Zu den Eisernen Bergen

Am nächsten Tag durchstreiften wir ein wenig die Stadt. Auf dem Marktplatz kauften wir ein paar Dinge ein, die wir brauchten. Als wir gegen Mittag in unser Quartier zurückkamen, hatte der Wirt eine Nachricht für uns. Radamar lud uns ein, mit ihnen zusammen das Mittagsmahl einzunehmen. Er hätte Neuigkeiten. Also machten wir uns auf zu Radamars Haus. Dort wurden wir bereits erwartet.

Wir waren nicht alleine. Neben Radamar und Rellena waren jetzt zwei andere Männer anwesend, die wir nicht kannten. Sie machten einen wohlhabenden Eindruck. Dem Äußeren nach zu urteilen, schienen es Händler zu sein. "Dies sind Athaulf Viloric und Euric Ruginar, zwei Händler hier aus Esgaroth", stellte er die beiden vor. Neugierig sah ich sie mir näher an.

Der mit Athaulf Viloric bezeichnete war klein und breit gewachsen. Man sah, dass der Wohlstand ihm den Bauch beschert hatte. Er schien außerdem einen Hang zum Wein zu haben. Jedenfalls zeugte die rote Nase in dem runden fleischigen Gesicht von zuviel Genuss desselben. Der andere, Euric Ruginar, war ein wenig größer und nicht ganz so feist. Aber wohlgenährt. Beide trugen Kleidung vom Feinsten. Ihre Hände sahen weich aus. Dementsprechend war der Händedruck. Sie hatten offensichtlich nie zuvor eine Waffe in den Händen gehalten oder schwer arbeiten müssen.

Wir setzten uns an den gut gedeckten Tisch. "Kommen wir direkt zur Sache", räusperte sich Athaulf Viloric reichlich unhöflich, "wie Radamar sagte, sind wir Händler. Wir haben allerdings großes Interesse daran Handelsbeziehungen mit den Zwergen in den Eisernen Bergen aufzubauen. Unsere ältesten Söhne sollen daher auf eine Reise dorthin gehen. Wir suchen Leute, die sie eskortieren. Sie sind eben bessere Händler als Kämpfer." "Und Ihr dachtet daran uns zu beauftragen?", fragte ich unverblümt.

Euric Ruginar sah mich leicht irritiert an. Anscheinend war er es nicht gewohnt, dass sich eine Frau in die Unterhaltung einbrachte. Aber er nickte. "Ja", antwortete er, "wir hörten von Radamar, dass sie gute Kämpfer seien und da es heutzutage schwer ist, Söldner zu finden, die ehrlich sind, würden wir natürlich diejenigen bevorzugen, die Radamar uns empfiehlt." Selbst wenn es sich dabei um Elben handelte, vollendete ich in Gedanken den Satz. Es war offensichtlich, dass die beiden nicht viel von anderen Rassen hielten. Anordil verzog keine Mine. "Wir werden darüber nachdenken und Radamar heute Abend unsere Entscheidung mitteilen", sagte er ausweichend. Danach erhob er sich, verabschiedete sich kurz von den Sitzenden mit einem leichten Senken seines Kopfes, verbeugte sich vor Rellena und ging hinaus. Ich tat es ihm nach.

"Die Händler sind nicht ehrlich zu Radamar", sagte er draußen leise zu mir, "sie akzeptieren ihn nicht und nutzen seine Gutgläubigkeit aus. Sie wollen Handelsbeziehungen aufbauen, aber ob sie tatsächlich die Zwerge in den Eisernen Bergen suchen ist fraglich." Ich sah ihn lange an. "Und was sollen wir tun?", fragte ich ihn. "Die Händler werden so oder so in die Richtung losziehen. Wenn wir sie nicht begleiten und sie werden getötet, wird Radamar sich Vorwürfe machen", sinnierte Anordil vor sich hin, "wir sollten den Auftrag annehmen, selbst wenn mir nicht ganz wohl dabei ist. Wir sollten uns bezahlen lassen und darauf drängen, dass ein paar Leute mehr angeworben werden. Wenn der Auftrag beendet ist, hindert uns ja niemand daran zu gehen." Ich gab ihm Recht. Es war beschlossen.

Wir gaben Radamar am späten Nachmittag Bescheid. Er war erfreut und erleichtert über unsere Entscheidung. Er konnte den Händlern sogar die Zusage für vier weitere Söldner abringen. Es lag jetzt an uns Leute anzuwerben. Uns fehlten zumindest ein Zauberkundiger und mindestens ein oder besser zwei Kämpfer. Wir schauten uns in den verschiedenen Gasthäusern um. Schon bald wurden wir fündig.

Am Tag vor der Abreise war unsere Reisegruppe nicht nur um einen recht fähigen Zauberer angewachsen, sondern sogar um drei weitere kampferprobte Krieger. Davina war eine schlagkräftige Nordländerin und bei den beiden Männern handelte es sich um einen Dúnländer und einen Rohirrim.

Der Zauberer hieß Faxus Andramus. Er stammte aus dem Süden. Für einen Gondorianer war er auffallend hager und groß. Seine dunkelblaue Robe schien ihm nicht richtig zu passen, denn sie flatterte ein wenig um ihn herum. Den Gürtel hätte er sich gut und gerne zweimal um den Leib schlingen können. Er hatte einen knorrigen Wanderstab dabei. In einem kleinen Ledersack trug er seine Utensilien. Ein großer breitkrempiger Hut in dunkelgrau zierte seinen Schädel. Braunes Haar quoll unter diesem ein wenig widerspenstig hervor. Ein Oberlippenbart gab ihm ein verwegenes Aussehen. Die Spitze des Hutes war abgeknickt und ein wenig löcherig. Als hätten dort einmal ein paar Pfeile gesteckt. Seine stahlgrauen Augen blickten intelligent und schienen ständig zu fragen. Er diente den Istari und für einen Zauberer war er mit seinen knapp vierzig Jahren recht jung. Aber er machte sonst einen fähigen Eindruck.

Davina war eine Nordländerin. Recht groß und kräftig gebaut für eine Frau. Ihre langen hellblonden Haare trug sie zu einem dicken Zopf geflochten, der mit Lederschnüren, an denen Reißzähne von Eiswölfen hingen, zusammengehalten wurde. Ihr Umhang bestand aus dem Fell von Eiswölfen. Die Hose wie auch die Rüstung waren aus Caruleder. Die Rüstung war zusätzlich mit Kettenringen verstärkt. Das Hemd bestand aus feiner dunkelroter Wolle. Ihre Armschienen waren ebenfalls aus Caruleder mit Metallringen verstärkt. Sie trug ein schweres Langschwert mit sich und eine große Nordlandaxt. Auf ihrem Kopf thronte ein Helm, der mit den Hörnern des Nordlandrindes verziert war. Trotz dieses martialischen Auftretens war ihr Gesicht fein geschnitten. Sie mochte vielleicht Anfang zwanzig sein. Eine Tätowierung war auf ihrer linken Wange zu sehen. Ob es sich um eine Clanzugehörigkeit handelte, wusste ich nicht. Sie ließ nichts über ihre Vergangenheit verlauten.

Der Dúnländer hieß Sambrin Palinor. Als ich ihn sah, konnte ich den Vergleich mit einem Hochland-Schotten nicht unterdrücken. Er trug dunkelbraune Hosen. Darüber eine ebensolche Tunika mit einer Lederrüstung. Aber quer über Brust und Rücken wand sich sein Umhang mit einem Rot-Beige-Braun-Schwarz gehaltenem Karomuster. Seine Bewaffnung bestand in einem Langschwert, einer Keule sowie einem schweren Kriegshammer. Ein riesiger Schnurrbart zierte sein Gesicht. Dieser war ebenso schwarz wie sein langes Haupthaar. Dunkelbraune Augen blickten sich ständig misstrauisch um. Durch seine wettergegerbte braune Haut war sein Alter schwer zu schätzen, aber er mochte vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahre alt sein. Narben liefen quer über sein Gesicht.

Der Rohirrim war relativ jung. Schätzungsweise fünfundzwanzig Jahre. Léod war sein Name. Auch er trug, wie Davina, keinen Clan- oder Familiennamen, aus welchen Gründen auch immer. Er war schmal, drahtig, eben normal groß gewachsen. Er trug braune Hosen aus Leder und eine dunkelbraune Lederrüstung mit Ziernähten in Kupfer. Sein Hemd war ebenfalls braun. Am Gürtel trug er eine Bola. Daneben steckte eine Schleuder. In einem Beutel konnte man die Munition für die Schleuder leise klappern hören. Ein Kurzschwert hing an seiner Seite. Seine Armschienen waren aus dunkelbraunem Leder mit Kupferbesatz. Narben an seinen Händen zeugten von vergangenen Kämpfen. Sein dunkelblondes Haar fiel locker, nur von einem Lederriemen gehalten, bis über die Schulter hinunter.

