Ich schlug die Augen auf. Über mir sah ich eine Krankenhausdecke mit Neonbeleuchtung. Verwirrt schaute ich mich um. Ich lag in einem Einzelzimmer. Und es war eindeutig ein modernes Krankenhaus. Ich hörte die Lautsprecherdurchsagen vom Flur und die Autos unten auf der Straße. Die Tür öffnete sich. Eine Krankenschwester trat ein. "Endlich sind sie wach", sagte sie auf Englisch, "der Arzt wird gleich kommen." Routiniert überprüfte sie meinen Puls und den Blutdruck. Danach verschwand sie wieder. Verstört überließ sie mich meinen Gedanken.
Wo war ich? Hatte ich alles nur geträumt? Was war geschehen? Ein Arzt betrat den Raum. Weißer Kittel, sorgfältig gebügelt. Graue Hosenbeine blitzten unten hervor. Die Schuhe glänzten blank geputzt. Gesicht und Hände verrieten etliche Sonnenbankbesuche. Das schwarze Haar war sorgfältig gekämmt. Alles in allem, das Idealbild eines recht jungen, erfolgreichen Arztes.
"Guten Tag, ich bin Dr. Brennan", stellte er sich vor, "Sie haben zehn Tage geschlafen. Wie geht es Ihnen?" Ich schaute ihn entgeistert an. "Ich fühle mich soweit gut", sagte ich leicht irritiert, "was ist geschehen?" "Ihr Onkel hat Sie hierher gebracht. Sie hatten mehrere Verletzungen und Brandwunden. Sie müssen einen Schlag auf den Kopf erhalten haben, denn Sie waren bewusstlos, als Sie eingeliefert worden sind." "Ich möchte meinen Onkel sehen", sagte ich. "Sobald wir Sie untersucht haben, Miss O'Neill", antwortete Dr. Brennan.
Ich stutzte. Ich hieß doch nicht O'Neill. Oder doch? Hatte ich vielleicht die vergangenen zweieinhalb Jahre geträumt? Aber ich schwieg und ließ ihn die Untersuchung durchführen. Er nickte zufrieden. "Es ist alles im normalen Bereich. Sie sind kerngesund", sagte er zu mir, "wir werden Sie trotzdem weiterhin ein paar Tage hier behalten." Er nickte mir jovial zu, bevor er hinaus ging.
Ein paar Minuten später kam Patrick O'Reilly herein. "Hallo Anna", begrüßte er mich schnell, "wir haben einen ganz schönen Schreck bekommen, als wir dich im Wald fanden." Für meinen Geschmack hatte er ein wenig zu schnell gesprochen. "Hallo Onkel Pat", antwortete ich gedehnt, "ich weiß nicht, was passiert ist. Habe wohl einen Blackout. - Wie komme ich hierher? - Wo bin ich überhaupt?" "Du bist im Krankenhaus von Dublin. Ian und ich haben dich im Wald verletzt gefunden und dich sofort hierher gebracht. Wir haben uns alle große Sorgen gemacht. Aber der Arzt sagte, das dir eigentlich nichts weiter fehlt. Es waren nur ein paar oberflächliche Schnittwunden und Brandverletzungen. Sie wissen nicht, warum du geschlafen hast. Sie wollen dich deshalb ein paar Tage zur Beobachtung da behalten. Deine Vitalfunktionen sind jetzt einwandfrei."
Ich schaute ihn an. "Wo sind meine Sachen?", fragte ich ihn. "Deine Kleider sind hier im Schrank", antwortete er, stand auf und öffnete diesen. Dort hing eine frische Jeans, T-Shirt, Pullover und eine Jacke. Schuhe waren ebenfalls da. Es schienen Sachen von Eleanor zu sein. Oder? Zumindest meinte ich die Teile schon einmal an Eleanor gesehen zu haben. "Und meine Halskette?" Er öffnete die Schublade meines Nachtschränkchens. Ich sah das Amulett meiner Mutter neben dem Rad der Schöpfung, weiter nichts. Ich bekam Zweifel. "Du musst dich jetzt ausruhen. Ich werde jetzt gehen", sagte Patrick, "morgen wird Eleanor kommen und dich besuchen." Dann ließ er mich allein. Ich lag in den Kissen und dachte nach.
Hatte ich das alles nur geträumt? Wo war mein Bündnisring mit den Tengwar-Zeichen? Und das Amulett von Anordil? Der Stein, den Mallenloth mir gab? Existierte Anordil vielleicht gar nicht? Was war mit Cillien? Thinroval, Mallenloth, Niniel und Eiliant? Was war mit Legolas, Grurin und den anderen? Hatte ich mir alles, was geschehen war, nur eingebildet? Alles nur ein Hirngespinst?
Wenn ich logisch darüber nachdachte, musste ich dem nur zustimmen. Tolkien hatte eine schöne Geschichte geschrieben. Aber Geschichte blieb Geschichte. Folglich musste ich mir die ganzen Ereignisse eingebildet haben. Verwirrt schloss ich die Augen. Automatisch stieg Anordils Bild vor meinen Augen auf. Meine Lippen erinnerten sich an seinen letzten Kuss. Den Geruch seiner Haut. Die Berührung seiner Hände. Es war so real gewesen! Ich hörte die Geräusche des Krankenhauses und der Stadt um mich herum. Auf einmal kam ich mir sehr einsam vor.
Am nächsten Tag besuchte mich überraschenderweise Sinéad. Sie lächelte mich erleichtert an, als sie mich erblickte. "Wie schön, dass es dir besser geht", sagte sie, "wir hatten alle Angst um dich." "Hallo, Sinéad", erwiderte ich erfreut, "ich freue mich, dich zu sehen. – Wo ist Eleanor? Patrick sagte mir, dass sie mich heute besuchen würde." "Sie musste kurzfristig weg", erklärte Sinéad bedauernd, "aber sie hat versprochen, dich morgen zu besuchen. – Wie geht es dir?" Dabei packte sie ein kleines Päckchen mit Ingwerplätzchen aus. Genießerisch sog ich den Duft ein. "Oh, Ingwerkekse", sagte ich und mir lief das Wasser im Mund zusammen, "seit langer Zeit habe ich keine mehr gegessen. Sind sie nach Mums Rezept?"
Sinéad sah sich unruhig kurz um, als ich Mum erwähnte. "Familienrezept", warf sie rasch ein, "aber erzähle, wie geht es dir? – Durftest du bereits die Gärten sehen?" Krampfhaft versuchte sie das Gespräch auf belanglose Dinge zu bringen. Etwas stimmte hier nicht. Schweigend nahm ich ein Plätzchen und knabberte daran. Wenn sie unbedingt über Nichtssagendes reden wollte, bitte. "Mir geht es gut", entgegnete ich langsam, "allerdings durfte ich das Zimmer bisher nicht verlassen. Die Ärzte wollen erst die Untersuchungen abschließen, bevor ich mich frei bewegen kann." Bewusst wählte ich diese Worte. Doch Sinéad reagierte nicht darauf. Folglich war ich nicht gefangen. Aber was war es dann?
Die Unterhaltung plätscherte dahin. Nach knapp einer Stunde und etlichem Klatsch, den Sinéad mir präsentierte, verabschiedete sie sich von mir. Nach dem sie gegangen war, konnte ich über ihren Besuch nachdenken. Sie hatte einen reichlich nervösen Eindruck gemacht. Sie verbarg etwas vor mir. Aber was?
Den Tag darauf erschien Eleanor. Sie strahlte förmlich, als sie zur Tür herein kam. "Brigid sei Dank, du bist wieder wohlauf", begrüßte sie mich mit einer herzlichen Umarmung. "Hallo, Eleanor", grüßte ich zurück, "schön dich zu sehen. Was macht die Musik?" "Oh, gut", erwiderte sie und begann zu erzählen. In der letzten Zeit hatte sie viele Einladungen zu Events erhalten. Einige davon hatte sie sogar angenommen. Es würde ihr viel Spaß machen. Wie bei einem Wasserfall sprudelten ihre Worte hervor. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Bereits nach fünf Minuten wusste ich, dass auch sie etwas vor mir verbarg. Was war hier los?
