Endlich war es soweit. Ich kam in Oxford an. Die "Stadt der Türme", wurde sie auch genannt. Man sagt, dass Oxford die schönste Stadt Englands sei. Vom Bahnhof aus konnte ich auf die Themse sehen. Dahinter erhoben sich die Türme von Oxford. Die Stadt kam mir weit kälter vor, als ich es in Erinnerung hatte. Es war merkwürdig hierher zurück zu kehren. Mit gemischten Gefühlen nahm ich ein Taxi nach Willfour Manor.
Auf der Fahrt dorthin schaute ich immer wieder neugierig aus dem Fenster. Es hatte sich viel verändert und manches wieder nicht. Oxford war in dieser Hinsicht ein Kuriosum. Ich sah einige neue Gebäude zwischen den vielen altehrwürdigen Bauten. Die Universität von Oxford war nicht zentral an einem Ort, sondern auf über fünfunddreißig Colleges über die ganze Stadt verstreut. Einige davon waren fast Tausend Jahre alt. Viele von ihnen waren ehemalige Klosteranlagen. Wenn man so durch Oxford fuhr, hatte man eher den Eindruck eine Stadt der Kirchen zu sehen.
Ich war gespannt auf Willfour Manor. Patricks Idee, daraus eine Studentenunterkunft zu machen, war ungewöhnlich und gewagt. In Oxford war es bisher so, dass die Studenten im Bereich ihrer Fakultät wohnten. Aber warum nicht? Es war schließlich groß genug und lag am Waldrand in einem Außenbezirk von Oxford. Und in den letzten drei Jahren hatte er sogar damit ein bisschen Gewinn erwirtschaftet. Zehn andere Studenten und Studentinnen wohnten hier. Die Küche, der Keller, das Wohnzimmer, das Esszimmer, das Musikzimmer und die Bibliothek wurden gemeinsam genutzt. Es gab ein paar leerstehende Gästezimmer sowie etliche andere Räume, die nicht genutzt wurden. Patrick hatte mir erzählt, dass die Kirche versucht hatte, an alles heranzukommen, indem sie mich nach einem Jahr für tot erklären ließ. Er lachte verschmitzt, als er mir sagte, dass sie nicht mit den Testamenten gerechnet hätten, die dummerweise bei einem Notar deponiert und nicht im Haus in Irland mit verbrannt waren.
Mein Herz klopfte laut, als das ehrwürdige graue Herrenhaus mit den beiden Flügeln und den Stallungen vor mir auftauchte. Umgeben von Wald und an der Stirnseite bewachsen mit Efeu wirkte es wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Man erwartete förmlich im siebzehnten Jahrhundert zu sein und reich gekleidete Lords und Ladies flanieren zu sehen. Der Taxifahrer lud mein Gepäck aus und brummte etwas vor sich hin. Ohne ein Wort zu erwidern drückte ich ihm ein paar Pfund in die aufgehaltenen Hände. Nach dem er davon gefahren war, blickte ich in die Runde.
An den Stallungen sah ich Bewegung. Ein Knecht werkelte dort. Auf der daran anschließenden Koppel tummelten sich ein paar Pferde. Ein Gärtner war in den Beeten beschäftigt. Die tiefer liegenden Terrassen vor den Gebäudeflügeln waren bereits sorgfältig geharkt. Der linke Flügel des Hauptgebäudes schien gänzlich unbewohnt zu sein. Läden verschlossen die Fenster. Im rechten Flügel sah ich Bewegung an einem der Fenster. Jemand blickte neugierig hinaus. Durch die Spiegelung konnte ich nicht erkennen, was für eine Person dies war. Im ersten Stock des Hauptgebäudes standen drei Fenster weit offen. Eine Frau putzte die Fenster. Von Patrick wusste ich, dass zweimal die Woche eine Putzhilfe nach Willfour Manor kam und die allgemein zugänglichen Räume säuberte. Für das eigene Zimmer und die Küche waren die Studenten selber verantwortlich.
Tief atmete ich durch, schulterte mein Gepäck und schritt auf die große Tür im Hauptgebäude zu. Ich zog die Klingelschnur. Der warme Glockenton schnitt mir in die Seele. Nach kurzer Zeit wurde mir die Tür von einer Frau im neutralen Businesslook geöffnet. Graues, enges Kostüm, weiße Bluse, streng zu einem Knoten gebundenes braunes Haar mit einigen hellen Strähnen und einer schmalen Hornbrille. "Willkommen in Willfour Manor", wurde ich von ihr begrüßt, "ich bin Ms. Claudia Vermont, die Sekretärin der Treuhandverwaltung. Sie müssen die neue Studentin Anna O'Neill sein." "Ja, Ms. Vermont", erwiderte ich kurz. Freundlich lächelte sie mich an. "Kommen sie herein." Mit einer einladenden Handbewegung gab sie die Tür frei. "Im Büro müssen ein paar Formalitäten erledigt werden", erklärte sie mir, "dann können Sie Ihr Zimmer beziehen. Es ist das Eckzimmer im ersten Stock, rechter Flügel."
Überrascht sah ich sie an. Beinahe entfuhr mir ein kleiner Aufschrei. Im letzten Augenblick konnte ich mich beherrschen. Dies war mein altes Zimmer! Dort hatte ich bereits damals gelebt. Sie bekam davon nichts mit, da sie mir den Rücken zukehrte. Neugierig blickte ich mich in der Eingangshalle um, bevor ich ihr folgte. Das Büro lag wohl anscheinend links im Verbindungstrakt der beiden Flügel.
Es war ein eigenartiges Gefühl, als ich Willfour Manor das erste Mal seit langer Zeit betrat. Die Räume hatten eine leere Atmosphäre, obwohl Menschen darin wohnten. Es war, als würden Geister durch dieses Haus ziehen. Beinahe konnte man diese Geister wispern hören. ‚Was willst du hier?', schienen sie zu fragen. ‚Bist du am rechten Platz? – Du gehörst hier nicht hin! – Eindringling! – Relikt der Vergangenheit! – Störe uns nicht!' Ein leichtes Frösteln rann mir den Rücken hinunter.
Ms. Vermont ging mir voran ins Büro. Vormals war dieser Raum das Arbeitszimmer meiner Mutter gewesen. Kaum etwas hatte sich verändert. Immer noch stand der wuchtige Schreibtisch aus dunklem Kirschholz in der Mitte des Raumes auf dem dunkelgrünen Teppich mit dem feinen Blumenmuster. Andere Utensilien hatten auf ihm Platz gefunden. Er schien aufgeräumter als damals. Als er meiner Mutter gehörte, quoll dieser überbreite Tisch oftmals über vor Papier und Dokumenten. Jetzt herrschte dagegen gähnende Leere. Einsam lag ein Kugelschreiber achtlos auf der Schreibunterlage. Die Schränke an der Wand waren aus dem gleichen Holz gefertigt wie der Tisch und sorgfältig verschlossen.
