferdeweiden, Ställe und ähnliches zuständig. Jeden Morgen, so früh es geht, drehen wir deshalb unsere Runde, um nach dem Rechten zu sehen. Wir sehen nach, ob die Plätze in Ordnung sind, ob alles an seinem Platz ist oder ob es Verschmutzungen gibt. Mein Bruder sieht hauptsächlich nach den Turnierplätzen und Pferdeställen. Hier ist es besonders wichtig ......" Er hatte sich inzwischen entfernt und die beiden in Schlepptau genommen. Bereitwillig folgten sie ihm. Interessiert hörten sie ihm zu. Er würde sie mit genügend Informationen über die celtic-weeks versorgen. Ich hörte, wie Anordil einen kleinen Spruch murmelte. Wieder spürte ich einen leisen Hauch Magie. Ich sah ihn fragend an. "Vergessen", antwortete er, "sie werden nur eine flüchtige Erinnerung an unser Zusammentreffen haben, wenn überhaupt."

Patrick begrüßte uns herzlich, als wir zu seinem Haus kamen. Ich schaute ihn ernst an. "Patrick, ich habe eine Bitte an dich", sagte ich zu ihm mit fester Stimme, "sei so gut und segne heute Abend meinen Bund mit Anordil." Anordil sah mich an. Seine Augen funkelten im Sonnenlicht. Er lächelte nur leicht und nickte mir zu. Alle anderen waren überrascht. Patrick sah mich ein paar Sekunden forschend an.

"Ja, Kind!", brach es plötzlich aus ihm heraus, "du lässt uns ja nicht viel Zeit. - Aber, ich werde gerne deinen Bund segnen." Auf einmal war das Haus in heller Aufregung. Außer unserer Reisekleidung hatten wir ja nichts mitgebracht. Eleanor und Sinéad zogen mich zur Seite. "Ich habe ein Gewand, dass dafür passend wäre", sagte Eleanor, "es würde mich freuen, wenn du es tragen würdest. Ich habe es selber noch nicht getragen. Ich wollte es für einen besonderen Anlass aufheben. - Es ist hellgrün mit Silber abgesetzt." Ich sah sie überrascht mit großen Augen an. "Grün und Silber sind die Farben seines Hauses", erwiderte ich erfreut, "ich würde es mit Freuden tragen."

Der Tag verging wie im Flug. Seit dem Vormittag hatte ich die Elben nicht mehr gesehen. Sie waren auf einmal mit Ian und Brian verschwunden. Als es dämmerte, kleideten Eleanor und Sinéad mich an. Sinéad flocht einen Teil meines Haares ein. Sie verzierte es mit kleinen weißen Blüten und Efeublättern. Fiona lief aufgeregt zwischen uns herum. Dann legten die beiden ihre besten Gewänder an. Eleanor trug ein dunkelbraunes Samtkleid mit Kupferstickerei. Sinéad bevorzugte dunkelgrünes Leinen mit einer Goldborte. Fiona wurde ebenfalls in dunkelgrünes Leinen gekleidet. Zufrieden begutachteten Sinéad und Eleanor ihr Werk, bevor sie mich hinaus begleiteten. Wir gingen über den gesamten Festplatz.

Die Kleine hüpfte fröhlich vor mir her. Mittlerweile hatte sich herumgesprochen, dass sich heute Abend jemand nach keltischem Brauch vermählen wollte. Neugierige Blicke folgten uns und einige der Leute gaben uns Geleit.

Wir gingen bis zur Lugh-Kultstätte. Dort sollte heute das Lugnasadh gefeiert werden. Und dort wollte ich mich binden. Schon von weitem sah ich die Feuer brennen. Als ich näher kam, sah ich, dass die Kultstätte mit Blüten, Erntepuppen, Fackeln und Feuerschalen geschmückt war. Vor dem Opferfeuer stand Patrick.

Er trug das weiße Gewand eines Druiden der Kelten. Und das mit Recht. Als Hüter des Hortes durfte er dieses Privileg genießen. Ein goldener Stirnreif, goldene Armspangen und ein goldener Torque in Form von zwei ineinander verschlungenen Drachen schmückten ihn. Es waren viele Leute vom Festplatz da. Ich erkannte einige der Händler und der Turnierleute. Auch die beiden jungen Deutschen waren da. Die Frauen trugen alle Festgewänder. Die Männer hatten sich in ihre beste Gewandung gehüllt. Luvalaes sah ich vorne bei Patricks Familie stehen. Er trug ebenfalls ein Festgewand in Brauntönen mit Kupfer abgesetzt, welches ihn hervorragend kleidete. Woher er es hatte, war mir schleierhaft. Aber es passte perfekt zu Eleanors Gewandung. Alles in allem bot sich mir ein imposantes Bild.

