Wochen gingen vorbei. Mein altes Leben hatte mich wieder. Bei all der Normalität meines jetzigen Daseins vergaß ich beinahe, warum ich in Oxford weilte. Manchmal erschien mir alles, was mir widerfahren war, wie ein Traum. Doch Anordils Ring und das Amulett gaben mir den Beweis, dass ich nichts von alledem geträumt hatte.
An stillen Abenden und in den Nächten floh ich zurück nach Mittelerde. Ich begann damit, den "Herrn der Ringe" zum wiederholten Male zu lesen. Begierig sog ich die Bilder in mich hinein. Die geschriebenen Worte weckten die Erinnerung in mir. Ich sah das Auenland vor mir liegen. Bree und das ‚Tänzelnde Pony'. Die friedliche Entrücktheit von Imladris. Das Nebelgebirge in seiner kalten Schönheit. Die Präsenz des Bösen im schwarzen See vor den Toren Morias. Aber noch bedrückender war es für mich, dass ich bestimmten Personen nun wirkliche Gesichter zuordnen konnte. Gesichter, die sich unauslöschlich in meinem Gedächtnis befanden. Legolas, Elrond, Arwen Undómiel, Bilbo Beutlin und Aragorn.
Dies machte den Verlust nur noch unerträglicher. Es tat mir weh, an all jenes zu denken, was ich zurückgelassen hatte. Unendlich war der Schmerz, wenn ich an Anordil dachte. Ich wusste, dass er lebte. Die Große Mutter hatte mir vor kurzem eine kurze Botschaft an ihn in einem Traum gewährt. Danach blieb nur eine große Leere in mir. Sehnsucht. Wie sehnte ich mich nach ihm! Sein Kuss. Sein Atem auf meiner Haut. Sein Geruch nach Wald und Moos. Ich schloss die Augen und lehnte mich zurück. Minutenlang verharrte ich. Gab mich meiner Erinnerung hin. Aufseufzend wandte ich mich schließlich wieder meiner Lektüre zu.
Ich saß in der Bibliothek. Die Nacht war bereits hereingebrochen. Frodo und Sam betraten den Pfad, wo Kankra auf sie lauerte. Spannung stieg auf. Ich wusste, wie groß diese Spinnen werden konnten, denn ich hatte ihnen bereits gegenüber gestanden. Angeblich soll Kankra die größte unter ihnen sein. Groß, alt und äußerst böse. Ich verschlang jeden Buchstaben. Gollum verschwand. Frodo und Sam waren allein in der Dunkelheit. Zum Glück fiel Frodo das Geschenk Galadriels ein – Ëarendils Licht.
‚... that walked in the darkness had heard the Elves cry that cry far back in the deeps of time, and she had not heeded it, and it did not daunt her now. Even as Frodo spoke he felt a great malice bent upon him, and a deadly regard considering him. Not far down the tunnel, between them and the opening where they had reeled and stumbled, he was aware of eyes growing visible, two great clusters of many-windowed eyes – the coming menace was unmasked at last. The radiances of the star-glass was broken and thrown back from their thousand facets, but behind the glitter a pale deadly fire began ...'
"Hier bist du", hörte ich Marcs Stimme. Überrascht blickte ich auf. Ich hatte ihn nicht bemerkt, so sehr hatte mich das geschriebene Wort gefesselt. "Hallo Marc", erwiderte ich, "ich wollte nur ein bisschen lesen, bevor ich mich zur Ruhe begebe." Interessiert musterte er den dicken Wälzer in meiner Hand. "So, ‚Der Herr der Ringe'", grinste er mich an, "bist du auch diesem Fieber verfallen?" "Schon immer", antwortete ich lachend, "ich muss es stets aufs Neue lesen." Tadeln sah er mich an. "So was liest man doch nicht mehr", entgegnete er trocken, "seit es die Filme gibt, kann man diese Geschichte doch bequem im Kino oder über DVD sehen."
Erstaunen lag in meinem Blick. "Kino?", fragte ich spontan. "Sag' bloß, du kennst kein Kino", kam die überraschte Gegenfrage. "Doch, doch", verbesserte ich mich rasch, "ich war nur etwas verwirrt. – Ich habe die Filme leider aus Zeitgründen nicht alle sehen können." Ich hoffte, er schluckte diese plumpe Ausrede. "Alle paar Monate gibt es eine lange ‚Herr der Ringe'-Filmnacht hier im Kino", sagte er, "wenn du willst, können wir zusammen hingehen." Erwartungsvoll sah er mich an. "Ja, gerne", erwiderte ich überrascht, "ich würde mich freuen."
Und so kam es, dass ich zwei Wochen später mit Marc ins Kino ging und in einer äußerst langen Nacht nach Mittelerde entführt wurde. Wenigstens in Gedanken. Dieser Regisseur hatte es verstanden Mittelerde wunderbar einzufangen. So gut, als hätte er es mit eigenen Augen gesehen. War er am Ende einer dieser verlorenen Seelen, von denen Anordil mir berichtet hatte? Krieger, die in der Schlacht bei Dagorlad ihr Leben ließen, jedoch nicht den Weg in Mandos Hallen fanden? Die durch Tore, ähnlich dem, durch das ich ging, aus Mittelerde hinaus geschleudert wurden?
Auf alle Fälle verstärkte dieser Kinobesuch meine Sehnsucht nach Mittelerde zurückzukehren. Mit neuem Schwung begab ich mich an die Entschlüsselung der vertrackten Runenschrift auf dem Torstein. Doch es war wie verhext. Alle meine Bemühungen verliefen im Sande. Mehr als einmal stieß ich einen leisen Fluch aus. Mehr als einmal verfluchte ich diesen Magier, der sich mit den Orks verbündet hatte. Sollte ich diesen jemals in die Finger bekommen ...
Einige Zeit später bemerkte ich, dass sich auf dem Campus ein Kirchenmann aufhielt und Fragen stellte. Um ein Haar wäre ich ihm in die Fänge gelaufen. Ich verließ den Vorlesungssaal von Professor Lajinski, als ich ihn am anderen Ende des Ganges sah. Er hatte ein Bild in der Hand, das er den Studenten zeigte. Ein Blick auf mein Amulett signalisierte mir augenblicklich Gefahr. Es glomm blutrot. Rasch drückte ich mich in eine Nische. Marc sah mich irritiert an. "Was ist los?", fragte er. "Stell jetzt bitte keine Fragen", antwortete ich hastig, "ich muss unauffällig verschwinden." Wortlos hielt er die Tür auf. Ich huschte in den Vorlesungssaal zurück. Er folgte mir. Es gab noch andere Türen als diese.