Eleanor hielt unsere Unterhaltung auffallend allgemein. Anscheinend vermied sie alle Themen, die mit meinem Krankenhausaufenthalt zusammenhängen könnten. Bis auf die Besuche von Patrick, Sinéad und jetzt Eleanor waren die letzten Tage eher ereignislos verlaufen. Man hatte mich durch viele Tests gejagt und ständig zapften mir die Schwestern etliche Milliliter Blut ab. Gründlicher war ich wohl nie zuvor untersucht worden. Ich ließ alles mit mir geschehen. Jeder nannte mich O'Neill. Das verwirrte mich am meisten.
"... so, jetzt muss ich gehen", hörte ich Eleanors Stimme, "übrigens soll ich dir einen schönen Gruß und gute Besserung von Ian und Brian ausrichten. Leider können sie dich nicht besuchen kommen." "Vielen Dank, Eleanor", erwiderte ich zerstreut, "das ist nicht schlimm. Schließlich werde ich das Krankenhaus bald verlassen können." Sie lächelte mich an und umarmte mich zum Abschied. An der Türe drehte sie sich kurz um. Ihre Augen hatten einen verschwörerischen Glanz. "Sei vorsichtig", flüsterte sie und ging rasch hinaus.
Sei vorsichtig? Was meinte sie damit? Einige Minuten verharrte ich. Mein Blick starrte hinaus in den blauen Himmel. Mit einem Mal sog ich überrascht die Luft ein. Ich war blind gewesen, scholt ich mich verärgert! Das durfte nicht passieren! Eleanor war vorhin sportlich gekleidet gewesen. Jeans, Sportschuhe, lässige Bluse und Jeansjacke. Die ganze Zeit über hatte Luvalaes Amulett unter ihrer Bluse hervor geblitzt! Es war real! Ein Kribbeln durchzog meine Wirbelsäule. Ich spürte etwas Vertrautes, einen minimalen Hauch. Rasch drehte ich mich um.
Hinter mir auf dem Bett lag Anordils Amulett. Also hatte ich das alles nicht geträumt! Erleichtert atmete ich auf. Aber es glomm nicht verhalten, wie sonst. Es war ein ganz normales Schmuckstück. Erneut kamen Zweifel auf. Nachdenklich drehte ich es in der Hand. Aufseufzend legte ich es schließlich in die Schublade zu dem anderen. Wegen der Untersuchungen durfte ich keinen Schmuck tragen, folglich musste dieser hier in der Schublade bleiben.
Am folgenden Tag besuchte mich Patrick erneut. Da ich nicht mehr im Bett liegen musste, hatte ich mich angezogen. Die Amulette hingen um meinen Hals. Patrick verhielt sich ganz normal. "Hallo Anna", begrüßte er mich, "wie geht es dir heute?" Ich sah ihn an. "Eigentlich ganz gut", antwortete ich, "man will noch ein paar Tests machen, weil man nicht weiß, warum ich so lange bewusstlos war, aber davon abgesehen geht es mir prima."
Ich sagte nicht, dass ich mich nach jemandem sehnte, den es anscheinend gar nicht gab in einer Welt, die nicht existierte. Man hätte mich für verrückt gehalten. Wir unterhielten uns ein wenig über belanglose Dinge. Aus einem Gefühl heraus sah ich nach unten. Anordils Amulett hatte einen schwachen rötlichen Glanz. Gefahr, dachte ich bei mir, wir sind in Gefahr! Die Nackenhaare stellten sich auf.
Ich hatte nichts geträumt! Alles war geschehen, wie ich es in Erinnerung hatte! Anscheinend benötigte das Amulett Hautkontakt, um zu funktionieren. Erschrocken sah ich Patrick an. Er hatte die Veränderung in mir bemerkt. Plötzlich hielt er mir einen Zettel vor die Augen. ‚Wir sollten schnell hier verschwinden. Wir sind nicht sicher.' stand darauf in Jerne geschrieben. "Wenn mir nichts fehlt, würde ich gerne mit dir nach Hause gehen", sagte ich geistesgegenwärtig zu Patrick. Ich klingelte der Schwester. Ein paar Minuten später kam sie zur Tür herein.
"Ich möchte gerne mit Dr. Brennan sprechen", sagte ich bestimmend. "Die Visite ist vorbei", versucht sie abzulenken, "Sie müssen bis morgen warten." "Sie werden mir jetzt den Arzt herbeischaffen!" Ich legte viel Kraft in die Stimme und wandte dabei einen kleinen magischen Trick an, den mir Anordil beigebracht hatte. Wenn ich das alles nicht nur geträumt hatte, würde dieser funktionieren. Schließlich hatte ich durch mein Druidenblut einige magische Sprüche lernen können. Allerdings waren meine Fähigkeiten begrenzt. So heftige Zauber, wie Anordil sie beherrschte, würde ich wohl nie zustande bringen. Aber für so kleinere Sachen wie magisches Feuer oder jemanden überreden, reichte es.
Wie hypnotisiert schaute die Schwester mich an und verließ das Zimmer. Ihr Blick sagte mir, dass mein Trick funktioniert hatte. Zehn Minuten später kam Dr. Brennan ins Zimmer. "Sie wollten mich sprechen?", sagte er kühl, "dann sagen Sie mir was los ist. Meine Zeit ist begrenzt." "Ich fühle mich gut und sie sagten mir, dass mir eigentlich nichts mehr fehlen würde", begann ich, "jetzt möchte ich, dass sie mich entlassen." Entgeistert sah er mich an. "Das geht nicht. Sie waren einige Tage bewusstlos und wir wissen nicht den Grund. Sie müssen ein paar Tage zur Beobachtung hier bleiben." "Niemand kann mich daran hindern dieses Krankenhaus zu verlassen", sagte ich seidenweich, "ich bin bei wachem Verstand und körperlich gesund. Ich verlange, auf eigene Gefahr hin entlassen zu werden." Wieder legte ich Kraft in die Stimme. Und wieder funktionierte es. Er bekam diesen glasigen Blick. "Ich werde Ihre Papiere fertig machen", sagte er emotionslos, "Sie können sie in einer halben Stunde im Schwesternzimmer abholen." Damit ging er hinaus.
Patrick sah mich überrascht an. "Du hast eine Menge gelernt", murmelte er auf Gälisch, "jetzt sollten wir uns beeilen." Ein wenig lahm schwang ich mich aus dem Bett. Die restlichen Kleidungsstücke packte ich in eine kleine Tasche. Es dauerte keine halbe Stunde bis ich fertig war. Wir warteten ein paar Minuten und gingen hinaus. Im Schwesternzimmer holten wir meine Papiere ab. Überrascht musste ich feststellen, dass der Ausweis auf eine Anna O'Neill ausgestellt war. Rasch, aber ohne zu hasten, verließen wir das Krankenhaus.
Draußen war ich geschockt von der Lautstärke, die hier herrschte sowie dem Gestank. Ich war die Großstadt einfach nicht mehr gewöhnt. Ich japste ein wenig nach Luft. Patrick dirigierte mich zu seinem Jeep. Kurze Zeit später waren wir unterwegs Richtung Shancahir.