Sinéad und Eleanor begleiteten mich bis vor das Feuer. Dort blieb ich an der rechten Seite stehen. Ich drehte mich um. Dann sah ich Anordil auf einem weißen Pferd ankommen. Er saß ab. Die letzten Meter ging er zu Fuß. Er trug ein Gewand in Grün und Silber. Es unterstrich sein elbisches Wesen deutlich. Obwohl die beiden Elben, seit wir hier angekommen waren, ihre Haare so trugen, dass die Ohrspitzen verdeckt waren. Er stellte sich zur linken Seite des Feuers. Ein Raunen ging durch die Menge. Anscheinend gaben wir ein außergewöhnliches Paar ab.

Patrick lächelte. Dabei holte er tief Luft. "Willkommen, ihr alle, zum diesjährigen Lugnasadh-Fest", hob er an und fuhr nach einer kleinen Pause fort, "das Lugnasadh wird seit altersher zu Beginn der Erntezeit gefeiert. Wir ehren damit den Gott Lugh. Er ist Herr der Ernte, aber auch des Krieges und der Heilung. Lugnasadh ist die Zeit der Gesundheit und erotischen Energie. Das reife Getreide steht symbolisch für Schutz und Fruchtbarkeit. Seit jeher werden in dieser Zeit Spiele veranstaltet, so wie unsere celtic-weeks. - Aber an Lugnasadh wurden ebenfalls seit altersher Unstimmigkeiten bereinigt und Hochzeiten arrangiert. - Und dieses Jahr ist es überraschend eine Hochzeit, die unser Lugnasadh krönt." Er machte eine kurze Pause. Dann wandte er sich an uns.

"Diese beiden hier haben sich entschlossen, sich nach keltischem Brauch zu binden." Er sah mich an. "Arwen Ceridwen, Tochter der Kelten, ich frage dich, bist du aus freien Stücken und ungezwungen hier erschienen?" Jetzt sprach er Gälisch. "Ja, ich bin aus freien Stücken hier. Niemand hat mich gezwungen, niemand hat mir gedroht", antwortete ich fest. "Dann erkläre mir, was dein Wille ist." "Es ist mein freier Wille, den Bund mit diesem Mann einzugehen", erklärte ich mit klarer Stimme.

Anschließend wandte er sich an Anordil. "Auch dich frage ich, Anordil, Sohn von Glordoron, bist du aus freien Stücken und ungezwungen hier erschienen?", sprach er zu ihm. "Ich bin aus freien Stücken hier. Niemand hat mich gezwungen und niemand mir gedroht", antwortete Anordil. "Dann erkläre auch du mir, was dein Wille ist." "Es ist mein freier Wille, den Bund mit dieser Frau einzugehen", erwiderte Anordil.

"So legt eure Hände ineinander", wies Patrick uns an, "seht euch an und wiederholt das Versprechen. – So wie es Brauch ist, seit altersher, nehme ich dich, Arwen Ceridwen, zu meiner Frau. Ich verspreche dir, dich in Ehren zu halten. Ich verspreche dir, gute und schlechte Zeiten mit dir zu durchschreiten. Ich gebe dir das Versprechen meiner Liebe, bis das der Tod uns trennen mag." Anordil wiederholte diese Worte. Voll tönte seine Stimme über die Lichtung. Er fügte in Sindarin hinzu: "No aer i'waedh mîn, no thenin i vîl mîn. Gerich i veleth nin, derithon na gen. Úbenn ven ú-erthatha. Úbenn togitha gen ned thang, ae govadin gen. – Sei unser Bündnis heilig, sei unsere Liebe standhaft. Ich liebe dich, ich bleibe bei dir. Keiner wird uns trennen. - Niemand wird dich bedrohen, solange ich an deiner Seite bin."

