Die Tage verstrichen. Ich kam nicht weiter. Auch Marc hatte wenig Erfolg. Die heiße Spur, die wir hatten, verlor sich in den Wirren der Zeit. Alle Internet-Anfragen endeten im Nichts. Meine Hoffnung sank. Ich war in meinem Zimmer und polierte eines meiner Schwerter. Nachdenklich starrte ich auf die silbrig schimmernde Klinge. Anordil hatte mir diese Waffen geschenkt. Wie so vieles andere. Ich schaute zum Fenster hinaus. Draußen ging die Sonne unter. Das Herbstlaub schimmerte in allen Farben der Braun- und Rotskala. Die Nacht würde sternenklar werden. Ich versank in Erinnerungen an Mittelerde. Welche Jahreszeit war jetzt dort? Was geschah zu dieser Stunde? Wo war Anordil? Würde er einen der Istari aufsuchen und um Hilfe bitten? Vielleicht gar Gandalf den Grauen? Oder befand er sich auf dem Weg nach Lothlórien zur hohen Herrin Galadriel?
Auf einmal spürte ich eine Erschütterung des magischen Gefüges. Ganz sacht, als wenn jemand einen Kiesel ins Wasser gleiten lässt. Es war ein Tor geöffnet worden! Ich konnte die Wellen spüren, die es hinterließ. Kerzengerade richtete ich mich auf. Mit einem Mal stand ich unter Hochspannung. Hatte Anordil es geschafft? Rasch eilte ich aus meinem Zimmer zum Telefon.
In heller Aufregung rief ich Patrick an. Ungeduldig wartete ich, bis der Hörer auf der anderen Seite abgenommen wurde. "O'Reilly", hörte ich Patricks Stimme. "Hallo Onkel Patrick", sagte ich rasch in Jerne, "hier ist Anna." "Was ist passiert?", unterbrach er mich. "Ich spürte etwas. Es hat sich etwas ereignet. Ein Tor wurde geöffnet", antwortete ich. Auf der anderen Seite herrschte verblüfftes Schweigen. "Ich werde mit Sinéad und Eleanor die Kultstätten abgehen", erwiderte er, "ich melde mich, sobald ich kann." Damit legte er auf. Nur noch das leise Tuten des Telefons war zu hören. Ich bewegte mich nicht vom Telefon weg. Unruhig wartete ich auf Nachricht. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde ich nervöser.
Dann klingelte endlich das Telefon. "Willfour Manor, Anna O'Neill am Apparat", meldete ich mich. "Hier ist Patrick", sagte er auf Jerne, "an den Kultstätten war alles ruhig. Nichts zu entdecken. Es tut mir leid, Anna." "Ist schon gut", entgegnete ich enttäuscht, "es wäre auch zu schön gewesen. Danke für deine Mühe, Patrick." "Sehen wir dich zum Lugnasadh-Fest?" "Ja, gerne, Patrick. Ich komme gerne." "Na, dann werde ich dich vom Bahnhof abholen. Wir telefonieren vorher noch einmal miteinander. Slán, a Anna – Auf Wiedersehen, Anna." "Slán, a Pháidrig." Damit legte ich den Hörer auf.
Unruhig ging ich hinunter. War er vielleicht hier an der Kultstätte erschienen? Dieser Gedanke ließ mich nicht los. Hastig lief ich zu der kleinen Lichtung. Meine Augen wanderten umher. Suchten Anhaltspunkte. Doch nichts konnte ich erkennen. Nicht einmal seine Aura wahrnehmen. Tiefe Enttäuschung machte sich in mir breit. Mit hängenden Schultern ging ich zurück ins Haus. War es Anordil gelungen ein Tor zu öffnen? War er womöglich ganz woanders auf dieser Welt gelandet? Wer wusste schon, wie viele Tore es gab und wo sie hinführten?
In diese Gedanken versunken lenkte ich meine Schritte Richtung Küche. Diese Woche war ich mit Marc für den Küchendienst eingeteilt. Er wartete bereits auf mich. "Na, hast wohl die Zeit vergessen?", grinste er mich an. Ich schüttelte den Kopf. "Da muss ich dich leider enttäuschen", erwiderte ich, "es gab einen kleinen Zwischenfall." Er wurde blass. Bei mir verhießen Zwischenfälle nichts Gutes. Sie waren meistens mit irgendwelchen Toten verbunden. "Nein, nicht so wie du denkst", beruhigte ich ihn, "ich habe nur eine Erschütterung im magischen Gefüge gespürt. Es wurde ein Tor geöffnet." "Dein Gefährte?", fragte er neugierig. "Möglicherweise, Marc. Aber an den Kultstätten in Shancahir ist niemand erschienen. Selbst hier auf der Druidenlichtung ist keine Spur zu entdecken. Wer weiß, wo er gestrandet ist."
Marc hantierte mit den Küchengeräten. "Dann sollten wir nachher mal ein wenig fernsehen", kommentierte er trocken, "wenn sich auf der Welt was Merkwürdiges ereignet hat - so wie das plötzliche Auftauchen eines Elbenkriegers in voller Rüstung außerhalb irgendwelcher RingCons oder sonstiger Veranstaltungen - wird das wohl die Aufmerksamkeit der Medien erregen. Und demzufolge auch Einzug in die Nachrichten finden." Ich sah ihn skeptisch an. Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Und so war es auch. Keine besonderen Vorkommnisse in der Welt, außer dem üblichen Köpfeeinschlagen. Die Palästinenser hauten wieder auf die Israelis und umgekehrt. Im Baskenland ging wieder eine Autobombe hoch. In Nordirland gab es erneut Unruhen. Ein Amokläufer erschoss mehrere Leute an einer Tankstelle in Louisiana. Ein Flugzeug war im Pazifik abgestürzt. Die Amerikaner hatten Probleme mit ihrer Wirtschaft. Die Börsenkurse fielen wieder. Das Wetter würde schlechter werden. Nirgends etwas was für uns interessant wäre. Nicht einmal im Regionalprogramm.
Trotzdem konnte ich ein Gefühl der Unruhe nicht unterdrücken. Ich ging sogar ein weiteres Mal hinaus zur Druidenlichtung. Dort verrichtete ich ein kleines Gebet. Ich streifte ein wenig durch das Wäldchen. Das beruhigte mich wieder. Als ich zum Haus zurückkehrte, sah ich, dass bei Marc Licht brannte. Er war bestimmt im Internet und suchte nach Hinweisen. Ein Gefühl der Dankbarkeit durchströmte mich. Ich war dankbar, dass ich in dieser feindseligen Welt wenigstens ein paar Freunde hatte. Es war spät, als ich mich endlich zur Ruhe legte.
In der Nacht hatte ich einen Traum. Ich sah Anordils Gesicht vor mir. ‚Gen suilon, anor nîn - sei gegrüßt, meine Sonne', hörte ich seine Stimme, ‚ich habe einen Torstein in Besitz. Allerdings ist er geborsten. Es ist mir gelungen, trotzdem ein Tor zu öffnen, doch es schloss sich wieder, bevor ich es betreten konnte. Ich werde es wieder versuchen, wenn die Umstände günstig sind. Mi chalad en anor, min galad en ithil, tirin i chin lîn – im Licht der Sonne, im Schein des Mondes sehe ich deine Augen.'
Am Morgen erwachte ich frohen Mutes. Ich erzählte Marc von diesem Traum. Er war erleichtert, dass Anordil nicht irgendwo auf dieser Welt gelandet war, sondern in Mittelerde weilte. Nicht auszudenken, wenn er vielleicht in Sibirien erschienen wäre. Oder in Kanada. Oder ... wer weiß wo?
Einige Zeit verging. Ich war gefangen im Trott des Alltags. Zu Lugnasadh ging ich hinaus in den Wald. Eigentlich hatte ich dieses Fest im Kreis von Patricks Familie feiern wollen, aber eine heiße Spur bei der Entschlüsselung des Torsteines hielt mich in Oxford fest. Allerdings wollte ich Lugh opfern und seinen Segen erbitten. Schließlich konnte das nicht schaden. Die Dunkelheit des Waldes umfing mich. Durch das Blätterwerk fiel fahl das Mondlicht. Es hinterließ tanzende Schatten. Sicher und lautlos schritt ich den Pfad entlang. Die Geräusche der Nacht waren meine Begleiter. Mich ängstigte die Nacht nicht. Auf dieser Erde gab es nichts, dass mich erschrecken konnte. Orks, Warge und Kreaturen der Nacht existierten hier allein auf Zelluloid. Warum also sollte ich mich fürchten?