Im Großen und Ganzen konnten wir mit dieser Gruppe zufrieden sein. Wie gut sie wirklich waren, würde sich sowieso erst später erweisen.

Abends trafen wir uns im "Vodagarazun Inn" um den groben Reiseweg zu besprechen. Erst am nächsten Morgen würden wir die Männer der Händler kennen lernen. Der Schankraum des Gasthauses war wie jeden Abend gut besucht. Nicht nur von Reisenden, sondern gleichermaßen von Einheimischen. Leute der Stadtwache verbrachten hier ebenso ihren freien Abend, wie der Fischer von nebenan. Wir zogen uns in eine der Nischen im oberen Bereich zurück.

Heute Abend wurde im unteren Bereich des Schankraumes aufgespielt. Drei Musiker hatten sich dort in einer Ecke zusammengefunden. Sie spielten sogar recht gut. Auf der anderen Seite saßen in einer Nische zwei Männer von der Stadtwache, wie man unschwer an ihren Uniformen und der Bewaffnung erkannte. Am Gürtel des einen hing ein Signalhorn. Ihre Helme lagen auf dem Tisch. Sie hatten vier junge Frauen bei sich, die man ohne weiteres in die Kategorie ‚Leichtes Mädchen' stecken konnte. Ihr Lachen drang bis zu uns herüber. Von unten hörte man die normalen Schankraumgeräusche. Viel Stimmengewirr und Krüge, die aneinander gestoßen wurden. Ab und zu schwebte ein Schwaden Pfeifenrauch an uns vorbei. Bei der Bedienung bestellten wir Braten vom Rost, eingelegtes Gemüse, Brot und Wein. Es wurde uns rasch gebracht. Nach dem Mahl besprachen wir den morgigen Tag.

"Der Weg in die Eisernen Berge ist relativ sicher", erklärte Anordil, "wir haben uns nur vor Wegelagerern und Uindarlaif zu hüten." "Und welchen Weg schlagen wir ein?", fragte Sambrin und spielte mit dem Griff seines Kriegshammers. Jeder von uns hatte eine Waffe und den Dolch mit in den Schankraum gebracht. Man konnte nie wissen. "Ich schlage vor, wir halten uns von hier aus nach Norden Richtung Dale", sprach Anordil weiter, "dort können wir Proviant ergänzen. Von Dale aus führt ein Handelsweg der Zwerge in die Eisernen Berge. Diesem können wir folgen." "Am besten treffen wir uns morgen vor Sonnenaufgang hier vor dem Gasthaus", schlug Davina vor, "es macht einen besseren Eindruck, wenn wir geschlossen das Handelskontor dieses Euric Ruginar aufsuchen." "Dem stimme ich zu", meinte Léod.

Nachdem die meisten Dinge besprochen worden waren, wurde der Abend gemütlicher. Anekdoten von Abenteuern wurden erzählt. Nach einer Weile drückte mich ein Bedürfnis und ich verschwand nach unten. Hinter dem Gasthaus waren die entsprechenden Einrichtungen zu finden.

Als ich mich erleichtert hatte, betrat ich wieder den Schankraum. Auf meinem Weg nach oben wurde ich plötzlich rüde aufgehalten. "Komm her, schönes Kind", lallte mir eine alkoholgeschwängerte Stimme entgegen, "bei mir ist noch Platz!" Eine starke Hand hatte mich am Arm gepackt. Ich schaute mir den Kerl an. Jung, muskulös und breit gebaut. Seine Kleidung ließ auf Wohlstand schließen. Allerdings war er ansonsten recht ungepflegt. Sein Atem stank nach Alkohol sowie etlichen Fleischmahlzeiten. Zusätzlich verströmte er einen widerwärtigen Geruch nach besonders viel Schweißentwicklung und zu wenigen Besuchen im Badehaus. Ich sah zur Hand hinunter. "Lasst mich bitte los", sagte ich höflich. "Ich habe keinen Grund dich loszulassen", lachte er mich widerwärtig an, "schließlich bezahle ich ja dafür."

Ruhig blickte ich ihn an. "Ihr macht einen Fehler", ermahnte ich ihn, "ich bin keine der Frauen für die man bezahlt. Ich warne Euch, lasst mich gehen." Er wurde wütend. "Noch nie hat ein Weibsbild mein Verlangen ausgeschlagen!", knurrte er, "du wirst dich zu mir setzen und mit mir trinken. Und was später ist – nun, wir werden sehen." Sein Griff wurde fester. Er zog mich Richtung Tisch. Ich stemmte mich dagegen. Aus seiner Haltung sprach Wut. Das Gesicht lief rot an. "Dreckige kleine Hure!", brüllte er, "jetzt zier' dich nicht so. Mein Gold ist genau so gut wie jedes andere." Sein Arm holte aus. Einer seiner Kumpane hielt ihn zurück. "Breaga, lass ab", mahnte dieser mit lallender Stimme, "das ist eine Elbenkriegerin. Du kriegst nur Ärger!" Da mein Haar die Ohren verbarg, war es nur natürlich, dass man meinte, ich sei eine Elbin.

Ein diabolisches Grinsen legte sich über Breagas Gesicht. "Eine Elbin hatte ich noch nicht", geiferte er zurück, "sollen wohl gut im Bett sein, habe ich gehört. Nun, nachher weiß ich mehr." Er zog stärker an meinem Arm. "Ich warne Euch ein letztes Mal", sagte ich jetzt kalt, "lasst mich gehen." "Dumme Hure, halt dein Maul!", brüllte er mich an und holte zum Schlag aus. Jetzt platzte mir endgültig der Kragen. Geschickt unterlief ich den Hieb und nutzte seinen Griff für einen Hebel. Mit einem gewaltigen Plumps landete er auf seinem Allerwertesten. Dröhnendes Gelächter seiner Kumpane war die Folge. "Ich habe Euch gewarnt", sagte ich ruhig. Damit wandte ich mich zum Gehen.

Sein vor Wut rotes Gesicht entging mir genauso wie der Griff zum Dolch. "Arwen, adel gen! - Hinter dir!", hörte ich Anordil von oben. Ich schaute über die Schulter. Dieser Breaga stürmte auf mich zu. Mit viel Glück konnte ich ausweichen. Plötzlich waren wir in einem Handgemenge. Ich musste meine ganze Geschicklichkeit aufbringen, um die Kraft Breagas zu kompensieren und umzulenken. Als ich um mich blickte, sah ich, dass wir umringt waren.

Betrunkene Männer feuerten uns an. Über dem ganzen Tumult hörte ich Anordils Stimme. "Gedo! - Fang!" Mein Kampfstab flog mir entgegen. Geschickt fing ich ihn auf. Im selben Moment attackierte mich Breaga mit dem Dolch. Es gelang mir die Dolchhand zur Seite zu schlagen. Ich antwortete mit einem gemeinen Stoß gegen den Solarplexus. Nach Luft ringend ging er in die Knie. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass einer seiner Kumpane ein Schwert zog. Bevor er sich jedoch bewegen konnte, bohrte sich ein Dolch vor seinen Füßen in den Boden. Anordil gab mir Deckung. Ungehindert konnte ich jetzt Breaga eine Lektion erteilen. Und ich hatte großes Vergnügen daran.

Als sich das Blatt zu Breagas Ungunsten wandte, wurde die Menge unruhig. Dann sah ich seine Attacke. Eiskalt ließ ich ihn kommen. Im letzten Augenblick schlug ich auf seine Dolchhand. Mein Kampfstab traf das Gelenk. Ein charakteristisches Knacken sagte mir, dass der Hieb äußerst gut getroffen hatte. Mit einem weiteren Stoß schickte ich ihn endgültig zu Boden. Er blutete jetzt aus der Nase. Sein Gebrüll war wohl meilenweit zu hören. Für einen Moment war Ruhe.

Plötzlich brach ein Tumult los. Mit einem Mal war ich von meinen Gefährten umgeben. Anordil stand in meinem Rücken. Er hatte seinen Dolch aufgesammelt und jetzt sein Schwert gezogen. In der Hand von Faxus, dem Zauberer, glänzte ein Langschwert, das mit Runen verziert war. Davina hatte ihre Axt in der Hand, Léod trug sein Kurzschwert. Sambrin schwang locker den Kriegshammer. Wir stellten uns auf einen Kampf ein. Dann schrillte ein Horn durch den Raum. Alles erstarrte in der Bewegung.