Ein moderner Computertisch mit einer Computeranlage hatte seinen Platz neben dem Fenster gefunden. Auf den winzigen Beistelltischchen standen Blumenvasen mit kleinen Sträußchen aus Tulpen und Narzissen. Die bodenlangen Gardinen wehten leicht im kühlen Luftzug der offenen Fenster. Ms. Vermont ging rasch hinüber und schloss sie geräuschvoll.
Ich ließ meinen Blick schweifen. Die Bilder an der Wand, die Tapete – alles wie damals. Tief atmete ich ein. Ein winziger Hauch streifte meine Geruchsnerven. Sanfter Duft nach süßen Rosen überlagerte den Geruch der Blumensträußchen. Das Parfum meiner Mutter! Es musste eine Täuschung der Sinne sein! Meine Gedanken tauchten in die Vergangenheit. Ich nahm nicht mehr bewusst war, was Ms. Vermont mir erklärte. Ab und zu nickte ich. Zum Schluss unterschrieb ich ein Papier. Dann konnte ich gehen.
Wie in Trance ging ich die breite Treppe in den ersten Stock hinauf. Stufen, die ich bereits Hunderte Male zuvor erklommen hatte. Es fühlte sich unwirklich an. Die Last meines Gepäcks spürte ich nicht. Schritt für Schritt näherte ich mich meinem früheren Leben. Vor der Tür war es mir, als könne ich Kinderlachen durch das Haus hallen hören. Benommen schüttelte ich den Kopf und öffnete entschlossen die Pforte zu meinem alten neuen Reich.
Lautlos schwang die Tür nach innen auf. Mit zitternden Knien trat ich ein und schloss die Türe hinter mir. Rasch blickte ich mich um. Nichts, aber rein gar nichts hatte sich seit damals verändert. Selbst das vierpfostige Bett mit dem Vorhang aus schwerem dunkelrotem Samt hatte noch den Überwurf aus Brokat, den ich bereits früher gehasst hatte. Mein Gepäck glitt zu Boden. Mit zwei Schritten war ich am Bett und warf mich darauf. Tief grub ich mein Gesicht in die leicht raue Oberfläche des Brokates. Es roch wie damals. Lavendel, ein Hauch von Lavendel.
Minutenlang blieb ich so liegen. Die Augen geschlossen. Die Hände in den Stoff gekrampft. Tief atmete ich ein und aus. Beruhigend legte sich der Lavendelduft auf mein Gemüt.
Wenn du jetzt aufblickst, ist alles wie früher, durchzuckte es mich. Nichts von allem ist geschehen. Gleich wird Mum zum Essen rufen. Dad wird, wie meist, uns nicht Gesellschaft leisten, da er an der Universität die Zeit vergessen hat. Ewan wird ins Haus stürmen. Zwar ein Mann an Jahren, doch mit der Ungeduld der frühen Jugend. Schalkhaft blitzende Augen, die stets etwas ausheckten. Miss Fraser, unsere Haushälterin, die sich mit meiner Mutter um die einzige wahre Zubereitung des Filet Wellington stritt. Ich hörte ihren humpelnden Gang im Treppenhaus. Hörte ich gar ihre Stimme. War sie es, die meiner Mutter ein weiteres Mal widersprach? Oder wies sie erneut Steward, unseren Butler, zurecht?
Nach einer Ewigkeit, so schien es mir, hob ich den Kopf. Die Sonne stand tief. Beinahe versank sie bereits. Mein Gepäck lag achtlos im Raum. Der Kleiderschrank aus dunklem Holz stand offen. Er war leer. Wie die Schubladen der Kommode und des Schreibtisches. Alles stand offen und war leer. Die Regale an den Wänden ohne Inhalt. Brutal wurde ich in die Gegenwart geholt. Nichts war geträumt, alles war geschehen! Der Überfall, der Tod meiner Familie, mein Übergang nach Mittelerde, Anordil, die Suche nach dem Silmaril und ...
Abrupt schwang ich mich aus dem Bett. Es drängte mich danach durch das Haus zu streifen auf der Suche nach meiner Vergangenheit. Die Gepäckstücke ließ ich achtlos mitten im Raum liegen. Leise ging ich in die Bibliothek. Auf meinem Weg konnte ich meine Mitbewohner hören. Laute Geräusche drangen an mein Ohr. Hallten durch das Haus. Gaben mir das Gefühl ein Fremdkörper zu sein. Ein Geist aus vergangenen Zeiten. Geräuschlos bewegte ich mich über das blank polierte Holz der Böden mit den dunkelroten Teppichen.
Die Tür zur Bibliothek schwang beinahe lautlos auf. Niemand war dort. Einsam warteten die Bücher und Folianten auf einen Leser. Vor dem Fenster stand eine gemütliche kleine Sitzgruppe aus Leder. Die moderne Leselampe wirkte fehl am Platz. Neben den Regalen ein Schreibpult mit einem alten Tintenfass und Feder. Die schweren Samtvorhänge der Fenster waren halb zugezogen und tauchten den Raum in ein Dämmerlicht. Wie viele Stunden hatte ich früher hier zugebracht? Ich wusste es nicht.
Mein Blick glitt über die Buchrücken. Viele der Bücher kannte ich von damals. Viele waren mir aber auch fremd. Sie mussten später dazugekommen sein. Neugierig spähte ich in eines der Regale. Und tatsächlich, auf dem obersten Brett sah ich die Werke Tolkiens stehen. Ich stieg die kleine Bibliotheksleiter hinauf. Es fehlte kein einziges. Sogar die Lehrbücher für die Sprachen, mühevoll von den Mitgliedern der Tolkiengesellschaft erstellt, standen noch dort. Genauso wie ich es in Erinnerung hatte. Nur die für Sindarin fehlten. Die hatte Fiona in Shancahir.
Versonnen glitten meine Finger über die Buchrücken. Sehnsucht stieg in mir auf. Ich sehnte mich nach den Wäldern Mittelerdes, nach dem berauschenden Farbspiel der Wasserfälle Bruchtals, der friedvollen Atmosphäre Cilliens und den mächtigen Gebirgen von Hithaeglir und Ered Luin. Ich nahm vor, Tolkiens Werke erneut zu lesen, während ich hier weilte, um seine Beschreibungen mit meinen Erinnerungen zu vergleichen.
Vom Flur her hörte ich Geräusche sich nähernder Schritte. Die Tür war nur leicht angelehnt, so dass ihre Worte ungehindert an mein Ohr dringen konnten. "... schon da ist", fragte eine weibliche Stimme. "Vorhin habe ich ein Taxi gesehen, Susann", antwortete ein Mann, "also wird sie bereits eingetroffen sein." Zwei Personen blieben vor der Bibliothek stehen. "Bin auf sie gespannt, Peter. Du bist zwar ebenfalls Ire, aber sie ist auch dort aufgewachsen. Mit all den Unruhen." Die Schritte entfernten sich. "Dublin ist nicht Belfast, meine Liebe", entgegnete dieser trocken, "sie wird dort kaum etwas mitbekommen haben. Komm' mit, wir müssen zum Tischdienst." "Trotzdem bin ich neugierig, Peter. Du hast sie also gesehen? Wie sieht sie aus? Ist sie ..."