Erst als wir die Stadt verlassen hatten und wir sicher waren, dass uns kein Wagen folgte, fing Patrick an zu reden. "Du hast uns einen gehörigen Schrecken eingejagte", sagte er plötzlich auf Gälisch, "wir dachten schon, du wärst tot. - Ian und Brian waren ein paar Tage zu Besuch. Ian hat dich an der Lugh-Kultstätte gefunden. In der Nacht zum zehnten Februar gab es eine Art Donner und einen Lichtblitz. Deswegen ist er hinausgegangen, um nachzusehen, ob vielleicht der Blitz in einen der alten Bäume eingeschlagen hätte. Doch er fand statt dessen dich. Du warst bewusstlos. Er brachte dich zuerst zu uns. Dort sahen wir, dass du verletzt warst. Wir nahmen deine Waffen und was du bei dir trugst und versteckten sie. Das einzige was ich dir ließ, war das Amulett deiner Mutter. Durch Eleanor ließ ich dir schließlich Anordils Amulett bringen. Dachte, das dir das nützlich sein könnte. – ..." "Also habe ich das alles nicht geträumt", unterbrach ich ihn hastig und legte ihm meine rechte Hand auf den Arm, "ich war tatsächlich in Mittelerde." Ich war mir zwar sicher, aber ich wollte eine Bestätigung haben. Patrick nickte zustimmend, ohne sich von der Straße ablenken zu lassen.
"Ja, du hast nichts geträumt. - Sinéad, Eleanor und ich haben die Tage, seit du im Krankenhaus eingeliefert wurdest, an deinem Bett verbracht. Ian und Brian haben unauffällig über dich gewacht. Deshalb konnten sie dich nicht besuchen. Wir wollten dich beschützen. Das war gar nicht so leicht. Ich habe dir einen anderen Namen besorgt. - Freunde von mir waren mir noch etwas schuldig. - Sie haben ganze Arbeit geleistet. Da sieht man, was mit Gold alles machbar ist." Er lachte kurz auf. "Niemand würde vermuten, dass Anna O'Neill und Arwen McGregor ein und dieselbe Person sind. - Belenus sei Dank, dass keiner der Kirchenmänner bis jetzt aufmerksam geworden ist. Brian hatte mir jedoch heute morgen eine Nachricht zukommen lassen, dass etwas im Busch wäre. Er hat erfahren, dass von der Kongregation für Glaubensfragen die Anweisung an die Priester ergangen ist, alle ungewöhnlichen Vorfälle zu melden. Deine Verletzungen werden wohl auch darunter fallen, denke ich. Doch da der Priester, der für dieses Krankenhaus zuständig ist, bisher keine Zeit hatte, dich zu besuchen ... Vielleicht haben wir es noch rechtzeitig geschafft. - Aber erzähle mir, was dir passiert ist." Ich schwieg kurz und überlegte. Vereinzelte Bilder stiegen auf.
Vor meinem geistigen Auge sah ich meinen letzten Kampf. Ich hörte die Schreie und roch das vergossene Blut. "Ich erinnere mich, dass wir in den Eisernen Bergen gelagert hatten. Anordil, ein paar Abenteurer und ich. Wir hatten in Esgaroth einen Auftrag angenommen. Dann wurden wir angegriffen. - Es gab einen Kampf. Ein Haufen Orks, überwiegend Urukûnai, stürmte auf uns zu. Ich erinnere mich an einen Zauberkundigen in ihrer Mitte - außerordentlich mächtig. Dieser hielt uns schwer in Atem. Ich hatte einen Ork getötet und wich einem anderen aus, als mich etwas traf. - Eine Art Lichtblitz. Ich vernahm, wie Anordil meinen Namen schrie. Plötzlich war Stille. Es brannte in meinen Adern. Dann hörte es mit einem Mal auf. - Ich sah nichts mehr, hörte nichts mehr und ich fühlte nichts mehr. - Ich dachte, ich sei tot. Dann erwachte ich im Krankenhaus."
"Sieht so aus, als hätte dich dieser Lichtblitz wieder hierher geschleudert", kommentierte Patrick, "jetzt sollten wir überlegen, wie wir dich wieder hinüber bringen." "Ich werde es an der Kultstätte der Brigid versuchen. Dort hat es das erste Mal funktioniert. Vielleicht öffnet sie mir erneut ein Tor." Ich hoffte es zumindest. Sollte meine Anwesenheit hier bis zu gewissen Leuten innerhalb des Vatikan vordringen, konnte ich mein Leben sowieso vergessen. Ich schickte ein kurzes Gebet an Brigid. Ich bat darum, dass die Ärzte, die mich behandelt hatten, meine Verletzungen als unwichtig einstufen würden. In Gedanken versunken fuhren wir weiter.
In Shancahir angekommen, empfing mich Patricks Familie herzlich. "Wir hatten Angst um dich", sagte Eleanor zu mir, als sie mich fest an sich drückte, "als Ian und Brian dich draußen fanden und hierher brachten, dachten wir zuerst, du wärst tot. - Sie lassen dich übrigens schön grüßen. Sie sind in Dublin an der Universität. Bevor ihr Semester beginnt, müssen sie noch einiges erledigen. Schließlich ist für sie eine Menge liegengeblieben, da sie über dich gewacht haben. Du wirst sie erst zu den nächsten Semesterferien sehen."
Sinéad standen Tränen der Freude in den Augen. "Ich bin froh, dass es dir besser geht", begrüßte sie mich und umarmte mich heftig, "du musst uns viel erzählen." "Ihr müsst aber auch einiges erzählen", erwiderte ich und blickte mich um, "wo ist Fiona?" Sinéad lächelte selig. "Fiona ist in der Schule", antwortete sie mir stolz, "sie besucht die weiterführende Schule in Glendalough. Dort bleibt sie die Woche über, weil der Weg zu weit ist. Sie wird erst am Wochenende hier eintreffen. Du wirst sie nicht wiedererkennen."
Patrick verschwand kurz. Als er zurückkehrte, legte er mir meinen restlichen Schmuck in meine Hände. Meinen Bündnisring mit der Inschrift in Tengwar-Zeichen und das Amulett von Mallenloth, welches die Farben Cilliens widerspiegelte. Sehnsucht durchströmte mich. "Danke, Patrick", sagte ich leise, "dies ist alles, was mir von Mittelerde geblieben ist, außer der Erinnerung." Er lächelte mich milde an. "Nein, nicht ganz", erwiderte er, "oben in deinem Gästequartier liegen deine Waffen und die Kleidung, die du trugst, als meine Söhne dich fanden." "Nun, kommt", unterbrach ihn Sinéad, "wir wollen essen. Es steht alles auf dem Tisch und Anna muss hungrig sein." Energisch zog sie mich mit.
Patricks Haus war, wie die meisten alten Häuser in Shancahir eine Mischung aus altem Fachwerk mit moderneren Anbauten. Es gab fließendes Wasser, jedoch blieb Strom Mangelware. Nur der Kühlschrank in der Speisekammer, das Tiefkühlgerät im Keller sowie Fernseher und Stereoanlage waren an das Stromnetz angeschlossen. Nein, nicht ganz. In der Wohnstube gab es elektrische Beleuchtung. Überall sonst hatte man auf die Errungenschaften der Moderne verzichtet. Manchmal kam man sich vor, als hätte man eine Zeitkapsel betreten.
Vor allem in der Küche. Neben der Feuerstelle im Kamin stand ein Ofen aus dem späten neunzehnten Jahrhundert. Sinéad war sehr stolz darauf, dass dieser immer noch in Betrieb war. Ein großer Tisch aus dunkler Eiche stand in der Mitte der Küche. Darum verteilt sechs Stühle und an die Wand gelehnt warteten weitere zwei. Das alte Holz der Schränke schimmerte wie dunkelbraune Seide. Die Spüle bestand aus einem einzigen, glatt geschliffenen Stein. Von der Decke hingen Kräuterbündel und getrocknetes Gemüse. Neben der Feuerstelle baumelten einige Würste und Schinken an Haken. Am Fensterkreuz war ein frisches Kräuterbündel befestigt. Es sollte das kleine Volk der irischen Mythologie fernhalten.