Zwei Männer kamen gemächlich von der Galerie herunter. Sie trugen die Uniform der Stadtwache. Es waren die beiden, die sich vorhin mit den Mädchen vergnügt hatten. "Was soll dieser Tumult?", fragte einer, der offensichtlich das ältere Pendant zu Breaga war. Dieser rappelte sich hoch.

"Diese Hure hat angefangen, Vater!", brüllte er und hielt sich seine gebrochene Hand, "nimm' sie fest und lass' sie im Kerker schmoren!" Sein Vater sah ihn reichlich kühl an. "Ich glaube, mein Sohn, du bist dir über Recht und Gesetz nicht ganz im Klaren", entgegnete er frostig, "ich habe von oben das Ganze betrachtet. Ich beobachte dein Treiben nämlich seit einiger Zeit. Diese Frau hat dich nicht provoziert. Sie ist Gast in diesem Haus. Wenn sie sich gegen dich wehrt, ist das nur ihr gutes Recht. Ich habe sowieso darauf gewartet, dass dir eine Frau irgendwann den Hals bricht. Bedauerlicherweise war es nur die Hand. – Fragar, nimm meinen Sohn fest." Ungläubig starrte Breaga seinen Vater an. Hass glomm in den Augen auf. "Du willst deinen eigenen Sohn einsperren?", zischelte er ihm entgegen, aber der Vater hatte sich angewidert abgewandt. "Ich hasse dich!", brüllte Breaga vor Wut und Schmerz, "ich werde dich töten!" Der Gardist mit Namen Fragar schlug zu.

Blut tropfte Breaga aus dem Mund, als er von Fragar weggebracht wurde. "Ich muss mich für das Verhalten meines Sohnes entschuldigen", wandte sich der Gardist an mich, "ich hoffe, er hat diesmal seine Lektion gelernt." "Ich nehme Eure Entschuldigung an", entgegnete ich, dabei senkte ich den Kampfstab, "Euer Sohn wird die Hand lange Zeit nicht gebrauchen können. Vielleicht ist ihm das ja eine Lehre." Anordil und meine Gefährten steckten die Waffen weg. "Lass uns gehen", flüsterte mir Anordil zu. Ich nickte stumm. Auf eine Fortsetzung des Abends hatte ich wahrlich kein Interesse mehr.

Vor dem Schankraum blieben wir einen Augenblick stehen. Noch einmal bestätigten wir unsere Vorgehensweise. Danach gingen wir auseinander. Anordil und ich stiegen die Stufen zu unserem Quartier hinauf. Heute Nacht würden wir abwechselnd Wache halten. Schließlich musste man mit Vergeltungsmaßnahmen durch Breagas Kumpanen rechnen. Aber die Nacht verlief ruhig.

Der nächste Morgen brach mit einem wunderschönen Sonnenaufgang über dem See an. Wir trafen uns mit den anderen vor dem Gasthaus. Gemeinsam gingen wir zum Handelskontor des Euric Ruginar. Einige Pferde standen im Hof.

Ein nervöser junger Mann war zu sehen. Man sah ihm an, dass er nie über die Stadtgrenzen hinaus gereist war. Er sah seinem Vater ähnlich. Stallknechte hetzten hin und her. Ein anderer Mann stand neben dem Jüngling. Offensichtlich ein Bediensteter des Hauses. Er sah genauso nervös aus, wie sein Herr. Beide trugen gute, offensichtlich neue Reisekleidung in Erdtönen aus strapazierfähigem Stoff und augenscheinlich neue Waffen. Wollene Umhänge in dunkelgrau vervollständigten die Kleidung. Der Jüngling hatte zusätzlich noch eine neue, maßgefertige Lederrüstung an, trug ein Schwert an der Seite und einen Dolch im Gürtel. Ein Schild hing an einem der Pferde. Ich nahm an, dass es zu ihm gehörte. Der Bedienstete trug eine Stabkeule am Gürtel sowie einen Kampfstab in der Hand. Nervös fingerte er an diesem herum. Zwei weitere Männer in Reisekleidung standen ebenfalls unruhig in der Gegend herum. Sie schienen Bedienstete zu sein.

Gemächlich begaben wir uns auf eine Seite des Hofes. Dort lagerten wir unser Gepäck. Davina schaute interessiert in die Runde. Sambrin blickte sich eher misstrauisch um. Die anderen beiden schienen recht gelassen zu sein. Nach zehn Minuten trafen die Männer Athaulf Vilorics ein.

Es waren nur zwei. Ein junger Mann von schätzungsweise zwanzig Jahren und sein Begleiter. Sie waren gut gerüstet und bewaffnet. Die Waffen schienen nicht neu zu sein, denn sie zeugten von Gebrauch. Auch die Lederrüstungen der beiden wiesen Gebrauchsspuren auf. An einigen Stellen waren diese sorgfältig geflickt. Hemd und Hose dagegen schienen neu. Beide bevorzugten Schwarz. Auch die Umhänge der beiden waren aus schwarzer Wolle. Der Jüngling sah seinem Vater ähnlich, war wohl schlanker wie auch etwas größer von Gestalt. Sein Begleiter war offensichtlich ein Waldläufer. Neben dessen Pferd trabte ein großer Hund. Ich würde diesen wie eine Mischung aus einem Schäferhund und einem Berner Sennenhund beschreiben. Nur ein wenig größer.

Nach einer Weile trat Euric Ruginar in den Hof. "Seid willkommen", sprach er uns an, "wir danken Euch für Eure Zusage, meinen Sohn und den meines Handelspartners auf ihrer Reise zu begleiten und zu schützen. Hier übergeben wir Euch die Hälfte der ausgemachten Bezahlung. Die andere Hälfte erhaltet Ihr, wenn unsere Söhne wieder wohlbehalten hier in Esgaroth eingetroffen sind. Pferde werden Euch zur Verfügung gestellt. Auch diese sind wieder hier abzugeben. – Ich möchte Euch unsere Söhne und ihre Begleiter vorstellen, bevor ihr aufbrecht." Reihum stellte er die Männer vor. Er fing mit seinem Sohn an.

Der nervöse junge Mann hieß Brior Ruginar. Man sah die Angst in seinen Augen. Er schien sogar ein wenig zu schwitzen. Seine Begleiter waren Joku, der Schreiber, Marvan und Serlan, zwei Brüder und eher bewaffnete Knechte, als Kämpfer. Der junge Mann, der vorhin angekommen war, hieß Arthesis Viloric. Er sah ungestüm aus. In seinen Augen blitzte Ärger. Sogar ein wenig Wut. Warum, konnte ich im Moment nicht mit Bestimmtheit sagen. Sein Begleiter trug den Namen Gutfried Fleischhauer. Ich konnte nicht umhin, zu schmunzeln. Immerhin stand der Name Gutfried in meiner Welt für eine deutsche Wurstmarke. Mein Vater hatte mir einst davon erzählt, als er von einem Besuch aus Deutschland zurückkehrte. Nun denn, solange er gut kämpfen konnte, war der Name egal. Dann stellten wir uns kurz vor. Minuten später schwangen wir uns auf die Pferde.

Wir waren kaum aus der Stadt heraus, als Arthesis Viloric zu uns aufschloss. "Ich bin nicht freiwillig hier", knurrte er zwischen den Zähnen hervor, "tut Eure Aufgabe und ich tue meine. Kommt mir nicht in den Weg!" Brutal wendete er sein Pferd.

"Delw neth dîr - ein zorniger junger Mann", kommentierte Anordil trocken, "na hon valim lin lhû garim - mit ihm werden wir viel Vergnügen bekommen." "Ich hoffe, du behältst diesmal nicht Recht", entgegnete ich mulmig, "ich hatte eigentlich mit einer ruhigen Reise gerechnet." "Ruhig wird sie auf keinen Fall", lächelte Anordil, "wir werden bald wissen, was diesen Mann so verärgert hat." Mir graute es vor den nächsten Wochen. Ich hoffte, dass sich unser Auftrag schnell erledigen würde.

Am Seeufer entlang ritten wir nach Norden. Der See wurde immer schmaler, bis er zu einem Fluss wurde, dem Men-i-Erebor. Dieser speiste den See. Dem Men-i-Erebor wollten wir weiter folgen bis fast zu seiner Quelle in den Seitentälern des Einsamen Berges. In der ersten Nacht lagerten wir am Flussufer. Man sah jetzt recht deutlich die offensichtliche Feindseligkeit zwischen den Händlersöhnen. Bei der Wachaufteilung schlossen wir nur Arthesis Viloric und seinen Begleiter Gutfried Fleischhauer mit ein. Die anderen waren froh, nicht mit einbezogen zu werden.

