Auf der anderen Seite war es Tag. Die Blätter der Eiche rauschten über uns sanft im Wind. Das Feuer war bis auf eine schwache Glut herunter gebrannt. Wir konnten demzufolge nicht lange weg gewesen sein. Ich erinnerte mich daran, dass Brigid erwähnte, dass die Zeiten anders verlaufen würden. Erschöpft stand ich da. Meine Beine zitterten. Anordil fing mich auf, bevor ich zusammenbrechen konnte. Die letzten Tage hatten mich doch enorm angestrengt.
"Wir werden hier zwei Tage rasten", sagte Anordil, "du bist es nicht gewohnt, mehrere Tage mit wenig Schlaf durchzustehen. Uns Elben macht das nichts aus." Er hatte Recht. In den letzten Tagen war ich nicht in den Genuss von allzu viel Schlaf geraten. Selbst, wenn ich mich hingelegt hatte, war ich kaum in der Lage gewesen, ein Auge zu schließen. Zuviel bewegte meine Gedanken. Daher schlief ich bereits, als ich den Boden Mittelerdes berührte. Anordils zarten Kuss registrierte ich nur beiläufig. Die erstaunten Blicke von Robert, wie er sich umsah und Mittelerde betrachtete, bekam ich erst Recht nicht mehr mit.
Als ich wieder erwachte, war es immer noch Tag. "Ich habe einen Bärenhunger", sagte ich, "aber ich kann nicht viel geschlafen haben." Luvalaes lachte mich amüsiert an. "Oh, doch," seine Augen glitzerten vor Vergnügen, "du hast gut eine Nacht und einen Tag geschlafen. Wir haben ein wenig nachgeholfen. Der Schlafzauber ist in dieser Hinsicht äußerst nützlich." Entrüstet blickte ich ihn an.
Anordil kam aus dem Wald. "Ah, du bist wieder wach", begrüßte er mich. In der Hand hielt er ein erlegtes Wildschweinferkel. Robert folgte ihm. Er sah müde aus und wirkte ein wenig blass um die Nase. Ich ahnte, dass Anordil ihm eine heftige Lehrstunde erteilt hatte. Jedoch war dies nicht der Grund für Roberts Blässe. "Robert hat seine Feuertaufe erhalten", berichtete Anordil beim Abendmahl. Robert sah verlegen aus. Seine Ohren glühten in einem verhaltenen Rot, das nicht zu seiner anhaltenden blassen Gesichtsfarbe passen wollte. "Heute morgen hat er seinen ersten Ork getötet", fuhr Anordil fort und klopfte Robert anerkennend auf die Schultern, "für jemanden, dem diese Dinge fremd waren, hat er sich tapfer geschlagen."
Robert blickte zu Boden. Ich wusste, dass er dies anders sah. Doch er würde gezwungen sein umzudenken. Ich hatte ihn gewarnt. Dies war Mittelerde – rau, oft brutal und auf der anderen Seite atemberaubend schön. Hier in Mittelerde gab es keine kleinen spielerischen Geplänkel. Wenn gekämpft wurde ging es meist auf Leben und Tod. Und das war eine Sache, die man erst einmal begreifen und im weiteren akzeptieren musste. Ich hatte damals auch so meine Schwierigkeiten mit diesem Faktum gehabt.
Am nächsten Morgen zogen wir weiter. Wir würden uns erst in Richtung Cillien halten. Luvalaes verließ uns mit Robert nach einigen Tagen. Ihn zog es in den Süden. Er hatte gehört, dass es dort unten zahlreiche Orks gab. Für Robert würde es eine harte Lehrzeit werden. Luvalaes war ein strenger Lehrherr. Aber der junge Deutsche war begierig zu lernen. Schon in den paar Tagen, die wir hier waren, hatte er sein altes Leben abgeschüttelt, wie ein schmutziges Kleidungsstück. Und nicht nur dies. Sogar seinen Namen hatte er aufgegeben. Er nannte sich nun Tjann Grünauge. Aus ihm würde ein guter Krieger werden. Und wenn er zu späteren Zeiten genug hatte vom Kämpfen, konnte er in jedem Ort Mittelerdes seinen alten Beruf als Bäcker wieder aufnehmen. Schließlich trug er in dieser Hinsicht einen Wissensschatz mit sich. Keiner in Mittelerde konnte da mit halten. Ich war mir sicher, in der einen oder anderen Weise in Zukunft von ihm zu hören.
Anordil und ich wollten zwar gleichfalls südwärts gehen, doch auf einer anderen Route. Wir hielten uns zuerst in Richtung des Abendrotgebirges und danach in den Süden. In der nächsten größeren Ansiedelung würden wir unseren weiteren Weg entscheiden. Vielleicht würden wir uns ja einer Gruppe von Reisenden anschließen. Wir wussten es nicht.
Am Fuß des Ered-Luin-Gebirges kehrten wir in einem winzigen Dorf ein. Als wir in die Schänke eintraten, wurde es ruhig im Raum. Der Wirt beäugte uns misstrauisch. Er war ein untersetzter Mann mit speckiger Lederschürze. Der Schankraum machte alles andere als einen gepflegten Eindruck. Ein paar Bauern saßen an den Tischen. Sie waren verstummt. Als der Wirt Anordil genauer ansah, glomm Angst in seinen Augen auf. "Seid gegrüßt, werter Herr", sprach Anordil ruhig, "wir möchten je einen Becher Wein und ein Mahl." Unbeholfen brummte der Wirt vor sich hin und deutete auf einen der freien Tische. Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, als er nach hinten verschwand. Mir war nicht ganz wohl. Beklommen betrachtete ich die Szenerie. Diese Leute schienen tatsächlich Angst vor uns zu haben! Warum? Wir waren doch keine Kriminellen oder Ausgestoßene.
Ein paar Minuten später kam eine junge Magd hastig herein. Sie war nicht älter als vierzehn Sonnenläufe, vielleicht sogar jünger. Sie trug ein großes Tablett. Unsicher kam sie an unseren Tisch. Sie knickste unbeholfen. "Seid gegrüßt, Herr. Seid gegrüßt, Herrin", sagte sie arg leise mit ängstlicher Stimme, "hier ist Sülzfleisch, gebackene Rüben und Brot. Den Wein bringe ich Euch sofort." Sie ging hinter die Theke und schenkte zwei Becher voll. Ich sah, wie ihre Hände zitterten. Als sie diese vor uns hin stellte, wollte ich sie am Arm zurückhalten, bevor sie ging. Ich hatte die Absicht sie zu fragen, warum alle sich verhielten wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange.
Erschrocken wich sie aus. Pure Furcht war in ihren Augen zu sehen. "Bitte nicht, Herrin", hauchte sie entsetzt und flüchtete in die Küche. Erstaunt blickte ich Anordil an. "Ich erkläre es später", flüsterte er auf Sindarin, "jetzt iss, dann werden wir gehen." Gehorsam aß ich, was das Mädchen gebracht hatte. Das Sülzfleisch war mäßig. Die Rüben zu weich. Das Brot dagegen war locker und würzig. Auch der Wein war passabel.
Nach dem wir gegessen hatten, legte Anordil einige Silberstücke auf den Tisch und ging nach draußen. Ich folgte ihm. Die ganze Zeit über waren wir ängstlich von den Leuten beobachtet worden. Der Wirt hatte den Schankraum nicht wieder betreten.
Als wir uns ein Stück von dem Dorf entfernt hatten, sah ich Anordil fragend an. "Dies passiert in den entlegenen Dörfern leider immer wieder", seufzte er, "Elben kehren in der Regel nicht bei den Menschen ein. Seit einigen Jahrhunderten werden Schauermärchen über uns erzählt. Weil die meisten Menschen nicht fähig sind Magie zu wirken, ist dies erschreckend für sie. Deshalb haben sie Angst. Die Elbenrasse wird stets mit Magie gleichgesetzt. Obwohl nicht jeder Elb in der Lage ist Magie zu wirken. – Vermutlich war das Mädchen die jüngste und damit entbehrlichste Tochter. Wenn du sie berührt hättest, wäre sie wahrscheinlich ausgestoßen worden. Aus Angst, dass du sie verzaubert hättest."