Mein Ziel war die kleine Kultstätte mitten im Wald. Von meinen Mitbewohnern wurde sie nur Druidenlichtung genannt. Die Steine schimmerten verhalten in der Dunkelheit. Zum einen durch das Licht des Mondes, zum anderen durch ihre eigene magische Energie, die in dieser Nacht aktiviert war. Gelassen trat ich näher, schichtete ein wenig Laub und Geäst auf den Opferstein. Mit einer Bewegung meiner Hand entfachte ich die Flammen. Sie loderten empor und tauchten die Szenerie in ein unheimliches Licht. Dann sprach ich die Worte des Ritus, den ich so oft aus Patricks Mund gehört hatte.
"Großer Lugh", zitierte ich, "Herr der Ernte, des Krieges und der Heilung. Wir danken Euch für die Fruchtbarkeit unserer Felder. Segne unsere Ernte, auf dass sie im nächsten Jahr uns gleichermaßen nicht darben lässt. Segne unsere Familien und die Leiber unserer Frauen. Schenke uns Gesundheit und bewahre uns vor Krieg. Schütze uns vor Ungemach und zerstöre unsere Feinde. Hier bringe ich Euch Weizen als Symbol für den Schutz unserer Häuser und der Fruchtbarkeit unserer Frauen. Hier bringe ich Euch Milch und Wein, als Symbole für die Erträge unserer Felder. Der Honig sowie das Blut und das Herz dieses Hasen, als Symbole für die Erträge des Waldes. Nehmt meine Gaben gnädig an. Ich bitte Euch, halte alle Unbill von uns fern. Euren Segen rufe ich hinab auf uns und unsere Häuser."
Ich hielt meine Opfergaben ins Feuer und tat sie danach in die vorbereitete Grube. Diese bedeckte ich mit Weizengarben. Eine Schicht Erde verschloss das Ganze. Danach rief ich Belenus, Lugh und Brigid an. Einige Minuten verharrte ich in Ruhe. Nun wollte ich die Flammen löschen. ‚Was ist dein Begehren?', raunten die Zweige mir mit einem Mal zu. Jedoch die Stimme klang anders, als ich sie kannte. Ich erstarrte in der Bewegung. Unruhig schaute ich in das Geäst über mir. Spielte mir da jemand einen Streich? Dies war nicht die Stimme der Großen Mutter.
"Wer bist du?", fragte ich leise zurück. Meine Hand glitt unauffällig zum Dolch. ‚Ich bin Lugh, Herr des Krieges und der Heilung.' Ich war überrascht. Bisher hatte nur Brigid zu mir gesprochen. Was mochte das bedeuten? Oder lag es daran, dass heute Lugnasadh gefeiert wurde? "Großer Lugh", antwortete ich respektvoll, "ich bitte um Eure Gnade. - Gewährt mir die Weisheit, den Torstein zu lesen." Ein leises Rauschen ging durch die Blätter. ‚Ich muss dir diese Gnade versagen. Dies könnte nur Brigid dir gewähren. Du musst selber einen Weg finden, den Torstein zu nutzen. Und nur mit dem Torstein kannst du diese Welt wieder verlassen. Wir können dich schützen, aber den Schlüssel musst du selber enträtseln und benutzen.' Unfähig zu sprechen, hockte ich vor den Steinen. Tränen standen mir in den Augen. ‚Du darfst den Mut nicht verlieren, Kind. Ich gewähre dir eine Botschaft an deinen Gefährten. Ein Traum sei dir erlaubt zu schicken.'
Das Opferfeuer vor mir loderte hoch und änderte die Farbe. In den Flammen konnte ich Anordil sehen. Ich sah ihn schlafend in einem Bett liegen. Der Raum, in dem er lag, war mir unbekannt, jedoch eindeutig elbisch. Große, gotisch anmutende Fenster gewährten den Blick nach draußen. Ich konnte ein Blättergewirr sehen von riesigen Bäumen, in denen andere hausähnliche Gebilde gebaut waren. Alles strahlte einen unwirklichen Glanz aus. Sollte er sich in Lothlórien aufhalten? Waren dies die sagenumwobenen Mallorn-Bäume?
"Anordil", wisperte ich leise auf Sindarin, "lasto beth nin - bitte höre meine Stimme. Lugh hat mir gestattet, dir einen Traum zu schicken. Es ist Lugnasadh und ich habe bis heute keinen Weg gefunden. Die Runen des Torsteins bleiben mir verschlossen. Patrick kann sie ebenfalls nicht entziffern. Er nutzt eine andere Magie, um die Zwergenhortpforte zu öffnen. Das Imbolc-Fest ist noch nicht nah. Ich hoffe, dass du mehr Erfolg hattest. Die Kirchenmänner verfolgen mich. Vier musste ich bereits töten. Ich werde weiter versuchen, den Torstein zu enträtseln. Vielleicht gelingt es mir. Ind nîn anira na gen - mein Herz sehnt sich nach dir."
Tränen liefen mir über das Gesicht. Ich dachte an die schönen Tage mit ihm. Ich versuchte Bilder von mir heraufzubeschwören, damit er sah, dass es mir gut ging. Lange Zeit kniete ich vor dem Feuer und sah ihn schlafend vor mir. Als der Morgen dämmerte, verlosch die Flamme. Zitternd vor Erschöpfung, mühte ich mich auf die Beine und schlich langsam zurück ins Haus. Dort stieg ich erst einmal in eine Wanne mit heißem Wasser, um wieder Leben in meinen Körper zu bekommen.
Allmählich verfärbte sich das Laub der Bäume. Die Nächte wurden wieder länger und kühler. Meinem Ziel war ich um keinen einzigen Schritt näher gekommen. Es war wie verhext. Im Spätherbst kehrte ich für ein paar Tage nach Shancahir zurück. Ich wollte das Samhuin feiern. Samhuin fällt mit dem amerikanischen Halloween zusammen. Allerdings ist die Bedeutung ein wenig anders. Selbst wenn hier ebenfalls die Toten geehrt werden. In der Abenddämmerung ging ich zum Friedhof von Shancahir. Als Gabe hatte ich ein Gebinde aus den Lieblingsblumen meiner Familie mit. Lautlos bewegte ich mich über die Wege. Vom Dorf her hörte ich die dumpfe Trommel, die zu den Riten rief. Das Laub der Eichen und des Gebüsches war herbstlich bunt gefärbt. Vereinzelt trieb der Wind Blätter vor sich her. Ich sah nur wenige andere Dorfbewohner an den Gräbern ihrer Familien stehen oder knien. Leichter Nebel lag über dem Gelände und tauchte es in eine unwirkliche, nahezu unheimliche Atmosphäre.
Vor dem Grab meiner Familie blieb ich stehen. Es war sorgfältig gepflegt und mit Blumen geschmückt. Ich kniete nieder, legte die Blumen auf der steinernen Grabplatte ab und sprach ein Gebet zu Brigid. "Ihr fehlt mir", wisperte ich leise auf Sindarin, "ich vermisse euch so sehr. Ein Teil meines Herzens ist mit euch gestorben." Tränen liefen mir über die Wangen. ‚Lastam gen a henam nirnaeth lîn - wir hören dich und sehen deine Trauer', wisperte es von Ferne. Ein eisiger Schauer durchfuhr mich. Es waren die Stimmen aller drei!
Wie erstarrt hockte ich da. An Samhuin war die einzige Gelegenheit Kontakt mit der Anderswelt, wie die Kelten das Jenseits nannten, aufzunehmen. Jedoch hatte ich nicht damit gerechnet, dass es tatsächlich funktionieren könnte. ‚Dein Druidenblut und deine Sensibilisierung für Magie macht es möglich, dass du uns jetzt wahrnimmst', hörte ich leise die Stimme meiner Mutter. ‚Wir beobachten dich und versuchen dich zu schützen, so weit es in unserer Macht liegt, kleine Schwester.' Es war mein Bruder, den ich da vernahm. "Ewan?", flüsterte ich, "man sagte mir, du hättest gelebt, als ich floh." ‚Ja, Arwen, ich habe da noch gelebt. Ich sah dich am Waldrand stehen, doch ich konnte dir nichts mehr zurufen. Als du dich zur Flucht wandtest, habe ich gehofft, dass du es schaffst und denen entkommst. Ich habe die ganze Zeit, bis der Tod mich holte, für deine Rettung gebetet. Und Brigid hat mich erhört und dir ein neues Leben geschenkt.' ‚Wir haben gesehen, wie du in Mittelerde gestrandet bist', hörte ich die Stimme meines Vaters, ‚wir haben deine Trauer gesehen und wir haben gesehen, wie du deinen Weg gefunden hast. Anordil ist ein guter Gefährte. Er liebt dich sehr.'
Ich sprach lange mit meiner Familie. Die ganze Nacht blieb ich an dem Grab sitzen. Seelenlichter brannten auf vielen Grabstätten. Sie erhellten schemenhaft den Friedhof und warfen unheimliche Schatten. Ich hatte keine Angst. Ich spürte zwar den kalten Hauch vieler wandernder Seelen, aber sie würden mir nichts tun. In Mittelerde hatte ich gegen Untote und blutrünstige Monster gekämpft. Was sollte mich jetzt ein Friedhof erschrecken?