Vorsichtig öffnete ich eine und lugte heraus. Dieser Flur war leer. Ich wandte mich an Marc. "Du solltest die Vordertür benutzen", wies ich ihn an, "man weiß, wie viele Studenten hier drin waren. Einer fällt nicht auf, wenn er fehlt. Aber zwei schon. Warte zwei Minuten und dann geh. Wir sehen uns in Willfour Manor." Er sah mich irritiert an. "Wer sind ‚man'?", fragte er mich. "Das willst du nicht wissen. Auf alle Fälle sind die gefährlich. Sei auf der Hut", antwortete ich ihm und huschte durch die Tür. Ich lief über den Flur und verschwand hinter einer Tapetentür. Es konnte manchmal von Vorteil sein, wenn der Vater Professor an einer renommierten Universität gewesen war. Ohne jemandem zu begegnen konnte ich das Campusgelände verlassen. Das ging allerdings nur auf ungewöhnlichen Wegen.
Ich machte mich sofort nach Willfour Manor auf. Dabei achtete ich darauf, ob mir jemand folgte. Das Amulett war jedoch erloschen, als ich den Campus verließ. Im Haus angekommen, inspizierte ich erst einmal mein Zimmer. Aber ich fand keine unangenehmen Überraschungen. Allerdings platzierte ich meine Waffen jetzt in direkte Griffnähe.
Die Tür öffnete sich und mein Kurzschwert schnellte aus der Scheide. "Wow, jetzt bleib ruhig!", hörte ich Marcs Stimme, bevor ich ihn sah. Meine Klinge war nur Millimeter von seinem Hals entfernt. Mit einem raschen Blick überzeugte ich mich, dass er allein war. "Jetzt will ich aber eine Erklärung für dieses komische Verhalten und was die Jungs von dir wollen", forderte er mich auf, "ich bin nämlich von so einem schrägen Typen mit einem unglaublichen Dialekt angehalten worden. Der hielt mir ein Foto unter die Nase und fragte mich, ob ich die Frau kennen würde. - Du wirst lachen. Das Bild sah dir ähnlich. Vielleicht ein wenig fülliger, aber ansonsten hätte ich schwören können, dass du das warst." Ich sah ihn erwartungsvoll an. "Nein, ich habe denen nichts gesagt. Ich möchte aber jetzt von dir eine Antwort haben. – Was hast du ausgefressen, dass du von der Polizei gesucht wirst?" "Das war nicht die Polizei", entgegnete ich trocken, "oder hat er dir seinen Dienstausweis gezeigt?"
"Nein", erwiderte er verblüfft, "das ich daran nicht gedacht habe? – Zu wem gehörte der dann? Scotland Yard?" "Schlimmer", meine Stimme klang eisig. Schweigen herrschte für Sekunden zwischen uns. Ich ging zum Fenster. Aufmerksam glitt mein Blick über das Gelände, was ich einsehen konnte. Ruhig wiegten sich die Bäume im Wind. Marc räusperte sich kurz. "Hast du dir den Typen genauer angeschaut", fragte ich ihn ruhig, "ich meine, fiel dir an seinem Kragen was auf?" Lässig schob ich das Schwert zurück in die Scheide und drehte mich zu ihm um.
Marc war Student der Geschichte mit Schwerpunkt auf den alten Römern. Ihm sollte es zumindest auffallen. Er überlegte angestrengt. Danach sagte er: "Er trug ein altes vatikanisches Symbol. – Warum flüchtest du vor einem Vatikansangehörigen?" Ich hatte die ganze Zeit mein Amulett beobachtet. Es schimmerte grün. Marc war vertrauenswürdig. "Das ist eine lange Geschichte, die ich ein andermal erzähle", antwortete ich ihm und bedeutete ihm Platz zu nehmen, "hier kommt zumindest die Kurzfassung." Ich schwieg für ein paar Minuten und sah aus dem Fenster hinaus.
Das Blattwerk der Bäume bewegte sich sacht. Von Oxford konnte man leise die Glocken zum Nachmittagsgebet hören. Wie oft hatte ich sie damals gehört? Tief atmete ich durch. "Ich bin Arwen McGregor. Mein Vater war Sean McGregor, Professor für mittelalterliche Geschichte hier in Oxford und ehemaliger Besitzer dieses Hauses", sagte ich mit fester Stimme, "er hatte Beweise in der Hand, die den Untergang der Kirche bedeuten würde. Deshalb mussten er, meine Mutter und mein Bruder sterben. Ich sah, wie sie ermordet wurden. Durch Zufall konnte ich fliehen. Meine Leiche hat man nie gefunden. Ich bin zwar für tot erklärt worden, aber die Kirche sucht nach mir. Und zwar mit Leuten aus der Kongregation für die Glaubenslehre. Ich soll ihnen die Beweise meines Vaters aushändigen." Marc sah mich irritiert an. "Kongregation für die Glaubenslehre?", fragte er ungläubig.
Ich blickte ihn kurz musternd an. Ein bitteres Lächeln umspielte meine Lippen. "Früher trug diese Institution den Namen ‚Heiliges Officium'", antwortete ich gedehnt, "und ganz früher nannte man dies schlicht und ergreifend die Inquisition. Das ist auch die eigentliche Bedeutung dieses Symboles, was du gesehen hast. Es steht nicht für den Vatikan." Er sah mich leicht geschockt an. "Die Inquisition?", sprach er ungläubig, "du machst Witze! Die existiert doch gar nicht mehr!" "Sie existiert genauso, wie es Killer im Dienste des Vatikans gibt", antwortete ich mit einem schalen Geschmack im Mund, "totgeschwiegen und nur wenigen bekannt."
Marc schwieg. Unruhig ging er auf und ab. Es war offensichtlich, dass er Schwierigkeiten hatte, das Gehörte zu verarbeiten. "Du behauptest also allen Ernstes, dass es die Inquisition im einundzwanzigsten Jahrhundert gibt und das sie dich töten wollen?", fragte er mich. "Ja", entgegnete ich fest, "ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist."
Minuten vergingen. Zogen dahin. Marc rührte sich nicht von der Stelle. Plötzlich ging ein Ruck durch ihn hindurch. Entschlossen sah er mich an. "Wie kann ich dir helfen?", fragte er mich einfach. Er stellte nichts in Frage. Er schien ein wahrer Freund zu sein. Ich nickte dankend. "In dem du die nächsten Tage zur Uni gehst und die Kerle beobachtest. Aber begib dich nicht in Gefahr. Diese Männer sind äußerst gefährlich. Sobald sie bemerken, dass du Bescheid weißt, werden sie dich unweigerlich töten." "Ich werde aufpassen", erwiderte er mit rauer Stimme, "schließlich habe ich vor noch eine Weile zu leben."
Es dauerte nur zwei Tage, bis Marc mich anrief. "Sie sind auf dem Weg nach Willfour Manor", sagte er, "soweit ich gesehen habe, zwei Mann." "Danke, Marc. Ich werde sie gebührend empfangen." Ich packte meine Waffen und rüstete mich auf. Dann verließ ich das Haus. Ich kletterte auf einen der Bäume am Waldrand. Von dort hatte ich einen ausgezeichneten Ausblick auf die Eingangstür. Es dauerte nicht lange, bis ein schwarzer Bentley vorfuhr und hielt. Zwei Männer in dunklen Anzügen stiegen aus. Sie hielten sich für besonders cool. Beide trugen Sonnenbrillen und benahmen sich wie James Bond persönlich. Das rang mir nur ein kaltes Lächeln ab.