Danach wandte Patrick sich mir zu. "So wiederhole jetzt du das Versprechen", forderte er mich auf. "So wie es Brauch ist, seit altersher, nehme ich dich, Anordil, Sohn von Glordoron, zu meinem Manne", klar waren meine Worte zu hören, "ich verspreche dir, dich in Ehren zu halten. Ich verspreche dir, gute und schlechte Zeiten mit dir zu durchschreiten. Ich gebe dir das Versprechen meiner Liebe, bis das der Tod uns trennen mag. – Mîdh bo thâr, aur eden echuia. Han i onnad eden nivarad nîn. Gerich i veleth nin, derithon na gen. Úbenn ven ú-erthatha. Esteliathon guil nîn bo gen. - Tau ist auf dem Gras, ein neuer Tag erwacht. Es beginnt ein neuer Morgen für mich. Ich liebe dich, ich bleibe bei dir. Keiner wird uns trennen. Ich vertraue dir mein Leben an." Auch ich sprach die letzten Sätze in Sindarin.

Patrick legte seine Hände auf die unseren. "Durch das alte Blut, das in mir fließt, darf ich euren Bund segnen", sprach er, "daher rufe ich den Segen Lughs, Belenus' und den Segen der Großen Mutter Brigid auf euch herab. Möge Belenus euren Weg erleuchten, Lugh möge euch schützen und Brigid euch Weisheit und Liebe schenken. So sei dieser Bund besiegelt." Wir traten nun zur Seite.

Patrick fuhr danach fort, die eigentliche Feier zum Lugnasadh zu zelebrieren. Anordil und ich gesellten uns zu Patricks Familie. Es wurden Ernteopfer gebracht. Getreide, Früchte, Gemüse wurden in großen Schalen zum Feuer gebracht. Es waren verschiedene Kleintiere als Opfergabe vorbereitet worden. Honig, Milch und Wein stand in kleinen Krügen bereit. In einer anderen Schale war Tierblut aufgefangen worden. Dies alles wurde nacheinander erst ins Feuer gehalten und danach dem Schoß der Erde übergeben.

Nach der Zeremonie wurden uns von den Anwesenden Glückwünsche dargebracht. Luvalaes holte unterdessen das Pferd an den Rand der Lichtung. Anordil stieg auf und Luvalaes hob mich vor Anordil auf das Pferd. So ging es in Richtung des Dorfes. Uns folgten die anderen in lockerer Ordnung. Als wir über den Festplatz ritten, konnten wir viele Glückwunschrufe hören. Überraschenderweise fanden wir den Tanzplatz geschmückt vor.

Ein großer Tisch stand ein wenig abseits. Dieser war festlich gedeckt und mit Blüten sowie grünen Ranken geschmückt. "Wir haben nicht oft eine Hochzeit am Lugnasadh", sagte Sinéad entschuldigend, als sie meine erstaunten Blicke sah. "Es ist wunderschön", erwiderte ich immer noch überrascht, "ich hatte nicht damit gerechnet. Vielen Dank, Sinéad. Ich bin sprachlos."

Es gab ein Festmahl. Verschiedenes gebratenes Fleisch, Fisch im Kräutermantel, gebackenes Gemüse, Pilze in Sahne, eingelegtes Gemüse, frisches Brot, würzigen Käse, verschiedene Pasteten, Obst und süßes Backwerk. Wie Sinéad das alles so schnell organisiert hatte, war mir ein Rätsel. Eleanor spielte mit ihren Musikern zum Tanz auf. Und es wurde viel getanzt und gelacht an diesem Abend.

"Ich möchte dir zwei Dinge schenken", sagte Anordil zu mir, als wir uns vom Tanzen ausruhten. Ich sah ihn überrascht an. "Du hast mir so viel geschenkt", erwiderte ich ein wenig verunsichert. Wortlos legte er einen kleinen goldenen Ring in meine Hand. Er war mit Tengwar, den elbischen Schriftzeichen, bedeckt. Wegen des unzureichenden Lichtes konnte ich sie nicht genau entziffern. "Die Schriftzeichen besagen, dass du zu meinem Haus gehörst. – Arwen Ceridwen, hervess Anordil Glordoronion, hîr Gillien - Arwen Ceridwen, Gemahlin des Anordil, Sohn von Glordoron, des Herrn von Cillien. – Den Ring trage ich bereits eine Weile mit mir. Allerdings habe ich ihn erst hier gravieren lassen." Sanft streifte er ihn mir über den Ringfinger.