Ich roch bereits das frische Brot, bevor wir die Küche betraten. Auf dem Tisch lag es auf einem großen Holzbrett, bereit zum Verzehr. Schinken und würziger Käse waren seine Begleiter. In dem Kessel, der über der Feuerstelle im Kamin hing, köchelte ein kräftiger Eintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Gemüse vor sich hin. Als ich dies so sah, füllten sich meine Augen mit Tränen. Dieses Szenario hätte gleichermaßen irgendwo in Mittelerde stattfinden können. Ich sehnte mich danach wieder dort zu sein. Ich sehnte mich nach Anordil. Wo bist du, fragte ich mich und wischte meine Tränen weg, ich vermisse dich! Sinéad und Eleanor hatten meine Tränen gesehen. Sie wandten sich diskret ab und füllten Tonschalen mit dem Inhalt des Kessels. Patrick schaute verlegen zu Boden.
"So, nun setze dich, Anna", sagte Eleanor mitfühlend zu mir, "lasse es dir schmecken." "Ja", warf Sinéad ein, "und danach musst du erzählen." Dankbar lächelte ich sie an und begann den Eintopf zu löffeln. Noch bevor das Brot gebrochen wurde, begann Sinéad zu erzählen. Und wir erzählten viel an diesem Abend. Schließlich war in den letzten Jahren einiges geschehen. Sinéad berichtete über die Zugezogenen in Shancahir. Das Gehöft von der Familie O'Brian hatte einen neuen Besitzer gefunden. Jahrelang hatte es leer gestanden. Jetzt wurde es wieder bewirtschaftet. Etliche Städter hatte es ebenfalls in die Idylle von Shancahir gezogen. Pater Michael ginge es gut. Er war begeistert über das Anwachsen seiner Gemeinde. Eleanor erzählte über die letzten celtic-weeks. Und Patrick informierte mich über das Museumsdorf. Seine Augen leuchteten dabei.
Ein paar Tage genoss ich die Gastfreundschaft von Patricks Familie. Er zeigte mir sogar voller Stolz sein Lieblingsprojekt, das Museumsdorf. Damals, als ich vor knapp viereinhalb Jahren hier war, stand eine provisorische Palisade und drei keltische Häuser. Als ich jetzt zum Festplatz der celtic-weeks kam, hielt ich vor Überraschung den Atem an.
Vor mir lag ein keltisches Dorf. Staunend trat ich durch das Tor. Die Palisade von einst war einer typischen keltischen Befestigungsanlage gewichen. An einer Stelle, im Inneren des Dorfes, konnte man die Struktur erkennen, da hier die Anlage bewusst offen gelassen war. Man konnte die längs- und querlaufenden Holzbalken erkennen, welche die hölzerne Konstruktion der Befestigungsanlage bildeten. In der untersten Lage erkannte man die langen Eisennägel, die in die Kreuzungspunkte der Balken getrieben wurden. In den oberen Schichten waren die Balken verschnürt. Der Innenraum war hier nur teilweise mit Bruchsteinen und Erde gefüllt, damit man die Strukturen erkennen konnte. Zum Schluss war die Außenfront mit mörtellos aufgeschichteten Steinen verkleidet worden. Oben auf der umlaufenden Befestigungsanlage befand sich eine Brustwehr. Der Zugang zum Dorf erhielt man durch ein einziges Tor. Wachttürme waren an den vier Ecken errichtet.
Im Dorf selber wurde ich noch mehr überrascht. Patrick und die Bewohner von Shancahir hatten sich extrem viel Mühe gegeben. Ich sah keltische Häuser in verschiedenen Ausfertigungen. Es gab die kontinentale sowie die Insel-Bauweise. Auf der einen Seite des Dorfes gab es die typischen Rundbauten der Inselkelten. Auf der anderen Seite gab es Vier-Pfosten-Häuser genauso wie Sechs-Pfosten-Häuser oder Häuser, die mehr Pfosten hatten. Alle im Stil der Kontinentalkelten.
Sogar Langbauten mit über zehn Pfosten waren zu sehen. Es gab ebenerdige, ein- oder zweigeschossige Bauten. Daneben Gebäude in Pfahlbauweise oder welche die nur leicht erhöht gebaut waren. Bei den meisten Häusern bestand die tragende Konstruktion aus Eichenholz mit einem Flechtwerk aus Haselnussholz dazwischen, welches einen Lehmverputz trug. Dieser war sogar farbig getüncht, wie es die Kelten taten. Es gab weiße, hellgelbe, rosafarbene, hell- oder dunkelocker getünchte Häuser. Es gab Wohn- und Arbeitsstätten, sowie Speicherbauten. Patrick hatte an alles gedacht.
Er zeigte mir sein eigenes Haus hier im Museumsdorf. Es hatte ja damals schon gestanden, aber jetzt war es liebevoll ausgestaltet. Die Fensternischen über der Feuerstelle dienten als Rauchabzug. Es gab Strohlager für die Nacht und Tische für die Mahlzeiten. Die Einrichtung wurde ergänzt durch hölzerne Truhen und Kästchen, wie sie früher üblich waren. Im Küchenbereich gab es eine Feuerstelle mit passendem Zubehör, wie Bratspieße, Kessel, Bratroste, Feuerböcke, Tongeschirr und tönerne Vorratsbehälter, Becher und Flaschen. Er hatte sogar daran gedacht, bronzene Kannen, Becher und Siebe zu besorgen, die zur keltischen Zeit aus Italien kamen.
Eine Ecke des Dorfes war für die Landwirtschaft vorgesehen. In einem Mustergarten wurden die damals typischen Gemüse angebaut. In einem kleineren Stallbereich gab es Rind, Schwein, Schaf, Ziege und Geflügel in der damals familientypischen Anzahl und Haltung. "Die Tiere sind von hiesigen Bauern", erklärte Patrick, "die Bauernhäuser sind von Frühjahr bis kurz nach dem Lugnasadh durchgängig bewohnt. Alle anderen Häuser nur sporadisch. Meine Familie zieht den Sommer über hier in das Museumsdorf. Auch einige von den Dorfbewohnern. Vor allem die, die hier mitgewirkt haben. Die restlichen Häuser stehen leer, oder werden nur zu den Ferien oder den keltischen Festen bewohnt."
Als wir weiter durch das Dorf gingen, sah ich kleine Schilder an den Häusern. Sie wiesen auf eine Töpferei, Weberei, verschiedene Schmieden, eine Münzmeisterei, Glasdreherei und Sapropelitschnitzerei hin. Alles typisch keltische Werkstätten. Ich war total erstaunt.
"Es ist nicht alles so fertig, wie wir es uns gedacht hatten", sagte Patrick bedauernd, "für viele Dinge fehlt uns einfach das entsprechende Wissen. - Wir haben zum Beispiel einen keltischen Webstuhl erstanden und wissen nicht, wie dieser zusammengesetzt wird. Und in der Schmiede experimentieren wir mit den Schmelzöfen. - So geht es uns bei vielen handwerklichen Dingen. Wir arbeiten halt dran. In diesem Sommer werden wir nur die Töpferei und zwei der Schmieden in Betrieb nehmen können. Für alles andere fehlt uns erst einmal das Wissen und die Leute, die es ausführen. Aber es kommen einige Schulklassen. Das bringt Geld und wir können den Kindern einiges von der Vergangenheit vermitteln. - Auch die letzten celtic-weeks waren ein voller Erfolg. Durch die Häuser und die Werkstätten erhielt das Fest eine ungeheure Atmosphäre."
In einem der Langhäuser war ein kleines Museum untergebracht. Hier waren viele Schätze zusammengetragen worden. Es gab Musikinstrumente und Stofffetzen. Knochenfragmente und Scherben. Echte Tongefäße, Werkzeuge, Schmuckstücke und andere Fundstücke waren in farbenfrohe, lebensechte Bilder integriert. Jeder der hier durchging, bekam einen fundierten Eindruck des keltischen Lebens vermittelt.