Ihr Gespräch ging in ein fernes Gemurmel über. Vielleicht hätte Anordil noch etwas gehört, doch mein Gehör stieß an seine Grenzen. Ich beschloss die Bibliothek zu verlassen und meinen Rundgang ein anderes Mal fortzuführen.
Leise ging ich zurück auf mein Zimmer. Erst nachdem ich dieses sorgfältig auf eventuelle böse Überraschungen untersucht hatte, begann ich mit dem Auspacken. Meine Waffen hatte ich im Gepäck gut versteckt. Ich würde hier meine Übungen fortsetzen, damit ich meine Geschicklichkeit nicht verlor. Allerdings hatte ich Magie einsetzen müssen, um sie zu tarnen. Für diesen Zauber musste ich viel Energie aufwenden. Ich war nicht so gut wie Anordil. Ich konnte einen vielleicht zwei oder drei Zauber wirken, aber danach hatte ich keine magische Energie mehr zur Verfügung. Anordil meinte dazu, dass ich mit der Zeit mehr zaubern könne. Ich müsste lernen, die Energien besser einzusetzen. Aber dieser Illusionszauber hatte sich zumindest gelohnt. Beim Zoll hatte man gedacht, es wären alte Ausgrabungsstücke, die für Studienzwecke nach Oxford gebracht wurden.
Gedankenverloren zog ich eines der Kurzschwerter aus der Scheide. Es schimmerte silbrig im Sonnenlicht, dass durch die Fenster fiel. Das Licht brach sich in den Tengwar-Schriftzeichen. Was war ich stolz gewesen, als Anordil mir diese Waffen schenkte. Zwischen Griff und Klinge glänzte das Wappen Cilliens. ‚Du wirst diesem Wappen Ehre bringen', hörte ich Glordorons Stimme. ‚Sei mir willkommen als meine Tochter.' Ich war seinem Haus zugehörig durch den Bund mit Anordil. Niemals hatte ich gewagt zu hoffen, dass Glordoron mich als seine Tochter bezeichnen würde. Akzeptanz, ja. Aber vorbehaltlose Anerkennung, nein, das hatte ich nicht erwartet. Schließlich war ich eine Sterbliche.
Gelassen schwang ich das Schwert und vollführte einige Übungen. Erinnerungen stiegen in mir hoch. Meine Güte hatte Luvalaes mich gedrillt, bis ich diese Techniken beherrschte! Mehr als einmal war ich auf dem Zahnfleisch aus der Übungshalle gekrochen. Beinahe jedes Mal dachte ich, es nicht zu überleben. Und doch hatte ich zum Schluss die Schwertmeisterprüfung bestanden.
"Wow, schönes Teil", hörte ich hinter mir eine männliche Stimme. In einer fließenden Bewegung drehte ich mich um. Das Kurzschwert stoppte haarscharf vor der Kehle des Sprechers. "Erschrecke mich nie wieder", sagte ich sacht, bevor ich es wegsteckte. Mein Gegenüber wurde leicht blass und schluckte. Jetzt konnte ich ihn mir näher ansehen. Ein typischer Student. Groß, nahezu hager, leicht ungekämmtes, hellbraunes Haar, Brille, leicht verwaschene Jeans, kariertes Hemd, das lässig in der Hose steckte und Turnschuhe.
Nach dem er sich wieder gefasst hatte, reichte er mir die Hand. "Hallo, ich bin Marc Smith, Geschichtsstudent im vierten Semester. Ich will mich auf die alten Römer spezialisieren", lächelte er mich mit neu gewonnenem Mut an, "willkommen in Willfour Manor." Ich lächelte zurück. "Hallo, ich bin Anna O'Neill", sagte ich, "Geschichtsstudentin aus Dublin. Ich bin für zwei Semester als Gast hier. Fange im vierten Semester an. Werde mich wohl auf die alten Kelten spezialisieren."
Er deutet auf das Kurzschwert. "Schönes Stück. Ist das echt?", fragte er mich neugierig. Was sollte ich darauf sagen? "Ja und nein", antwortete ich ausweichend, "es ist ein neueres Schwert. Allerdings wurde es nach alten Vorlagen geschmiedet." Es ging ihn ja nichts an, dass es eine Elbenschmiede war. "Wusste gar nicht, dass es solche Schwerter gab", kommentiert er, "darf ich es mal sehen?" Eigentlich gab ich mein Schwert ja nicht aus der Hand, aber in dieser Welt wird man dann schief angesehen. Daher reichte ich es ihm mit dem Griff zuerst.
Vorsichtig zog er es aus der Scheide und ließ seinen Blick darüber schweifen. "Wow, coole Arbeit", sagte er anerkennend, "da ist ja sogar eine Inschrift drauf. Kann ich aber nicht lesen. Sind das keltische Runen?" "An deiner Stelle würde ich aufpassen. Es ist scharf", erwiderte ich warnend, "und ja, das sind Runen." Ich sagte ihm nicht, dass es Tengwar, also Elbenrunen, waren. Vorsichtig gab er es mir zurück. Mit einer eleganten Bewegung schob ich es wieder in die Scheide.
Neugierig musterte er mein übriges Gepäck. Dabei musste ihm die Tasche auffallen, in der sich mein Bogen samt Köcher befand. "Lass mich raten", grinste er und deutete auf diese Tasche, "darin sind noch mehr Waffen. Hat der Hausherr das überhaupt genehmigt?" Langsam ging mir der Kerl auf die Nerven. "Es geht dich zwar nichts an, aber ja, er hat es genehmigt", antwortete ich seidenweich, "ich würde es begrüßen, jetzt in Ruhe auspacken zu dürfen." Er sah das Glitzern in meinen Augen und verstand. Mit einer beschwichtigenden Geste wandte er sich der Tür zu.
"Übrigens, dass Abendbrot wird hier um neunzehn Uhr eingenommen. Wenn du Lust hast, kannst du dich zu uns gesellen." Damit verließ er den Raum. Endlich konnte ich in Ruhe meine Sachen auspacken. Es war für mich schwierig genug, mich wieder in dieser Welt zurecht finden zu müssen. Da hatte mir so ein neugieriger Schnösel gerade gefehlt. Um vor weiteren Überraschungen sicher zu sein, verschloss ich die Tür.
Nach dem ich mich häuslich eingerichtet und meine Waffen außer Sicht verstaut hatte, aber natürlich in Griffweite, konnte ich meine Gedanken ein wenig schweifen lassen. Als ich das letzte Mal in diesem Zimmer war, packte ich für unsere Abreise nach Irland. Es kam mir vor, als wäre das Jahrhunderte her. Ich dachte an Anordil. Sacht berührte ich das Amulett. Daneben hing der Ring, den er mir zu unserem Bund geschenkt hatte. Ich nahm die Kette ab. Gedankenverloren drehte ich den Ring zwischen den Fingern.