Es war meine Wache, die ich mit Arthesis teilte, als ich plötzlich ein leises Geräusch hörte. Sofort war ich alarmiert. Leise legte ich einen Pfeil auf die Bogensehne. Angespannt lauschte ich in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Arthesis hatte auf mein Zeichen hin sein Schwert gezogen. Er stand alarmbereit neben mir.

"Lavo no luva lîn, Arwen - lasse deinen Bogen sinken, Arwen", hörte ich eine vertraute Stimme, "du würdest mich sowieso nicht treffen." Überrascht ließ ich die Sehne los. Der Pfeil sirrte davon und schlug hörbar in den einsam stehenden Baum ein. "Len suilon, hîr Legolas", grüßte ich aufgeregt, "beinahe hätte ich dich erschossen. Tritt näher an unser Feuer."

Aus der Dunkelheit glitt Legolas in den Lichtkreis des Feuers. Seine Lederrüstung sah ein wenig mitgenommen aus, aber er schien wohlauf zu sein. Anordil war erwacht und stand neben dem Feuer. Die beiden Elben begrüßten sich stumm. Danach gab mir Legolas die Hand.

"Was führt euch so weit von Cillien weg?", fragte Legolas auf Doriathrin. Er beachtete die anderen nicht. Die meisten hatten den überraschenden Auftritt sowieso verschlafen. Nur Arthesis schaute ein wenig merkwürdig drein. Aber als wir uns entspannt zeigten, steckte er das Schwert weg. "Wir begleiten ein paar Händler zusammen mit einigen Söldnern in die Eisernen Berge", antwortete Anordil. Legolas nickte verstehend. "Diesen Auftrag verdanken wir Radamar und Rellena", warf ich ein. "Sie leben in Esgaroth?", fragte Legolas. "Ja", bestätigte ich, "Radamar unterrichtet arkanes Wissen und Rellena ist als Heilerin tätig. – Übrigens haben die beiden einen gesunden Sohn mit Namen Dagomar." "Das ist erfreulich", erwiderte er, "ich hatte mich schon gefragt, was aus den beiden geworden war, nachdem wir Maethelburg verließen. Leider war ich bereits wieder unterwegs im Dienste meines Vaters als sie Aradhrynd erreichten. Man erzählte mir später, dass die beiden zwei Tage Gast in den Hallen meines Volkes waren, bevor sie weiterzogen."

"Maethelburg haben wir auch einen kleinen Besuch abgestattet", erzählte Anordil. Legolas horchte auf. "Dann seid ihr auch Gwaewdî begegnet?", fragte er, "sie hieß früher Urthena." Ich nickte bestätigend. "Es war schön zu sehen, dass aus ihr eine stolze Frau geworden ist", sagte ich, "sie hat ihre Vergangenheit abgestreift und liebt Nauralass." "Er hatte mich damals gefragt, ob er ihr folgen solle, als sie nicht wieder erschien", erwiderte Legolas, "sie hatte ihm ihre Liebe versprochen. – Ich gab ihm den Rat sie aufzusuchen und zu fragen. – Als sie beide nach Aradhrynd zurückkehrten, erklärten sie, was geschehen war. Manche Menschen sind unverbesserlich in ihrer Sturheit. Fast so schlimm wie Zwerge." Er machte eine kurze Pause. "Ich bin zwar auf dem Weg nach Aradhrynd", sprach er, während er sich setzte, "wenn ihr es aber erlaubt, schließe ich mich euch an. Ein Bogen mehr dürfte euch willkommen sein." "Arwen und ich würden uns freuen", stimmte Anordil zu.

Am Morgen zogen wir weiter in Richtung Norden. Die übrigen wunderten sich zwar ein wenig über den unverhofften Elbenzuwachs, aber es protestierte keiner. Unser Weg führte uns immer weiter am Fluss entlang. Das Gras an den Seiten des Weges war hoch gewachsen. Zum Uferstreifen hin, ging dieser Bewuchs in Schilfgräser über.

Plötzlich streckte Legolas die Hand nach unten aus. Er formte einige Symbole. Wegelagerer, signalisierte er. Anordil fiel zu mir zurück. Sekunden später wurden wir angegriffen. Aus dem Schilfgürtel stürmten zehn Leute auf uns zu. Aus dem Gras erhoben sich noch mal so viele. "Ihr seid umzingelt", brüllte einer von denen, "ergebt euch!" Dummerweise hatten sie keine einfältigen Bauern vor sich, die sich durch die Menge der Leute einschüchtern lassen. Ohne ein Wort zu verlieren zogen wir unsere Waffen und ritten sie nieder. Nachdem wir die Pferde gewendet hatten, sahen wir Arthesis in einen Nahkampf verwickelt. Gutfried Fleischhauer erwehrte sich geschickt eines Gegners. Sein Hund biss diesem kräftig in die Wade. Wir sprangen von den Pferden. Mit gezogenen Waffen stürzten wir uns ebenfalls in den Kampf hinein. Nach einigen Minuten herrschte Ruhe.

Wir sahen heftige Bewegung im Gras. Ich nahm an, dass dort ein paar von den Wegelagerern flohen. Viele waren sowieso nicht übrig. Anordil stand bei Arthesis. Ich hörte, wie dieser sich bei Anordil bedankte. Wir sammelten in der Zwischenzeit unsere Pferde wieder ein.

"Und was ist mit den Toten?", fragte Arthesis und deutete auf die verstreut liegenden Leichen. "Wir können die doch nicht einfach so liegen lassen", ließ Brior mit zittriger Stimme verlauten. Unruhig sah er auf die Toten, als könnten diese jeden Augenblick wieder zum Leben erwachen. "Die Männer werden nach einer Weile zurückkehren und sich um die Toten kümmern", sagte Legolas, "darüber brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Wir sollten jetzt weiter reiten." Danach ritt er voran. Wir folgten ihm. Der junge Ruginar sah ein wenig blass um die Nase aus. Das war wohl der erste Kampf gewesen, den er gesehen hatte. Seine drei Begleiter wirkten genauso eingeschüchtert.

Und weiter führte uns der Weg auf den Einsamen Berg zu. Dieser war bereits von weitem zu sehen. Er erhob sich wirklich allein aus der Ebene. Ringsum war ansonsten grasbewachsenes Flachland mit spärlichem Buschbewuchs. In Dale, der Stadt am Fuße des Einsamen Berges, machten wir kurz Rast. Am nächsten Morgen wollten wir weiterziehen.

Die Stadt schmiegte sich mit zwei Seiten an den Fluss und an den aufsteigenden Berg. Mit ihrer trutzigen Befestigungsanlage erweckte sie den Eindruck uneinnehmbar zu sein. Durch eines der beiden gut bewachten Stadttore betraten wir Dale. Hinter der Stadtmauer sah man schätzungsweise vierzig Häuser mit angrenzenden Gärten verstreut liegen. Jedes dieser Häuser war aus Stein gebaut. Manche waren sogar mit Stein gedeckt. Sie waren überwiegend ebenerdig.

Es gab ein einziges Gasthaus. Dort quartierten wir uns ein. Es hatte nur Gemeinschaftsräume. Der junge Ruginar rümpfte darüber die Nase. Man sah ihm an, dass ihm das ganz und gar nicht passte. In seinen Augen waren wir alle unter seinem Stand. Ganz anders Arthesis. Ihm schien dies nichts auszumachen. Er zog wegen dem Gehabe seines Kumpanen nur ein wenig verächtlich die Mundwinkel hoch.

Es war offensichtlich, dass sich die Söhne nicht so gut verstanden wie deren Väter. Vermutlich bezweckten ihre Väter mit dieser Handelsreise, dass ihre Söhne lernen sollten miteinander zu kooperieren. Ich hatte da so eine Ahnung, dass die Häuser durch eine Heirat verbunden werden sollten. Nur wer von den beiden jungen Männern jetzt eine Schwester im heiratsfähigen Alter hatte, entzog sich meiner Kenntnis. Ich würde auch nicht fragen. Aber vor so einem Hintergrund machte diese Reise einen Sinn. Vielleicht würde einer der beiden Händlersöhne etwas preisgeben, was meine Theorie untermauerte. Ich musste nur Geduld haben.