Die Dämmerung im Osten vertrieb die Nacht. Es wurde Zeit für mich zu gehen. Dichter Morgennebel zog auf. Mit Tränen in den Augen verabschiedete ich mich von meiner Familie. Ein letztes Gebet kam über meine Lippen. Ich sprach es auf Sindarin. Dann zog ich meine Jacke noch enger um mich. Die Nachtkühle hatte mich doch frösteln lassen. Als ich mich umdrehte, sah ich am Ende des Weges Pater Michael stehen. Er kam auf mich zu. Sacht schloss er mich in die Arme.
"Willkommen, Arwen", begrüßte er mich lächelnd, "ich habe mir gedacht, dass du zu Samhuin die Grabstätte aufsuchen würdest." "Hallo, Pater Michael", erwiderte ich, "Samhuin ist die einzige Möglichkeit die Anderswelt zu berühren. Und manchmal hat man Glück. Jetzt habe ich neuen Mut und Kraft gefunden. Aber ich suche einen Weg nach Hause und finde ihn nicht." Ernst sah er mich an. "Bete, mein Kind", sagte er eindringlich, "bete. Und du weißt, zu wem du beten solltest." Er drückte mir das Symbol einer keltischen Sonne in die Hand, bevor er ging.
Die Sonne symbolisierte Belenus und Lugh. Nachdenklich starrte ich es an. Ich war mir nicht sicher, ob ich den Pater richtig verstanden hatte. Er gab mir mit diesem Symbol zu verstehen, dass ich mich an die alten Götter wenden sollte. Aber das tat ich bereits die ganze Zeit. Allerdings hatte ich Belenus bisher nicht angerufen. Sollte ich es mal mit ihm probieren? Ich würde darüber nachdenken. Ein Versuch konnte schließlich nicht schaden.
Nebelschwaden zogen über die teilweise abgeernteten Felder, als ich zu Patricks Haus ging. Es lag am anderen Ende von Shancahir. Von dort konnte man die Befestigungsanlage des Museumsdorfes sehen. Jetzt, im Spätherbst, war es verlassen. Patrick, seine Söhne und einige andere aus dem Dorf wollten diesen Winter einiges im Museumsdorf bauen und in Gang bringen. Nächstes Jahr würden im Spätsommer wieder die celtic-weeks gefeiert werden. Diesmal sollte das Museumsdorf einen richtig keltischen Eindruck machen.
Ich lächelte bei dem Gedanken. Patrick war davon besessen, den heutigen Kindern einen umfassenden Eindruck der alten keltischen Lebensweise zu zeigen. Und der Erfolg diesen Sommer hatte ihm Recht gegeben. Ich war jetzt noch erstaunt über den Zulauf, den das Museumsdorf bereits dieses Jahr hatte.
Als ich das Haus betrat, strömte mir ein einladender Duft entgegen. Sinéad, Eleanor und Fiona waren in der Küche. Sie bereiteten das Mahl für den Abend. Heute über Tag wurde nicht viel verzehrt. Nur ein wenig Brot. Dazu heißen Tee oder Kaffee. Ich gesellte mich zu den dreien in der Küche und bot meine mageren Dienste an. Freudig wurden diese angenommen. Während ich schälte und schnippelte, wurde viel geredet. Man sprach über die Toten und erzählte sich Geschichten. So erhielt man die Erinnerung lebendig.
Patrick, Ian und Brian waren draußen bei den Seelenfeuern. Sie würden erst zum abendlichen Mahl zurückkehren und das Feuer für die Seelenkerzen mitbringen. Diese standen neben den ausgehöhlten Kürbissen am Fenster. Für jeden Toten der Familie, an den man sich erinnerte, gab es eine Kerze. Sie brannten von Samhuin an drei Tage lang und wurden jeden Abend neu entzündet. Die beleuchteten Kürbisfratzen waren uralte Schutzzauber. Man stellte sie zu Beginn des Samhuinfestes in die Fenster. Maiskolben schmückten, zu Sträußen oder auch Totenköpfen gebunden, Fenster und Türen. Sie sollten böse Geister fernhalten. Totenschädel zierten die Rahmen. Auf den Speisen konnte man sie ebenfalls oft sehen. Sie mahnten einen an die eigene Sterblichkeit.
In der Abenddämmerung deckten wir den großen Tisch in der Küche. Es war bereits dunkel, als Patrick und seine Söhne mit dem Seelenfeuer kamen. "Ein Licht verlöscht", sagte Sinéad, als sie die Seelenkerzen, die am Fenster standen, löschte, "ein Leben vergeht. Dunkelheit kehrt ein. Sie legt sich über die Herzen der Zurückgebliebenen." Patrick trat mit dem Seelenfeuer, einer kleinen Fackel, näher. "Am geheiligten Feuer entfacht, bringe ich das Licht", erwiderte er, "es spendet Leben und erhellt die Dunkelheit. Wo das Seelenfeuer brennt, lebt die Erinnerung an die Toten." Flackernd nahmen die Kerzen die Flamme an.
"Lasst uns Gedenken", forderte er uns auf. Schweigend verharrten wir einige Minuten. Starrten in das Licht der Kerzen. Tanzten sie nicht ein wenig oder war dies nur ein Lufthauch? "Nun setzt euch", forderte Sinéad uns alle auf, "das Mahl zu Ehren der Toten ist bereitet." Immer noch in Gedanken nahmen wir Platz. Es war für mehr Personen gedeckt als anwesend waren. Die leeren Sitzplätze wurden für die Geister der Toten reserviert. Auf jedem der Teller lag ein kleines Brot in Form eines Totenschädels. Die auf den Tellern der Verstorbenen lagen, würden am nächsten Morgen dem Seelenfeuer am Kultplatz übergeben werden.
Das Mahl war gut und reichhaltig. Sinéad, Eleanor und Fiona hatten sich viel Mühe gegeben. Kaninchen mit Pilzen und Kräutern, eingelegter Kürbis, gebackenes Gemüse, geröstete Kartoffeln, süßes Gebäck, weißes Brot und würzigen Käse. "Du bist sehr still", sagte Patrick nach dem Mahl zu mir. "Ich musste über vieles nachdenken", erwiderte ich. "Samhuin berührt einen oft auf eine merkwürdige Art", sprach er weiter, während er seine Pfeife entzündete, "die Anderswelt ist nicht fern, an diesem Tag." "Dies ist wohl wahr", flüsterte ich, "ich wurde berührt von der Welt der Toten."
Patrick musterte mich lange. Gemächlich blies er Kringel in die Luft. "Nur wenigen ist dieses Privileg vergönnt", sagte er leise, "du darfst dich glücklich schätzen." "Es war so eigenartig", begann ich, "ich hörte ihre Stimmen. Sie sprachen zu mir. Erzählten was geschehen war. Erzählten von der Anderswelt. – Beinahe war es mir, als könne ich sie sehen. – Feine unwirkliche Gebilde. Angedeutete Gestalten aus Nebel. So unendlich fern und doch so nah." "Die meisten fürchten sich vor ihnen", unterbrach uns Ian, "sie denken, es wären Poltergeister oder Sendboten des Teufels."
"Ich spürte sie", sprach ich, "ich spürte die Geister. - Alle dort auf dem Friedhof. Kalter Hauch umgab mich. Berührte meine Seele. Diejenigen, die mit mir dort verharrten in der Dunkelheit werden sie nicht wahrgenommen haben. Vielleicht nur als unbestimmtes Kribbeln auf der Haut." "Hast du dich gefürchtet?", fragte mich Fiona leise. Eine Gänsehaut zeigte sich auf ihren Armen. "Nein", entgegnete ich, "was sollte ich mich vor ihnen fürchten? Sie sind Seelen. Seelen, die ihre Angehörigen berühren wollen. Dafür muss sich niemand fürchten. Ich habe Untote bekämpft, Warge, Trolle, Orks und Drachen. Ein irdischer Friedhof ist wohl kaum dazu angetan, mich das fürchten zu lehren. Oder?"
Ich schaute zum Fenster. Die Seelenkerzen brannten ruhig. Sie spiegelten sich im Glas des Fensters. Draußen herrschte tiefe Dunkelheit. Und doch war mir, als könne ich in der Schwärze der Nacht Schemen sehen. Gesichter, die zum Fenster hinein blickten. Seelen unserer Toten, die teilhaben wollten, an unserem Fest. Ich sagte nicht, was ich sah. Fiona sollte sich nicht unnötig ängstigen. Ein Blick zu Patrick erhärtete allerdings meine Vermutung, dass er diese Gebilde ebenso wahrnahm wie ich.