In einer weiteren fließenden Bewegung legte er mir eine Kette um den Hals. An dieser war eines der Amulette befestigt, welche er aus dem Hort mitnahm. Es sah anders aus, als ich es in Erinnerung hatte. Es glänzte jetzt in mattem Silber und in der Mitte war ein grünlich schimmernder Stein befestigt. Hinter diesem Stein sah ich goldene Fäden. "Es ist jetzt aktiviert", sagte Anordil zu mir, "es wird dir Gefahren anzeigen. Rötlich glüht es, wenn sich dir Gefahr nähert. Selbst wenn jemand lügt, wird es rötlich werden." "Die magische Substanz. - Wo hast du sie her, hier in dieser Welt?", fragte ich ihn überrascht. "Es ist Elbenhaar", lächelte er mich verschmitzt an, "vergiss nicht, dass wir magische Wesen sind."

Als wir uns spät in der Nacht zur Ruhe begeben wollten, führte Luvalaes uns in den Wald. Wir hörten den Flusslauf in der Nähe. Die Sterne sahen wir über uns. "Dies ist mein bescheidenes Geschenk an euch", lächelte er uns wissend an, deutete auf eine kleine Höhle und war plötzlich verschwunden. Die Höhle war mit einer Lagerstatt aus Moos, Gras und Fellen ausgestattet. Es brannte ein niedriges Feuer. Blumen waren ringsum verstreut. Zwei Kelche standen dort sowie eine Karaffe mit Wein.

Anordil füllte sie und reichte mir einen. Nervös nippte ich an dem Wein. Er war würzig und schwer. Ich erinnerte mich an Cillien. Woher hatte Luvalaes nur die Kräuter für die Rezeptur bekommen? Mich fröstelte, daher ging ich näher ans Feuer. Schatten tanzten an der Felswand. Die Nachtgeräusche drangen zu uns herein. In der Ferne hörte ich die Musik vom Festplatz. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Ich musste mir eingestehen, dass ich Angst spürte. War ich in meinem Herzen doch nicht bereit?

"Ich werde dich zu nichts zwingen", sagte Anordil. Liebevoll sah er mich an. Ich hatte Angst vor dieser Nacht, aber ich wollte es trotzdem. Tief atmete ich durch. Verscheuchte das Gespenst der Vergangenheit, dass seine gierigen Finger nach mir ausstreckte. "Han iest nîn - ich möchte es", sagte ich leise, "esteliathon nin bo gen - ich vertraue mich dir an." Er sah mir tief in die Augen. Ich wusste, er fühlte meine Furcht. "Mae, estelio nin - ja, vertraue mir", erwiderte er leise, "na ú-lû ú-charnathon gen. Sen 'weston gen. - Niemals werde ich dir weh tun. Das verspreche ich dir."

Er schlang seine Arme um mich und hielt mich fest. Wärme und Geborgenheit strahlte von ihm aus. Ich kuschelte mich in seine Umarmung. Allmählich wurde ich ruhiger. Ich hob meinen Kopf und sah Anordil in die Augen – nur um darin zu versinken. Das Feuer spiegelte sich in ihnen und ließ sie funkeln, wie die Sterne am Nachthimmel. Zärtlich küsste er mich. Langsam öffnete er die Schließen meines Gewandes. Sacht glitt es von meinem Körper. Unfähig mich zu bewegen, stand ich dort im Schein des Feuers.

Sanft strichen seine Hände über mein Haar. Lösten die Blüten. Schoben es zur Seite. Ein flüchtiger Kuss streifte meinen Nacken. Warmer Atem ließ mich erschauern. Seine Haare kitzelten meine Haut. Behutsam glitten seine Hände über meinen Körper und ließen mich erzittern. "Habe keine Angst", flüsterte er. Vorsichtig hob er mich hoch und bettete mich auf das Lager aus Fellen. Mit einem Finger fuhr er über die Konturen meines Gesichtes. Eine flüchtige Berührung, wie mit einer Feder. Es kribbelte auf der Haut. Ich schloss die Augen und ließ es geschehen. Dann hielt er inne. Das Rascheln seiner Robe verriet mir, dass er sich erhoben hatte. Ich wusste, dass er sich nun ebenfalls entkleidete. Ich schlug die Augen auf und sah, dass er mich anblickte.