Am Morgen ritten wir weiter. Wir hatten unseren Proviant zuvor noch ein wenig aufgefrischt. Die nächsten bewohnbaren Orte waren erst wieder die Zwergensiedlungen in den Eisernen Bergen. Wir ließen uns von einem Fischer über den Fluss bringen. Von hier aus ging es Richtung Osten auf einer der alten Zwergenhandelsstraßen entlang. Nach einem Tag wurde die Landschaft hügeliger. Aber immer noch war Grasland vorherrschend. Hin und wieder konnte man in der Ferne ein einsames Gehöft sehen. Oder umherziehende Rinderherden. Da Brior Ruginar und seine Begleiter nicht so gut zu Pferd waren, kamen wir nur langsam voran.

Am Abend des dritten Tages rasteten wir unterhalb eines Hügels. Anordil gefiel das gar nicht. Er wäre lieber ein wenig weiter geritten. Er schien Gefahr zu spüren. "Was ist mit dir, Anordil?", fragte ich ihn auf Sindarin, "du bist unruhig." "Heute sollten wir die Wachen verstärken", erwiderte er leise, "etwas belauert uns. Ich kann es fühlen." Legolas nickte zustimmend. "Auch ich spüre es", warf er ein. "Wir werden wachsam sein", entgegnete ich. Unwillkürlich blickte ich mich um und nahm die Umgebung in Augenschein.

Wir machten ein kleines Feuer. Die Ruginar-Leute drängelten sich fröstelnd heran. Arthesis schaute verächtlich drein. Gutfried streichelte seinen Hund Kreg. Dieser knurrte ganz leise vor sich hin. Er witterte etwas. Das Essen wurde schweigend eingenommen. Keinem war nach Reden zu Mute. Jeder fühlte sich beobachtete. Die Wachen wurden ausgelost. Ich hatte die zweite Wache mit Léod und Davina zusammen. Nach einer Weile begaben wir uns zur Ruhe.

In der ersten Wache war alles ruhig. Auch in unserer blieb es friedlich. Danach weckte ich Anordil. Léod weckte Arthesis und Faxus. Dann legten wir uns hin. Nach einer halben Stunde wurde ich durch lautes Rufen geweckt. Ich war noch nicht ganz wach, als ich das Knurren hörte. Aus der Dunkelheit brach ein Rudel Uindarlaif hervor. Diese waren mit den irdischen Schakalen vergleichbar, nur dass sie um etliches größer sind und ihre Angriffslust außergewöhnlich hoch ist. Sie jagen immer im Rudel von ungefähr zehn bis zwanzig Tieren. Mit wie vielen wir es hier zu tun hatten, wusste ich nicht. Auf alle Fälle zog ich im Aufstehen die Schwerter und hieb drauflos. An allen Ecken wurde gekämpft. Verschiedentlich sah ich einen Feuerblitz. Die Antwort bestand meist in einem ohrenbetäubenden Geheul. Unvermittelt war der Spuk vorbei.

Schwer atmend stand ich da. Mein Puls raste. Ich schaute den eingezogenen Schwänzen hinterher. Unser Lager war übersät mit toten Uindarlaif. Ich blutete aus einigen kleineren Schrammen. Anordil war wie meist unversehrt. Der junge Ruginar lag zitternd am Boden. Er hatte das Schild über seinen Kopf gezogen. Seine Begleiter klammerten sich an ihn. Arthesis schaute sie verächtlich an. "Feigling", murmelte er in sich hinein, "und so einer soll Athêla heiraten. Nicht, solange ich lebe." Da hatte ich meine Bestätigung. Zufrieden lächelnd reinigte ich meine Schwerter. Gutfried stand über einem Uindarlaif und säuberte seinen Streitkolben. Sein Hund stand neben ihm. Dieser fletschte die Zähne in Richtung der fliehenden Meute. Davina, Léod und Sambrin wischten ihre Waffen ab, bevor sie diese wegsteckten. Faxus rieb sich seine Hände, wie um Asche abzustreifen.

"Danke", sagte Arthesis und reichte Anordil die Hand, "Ihr habt mir erneut das Leben gerettet. Ich habe diesen Uindarlaif nicht kommen sehen." "Dafür werden wir bezahlt", antwortete Anordil. Er ignorierte die dargereichte Rechte von Arthesis. "Bitte vergebt mir meinen Zorn vom Anfang der Reise", bat dieser, "er war und ist nicht gegen euch gerichtet. Ich achte euch als fähigen Kämpfer und zuverlässigen Reisegefährten. Wenn ich mir schon nicht eure Freundschaft erarbeiten kann, so bitte ich doch mich nicht zu verachten."

Anordil lächelte zufrieden. "Ich verachte Euch nicht, denn Ihr habt meinen Respekt schon längst verdient", erwiderte er und fuhr nach ein paar Sekunden Pause fort, "es ist nicht leicht Freundschaft mit Elben zu schließen. Dies solltet Ihr bedenken. - Euer Zorn von damals ist zumindest gewichen und ein fähiger Kampfgefährte kam zum Vorschein. Wenn Euch danach ist, so erklärt die Ursache Eures Hasses." Anordil ergriff jetzt Arthesis' Hand. "Ich danke für Eure Anerkennung, Anordil Glordoronion. Ja, ich werde Euch die Gründe meines Handelns darlegen, denn vielleicht könnt Ihr und Eure Gefährten mir helfen. Doch nicht hier und jetzt. – Vorerst bitte ich um Heilung meiner Wunden." Er deutete auf seine blutenden Wunden. Ein Krallenhieb verlief quer über seine Brust. Ein anderer hatte die Haut an seinem linken Arm aufgerissen.

Anordil betrachtete die Wunde sorgfältig. Dann sprach er einen Heilungszauber. Aufmerksam nahm er danach die anderen in Augenschein. Mir war, als würde er ebenfalls leichte Verachtung in seinem Blick haben, als er die Ruginar-Leute ansprach. Ich war diesmal, bis auf geringfügige Schrammen, unverletzt geblieben. Der Rest der Nacht verlief ruhig.

Im Morgengrauen brachen wir wieder auf. Eine Ebene lag vor uns. Gras und niedriges Buschwerk bestimmten weiterhin das Bild. Ganz weit hinten am Horizont konnte man die ersten Gipfel der Eisernen Berge erkennen. Doch es sollten vier weitere Tagesreisen vergehen, bis wir den Fuß des Gebirges erreicht hatten. Bis hierhin verlief die Reise ohne weitere Zwischenfälle.

Wir nächtigten in einem kleinen Wäldchen. Während meiner Wache hörte ich plötzlich ein Geräusch. Faxus, der mit mir Wache hielt, hatte es ebenfalls gehört. Leise schob er sich zu den Schlafenden und berührte Anordil, Legolas, Davina, Léod und Sambrin. Gutfried wurde von selber wach. Sein Hund hatte ganz leise an seinem Ohr geknurrt. Er weckte daraufhin Arthesis. Ich hatte kaum meine Schwerter ergriffen, als ich es schon roch.

Orks, schoss es mir durch den Kopf, und wahrscheinlich Warge. Dann knackte es wieder verdächtig im Gebüsch. Schnüffelnd kam ein Hund hervor. Dieser stank erbärmlich. In was für einem Modder er sich rumgetrieben hatte, vermochte keiner zu sagen. Nach ein paar Sekunden folgte er einer interessanteren Spur ins Gebüsch. Doch wir waren erleichtert. Anordil und Legolas verschwanden kurz in der Dunkelheit. Sie wollten sich vergewissern, das es wirklich nur ein streunender Hund war, der unser Lager in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Als sie wiederkamen, gaben sie Entwarnung.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf ins Gebirge. Wir folgten weiterhin dem alten Handelsweg. Und nach einem weiteren Tag hatten wir die erste Zwergensiedlung gefunden. Das Tor in den Berg stand halboffen. Totenstille herrschte vor. Nicht einmal Vögel sangen. Vorsichtig näherten wir uns dem Tor. Aus diesem wehte uns ein ekelerregender Gestank entgegen. Es roch nach Blut, Tod und Verwesung. Anordil spähte hinein. "Niemand zu sehen", sagte er. Entschieden öffnete er den einen Flügel des Tores weit. Legolas legte einen Pfeil in den Bogen ein und schlich vorwärts. Anordil folgte ihm ebenfalls mit eingelegtem Pfeil.

Nach einer Weile kehrten sie zurück. Ihre Pfeile hatten sie wieder in die Köcher gepackt. "In dieser Zwergenfeste lebt niemand mehr", sagte Legolas erschüttert. "Es müssen Orks gewesen sein, vielleicht auch andere Kreaturen der Finsternis", bestätigte Anordil betroffen, "dort drinnen bietet sich einem ein Bild des Grauens. Es müssen heftige Kämpfe stattgefunden haben. Männer, Frauen und Kinder liegen abgeschlachtet herum. Dazwischen immer wieder Orkleichen, Warge und andere Kreaturen. Die Zwerge müssen sich heftig gewehrt haben. Doch es hat nicht gereicht. Überlebende gab es wohl keine."