"Das hört sich nach Aberglaube an. Bei uns gab es so ein Handeln im Mittelalter gleichermaßen", erwiderte ich nachdenklich, "da wurden bisweilen die Leute gar verbrannt, weil man annahm, sie wären mit dem Bösen im Bunde." Anordil nickte zustimmend. "Das kann hier ebenfalls geschehen", bestätigte er, "zwar ist mir nicht bekannt, dass Elben dabei getötet wurden, doch ich erinnere mich an einige Gerüchte, die besagten, dass menschliche Magier den Tod fanden in den Feuern der Unwissenheit. - " Er verharrte kurz in Gedanken. " - Wir werden jetzt die weiteren Dörfer meiden. – Ich schlage vor, dass ich dich zu den Grauen Anfurten führe." Ich schaute ihn überrascht an. "Ich würde gerne eines der Weißen Schiffe sehen", erwiderte ich leicht gedehnt. Beklemmung stieg in mir auf. "Ú-osto melethril nîn - keine Angst, meine Geliebte", lächelte er mich beruhigend an, "meine Zeit für die Reise ist noch nicht gekommen. Folge mir, dass ich dir die Elbenstadt am Meer zeigen kann."
Wir wanderten am Fuß des Ered-Luin-Gebirges nach Süden und überquerten eine kleine Ebene. Nach wenigen Tagen sahen wir die Grauen Anfurten vor uns. Die Stadt erhob sich majestätisch in der Sonne.
"Vor dir liegt Mithlond – die Grauen Anfurten. Hier leben überwiegend Elben", erklärte mir Anordil, "dies ist der Hafen, von wo aus unser Volk zu den Unsterblichen Landen aufbricht. Wie du sehen kannst, liegt ein Weißes Schiff im Hafen vor Anker." Ich beschattete meine Augen. Im gleißenden Licht konnte ich das Schiff sehen. Es war unglaublich schön und erinnerte mich an meine Heimat.
Einmal war ich mit meinen Eltern zu einem der Jachthäfen Englands gefahren. Damals hatte ich über die vielen verschiedenen eleganten Jachten gestaunt. Wenn ich jetzt dieses Elbenschiff sah, kamen mir die Jachten von damals regelrecht wie plumpe Lastkähne vor. Filigran und zart erhob es sich aus dem Wasser. Mir war unbegreiflich, wie es sich überhaupt auf dem Wasser halten konnte.
"Es ist unglaublich schön", hauchte ich ehrfürchtig, "so hatte ich es mir nicht vorgestellt." "Ich bin oft hier gewesen, auf meinen Wanderungen", sagte er verständnisvoll, "aber mich berührt es immer aufs Neue, wenn ich eines der Weißen Schiffe sehe." Nach einigen Minuten setzten wir uns wieder in Bewegung.
Die Stadt rückte näher. Man konnte immer mehr Einzelheiten erkennen. Dies war wirklich eine Elbenstadt. Die Gebäude erhoben sich unwirklich leicht in den Himmel. Alles war licht und hell. Nichts, bis auf die Schiffe, die vor Anker lagen, erinnerte daran, dass dies eine Hafenstadt war. Staunend ging ich hinter Anordil her. Man sah viele Elben unterschiedlicher Herkunft. Manchmal auch andere Rassen. Meist Menschen oder Halblinge. Viele davon schienen Händler oder ebenfalls Reisende zu sein.
Anordil ging zielstrebig auf eines der Gasthäuser zu. Der Schankraum war ungewöhnlich hell und groß. Es wurde von Menschen geführt. Das Zimmer, das man uns anwies, war ebenfalls licht. Es gab nichts Verräuchertes in diesem Gasthaus. Man schien sich hier an die Bedürfnisse der Elbenstadt angepasst zu haben.
"Das ist richtig so", sagte Anordil. Er hatte wieder einmal meine Gedanken erraten. Obwohl ich mir nicht ganz sicher war, ob er sie nicht doch las. Zutrauen würde ich es ihm, obwohl er es stets verneinte. "Die Grauen Anfurten werden überwiegend von Elben besucht. Wenn sich die Gasthäuser dem anpassen, ist das nur gut." "Ich freue mich zumindest darüber", antwortete ich, "ich sehne mich nach einem Bad. Immerhin haben wir seit unserer Rückkehr nach Mittelerde weder ein Bett noch ein Bad gesehen." Anordil schmunzelte vergnügt. "Genieße es, meine Geliebte", sagte er erheitert, "wir werden nur zwei Tage bleiben und dann weiterziehen. Das nächste Bett und Bad steht erst wieder im Auenland." Ich stöhnte leicht auf. Das waren schätzungsweise zwanzig bis fünfundzwanzig Tagesreisen, wenn alles normal verlief. Ich beschloss, das hier so lange wie möglich zu genießen.
Zum Gasthaus gehörte ein separates Badehaus. Dieses suchte ich so schnell es ging auf. Frauen und Männer badeten getrennt. Ich wusch den Staub der Reise von meinem Körper. Meine Kleider gab ich zum Waschen. Nach dem Bad ließ ich mich von einer der Bediensteten einölen. Als ich meine saubere Ersatzkleidung überstreifte, fühlte ich mich wie neugeboren. Ich zahlte ein paar Silberstücke und ging.
Anordil war nicht in unserem Zimmer, als ich eintrat. Er hatte davon gesprochen, etwas erledigen zu wollen. Wahrscheinlich würde er Botschaften für seinen Vater abholen. Ich entschied mich dafür zu schlafen. Ich schlüpfte aus meinen Gewändern heraus, schließlich soll man ja nicht darin schlafen. Reisekleidung ist da anders. Meist hat man keine andere Wahl, als darin zu schlafen. Wenn man mitten in der Nacht von Orks geweckt wird, ist es ratsamer Kleidung am Leibe zu tragen. Schamlos genoss ich das kühle Leinen der Bettbezüge auf der Haut und die weiche Matratze. In wenigen Sekunden war ich eingeschlafen.
Ich erwachte erst wieder durch ein sanftes Streicheln meines Rückens. Ich schlug die Augen auf und sah Anordil. Er lag mit einem Arm leicht aufgestützt neben mir. Er trug ebenfalls keine Kleider mehr. Anscheinend war er gleichermaßen im Badehaus gewesen. Seine Haut hatte jedenfalls einen seidigen Schimmer durch das Einölen.
Zärtlich liebkoste er meine Haut. "Melethril nîn – meine Geliebte", flüsterte er leise, "aníron na gen – ich sehne mich nach dir." Ich rückte näher zu ihm heran, so dass ich seine Haut an meiner spüren konnte. Er nahm mich in seine Arme. Vorsichtig begaben sich seine Hände und Lippen auf Wanderschaft. Diesmal genoss ich es von Anfang an. Aus den Schatten der Vergangenheit stieg kein Gespenst empor, dass mich ängstigte. Begierig ließ ich mich von den Wellen der Erregung davontragen. Sog das bisher unbekannte Gefühl in mich hinein. Bereitwillig gab ich mich Anordil hin. Wie lange wir uns liebten, kann ich nicht mehr sagen, es war auf alle Fälle berauschend.
Irgendwann fing mein Magen an zu knurren. "Ich habe Hunger", sagte ich. Anordil sah mich verschmitzt an. "Ich auch", lachte er und biss mir scherzhaft in den Nacken. Aber ich schlüpfte schon aus dem Bett heraus. Bevor ich meine Kleider anlegen konnte, erblickte ich auf dem Tisch ein Tablett mit Brot, Wein, kaltem Braten und Obst. Er musste es vorhin mitgebracht haben, als ich schlief. Ausgehungert fiel ich darüber her.
Am nächsten Tag zeigte er mir die Stadt. Hier fühlten wir uns sicher. Deshalb verzichteten wir auf unsere Waffen. Ich war beeindruckt von der Größe der Grauen Anfurten. Am Hafen konnte ich das Weiße Schiff genauer betrachten. Für mich war es unbegreiflich, wie sich so etwas Zartes und zerbrechlich wirkendes auf dem Wasser halten konnte. Es sah eher aus, als würde es sich jeden Moment in die Lüfte erheben. Wir blieben schließlich doch ein paar Tage länger in der Stadt, bevor wir uns wieder aufmachten.