Seine Bewegungen waren fließend und elegant. Unverwandt schaute er mich an. Ich beobachtete ihn mit einer Mischung aus Furcht und wachsender Erregung. Er nahm die Kelche und setzte sich zu mir. Ich ergriff einen und leerte ihn mit einem Zug. Zittrig stellte ich ihn auf den Boden. Der Wein wirkte rasch. Wärme und ein wohliges Gefühl breiteten sich in mir aus. Ich lehnte mich zurück in die Felle. Ruhig sah Anordil mir in die Augen. Er gab mir Zeit ihn zu betrachten.

Die Flammen des Feuers warfen tiefgoldene Reflexe auf seinen Körper. Die Haare schimmerten wie reines Gold. Seine Augen glitzerten. Das Feuer spiegelte sich in ihnen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Zögernd streckte ich eine Hand aus. Berührte zaghaft seine Haut. Sie fühlte sich glatt an. Seidig weich. Und doch konnte man die festen Muskeln darunter spüren. Sanft zog er mich in seine Arme. Sein Kuss war warm und schmeckte nach Wald. Zart spielte seine Zunge mit meinen Lippen, bat um Einlass. Nach kurzem Zögern gewährte ich es ihm. Forschend gingen seine Hände und Lippen auf Wanderschaft. Streichelten sanft. Küssten warm. Schmetterlingsflügeln gleich sandten sie Schauer durch meinen Körper.

Er weckte die Sehnsucht in mir. Als ich meine Augen schloss, wurde die Erinnerung an jene Nacht vor einem Jahr wach. Immer wieder verharrte er kurz, wartete auf eine Reaktion meines Körpers. Erregung breitete sich in mir aus. Seine Hände ließen mich erschauern. Mein Atem ging stoßweise. Anordils Hände forderten sanft. Seine Küsse wurden fester. Bedeckten zärtlich meinen Körper. Ich spürte seine Wärme, die seidig weiche Haut auf meiner.

Sein hartes Geschlecht. Krampfhaft zog sich mein Bauch zusammen. Ich stemmte meine Fäuste gegen seine Brust. Versuchte ihn wegzustoßen. Gelächter hallte durch mein Gehirn. Brutale Gesichter tauchten aus den Tiefen der Vergangenheit auf. "Bitte nicht, ich ...", keuchte ich entsetzt. "Scht", wisperte Anordil ruhig. Sein Kuss verschloss meine Lippen. Erstickten meine Gegenwehr mit Zärtlichkeit. Behutsam lösten seine Finger meine verkrampften Muskeln. "Estelio nin - vertraue mir", flüsterte er mir ins Ohr. Mit tiefen Atemzügen drängte ich die Erinnerung zurück. Verbannte sie aus meinem Gedächtnis. Ich kuschelte mich schweigend an Anordil. Ich schloss meine Augen und gab mich in seine Hände. Er forderte meinen Körper aufs neue. Immer wieder betrachtete er mich forschend.

Dann schlief er mir bei. In meiner Ekstase hatte ich es zuerst nicht bemerkt. Als ich ihn letztendlich spürte, krampfte sich mein Körper erneut zusammen. Panik stieg in mir hoch. Brachte meine Erregung beinahe zum Erlöschen. "Scht", flüsterte er sacht, "ú-'osto. Ú-charnathon gen. Danno gen. Gadithon gen. - Hab keine Angst. Ich werde dir nicht wehtun. Lass dich fallen. Ich fange dich auf." Er streichelte und küsste meinen Körper, bis ich mich wieder entspannt hatte. Plötzlich, mit einem Mal, ließ ich mich fallen. Er hielt sein Versprechen und fing mich auf. Dann brachte er mich zu einem nie gekannten Höhenflug. Der Rest der Nacht verschwand in einem Taumel.

Gegen Morgen wachte ich in seinen Armen auf. Ich fühlte mich total erschöpft, aber glücklich. Er sah mich fragend an. "Mae mathon - mir geht es gut", antwortete ich auf seine stumme Frage, "ich habe mich nie so gut gefühlt. – Gen hannon, Anordil – ich danke dir, Anordil." Er lächelte mich sanft an und streichelte meine Haut. "Du brauchst mir nicht zu danken", sagte er weich, "du bist meine Gefährtin. - Und nun werde ich dir die Liebe lehren." Sein zärtlicher Kuss ließ mich erschauern. Liebe sprach aus seinen Augen. Ich erschrak ob dieser Erkenntnis. Hatte er wirklich die Sterblichkeit gewählt? Für mich?