Patrice öffnete den beiden die Tür. Sie unterhielten sich. Ich sah, wie Patrice den Kopf schüttelte und in Richtung Wald deutete. Die beiden Männer kamen auf den Wald zu. Patrice schaute ihnen kurz hinterher, schüttelte mit dem Kopf und ging wieder ins Haus. Nun denn, dachte ich grimmig, eröffnen wir die Jagdsaison. "McGregor", rief der eine, als sie den Wald erreichten, "wir wissen, dass du da bist. Komm raus." Der Dialekt war fürchterlich. Ich ließ sie ein wenig näher kommen.
Dann schoss ich einen Pfeil zur Warnung ab. Er bohrte sich dem Sprecher direkt vor die Füße. "Meinst du mit diesen vorsintflutlichen Dingern könntest du uns abschrecken?", höhnte er. Allerdings war er doch weiß um die Nase geworden. Ich sprang vom Baum herunter und trat dahinter hervor. "Was wollt Ihr von mir?", sagte ich mit fester Stimme. "Du weißt genau, was wir wollen", antwortete der andere, "wenn du es uns gibst, werden wir dich in Ruhe lassen." "Genau wie meine Familie zur Ruhe legen, wolltet Ihr sagen?", konterte ich scharf, "dies ist mein Wald und mein Revier. Lasst mich in Frieden und Ihr werdet leben." Der eine lachte schallend. "Du willst uns drohen?", fragte er gefährlich kalt, "kleines verwöhntes Professorentöchterchen. Was willst du denn gegen uns ausrichten?" Damit lief er auf mich zu. Ich verschwand im Wald.
Lautlos lief ich durch das Unterholz. An der Kultstätte legte ich Pfeile und Bogen ab. Ich würde sie jetzt nicht weiter brauchen. Die beiden Kirchenmänner konnte ich deutlich hören. Sie hatten sich getrennt, um mich in die Zange zu nehmen. Sie verständigten sich mit kurzen Rufen. Zufrieden nickte ich. Es war genau das, was ich bezwecken wollte. Ich lauschte kurz, um festzustellen, wer wo war. Jetzt wandte ich mich nach links. Lautlos näherte ich mich dem einen. Ich sah, wie er hin und her spähte, um eine Spur von mir zu entdecken. Mit Absicht trat ich auf einen Ast. Er reagierte sofort. Er sah mich und kam mit erhobener Pistole auf mich zu. Sie hatte einen Schalldämpfer, demnach wollte man unnötigen Lärm vermeiden. Ich hatte meinen Kampfstab locker in der Hand.
"Ich hab sie!", brüllte er laut und dann mit normaler Stimme, "so jetzt wirst du verraten, wo das Pergament ist." "Welches Pergament?", antwortete ich erstaunt und zog eine Braue hoch, obwohl ich wusste, was er meinte. Ich sah, wie er den Finger krümmte, um den Abzug zu betätigen. In diesem Moment schlug ich blitzschnell mit meinem Kampfstab zu. Die Pistole flog in hohem Bogen davon. Das Handgelenk knackte fürchterlich. Ein gellender Schrei entrann seiner Kehle. Der allerdings abrupt endete, als ich ihm das eine Ende meines Stabes in die Kehle rammte. Mit vor Entsetzen weiten Augen brach er tot vor mir zusammen.
Ich hörte ein Rufen von der anderen Seite. Nummer zwei war ja noch da. Ich schwang mich auf einen Baum. Danach sah ich ihn heran spurten. Er sah seinen Kameraden am Boden liegen. Vorsichtig spähte er nach allen Seiten, als er sich langsam dem reglosen Körper näherte. Er fühlte den Puls und erstarrte in kalter Wut. "Wenn du meinst, du kommst damit durch, McGregor, hast du dich getäuscht", rief er in den Wald. Er lauerte jetzt nach allen Seiten. Er näherte sich meinem Baum. Lautlos zog ich mein Schwert aus der Scheide.
Als er unter mir war, sprang ich. Er wirbelte herum, war aber ein wenig zu langsam. Sein erhobener Arm mit der Pistole kollidierte mit meinem Schwert. Es gab ein recht hässliches Geräusch, als der Unterarm abgetrennt wurde. Ungläubig sah er mich an. "Ein Leben für ein Leben", sagte ich sarkastisch. "Es werden andere kommen", zischte er unter Schmerzen, "man wird dich jagen in der ganzen Welt!" "Und ich werde jeden von euch töten, der in meine Nähe kommt", sagte ich kalt und mein Schwert bohrte sich in seinen Körper. Es hatte sich kein einziger Schuss gelöst.
Aufatmend stand ich da. Ich wischte mein Schwert sauber und steckte es zurück in die Scheide. "Oh, Gott!", hörte ich Marcs Stimme, "was hast du getan?" Ich drehte mich in seine Richtung. Er stand am Rand der kleinen Lichtung. Sein Gesicht war totenbleich. Seine Augen vor Entsetzen geweitet. Anscheinend war er den Männern vom Campus aus gefolgt und hatte mit angesehen, wie ich sie kaltblütig getötet hatte. Als er das viele Blut sah, wurde er noch blasser, bevor er sich hinter einem Baum übergab.
"Du hast sie getötet! Wir müssen die Polizei rufen!", krächzte er leise, nachdem er sich wieder unter Kontrolle hatte. Seine Beine zitterten, genauso wie sein übriger Körper. "Niemand ruft die Polizei", sagte ich bestimmend, "denn niemand außer ihrem Boss im Vatikan wird die beiden vermissen. Jetzt beruhige dich und bleibe hier stehen." Entsetzt starrte er mich an.
Ich nahm die Leiche des Erschlagenen und legte sie auf die andere drauf. Auch die zweite Pistole schmiss ich auf den Haufen. Dann erzeugte ich ein magisches Feuer der besonderen Art. Diese Art des Feuers war der stärkste Zauberspruch, den ich beherrschte. Er war eigentlich zu nichts anderem nütze, als rückstandslos zu brennen. Und zu verbrennen, was in seinem Inneren war. Je größer der Haufen, desto mehr zehrte es an meinen Energien. Stumm sah ich zu, wie die beiden Körper in den magischen Flammen zerschmolzen und schwanden. Ich merkte, wie sich eine gewaltige Erschöpfung in mir breit machte.