Wir blieben bis weit nach Mitternacht wach. Erzählten Geschichten über unsere Verstorbenen. Manchmal sangen wir Lieder. Traurige, aber auch fröhliche. Ich hatte meine Flöte mitgebracht. Auf ihr spielte ich verschiedene Stücke. Lieder, die mit Erinnerungen verbunden waren. So manches Mal an diesem Abend kämpfte ich mit den Tränen. Ich wusste, sie waren bei mir. Mum, Dad und Ewan. Und doch vermisste ich sie. Ich wünschte mir, ich könne sie berühren. Ein einziges Mal in den Arm schließen. Mums warmen Atem auf meiner Stirn fühlen, wo sie mir als Kind den Gute-Nacht-Kuss gab. Dads tröstende Umarmung, wenn ich wieder einmal hingefallen war. Ewans neckende Finger, wenn er mich zum Lachen und Kichern brachte.
Die Nacht war reichlich kurz. Am Morgen blieb mir nicht viel Zeit zum Ausschlafen. Denn diesmal würde ich nicht lange in Shancahir bleiben. Ich hatte nur die Toten ehren wollen. Mein Zug zur Küste ging am Mittag. Schließlich hatte ich den anderen aus Willfour Manor versprochen, zum diesjährigen Halloween-Fest wieder da zu sein. Ich sollte ein paar düstere Balladen singen. Das würde ich sogar machen. Ich nahm mir vor, ein paar der schlimmsten Horrorgeschichten, die ich kannte, zu singen.
Patrick versorgte mich vor meiner Abfahrt erneut mit Geld. Er hatte ein paar Edelsteine aus dem Hort für mich getauscht. Schließlich musste ich mich unauffällig versorgen. Und das wenige, was entnommen wurde, schmälerte den Hort nicht im geringsten. Für Fiona würde immer noch genug da sein, wenn sie mit ihrer Volljährigkeit das Erbe antrat.
Dann fuhr ich mit der Fähre nach England hinüber und dort mit dem Zug weiter nach Oxford. Es war eine äußerst langweilige Fahrt. Dabei hatte ich reichlich Gelegenheit über meine Erfahrung zu Samhuin sowie über den Torstein nachzudenken. Marc erwartete mich bereits am Bahnhof. "Schön, dass du wieder da bist", lachte er mich an, "die anderen warten schon auf dich." "Ich werde wohl nur wegen meiner musikalischen Begabung vermisst", brummte ich gespielt missmutig. "Nee, das weniger. Du sollst bei der Dekoration mithelfen und wenn möglich sogar in der Küche." Na, tolle Aussichten. Dabei hatte ich mich gefreut, nur feiern zu kommen. In Erwartung dessen, was da kommen mochte, rollte ich mit den Augen. "Hier ist alles ruhig", sagte Marc im Auto, "seid der Geschichte am Ende der Semesterferien hat sich nichts mehr getan." Ich nickte. "Hoffen wir, dass das so bleibt, Marc."
In Willfour Manor wurden wir bereits erwartet. Patrice hatte die künstlerische Leitung übernommen. Bis jetzt sah alles gut aus. Die Dekoration, die sie entworfen hatte, war perfekt. Es gab einen einzigen großen Saal in Willfour Manor, der, wie einige andere Räume, nie genutzt wurde. Früher, als wir hier wohnten, hatten wir ihn nur zu besonderen Anlässen betreten. Ich konnte mich an einige schöne Silvesterbälle in diesem Saal erinnern. Doch seit damals hatte sich viel verändert. Das ganze Jahr über waren die Türen dieses Raumes geschlossen. Nur die Spinnen kümmerten sich darum.
Jetzt war er offen und nur grob gereinigt. Die Spinnweben, die von der Decke hingen, verliehen von sich aus ein morbides Flair. Die Leuchter allerdings waren geputzt und verbreiteten ein warmes Licht. Für die Feier hatte man einige der Birnen heraus drehen, so dass die Beleuchtung gedämpfter sein würde. Das Parkett war längst spiegelblank geputzt. Es war allerdings noch viel zu tun. Morgen Abend erst würden sich hier einige Dutzend Studenten tummeln und in schrägen Kostümen Halloween begehen.
Ich gesellte mich zu Patrice, Angela und Susann. Wir sollten uns weiter um die Dekoration kümmern. War mir ganz Recht. Küchenarbeiten waren nie meine Stärke gewesen. Allerdings hatte ich ein Gericht aus der Erinnerung rekonstruiert, welches ich dem Büfett beisteuern wollte. Ich hatte es in Anordils Haus gegessen und die Zutaten gab es auch in meiner Welt. Es war zudem so einfach, dass sogar ein Küchenmuffel wie ich es nachkochen konnte.
Wir arbeiteten bis spät in den Abend hinein. Danach saßen wir bei einem Gläschen Wein und erzählten. Müde ging ich ins Bett. Allerdings war mein Schlaf nicht tief. Ich war immer mit einem Ohr wach. Der nächste Tag brachte ebenfalls einiges an Arbeit. Erst gegen späten Nachmittag konnte ich mich ein wenig entspannen. Ich war auf meinem Zimmer und überprüfte meine Kostümierung für den Abend. Ich hatte mich für ein weißes wallendes Gewand entschieden. Dazu würde ich eine Maske aus Gips tragen, die blutrot angemalt war. Das ersparte mir das Make-up, dass ich sowieso hasste. Da ich für zwei Auftritte eingeplant war, hatte ich ein zweites Kostüm in schwarz mit weißer Maske bereit gelegt. Die Laute lag bereits sorgfältig gestimmt unten im Musikzimmer. Meine Flöte schob ich in den Gürtel des Gewandes. Unter dem Gewand trug ich den Dolch versteckt. Man konnte ja nie wissen.
Dann war es soweit. Ich sah die ersten Gäste kommen. Deshalb begab ich mich zu den anderen und kassierte das Lob für die tolle Dekoration mit ein. Es kamen so ungefähr Hundertfünfzig andere Studentinnen und Studenten. Wir hatten quer durch die Fakultäten eingeladen. Auch das Büfett füllte sich langsam, denn jeder der kam, spendete eine Kleinigkeit hierfür. Wir ließen im Hintergrund Gruselmusik laufen, um die Stimmung ein wenig zu untermalen. Im Saal standen echte Kerzenleuchter verteilt. Das sorgte für eine angenehm düstere Atmosphäre. Am einen Ende hatten wir eine kleine Bühne errichtet. Hier würde ich nachher spielen.
Ich hatte das Gefühl, dass der Abend so dahin plätscherte. Unruhe erfüllte mich. Meine Sinne waren auf Alarm geschaltet. "Was ist los?", fragte mich Marc leise, "du scheinst nervös zu sein." "Ich spüre etwas, kann es aber nicht einordnen", flüsterte ich zurück, "es ist wie ein heraufziehendes Gewitter." "Ich werde die Augen offen halten", versprach er mir. Aufmerksam beobachteten wir das Treiben um uns herum. Die Stimmung war bereits ausgelassen. Am Buffet und an den Getränken drängelten sich die Leute. Die Tanzfläche war bis jetzt nur spärlich besucht. Das würde sich hoffentlich im Laufe des Abends ändern.
Ich lachte verhalten unter meiner Maske. Graf Dracula tanzte eng umschlungen mit Lilli Munster. Eine etwas verunglückte Ausgabe von Angel stand am Buffet und schaufelte sich Essen auf einen Teller. In der einen Ecke rückte jemand seine Zombiemaske zurecht. Ein einsamer Werwolf wiegte sich zu den Takten der Musik. Mein Blick schweifte über die versammelte Horrorgemeinde. Musterten eindringlich jeden einzelnen. Warum war ich so unruhig? Von wem ging Gefahr aus? Mein Amulett glühte bereits den ganzen Abend in einem verhaltenen Rot. Ich nippte an meinem Glas.
Plötzlich stand Lilly vor uns. Ihr Gesicht bleich geschminkt, ihre Augen schwarz umrandet und ihre Pupillen unnatürlich groß. Sie trug ein schwarzes Kleid, das einer Lady Macbeth würdig war. Wie sie an eine Einladung gelangen konnte, war mir schleierhaft. "Ich wusste doch, das du mit dem Flittchen was hast", zischte sie Marc mit hasserfüllten Augen an. In ihren Händen blitzte ein Dolch. Mit geübten Blick erkannte ich, dass dieser echt war. Unmerklich veränderte ich meine Position. War das die Gefahr, vor der mich das Amulett warnen wollte?