Leise lachte er auf. "Dies werde ich dir nicht verraten", flüsterte er mir ins Ohr, "es wird mein Geheimnis bleiben." "Und du kannst doch meine Gedanken lesen", stieß ich entgeistert hervor, was er mit erneutem Lachen quittierte. "Lasse uns zum Lager zurückkehren", sagte er und reichte mir eine Hand. Ohne zu Zögern ergriff ich sie. Er zog mich von unserem Felllager hoch.

Galant half er mir beim Anlegen der Gewänder. Leichter Nebel ließ den Sonnenaufgang wie verzaubert erscheinen. Wir genossen das Bild. Wehmut stieg in mir auf. "Ich würde gerne zum Friedhof gehen", sprach ich leise. "Friedhof?", fragte Anordil. Ich hatte vergessen, dass er dies nicht wissen konnte. "Die Begräbnisstätte unserer Toten", erklärte ich, "ich möchte das Grab meiner Familie sehen." Anordil nickte verstehend. "Ich werde dich begleiten", erwiderte er schlicht. Ich sammelte die Blüten von meinem Haarschmuck auf. Sorgfältig steckte ich sie ein. Ein wenig später verließen wir die Höhle. Ich vermutete, dass Ian und Brian sich um die Ausstattung kümmern würden, sobald wir verschwunden waren.

Ich führte Anordil quer durch den Wald zur alten Dorfkirche von Shancahir. Dahinter, nur getrennt durch einige Eichenbäume und Gebüsch, schloss sich der Friedhof an. Ein übersichtlicher, ummauerter Bereich mitten unter Bäumen. Hier wurde jeder aus Shancahir begraben, ob er nun eher im Glauben der Mutterkirche angehörte oder den Druiden. Ein schmaler Pfad trennt beide Glaubensrichtungen. Blumen lagen auf den Gräbern. Seelenlichter brannten. Leichter Nebel wirbelte auf, als wir über den Weg gingen. Nebelfetzen hingen in den nahegelegenen Bäumen. Ich schritt das Gräberfeld ab, auf der Suche nach der Begräbnisstätte meiner Familie.

Schließlich hatte ich sie gefunden. Eine schlichte Steinplatte bedeckte das Grab. Mein Magen zog sich zusammen. Hier also hatten sie ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ich kniete mich nieder. Meine Finger fuhren die gravierten Namen und den mit Runenzeichen geschriebenen Segensspruch ab. Stumm legte ich die Blüten meines Brautschmuckes auf die Steinplatte. Ohne ein Wort sprechen zu können, harrte ich aus. Tränen rannen mir über das Gesicht. Minuten vergingen. Schließlich spürte ich Anordils Hand auf meiner Schulter. "Es kommt jemand", flüsterte er. Ich nickte und erhob mich. Rasch, ohne ein Geräusch zu verursachen, verschwanden wir im Wald.

Wir kehrten zum Festplatz zurück. Dies würde unser letzter Tag hier sein. Luvalaes war am Bogenschießplatz und übte mit den beiden jungen Deutschen. Wir beide verbrachten den Tag überwiegend mit Patricks Familie. Fiona hing wieder an Anordil wie ein kleiner Schatten. Am Nachmittag gaben Anordil und ich unsere letzte Unterrichtsstunde in Schwerttechnik. Nachdem wir die beiden jungen Deutschen bis an ihre Grenzen gefordert hatten, hieß es Abschied nehmen.

"Nun ist es für uns Zeit zu gehen", sagte Anordil zu den beiden, "ich hoffe, ihr habt einiges gelernt und werdet es nicht so schnell vergessen." "Vielen Dank für alles", sagte Stefan, "ich werde diese celtic-weeks nie vergessen. Und ich verspreche fleißig zu üben. - Ich wünsche euch eine gute Reise, wo immer ihr hingehen mögt." Er reichte uns allen die Hand. Dann trat er beiseite.

Robert stand ein wenig verlegen da. "Ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll", fing er an, atmete einmal tief durch, als müsse er Mut schöpfen und fuhr fort, "aber ich wollte euch bitten, mich mit nach Mittelerde zu nehmen. Ich habe niemand in dieser Welt der mich vermissen würde. - Vielleicht von Stefan und meiner Spielgruppe mal abgesehen. - Aber ich gehöre hier nicht hin. Die letzten Tage haben mir das mehr als deutlich vor Augen gehalten." Anordil sah ihn durchdringend an. Ich spürte einen Hauch von Magie. Neugierig sah ich auf mein Amulett.