Ich konnte die feinen Linien darauf erkennen. Sie erinnerten mich daran, dass ich seinem Hause zugehörig war. Arwen Ceridwen, hervess Anordil Glordoronion, hîr Gillien - Arwen Ceridwen, Gemahlin des Anordil, Sohn von Glordoron, des Herrn von Cillien' stand dort in elbischen Schriftzeichen. Es stimmte mich traurig, da ich nicht wusste, ob ich ihn je wiedersehen würde. Entschlossen streifte ich ihn über den Ringfinger. Patrick hatte zwar darauf bestanden, dass ich ihn abzog, aber Patrick war weit weg. Und wem würde hier ein Ring mit Tengwar-Zeichen auffallen?
Allmählich wurde es dämmerig draußen. Ich hörte die übrigen Hausbewohner agieren. Die Zeit in Mittelerde hatte meine Sinne geschärft. Ich öffnete die Tür einen Spalt. Bis hier oben konnte ich ihre Stimmen hören. Ich hörte, wie Marc Smith den anderen einen kurzen Bericht über mich gab. "Das ist eine Waffenfetischistin", hörte ich es von unten, "die hat mindestens ein Schwert dabei. Will hier Geschichte studieren und kommt aus Dublin. Sie wird ins vierte Semester einsteigen. Das ist die seltsamste Mitbewohnerin, die wir je hatten." "Na prima", hörte ich eine weibliche Stimme, "das hat uns noch gefehlt. Eine irische Verrückte. Wer weiß, ob die nicht später ausrastet. Die Iren sind ja für ihr unberechenbares Wesen bekannt. Vielleicht ist das sogar eine von den Fanatikern."
"Wir sollten sie nicht im voraus verurteilen", hörte ich eine weitere männliche Stimme, "vielleicht braucht sie die Waffen für ihre Studien. Wir sollten sie zumindest erst einmal einleben lassen." Ich hörte zustimmendes Gemurmel von einigen anderen. "Und wir sollten jetzt langsam ans Abendessen denken", hörte ich eine energische weibliche Stimme. Dann wurde das Gerede eher belanglos. Nun denn, dachte ich bei mir, du wirst keinen leichten Stand haben. Aber du wolltest ja eh keinen Sympathiewettbewerb gewinnen, sondern nur die Zeit bis zum nächsten Imbolc überbrücken. Ich musste nur daran denken, dass ich nicht mehr in Mittelerde war.
Ich warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Stolz, geradezu selbstbewusst blickte mich mein Spiegelbild an. Meine Haltung war gleichzeitig locker und angespannt. Wie eine Katze auf dem Sprung. Die letzten drei Jahre hatten mich gänzlich verändert. Eigentlich hätten hier fünfzehn Jahre vergangen sein müssen, aber aus welchem Grund auch immer war ich in der Zeit gewandert. Es waren nur fast fünf Jahre verstrichen. Allein die Große Mutter Brigid wusste, warum. Ich erinnerte mich, dass Luvalaes beim ersten Öffnen des Tores dies befürchtet hatte. Für mich machte dieser Umstand meine Rückkehr schwieriger. Ich musste den Zeitpunkt gut überdenken, damit sich meine Zeitlinien nicht überschnitten.
Bekümmert atmete ich durch. Aus der Gewohnheit heraus wollte ich den Dolch in den Gürtel schieben. Ich entschied mich aber im letzten Moment dagegen. Ich erregte schon genug Aufmerksamkeit. Patrick hatte mich davor gewarnt, zuviel von mir preiszugeben. Er konnte nicht garantieren, dass nicht irgendwelche Kirchenspitzel Willfour Manor überwachten. Obwohl in den letzten Jahren die Fragen und die Überwachungen stark nachgelassen hatten. Nach ein paar Minuten gab ich mir einen Ruck und ging nach unten.
In unserem ehemaligen Esszimmer stand eine lange Tafel, die jetzt für elf Personen eingedeckt war. Das letzte Mal hatte ich beim Neujahrsessen mit meiner Familie und Freunden hier gesessen. Beinahe war mir, als könne ich die Dekoration sehen und das herrliche Mahl riechen, welches meine Mutter mit Miss Fraser zusammen bereitet hatte. Wie Geister sah ich ihre Bilder durch den Raum schweben. Unsichtbar agierend. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich hörte ein tiefes Lachen. Mein Vater? ‚Komm' Arwen. Wir sollten unsere Eltern nicht warten lassen. Weißt du, dass Professor Lajinski auch heute gekommen ist?' Die Stimme meines Bruders. Stimmengemurmel aus dem Rauchzimmer. Pfeifenrauch in kleinen Wölkchen. Das Rascheln von Stoff. Lautes Gelächter. Der sanfte melodische Klang eines Silberglöckchens ... Es war schon so lange her.
"Komm' ruhig herein", holte mich eine Stimme in die Gegenwart, "wir beißen nicht." Ich lächelte beherrscht. Die Geister der Vergangenheit waren jungen Leuten aus Fleisch und Blut gewichen. Sie schienen auf den ersten Blick recht sympathisch zu sein. Marc lächelte mir beruhigend zu. Offensichtlich hielt er den kurzen Moment der Geistesabwesenheit für Verlegenheit. Nun gut, sollte er ruhig. Das konnte mir nur Recht sein.
"Leute, das ist Anna O'Neill", stellt mich Marc vor. "Willkommen in Willfour Manor", wurde ich begrüßt. Man schüttelte mir die Hand und nahm mich relativ herzlich auf. Im Laufe des Abends lernte ich sie alle kennen. Marc Smith war als Viertsemester wohl derjenige, der hier am längsten wohnte.
Es folgte Susann Arthur. Sie studierte Kunst und Englisch. Sie wollte Lehrerin werden. Sie war eine kleine zierliche Person mit gelocktem blondem Haar. Eine kleine, schwarzgerandete Brille saß auf ihrer Nase. Dadurch wirkte sie sehr intellektuell. Sie war der energischen Frauenstimme zuzuordnen, die ich vorhin gehört hatte. Anscheinend war sie ein wenig kratzbürstig veranlagt. Das lag wohl mit an den blonden Haaren. Sie schien moderne Designs für ihre Kleidung zu mögen.
Andrew McGuire studierte Physik und war im zweiten Semester. Der eher typische Physikstudent. Groß, hager, kariertes Hemd, verwaschene Cordhose. Er war dunkelblond, mit einem leicht hohen Stirnansatz.
Patrice Chamberlain war Biologiestudentin. Sie hatte kurze dunkelbraune Haare und war eher untersetzt in der Statur. Früher war sie wohl Leistungsschwimmerin gewesen. Daher der breite Rücken. Sie lebte erst seit einem Semester hier.
Neill Lancreshire studierte ebenfalls Physik. Er war eher klein und gedrungen. Er hatte dunkle, leicht gewellte Haare. Eine metallgerahmte Brille gab ihm das Aussehen eines kleinen Wiesels. Wie ich später feststellte, trug er die Lederweste ständig. Er war auch sonst ein wenig sonderbar.