Namenloses Grauen stand in Marcs Gesicht geschrieben. Er konnte seinen Blick nicht von den Flammen wenden. Er hatte offensichtlich nie zuvor ein Feuer gesehen, dass mit einer blauen kalten Flamme brannte. Nachdem das Feuer erloschen war, gab es keine Spur mehr von den Kirchenmännern. Einzig ihr Auto war noch da. Darum würde ich mich später kümmern.
Marc stand da, wie zur Salzsäule erstarrt. Ich wies ihn an, mir zum Haus zu folgen. Völlig benommen kam er meinen Worten nach. Ich ahnte, dass er nie zuvor einen Toten gesehen hatte. Geschweige denn direkt zwei tote Killer und deren Entsorgung. Im Haus packte ich ihn ins Musikzimmer. Dann öffnete ich weit die Türen. Willenlos blieb er dort sitzen. Ich holte meine silberne Flöte und fing an zu spielen.
Das Lied des Vergessens tat augenblicklich seine Wirkung. Durch die Flöte wurde es magisch aktiviert. Ich selber hatte dazu keine Kraft mehr. Bei der Beschwörung des Feuers hatte ich bald meine ganze magische Energie aufgebraucht. Aber für die Aktivierung der Flöte reichte der mickrige Rest aus. Ich spielte eine halbe Stunde, bevor ich zum Lied des Schlafes wechselte. Nach einigen Minuten war Marc eingeschlafen. Ich sah in den anderen Zimmern nach und fand Patrice, Neill und Steve schlafend vor. Sie würden ungefähr eine Stunde in diesem Zustand bleiben. Die anderen waren nicht da. Sie würden erst später von der Uni zurückkehren.
Ich zog mich in meinem Zimmer um und schnappte mir die Handschuhe. Leise verließ ich das Haus und stieg in den schwarzen Bentley. Ich fuhr ihn auf die andere Seite von Oxford. In einer einsamen Gasse ließ ich ihn stehen. Ich schloss ihn ab und steckte den Schlüssel ein. Er würde in einem der alten Brunnen von Oxford University seine Ruhestätte finden. Locker lief ich los. Ich machte einen Schwenk über eines der Colleges, wo ich den Schlüssel versenkte und hielt dann auf Willfour Manor zu.
Jetzt würde ich erst einmal wieder für einige Zeit Ruhe vor den Kirchenmännern haben. Aber ich musste auf der Hut sein. Das Zusammentreffen mit denen hatte mir gezeigt, dass sie noch lange keine Ruhe gaben. Sie würden erst aufhören, wenn dieses Pergament in ihrem Besitz und ich tot war. Aber darauf konnten sie lange warten. Ich war jedenfalls wild entschlossen zu überleben.
In den nächsten Tagen beobachtete ich meine Mitbewohner genau. Insbesondere Marc. Mir fiel auf, dass er nachdenklich und schweigsam war. Bisweilen hatte sein Blick etwas Forschendes an sich. Nach einer Woche sprach er mich des Abends an. Wir hatten wieder einmal zusammen Küchendienst. Seit Lillys Weggang bildeten wir zwei eine Dienstgruppe. Beim Küchendienst störte keiner.
"Anna, ich muss dich was fragen", fing er vorsichtig an, um nach einer längeren Pause fortzufahren, "ich hatte vor ein paar Tagen so einen merkwürdigen Traum und ich habe das Gefühl, dass das nicht nur ein Traum war." Interessiert sah ich ihn an. "Nur zu Marc", ermunterte ich ihn, "was willst du mir sagen?" Ich ahnte, was schiefgelaufen war. Er druckste ein paar Minuten herum.
"Ich habe geträumt, da wären Männer auf dem Grundstück und du hättest sie mit deinem Schwert getötet und danach in einer blauen Flamme verbrannt. Wie in den Fantasyfilmen", sagte er vorsichtig, "ich stand daneben, als würde ich es beobachten. Schließlich wärst du mit mir zum Haus gegangen und hättest auf der Flöte gespielt. Danach habe ich mich ganz merkwürdig gefühlt und schläfrig." Ein schneller Blick auf mein Amulett bestätigten mir meine Vermutung. Er sprach die Wahrheit. Er hatte wohl eine natürliche Resistenz gegen das Lied des Vergessens. Ich seufzte kurz auf. "Dann denke doch lieber, dass das alles nur ein Traum war", sagte ich mit leicht beschwörender Stimme. Ich legte ein wenig Magie hinein.
Er sah mich irritiert an. Plötzlich flackerte sein Gedächtnis wieder auf. "Du hast es getan!", hauchte er. Das Küchenmesser entglitt seinen Fingern und fiel laut klappernd auf den Boden. Totenbleich setzte er sich hin. Seine Hände zitterten. Mist, mit meinem dummen Kommentar hatte ich mehr an die Oberfläche geholt, als ich wollte. "Nun denn, Marc", sagte ich freundlich, "wenn du leben willst und eine gute Geschichte hören, so komme heute Nacht zur Druidenlichtung." Emotionslos schälte ich weiter das Gemüse und schnitt das Fleisch.
Marc sah mich völlig fassungslos an. Dann schluckte er nur hart und nickte. "Okay, ich werde da sein", flüsterte er fast tonlos. Schweigend bereiteten wir das Abendessen zu. Nur langsam nahm seine Haut wieder eine normale Färbung an. Er vermied es in meine direkte Nähe zu kommen. Beim Essen war er schweigsam und in sich gekehrt. Sehr früh zog er sich auf sein Zimmer zurück. Auch ich war diesmal früher als sonst auf meinem Zimmer.
Gegen Mitternacht zog ich meine Elbenkleidung an. Rüstete mich mit einem Schwert und dem Dolch. Die Flöte steckte ich in den Gürtel. Lautlos schlich ich aus dem Haus. Wie ein Schatten huschte ich durch die Dunkelheit. Ich schreckte ein paar Mäuse und Kaninchen auf, als ich vorüber lief. An der kleinen Kultstätte, die hier in Willfour Manor nur Druidenlichtung genannt wurde, verrichtete ich ein kurzes Gebet, bevor ich mich in die Schatten zurück zog und wartete. Von Oxford herüber konnte man die leisen Glockenschläge der Kirchtürme hören.
Aus der Richtung des Hauses sah ich den tanzenden Schein einer Taschenlampe. Dann trat eine Gestalt auf die Lichtung. Ich erkannte sie sofort als Marc. Er hatte wahnsinnige Angst. Ich konnte es bis zu mir riechen. "Hier bin ich", sagte er leise in die Dunkelheit. Ich glitt in den Lichtschein der Taschenlampe. "Und hier bin ich", antwortete ich leise. Er zuckte zusammen. "Nicht erschrecken, Marc", sagte ich leise, "ich will dir nichts tun." Er tastete nach den Steinen um sich zu setzen, denn seine Beine gaben nach. "Wer, oder eher, was bist du?", fragte er entsetzt.