Von den Grauen Anfurten aus wanderten wir auf die Blauen Berge zu, die Heimstatt der Zwerge. Wir folgten dem Gebirgszug am östlichen Rand bis ungefähr zu seiner Mitte. Von dort schob sich ein Ausläufer bis weit nach Osten. Diesen gingen wir entlang bis zum südlichen Auenland.
Allerdings ließen wir es uns nicht nehmen einen kurzen Abstecher nach Michelbinge zu unternehmen. Dort wohnten die Hobbits, die wir auf einer anderen Reise kennen gelernt hatten. Einige Tage später überquerten wir den Baranduin an der Sarnfurt. Am östlichen Ufer des Flusses konnte man die Ruine einer alten Stadt erkennen. Unser Weg führte uns über die Ebene von Minhiriath nach Tharbad, wo wir wieder den Gwathló überquerten und uns in Richtung der Elbenenklave im Gebiet Cillien machten.
Interessanterweise lagerten wir an der gleichen Stelle wie damals, als ich Anordil meine Geschichte erzählt hatte. Hier begann das Reich von Glordoron, des Herrn von Cillien. Buschwerk ging in Wald über. Als ich diesen Wald betrachtete, hatte ich auf einmal das Gefühl von Heimat. Die Gipfel des Nebelgebirges ragten eindrucksvoll über diesem Wald auf. Damals hatte ich für die Schönheiten der Natur keine Augen gehabt. Aber jetzt fiel mir auf, wie viele Grüntöne es doch gab und wie friedlich der Fluss dahin zog. Man konnte bis auf den Grund sehen, so klar war sein Wasser. Fische tummelten sich darin. Diesmal fing ich welche für das Nachtmahl.
In der Dämmerung saßen wir vor dem Feuer. Ich sah auf den Fluss. "Auch ich empfinde ein Gefühl der Erleichterung, wenn ich dieses Wasser betrachte", sagte Anordil leise, "ich weiß, dass die Heimstatt nicht mehr fern ist. Jetzt bin ich glücklich, dass es dir genauso ergeht." Ich ließ meinen Blick schweifen. "Als ich vor fast zwei Sonnenläufen hier saß", erwiderte ich ebenso leise, "wusste ich nicht, was mit mir geschehen würde. Ich hatte Angst vor dir, vor Mittelerde und vor der Zukunft. Ich hatte keine Heimat mehr. Ich war wurzellos. - Du gabst mir damals ein neues Leben. Und nun eine Stätte, zu der ich gerne zurückkehre und die ich von nun an Heimat nennen darf. - Ja, ich freue mich nach Hause zu kehren."
"Mein Haus stand dir bereits damals offen. Auf unserer ersten Wanderung war ich neugierig auf dieses Geschöpf an meiner Seite", gestand er mir, "im Laufe jener Wochen habe ich dann mein Herz verloren. Ich begehrte dich schon damals." Er schaute mir jetzt tief in die Augen. Ich hatte es bereits vor zwei Jahren gespürt, aber es verdrängt. Ganz nah kuschelte ich mich an ihn. In ein paar Tagen würden wir in seinem Haus sein und endlich wieder in einem Bett schlafen können.
Ein plötzliches Geräusch ließ uns hochfahren. Gleichzeitig griffen wir zu unseren Waffen. Angespannt schauten wir in Richtung des Pfades, denn von dort hatten wir das Hufgeklapper gehört. Nach zwei Minuten sahen wir die beiden Pferde und ihre Reiter.
Es waren ein Mann und eine Frau. Der Mann saß auf einem dunkelbraunen Hengst. Eindeutig ein Krieger mit schwerer Bewaffnung. Ein Langschwert war zu sehen und eine große Armbrust. Über dem Rücken hing ein Köcher mit den dafür vorgesehenen Pfeilen. Ein Schild hing festgezurrt am Sattel. Über seinem Gewand trug er eine gut gearbeitete Rüstung aus Metallplättchen. Diese erlaubte größtmögliche Beweglichkeit und optimalen Schutz. Den dunkelgrauen Umhang hatte er um die Schulter gelegt. Ein Helm baumelte am Sattelknauf. Armschienen und Beinschienen aus Metall hatten einen matten Glanz und waren an manchen Stellen ein wenig verbeult. Sie zeugten von vielen Kämpfen.
Die Frau ritt einen schwarzen Wallach, eindeutig aus der Zucht der Rohirrim. Sie trug keine erkennbare Rüstung. Ihre Kleidung war von recht guter Qualität und die dunkelbraunen und dunkelroten Farbtöne schmeichelten ihr. Ansonsten war sie eher durchschnittlich, was ihr Aussehen betraf. Ihr Gesicht hatte einen leicht herben Zug an sich. Dunkelbraunes Haar fiel kaum gebändigt von einem Lederband über die Schulter bis zur Hüfte. Die Zeichen auf ihrem Umhang ließen den Schluss zu, dass sie Heilerin sei. Zwei Ledersäcke waren rechts und links an ihrem Pferd befestigt.
"Seid gegrüßt, Elbenkrieger", sprach uns der Krieger in Westron an, "wir sind Reisende auf dem Weg nach Norden. Dürfen wir an Eurem Feuer lagern?" Anordil stand ganz locker da. Er verharrte für einige Sekunden, bevor er antwortete. "Seid willkommen an unserem Feuer. Mein Name ist Anordil Glordoronion und dies ist meine Gemahlin Arwen Ceridwen." Der Krieger stieg ab. "Habt vielen Dank für Eure Gastfreundschaft", erwiderte er, "mein Name ist Dankwart Marûkhor aus Dol Amroth. Dies ist Rikmor Alarian aus Linhir. Ich begleite sie auf ihrem Weg nach Shedûn."
"So lasst Euch nieder und teilt unser bescheidenes Mahl mit uns", sagte Anordil. Er setzte sich zurück ans Feuer. "Wir danken Euch nochmals", entgegnete Rikmor, "es war eine lange Reise." Sie versorgten ihre Pferde, bevor sie sich dann am Feuer nieder ließen. Dankwart zog aus einer Satteltasche einen Proviantsack, dem er Brot und Dörrfleisch entnahm. "Dies haben wir im letzten Dorf gekauft", erklärte er, "unser Beitrag zum Mahle." Schweigend aßen wir. Die restlichen Fische, die eigentlich unser Frühstück sein sollten, steuerten wir bei.
"Ihr seid auf den Weg nach Shedûn?", fragte Anordil nach dem Mahl. "Ja, Herr Anordil", erwiderte Rikmor, "ich möchte die dortige Heilerschule besuchen, um mich als Heilerin weiterzubilden und meine Kunst zu verbessern. Man hat mir gesagt, dass ich in Shedûn finden würde, was ich suche." Aus Gesprächen mit Anordil wusste ich, dass Shedûn eine Bergstadt am nördlichen Zipfel des Nebelgebirges. In früheren Zeiten war es berühmt für seine Heiler.
"Euer Streben ist sehr lobenswert", warf ich ein, "doch warum reist Ihr so weit? Gibt es nicht andere Heilerschulen, die näher liegen als Shedûn?" "Ihr habt Recht, es gibt Schulen, die näher gelegen sind", sagte Rikmor, "doch das meiste Wissen sei dort angesammelt – so sagt man. Und ich bin begierig darauf zu lernen." Anordil sah nachdenklich aus. "Wenn Ihr euch wirklich verbessern wollt und Euer Wissen mehren", sprach er, "so geht nicht nach Shedûn. Dort kann man Euch nur Schriftrollen zur Verfügung stellen. Die Archive quellen schier über. Aber die Praxis und die Lehre durch einen erfahrenen Heiler können diese Schriftrollen nicht ersetzen. In Shedûn werdet Ihr keinen Heiler finden, der Euch weiterhelfen kann oder gar will. - Geht nach Bruchtal."
Rikmor Alarian sah ihn leicht verunsichert an. "Mein Herr", erwiderte sie vorsichtig, "mir wurde Shedûn von unserer Heilerschule in Linhir empfohlen. Es wurde zwar davon gesprochen, dass die besten Heiler bei den Elben anzutreffen wären, aber soweit ich weiß, ist der Weg nach Bruchtal kaum jemandem bekannt. Die Elben – bitte verzeiht mir, Herr – bleiben meist unter sich und haben wenig Kontakt zu den übrigen Rassen." Ihr war ein wenig unwohl, als sie dies sagte. Das konnte man ihr ansehen.