Im Eingangsbereich des Langhauses war eine Art Landkarte zu sehen, auf der in Miniatur keltische Dörfer aufgebaut waren. Sie zeigten die einzelnen Baustile und deren Zuordnung eindeutig. "In der Schänke gibt es sogar auf Wunsch echte keltische Küche", grinste mich Patrick an, "ob die allerdings jedermanns Geschmack ist, steht zu bezweifeln." Ich wusste, was er meinte, und lachte zurück. "Vielleicht solltet ihr das eher in eine Schauküche packen", erwiderte ich, "für die heutigen Zungen ist die Kost viel zu eintönig und fad. Aber ich könnte mir denken, wenn man das separat in einer Schauküche darstellt und die Leute einfach probieren lässt, könnte das gut ankommen. Genauso würde ich es mit dem Bierbrauen oder Brotbacken machen." Patrick nickte nachdenklich. "Das sind gute Ideen. Das könnte man so machen. Ich werde mal mit unseren Leuten sprechen, was die davon halten und wie man das umsetzen kann. - Danke, Anna."
Am Abend saßen wir eine ganze Weile zusammen. Ich konnte mit etlichen Geschichten aus Mittelerde aufwarten. Spät ging ich schlafen. Patrick hatte mir ein Gästequartier in seinem Haus gegeben. Ein kleines gemütliches Zimmer im Dachgeschoss. Ein breites Bett, gezimmert aus dunklem Holz mit gedrechselten Pfosten stand mit der Kopfseite an der Wand. Auf der kleinen Kommode daneben hatte das Nachtlicht, eine Kerze in einem schmiedeeisernen Fuß, mit einem Päckchen Steichhölzer Platz gefunden. Die Wäschekommode befand sich an der rechten Wand. Darauf eine Waschschüssel mit Wasserkrug, flankiert von zwei Öllampen. Ein Spiegel hing blank geputzt darüber.
Diese Waschgelegenheit diente im Prinzip nur zur Erfrischung. Im Anbau des Hauses hatte ein modernes Badezimmer seinen Platz gefunden. Und Gäste konnten sich in einem separatem Bad reinigen. Die Öllampen tauchten den Raum in ein warmes Licht. Auf der Kleidertruhe aus geflochtener Weide lagen meine elbischen Reisegewänder und meine Waffen. Nur das, was ich am Leibe trug, als mich der Lichtblitz erfasste, hatte den Weg in diese Welt gefunden. Alles andere verblieb in Mittelerde. Meine Laute und mein Rucksack waren verschwunden. Desgleichen mein Kampfstab.
Den Bogen hatte ich zum Glück quer über dem Rücken getragen. Obwohl er mir dadurch im Kampf etliche blaue Flecke verursacht hatte und die Sehne arg strapaziert worden war. Ich würde eine neue Sehne beschaffen müssen. Sehnsüchtig strichen meine Finger über das Leder meiner elbischen Rüstung. Meine Finger zogen die feinen Goldornamente nach. Jedes Stück meiner Gewandung nahm ich in die Hand und begutachtete die Schäden, die sie davon getragen hatte. In den nächsten Tagen musste einiges an Ausbesserungsarbeit geleistet werden.
Meine Hand ergriff eines der Schwerter. Langsam zog ich es aus der Scheide. Es glänzte matt im Kerzenlicht. Sauber war es, ohne eine Spur von Orkblut. Einer meiner Cousins musste sie gereinigt haben. Die Tengwar-Zeichen hoben sich dunkel von der Klinge ab. Mit einem Ruck schob ich es zurück in die Scheide. Anschließend inspizierte ich den Dolch. Sogar dieser blitzte sauber. Anerkennend nickte ich.
Unter all den Gewändern und Waffen schimmerte etwas silbrig mir entgegen. Automatisch griff ich dahin und zog die Flöte hervor, die Anordil mir damals geschenkt hatte. War es wirklich zwei Jahre her? Ich wusste es nicht mehr. Die Zeit hatte ihre Bedeutung verlor, seit ich bei den Elben lebte. Das Mithril funkelte im Schein der Kerzen. Melancholisch hob ich die Flöte an die Lippen und spielte leise die Ballade von Beren und Lúthien. Diese schien mir am ehesten zu meiner derzeitigen Situation zu passen. Als ich geendet hatte, ging ich zum Fenster und sah hinaus in die Nacht. Lange stand ich dort. Reglos. In der Dunkelheit nach einem Zeichen suchend.
Spät entschloss ich mich doch die Bettstatt aufzusuchen. Ich kuschelte mich in die Kissen. Trotz meiner Müdigkeit lag ich wach in dem weichen Bett. Wehmütig dachte ich an Anordil und Mittelerde. Vom Bett aus konnte ich aus dem Fenster blicken. Der Sternenhimmel funkelte. Der Mond war nun als schmale Sichel zu erkennen. Wie auch in der vergangenen Nacht wanderten meine Gedanken zu Anordil. "Wo immer du jetzt bist, Anordil", hauchte ich sehnsüchtig, "ich hoffe dir geht es gut. Ich hoffe, du spürst, dass ich lebe! - Aníron na gen."
Am nächsten Tag ging ich zum Friedhof. Ich wollte die Gräber meiner Familie besuchen. Meinen Dolch trug ich am Gürtel. Unter der Jacke war dieser nicht auszumachen. Es war früh am Tag. Nebel wallte über den Boden. Die Grablichter waren helle Flecken in der schwindenden Dunkelheit. Der Friedhof wirkte dadurch unheimlich. Andererseits gab es kaum jemanden, der um diese Tageszeit den Weg hierher fand. Ich sah, dass das Grab gut gepflegt war. Kein Gras wucherte aus den Fugen hervor. Blumen schmückten den nackten Stein. Den Blumenkranz, den ich bei mir trug, legte ich dazu. Lange verharrte ich in Schweigen. Ein stummes Gebet, gesandt an die Große Mutter, für meine Familie. Tränen standen mir in den Augen.
Aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung im Nebel. In einer fließenden Drehung stand ich auf. Meine Hand glitt zum Dolch. Da erkannte ich Pater Michael. "Schön, dich zu sehen, Arwen", begrüßte er mich lächelnd, "die Blumenfeen haben mir erzählt, dass du wieder in dieser Welt bist. Hat es dir drüben nicht mehr gefallen?" "Doch, Pater Michael", erwiderte ich überrascht, "es ist ein Unfall, dass ich wieder hier bin. Eigentlich sollte das nicht geschehen. - Doch warum wissen sie davon?" "Dieser Zauber deines Elbenfreundes hat nicht ganz so gewirkt, wie er wohl sollte. - Komm mit ins Pfarrhaus", sagt er, "dort gibt es einen schönen warmen Tee mit einem ordentlichen Schuss uisce beatha und wir können in Ruhe erzählen."
Insgeheim schüttelte es mich, denn uisce beatha, das Wasser des Lebens, von anderen nur schlicht Whisky genannt, hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr getrunken. Bei den Zwergen hatte ich zwar etwas ähnliches gekostet, doch ich war nicht scharf drauf. "Ich will sie nicht gefährden", antwortete ich deshalb ausweichend. Schließlich wollte ich nicht unhöflich sein.
Er schüttelte lächelnd den Kopf. "Du kannst mich nicht gefährden. Die Blumenfeen wachen über mich. Und außerdem habe ich seit damals niemanden mehr von der Mutterkirche gesehen." Ich nickte bedächtig und ging mit ihm mit. Neugier stieg in mir auf. Wie viel wusste Pater Michael noch? Manchmal geschah es tatsächlich, dass die Zauber nicht die gewünschte Wirkung hatten. Das konnte passieren.
Pater Michael war in sich sowieso ein Kuriosum. Er diente dem Gott der katholischen Kirche, war aber gleichzeitig Anhänger des druidischen Glaubens. Trotzdem bekam er diesen Konflikt gut geregelt. Und es tat gut, mit alten Bekannten zu sprechen. Selbst wenn sie verschroben waren.