Ich schichtete ein wenig Laub zwischen uns auf und setzte mich hin. Nun entzündete ich wieder eine magische Flamme mit der ich das Laub in Brand setzte. Ich sah, wie er sich beherrschen musste und lächelte in mich hinein. "So, nun erzähle ich dir meine Geschichte", fing ich an. Nach einer kleinen Pause fuhr ich fort: "Ich war vor einigen Jahren eine ganz normale Jugendliche, wie du. Ich ging zur Uni und frönte meinen Hobbys. ....."
Erst nach einer halben Stunde war er entspannter. Er schaute nicht mehr so entsetzt. Nach einer weiteren halben Stunde war er interessiert und fragte sogar dazwischen. Und nur eine halbe Stunde später hatte ich ihn überzeugt, dass ich ihn nicht töten würde. In dieser Nacht hatte ich einen guten Freund gefunden. Erleichtert sah er mich am Ende meiner Erzählung an.
"Und ich dachte, du wärst der Teufel in Menschengestalt oder die weibliche Ausgabe von Lord Voldemort", sagte er, jetzt mit einem kleinen Lächeln, "aber es klingt alles plausibel. Und wenn ich es nicht selber gesehen hätte, ich würde es nicht glauben. – Mittelerde. Du warst tatsächlich in Mittelerde?" "Ja", erwiderte ich mit Sehnsucht in der Stimme, "und ich werde alles daran setzen, um wieder zurück zu gelangen." "Darf ich dir helfen, einen Weg zurück zu finden?" "Gerne", entgegnete ich erfreut, "mit den Computern stehe ich nämlich auf Kriegsfuß. Was möchtest du als Gegenleistung?"
Er überlegte kurz. "Erzähle mir von Mittelerde und bringe mir kämpfen bei", antwortete er mir, "ich möchte kämpfen lernen. Vielleicht kann ich dann die alten Römer besser verstehen, wenn ich eine dieser archaischen Waffen beherrsche." Ich lachte ihn leise an. "Wenn es weiter nichts ist", sagte ich, "dabei musst du sowieso den Hauptteil arbeiten. Ich zeige dir nur die Technik. Üben und einschleifen musst du das sowieso selber. Und das Erzählen geht nebenbei." Es dämmerte, als wir wieder ins Haus schlichen. Marc machte dabei für meine Ohren einen gehörigen Lärm.
Und so gab ich ihm Unterricht im Umgang mit dem Schwert und dem Kampfstab. Jeden Morgen, ganz früh, zogen wir uns auf die Druidenlichtung zurück. Mit der Zeit musste ich sogar zugeben, dass er ein talentierter Schüler war. Aus dem schlaksigen Studenten wurde allmählich ein Krieger. Er selber bemerkte ebenfalls die Veränderung, die in ihm und mit ihm vorging. Seine Bewegungen wurden koordinierter. Sein ganzer Bewegungsmodus veränderte sich zusehends. Er lernte es taktisch zu denken. Zwischendurch erzählte ich von Mittelerde. So hielt ich meine Erinnerung lebendig.
Das Semester neigte sich seinem Ende zu. Ich bekam keinen weiteren Besuch von Kirchenmännern. Am letzten Tag des Semesters wurde abends ein wenig gefeiert. Ein wenig trunken begab ich mich zur Ruhe. In der Nacht hatte ich einen Traum. Ich sah Anordil vor einem magischen Feuer sitzen. ‚Arwen, ich versuche einen Weg zu finden. Halte durch. Estelio nin. Gen milin. Hebin thîr lîn mi nguren. - Vertraue mir. Ich liebe dich. Ich bewahre dein Antlitz in meinem Herzen.' Danach erlosch das Feuer. Unendliche Leere breitete sich aus. Schlagartig war ich wach. Dunkelheit umgab mich. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es kurz nach drei Uhr morgens war.
"Es war kein Traum", flüsterte ich, "er hat Kontakt aufgenommen." Rasch erhob ich mich. Lautlos ging ich zum weit geöffneten Fenster. Die nächtliche Brise fuhr durch mein Haar und trug die Geräusche der Nacht zu mir herein. Käuzchen riefen. Ich hörte das hohe Fiepen einer Maus. Leises Rascheln im Gras. Gedämpft drangen die Geräusche der nahen Stadt an mein Ohr. Tief atmete ich die Luft ein. Sie war bei weitem nicht so gut und würzig, wie die Luft Mittelerdes. Erleichterung machte sich in mir breit. Er versuchte einen Weg zu mir zu finden! Mut und Hoffnung keimten in mir auf. Wenn er mich nicht aufgab, dann durfte ich es erst recht nicht! Ich straffte die Schultern und schlüpfte unter die Bettdecke. Beruhigt schloss ich die Augen. "Anordil, milin gen. Aníron nin na gen. – Anordil, ich liebe dich. Ich sehne mich nach dir", wisperte ich, als ich in den Schlaf hinüber glitt.
Am nächsten Morgen fuhr ich Richtung Irland ab. Ich würde die Semesterferien bei Patrick und seiner Familie verbringen. Von hier aus konnte ich weiter versuchen, den Torstein zu entschlüsseln. Bis jetzt war ich nicht allzu weit gelangt. Ich hatte wohl herausgefunden, dass er wohl wirklich einzigartig auf der Welt war. Aber das half mir nicht weiter. Die Zeit rannte mir davon. Ich hatte jetzt nur einige Monate, bis zum nächsten Imbolc-Fest.
Ich war froh, Patrick und seine Familie zu sehen. Sie holten mich am Bahnhof von Glendalough ab. Später beim Essen, erzählte ich über das Semester. Ian und Brian waren vor mir eingetroffen. Sie konnten ebenfalls mit einigen Anekdoten von der Uni aufwarten. Es wurde viel gelacht. Für einige Stunden konnte ich vergessen, dass ich in dieser Welt eigentlich nicht willkommen war. Patricks Haus war für mich zu einem Refugium geworden.
"Ich wollte dich was fragen, Arwen", hob Patrick später an. Wir saßen draußen im Garten. Das Grillfeuer war heruntergebrannt. Windlichter spendeten warmes Licht. Glühwürmchen schwirrten umher. Grillen zirpten im Gras. Genüsslich zog Patrick an seiner Pfeife. "Wir alle nehmen über dem Sommer verschiedene Tätigkeiten im Museumsdorf wahr", fuhr er fort, "wir leben dort und versuchen den Besuchern, die kommen – übrigens überwiegend Schulklassen – einen Einblick in das keltische Leben zu geben. Hättest du nicht Lust, in diesen Semesterferien einen Beitrag dazu zu leisten?" Ich schaute ihn an. Das würde mich schon reizen. "Ich könnte mir das vorstellen", antwortete ich gedehnt, "nur was kann ich denn dazu beitragen?"