Anordil lächelte sie gewinnend an. "Im großen und ganzen habt ihr sogar Recht", stimmte er zu, "doch die beste Heilerschule werdet Ihr bei Elrond, dem Herrn von Bruchtal, finden. Manchmal unterrichtet er Menschen. – Wenn sie es schaffen, ihn von ihrer Qualität zu überzeugen." Sie war jetzt sehr aufgeregt. "Meint Ihr, dass ich eine Chance bekommen könnte, Herrn Elrond von meinen Qualitäten als Heilerin zu überzeugen", fragte sie atemlos. Vor Aufregung hatte sie kleine rote Flecken im Gesicht. Ihre Augen leuchteten erregt. Anordil nickte bedächtig, als würde er seine Worte abwägen.
"Folgt dem Mitheithel weiter nach Norden. Dann dem Bruinen. An seiner Südgabel wandert Ihr bis zur Bruinenfurt weiter. Diese quert Ihr. Dort ruft nach Elronds Wachen. Sagt, dass Anordil Glordoronion Euch schickt. Bittet vor Elrond gelassen zu werden. Und lasst die Waffen stecken. Sollte Euer Begleiter die Waffen ziehen, so werdet Ihr tot sein, bevor sein Schwert die Scheide verlassen hat. Allerdings liegt es in Elronds Hand, ob er Euch empfängt oder nicht. Oder ob er Euch gar unterrichtet. Ich kann euch nur den Weg weisen. Solltet Ihr Bruchtal verlassen müssen, wird Elrond Euch das Wissen um diese letzte sichere Heimstatt der Elben nehmen." Dankwart Marûkhor sah ein wenig missmutig aus. Aber er widersprach nicht. Er hatte auch während der ganzen Unterhaltung kein Wort gesagt. "Vielen Dank, Herr Anordil", sprach Rikmor und wäre ihm beinahe um den Hals gefallen. Im letzten Moment fiel ihr ein, dass dies sich nicht ziemte und sie nicht seines Standes war.
In dieser Nacht konnten wir den Anblick des Himmels über uns nicht so ganz genießen. Wir hielten abwechselnd Wache. Dankwart Marûkhor erbot sich eine der Wachen zu übernehmen. Trotzdem wusste ich, dass Anordil mit einem Auge wach bleiben würde. Am Morgen trennten sich unsere Wege. Wir zogen weiter nach Osten und die beiden zogen nach Norden.
Zwei Tage später kamen wir über den kleinen Berghügel. Das Tal von Cillien lag vor uns. Wie damals hörte ich Gelächter wie auch Gesang. Unwillkürlich hielt ich den Atem an. Das Grün des Waldes und das tiefe Blau des Flusses bildeten einen reizvollen Kontrast. Der kleine Wasserfall hinterließ einen feinen Nebelschleier, der wie Kristall glitzerte. Mein Herz war froh, als wir in das Tal hinunterstiegen. Ich fühlte mich zu Hause.
Im Haus des Glordoron angekommen, wurden wir bereits erwartet. Das Nachrichtensystem der Elben funktioniert tadellos. Und ich hatte, wie damals, niemanden bemerkt. Mallenloth kam uns in der Halle entgegen. "Mae govannen, adar - willkommen, Vater", begrüßte sie Anordil, "mae govannen, Arwen - willkommen, Arwen. Ich freue mich, dass ihr wieder hier seid." "Gen suilon, Mallenloth", grüßte Anordil zurück und umarmte sie herzlich, "sage bitte meinem Vater, dass ich zurückgekehrt bin. Ich habe Nachrichten aus Mithlond dabei. – Und eine kleine Überraschung." Mallenloth blickte uns kurz prüfend an. "Ich ahne, was das für eine Überraschung ist", lächelte sie erfreut, "und ich begrüße deine Entscheidung, Vater." Sie umarmte mich spontan. "Bitte verlange nicht von mir, dass ich dich Mutter nenne", flüsterte sie mir ins Ohr, "ich glaube, dafür wäre ich ein wenig zu alt." Ich lachte laut. Dann drückte ich sie kurz an mich. "Das verlange ich nicht von dir", antwortete ich, "aber lass mich deine Freundin sein."
Anschließend zogen wir uns in Anordils Gemächer zurück. Uns stand erst einmal der Sinn danach den Staub der Reise von uns abzuwaschen und ein wenig zu entspannen. Zwischendurch verschwand Anordil für eine Weile. Er wollte seinem Vater Bericht erstatten.
Gegen Abend kleideten wir uns in frische Gewänder. Wie damals, so würde auch heute ein kleines Fest wegen Anordils sicherer Heimkehr stattfinden. Und so war es. Als wir die Große Halle betraten, war diese schon gut besucht. Elben und Gäste anderer Rassen saßen an der Tafel oder tanzten zur Musik. Unter den Musikanten erkannte ich Eiliant und Niniel, meine beiden Lehrerinnen. Vergnügt winkten sie kurz zur Begrüßung. Leider konnten wir Luvalaes nirgendwo entdecken. Er war wohl von seinen Reisen noch nicht heimgekehrt. An der hohen Tafel wurden wir bereits erwartet.
Anordils Vater, Glordoron, blickte uns entgegen. Das silbergraue Gewand mit den altgoldenen Ornamenten ließ ihn noch imposanter erscheinen. Diesmal schmückte ein silberner Reif sein Haar. "Gen suilon, Anordil, willkommen zu Hause", begrüßte er seinen Sohn herzlich und umarmte ihn. Danach wandte er sich mir zu. "Gen suilon, Arwen, sei mir willkommen als meine Tochter", sagte er zu mir. Ich verbeugte mich respektvoll. "Habt Dank, dass Ihr mich so herzlich aufnehmt", antwortete ich ihm leise. Er lächelte mich freundlich an. "Ich freue mich, dass Anordil sich wieder für eine Gefährtin entschieden hat", erwiderte er leise, "nehmt nun Platz an der Tafel."
Nach dem Mahl stand Glordoron auf und bat um Ruhe. "Liebe Freunde", hob er an, "heute Abend feiern wir die glückliche Rückkehr meines Sohnes Anordil. Allerdings nicht nur dieses. - Ich habe das besondere Vergnügen, euch die Gefährtin meines Sohnes vorstellen zu dürfen. – Dies ist Arwen Ceridwen Glordoroniell, Gemahlin des Anordil und neues Mitglied meines Hauses. Heißt sie herzlich hier in Cillien willkommen." Er hob seinen Kelch und prostete mir zu. Mit weichen Knien stand ich auf. Der Kelch zitterte leicht vor Aufregung in meiner Hand. Anordil war gleich mir aufgestanden.
Wir nahmen die Hochrufe wie auch die Glückwünsche in Empfang. Niniel und Eiliant kamen freudestrahlend auf uns zu. "Willkommen in Cillien", grüßte Eiliant mit einem herzlichen Lächeln, "und alle guten Wünsche zu eurem Bündnis." "Auch ich wünsche euch alles Gute und eine erfüllte Bindung", bestätigte Niniel. "Habt Dank, edle Herrin Niniel und edle Herrin Eiliant für eure freundlichen Worte", erwiderte Anordil übertrieben höflich. Er wusste, dass die beiden die höfische Etikette hassten. Und er erntete sofort einen wütenden Blick von Niniel. Sie ignorierte ihn geflissentlich und wandte sich mir zu. "Vielen Dank, euch beiden", sagte ich schlicht. "Erzählt, wie war eure Reise", fragte Eiliant neugierig. Völlig die Etikette außer Acht lassend, zog sie uns mit sich an das Feuer in der Mitte des Saales. Wir ließen uns auf den Bänken nieder und begannen zu erzählen. Bald hatten sich etliche unserer elbischen Freunde um uns versammelt und lauschten dem, was wir zu berichten hatten. Erst danach konnten wir weiter das Fest genießen. Niniel und Eiliant sangen uns zu Ehren gar ein neues Lied, dass sie geschrieben hatten.