"Du willst dich doch nicht unglücklich machen", flüsterte ich sanft und legte ein wenig Magie in die Stimme, "das ist doch kein Mann wert, dafür jemanden zu töten." Halb wahnsinnig sah sie mich an. "Du bist es Schuld, dass ich kein Glück mehr bei den Männern habe!", heulte sie, "seid du hier aufgekreuzt bist, will niemand mehr mit mir ausgehen. Du nimmst mir die Männer weg! Dafür musst du sterben! Erst dann bin ich wieder frei." In Gedanken schüttelte ich über soviel Naivität und Dummheit den Kopf. Mir war unverständlich, wie sie so an ein Stipendium kommen konnte. Die Umstehenden waren mittlerweile zurückgewichen. Das Stimmengewirr drang kaum zu mir durch. Ich wusste, sie würde mich attackieren und konzentrierte mich auf die Abwehr.
Marc versuchte beschwichtigend einzugreifen. Aber es war zu spät. Sie griff mich bereits an. Ihr Angriff war viel zu langsam, als das er mich hätte treffen können. Ganz locker wehrte ich ab. Sekundenschnell entwaffnete ich sie. Vereinzelt hörte man Applaus, man hielt das ganze für eine Showeinlage. Marc und zwei andere Studenten nahmen sie mit nach draußen. Später hörte ich von Marc, dass sie sich beruhigt hatte und gegangen war. Sie hatte wohl unter Drogen gestanden. Erst Tage später wurde mir zugetragen, dass sie Oxford verlassen hatte. Sie wollte an eine andere Universität.
Nach diesem Zwischenfall konnte ich auf die Bühne. Auf meinem Weg dorthin schielte ich zu meinem Amulett. Es glomm immer noch rot. Also war nicht Lilly die Gefahr gewesen. Aber was dann? Doch nun musste ich mich auf meinen Vortrag konzentrieren. Dies fiel mir reichlich schwer. Zwei große Kerzenleuchtern flankierten mich. Die Flammen der Kerzen flackerten und hinterließen tanzende Schatten. Ich nahm meine Laute und spielte erst ein paar recht bekannte Stücke zum Einstimmen. Dann sang ich einige mehr oder weniger gruselige Balladen, die mir großen Beifall einbrachten. Ich sang sogar einige Zwergenballaden und Elbenlieder. Allerdings in der englischen Übersetzung. Nach einer Weile machte ich eine Pause. Da konnten die Leute sich wieder bewegen. Allmählich füllte sich die Tanzfläche. Bald war kein Fleckchen mehr frei.
Ich besorgte mir ein Glas Wasser und löschte meinen Durst. Spontan hatte ich beschlossen nüchtern zu bleiben. Nach einer kleinen Pause musste ich auf die Bühne zurück. Die Uhr zeigte bald Mitternacht. Jetzt würde ich ein paar Stücke auf der Flöte spielen. Sie glänzte fahl im Licht der Kerzen. Mitten in meinem Vortrag spürte ich eine Erschütterung des magischen Gefüges.
Es war wieder ein Tor geöffnet worden! Vor Aufregung verspielte ich mich um ein Haar. Ich konnte gerade noch in eine andere Melodie abgleiten. Marc sah mich überrascht an. Er hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Ich musste meine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um das Stück zu Ende zu bringen. Danach verschwand ich schnell aus dem Saal.
Marc fing mich an der Tür ab. "Was war los?", fragte er besorgt. "Es gab eine Erschütterung im magischen Gefüge dieser Welt", flüsterte ich leise, "ein Tor ist aufgegangen. Ich kann aber nicht sagen, wo. Ich will schnell Patrick anrufen, dass er die Kultstätten überprüft. Danach werde ich hier zur Druidenlichtung gehen und sie kurz inspizieren. Dafür wollte ich mir aber mein Schwert holen. Man weiß nie, was durch die Tore kommt." "Wenn du in einer halben Stunde nicht wieder hier bist, werde ich dich suchen kommen", sagte Marc leise und bestimmt, "pass auf dich auf."
Ich nickte kurz und verschwand lautlos in den ersten Stock. Rasch rief ich Patrick an, bevor ich auf mein Zimmer ging. Dort warf ich das Gewand in die Ecke. Behände schlüpfte ich in meine elbische Reisekleidung. Sie war zum Kämpfen weit besser geeignet, falls es dazu kommen sollte. Ich schnappte mir eines meiner Kurzschwerter. Es waren keine drei Minuten vergangen, als ich das Haus verließ.
Wie ein Schatten bewegte ich mich durch den Wald auf die Druidenlichtung zu. Und ich spürte, dass etwas anders war als sonst. Als ich auf die Lichtung trat, streifte mich der Hauch einer vertrauten Aura.
"Anordil", hauchte ich leise. "Gen suilon, anor nîn", wisperte es hinter mir. Ich drehte mich um. Anordil stand vor mir. Eines der Kurzschwerter blank gezogen. Blut tropfte von der Spitze. Ich wollte etwas sagen, aber er legte mir den Finger auf die Lippen und zog mich hinter einen der Steine.
"Yrch", flüsterte er mir ins Ohr, "leben - fünf. Sie sind mir gefolgt." "Sie dürfen nicht zum Haus", wisperte ich zurück, "dort ist eine Feier. Es würde viele Opfer geben." Im selben Moment hörte ich zur linken Seite ein grunzendes Geräusch. Ich starrte in die Dunkelheit. Mit Mühe unterdrückte ich einen leisen Fluch. Mir fehlte die Nachtsicht des Elbenvolkes. Anordil wusste das und entzündete ein Elbenfeuer. Dies war eine magische Waffe, eine Art Flammenschwert, das in einem kalten Blau leuchtete.
Jetzt konnte ich die Orks erkennen. Zumindest drei von ihnen. Ich zog ebenfalls mein Schwert. Dann stürzte ich mich auf den einen Ork auf der rechten Seite. Der Kampf war kurz und heftig. Der Ork rannte schließlich in mein Schwert. Einen Augenblick später zuckte er nur noch ein wenig. Mit einem Ruck zog ich es aus dem Leib des toten Orks. Eilig rannte ich Anordil zu Hilfe. Ich würde ihm den Rücken freihalten.
Er kämpfte mit seiner magischen Waffe gegen zwei Orks, die schon angeschlagen waren. Den einen lenkte ich jetzt ab. Es dauerte nur drei Schläge, bis Anordil ihm mit dem Flammenschwert den Kopf abtrennte. Der übriggeblieben Ork versuchte jetzt eine Attacke auf mich durchzuführen, die darin endete, dass er zwei Schwerter im Körper hatte.
"So, das waren drei", sagte ich leise, "wo sind die anderen beiden?" Ich bemerkte, dass Anordil aus einigen Wunden blutete. "Du blutest?", flüsterte ich leicht erschrocken. "Es sind nur harmlose Fleischwunden", antwortete er, "sie behindern mich nicht." Damit ging er einmal um die Lichtung herum. Dann nickte er. "Sie sind in diese Richtung", sagte er und deutete Richtung Haus. "Rasch", zischte ich, "sie dürfen das Haus nicht erreichen." Gemeinsam hasteten wir zum Hauptgebäude. Die Fenster waren hell erleuchtet und warfen ihr Licht nach draußen. In dem schwachen Lichtschein sah ich auf der unteren Terrasse, die vom Haus aus nicht einzusehen war, die beiden Orks, die mit Marc kämpften.
Anscheinend hatte er soviel Sorge um mich gehabt, dass er mir vor Ablauf der halben Stunde gefolgt war. Beim Näherkommen erkannte ich, dass einer der Orks ein Urukûnai war. Marc sah schlimm aus, obwohl er sich erfolgreich die Gegner mit dem Kampfstab vom Leib hielt. Doch er blutete bereits aus mehreren Wunden. Entsetzen stand auf seinem Gesicht und Erleichterung, als er uns kommen sah.
Wir zogen unsere Schwerter. Gemeinsam stürzten wir uns auf die Orks. Diesmal würde es nicht so einfach werden, wie mit den drei Orks vorhin. Urukûnai waren als Kämpfer berüchtigt. Ich erinnerte mich entsetzt an meinen letzten Kampf in Mittelerde, bevor ich hierher geschleudert wurde. Anordil lenkte die Aufmerksamkeit des Urukûnai auf sich. Ich nahm mir den Ork vor.
Ich fuhr ihm in eine Attacke hinein, mit der er Marc niederstrecken wollte. Doch ich war unaufmerksam und sah nicht seine andere Klaue. Diese ritzte meine Bauchdecke quer auf. Es brannte wie Feuer. Ich verbiss den Schmerz und schlug zurück. Wir hatten einen heftigen Schlagabtausch, wo ich einiges einstecken musste. Dieser Ork war verdammt gut! Am Rande registrierte ich, wie Marc zu Boden sank.