Es schimmerte grün und schien von einem inneren Feuer erleuchtet. Demzufolge sprach Robert die Wahrheit. "Hast du dir das gut überlegt?", fragte Anordil ihn eindringlich, "wenn du mit uns gehst, wird das eine Reise ohne Wiederkehr. Diese Welt hier wird dir für immer verschlossen bleiben. Es ist kein kleines Abenteuer, sondern eine radikale Änderung deines Lebens." Robert sah Stefan an, bevor er antwortete. "Ja, ich habe es gut überdacht, Herr Anordil. Stefan hat lange mit mir darüber gesprochen, ob es für mich das Richtige wäre. - Ja, ich will es tun. Ich will alle Brücken hinter mir abbrechen und ein neues Leben beginnen." Anordil nickte bedächtig. "Nun denn, wenn es dein Wille ist, so komme heute Nacht zu den Lugnasadh-Feuern. Von dort aus werden wir aufbrechen", sprach er zu ihm.

"Vorher möchte ich mit dir alleine reden, Robert", warf ich ein. Anordil sah mich wissend an. Wie viel mochte er schon in Erfahrung gebracht haben? Robert kam an meine Seite. Wir gingen ein Stück hinter den anderen her. "Es ist nicht einfach, sich in Mittelerde zurecht zu finden", hob ich leise an, "du musst wissen, wir sind einige Jahre vom Ringkrieg entfernt. Es steht alles noch bevor. Sauron, die Jagd der Ringgeister, die Reise der Gefährten ... Du wirst es wissen, wenn du dort bist. Doch darfst du nichts verraten, um die Zukunft Mittelerdes nicht zu verändern. ... Willst du das? Fühlst du dich dazu in der Lage?" Eindringlich sah ich ihn an. "Edle Arwen", antwortete er leise, "ich habe es wohl bedacht. Ich bin bereit zu schweigen, wenn ich nur Mittelerde betreten darf." Die Sehnsucht in seiner Stimme konnte er nicht unterdrücken. "Nun denn, so sei es", stimmte ich zu, "doch denke an meine Worte. – Es wird nicht leicht sein."

Eleanor hatte sich gegen Abend mit Luvalaes zum Tanzplatz begeben. Dort spielten sie diesmal gemeinsam auf. Sie genoss regelrecht die Aufmerksamkeit, die Luvalaes ihr schenkte. Sie wusste, dass sie ihn wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Ich ahnte, dass er sie gefragt hatte, ob sie mit uns ziehen wolle. Aber ich wusste ebenfalls, dass Eleanor nie diese Welt freiwillig verlassen würde. Sie war hier viel zu stark verwurzelt, als das sie in Mittelerde einen Neuanfang wagen würde. Sie würde sich allerdings immer an Luvalaes erinnern.

Sinéad sah traurig aus. "Es ist schade, dass du gehen musst", flüsterte sie mir zu, als wir über den Festplatz gingen. "Ich kann nicht anders", antwortete ich ihr leise, "du weißt, dass das mein Todesurteil sein würde, wenn ich bliebe. Die Kirchenmänner würden nicht eher ruhen, als bis auch ich zur Strecke gebracht worden bin." Sie nickte verstehend. "Passt mir gut auf Fiona auf", wisperte ich eindringlich, "ich habe zwar keine Beziehung zu ihr, weil sie unter den damaligen Umständen geboren wurde, aber sie ist ein ganz tolles Mädchen geworden. Sie trägt das alte Blut in sich." "Ich verspreche es dir", sagte Sinéad leise, "ich habe sie immer wie eine eigene Tochter aufgezogen und das wird so bleiben. Sie wird nie erfahren, wenn es so dein Wunsch ist, was wirklich geschah." "Sie wird es spätestens dann erfahren, wenn sie ihr Erbe antritt", erwiderte ich lächelnd, "du weißt, dass das unumgänglich ist. Aber sie sollte schonend darauf vorbereitet werden. Doch bis dahin ist noch viel Zeit." Selbst mit Ian und Brian konnte ich kurz sprechen. Sie versprachen mir, auf Fiona aufzupassen. Das hatten sie sowieso immer getan. Sie war für sie stets die kleine Schwester gewesen. Ohne Vorbehalte.