Die Atmosphäre war erfüllt von Fröhlichkeit. Überall wurde gelacht und gescherzt. Geschichten machten ihre Runde. Die Musikanten gaben ausgelassene Lieder zum Besten. Dabei wechselten sie zwischendurch zu quirligen Tanzstücken, die einem den Atem raubten. Vor Freude und dem Tanzen erschöpft begaben wir uns zur hohen Tafel. Durstig leerte ich meinen Kelch. Aus den Augenwinkeln sah ich Thinroval auf uns zukommen. Freudig begrüßte er uns. Anordil klopfte er freundschaftlich auf die Schulter.
"Wir hatten bereits Wetten abgeschlossen, wer von euch beiden mit Arwen das Bündnis eingehen würde", lachte er uns vergnügt an, "wie es aussieht, habe ich die Wette wohl gewonnen." Anordil sah ihn schockiert an. "Ihr habt Wetten abgeschlossen?", fragte er ungläubig, "aber ihr konntet doch nicht wissen ..." "Wissen nicht", kam die prompte Antwort, "aber ahnen. Schließlich war das Gebaren von Luvalaes und dir doch offensichtlich. Selbst wenn Arwen es wohl nicht bemerkt hat. – Hier ist übrigens der Wetteinsatz. Wir sind darin übereinkommen, es Arwen als Mitgift zu schenken."
Sprachlos nahm ich den Beutel aus dunkelroter Seide entgegen, den er mir reichte. Auffordernd blickte er mich an. Vorsichtig knotete ich die Schnur auf und leerte den Inhalt auf die Tafel vor uns. Überrascht hielt ich den Atem an. Vor mir lag ein Vermögen! Edelsteine in unterschiedlicher Größe und Färbung. Sie funkelten im Schein des Feuers.
"Aber das kann ich nicht annehmen", flüsterte ich überwältigt, "das ist viel zu kostbar." Thinroval schüttelte lächelnd den Kopf. "Du hast dich nicht verändert", sagte er mit einem leisen Lachen, "du darfst diese Gabe nicht zurückweisen. Sie ist von Freunden und ein Geschenk zu eurem Bündnis. Eine Bündnisgabe kann nicht abgelehnt werden." Ich benötigte einige Sekunden, um dies zu verdauen. Anschließend umarmte ich Thinroval spontan. Völlig entgegen höfischer Etikette. Thinroval lächelte überrascht. "Vielen Dank, edler Thinroval für Eure Gabe", erwiderte ich heiser, "vielen Dank an die edlen Krieger Cilliens."
Tränen der Freude standen mir in den Augen. Als ich in die Runde blickte, bemerkte ich, dass die Kriegereinheit, mit der ich hier einen Teil meiner Übungen absolviert hatte, in einem lockeren Halbkreis um uns standen und vor Freude strahlten. "Dann darf ich wohl die Gemahlin des edlen Anordil um einen Tanz bitten?", fragte Thinroval mit schalkhaft blitzenden Augen. "Gerne, edler Thinroval", entgegnete ich, "sofern mein Gemahl es erlaubt?" Anordil lachte auf. "Ich glaube Niniel und Eiliant haben Recht, in dem sie die Etikette hassen", sagte er vergnügt, "ich gebe gerne meine Erlaubnis. – Nun los, tanzt!" Stolz sah er uns hinterher, als Thinroval mich zum Tanzplatz geleitete.
Im Laufe des Abends wurde viel gesungen und getanzt. Immer wieder wurden wir an die Tische gerufen und beglückwünscht. Diesmal genoss ich es in vollen Zügen. Damals war ich scheu gewesen. Zurückhaltend hatte ich alles betrachtet. Doch heute gehörte ich zu Anordil. Stolz und selbstbewusst bewegte ich mich unter den Elben.
Als wir später in unser Quartier zurückkehrten, fühlte ich mich trunken. Weniger vom Wein, als vom Glück. Man hatte mir das Gefühl gegeben, nach Hause gekommen zu sein. Darüber war ich glücklich. - Ich war zu Hause!
Nach einigen Monaten der Ruhe zog es uns jedoch wieder hinaus. Anordil kam am Tage vor unserer Abreise und zog mich mit sich. "Dies hier möchte ich dir schenken", sagte er. Damit deutete er auf meine neuen Waffen. Sie lagen ausgebreitet auf dem Tisch. Ich hielt den Atem an. Der Bogen war wunderschön mit mattgoldenen Ornamenten verziert, ebenso der Köcher. Auch die Schwerter und der Dolch hatten diese Verzierungen an den Griffen. Die Klingen waren mit magischen Elbenrunen versehen und der Kampfstab wies metallene Verstärkungen auf.
"Die magischen Runen wirst du bald beherrschen und aktivieren können", sagte Anordil stolz, "diese Waffen gleichen meinen eigenen. Ich habe sie in Imladris fertigen lassen. Gestern brachte ein Bote sie mit den besten Grüßen von Meister Iavasmall." "Gen hannon - ich danke dir", erwiderte ich atemlos, "ú-iston man bed - ich weiß nicht, was ich sagen soll. – Die Waffen sind viel zu kostbar für mich." "Warum sollte meine Gemahlin weniger gute Waffen tragen als ich?", warf er ein, "du musst dich von deinen Wertvorstellungen lösen. – In Mittelerde ist manchmal die Qualität der Waffe entscheidend für den Kampfausgang. – Und für meine Gemahlin ist keine Waffe zu kostbar, schließlich schützt sie dein Leben." Dagegen konnte ich nicht argumentieren.
Am nächsten Morgen betrachtete ich mich nachdenklich im Spiegel. Mittelerde hatte mich verändert. Jeder, der mich nur flüchtig betrachtete, würde mich für eine Elbin halten. Ich trug eine Tunika aus silbergrauem seidigem Material und darüber einen Kampfmantel aus taubengrauem Stoff mit Goldstickerei, welcher bis zu den Waden fiel. Hierüber lag eine Lederrüstung in dunkelbraun mit mattgoldenen Ornamenten an den Schultern und im Brustbereich. Die Armschienen bestanden ebenfalls aus dunkelbraunem Leder mit mattgoldenen Ornamenten. Die Hose war aus taubengrauem Leder gefertigt. Der Gürtel aus sorgfältig geflochtenem Leder wurde von einer goldenen Schließe gehalten. Mehrere Lederbeutelchen hingen an der rechten Seite. An der linken trug ich den Dolch in einer mit Goldornamenten versehenen Scheide. Dunkelbraune Lederstiefel mit feinen Ziselierarbeiten vervollständigten meine Kleidung. Mein Haar fiel lang den Rücken hinunter. An den Seiten hatte ich es eingeflochten. Doch meine Ohren waren bedeckt. Auf dem Rücken kreuzten sich die beiden Kurzschwerter in den vorzüglich gearbeiteten Scheiden. Darüber trug ich den Köcher mit den Pfeilen. Ein lederner Beutel mit meinem Reisegepäck hing rechts daneben, wie auch meine Laute. Der Bogen lag griffbereit auf dem Tisch.
Anordil legte mir den graugrünen Umhang mit der goldenen Schließe, die das Wappen der Schwertmeister Glordorons trug, über die Schultern. Ein flüchtiger Kuss streifte sanft meine Wange. "Bado ven - lass uns aufbrechen", sagte er zu mir, "Ennor daer a anna rim dírad achen - Mittelerde ist groß und es gibt viel für dich zu sehen." "Ich bin bereit, Anordil. Auf zu neuen Abenteuern." Er trug ähnliche Gewänder, wie damals, als ich ihn das erste Mal traf. Nur diesmal waren sie neu. Anordil reichte mir meinen Bogen und dann gingen wir hinaus. Von Mallenloth und Glordoron hatten wir uns am Vorabend verabschiedet. Als wir das Tal verließen, blickte ich noch einmal zurück.
Wie friedlich wirkte Cillien. Ich sog das Bild in mich hinein. Mit meiner Hand berührte ich das Amulett, welches mir Mallenloth damals geschenkt hatte. Es kam mir vor wie ein Stück Heimat.
Wir schlugen den Weg nach Norden ein. Dabei folgten wir den Ausläufern des Nebelgebirges. Nach einigen Tagen wurde die Gegend arg düster. Bäume und Sträucher wurden kahl. Die farbenprächtige Landschaft wich einem trostlosen Grau. Es sah aus, wie nach einem Vulkanausbruch. Kein Vogel war zu hören. Kein Tier zu sehen. Beklemmung stieg in mir auf. Man konnte den Tod förmlich riechen.
