Begegnungen

Ich erwachte in der Dämmerung. Die Decke zog ich ein wenig enger an mich heran. In tiefen Zügen atmete ich den Duft von Moos und Wald ein. Noch bevor ich die Augen aufschlug, wusste ich, dass Anordil neben mir lag und es kein Traum war. "Gen suilon, anor nîn – sei gegrüßt, meine Sonne", flüsterte er mir ins Ohr, "pano hîn lîn. Ú-olthach. Hanî anwar nâ, garin batho hirant na gen. - Öffne deine Augen. Du träumst nicht. Es ist wahr, ich habe einen Weg zu dir gefunden." Ich schlug die Augen auf. Anordil lächelte mich an. Seine seidigen Haare kitzelten meine nackte Haut. "Ich bin froh, dass du bei mir bist", flüsterte ich zurück, "jetzt wird alles gut werden." Ich glitt aus dem Bett und schaute zum Fenster hinaus.

Die Morgensonne fiel golden ins Zimmer. Leichter Wind bewegte die herbstlich gefärbten Blätter des nahegelegenen Wäldchens. Gestern Nacht hatten dort einige Orks ihr Leben ausgehaucht. Unbemerkt von den Augen dieser Welt. "Deine Mitbewohner sind bereits wach", sagte Anordil. Er hatte sich ebenfalls erhoben und stand nun hinter mir. "Deine Welt ist äußerst laut. Es muss eine große Stadt in der unmittelbaren Nähe geben, denn ich konnte Glocken hören. Gehören sie zu den Tempeln dieser Welt?" Ich nickte. "Mae - ja", bestätigte ich, "Oxford liegt dort drüben hinter dem Wäldchen. - Und du hast Recht. Die Glocken, die du gehört hast, sind Tempelglocken. In meiner Welt heißen die christlichen Tempel Kirchen und sind immer mit Glocken bestückt. - Sieh dort drüben." Ich deutete zum Wald hinüber. Hinter den Baumwipfeln konnte man die Turmspitzen von Oxford sehen.

"Ist dies die Stadt?", fragte er mich. "Ja", nickte ich zustimmend, "in den nächsten Tagen werden wir einige Ausflüge dorthin machen. Ich werde dir die Stadt zeigen und dich in die Besonderheiten meiner Welt einführen." Spontan hatte ich beschlossen, dass wir erst ein paar Tage vor Ort bleiben würden. In Oxford hatte ich mehr Möglichkeiten Anordil für diese Welt bereit zu machen. "Warte einen Augenblick", sagte ich zu ihm, "ich werde rasch zu Marc hinüber gehen und ihn um ein paar Kleidungsstücke bitten. Deine Elbenkleidung ist zu auffallend." Anordil nickte zustimmend. Ich schlüpfte in Jeans und Pullover. Anschließend zog ich ein paar bequeme Schuhe an und schlich aus dem Raum.

Das Zimmer von Marc lag am Ende des Flures auf der anderen Seite. Ich klopfte leise an die Tür. Nach ein paar Sekunden wurde mir geöffnet. "Ich habe mir gedacht, dass du vorbeikommst", flüsterte Marc. Ich glitt ins Zimmer. "Guten Morgen, Marc", wisperte ich zurück, "ich wollte mir bei dir ein paar Sachen ausleihen. Schließlich hat Anordil keine geeignete Kleidung mitgebracht." Marc lächelte mich müde an. Um seine Augen waren leichte graue Schatten.