Er ging voraus, den schmalen Pfad zum Pfarrhaus entlang. Unser Weg führte uns an der alten Dorfkirche vorbei. Diese erhob sich düster aus dem Nebel. Drohend wirkte das dunkle Gemäuer. Sie war bereits alt. Sehr alt. Sie gehörte zu den ältesten Kirchen in Irland. Gegründet im Zuge der Christianisierung durch den heiligen Patrick. Wie viele Menschen mochten bereits durch ihr Tor geschritten sein? Wie viele mochten vor dem kleinen Altar gebetet haben?
Unbeirrt ging Pater Michael an der Kirche vorbei auf das kleine gedrungene Pfarrhaus zu, wo er, wie die meisten seiner Vorgänger, lebte. Knarrend schwang die Tür aus dunkler Eiche nach innen, als er mir diese öffnete. Er führte mich in das Wohnzimmer, wo ich zuletzt vor viereinhalb Jahren stand. Damals, in der Nacht, als ich das erste Mal die Blumenfeen sah. In der Nacht, in der Anordil versucht hatte, das Gedächtnis des Paters zu löschen. "Setz dich ruhig", sprach Pater Michael, "oder wollen wir in die Küche gehen?" Schalkhaft blickte er mich an. "Lieber in die Küche", erwiderte ich spontan und lachte leise.
Als ich die Küche betrat, wurden Erinnerungen wach. Viele Male zuvor hatte ich hier gesessen, dem Feuer in der alten Feuerstelle zugesehen, würzigen Tee getrunken und mit Pater Michael diskutiert. Es erschien mir eine Ewigkeit seitdem vergangen zu sein. Ich sah mich um. Nichts hatte sich verändert. Der alte Spülstein stand in der Ecke. In der Feuerstelle brannte ein kleines Feuer. Ein alter Wasserkessel, tiefschwarz von seinem langen Gebrauch, hing darüber. Wasser köchelte darin. Die wenigen Schränke aus dunkler Eiche schienen frisch geputzt. Auf dem blank gescheuerten Tisch stand in der Mitte sorgfältig der Zuckertopf aus glasiertem Ton. Vier Stühle standen um den Tisch herum. Die Läden des Fensters waren weit geöffnet und ließen die fahle Morgensonne hinein, die sich bemühte die Nebelschwaden draußen zu vertreiben. Kräutertöpfe schmückten das Fensterbrett. Am Fensterkreuz war das obligatorische Kräuterbündelchen befestigt. Von der Decke hingen Zwiebel-, Knoblauch- und Paprikazöpfe sowie kleine Kräuterbündel. Einziges Zugeständnis an die Moderne war der Kühlschrank in der einen Ecke.
"In all den Jahren hat sich hier nichts verändert", sagte ich leise und setzte mich an den Tisch. "Nur wir sind älter geworden", erwiderte Pater Michael, "Tee? Wie früher?" "Gerne", entgegnete ich erfreut. Er kramte in einem der Schränke und holte eine alte bauchige Teekanne hervor sowie zwei Becher aus Ton. In die Kanne gab er eine Handvoll Kräuter aus einem hölzernen Gefäß. Darüber goss er mit einer Kelle Wasser aus dem großen Kessel. Augenblicklich strömte ein würziger Duft durch die Küche. "Diese Mischung genieße ich nur noch selten", erklärte Pater Michael, "eigentlich nur dann, wenn ich an dich denken muss, Arwen. – Oder wenn ich in den Archiven wühle."
"Was ist mit Ms. Finch?", fragte ich, als ich den Becher entgegennahm. "Oh, sie kommt immer noch täglich gegen Mittag und macht den Haushalt", lächelte Pater Michael, "wir haben folglich genügend Zeit." "Was ist geschehen, nach dem wir verschwanden?", fragte ich ihn nach dem ersten Schluck Tee. "Wie bereits gesagt, hatte der Zauber nicht die gewünschte Wirkung", hob er an, "ja, ich wusste zuerst nicht mehr, was geschehen war. Ich konnte mich am nächsten Tag nur noch an einen sehr ausgiebigen Kater erinnern, zumal Ms. Finch arg mit mir geschimpft hatte, als sie mich fand. Schließlich stand die halbleere Flasche uisce beatha und das Glas noch auf dem Tisch. - Erst einige Wochen später kehrte allmählich das Gedächtnis wieder. Nach und nach tauchten die Geschehnisse aus meinem umnebelten Hirn auf. – Zuerst war ich entsetzt, aber dann begann ich zu verstehen."
"Manchmal geschieht es, dass ein Zauber nicht wie gewünscht funktioniert", sagte ich, "meist ist das der Fall, wenn die Zielperson gegen Magie resistent ist." "Ich habe trotzdem nichts verraten", warf Pater Michael ein, "hier in Shancahir lässt mich die Mutterkirche in der Regel in Ruhe. – Übrigens habe ich interessante Schriftstücke in den Tiefen meines kleinen Archives gefunden, wenn du Zeit hast, werde ich sie dir zeigen." Dankend schüttelte ich den Kopf. "Tut mir leid, Pater", erwiderte ich, "aber es reicht mir, was ich bisher bereits weiß. Sie werden mich gewiss verstehen." "Nun gut", entgegnete er bedauernd, "falls du es dir anders überlegst, kannst du jederzeit an meine Türe klopfen."
"Klopfet, so wird euch aufgetan", zitierte ich scherzhaft und lenkte damit die Unterhaltung in andere Bahnen. Wir sprachen lange miteinander. So lange, dass ich beinahe Ms. Finch begegnet wäre. Es gelang mir im letzten Moment zur Hintertüre hinaus zu schlüpfen, als wir die Vordertür aufschwingen hörten. Pater Michael lachte mir leise hinterher, ob meines hastigen Aufbruchs.
In ein paar Tagen war Vollmond, da würde ich versuchen ein Tor zu öffnen. Aber erst einmal würde ich Fiona begrüßen. Heute war Freitag und sie würde mittags aus Glendalough eintreffen. Ich war gespannt darauf zu sehen, wie sie sich verändert hatte. Sie kam zusammen mit Patrick. Pünktlich zur Teezeit waren sie da.
Als sie aus dem Wagen ausstieg, hätte ich sie zuerst nicht erkannt. Aus dem kleinen scheuen Mädchen war eine Schönheit geworden. Sie war groß gewachsen und schlank. Man sah ihr an, dass sie viel Sport trieb. Ihre Haare trug sie offen, nur von einem schmalen Reif gehalten. Die dunkelblonden Haare, die wie altes Gold glänzten, fielen bis zu ihrer Hüfte. Bekleidet war sie mit Jeans, Karobluse, Tweedjacke und Turnschuhen. Sie lief auf mich zu, kaum dass sie mich sah. Stürmisch umarmte sie mich.
"Mae govannen, Arwen", flüsterte sie mir ins Ohr, "ich bin froh dich zu sehen, Tante Arwen. – Selbst wenn ich dich eigentlich nur Anna nennen darf." Ich schob sie ein wenig von mir weg, um sie genau zu betrachten. Es gab keinen Zweifel, dass sie meine Tochter war. Sie hatte meine Augen. Tiefgrün und selbstbewusst sah sie mich an. Dabei lachte sie über das ganze Gesicht.
"Gen suilon, Fiona", erwiderte ich überrascht, "ich freue mich, dich zu sehen. Du bist erwachsen geworden." Sie kicherte ein wenig. "Mum findet das nicht, obwohl ich letztes Weihnachten fünfzehn geworden bin. - Du musst mir viel erzählen", sagte sie quirlig, "ich bin gespannt auf deine ganzen Geschichten. Und du musst mir von Anordil und Luvalaes erzählen. ...." Sie sprudelte alles aus sich heraus, während sie mich ins Haus zog. Die Familie wurde nur am Rande kurz begrüßt. Ich war interessanter. Sie erzählte in einem fort.