An einem schwarzen See verharrten wir kurz. "Was ist hier geschehen?", fragte ich leise, "es ist, als hätte ein Vulkan diesen Landstrich verwüstet." Anordil sah mich ernst an. "Wir ziehen an Hadhodrond vorbei", antwortete er mir ebenso leise, "von den meisten wird sie jedoch Moria genannt. - Dort auf der anderen Seite des Sees liegen die Tore zur Zwergenfeste verborgen."
Ich musterte die Umgebung. Schauer liefen mir über den Rücken. Moria, dachte ich, die untergegangene Zwergenstadt. Wo die Gier das Böse freigesetzt hatte. "Die Zwerge gruben hier nach Mithril, dies ist bekannt", sprach Anordil weiter, "Moria war der einzige Ort auf Mittelerde, wo man je Mithril fand. Vor über tausend Sonnenläufen gruben die Zwerge zu tief und weckten einen Balrog. Sie wurden von ihm vertrieben. Vor etwas über zweihundert Sonnenläufen kehrten sie jedoch zurück. Sie führten einen heftigen Krieg mit den Orks, die sich in der Zwischenzeit dort ausgebreitet hatten. Die Schlacht im Schattenbachtal hat traurige Berühmtheit erlangt. Doch Moria wurde nicht mehr besiedelt. Die Zwerge hatten Furcht vor dem Balrog. Es heißt in einer Zwergenballade, dass er seinerseits vor einigen hundert Jahren das Weite gesucht habe. Vor etwa hundert Sonnenläufen wagten es eine Handvoll Zwerge unter der Führung von Balin dort eine Kolonie zu gründen. Doch seither gibt es keine Nachrichten mehr von ihnen. Niemand weiß, was in Moria geschieht oder seitdem geschah. Oder ob dort noch Zwerge leben und ob sie erfolgreich in der Wiederbesiedelung waren. Seit vielen Jahrzehnten sind die Tore verschlossen. Keiner konnte sie bisher wieder finden oder gar öffnen. Aber es heißt, dass das Höhlensystem das Nebelgebirge von einem Ende zum anderen quert. - Allerdings ist die Zwergenfeste nicht unser Ziel. Folglich brauchen wir uns nicht um einen Zugang zu bemühen. Um diese Jahreszeit können wir dem Nebelgebirge ein Stück nach Norden folgen und es in Höhe des Schwertel überqueren."
Schweigend blickte ich über den See. Das tiefschwarze Wasser kräuselte sich ein wenig. Ich hielt den Atem an. Der Fels am anderen Ufer ragte steil auf. Irgendwo dort drüben musste das Tor mit den Mondschriftzeichen sein. Ich hörte Anordil kaum zu.
Unruhig sah ich ihn an. "Lass uns bitte rasch weiterziehen", flüsterte ich, "mir ist unheimlich zumute. Auch das Wasser ist mir nicht geheuer. Es ist zu schwarz." Nur mit Mühe gelang es mir meine Stimme zu kontrollieren. Mich fröstelte bei dem Gedanken an die Dunkelheit Morias. Ich war keineswegs scharf darauf dem Balrog zu begegnen oder gar diesem Monster, das angeblich im See über das Tor von Moria wacht. Schließlich sollte es Gandalf und der Gemeinschaft des Ringes vorbehalten sein diesen beiden gegenüber zu stehen. Bis zu den Begebenheiten um den Einen Ring waren es gut und gerne fünf Sonnenläufe hin.
"Man cared na gen? - Was ist mit dir?", fragte er mich besorgt, "lam gîn gir - deine Stimme zittert." Ich sah ihn aufgewühlt an. "Ich weiß, was dort in den Tiefen von Moria verborgen liegt", antwortete ich leise, "das Böse schläft nur. Bald wird es erwachen." Anordil sah mich streng an. Er legte mir die Hände auf die Schultern und zwang mich ihn anzusehen. "Du weißt, dass du mir nichts von den Ereignissen, die kommen werden, erzählen darfst", sagte er eindringlich, "der Lauf des Schicksals darf nicht verändert werden." "Es ist nicht leicht, die Zukunft zu wissen und nichts sagen zu dürfen", flüsterte ich, "aber ich werde schweigen über das, was geschehen wird." Dann brachen wir auf. Ich schaute noch einige Male zurück. Allmählich verschwanden die Felsen der Zwergenfeste in der Dunkelheit.
Es dauerte einige Zeit, bis wir die düstere Umgebung Morias hinter uns gelassen hatten. Die Beklemmung, die ich dort gespürt hatte, wich nur langsam von mir. Tage später erreichten wir den Schwertel. Auf seiner Höhe überquerten wir das Nebelgebirge. Zu einer anderen Jahreszeit wäre dieser Weg nicht passierbar. Wir folgten dem Schwertel bis zu seiner Einmündung in den Anduin. An dessen Ostufer hielten wir uns nach Norden bis zur Alten Waldstraße.
In Maethelburg legten wir eine kurze Zwischenstation ein. Die Stadt hatte sich von der Seuche erholt und erstrahlte in neuem Glanz. Mit der Hilfe der Elben war wieder ein funktionierendes System aufgebaut worden. Diesmal kehrten wir im Gasthaus zum ‚Lachenden Ochsen' ein. Nichts erinnerte daran, dass hier vor knapp anderthalb Jahren eine schlimme Seuche gewütet hatte. Das Zimmer, welches der Wirt uns gab, war sauber und das Essen gut. Ich spielte diesen Abend im Schankraum auf.
Am nächsten Morgen beschlossen wir über den Markt zu wandern. Wir trafen sogar auf eine alte Bekannte von damals. Urthena hatte im Bereich des Marktplatzes einen Laden aufgemacht. Sie handelte jetzt mit Waren aus dem Düsterwald. Neugierig betraten wir das Geschäft.
Sie hatte uns den Rücken zugedreht und war mit den Waren beschäftigt. Als sie uns hörte, drehte sie sich um. Ein Strahlen ging über ihr Gesicht, als sie uns erkannte. "Mae govannen, hîr Anordil, híril Arwen – seid willkommen, Herr Anordil, Herrin Arwen", grüßte sie uns erfreut auf Sindarin, "ich freue mich euch zu sehen." Herzlich gab sie uns die Hand. Es war keine Spur mehr von ihrer früheren Scheu zu erkennen. Die damalige Ausgezehrtheit war verschwunden. Nun kam ihre volle Schönheit zur Geltung. Ihr dunkelbraunes Haar trug sie sorgfältig zu einem dicken Zopf geflochten. Sie trug jetzt ein honigfarbenes Gewand mit breitem Miedergürtel aus ziseliertem Leder. Feine blasse Narben an ihren Armen zeugten von der Seuche, die sie überstanden hatte. In ihrem Gesicht waren jedoch keine Spuren mehr davon zu erkennen. "Mae govannen, Urthena", grüßten wir sie zurück. "Man mathach? - Wie geht es dir?", fragte Anordil. Sie lächelte glücklich. "Mae mathon - mir geht es gut", antwortete sie, "nach der Seuche hat es eine Weile gedauert, aber mit der Hilfe der Waldelben war die Stadt schnell wieder bewohnbar. Kommt doch mit nach hinten." Sie deutete auf den kleinen Durchgang, der weiter in das Haus hinein führte.
Nach ein paar Metern standen wir in einer gemütlichen Küche. Über der Feuerstelle hing ein Kessel. An einem Bratspieß hingen zwei Hühnchen. Eine Magd war mit dem Putzen von Gemüse beschäftigt. Sie blickte von ihrer Arbeit auf, als sie die Geräusche hinter sich hörte. Erschrocken sah sie Anordil an und das Messer glitt ihr aus den Fingern. Anscheinend hatte sie nie zuvor einen Elben gesehen. Urthena wies sie an nach vorne in den Laden zu gehen. "Ein einfältiges kleines Ding", sagte Urthena entschuldigend, "sie kommt weit aus dem Norden und alle anderen Rassen erschrecken sie fast zu Tode. Sie ist erst seit kurzem in unseren Diensten.– Nun setzt Euch und erzählt, wie es Euch ergangen ist." Sie bot uns Wein, Brot sowie gebratenes Hühnchen an.