Lilly Shanks und Peter O'Donnell studierten ebenfalls Biologie. Lilly war eine langbeinige Rothaarige mit strahlendgrünen Augen. Sie war es, die mich vorhin als ‚irische Verrückte' tituliert hatte. Sie trug mit Vorliebe schwarze Kleidung, die ihren wohlgeformten Körper perfekt zur Geltung brachte.
Peter O'Donnell dagegen war der typische Ire, obwohl er wohl in England geboren und aufgewachsen war. Gelockte Haare mit einem Kupferhauch und viele Sommersprossen im Gesicht. Er wirkte dadurch jungenhaft. Das versuchte er durch ein eher konservatives Kleidungsbild zu kompensieren. Er trug stets Hose und Hemd.
Frank Brunner, Angela Clark und Steve McDermot studierten ebenfalls Geschichte. Frank war Brite. Sah aber aus wie ein Nordländer. Bei ihm schlug das Wikingererbe voll durch. Er hatte blonde, glatt gekämmte Haare, und stahlblaue Augen, war mittelgroß gewachsen. Er schien sportlich zu sein. Zumindest trug er Jeans und T-Shirt. Dazu passte sein typisch britisches Gesicht gar nicht.
Angela war eine mittelgroße, schlanke, immer lachende Person. Sie hatte widerspenstige, hellbraune Locken, die sie mit einem Haarband zu bändigen versuchte. Sie trug eher lockerere Kleidung.
Zum Schluss war da Steve McDermot. Ein waschechter Schotte. Aber genau wie bei meinem Vater würde man ihn eher für einen Südländer halten. Schwarze, leicht gewellte Haare und eine Hautfarbe, die von vielen Sonnenbankbesuchen erzählte, unterstrichen dieses Erscheinungsbild. Wie die Südländer liebte auch er gute Kleidung. Er war die männliche Stimme, die mir vorhin zuerst eine Chance geben wollte, bevor man mich verurteilte.
Keiner dieser Studenten war von Haus aus in der Lage sich eine Universität wie Oxford leisten zu können. Ihre schulischen Leistungen allerdings und der harte Test für das Stipendium sprachen für sich. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen unterschiedlichster Herkunft. Vom Sohn eines Bauern bis zum verarmten Adel war alles vorhanden.
Wir unterhielten uns lange nach dem Abendessen. Mir wurde die Hausordnung dargelegt und wer wann welche Aufgaben zu erledigen hatte. Außerdem bekam ich einige Anekdoten aus dem Campusalltag zu hören. Zu später Stunde wurden Gerüchte und Geschichten über Willfour Manor zum besten gegeben. Unter anderem welche über die ehemaligen Besitzer, die McGregors. Ich verzog keine Mine. Gegen Mitternacht zog ich mich auf mein Zimmer zurück. In zwei Tagen würde das Semester beginnen.
Am nächsten Morgen stand ich besonders früh auf. Ich hatte sowieso nur leicht geschlafen. Das hatte ich mir in Mittelerde angewöhnt. Draußen dämmerte es. Lautlos kleidete ich mich an. Dann nahm ich meinen Bogen und den Köcher mit den Pfeilen. Sie waren beide mit mattgoldenen Ornamenten versehen. Tief in Gedanken huschte ich aus dem Haus.
Wenn mich meine Erinnerung nicht im Stich ließ, so war unweit des Hauptgebäudes eine kleine Lichtung, wo man bequem und ohne beobachtet zu werden, ein wenig üben konnte. Und tatsächlich war sie noch da. Ein toter Ast diente mir als Zielmarkierung. Diesen befestigte ich an einem Baum. Danach übte ich konzentriert. Ich ging in Gedanken jede Lektion durch, die mir Anordil je erteilt hatte. Nach einer Weile hörte ich Laufgeräusche. Rasch entfernte ich die Pfeile und steckte sie zurück in den Köcher. Ich nahm die Zielmarkierung ab und schwang mich auf den Baum. Im Geäst fiel es mir leicht mich zu verstecken.
Ich war kaum im Baum verschwunden, als ich zwei von meinen Mitbewohnern auf die Lichtung laufen sah. Es waren Angela und Lilly. Sie verschnauften ein paar Minuten, bevor sie sich mit gymnastischen Übungen lockerten. Dann verschwanden sie wieder. Sie verließen die Lichtung auf der anderen Seite. Lautlos schwang ich mich aus meinem luftigen Versteck zurück auf den Boden. Ohne nennenswerte Geräusche zu verursachen begab ich mich zum Haus. Ungesehen konnte ich mein Zimmer erreichen. Dort verstaute ich Bogen und Köcher.
Danach beschloss ich es den beiden nachzumachen und eine kleine Runde zu laufen. Ich war neugierig, ob es meine alte Strecke noch gab. In lockerem Tempo fing ich an. Gelegentlich legte ich eine kleine Strecke Geländelauf ein, damit ich die Lauftechnik nicht vergaß. Auf meiner Runde stellte ich fest, dass sich hier kaum etwas verändert hatte. Sogar die winzige Lichtung, wo ich damals eine keltische Kultstätte für eine Hausarbeit rekonstruiert hatte, war unverändert da.
Ich verharrte dort kurz und verrichtete ein Gebet an die Große Mutter. Heute, im Gegensatz zu damals, war ich in der Lage, die Magie dieses Ortes zu spüren. Eine leichte Spannung lag in der Luft und berührte einen merkwürdig. Auch wenn es nur eine Rekonstruktion war, besaß dieser Platz doch durch seine Bauweise genug Eigenmagie. Außerdem hatte Patrick ihn geweiht, als er uns damals in Oxford besucht hatte. Ich stand da und ließ die Magie auf mich wirken.
Plötzlich hörte ich wieder Laufgeräusche. Von einer Einzelperson. Sie wurde langsamer, verfiel in Schritttempo. Ich blieb reglos stehen und tat als hätte ich sie nicht gehört. "Guten Morgen", sprach mich Peter O'Donnell an, "ich hoffe, ich habe dich nicht erschreckt." Ich drehte mich um.
"Guten Morgen, Peter", antwortete ich, "nein, hast du nicht. Ich hatte dich schon gehört." Er ging zu den Steinen und fuhr mit der Hand darüber. "Ich komme oft hierher. Dieser Ort hat etwas Friedliches. Hier kann man zur Ruhe kommen. Besonders vor Prüfungen. Hier kann ich meine Gedanken sammeln und innere Stärke finden." Ich nickte zustimmend. "Das liegt an der Anordnung der Steine", erklärte ich, "diese Lichtung ist einer alten keltischen Kultstätte nachempfunden. Die Druiden haben ihre Kultplätze nach bestimmten Regeln ausgesucht und die Steine in einem bestimmten Muster platziert. Dadurch wurde eine Art Kraftfeld aufgebaut. - Das ist es, was du spürst."