Verschmitzt blickte er mir in die Augen. "Ich dachte mir, dass du vielleicht einen Teil der Führungen übernehmen könntest", sagte er, "du bist die einzige, die in einer nichttechnischen Welt lebte und hautnah viele Dinge erlebt hat. Du hast Geschichte studiert und kennst dich, dank deiner Mutter, besser aus, was die alten Kelten betrifft, als jeder hier von uns." "Du weißt, dass ich eigentlich nicht so in die Öffentlichkeit will", entgegnete ich, "ich werde immer noch von den Kirchenmännern gesucht." Er winkte ab und zog geringschätzig an der Pfeife. "Seit damals haben sich keine von denen mehr hier blicken lassen. Und falls doch, wird Pater Michael uns warnen. Wir haben uns mit ihm zusammen etwas einfallen lassen. Außerdem ist dies die beste Art sich zu Verstecken. Niemand würde erwarten, dass du dich bewusst in der Öffentlichkeit bewegst. - Was meinst du zu dem Vorschlag?"
Erwartungsvoll sah er mich an. Auch Ian, Brian und Eleanor blickten zu mir herüber. "Es macht viel Spaß und ist wirklich abwechslungsreich", ermutigte mich Eleanor, "ich habe mich auf die alten Musikinstrumente spezialisiert. Es ist immer amüsant, wenn man den Kindern die alten Lieder und Instrumente nahe bringt." "Brian und ich sind in der Waffenschmiede und beim Bogenbauer beschäftigt", sagte Ian, "es wäre schön, wenn du mithelfen würdest. Vielleicht kannst du uns ja wertvolle Hinweise zur Waffenherstellung geben." Bedauernd sah ich Ian an. "Da kann ich wohl nicht weiterhelfen", antwortete ich ihm, "Waffenherstellung ist nicht so mein Ding -", ich überlegte kurz und atmete tief durch, "- aber ich denke, dass ihr mich überzeugt habt. Ich werde den Sommer im Museumsdorf verbringen." Für den Rest des Abends überlegten wir uns, wie ich am besten einzusetzen sei.
Am Ende entschieden wir uns dafür, dass ich tatsächlich eine der Führungen übernehmen sollte. Ich würde während der Woche täglich zwei Führungen durchführen und an den Wochenenden täglich vier. In der Woche war Patrick meist in Glendalough in der Bank. An den Wochenenden tauschte er seinen Anzug gegen ein Druidengewand. Und nach zwei Wochen musste ich ihnen allen Recht geben. Es machte viel Spaß. Vor allem die Führungen mit den Kindern. Ab und zu verirrten sich ein paar Touristen hierher. Das bereitete besonderes Vergnügen. In meiner Freizeit versuchte ich weiterhin diese verdammten Runen zu entschlüsseln. Es war schier zum Verzweifeln.
Am Ende des Sommers fuhr ich wieder nach Oxford, um das nächste Semester anzugehen. Ich war zwei Wochen vor Ende der Semesterferien wieder in Willfour Manor. Ich wollte die ruhige Zeit nutzen und mich ein wenig im Internet umsehen. Bisher hatte ich mich meist auf die Bibliothek an sich konzentriert. Vielleicht konnte man ja im Internet einen Hinweis auf den Torstein oder seine Entschlüsselung finden. Allerdings stellte sich das als schwieriger heraus, als ich dachte.
Die Technik hatte ihre Tücken. Ich hatte nicht bedacht, dass sich die Computertechnologie derart schnell weiter entwickelte. Demnach stand ich vor dem Problem mit meinem mittlerweile eingerosteten Computerwissen eine umfangreiche Recherche durchführen zu müssen. Ich wollte nicht warten, bis Marc wieder da war. Ich war jetzt seit einer Woche damit beschäftigt über diverse Suchmaschinen brauchbare Informationen über den Torstein herauszufinden. Das Ergebnis war niederschmetternd. Ich konnte nur froh sein, dass die Bibliothek in den Semesterferien nur spärlich frequentiert wurde. So konnten sich die anderen Studenten wenigstens nicht wundern, wenn ich in fremden Sprachen fluchte, die kein Mensch verstand. Professor Lajinski vielleicht mal abgesehen. In Khuzdul ließ sich nämlich ganz vorzüglich fluchen. Diese Sprache war überreich an wirklich blumigen Flüchen.
An diesem Abend ging ich wieder einmal unverrichteter Dinge nach Hause. Die Blätter färbten sich allmählich herbstlich. Die Temperaturen nahmen langsam ab. Willfour Manor lag einsam da. Im ersten Stock sah ich Licht. Das Zimmer von Marc war erleuchtet. Seit der Geschichte mit den Kirchenmännern war er mit mir verschworen. Ich hatte es nämlich nicht zustande gebracht sein Gedächtnis vollständig zu löschen. Er besaß eine natürliche Immunität gegen das Lied des Vergessens. Einige unwesentliche Kleinigkeiten waren hängen geblieben. Dafür wussten die anderen Mitbewohner, die an jenem Tag anwesend waren, nichts mehr. Und Marc würde schweigen. Ich hatte ihn mittlerweile in das Geheimnis meiner Person eingeweiht. Allerdings hatte ich ihm nichts genaues von dem Pergament erzählt. Was er nicht wusste, konnte er nicht verraten und es konnte ihn nicht in Gefahr bringen.
Ich ging zu seinem Zimmer. Die Tür stand weit offen. Ich sah ihn mit dem Rücken zur Tür über seinem Gepäck. Seine Bewegungen waren langsam und bedächtig. In mir schrillten sofort die Alarmglocken. Sein Bewegungsmodus war sonst anders! Viel agiler. Ein Blick auf mein Amulett bestätigte meinen Verdacht. Gefahr!
Lautlos schlich ich an der Tür vorbei und glitt vorsichtig in mein Zimmer. Hier war alles in Ordnung. Ich lockerte meinen Dolch, den ich seit damals immer hinten in meinem Gürtel unter der Bluse versteckt hatte, dabei stopfte ich die Bluse in die Hose, damit sie mich nicht behindern konnte. Dann schnappte ich mir mein Kurzschwert und schnallte es auf den Rücken. So war es nicht sofort zu sehen. So bewaffnet schlich ich zu Marcs Zimmer. Ein Blick hinein zeigte mir noch immer Marc, wie er bedächtig sein Gepäck auspackte. Ich stellte mich in den Türrahmen. Locker lehnte ich mich dagegen.
"Hey, Marc", sprach ich ihn an, "schön das du da bist. Wie waren die Semesterferien?" Er zuckte regelrecht zusammen. Drehte sich allerdings nur langsam um. Viel zu langsam. "Oh, hallo Arwen", grüßte er mich mit einem Lächeln, das erzwungen schien, "die Ferien waren okay. Wie du weißt, war ich ja in Italien auf den Spuren von Vercinge. Dabei war ich nur teilweise erfolgreich. Warum kommst du nicht rein? Dann können wir bequemer reden?"
In seinen Augen blitzte es kurz auf. Er hatte mein Schwert gesehen und wusste, dass ich seine Lage erahnte. Er hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Sein Blick blieb kurz in der Ecke hängen, die ich nicht einsehen konnte. Ein oder mehrere Kirchenmänner mussten dort stehen und mich erwarten.