Anordil und ich erzählten abwechselnd, was wir erlebten, seit wir Maethelburg verlassen hatten. "Nun Urthena, jetzt bist du an der Reihe", schloss ich meine Erzählung ab, "was habt Ihr erlebt?" Wieder lächelte sie glücklich. "Oh, es ist einiges geschehen, seit Ihr Maethelburg verlassen habt", fing sie an, "Radamar und Rellena haben uns sehr geholfen. Die Aufräumarbeiten zogen sich über Wochen. Die Asche und den Schutt der verbrannten Häuser wegtragen war eine dieser Arbeiten. Wir haben viele Tränen vergossen über die Toten. In den Trümmern fanden sich sogar vereinzelt Knochen. Diese haben wir in die Feuergrube außerhalb der Stadt getan, in der die Leichen verbrannt wurden. Nachdem der letzte Leichnam verbrannt war, haben wir die Grube mit Erde bedeckt. - Vor der Stadt könnt ihr den Hügel erkennen. Er ist jetzt mit Gras bewachsen und dient uns als Mahnmal. - Knapp zwei Wochen nach dem Ihr uns verlassen hattet, kamen tatsächlich die Waldelben. Sie brachten Nahrung und Kleidung mit. Sie gingen auf die Jagd, so versorgten sie uns mit Fleisch. Ihre Heiler halfen den Schwachen sich zu erholen. Wir Überlebenden sind ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet. Ich lernte dabei einen jungen Waldelben kennen..." Sie schmunzelte ob dieser Aussage. " – Nun ja, was man bei den Elben als jung bezeichnet. Sein Name ist Nauralass."
Sie machte eine kurze Pause und lächelte glücklich. Dies gab mir Gelegenheit mich an Nauralass zu erinnern. Es musste der Elb sein, dem wir zusammen mit Legolas damals begegnet waren. Er war mit einer ganzen Gruppe von Elben auf dem Weg nach Maethelburg gewesen. Wenn ich mich recht entsann, schien er auf der Flucht vor seiner Schwester gewesen zu sein. "Wie Ihr wisst, hatte Herr Legolas mich zum Sonnenwendfest eingeladen", fuhr Urthena fort, "Nauralass begleitete mich nach Aradhrynd. Ich war sehr aufgeregt. - Und ich hatte Angst. – Niemals zuvor hatte ich mich weiter als bis Maethelburg von meinem Zuhause entfernt. Und nun reiste ich in Begleitung von Elben, von denen ich in meinem bisherigen Leben nur Schauermärchen hörte. Ich starb beinahe vor Furcht und mein Herz konnte ich in meiner Brust klopfen hören. Wahrscheinlich hörten es die Elben ebenfalls."
Die Erinnerung an meine ersten Wochen in Mittelerde kehrten zurück. Auch mich hatte Furcht erfüllt. Neugierig lauschte ich ihren Worten. "Aber man war nett zu mir. Herr Legolas hat mir die Stadt der Elben gezeigt und mir viel erzählt. Herr Legolas hatte mir dann vorgeschlagen, hier in Maethelburg die elbischen Handelswaren zu verkaufen. Ich bin darauf eingegangen. Während meines Aufenthaltes dort, brachte Nauralass mir die Grundbegriffe im Rechnen und Schreiben bei. Beim Sonnenwendfest hatte ich ihn gar als Tischherrn. Es war berauschend und es stürzten so viele Eindrücke auf mich ein, dass ich kaum atmen konnte."
Jetzt lächelte ich still in mich hinein. Ich konnte es durchaus nachvollziehen, was sie gefühlt haben musste. " - Und ich verlor mein Herz an Nauralass. Diejenigen von meiner Familie, welche die Seuche draußen auf dem Gehöft überlebt hatten, konnten mich nicht verstehen. Sie waren den Elben gegenüber stets misstrauisch gewesen. Daran hatte sich selbst nach der Seuche nichts geändert. Und Bildung ist bei ihnen sowieso nicht gefragt." Geringschätzung sprach aus Urthenas Worten
"Es genügt ihnen zu wissen, wie man die Felder bestellt und das Vieh hütet. Meine Eltern waren eh der Seuche zum Opfer gefallen und meine Geschwister zum größten Teil auch. Als ich wieder auf den Hof kam, hatten nur mein jüngster Bruder und ein Onkel und Tante sowie drei ihrer sieben Kinder überlebt. Sie waren erst alle hoch erfreut, als sie mich sahen. Denn sie rechneten damit, mich mit einem jungen Mann von einem anderen Gehöft verheiraten zu können und dadurch wieder Sicherheit für den Erhalt des Hofes zu erlangen. Als ich ihnen unterbreitete, dass ich mich mit einem Waldelben vermählen wollte, zerstörte ich damit ihre Pläne. Sie haben versucht mich dazu zu zwingen ihm zu entsagen. Sie sperrten mich ein und untersagten mir jedweden Kontakt mit den Waldelben. Ich durfte nur unter Aufsicht arbeiten oder gar den Hof verlassen."
Schmerzlich schaute sie ins Feuer. Die Erinnerung schien sie zu überwältigen. "Aber es gelang ihnen nicht, mich umzustimmen", erzählte sie mit fester Stimme, "Nauralass musste das Gehöft beobachtet haben, nach dem ich nicht wieder zurückkehrte. Er saß jedenfalls eines Abends im Hof und kraulte den Hund, als wir von den Feldern kamen. Meine Familie war zutiefst erschrocken, denn bis zu diesem Tag hatte der Hund niemanden außer meinen Vater und meinen Onkel an sich heran gelassen." Urthenas Lippen umspielten ein feines Lächeln ob dieser Erinnerung. "Nauralass forderte meine Familie auf, mich gehen zu lassen. Mein Onkel weigerte sich. Er versuchte es ein letztes Mal mich umzustimmen. Er drohte mir sogar. Aber ich liebe Nauralass zu sehr", ihre Stimme schwankte, "als Nauralass merkte, dass mit meiner Familie nicht zu reden war, nahm er mich einfach bei der Hand, zog mich hinter sich und verließ mit mir den Hof. Keiner wagte es sich ihm entgegen zu stellen. Mein Onkel wurde wütend, aber auch er traute sich nicht, Nauralass von seinem Handeln abzuhalten. In jener Nacht wurde ich aus der Familie ausgestoßen. Mein Name wurde gelöscht. Manchmal höre ich immer noch das Gebrüll meines Onkels – in meinen Träumen. - Aber ich war endlich frei."
Ich nickte ihr wissend zu. Seine Familie zu verlieren war schwer. Besonders, wenn sie lebt und nicht weit von einem weg wohnt. Sie stand kurz von ihrem Sitz auf und rührte in dem Kessel, der über dem Feuer hing. Geschickt füllte sie unsere Kelche ein weiteres Mal, bevor sie sich setzte. "Ich folgte Nauralass in den Düsterwald", erklärte sie, "dort verbrachte ich die Zeit bis zur nächsten Sonnenwende. Nauralass brachte mir Lesen, Schreiben und Rechnen bei sowie Sindarin und ein wenig Doriathrin. Auch lernte ich von ihm, wie man mit einem Dolch umgeht und mit dem Bogen schießt. Mittlerweile bin ich eine passable Bogenschützin geworden. Er hat sich sogar mit seiner Schwester Arviel ausgesöhnt. Von ihr lernte ich, wie man sich am Hof des Elbenkönigs verhält. Sie war mir eine große Hilfe. Ich weiß gar nicht, in wie viele Fettnäpfchen ich getreten bin."
Sie lächelte versonnen. In wie viele dieser Fettnäpfchen war ich wohl getreten, während meiner Zeit in Cillien? Ich wagte mich nicht zu erinnern, geschweige denn zu zählen. "Am nächsten Sonnenwendfest bekam ich meinen neuen Namen und wir gingen das Bündnis ein. Danach ging er mit mir nach Maethelburg. Ich eröffnete hier den Laden. Zurzeit ist er in Aradhrynd. Er wird erst in einem Mond wiederkehren." "Wie ist dein neuer Name?", fragte Anordil neugierig. "Er hat mich Gwaewdî – Windfrau – genannt." Urthena, oder Gwaewdî, wie sie jetzt hieß, errötete leicht.