Rasch attackierte ich den Ork. Diesmal konnte ich sogar einige Treffer landen. Aber er wehrte sich heftig. Ich hörte Anordils Schwerter klirren. Plötzlich konnte ich eine Lücke in der Deckung meines Gegners sehen. Diese nutzte ich gnadenlos aus. Sekunden später brach der Ork tot zusammen. Mein Schwert steckte in seinem Herzen. Ich zog es aus dem toten Körper. Schnell wischte ich es sauber. Dabei konnte ich den letzten Schlagabtausch zwischen Anordil und dem Urukûnai sehen.
Schwer atmend standen wir da. Dann steckten wir unsere Schwerter weg. Vom Haus her hörten wir laute Musik. Marc lag am Boden und rührte sich nicht. Anordil beugte sich über ihn. Sachkundig untersuchte er ihn. "Er wird leben", sagte er zuversichtlich, "die Wunden sind nicht tief." Er konzentrierte sich kurz. Dann sprach er Worte in einer fremden Sprache. Ich wusste, dass er einen Heilungszauber anwandte. Wie wirkungsvoll seine Heilzauber waren, hatte ich selber bereits mehrfach am eigenen Leibe erfahren. Beinahe augenblicklich hörte das Blut auf zu fließen. Die Wunden schlossen sich zusehends. Sie waren letztendlich nicht mehr als blaue Flecken.
Zufrieden nickte Anordil. "Ich muss meine Kraft sparen. Blaue Flecke tun zwar weh, aber die Wunden sind geschlossen", sagte er zu mir, "ich werde mich um die Orks kümmern." Mit einer geschmeidigen Bewegung trat er an die beiden toten Orks. Mit einer raschen Handbewegung streute er ein Pulver über sie. Ich kannte es aus Mittelerde. Dieser Zauber war mächtig und schnell, hatte jedoch den Nachteil, dass er wahnsinnig viel Energie kostete. Daher wurde er äußerst selten angewandt. Selbst die mächtigen Istari, die über wesentlich mehr magische Energie verfügten als Anordil, vermieden in der Regel diesen Zauber.
Ich hörte wie Anordil leise ein paar Worte sprach, die ich nicht verstand. Daraufhin wallte ein dichter Nebel um die Orks auf. Dieser hüllte sie vollständig ein. Als er nach ein paar Sekunden zerfaserte, waren die Orks verschwunden. Anordil sah mich kurz an und verschwand in der Dunkelheit. Er würde die Orks auf der Lichtung genauso verschwinden lassen. Danach würde seine magische Energie beinahe aufgebraucht sein.
Ich wartete neben Marc. Dieser kam allmählich wieder zu sich. "Oh Gott, was waren denn das für Dinger?", murmelte er entsetzt und rieb sich seinen Kopf. "Das waren Orks", antwortete ich trocken, "sie sind lästig, aber man gewöhnt sich an sie." Er tastete über seinen Körper. "Warum lebe ich eigentlich noch? Wo sind die Wunden?", fragte er überrascht, "ich bin doch mehrfach von denen getroffen worden und es hat stark geblutet. – Hier sieh, - meine Kleider sind ja ganz blutig."
Ungläubig rieb er den zerfetzten Stoff zwischen seinen Fingern. Blut klebte an ihnen. Ich schaute ihn lächelnd an. "Anordil hat dich geheilt. Du hast zwar blaue Flecken, aber die Wunden sind verschlossen", sagte ich zu ihm. Er starrte mich an. "Er hat einen Weg hierher gefunden?", fragte er erstaunt. Ich nickte. "Die Umgebung ist sauber, es waren tatsächlich nur die fünf, die mir gefolgt waren", sagte Anordil leise, als er aus der Dunkelheit auf uns zu trat. Marc zuckte zusammen. Er hatte ihn nicht kommen hören. Ich dagegen hatte seine Aura gespürt. Die einzige übrigens, die ich wahrnehmen konnte. Warum das so war, wusste ich nicht.
Marc musterte Anordil aufmerksam. "Darf ich vorstellen?", sagte ich lächelnd, "dies ist Anordil Glordoronion, mein Gemahl. – Anordil, dies ist Marc Smith. Er war mir in der Zeit, die ich bereits hier weile ein guter Freund." "Sei gegrüßt, Marc Smith", sprach Anordil freundlich und reichte ihm die Hand, "wenn Arwen euch Freund nennt, so werde ich es auch tun." Marc verneigte sich ehrerbietig, bevor er die Hand ergriff. Schließlich hatte ich ihm von Anordil erzählt. Er wusste, dass er einen Edlen des Elbenvolkes vor sich hatte, der zudem etliche tausend Jahre älter war als er.
"Seid willkommen in Willfour Manor", erwiderte er, beinahe ehrfürchtig, "ich bin froh, dass Annas Wunsch wenigstens zum Teil in Erfüllung gegangen ist. Sie hat viel von ihnen erzählt. – Und ich schätze mich glücklich, einem Elben Mittelerdes die Hand schütteln zu dürfen." "Wir sollten wieder hineingehen", sagte ich zu Marc, "aber am besten über den Hintereingang." Marc nickte zustimmend. "So wie wir aussehen, sollten wir zuerst auf die Zimmer schleichen", entgegnete er, "in diesen Kleidern können wir uns nicht beim Fest blicken lassen."
"Warum nicht?", schmunzelte ich, "Blut und zerfetzte Kleidung ist doch das passende Outfit für Halloween." Entsetzt sah er mich an. Anordil blickte fragend. "Ich denke, dass erklärt Anna besser als ich", seufzte Marc und humpelte voraus. Ich ergriff Anordils Hand. Wortlos zog ich ihn mit mir. Ich musste Marc Recht gegen. Wir sollten wirklich zuerst unauffällig auf unsere Zimmer schleichen. Orkblut war schließlich schwarz. Zudem roch es etwas unangenehm, was zum einen am Blut selber lag und zum anderen daran, dass Orks furchtbar schmutzig waren. Demzufolge konnte es nur besser sein, wenn wir die Gewänder wechselten, bevor wir uns wieder in den Festsaal begaben.
Angespannt folgte Anordil mir durch das Haus. Vom Festsaal drang laute Musik. Sie musste unangenehm für die Ohren eines Elben klingen. In meinem Zimmer war diese zum Glück nur gedämpft zu vernehmen. "Dies ist mein kleines Reich", sagte ich leise, "sei mir willkommen, mein Geliebter." Anordil blickte sich aufmerksam um. Dann legte er seine Waffen ab. Behutsam nahm er mich in die Arme. Es schien, als hätte er Angst mich zu erdrücken. Vorsichtig fuhr er mit einem Finger über die Konturen meines Gesichtes. Tief schaute er mir dabei in die Augen. Ein Feuer loderte in ihnen.
"Anor nîn, el silar nîn – meine Sonne, mein leuchtender Stern", flüsterte er mir zu, als er mich erneut in die Arme schloss. Ich schmiegte mich ganz nah an ihn und atmete seine Nähe. Ein Duft nach Wald und Moos. Ich konnte es nicht glauben, dass er jetzt hier war. Furcht breitete sich in mir aus. Die Furcht, er würde nur ein Trugbild sein und verschwinden, sobald ich die Augen öffnete. Daher zog ich es vor diese geschlossen zu halten. "Anirannen na gen - ich sehnte mich nach dir", flüsterte ich, "ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen."
Einige Minuten standen wir einfach so da. Genossen die Nähe des anderen. Atmeten tief des anderen Duft. Hörten seinen Herzschlag. Spürten die Wärme seines Körpers. Ja, er war da. Zu deutlich nahm ich ihn wahr, als das es ein Streich meiner Sinne sein könnte. Die Musik von unten hallte dumpf. Mahnte mich, dass ich bald wieder auf der Bühne sein sollte. Ohne es wirklich zu wollen, löste ich mich aus Anordils Umarmung. Er sah mich fragend an. "Wir müssen hinunter. Ich muss gleich noch einmal singen", sagte ich mit Bedauern in der Stimme. Anordil nickte verstehend. "Wir können nachher reden", stimmte er mir zu.
Danach versorgte ich meine Wunde. Eher gesagt, Anordil sprach einen kleinen Heilzauber. Ich reichte ihm das zweite Gewand, welches ich heute eigentlich tragen wollte. "Dieses Fest diente ursprünglich dazu, die Toten zu ehren", erklärte ich ihm, "bei den Kelten heißt es Samhuin. Für sie bedeutet es, dass sich die Welt der Lebenden und die Anderswelt, wie sie das Reich der Toten nannten, in jener Nacht berührten. Die toten Seelen wandern herum, besuchen die Plätze, wo sie gelebt haben und wandern neben den Lebenden. Die Christen nennen diese Nacht Allerseelen. Auch hier glaubt man, dass die Seelen der Toten umherwandern und teilhaben am Geschehen. Halloween dagegen ist ein amerikanischer Brauch. Amerika ist ein Land weit im Westen. – In den Anfängen des Halloween kam die Bedeutung der von Allerseelen oder Samhuin gleich. Doch im Lauf der Zeit und im Zuge dessen, das die Menschen an immer weniger glauben, wurde aus dem Fest der Toten ein Fest der Lebenden, an dem sie den Tod feiern. Sie tragen Masken und verkleiden sich als Geschöpfe der Dunkelheit."