Er hatte mich Arwen genannt! Dies hatte er noch nie getan. Eine Warnung! Er musste in die Fänge der Kirchenmänner geraten sein. Marc hatte mir dabei bereits einen weiteren Hinweis gegeben. Er wollte in den Semesterferien nach Italien, das war soweit richtig. Allerdings war Vercinge die Kurzform von Vercingetorix einem gallischen Feldherrn, der viele Aufstände gegen die Römer angeführt hatte. Er wurde so um Fünfzig vor Christus bei Alesia geschlagen, gefangengenommen und kurze Zeit später getötet. Da Alesia aber nicht in Italien lag, hieß das soviel wie, sei auf der Hut. Und das würde ich sein.
Lässig lehnte ich in der Tür. "Ich wollte eigentlich in die Küche mir einen Kaffee holen", erwiderte ich ruhig. Marc wusste, dass ich keinen Kaffee trank. Er schaute auf seinen Koffer. "Ich wollte erst auspacken", sagte er gedehnt, "und danach wollte ich mir zwei Brote schmieren gehen. Hunger habe ich nämlich schon. Aber zuerst möchte ich hier fertig werden." Vielen Dank, Marc. Folglich hatte ich es mit zwei Gegnern zutun.
"Na dann warte ich solange", sagte ich leichthin, "hast du eigentlich die Hinweise auf das Schwert des Vercinge gefunden?" Ich hoffte, dass er mich verstand. Er schüttelte leicht den Kopf. "Nein, Arwen, ich habe nur Recherchen über den einen Feldzug geführt. Dabei wurden wohl zwei Ballistas mit einer interessanten Konstruktion verwendet." Wiederum Danke, Marc. Zwei Schusswaffen. Gut, dann wollen wir mal.
Langsam und lautlos zog ich mein Schwert und mit der linken Hand den Dolch. Marc drehte mir jetzt den Rücken zu. "Warum kommst du nicht herein?", fragte er nochmals. "Eigentlich hast du Recht", sagte ich gelassen, "ich könnte dir beim Auspacken helfen und danach hätten wir Zeit fürs Abendessen." Ich machte zwei Schritte in den Raum hinein, jedoch war ich weiterhin im Schatten der Tür.
Ich atmete tief durch, bevor ich mich gegen das Türblatt warf. Sie schwang heftig nach hinten und riss wohl einem der Männer den Schussarm weg. Auf alle Fälle zischte die Kugel über mich hinweg. Sie blieb irgendwo in der Wand mit einem dumpfen Blopp stecken. Ich hörte ein zweites Blopp und spürte einen Einschlag im linken Arm. Trotzdem traf ich mit dem Dolch den einen, dem ich die Tür entgegen gerammt hatte. Mit einem hässlichen Geräusch bohrte sich der Dolch in dessen Kehle. Zuckend ging er zu Boden. Aus seiner Kehle gurgelte es. Der andere bewegte sich jetzt auf Marc zu und versuchte aus der Reichweite meines Schwertes zu gelangen. Marc war inzwischen hinter dem Bett in Deckung gegangen. Er wusste, dass er mir nicht im Weg stehen sollte.
Mit einem leisen Knurren schwang ich mein Kurzschwert. "Schon wieder Vatikan", zischte ich gefährlich. "Wir werden dich jagen, bis wir haben, was wir wollen", entgegnete mein Gegner kalt und richtete die Pistole mit Schalldämpfer auf mich, "selbst wenn du mich töten solltest, stehen die nächsten bereit, dich zu jagen, McGregor." "Ich hatte jetzt einige Monate Ruhe vor euch und ich glaube, dass das nach deinem Ableben genauso sein wird", erklärte ich ihm ruhig, "ich denke nämlich nicht, dass viele von euch in der Nähe sind. Sonst würdest du nicht vor Angst schwitzen. - Ich verspreche dir, es kurz zu machen." Er zuckte einen Moment mit den Augenbrauen.
Er hatte tatsächlich Angst. Er sah mir in die Augen und ich sah es für einen Moment flackern. Ich hatte Recht. Sie hatten keine Rückendeckung mitgebracht. Wahrscheinlich waren sie nur per Zufall auf meine Spur gekommen und dies war ein Versuch, sich bei den Vorgesetzten zu profilieren. Es war sogar möglich, dass deren Boss gar keine Ahnung davon hatte, was die beiden entdeckt hatten. Er zielte auf mein Herz. Ja, dachte ich, man hatte in der oberen Etage keine Ahnung davon, was die beiden trieben. Letztendlich wollte man das Pergament und dafür musste ich lebendig sein. Zumindest solange, bis man es hatte.
Für einige Sekunden taxierten wir uns gegenseitig. Dann verlagerte er sein Gewicht. Das Startsignal für mich. Elegant tauchte ich zur Seite weg. Ein Bloppgeräusch verriet mir, dass ich rechtzeitig aus der Flugbahn gegangen war. Ich legte die drei Meter in einem Sekundenbruchteil zurück. Mein Schwert sirrte durch die Luft und blieb in der Brust des Mannes stecken. Ungläubig starrte er mich an. "Das war ein Fehler, McGregor", hauchte er, als er zusammensank, "es sind Dutzende von uns auf deiner Spur. Du kannst dich nicht mehr lange verstecken. Der Kreis um dich wird immer enger. Einer von uns wird dich erledigen." Sein Blick wurde glasig. Ich hörte nur ein kurzes Röcheln, bevor er seinen letzten Atemzug tat.
Ich zog mein Schwert aus seinem Brustkorb und wischte es an seinem Hemd ab. Dann sammelte ich meinen Dolch ein. Marc kam in der Zwischenzeit aus seiner Deckung. "Danke, Anna", sagte er erleichtert, "ich habe Blut und Wasser geschwitzt." "Wir reden später, Marc", sagte ich zu ihm, "zuerst muss ich mich um die beiden hier kümmern." Er nickte. Schließlich war es auch in seinem Interesse, die beiden schnellstmöglich verschwinden zu lassen. Wir legten sie aufeinander. Ich setzte meine magische Kraft ein, um wieder das Feuer zu erzeugen, dass die beiden Leichen verschwinden lassen würde.
Es kostete mich wahnsinnig viel Energie. Aber das magische Feuer war eines der stärksten Zauber, die ich hatte. Leider war ich weiterhin nicht in der Lage es zu bündeln und mein Schwert mit den Flammen zu überziehen, also als Elfenfeuer zu verwenden, wie Anordil es tat. Danach war ich erschöpft. Ich brachte mein Schwert in mein Zimmer zurück. Nur den Dolch behielt ich im Gürtel. Davon trennte ich mich seit langem nicht mehr. Weder Tag noch Nacht. Danach gingen wir hinunter in die Küche.