"Und es freut mich, dass Ihr ebenfalls Euch entschlossen habt, das Bündnis einzugehen", sagte sie zu uns, "dabei ist es nicht leicht, die Liebe eines Elben zu erringen." Sie sah mich vielsagend an, bevor sie erneut zum Feuer ging und den Inhalt des Kessels umrührte. "Mir ist bewusst, dass es oft nicht gern gesehen wird, wenn Menschen und Elben das Bündnis schließen", sprach sie leise, "hier in Maethelburg wird viel gemunkelt. – Ja, ich wusste, auf was ich mich einließ und dieser Bund ist das Beste, was mir in meinem ganzen Leben widerfahren ist. Selbst wenn ich weiß, dass ich nur Nauralass Liebe besitze und nicht sein Herz." Wie sie derart neben dem Feuer stand, wirkte sie äußerst kämpferisch. Nichtsdestotrotz lächelte sie sanft vor sich hin. Sie war zufrieden.
Wir unterhielten uns eine ganze Weile. Es war schön zu sehen, wie aus der damals ungebildeten und verängstigten Urthena eine selbstbewusste junge Frau geworden war. Sie bestand darauf, dass wir in ihrem Haus Quartier bezogen. Wir verbrachten zwei Tage hier. Dann brachen wir wieder auf.
Weiter im Norden trafen wir auf die Alte Waldstraße. Diese wanderten wir nach Osten entlang und durch den Düsterwald. Wir hatten vor, einen kurzen Abstecher bei den Waldelben zu machen. Keiner der Wachen hielt uns auf. Anscheinend waren wir von damals noch bekannt. In Aradhrynd wurden wir freundlich begrüßt. Leider war Legolas nicht anwesend. So blieben wir nur ein paar Tage.
Wir folgten dem Taurduin aus dem Düsterwald heraus. An seinem Ufer entlang wanderten wir durch Marschland erst ein Stück nach Osten, dann wieder nach Süden. Unser Weg führte uns nach Esgaroth, der Stadt am Langen See. Esgaroth erreichten wir nach vier Tagen. Schon von weitem waren die Holzbauten der Stadt erkennbar. Beim Näherkommen konnte man sehen, dass der größte Teil der Stadt in den See hinein gebaut war. Die Häuser standen auf Pfosten. Die Wege verliefen ebenfalls als Stege über dem Wasser. Es erinnerte äußerst stark an Venedig oder die Pfahlbauweise der deutschen eisenzeitlichen Städte am Bodensee. Die Holzhäuser waren teilweise zwei bis drei Stockwerke hoch. Die Dächer liefen spitz zu.
Esgaroth war eine Handelsstadt. Deshalb herrschte reger Betrieb auf den Wegen und Plätzen hoch über dem Wasser. Im Hafen dümpelten Boote sowie kleinere Schiffe vor sich hin. Weit draußen auf dem See konnte man vereinzelte Fischerboote erkennen. Staunend blickte ich mich um. Und ich hatte geglaubt, dass Mittelerde keine Überraschungen mehr für mich hatte!
In einem der Gasthäuser, dem "Vodagarazun Inn" kehrten wir ein. Es war ein dreistöckiges Holzgebäude mit einem vierstöckigen Turm in der einen Ecke. Der Schankraum war äußerst groß und wirkte sauber. Er zog sich über zwei Etagen hin. In der unteren Etage war der eigentliche Schankraum mit dreißig blankgeputzten Eichentischen und einer riesigen halbkreisförmigen Theke aus Zedern- und Nussbaumholz. Dahinter befand sich die Feuerstelle mit dem Kochbereich. Ein Bratrost hing darüber. Dieser war allerdings leer und das Feuer erloschen. Stufen führten zur nächsten Etage hoch. Hier zog sich eine Art Galerie einmal rundum. Auf dieser gab es Nischen mit Tischen, die einem ein wenig mehr Privatsphäre garantierten. Man konnte sehen, dass sich draußen eine Art rundumlaufender Balkon mit kleinen Tischen befand.
Wir wurden in einem Zimmer im zweiten Stock einquartiert. Es war klein, aber recht sauber. Sogar ein Bett auf Pfosten und mit Leinen bezogener Strohmatratze war vorhanden. In der Feuerstelle lag sorgfältig Holz aufgeschichtet. Ein Stuhl rundete die Einrichtung des Zimmers ab.
Wir würden hier vielleicht ein oder zwei Tage verbringen. Nach dem wir uns einquartiert hatten, beschlossen wir über den Markt zu schlendern. Schließlich hat man nicht alle Tage einen Marktplatz der gut und gerne zwölf oder mehr Fuß über dem Wasser angesiedelt war. Interessiert betrachteten wir die Waren, die angeboten wurden.
"Sei gegrüßt, Herr Anordil. Sei gegrüßt, Arwen", hörten wir plötzlich eine bekannte Stimme hinter uns. Wir drehten uns um. "Sei gegrüßt, Radamar", rief ich überrascht aus. Anordil lächelte ihn erfreut an. "Was hat Euch denn hier nach Esgaroth verschlagen?", fragte Radamar, nachdem er uns kräftig die Hand geschüttelt hatte. "Wir sind auf der Suche nach Abenteuer", erklärte ihm Anordil. "Ich hoffe, Ihr habt noch kein Nachtmahl verzehrt?", fragte er aufgeregt. Wir schüttelten den Kopf. Erfreut zog Radamar uns mit sich mit. Wir folgten ihm.
An einem der Pfahlbauten in der Nähe des Marktes machte er Halt. Es war ein äußerst kleines, schmales Haus. Über der Tür war ein Schild befestigt. Darauf waren die Schriftzeichen für Heilung und Wissen zu erkennen. Er öffnete die Tür. Dann schob er uns hinein. Wir standen in einer winzigen Heilerstube. An der einen Wand stand ein Schrank mit vielen kleinen Schubladen, Türchen und gefüllten Fächern. An der anderen Wand stand ein Regal, in dem viele Flaschen sowie Tiegeln standen. Kräuterbündel hingen von der Decke. Sie verströmten einen würzigen Duft. Aus der gegenüberliegenden Tür kam Rellena mit einem Baby auf dem Arm.
Erfreut strahlte sie uns an, als sie uns erkannte. "Oh, was für eine Freude", brach es aus ihr heraus, "Anordil und Arwen. Willkommen unter unserem Dach." Sie drückte uns beiden die Hand. "Dies hier ist Dagomar", stellte sie stolz das Baby vor, "unser Sohn." Sie ging voraus in die dahinter liegende Wohn- und Küchenstube. Alles machte einen äußerst engen Eindruck. Über der Feuerstelle blubberte ein Fischeintopf vor sich hin. Der Duft von frischem Brot zog durch die Stube. Rellena wies eine der beiden Mägde an, einige Fische auf dem Markt zu kaufen und zuzubereiten. "Ihr müsst unter unserem Dach verweilen", lud uns Radamar ein. "Tut uns leid", lehnte ich vorsichtig ab, "wir haben uns im ‚Vodagarazun Inn' einquartiert." Die beiden sahen ein wenig enttäuscht aus. Aber auch erleichtert.
Dann konnten wir erzählen. Radamar hatte sich mit Rellena nicht auf den Weg nach Rhûn gemacht. Kurz nach unserem Auseinandergehen war Rellena schwanger geworden. Wir freuten uns für sie. Ich war aber auch ein klein wenig eifersüchtig. Ich wusste, dass ich keine Kinder mehr bekommen konnte. Aufgrund widriger Umstände waren mir damals in der Klinik die Eileiter durchtrennt worden.
Radamar und Rellena hatten hier in Esgaroth eine Bleibe gefunden. Er war jetzt als Lehrmeister für Magie tätig. Rellena wirkte als Heilerin. Es wurde ein vergnüglicher Abend. Geschichten von Abenteuern wurden zum Besten gegeben. Radamar erzählte viel von früher, als er mit seinem Bruder durch die Lande zog. Es war spät, als wir wieder in unser Gasthaus gingen. Dort war einiges los. Aber im zweiten Stock hörte man nicht viel davon. Eng aneinander gekuschelt schliefen wir ein. Eher gesagt, ich schlief ein.
to be continued ...
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