"Äußerst merkwürdig", kommentierte Anordil, "warum sollte sich jemand als Ork verkleiden?" Ich lächelte ihn an. "Orks wohl weniger", erwiderte ich amüsiert, "eher Vampire oder Werwölfe und ähnliche Gestalten." Nachdem ich ihm die Maske befestigt hatte, drehte er sich zu mir um. Er sah höllisch schön aus in dem schwarzen, fließenden Gewand, mit den goldenen Haaren und den strahlendblauen Augen. Letztere wurden durch die schneeweiße Gesichtsmaske noch zusätzlich betont. Ich zog wieder das weiße Kleid von vorhin an. Gelassen nahm ich die blutrote Maske. Die Dolche konnten wir bequem unter den Gewändern verstecken.
Es klopfte leise an der Tür. Automatisch ging mein Griff zum Dolch. Anordil legte mir die Hand auf meinen Waffenarm. "Es ist der junge Mann von vorhin, Marc", wisperte er mir zu. Er war eindeutig ein Meister im Auren spüren. Ich öffnete die Tür. Marc hatte sich ebenfalls umgezogen. Die graue Robe, die er nun trug, war sein Alternativkostüm gewesen. Er wirkte immer noch ein wenig blass um die Nase, schien sich aber gefangen zu haben. Bewundernd pfiff er durch die Zähne, als er Anordil ansichtig wurde. "Meine Güte", stieß er hervor, "ich dachte nicht, dass es jemanden gibt, der in dieser Robe so verdammt gut aussieht." "Uns Elben kleiden beinahe jegliche Gewänder", gab Anordil trocken zurück. "Wir sollten langsam hinunter gehen", warf ich ein, "wir werden bestimmt bereits vermisst."
Gemeinsam gingen wir in den Festsaal. Dort war die Stimmung beeindruckend gut. Wie ich vermutete, wurde ich von Patrice schon erwartet. Sie trug ein Kleid in dunklen Grautönen. Ihr Gesicht war bleich geschminkt. Kunstblut hatte am Hals eine rote Spur hinterlassen. "Wo steckssst du nur", fragte sie mich, "man wartet bereitsss ungeduldig auf deinen weiteren Vortrag." Durch ihre aufgeklebten langen Eckzähne, lispelte sie ein wenig. Bewundernd musterte sie Anordil. "Zssu welcher Sstudentenssschaft gehört denn diessse düssstere Gesstalt?" In Anordils Augen blitzte es amüsiert auf. Offensichtlich ließ er sich auf die Besonderheiten von Halloween ein. "Sei gegrüßt, Sterbliche", wisperte Anordil mit seidenweicher Stimme. Ich sah, wie Patrice zusammenzuckte und ihr eine Gänsehaut überlief. Hinter meiner Maske musste ich mir mein Lachen nicht verkneifen. Es sah sowieso keiner.
Meine Augen trafen Anordils. In ihnen glitzerte es vor Vergnügen. Insgeheim schüttelte ich den Kopf. Dies war eben Elbenart. Vor nicht einmal einer halben Stunde hatte er mit etlichen Orks gekämpft und nun frönte er dem Spiel. Hatte ich erwähnt, dass Elben gerne Spielen? Und einige von ihnen Wetten über alles lieben? Dabei musste ich an Luvalaes denken. Ich konnte nur froh sein, dass er nicht gleichermaßen den Weg hierher gefunden hatte. Anordil war bereits auffallend genug. Nun gut, nicht gerade an diesem Abend. Jedoch morgen, bei Tageslicht. Aber Luvalaes? ... Die beiden Brüder im Doppelpack? ... Ich wagte nicht daran zu denken.
"Erui ben bul drevaded i annon - das Tor konnte nur einer durchqueren", wisperte mir Anordil ins Ohr, als ich zur Bühne ging, "deshalb ging ich alleine. Übrigens – schöne Grüße von Luvalaes. Ich traf in Lothlórien." Entgeistert sah ich ihn an. "Jetzt glaube ich auf keinen Fall mehr, dass du nicht meine Gedanken liest", antwortete ich entsetzt und wich einem der Tänzer aus mit dem ich beinahe zusammengestoßen war, "du konntest mein Gesicht nicht sehen." Vergnügt sah er mich an. "Aber deine Augen", konterte er.
Darauf konnte ich keine Antwort geben. Mir fehlten schlichtweg die Worte. Daher nahm ich meine Flöte und stieg auf die Bühne. Dort spielte ich zwei düstere Stücke. Danach hatte ich mich wieder unter Kontrolle. Anschließend wechselte ich auf die Laute. Ich sang eine Ballade. Anordil stand vorne an der Bühne. In seinen Augen glitzerte es. Er blickte in meine Seele. Und er wusste, dass ich es wusste. Ich konnte nicht anders, dies musste ich rächen. Spontan forderte ich Anordil auf, zu mir auf die Bühne zu kommen.
"Man linnam - was sollen wir singen", fragte er mich leise, "ú-iston in laer i amar gîn - ich kenne die Lieder deiner Welt nicht." "Die Ballade von Beren und Lúthien", erwiderte ich, "erinnerst du dich an die englischen Worte?" Er nickte zustimmend. Vor einiger Zeit hatte ich sie von Anordil zur Übung ins Englische übersetzen lassen. Das kam uns jetzt zu Gute. Verhalten begann ich die Melodie auf der Laute zu spielen. Die dunklen Töne vibrierten in der Luft. Sobald Anordil einsetzte herrschte Totenstille. Ich musste mich bemühen, meine Gegenstimme nicht fade wirken zu lassen. Seine Stimme passte hervorragend zu dieser Nacht. Er zog alle in seinen Bann. Man sah förmlich, wie er die Herzen der Zuhörenden berührte. Sie hörten nicht nur die Musik, sie spürten sie regelrecht.
Nach unserem Vortrag herrschte erst einmal Stille, bevor wir tosenden Applaus bekamen. Bevor sie uns von der Bühne ließen, mussten wir ein weiteres Stück singen. Wir entschieden uns für "Den Fall Morias". Es erschien mir passend für Halloween. Dann hatte ich endlich meine Pflicht erfüllt und konnte den Rest des Abends und der Nacht genießen. Nach einer Stunde zog ich mich unauffällig mit Anordil zurück. Schließlich hatten wir viel zu bereden.
In meinem Zimmer angekommen, schloss ich aufatmend die Türe hinter uns. Vorsichtshalber drehte ich in dieser Nacht sogar den Schlüssel herum. Die Maske, die ich trug, warf ich achtlos an die Seite. Beinahe vorsichtig löste ich seine Gesichtsmaske. Erleichtert atmete ich auf, als ich sein schönes Antlitz sah. "Ich bin wirklich hier, meine Geliebte", sagte er sanft. "Ich wagte nicht daran zu glauben", antwortete ich ihm, "es ist so unwirklich." Vorsichtig liebkoste er meine Lippen. "Ú-olthach - du träumst nicht", flüsterte er mir ins Ohr, "im sí. – Ertham. - Ich bin hier. – Wir sind vereint."
Behutsam nahm er mein Gesicht in seine Hände. Seine strahlendblauen Augen tasteten jeden Inch davon ab. Ich versank in diesem Blick. Zärtlich strich er mit den Fingern die Konturen meines Gesichtes nach. Erwartungsvoll öffnete ich die Lippen. Als er mich küsste, schloss ich die Augen. Genoss jeden Augenblick. Seine Zunge fuhr vorsichtig über meine Lippen. Berührte sanft meine Zunge. Ich spürte seine Nähe. Roch seinen Duft. Er berauschte mich. Seine Hände wanderten über meinen Körper. Erforschten ihn. Streichelten. Forderten. Mein Gewand fiel zu Boden. Heiße Wellen durchfuhren mich. Erregt nestelte ich an den Verschlüssen seiner Robe und verfluchte die Haken, die es hielten.
Leise lachte Anordil auf. "Gemach, meine Sonne", flüsterte er mir ins Ohr, "die Hast ist der Tod der Liebe. Habe ich dich dies nicht gelehrt?" Ein leises Knurren meinerseits veranlasste ihn, selbst Hand an das Gewand zu legen. "Wie ich sehe, ist die Schüchternheit nicht mehr dein Gast." Seine Worte klangen amüsiert. Seine Hände fuhren zärtlich über meine Haut. Erzeugten kleine Schauer. Sanft liebkoste er mein Gesicht, meinen Hals. Tasteten sich zu meinem Busen. Seine Haare kitzelten mich, wenn sie mich flüchtig berührten.