"Ich dachte, das ist alles nur Humbug", antwortete er erstaunt. "Nein, nein", schüttelte ich energisch den Kopf, "du bist doch irischer Abstammung. Haben deine Eltern dir nicht die alten Legenden erzählt? Durch mein Studium kann ich sagen, dass einige wahre Körnchen in ihnen verpackt sind. Allerdings muss man sich in das Druidentum eindenken. Nimm die alten Riten Imbolc, Beltaine, Samhuin und Lugnasadh. Sie folgen einem bestimmten Rhythmus im Jahr. An diesen Tagen ist die sogenannte magische Spannung hoch. Selbst du hast sie gespürt, ohne es zu wissen. Aber jetzt sollten wir unseren Lauf fortsetzen, sonst kommen wir nicht mehr rechtzeitig zum Frühstück."
Wir setzten uns in Bewegung. Während des Laufes erklärte ich ihm einige Aspekte des Druidentums. Er war interessiert daran, da er als Biologe eigentlich alles aus einer wissenschaftlicheren Sicht sah. Ich stellte fest, dass er kein Gälisch sprach. Seine Eltern hätten keinen Sinn darin gesehen, ihm Gälisch beizubringen. Ein unauffälliger Blick auf mein Amulett sagte mir, dass er die Wahrheit sprach.
Im Laufe des Tages streifte ich durch Willfour Manor. Ich fand beinahe alles unverändert vor. Im Stall standen jetzt mehr Pferde als früher. Damals hatten wir vier Pferde gehabt. Jetzt waren ein paar neue dazugekommen. Mein altes Pferd stand noch da. Ich trat an seine Box. Ganz leise rief ich es auf Sindarin. "Ruby, tolo na nin - komm zu mir." Es hörte meinen Ruf und kam an den Rand der Box. Ich hätte nie gedacht, dass es sich daran erinnern könnte. Ewan und ich hatten nämlich unsere Pferde in Sindarin angesprochen. Es schnaubte und legte seine weiche Schnauze in meine Handfläche. Seine Augen schauten mich an. Ich spürte, dass er mich erkannt hatte.
"Mich zieht es auch immer zu den Pferden", sprach mich jemand an. Als ich mich umdrehte, erkannte ich Andrew McGuire. "Pferde haben etwas friedvolles an sich. Als ob sie dich verstehen würden", sagte er träumerisch, "Ruby ist mein Lieblingspferd hier. Ich kann mir kein eigenes leisten, deshalb bin ich ganz froh, dass wir hier die Pferde unentgeltlich reiten dürfen."
Sachte strich er Ruby über den Kopf. Es schnaubte ganz leise. Damit machte er mich ein wenig eifersüchtig. Aber ich verzog keine Mine. Ich hatte mich schon genug verraten, dadurch das ich Ruby auf Sindarin angesprochen hatte. Weitere Fehler durfte ich mir nicht leisten. Ich überlegte kurz, ob ich das Lied des Vergessens singen sollte, aber verwarf die Idee wieder. Er würde es wahrscheinlich sowieso vergessen oder denken, ich hätte Gälisch gesprochen.
Das Semester fing ganz normal an, wie jedes andere. Gemeinsam mit den anderen verließ ich Willfour Manor um zur ersten Vorlesung zu gelangen. Mein Herz klopfte heftig. Unruhe breitete sich in mir aus. Unauffällig blickte ich mich ständig um. Die Augen wanderten hierhin und dorthin. Viel hatte sich nicht verändert. Unter den Studenten entdeckte ich keine alten Bekannten. Ich erkannte jedoch etliche Dozenten. Einige von ihnen waren oft Gast in unserem Haus gewesen. In einer ruhigen Ecke richtete ich ein kurzes Stoßgebet an die Götter. Dann betrat ich den Vorlesungssaal. Ich wählte einen Platz weit hinten, so dass ich nicht direkt im Blickfeld des Dozenten saß. Allmählich fiel die Spannung von mir ab. Als die Vorlesung schließlich begann, war mir, als wäre die Zeit stehen geblieben. Das altehrwürdige Gemäuer der Universität hatte mich freundlich aufgenommen.
Nach ein paar Tagen hatte ich mich wieder an den Rhythmus gewöhnt. Ich versuchte mich so unauffällig wie möglich zu benehmen. Doch einer der Professoren besaß ein scharfes Auge. Ich hatte bereits damals Vorlesungen bei ihm besucht. Dabei hatte ich mir etliche Streitgespräche mit ihm geliefert. Er hatte früher ein gutes Verhältnis zu meinem Vater gehabt und war gleichfalls Mitglied der Tolkien-Gesellschaft. Allerdings konnte Professor Lajinski kein Sindarin. Er hatte sich auf die Zwergensprache Khuzdul und ihre Rekonstruktion spezialisiert.
Früher hatte ich oft mit ihm über das Verhältnis zwischen Elben und Zwergen in Tolkiens Werken diskutiert. Ich erinnerte mich mit Freude an die häufigen Besuche des Professors in unserem Haus. Heute versuchte ich ihm allerdings aus dem Weg zu gehen. Durch Anordil hatte ich ein wenig die Zwergensprache Khuzdul gelernt. Jetzt konnte ich zumindest die Flüche, die der Professor von sich ließ, verstehen. Er hatte sich bereits früher daraus einen Spaß gemacht, die Studenten damit zu ärgern, dass er kurze Brocken der Zwergensprache verwendete. Jetzt rangen sie mir ein Schmunzeln ab, wenn ich in der Vorlesung saß und er mal wieder einen kurzen Zwergenfluch losließ, den kein Mensch, außer mir, in diesem Raum verstand.
Einmal zitierte er mich nach der Vorlesung nach vorne. Während der Saal sich leerte, schwieg er und ordnete seine Papiere. Erst als keiner mehr da war, sprach er mich an. "O'Neill, sie haben heute wieder mal geschmunzelt, als ich unverständliches Zeug gemurmelt habe. Das verdirbt mir den ganzen Spaß", sagte er und sah mich streng an, "ich hatte vor Jahren mal eine Studentin, die mir ebenfalls viele Magenschmerzen bereitet hatte. Sie hieß Arwen McGregor. Sie sehen ihr übrigens sehr ähnlich. - Was haben sie dazu zu sagen?"
Herausfordernd blickte er mich an. Ich hielt seinem Blick ohne Gefühlsregung stand. "Den Namen kenne ich nicht, Herr Professor. Aber gab es nicht hier einen Professor, der McGregor hieß?", fragte ich beherrscht zurück, "ich erinnere mich den Namen im Jahrbuch gesehen zu haben." Trauer huschte über sein Gesicht. "Ja, den gab es hier", nickte er traurig, "er war ein wunderbarer Mann mit einer schönen, temperamentvollen Frau und zwei wohlgeratenen Kindern. Wie gesagt, sie sehen seiner Tochter Arwen ähnlich. Wenn man mir nicht gesagt hätte, dass alle vier tot sind, würde ich sagen, Arwen stände vor mir."