"Da wäre ich mir nicht ganz so sicher", tönte eine tiefe Stimme von der Seite. Blitzschnell zogen wir die Waffen und drehten uns in die Richtung des Sprechers.

Ein Zwerg war aus der Deckung aufgetaucht. In voller Rüstung sowie mit Schwert und Axt bewaffnet. Sein Schild trug er auf dem Rücken. Der Helm war leicht eingebeult. Verkrustete Wunden zeugten von den letzten Kämpfen. Im Bereich des Bauches war die Rüstung aufgerissen. Darunter war eine blutverschmierte Wunde zu sehen. Bart und Haare waren dunkelbraun. Sie waren nicht ganz so sorgfältig geflochten, wie man es sonst von den Zwergen gewohnt war. Langsam kletterte er von dem Felsen herunter. Er hinkte ein wenig.

"Grurin Eisenschild ist mein Name", stellte er sich vor, als er uns erreicht hatte, "außer mir haben das Massaker zwei weitere überlebt. Sie sind ärger verwundet als ich. Ich habe sie an einem geschützten Lagerplatz unweit von hier zurückgelassen, um ein weiteres Mal nach Überlebenden zu suchen." "Sei gegrüßt, Grurin Eisenschild. Wir haben die Feste durchsucht. Dort lebt niemand mehr", sagte Anordil bedauernd, "ich bin Anordil, Sohn des Glordoron von Cillien und dies ist Legolas, Sohn des Thranduil aus dem Düsterwald." Danach stellte er uns der Reihe nach vor. Als er bei den Händlern war, schüttelte der Zwerg bekümmert den Kopf.

"Tja, gute Leute, da kommt Ihr ein wenig zu spät", sagte er, "Handel wird hier keiner mehr treiben. Aber vielleicht habt Ihr in der Zwergenstadt Kheled-dûm an der Quelle des Carnen mehr Glück. Oder möglicherweise in der Mine von Ruga Silberhand. Die ist ein Stück weiter im Norden. Dort sind bisher keine Orks gewesen, soweit ich weiß. Die Enklave von Ruga Silberhand liegt gut geschützt." Er strauchelte ein wenig. Anscheinend verließen ihn langsam die Kräfte. "Lasst mich die Wunden betrachten", sagte Anordil und half dem Zwerg sich hinzusetzen. Stoisch ließ dieser die Prozedur über sich ergehen.

Nach der Untersuchung sprach Anordil einige Zaubersprüche. Man konnte sehen, wie die Wunden anfingen zu heilen. Nach einer Weile reckte sich Grurin. "Ah, das tut gut", murmelte er zufrieden, "endlich kann ich mich wieder richtig bewegen, ohne das es schmerzt. - Sagt, Anordil Sohn des Glordoron, würdet Ihr mit zu unserem Lager kommen und meine Gefährten betrachten? Vielleicht könnt Ihr etwas für sie tun." Anordil nickte zustimmend.

"Wir sollten aber zuerst diese Stätte schließen", sprach er, "damit keine Hunde und Uindarlaif sich über die Leichen hermachen können. Oder habt Ihr hier noch etwas zu erledigen?" Der Zwerg schüttelte mit traurigen Augen den Kopf. "Es ist niemand mehr am Leben und die Schätze sind eh an einem anderen Ort", sagte er müde, "nichts ist mehr da, was es lohnen würde, das die Tore offen stehen." Mit seinem ganzen Gewicht stemmte er sich gegen das Tor. Er drückte es mit Entschlossenheit zu. Es hallte dumpf, als die Torhälften sich schlossen. "Nun schließen sich die Tore von Baraz-dûm für immer", flüsterte der Zwerg traurig, "die Rote Stadt wird nie mehr von Licht erhellt werden. Ruhet in Frieden, meine Brüder und Schwestern." Man hörte, das sich etwas bewegte, was nach einer Weile einrastete. "Dieses Tor ist unwiederbringlich geschlossen", erklärte er, "niemand außer einem Zwerg, der hier wohnte, kann dieses Tor je wieder öffnen." Dann wandte er sich ab und ging voraus. Wir folgten ihm.

Die Pferde führten wir an der Hand. Nun konnte ich mir Grurin Eisenschild ein wenig genauer betrachten. Die Verzierungen an Helm, Rüstung und Waffen erinnerten entfernt an keltische Muster. Die schwarzen ledernen Hosen wiesen Risse auf. Hemd sowie Rüstung waren teilweise stark beschädigt. Grurin musste heftige Gefechte hinter sich haben.

Nach einer halben Stunde hatten wir eine kleine Lichtung erreicht. Ein niedriges Feuer brannte dort. Zwei weitere Zwerge lagen am Boden. Sie sahen schlimm zugerichtet aus. Anordil blickte mich an. Ich sah den Tod in seinen Augen. Ich roch es ebenfalls. Diese Zwerge hatten schlimmen Wundbrand. Ihnen würden sogar Anordils magische Fähigkeiten nicht mehr helfen können. Trotzdem untersuchte er sie sorgfältig. Nach einigen Minuten wandte er sich an Grurin.

"Deinen Gefährten kann meine Kunst nicht mehr helfen", sagte er leise, "sie sind zu schwer verletzt und der Wundbrand ist weit fortgeschritten. Ich kann ihnen nur ihre letzten Stunden erleichtern. - Es tut mir leid, Grurin Eisenschild." Grurin senkte traurig den Kopf. "Ich habe es geahnt, als ich heute morgen losging, um Baraz-dûm ein letztes Mal zu betreten", flüsterte er, "nun denn, ich danke Euch trotzdem, das Ihr so ehrlich zu mir seid. Helft ihnen in den letzten Stunden."

Wir anderen traten respektvoll zur Seite. In der anderen Hälfte der Lichtung errichteten wir unser Lager. Heute würden wir nicht mehr weiterreisen. Die Stimmung war gedrückt. Man spürte den Tod in der Luft. Wir bewegten uns leise und sprachen wenig. Ich bemerkte, dass Anordil immer wieder Zaubersprüche murmelte. Immer wieder glitt mein Blick hinüber zu der kleinen Gruppe. Grurin saß neben seinen Kampfgefährten auf dem Boden. Er hatte den Kopf gesenkt. Ab und zu gaben sie den beiden Zwergen etwas Wasser. Sie bemühten sich ihnen ein würdevolles Sterben zu ermöglichen.

Gegen späten Nachmittag war ihr Leiden vorbei. Friedlich entschliefen sie. Grurin weinte ohne sich seiner Tränen zu schämen. Auch mir rannen Tränen die Wangen hinunter. Als ich in die Runde sah, bemerkte ich bei meinen Gefährten ebenfalls Trauer. Jeder von uns erinnerte sich daran, wie es war, gute Kameraden verloren zu haben. Wir hatten diese Zwerge nicht gekannt, doch sie mussten sich tapfer gegen die Schergen des Bösen erwehrt haben. Dafür waren wir ihnen Respekt schuldig. Nur Brior Ruginar und seine Leute blickten verständnislos in die Gegend. Sie wagten allerdings nicht, etwas verlauten zu lassen.

Nachdem Grurin seiner Trauer freien Lauf gegeben hatte, wischte er sich das Gesicht trocken. Mit ruhigen Bewegungen richtete er die Leichen her. Er ordnete die Kleidungsstücke, kämmte und flocht die Haare wie auch die Bärte neu ein. Sorgfältig legte er die Waffen in die Hände seiner toten Kameraden. Danach schloss er deren Finger um die Griffe. In der Dämmerung setzte er sich zwischen die Leichen. Schweigend hielt er Totenwache. Kaum einer von uns konnte ruhig schlafen in dieser Nacht. Ich lag wach neben dem Feuer. Die einsame Gestalt des Zwergen dauerte mich. Er hatte alles verloren und ich konnte gut seine Gefühle nachvollziehen.

Am nächsten Morgen wurden die beiden toten Zwerge in einer Felsenhöhle in der Nähe von Baraz-dûm bestattet. Faxus zauberte einen Blitz in das lockere Gestein oberhalb der Felskammer. Daraufhin stürzte eine Gerölllawine herunter. Diese verschloss den Eingang. "Nun denn", sagte Grurin, "da ich hier nichts mehr zu tun habe, würde ich Euch gerne nach Zirak-Nûl-dûm führen. Die Stadt des Silberstromes wird von Ruga Silberhand regiert. Wir brauchen drei bis vier Tagesreisen nach Norden." Arthesis nickte überlegend.