In der Nacht wurden wieder die Lugnasadh-Feuer entzündet und kleinere Opfer gebracht. Fiona wich nicht von Anordils Seite. Gegen Mitternacht verabschiedeten wir uns von Sinéad, Eleanor und Fiona. "Kommst du wieder?", fragte Fiona Anordil. "Das kann ich dir nicht versprechen", sagte er sanft, "wenn es der Wille deiner Großen Mutter Brigid ist, vielleicht. - Zu einer anderen Zeit." Sie sah traurig aus. "Aber bis dahin haben wir dir ein kleines Erinnerungsstück gefertigt, damit du uns nicht vergisst." Er lächelte sie an und streifte ihr eines der Amulette über. Es hatte einen strahlendblauen Stein. So blau, wie Anordils Augen. "Sieh her", sagte er zu ihr, "wenn du dieses Amulett trägst, wird es dich vor Gefahren warnen. Es wird seine Farbe nach rot verändern, sobald du in Gefahr gerätst. Diese Fäden, die du dort hinter dem Stein siehst, sind Strähnen von meinem Haar." Sie schaute ihn intensiv mit ihren runden, grünen Kinderaugen an. "Aber ich kann sie ja gar nicht anfassen", sagte sie unschuldig. Anordil lächelte sie an. "Wenn das so ist, müssen wir das ändern", sagte er und zog seinen Dolch. Mit einer eleganten Bewegung schnitt er eine Strähne seines Haares ab, die er Fiona reichte. Andächtig nahm sie diese entgegen. Sorgfältig drückte sie diese zu dem Amulett auf ihre Brust. "Vielen Dank, Herr Anordil", sagte sie brav und machte einen Knicks. "Slán agat, Fiona - auf Wiedersehen, Fiona", antwortete er, bevor er ihr einen sanften Kuss auf die Stirn gab.

In der Zwischenzeit verabschiedete sich Luvalaes von Eleanor. Er reichte ihr das einzige Schmuckstück, das ich je an ihm gesehen hatte. Ein kleines silbernes Amulett mit kristallblauen Steinchen. Sie erinnerten an seine Augen. Was es bewirkte, wusste ich nicht. Eleanor errötete jedenfalls heftigst. Dann machten wir uns auf in Richtung des Kultplatzes. Patrick, Ian und Brian begleiteten uns. Sie würden nachher die Pferde mit zurück nehmen. Schweigend ritten wir durch die Nacht.

An der alten Eiche angekommen, verabschiedeten wir uns von ihnen. "Vielen Dank für alles, Pádraig", sagte ich, während ich ihn umarmte, "passe gut auf Fiona auf." "Passe du auf dich auf, Arwen", erwiderte er leise, "bleibe gesund und am Leben. Brigid, Lugh und Belenus sollen dich beschützen." Obwohl es dunkel war, sah ich die Tränen in seinen Augen schimmern. Ian und Brian umarmte ich nur stumm. Robert stand ein wenig nervös da. In der Zwischenzeit hatten Anordil und Luvalaes ein kleines Feuer vor dem Baum entfacht. Wir brachten ein Opfer aus Milch und Honig dar und ich rief Brigid an.

‚Die Zeit, die ich dir gab, ist nicht abgelaufen', hörte ich eine Stimme in den Zweigen, ‚du hast gefunden, was du suchtest und dich für das Leben entschieden.' "Ja, Große Mutter", sagte ich laut, "ich habe mich entschieden. Ich danke dir für deine Großzügigkeit und mein Leben. Ich entscheide mich für Mittelerde. In diese Welt werde ich, so es dein Wille ist, niemals mehr einen Fuß setzen." ‚Ich behalte mir vor, dich ein weiteres Mal zu schicken, sofern es nötig sein sollte', wisperte es in den Zweigen‚ doch vorerst sei dir der Weg versperrt. Merke dir, dass die Zeiten anders gehen in beiden Welten. Hier verläuft die Zeit fünfmal so schnell, wie in der anderen Welt. - Wie ich sehe, hat sich ein anderer Mensch ebenfalls entschlossen mitzugehen. Ich blicke in sein Herz und befinde es für gut. - Nun geht. Ich gewähre euch den Übergang.' Wieder wurde der Baum vor uns durchsichtig. Anordil und Luvalaes nahmen den Torstein in ihre Hände. Leise sprachen sie die Beschwörungsformel. Ich sah kurz zurück, bevor wir das Tor durchschritten. Ich bemerkte, dass Robert sich, gleich mir, umsah.

to be continued ...

- 14 -