Für einen Moment sah ich an ihrem Hals das Amulett aufblitzen, dass Anordil ihr damals geschenkt hatte. "Du trägst das Amulett?", fragte ich sie, "also hast du Anordil nicht vergessen. Glaubst du an seine Magie?" "Oh ja", lächelte sie versonnen, "ich werde ihn nie vergessen. Er war wie ein Engel für mich. Und das Amulett hat mir oft geholfen. Es ist, als würden unsichtbare Schutzengel an meiner Seite wandeln."
Dann erzählte sie mir von sich. Sinéad hatte uns in der Zwischenzeit heißen Tee und Ingwerplätzchen aufgetischt. Sie wusste mittlerweile, dass ich keinen Kaffee mehr trank. Lächelnd fuhr sie Fiona über das Haar. "Lass das Mum", sagte sie entrüstet, "ich bin doch kein kleines Mädchen mehr." "Schon gut, meine Kleine", meinte Sinéad ruhig, "für mich wirst du immer mein Mädchen bleiben – auch wenn es dir nicht gefällt. – Erzähle Anna von der Schule und was du sonst noch so machst."
Fiona lachte hell. "Oh, Mum. Meinst du, dass das Anna wirklich interessiert?" Sie betonte den Namen ‚Anna'. Sinéad sah sie mahnend an. Fiona seufzte. "Ja, ich weiß", flüsterte sie, "bitte nur ‚Anna' nennen. Alles andere würde Gefahr bedeuten." Sie schwieg und nahm sich ein Ingwerplätzchen. Bedächtig tauchte sie es in den Tee, bevor sie daran knabberte.
Einige Minuten herrschte Totenstille in der Küche. "Also, – Anna –, ich besuche jetzt eine weiterführende Schule in Glendalough. Es macht wirklich viel Spaß", fing sie an zu erzählen, "die Woche über wohne ich in einem Mädchenpensionat. Das ist allerdings nicht so lustig. Die Leiterin ist sehr streng und die Regeln teilweise sehr verstaubt, doch die Zimmer sind in Ordnung. Das Essen ist auch okay. Sie kommt natürlich nicht an Mums Kochkünste heran, aber man kann es essen." "Und deine Lieblingsfächer?", fragte ich neugierig. "Geschichte, Geographie, Musik und Sport", antwortete sie, "die anderen Fächer machen auch Spaß, aber doch nicht so. – Ich gehöre übrigens zur Leichtathletikmannschaft unserer Schule und zum Schulorchester. Harfe ist mein Lieblingsinstrument. Allerdings bestand Mum darauf, dass ich ebenfalls Klavier und Flöte lernen muss. Zum Gesangsunterricht schickt sie mich auch, aber meine Stimme ist nur leidlich gut. Es reicht für den Hausgebrauch. So gut wie Eleanor werde ich nie werden." Sie war wirklich meine Tochter. Ihre Neigung zu Geschichte, Sport und Musik kehrte dies deutlich heraus.
Sie knabberte an den Plätzchen. "Übrigens habe ich damit angefangen Sindarin zu lernen", sprudelte sie hervor, "Dad hatte mir die Bücher aus Willfour Manor mitgebracht. Ich habe ihm arg zugesetzt, bis er das tat. – Aber jetzt bin ich ganz fleißig und lerne, wann immer ich kann. – Schließlich will ich Anordil in seiner Sprache begrüßen können, falls er in diese Welt zurückkehrt." Überrascht sah ich sie an. Sie schien fest davon überzeugt zu sein, dass er hierher kommen würde.
"Das ist eine gute Idee", sagte ich lächelnd, "ich kann dir, solange ich hier bin, Unterricht geben. Vor allem die Aussprache ist anders, als sie in den Büchern steht." Fiona zappelte aufgeregt auf ihrem Stuhl herum. "Prima", jubelte sie, "ich wollte dich nicht darum bitten, weil Mum Sindarin ein wenig merkwürdig gegenübersteht. Doch ich finde es toll, dass du mich unterrichten willst. Wann fangen wir an?" "Si na hen lû - jetzt sofort", entgegnete ich auf Sindarin, "was du nicht verstehst sagst du in Englisch, Gälisch oder Jerne. Dann kann ich dir die richtigen Wörter nennen." Den Rest des Abends erzählte sie in Sindarin.
Es war befremdlich diesem Kauderwelsch aus Gälisch, Sindarin, Jerne und Englisch zuzuhören. Ich erfuhr noch viel von ihr. So war sie trotz ihrer Jugend eine gute Köchin. Ein Talent, dass mir fast gänzlich fehlte. Ich konnte mich ernähren und einfache Gerichte zubereiten, aber damit erschöpften sich auch meine Kochkünste. Neben den normalen Unterrichtsstunden nahm sie auch an einer Brauchtumsklasse teil. Dort wurde Gälisch gesprochen, keltische Tänze und altes Brauchtum unterrichtet. Sie interessierte sich stark für die Vergangenheit.
"Manchmal fühle ich mich hier fehl am Platz", sagte sie später am Abend leise zu mir und deutete in die Runde, "ich meine nicht hier in meiner Familie, sondern in dieser Zeit. Ich beschäftige mich viel mit der Vergangenheit und wann immer es geht, helfe ich im Museumsdorf mit. Manche Dinge oder Arbeiten dort sind für mich selbstverständlich. Ich denke nicht darüber nach. Ich tue sie einfach. – Als wüsste ich genau, wie ich dieses Werkzeug handhaben muss oder welcher Arbeitsgang als nächstes kommt. Es ist gespenstisch und manchmal macht es mir Angst."
Intensiv hatte ich sie beobachtet, als sie mir dies erzählte. Leider konnte ich ihre Aura nicht erkennen, so wie Anordil es tat. Er hätte vieles daraus lesen können. Ich war indes auf meine Beobachtungen angewiesen. "Du brauchst dich nicht zu fürchten", erwiderte ich, "bete zu den Göttern, dass sie dir die Weisheit schenken, deinen Weg zu sehen und ihn zu beschreiten. – Erinnere dich daran, dass du einer alten keltischen Blutlinie entstammst. Manchmal wird man von der Vergangenheit berührt, ohne zu wissen warum. Bei dir scheint dies so zu sein." Dankbar sah sie mich an. "Ich werde deinen Rat befolgen", antwortete sie mir und gähnte herzhaft. "Junge Dame, ab mit dir ins Bett", sagte Sinéad streng, "dir fallen fast von alleine die Augen zu. Morgen ist auch noch ein Tag um Geschichten zu erzählen." Ohne zu murren gehorchte Fiona. Sie sah auch wirklich schrecklich müde aus.
Patrick, Sinéad und ich blieben noch eine Weile in der Küche sitzen. "Sie ist ein prächtiges Mädchen geworden", sagte ich leise zu Sinéad, "du kannst stolz auf sie sein." "Bin ich auch", erwiderte sie, "als mir deine Mutter dieses Würmchen damals in den Arm gelegt hatte, hätte ich nicht gedacht, dass sie sich so gut entwickelt. Sie kam mir viel zu winzig und zart vor. Doch sie ist zäh. Dies hat sie von dir. Sie erinnert mich in vielem an dich." "Vielen Dank, Sinéad. Aber dir und Patrick gebührt die Ehre", wies ich zurück, "ihr habt sie aufgezogen und zu dem gemacht, was sie jetzt ist." Wir redeten noch lange an diesem Abend, bevor auch ich schlafen ging.
Die Woche danach war Vollmond. Ich hatte die Zeit genutzt und meine elbischen Reisekleider geflickt. Sie waren durch den letzten Kampf beschädigt worden. Seit ich in Shancahir war, trug ich Anordils Ring sowie die drei Amulette. Wenn ich Mallenloths Geschenk betrachtete, stieg die Erinnerung an Cillien in mir hoch. Ich sehnte mich nach dem Grün der Wälder, dem klaren Blau des Flusses und den Regenbogenfarben des Wasserfalls. Ich sehnte mich nach Anordil. Sein fein geschnittenes Gesicht, das seidige Haar. Die Sicherheit seiner Stärke. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich seinen Duft atmen und seine Küsse spüren. Falls mir die Göttin wohl gesonnen war, würde ich bereits bald in seinen Armen liegen.