Er hauchte kleine Küsse auf jeden einzelnen Inch meiner Haut. Unendlich langsam näherte er sich erneut meinen Lippen. Verschloss sie mit einem warmen, zärtlichen Kuss, welcher mich erzittern ließ. Ich hob meine Arme, zog ihn näher zu mir heran und erwiderte seine Zärtlichkeit. Sanft glitten meine Fingerspitzen über sein Gesicht. Sein wunderschönes Gesicht, dessen Anblick ich so lange hatte entbehren müssen. Ich tastete mich vorwärts zu seinen Ohren. Fuhr die Konturen ab. Massierte sie behutsam. Anordil schloss genüsslich die Augen. "Fürwahr", flüsterte er, "von Schüchternheit keine Spur mehr."
Er küsste mich erneut, forderte mit seiner Zunge Einlass. Nur zu gerne gewährte ich ihm dies. Behutsam schloss er mich in seine Arme. Hob mich geschmeidig hoch und trug mich hinüber zu meinem Bett, als wäre ich eine Feder. Jetzt war ich dankbar um die Breite dieses alten Möbelstückes. Er legte sich neben mich. Stützte sich auf einem Ellenbogen und betrachtete mich gänzlich. "Gefällt dir, was du siehst?", fragte ich ihn. Meine Stimme klang heiser vor Erregung. Er lächelte mich an. "Mae - ja", erwiderte er, "mir gefällt sehr, was ich sehe. – Ich habe dich vermisst."
Langsam streckte ich eine Hand aus. Berührte seine seidige warme Haut. Ich spürte jede Faser seines Körpers. Die festen Muskeln unter der weichen Haut. Ein leises wohliges Stöhnen kam über seine Lippen. Eine Spur von gehauchten Küssen ließ ihn erschauern. Liebevoll küsste ich seine Haut. Wanderte mit der Zunge zu seinen Brustwarzen. Umspielte sie. Knabberte genüsslich daran, bevor ich zu seinem Bauchnabel wanderte und dort meine Zunge vergrub. Ich hörte seinen Atem schneller werden.
Anordils Hände ließen mich innehalten. Sanft zog er mich zu sich hoch. Schloss mich in seine Arme. Seine Haut auf meiner. Es raubte mir beinahe den Verstand. Langsam, unendlich langsam und zärtlich begaben sich seine Hände und seine Lippen erneut auf Wanderschaft. Ich begab mich gänzlich in seine Hände. Ließ ihn forschen und fordern. Genoss die Gefühle, die er in mir wachrief. Sein Atem auf meiner Haut jagte Schauer über meinen Rücken. Mein Herz schlug schneller. Es war so laut, dass ich wusste, er hörte es. Er verstärkte seine Berührungen. Steigerte damit das Kribbeln in meinem Körper ins Unermessliche. Ich keuchte auf, als er behutsam anfing an meiner Brustwarze zu saugen.
Seine Hand wanderte weiter hinunter. Berührten meinen Oberschenkel. Tasteten sich vorsichtig zu der empfindlichsten Stelle vor, die er behutsam anfing zu massieren. Wellen der Lust durchströmten mich. Ich wand mich hin und her. Schob ihm mein Becken entgegen. Mehr als bereit ihn aufzunehmen. Doch Anordil hörte nicht auf. Er intensivierte gar noch die Berührungen. Schauer rannen durch meinen Körper. Anordils Augen beobachteten mich. Registrierten jede einzelne meiner Reaktionen. Ich sah ihn an. Unfähig zu sprechen. Seine tiefblauen Augen verschlangen mich. Mir war vorher nie derart bewusst gewesen, dass ihre Farbe seine Gefühle widerspiegelte.
Zärtlich verschloss er meine Lippen mit einem Kuss. Seine Hände schoben meine Beine ein wenig auseinander. Ich spürte sein Gewicht. Sein heißes Geschlecht. Erwartungsvoll drängte ich mich ihm entgegen. Und stöhnte laut auf, als er behutsam in mich eindrang. Schwer atmend passte ich mich seinem Rhythmus an. Ließ mich von ihm davon tragen auf den Wellen der Lust. Immer wieder zog er sich aus mir zurück, steigerte mein Verlangen ihn in mir zu spüren. Dann endlich ließ er seine Beherrschung fallen und drang tief in mich ein. Gemeinsam erreichten wir den Höhepunkt.
Erschöpft lehnte ich mich zurück. Anordil streichelte sanft meinen Körper. Er ließ die Wellen der Lust langsam ausklingen. Zärtlich küsste er mich. "Milin gen - ich liebe dich", flüsterte ich. "Iston - ich weiß", erwiderte er leise. Ich kuschelte mich an ihn. Genoss seine Nähe. "Man cerir? - Was ist geschehen?", fragte ich, "ich meine, was geschah, nachdem ich verschwand?"
"Bei dem Kampf hatte ich gedacht, Faxus würde mit dem gegnerischen Zauberer fertig werden, aber dem war nicht so", erzählte Anordil, "als ich sah, wie du in einem Lichtblitz verschwandest, war ich entsetzt. Minuten später schafften wir es, die Angreifer zu besiegen. Nach dem Kampf habe ich den Platz untersucht, wo du gestanden hattest sowie die Überreste des Zauberers. Ich kam zu dem Schluss, dass er dich nicht getötet, sondern nur durch ein Tor gestoßen hatte. Nur wohin, dass war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Der Torstein des Zauberers war bei dieser Aktion geborsten. Ich nahm ihn trotzdem an mich. Ich habe ihn später untersucht und festgestellt, dass sich das Tor hierher geöffnet hatte, in deine Welt. Das war für mich eine große Erleichterung. Doch ich brauchte Wochen, um ein Tor zu aktivieren, was aber misslang."
"Mae - ja", unterbrach ich ihn, "ich hatte es gespürt." Anordil fuhr mit seinen Fingern sacht die Konturen meines Gesichtes ab. "Du hattest mir einmal einen Traum geschickt. Das gab mir wieder Hoffnung. Arthesis und den anderen Händlersohn lieferten wir wieder wohlbehalten in Esgaroth ab. - Und du hattest Recht. - Dieser Brior sollte die Schwester von Arthesis heiraten. Aber sie hatte die Zeit genutzt und war geflüchtet." Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen.
"Anscheinend war sie genauso wehrhaft wie ihr Bruder. Arthesis zumindest schien hocherfreut darüber zu sein. Sein Vater bat uns, ihre Spur aufzunehmen. Also zogen wir erneut los. - Ohne Brior diesmal. Er zog es vor in Esgaroth zu bleiben. Arthesis und Gutfried begleiteten uns. Unser Weg führte uns auch über Lothlórien. Dort blieben wir einige Tage. In einer Nacht hatte ich erneut einen Traum. Du schicktest mir eine Botschaft. Ich sprach mit Galadriel darüber. Sie untersuchte ebenfalls den Torstein. Sie sagte, er wäre gefährlich, weil er durch den Schaden, den er davongetragen hatte, nicht einzuschätzen wäre. Aber ich wollte es ein weiteres Mal versuchen. Legolas erinnerte sich schließlich an eine alten Tempelstätte östlich Lothlóriens. Ich dachte mir, dass ich es dort versuchen sollte. Das Magiefeld war stark an diesem Ort. Allerdings wurden wir von einer Horde Orks überrascht. Legolas und Luvalaes gaben mir indes Deckung. Ich öffnete das Tor mitten im Kampf. Deshalb konnten fünf Orks hierher gelangen. Das tut mir leid."
Ich erzählte ihm, was hier geschehen war. Danach zeigte ich ihm den Torstein, den ich besaß. Anordil betrachtete ihn aufmerksam. "Dies ist nicht nur ein Torstein. Ich fühle es", sagte er leise, "mit großer Wahrscheinlichkeit hätte er dich getötet, wenn du ihn benutzt hättest. Selbst für mich birgt er ein Risiko. Die Symbole sind anders, aber ich werde ihn mit viel Zeit entschlüsseln können." Entsetzen kroch in mir hoch. Es war eine glückliche Fügung, dass er jetzt hier aufgetaucht war. Hätte ich bis zum Imbolc die Symbole enträtselt, dann hätte ich den Stein eingesetzt und wäre vielleicht getötet worden. So erhielt ich noch einmal eine Chance. Ich musste nur einen Weg finden, Anordil unauffällig hier unterzubringen.
Sollte ich das Semester abbrechen? Vielleicht mit ihm zusammen nach Shancahir gehen? Ich würde morgen darüber nachdenken. Vor Erschöpfung fielen mir die Augen zu. Es war ein langer Tag gewesen. Ich kuschelte mich fest an Anordil. Sanft hielt er mich in den Armen. Sekunden später schlief ich an seiner Seite ein. Das erste Mal seit Monaten war mein Schlaf wieder tief und fest.
to be continued ...
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