Erwartungsvoll sah er mich an. Ich konnte ihm nicht die Wahrheit sagen. Es hätte mich und ihn gefährdet. "Tut mir leid, Professor", sagte ich mit fester Stimme und legte ein wenig Magie hinein, "sie irren sich. Ich bin nicht Arwen. Vielleicht gibt es ja in ihren Augen eine Ähnlichkeit, aber mir ist der Name vollkommen unbekannt." Er sah mich prüfend an. Ich spürte, dass er mir nicht ganz glaubte. "Schade", sagte er, "ich konnte mich so herrlich mit ihr streiten. Sie wird von vielen Leuten vermisst. Und ihre Familie ebenfalls." Damit drehte er sich um und ging hinaus. Ich hatte es nur meiner mittlerweile guten Selbstbeherrschung zu verdanken, dass ich nicht sentimental wurde.
Ich schaute mich rasch um, niemand hatte unseren Wortwechsel bemerkt. Dann nahm ich meine Sachen. Draußen wartete Marc auf mich. Wir hatten diese Vorlesung gemeinsam. "Was wollte der alte Lajinski von dir?", fragte er neugierig. "Nichts wichtiges", sagte ich, "er kritisierte nur eine meiner Hausarbeiten." Marc nickte mitleidig. Von Professor Lajinski kritisiert zu werden, war nichts Schönes. "Kommst du mit nach Haus?", fragte er mich, "heute laufen ja keine Vorlesungen mehr." Ich schüttelte den Kopf. "Tut mir leid", sagte ich entschuldigend, "ich muss in die Bibliothek zwecks einer Recherche. Wir sehen uns beim Abendessen."
Damit wandte ich mich ab und verschwand Richtung Bibliothek. Als ich mich kurz umschaute, bemerkte ich, dass Marc mir nachdenklich hinterher sah. Hatte er möglicherweise, ohne Absicht, einen Teil des Gespräches mit Professor Lajinski mitbekommen? Ich hoffte, dass er in diesem Fall nicht beschloss, seinerseits ein wenig zu recherchieren, was die Person von Arwen McGregor anbelangte. Er konnte ja nicht wissen, was er damit möglicherweise auf den Plan rufen würde. Ich beschloss, ihn ein wenig im Auge zu behalten.
Unterdessen war ich in der Bibliothek angekommen. Es war eine der größten Universitätsbibliotheken der Welt. Von hier aus hatte man sogar weltweiten Internetzugang zu anderen Universitäten. Ich versuchte jetzt seit Wochen mein Glück in den alten Folianten der Abteilungen Keltologie und alte Sprachen. Für meine Rückkehr musste ich den Spruch des Torsteins entschlüsseln. Warum musste er nur so anders sein, als derjenige, den Luvalaes fand? Denn nur wenn ich wusste, wie er zu lesen war, hatte ich die Chance zurückzukehren. Ich hoffte, dass Anordil seinerseits eine Möglichkeit suchte, mich nach Mittelerde zurückzuholen. Aber auch an diesem Tag hatte ich kein Glück.
Gegen späten Nachmittag kehrte ich nach Willfour Manor zurück. Es war relativ ruhig im Haus. Hinter einigen Türen dudelte Musik. Es vermischte sich alles zu einer chaotischen Geräuschkulisse. Lautlos ging ich auf mein Zimmer. Dort machte ich zuerst meine Hausaufgaben. Danach widmete ich mich meiner Freizeitbeschäftigung. Ich putzte meine Waffen und machte mit Schwert, Dolch und Kampfstab leise meine Übungen. Den Kampfstab hatte ich mir in Shancahir besorgt. Schließlich musste ich auch mit diesem in Form bleiben. Erhitzt sprintete ich hinterher unter die Dusche. Das war eines der wenigen Dinge, die ich in Mittelerde vermisst hatte. Aber dort gab es Flüsse und Teiche, in denen man sich ebenso gut erfrischen konnte. Damit ich nicht verweichlichte, beendete ich die Dusche mit einem kalten Guss. Nachdem ich frische Kleidung übergestreift hatte, ging ich hinunter.
Es war noch nicht Abendbrotzeit, aber ich wollte sowieso zuerst ins Musikzimmer. Dort hing eine alte Laute an der Wand. Ich war neugierig, ob sie spielen würde. Früher hatte ich sie nie beachtet. Aber seit ich bei den Elben Lautespielen gelernt hatte, war ich begierig diese Fähigkeit zu vertiefen. Leise schlich ich mich in den Raum. Es war niemand anwesend. Ich nahm die Laute von der Wand und schlug die Saiten an. Ein disharmonischer Klang schwang mir entgegen. Ich verzog das Gesicht. Rasch stimmte ich die Laute einmal durch. Dann schlug ich die Saiten wieder an. Und siehe da, diese alte Laute besaß eine wunderschöne harmonische Stimmung. Ich spielte eine elbische Weise. Danach zwei gälische Tänze. Leiser Beifall erklang nach dem letzten Ton.
Verwirrt schaute ich mich um. Ich erblickte Marc, Patrice und Steve in der Tür. Die drei waren diese Woche dran mit Küchendienst. Anscheinend waren sie durch mein Spiel hierher gelockt worden. "Das war ja wunderschön", sagte Patrice bewundernd, "ich wusste gar nicht, dass man dieses alte Instrument überhaupt benutzen kann." "Spiel doch nach dem Abendessen ein bisschen", bat Steve, "ich habe eine Gitarre dabei, vielleicht können wir ja zusammen spielen." Patrice nickte heftig. "Ich würde gerne mit meiner Geige dazukommen", sagte sie zögerlich. "Okay", stimmte ich zu, "spielen wir nach dem Abendessen hier im Musikzimmer ein wenig." Vor dem Essen huschte ich kurz in mein Zimmer und nahm meine silberne Flöte mit. Sie war ein Geschenk Anordils gewesen. Er hatte mir erzählt, dass dieses Instrument magische Kräfte besäße, welche die Wirkungsweise der magischen Lieder vervielfachen würde. Bisher hatte ich allerdings nur normale Lieder darauf gespielt. Die magischen Melodien verwendete ich sowieso nur selten.
Ich brannte darauf wieder einmal mit anderen Musikern zu spielen. Mir war allerdings klar, dass ich nicht soviel erwarten konnte, wie von elbischen Musikern. Mit denen zu spielen war für mich eine wahre Herausforderung gewesen. Nach dem Essen gingen wir ins Musikzimmer. Wir spielten erst jeder ein kleines Stück solo. Patrice spielte einen ungarischen Tanz. Steve spielte eine Sevillana. Ich spielte eine gälische Ballade. Ich musste hinterher den Inhalt übersetzen. Keiner meiner Mitbewohner sprach oder verstand Gälisch. So konnte ich unbemerkt einige elbische Lieder in mein Repertoire einfügen. Danach spielten wir einige Stücke zusammen. Die übrigen Mitbewohner genossen den kostenlosen Konzertabend. Zum Schluss baten sie mich ein Stück auf der Flöte zu spielen. Ich entschied mich für ein fröhliches elbisches Lied. Es war Anordils Lieblingsstück.