Am späten Nachmittag hatte ich mich von Patrick und seiner Familie verabschiedet. In meinen elbischen Gewändern wirkte ich beinahe wie ein Fremdkörper. Patrick begleitete mich ein Stück in den Wald hinein. "Alles Gute, Arwen", sagte er, "möge die Große Mutter dir den Weg weisen." "Vielen Dank für alles, Patrick", erwiderte ich, "wenn sie gnädig zu mir ist, dann werde ich das Tor durchschritten haben, bevor der Morgen graut. Passe mir gut auf Fiona auf." "Du kannst dich darauf verlassen." Stumm umarmte ich Patrick kurz und wandte mich zum Gehen. Sekunden danach war ich im Wald verschwunden.
Einige Zeit später sah ich die Lichtung vor mir liegen. Wieder stand ich an der alten Kultstätte. Die Eiche war mir bereits vertraut. Im Gegensatz zu früher, spürte ich jetzt deutlich die Magie, die hier herrschte. Ich entfachte ein kleines Feuer aus Ebereschen- und Eibenzweigen und brachte ein Opfer dar. Milch, Honig, das Blut einer Taube, ein paar Beeren, ein paar Weintrauben und ein paar Ähren wilden Weizen.
"Große Mutter Brigid, bitte erhöre mich", bat ich. Ich führte den Ritus dreimal durch. ‚Was ist dein Begehren?', wisperte es nach einer Ewigkeit in den Zweigen. "Oh, Große Mutter, ich bin durch einen Lichtblitz ohne meinen Willen hierher geschleudert worden. Bitte öffne mir ein Tor zurück nach Mittelerde", sprach ich. Es rauschte in den Blättern. Sekunden verstrichen, dehnten sich unendlich.
‚Ich kann dir das Tor jetzt nicht öffnen', raunten die Zweige, ‚du musst warten, bis die Zeit reif ist. Beim nächsten Imbolc kannst du es versuchen. Du brauchst den Torstein und die Formel. - Ich spüre, dass jemand deine Magie geweckt hat. Vielleicht reicht sie aus, vielleicht auch nicht. Vielleicht findest du einen Freund des Waldes.' Dann hörte ich nur Rauschen.
Ich war niedergeschmettert. Das nächste Imbolc-Fest war erst in knapp einem Jahr. Und ich hatte zwar einen Torstein, da er sich im Hort befand, aber ich konnte die Formel nicht lesen. Erst recht nicht aussprechen. Entsetzen schnürte mir die Kehle zu. Eiseskälte breitete sich in meinem Körper aus. Der Weg war mir versperrt!
Enttäuscht und niedergeschlagen kehrte ich in Patricks Haus zurück. Ein neuer Tag brach an, als ich es erreichte. Eleanor drehte sich zu mir um, als ich das Haus betrat. "Es hat nicht funktioniert?", stieß Eleanor hervor, als sie mich sah. Ich schüttelte den Kopf. "Ich kann es erst zum Imbolc-Fest wieder versuchen. Bis dahin muss ich die Formel auf dem Torstein der sich im Hort befindet, entschlüsselt haben, sonst wird sich das Tor nicht öffnen", sagte ich leise. Danach brach ich in Tränen aus. Eleanor nahm mich in den Arm und tröstete mich.
Patrick runzelte die Stirn. "Lass dich nicht so hängen, Anna", kritisierte er mich scharf, "wenn es nicht auf direktem Weg geht, musst du eben bis nächstes Jahr warten. Ich könnte mir denken, dass Anordil gleichermaßen versucht, einen Weg zu dir zu finden. Der Torstein ist zumindest vorhanden und du solltest deine Energie darauf verwenden, die Inschrift zu entschlüsseln." Mit Tränen in den Augen sah ich ihn an. "Der Torstein ist mit einer Schrift versehen, zu der es in dieser Welt keinen Schlüssel gibt", sagte ich niedergeschlagen, "meine Mutter hatte schon versucht, ihn zu enträtseln und ist gescheitert. Mir steht nicht einmal eine einzige Bibliothek zur Verfügung. Wie soll ich jemals dieses Ding entschlüsseln?" Daraufhin schmunzelte er mich an.
"Geh zurück nach Oxford. Nimm' deine Studien wieder auf. Deine Mutter hatte mir mal erzählt, dass Oxford eine der ältesten Bibliotheken der Welt beherbergt", sagte er eindringlich, "nun, worauf wartest du?" Entgeistert sah ich ihn an. Wie konnte er nur auf den Gedanken kommen, das ich wieder nach Oxford gehen wollte! "Das kannst du doch nicht ernst meinen?", fragte ich ihn entsetzt, "in Oxford wird man mich wiedererkennen! Dann ist mein Leben keinen Pfifferling mehr wert."
Er schüttelt den Kopf. "Nein, ist es nicht", erklärte er mir, "die Geschichte ist jetzt beinahe fünf Jahre her. Es ist einiges an Gras darüber gewachsen. Kein Mensch würde dich als Arwen McGregor erkennen, da du dich während der Zeit in der anderen Welt verändert hast. - Niemand aus deinem alten Leben würde dich erkennen! Außerdem haben wir dir einen falschen Pass besorgt. Einen falschen Lebenslauf und die entsprechenden Dokumenten können gleichermaßen aufgetrieben werden. Gold macht so einiges möglich. Du könntest sogar in Willfour Manor wohnen!"
"Willfour Manor", hauchte ich tonlos. Es war unser Haus, in dem wir in Oxford gewohnt hatten. "Willfour Manor ist umfunktioniert worden zu einer Wohnstätte für förderungswürdige Studenten", erklärte er mir, "da das Anwesen in euren Testamenten an Fiona gehen soll, sobald sie einundzwanzig ist, wurde ich zum Sachverwalter bestellt. Ich muss damit Gewinn erwirtschaften. Deshalb hatte ich mich entschlossen, Studenten dort wohnen zu lassen, die zwar die nötige Intelligenz und die Zugangsvoraussetzungen der Universität erfüllen, aber sich den Besuch derselben nicht leisten konnten. Zehn Studenten wohnen unter diesen Voraussetzungen momentan dort. Für weitere fünf förderungswürdige Studenten oder Gaststudenten ist Platz. Der Staat und die Wirtschaft bezahlen dafür das Geld in Form von Stipendien und alle sind glücklich." Aufmunternd sah er mich an. "Ich muss darüber nachdenken", sagte ich zurückhaltend. Ohne ein weiteres Wort ging ich hinaus. Ich lief in den Wald. Mein Weg führte mich zu der kleinen Höhle, wo Anordil und ich die Nacht unseres Bundes verbracht hatten. Dort saß ich lange in Gedanken versunken. Meine Grübeleien führten jedoch immer wieder zum gleichen Ergebnis.
Ich musste Patrick zustimmen. In Oxford standen mir die Möglichkeiten zur Verfügung, die ich benötigte, um den Torstein zu entschlüsseln. Selbst wenn ich in der Bibliothek nichts fand, konnte ich immer noch eine Internet-Suche starten. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich in Patricks Haus zurückkehrte und ihm mitteilte, dass ich nach Oxford gehen würde.
Denn, wie ich es auch drehte und wendete, Patrick hatte Recht. Ich musste in mein altes Leben zurückkehren. Mir zumindest einen Anschein von Normalität geben. Zwei Semester trennten mich vom nächsten Imbolc-Fest. Ich schrieb mich unter meinem neuen Namen Anna O'Neill ein. Patrick besorgte mir einen anderen Lebenslauf und Zeugnisse. Ich würde als Gaststudentin aus Dublin in den offiziellen Papieren erscheinen.
to be continued...
- 15 -