"Da wir hier sind um Handel zu treiben, denke ich, sollten wir Zirak-Nûl-dûm aufsuchen", sagte Arthesis, "wir werden euch daher folgen. Oder ist jemand anderer Meinung?" Herausfordernd blickte er um sich. Brior Ruginar nahm kurz tief Luft, blieb aber stumm. Seiner Haltung nach schien er nicht davon begeistert zu sein. Aber er traute sich nicht Widerspruch einzulegen. Ich war mir nicht ganz schlüssig darüber, vor was er mehr Respekt hatte. Vor dem Zorn seines Vaters, falls er unverrichteter Dinge heimkehren würde oder vor der Verachtung durch Arthesis. Während ich noch darüber grübelte, nahmen wir unsere Wanderung auf. Wir folgten Grurin nach Norden.

Der Zwerg führte uns durch bewaldete Täler und über zerklüftete Berge. Ruginar und seine Begleiter stöhnten mehr als einmal über das Marschtempo. Hier im Gebirge war es schwierig zu reiten, wodurch wir gezwungen waren, die Pferde am Zügel zu führen und selber zu Fuß zu gehen.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir die Stadt des Silberstromes. Wie bei Baraz-dûm führte auch hier ein gewaltiges zweiflügeliges Tor in das Innere eines Berges. Der Begriff Silberstrom musste sich demzufolge auf die Mine beziehen. Denn nirgends war ein offener Fluss zu sehen. Wir folgten Grurin Eisenschild in das Innere. Das Tor wurde stark bewacht.

Eine der Wachen hielt uns auf. Er trug eine gut gefertigte Kettenrüstung. Ein kunstvoll verzierter Helm zierte den Kopf. Die Hose war sorgfältig aus Leder gearbeitet. Sein Hemd aus tiefroter Wolle gewebt. Bart und Haare waren akribisch geflochten. Für einen Zwerg schien er reichlich jung zu sein. Eine blankgeputzte Hellebarde versperrte uns den Weg.

"Mit Verlaub, meine Herren", sagte er zu uns, "Zirak-Nûl-dûm betreten nur Zwerge. Erklärt den Anlass eures Besuches." Grurin baute sich vor ihm auf. Er überragte die Wache um einige Zentimeter. Und das als Zwerg! "Ich bin Grurin Eisenschild aus Baraz-dûm", fuhr er ihn an, "ich dürfte hier hinreichend bekannt sein. - Diese Männer und Frauen suchen Ruga Silberhand. Und nur ihm werden sie darlegen, was sie hierher führt. – Allein mein Name sollte als Bürgschaft für ihre guten Absichten genügen." "Verzeiht, Grurin Eisenschild", die Stimme der Wache zitterte ein wenig, "aber wir dürfen nicht jedem Zutritt gewähren. – Vor allem nicht, wenn es Elben sind." Misstrauisch spähte er zu uns hinüber.

"Bei den Gebeinen von Thorin Eichenschild", donnerte Grurin, "wenn diese Elben nicht vertrauenswürdig wären, würde ich sie sonst hierher führen?" Man sah, wie Schweißperlen auf die Stirn der Wache traten. "Ich werde eine Anfrage an Ruga Silberhand schicken, ob wir Euch passieren lassen dürfen", sagte er mit gezwungen fester Stimme. Er räusperte sich am Ende kurz. Ein Zeichen, dass er unsicher war.

Ich sah eine der übrigen Wachen ins Innere des Berges laufen. Minuten später kam dieser wieder. Die Wache, mit der Grurin immer noch schimpfte, die Zwergensprache ist übrigens reich an blumigen Flüchen, hatte mittlerweile Schweißbäche auf der Stirn. Sie verklebten seine sorgfältig geflochtenen Haare. "Die Leute dürfen passieren", sagte der Ankömmling leise zur Wache, "auch die Elben. Herr Grurin soll sie direkt zu Ruga Silberhand führen." Grurin sah den Wächter triumphierend an. "Den Ärger hättest du dir sparen können", blaffte er ihn an, "ich werde mir dein Gesicht merken." Mit hoch erhobenem Haupt durchschritt er das Tor.

"Zum Kuckuck mit den Zwergen und ihrer Halsstarrigkeit", hörte ich Legolas murmeln. Ich konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen. Schließlich wusste ich aus Tolkiens Erzählungen, dass dies der Lieblingsausspruch von Legolas war. Mit gemischten Gefühlen gingen wir hinter Grurin her. Davina und Sambrin schienen sich nicht wohl zu fühlen. Nervös kneteten sie die Griffe ihrer Waffen.

Zielstrebig führte uns der Zwerg durch die verzweigten Gänge. Sorgfältig waren sie in den Stein gemeißelt. Wir kamen durch große Hallen und durch schmale wie auch durch breite Gänge. Überall waren Zwerge zu sehen, die ihrem Handwerk nachgingen, Handel trieben oder Alltagstätigkeiten verrichteten. Hier konnte ich das erste Mal Zwerginnen sehen.

Entgegen der landläufigen Meinung waren diese allerdings bartlos. Aber das Haupthaar war ebenso sorgfältig geflochten, wie das der Männer. Man sah sie gleichberechtigt neben diesen agieren. Das einzige was man bei keiner Zwergin hier sah, war eine Waffe. Wenn man vom Dolch einmal absah. Ein paar Zwergenkinder liefen umher. Grurin führte uns zur Wohnstatt von Ruga Silberhand. Hier war der erste Teil unserer Aufgabe erfüllt. Arthesis Viloric und Brior Ruginar sprachen mit ihm. Es wurden Handelsbeziehungen geschlossen. Zwei Tage später, nach harten Verhandlungen, wurde ein Vertrag erstellt. Joku, der Schreiber, hielt diesen auf Pergament fest.

In der Zeit, wo wir hier waren, konnte ich mich ein wenig in der Zwergenstadt umsehen. Man fand nahezu jedes Handwerk. Ich staunte über die feinen Arbeiten, welche die Zwerge in Metall ausführten. Sei es bei den Gold- und Silberschmieden, als auch bei den Waffenschmieden. Selbst die Rüstungsschmiede waren teilweise mehr Künstler als Schmiede. An den Abenden spielte ich in der Schänke der Zwergenstadt auf. Sie waren ein fröhliches, wenn auch lautstarkes Publikum. Und äußerst trinkfest. Das Zwergenbier war ungewöhnlich stark und gut. Leider konnte ich davon nicht mehr als einen kleinen Krug vertragen.

Eine Woche blieben wir hier. Dann brachen wir wieder auf. Arthesis Viloric und Brior Ruginar hatten einen Vertrag geschlossen. Damit war eigentlich unsere Aufgabe so weit erfüllt. Wir mussten die beiden nur wohlbehalten Zuhause abliefern.

Am letzten Abend besprachen wir unseren weiteren Weg in der Zwergenschänke bei einem Humpen Bier. "Ich habe es nicht eilig nach Esgaroth zurückzukehren", meinte Arthesis, "wenn Ihr es mit Eurer Verpflichtung unseren Vätern gegenüber vereinbaren könnt, so würde ich gerne unter Eurem Schutze noch bis nach Kheled-dûm, der Glasstadt, ziehen." "Wollt Ihr dort Handel abschließen oder flieht Ihr vor Verpflichtungen in der Heimat?", fragte ich direkt. Ich war neugierig und wollte endlich eine Antwort auf meine Vermutungen.

Düster sah er mich an. "Ihr verlangt Ehrlichkeit von mir, also bekommt Ihr sie auch", antwortete er rauh, "beides ist mein Ziel. Der Handel dient dem Zweck, meinen Vater zu besänftigen. – Ich fliehe nicht vor Verpflichtungen, sondern verschaffe meiner Schwester etwas Zeit. – Sie ist es, die diesen tumben Brior Ruginar nach dem Willen unseres Vaters ehelichen soll. Solange ich nicht zurückkehre, solange kann unser Vater den Bund nicht schließen lassen." "Und Ihr werdet versuchen lange wegzubleiben", warf Anordil ein. "Je länger wir Esgaroth fernbleiben", lachte Arthesis diabolisch, "desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Brior nicht mehr lebend zurückkehren wird. – Seht Euch diesen Schwächling doch mal an! - Wie er da hinten sitzt und offensichtlich vor Verachtung den Zwergen gegenüber trieft." Ich blickte hinüber in die andere Ecke.