Als ich später auf meinem Zimmer war, konnte ich nicht schlafen. Ich hörte, wie um mich herum das Haus in Schlaf versank, aber ich war zu aufgewühlt. Ich dachte an Anordil. Ich sehnte mich nach ihm. Sein letzter Kuss brannte immer noch auf meinen Lippen. Nie werde ich seinen verzweifelten Schrei vergessen, als ich von diesem Lichtblitz getroffen wurde. Ich hoffte inständig, dass er lebte. Schließlich wusste ich, dass Elben nicht nur durch Kampfverletzungen, sondern auch an gebrochenem Herzen sterben konnten. Lautlos glitt ich unter der Decke hervor und schlüpfte rasch in meine elbischen Reisekleider. Ich schnallte den Dolch um. Dann huschte ich lautlos zur Haustüre hinaus nach draußen. Die Luft war kühl. Die Sterne waren zu sehen. Sie schimmerten blass, da die nahe Stadt den Nachthimmel in ein dämmeriges Licht tauchte.
Ich lief ohne ein Geräusch zu verursachen durch den Wald zu der Lichtung, die einer keltischen Kultstätte nachempfunden war. In der Mitte der Kultstätte stand ein Felsbrocken wie ein Altar. Dort sprach ich einen kleinen Zauberspruch. Augenblicklich flammte ein magisches Feuer auf. Es brannte kalt und blau in der Dunkelheit. Im Schein des Feuers sprach ich einige Gebete. Ich bat die Große Mutter um ihre Gnade. Ich nahm meinen Dolch und opferte ein wenig von meinem Blut.
‚Was ist dein Begehr?', raunten die Zweige. "Oh, Große Mutter. Bitte erlaube mir ein Zeichen an meinen Gefährten zu schicken, dass ich am Leben bin", bat ich sie. Einige Minuten lang hörte ich nur das Rauschen der Blätter über mir. Die Zeit schien stillzustehen. ‚Ich gewähre dir eine Minute in einem Traum', hörte ich es Wispern. Eine Minute war nicht viel, aber alles was ich bekommen konnte. "Ich danke dir für deine Güte und Gnade", sagte ich mit leiser Stimme. Ich erblickte in der Flamme vor mir plötzlich ein Bild.
Ich sah meine Kampfgefährten am Boden um ein Feuer liegen und schlafen. Anordil lag ein wenig abseits. Erleichtert atmete ich auf. Zwei Wachen konnte ich ausmachen. ‚Deine Zeit läuft', mahnte mich eine Stimme. Ich konzentrierte mich. – ‚Anordil', riefen meine Gedanken, ‚sieh her, ich lebe und bin gesund. Bitte, gib mich nicht auf! Ich versuche einen Weg zu dir zu finden, aber ich kann den Torstein nicht lesen. Ich bin wieder in meiner Welt gelandet. Knapp fünf Sonnenläufe sind seit meinem Verschwinden hier vergangen. Beim nächsten Imbolc-Fest werde ich versuchen ein Tor zu öffnen. Ich hoffe, dass ich bis dahin die Formel entschlüsselt habe. Gen milin - ich liebe dich ...' - Unvermittelt wurde die Flamme plötzlich hell und verlosch. Ich wusste nicht, ob ich Erfolg gehabt hatte. Ich konnte es nur hoffen. Völlig erschöpft begab ich mich wieder ins Haus und schlich auf mein Zimmer.
In den nächsten Wochen versuchte ich immer wieder mein Glück in der Bibliothek. In den Vorlesungen von Professor Lajinski hütete ich mich jetzt eine Gefühlsregung zu zeigen, wenn er wieder einmal auf Khuzdul fluchte. Mit meinen Mitbewohnern kam ich ganz gut zurecht. Sie ließen mich in Ruhe und das war in Ordnung so.
Ich erledigte meine Verpflichtungen gemäß der Hausordnung und versuchte allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Dies gelang leider nicht immer so, wie ich es wollte. Vor allem der Küchendienst war mir verhasst. Kochen war nie meine Stärke gewesen. Marc war dagegen ein guter Koch. Ich mochte ihn ganz gerne. Es schien, als würde er ein guter Freund werden.
Ich hatte einmal mit ihm und Lilly zusammen Küchendienst. Marc verteilte die Aufgaben. Ich sollte Kartoffeln schälen, eine Arbeit, die ich nicht besonders mochte. Lilly sollte das Gemüse putzen. "Kannst du mir mal das Gemüsemesser geben?", fragte Lilly gereizt. Da die Küche besonders groß war, stand sie am anderen Ende. Ich langte in den Messerblock und zog das entsprechende Messer heraus. Ich wog es in der Hand. Zu meinem Erstaunen war es perfekt ausbalanciert. Daher hatte ich keine Lust, es hinüber zu tragen, sondern warf es zu Lillys Überraschung. Zitternd blieb es im Schneidblock stecken. Lilly war kreidebleich geworden. "Bist du irre?", japste sie nach Luft, "du hättest mich umbringen können!"
Marc schmunzelte verhalten und meinte trocken: "Dann hätte sie anders gezielt, Lilly. Mache jetzt den Mund zu und fang an zu schälen." Er hatte meine Fähigkeiten genau eingeschätzt. Manchmal war er mir nämlich in den frühen Morgenstunden begegnet, wenn ich draußen an der Kultstätte meine Waffenfertigkeiten übte. Ab und zu hatte er mir eine Weile Gesellschaft geleistet und fasziniert zugeschaut.
Entsetzt schaute sie Marc mit ihren strahlendgrünen Augen an. "So hast du nie geredet. Was ist los mit dir?", fragte sie entrüstet und strich sich eine rote Haarlocke aus dem Gesicht, "seit sie da ist, hast du dich schwer verändert." "Ja", antwortete er ernst, "ich habe mich verändert. Aber nicht erst seit Anna da ist. Und ich laufe nicht mehr blauäugig durch die Gegend. Nun tue mir den Gefallen und verrichte deinen Dienst oder geh und suche dir eine andere Dienstgruppe."
Beleidigt sah sie ihn an. In ihrem Gesicht erschienen rote Flecken von Wut. Sie war Marc eine Zeitlang hinterher gelaufen. Sie hatte versucht ihn zu umgarnen. Aber er hatte nie etwas von ihr gewollt. Das schien sie arg gekränkt zu haben, weil sie bisher immer jeden Mann bekommen hatte, den sie wollte. Diese Niederlage war schwer für sie zu verkraften. Diesmal hatte er sie tief getroffen. Ich vermutete, dass sie wieder einen Annäherungsversuch gemacht hatte. Hasserfüllt starrte sie mich an. Wortlos verließ sie die Küche. Zwei Tage später war sie gänzlich verschwunden. Sie hatte eine andere Wohnmöglichkeit gefunden.
to be continued ...
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