Marc versorgte dort die Schusswunde an meinem Arm. Es war zum Glück ein glatter Durchschuss. Anschließend bereitete er ein kleines Mahl zu. Mein Magen knurrte bereits heftig. Nachdem wir uns gestärkt hatten, erzählte mir Marc, wie er mit den Kerlen zusammen getroffen war. "Du hast mir sage und schreibe das Leben gerettet", sagte er erleichtert, "du weißt ja, dass ich nach Rom wollte. Bis zu meiner Ankunft in Rom war alles in Ordnung. Habe da ein paar von den alten Gebäuden besichtigt, wie das Colloseum. Bin sogar im Museum gewesen. Eben die Dinge, die man als normaler Tourist macht. Darunter fällt nun mal auch ein Besuch im Vatikan." Reuevoll sah er mich an. "Da habe ich mir nichts bei gedacht", fuhr er fort, "aber ich hatte kaum den Petersdom besichtigt, als ich jemanden an den Fersen hatte. Er ist mir zuerst gar nicht aufgefallen. Ich habe das erst gemerkt, als ich mittags in einer Trattoria was gegessen habe und so ein Typ mich ständig im Visier hatte. Danach ist er mir durch ganz Rom gefolgt. Ich konnte ihn nicht abschütteln. Später war er aber verschwunden. Dachte schon, jetzt bin ich ihn los. Abends im Hotel wurde ich jedoch überwältigt. Sie schlugen mich bewusstlos. Wo sie mich hinbrachten, weiß ich nicht."
Er verharrte kurz. Sammelte seine Gedanken. " - Ich wachte in einem verdunkelten Raum auf. Die Wände kahl und ohne Fenster. Die Bausubstanz deutete auf ein mittelalterliches vielleicht spätmittelalterliches Bauwerk hin. Sie hatten mir die Uhr weggenommen. Ich hatte nur die Kleider, die ich am Leib trug. Nach einer Ewigkeit wie es mir schien, kamen welche und haben mich brutal weggeschleift. Sie brachten mich in ein Zimmer, - ich denke mal über der Erde. Die Fenster waren verdunkelt. Es brannten nur Kerzen. Aufgrund des Zimmers und der Einrichtung, würde ich sagen, dass Haus ist tatsächlich aus dem Spätmittelalter gewesen. Ein Mann erwartete mich. Es war derjenige, dem du den Dolch in die Kehle gerammt hast. Er stellte sich als Advocatus Diaboli vor."
Seine Augen glitzerten spöttisch. "Kannst du dir das vorstellen?", fragte er, "Advocatus Diaboli. Was für ein Hohn! - Er meinte, ich würde dich kennen und das alleine wäre mein Todesurteil. Aber man wolle dich in die Finger bekommen. Ich sollte darüber nachdenken, ob ich nicht kooperieren wolle. Man könnte zumindest meine Seele vor dem Untergang retten. Ich sagte denen, dass ich nicht wissen würde, von was die Rede sei. Er erklärte mir dann, dass registriert wurde, dass ich vor einiger Zeit eine Internet-Suche nach Arwen McGregor gestartet habe. Mein Name sei ihnen daher bekannt. Auch sei ihnen bekannt, dass zwei ihrer Leute nach ihrem Besuch in Oxford verschollen wären. Da ich in Oxford studieren würde, mache ich mich verdächtig."
Er zuckte mit den Schultern. "Ich erklärte ihm, dass Tausende andere Studenten in Oxford studieren würden und sich damit auch verdächtig machten", sagte er, "aber das fand er nicht so lustig. – Er beharrte darauf, dass ich dich kennen müsse. Schließlich besuchte ich das gleiche College wie du damals. Ich fand das eine reichlich fadenscheinige Erklärung, aber ich bekam keine andere. Daraufhin wurde ich wortlos wieder in die Zelle zurückgebracht und habe dort den Rest meiner Ferien abgesessen."
Angewidert verzog er das Gesicht. "Sie brachten mir immerhin zu essen und Wasser", beschwichtigte er, "am Abreisetag durfte ich mich duschen, rasieren und bekam frische Kleider. Sie hatten mein Zimmer im Hotel geräumt. Der Kerl, mit dem ich gesprochen hatte und der andere, den du mit dem Schwert erledigt hattest, brachten mich zum Flughafen. Wir flogen bis London und von dort ging es weiter mit dem Zug. Sie hatten Waffen dabei und machten mir unmissverständlich klar, dass sie diese gebrauchen würden. Heute morgen sind wir hier eingetroffen. - Du warst nicht da. Wir haben den ganzen Tag gewartet. Sie haben sich allerdings nicht getraut, sich in deinem Zimmer umzusehen. Ich musste das für sie tun."
Er lächelte sarkastisch. "Sie standen in der Tür und haben mir Anweisungen gegeben. - Du flößt denen einen höllischen Respekt ein. - Allerdings haben sie die Verstecke deiner Waffen nicht erraten und ich habe mich gehütet, mir was anmerken zu lassen. Sie waren sehr selbstsicher, als wir dich von der Auffahrt kommen sahen. Ich sollte so tun, als würde ich meine Koffer auspacken. Dabei sollte ich allerdings keine übereilten Bewegungen machen, damit sie nicht auf falsche Ideen kommen würden. Sie selbst stellten sich beide hinter die Tür. Taktisch unklug, wie man gesehen hat. Zumal die von Geschichte keine Ahnung hatten, wie wir feststellen konnten."
Ich sah ihn aufmerksam an. "Ist dir in Rom aufgefallen, wie viel Leute da mit drin gesteckt haben?", fragte ich Marc. Er schüttelte den Kopf. "Mir ist nur aufgefallen, dass es recht wenige Leute waren", antwortete er mir, "ich habe die beiden hier gesehen und vielleicht noch zwei oder drei Handlanger. Sie schienen sich Siegesfeiern auszumalen. Als die in der Ecke standen, sprachen sie höhnisch davon, was für Belohnungen sie erwarten würden und wie überrascht ihre Vorgesetzten wären, wenn sie mit dem Fang ankämen. Es schien mir eher, als ob die beiden auf eigene Rechnung arbeiten würden." "Wir wollen es mal hoffen", sagte ich düster, "mittlerweile habe ich denen neun Mann gekostet. Mein Kopfgeld dürfte jetzt entsprechend hoch sein."
Aber anscheinend hatte Marc Recht. Die beiden hatten wohl tatsächlich alleine gearbeitet. Auf alle Fälle blieb es in der Folgezeit ruhig. Ich konnte mich ungehindert meinen Nachforschungen widmen. Marc half mir, wann immer er Zeit hatte, damit es schneller ging. Vor allem die Internetsuche war zeitraubend. Er konnte da viel über seinen eigenen Rechner hier in Willfour Manor machen. Aber die Zeit wurde immer knapper und ich hatte bis jetzt kein Ergebnis.
to be continued ...
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