Dort am Tisch saßen Brior Ruginar und seine Gefolgsleute. Es war offensichtlich, dass er sich hier in der Zwergenstadt nicht wohl fühlte. Abscheu und Verachtung lagen in seinem Blick, während er die Zwerge musterte. Scheinbar teilte er die Abneigung seines Vaters anderen Rassen gegenüber. Arthesis nahm einen tiefen Zug aus seinem Humpen. "Die Zwerge brauen wahrlich das beste Bier", sagte er anerkennend. "Fürwahr, Herr Arthesis", ließ sich Grurin verlauten, der gerade zu uns stieß, "ich fühle mich geehrt, dass unser Bier Euch mundet. – Nun, wohin führt Euch der Weg von hier aus?" "Noch sind wir nicht ganz schlüssig", warf Legolas ein, "die eine Hälfte ist für Heimkehr, die andere für einen kleinen Umweg über Kheled-dûm." Dröhnend lachte Grurin. "In Kheled-dûm kann man auch hervorragend Handel treiben", erwiderte er und sah Arthesis direkt an, "die Glasarbeiten sind berühmt. – Ich könnte Euch dorthin führen. Verwandte von mir leben in Kheled-dûm, die ich lange nicht gesehen habe."

Das Angebot kam sehr rasch. Zu schnell, als dass es ein Zufall sein konnte. Grurin musste sich in unserer Schuld fühlen, sonst wäre er wohl lieber hier in der Silberstadt geblieben. "So sei es", bestätigte Arthesis ein, "wir folgen dir in die Glasstadt." "Und der andere?", fragte Léod und deutete mit dem Kopf hinüber zu Brior Ruginar. "Mit dem werde ich schon fertig", erwiderte Arthesis, "er wird es nicht wagen anderer Meinung zu sein. Er hat viel zu viel Angst vor seinem Vater. – Und vor mir." Den letzten Satz flüsterte er fast.

Am nächsten Morgen lenkten wir unsere Schritte aus Zirak-Nûl-dûm hinaus. Unser Weg führte quer durch die Eisernen Berge in südöstlicher Richtung. Bei dem Gelände würden wir schätzungsweise in drei bis vier Wochen Kheled-dûm erreichen.

Wir waren schon zwei Wochen unterwegs, als wir an einer der kleinen Quellen rasteten, die aus den Bergen Wasser führten. Léod und Davina gingen Feuerholz sammeln. Die anderen kümmerten sich um das Lager. Anordil folgte mir zu der Quelle. Die Nacht brach herein. Ich fühlte Unruhe in mir.

"Auch ich spüre etwas", wisperte er mir zu, "wie ein heraufziehendes Gewitter." "Ja, Anordil", erwiderte ich fröstelnd, "Böses ist unterwegs. – Doch wann und wo wird es zuschlagen?" "Ich traue diesem Ruginar nicht", sagte er, "er ist feige und verschlagen. Arthesis kann ihn nicht ausstehen." "Das ist verständlich", entgegnete ich, "du hast doch auch vernommen, dass die Schwester von Arthesis diesen Ruginar heiraten soll, sobald wir zurückkehren. Deshalb diese Reise." "Damit sich die Söhne besser verstehen lernen", kommentierte Anordil, "und die Handelshäuser zusammengeführt werden. – Was maßen sich die Väter an über das Leben ihrer Kinder zu bestimmen?" "Manchmal ist es so", erwiderte ich, "selbst in meiner Welt gibt es so was. Sogar unter den Elbenhäusern gibt es diesen Brauch, hattest du mir erzählt."

"Ja, es werden Bündnispartner von den Eltern gesucht", bestätigte Anordil, "doch letztendlich entscheiden die Bündnispartner für sich, ob sie miteinander das Bündnis eingehen wollen oder nicht. Bei den Menschen haben sie keine Wahl. Jedoch Liebe kann man keineswegs erzwingen. Was nützt ein Bündnis der Vernunft, wenn die Liebe oder zumindest Zuneigung fehlt?" "Ich weiß", stimmte ich zu, "doch darüber wird nicht nachgedacht. Andere Dinge stehen bei ihnen im Vordergrund. Arthesis und seine Schwester können einem Leid tun."

Ein Stein löste sich und polterte zu Boden. Verschreckt griffen wir zu den Waffen. Anordil musterte ausgiebig die Umgebung. Minuten verstrichen, bis er die Spannung wieder löste. Nervös schob ich meine Schwerter zurück in die Scheiden. Anordil blickte mich mit Sorge an, bevor er mich fest in die Arme schloss. Seine Wärme gab mir Geborgenheit und Sicherheit. Ein sanfter Kuss weckte die Begierde in mir. Doch ich beherrschte mich. "Wir müssen zum Lager zurück", sagte Anordil bedauernd, "heute Nacht sollten wir die Wachen verstärken."

Die Wachen für die Nacht losten wir immer kurz vor der Dämmerung aus. Diesmal würde ich mit Sambrin zusammen Wache halten. Und zwar die um Mitternacht. Das Feuer brannte niedrig. Plötzlich richtete sich Kreg, der neben seinem Herrn lag, auf. Er knurrte ganz leise. Wir waren sofort in Alarmbereitschaft. Ich schnupperte in der Luft. Ein leichter Geruch von Ork erreichte meine Nase.

Lautlos glitt ich zu den Schlafenden hinüber. "Yrch - Orks", wisperte ich Anordil und Legolas ins Ohr. Augenblicklich kehrte ihr Blick in die Realität zurück. Dann weckten wir die anderen. Wir schafften es allerdings nicht mehr rechtzeitig.

Eine Horde Orks brach aus der Dunkelheit hervor. Faxus warf einen Feuerstrahl in die fast erloschene Glut. Auf einmal loderte es wieder hell auf. Die Szene war gespenstisch. Solche Orks hatte ich bisher nie gesehen. Riesig waren sie. Anders gebaut und bewaffnet als die, die ich kannte.

"Urukûnai", zischte Legolas, "die größte der Orkrassen." Sekunden später waren wir in einen erbitterten Kampf verstrickt. Wir waren in arger Bedrängnis. Ich sah Anordil und Legolas mit je drei dieser Urukûnai kämpfen. Davina schwang ihre Axt gegen einen von ihnen. Ein anderer versuchte von hinten an sie heran zu kommen. Und wurde von Léod mit der Bola aufgehalten. Auch er steckte Sekunden später in einem Kampf mit zwei Orks. Geschickt verteidigte er sich mit dem Kurzschwert.

Zwei weitere Orks hatten Sambrin ins Visier genommen. Allerdings wurden sie von diesem unangenehm zugerichtet. Ich sah wie er in der einen Hand die Keule und in der anderen seinen Kriegshammer schwang. Soviel Kraft hatte ich ihm gar nicht zugetraut. Grurin schwang ebenfalls seine Axt. Damit setzte er einem Ork arg zu. Arthesis erwehrte sich ebenfalls erfolgreich.

Marvan und Serlan wehrten sich allerdings vergeblich gegen einen dieser riesigen Orks. Gnadenlos wurden sie von diesem zerstückelt. Hinter einem Felsen hatten sich Brior Ruginar und sein Schreiber Joku versteckt. Ich sah nur ihre Haarspitzen hervorstechen. Faxus zauberte Spruch auf Spruch. Ich spürte, wie ich auf einmal um ein vielfaches stärker wurde. Mit ein paar gewaltigen Hieben erschlug ich den Urukûnai vor mir. Ein weiterer rückte an seine Stelle. Die Orks hatten zudem einen fähigen Zauberkundigen in ihrer Mitte. Er war gut abgeschirmt. Wir kamen nicht an ihn heran. So konnte ich auch nicht sehen, wessen Rasse er war. Jedoch verschoss er einige unangenehme Zauber. Allerdings würden wir erst die um ihn herum töten müssen, bevor wir ihn in die Zange nehmen konnten.

Ich hatte schon einige Wunden abbekommen. Blut lief mir an den Armen und am Oberkörper entlang. Der Boden unter mir war rutschig, von dem ganzen Orkblut. Einen Moment lang war ich unaufmerksam, da ich versuchte mein Gleichgewicht zu halten. Eine Klinge raste auf mich zu. Im allerletzten Augenblick gelang es mir auszuweichen. Ich stürzte zu Boden. Blut und Schlamm spritzten auf. Der Griff meiner Schwerter wurde auf einmal glitschig. Aber ich hielt krampfhaft fest.

Wieder sah ich aus den Augenwinkeln die Schwertklinge auf mich zu rasen. Erneut gelang es mir auszuweichen. Ich versuchte auf die Beine zu kommen. Den hellen Blitz, der auf mich zuflog, bemerkte ich nicht. Aber ich spürte den Einschlag und hörte Anordils Stimme. "Arwen!", schrie er verzweifelt. Rasender Schmerz wütete in meinem Körper. Dann hörte ich nichts mehr. Ich sah nichts mehr. Ich fühlte nichts mehr.

to be continued ...

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