"Wie geht es deinen Wunden?", fragte ich ihn. Er bewegte seine Arme und tastete den Oberkörper ab. "Erstaunlicherweise gut", erwiderte er, "es sind ein paar blaue Flecke da und es tut weh, wenn ich mich bewege, aber ansonsten ist nichts zu sehen. Dabei habe ich gedacht, diese Monster schlagen mich in Stücke. Ich hatte wirklich Angst. Und es tat verdammt weh. Ich habe bereits oft über Kämpfe gelesen, doch den Schmerz der Wunden kann man sich nicht vorstellen. Es hat mich regelrecht geschockt. Nie hätte ich gedacht, dass ein Schwertstreich derart schmerzen könnte. Und wie rasch das Blut fließen kann. Wenn Anordil nicht geholfen hätte – ich wäre vielleicht verblutet, wie ein abgestochenes Schwein. Er ist wirklich verdammt gut." "Du wärst eher an dem Schock gestorben", entgegnete ich trocken, "die Wunden waren nicht tief und es war keine Arterie getroffen. Folglich hättest du nicht verbluten können."

"Musst du immer so realistisch sein?", maulte er beinahe beleidigt. Mit einem vernichtenden Blick ging Marc zum Kleiderschrank. Er kramte einige Minuten und reichte mir dann ein paar Sachen an. "Ich denke, dass dürfte passen", meinte er zufrieden, "Anordil scheint eine ähnliche Kleidergröße wie ich zu haben. – Hier ist ein hoffentlich passender Gürtel. Notfalls muss er die Hose ein wenig enger schnallen." Ich nahm den Packen entgegen. "Vielen Dank, Marc. Wir sehen uns beim Frühstück." Er nickte kurz und ich schlich mich wieder zur Tür hinaus.

Rasch huschte ich zurück in mein Zimmer. Anordil stand noch immer am Fenster. Die Herbstsonne zauberte goldene Reflexe in sein Haar. "Deine Welt ist außerordentlich merkwürdig", sagte er leise, "vorhin sah ich einen Vogel, der kein Vogel sein konnte. Die Flügel waren viel zu starr. Desgleichen bewegte er sich recht eigenartig." Ich lächelte verständnisvoll. "Was du gesehen hast, war tatsächlich kein Vogel", antwortete ich ihm, "es muss ein kleines Flugzeug gewesen sein. Eine Maschine, die Menschen durch die Luft befördern kann." Anordil sah mich irritiert an. "Eine Maschine, die Menschen durch die Luft tragen kann?", wiederholte er leise, "das ist wahrlich merkwürdig." Sanft legte ich meine Hand auf seinen Arm. "Ich weiß, wie du dich fühlst", flüsterte ich, "mir ging es ähnlich, als ich Mittelerde betrat. Daher kann ich dich gut verstehen."

Ich reichte Anordil die Kleider, die ich von Marc bekommen hatte. Er musterte sie interessiert. Ich zeigte ihm, wie man sie anlegte und schloss. Als er angekleidet war, betrachtete er sich neugierig im Spiegel. Anordil fühlte sich sichtlich unwohl in den Jeans, dem Hemd und den festen Turnschuhen, aber er verzog keine Miene. "Es tut mir leid, Anordil", sagte ich bedauernd zu ihm, "aber die elbischen Gewänder sind wirklich viel zu auffällig. Das einzige, was mir jetzt Sorgen macht, sind deine Ohren." Er sah mich fragend an. "Es gibt auf meiner Welt keine Elben", erklärte ich, "auch keine Zwerge, Halblinge, Orks, Warge, Trolle, Drachen und Zauberer. Hier existieren nur Menschen." "Ich erinnere mich", erwiderte Anordil, "die Form meiner Ohren ist in deiner Welt unbekannt. – Doch sei ohne Sorge. In der Zeit, wo wir getrennt waren, bekam ich die Gelegenheit neue Zauber zu lernen. Nun kann ich meine Ohren wie die der Menschen aussehen lassen. Allerdings nur für wenige Stunden." "Das reicht vollkommen", sagte ich aufgeregt. Er murmelte ein paar Worte und Sekunden später waren seine Ohrspitzen verschwunden. Zufrieden nickte ich. "Dann wollen wir Frühstücken gehen", lachte ich erfreut. Die Jacke, die ich von Marc erhalten hatte, legte ich über einen Stuhl. Anschließend gingen wir hinunter.

Anordil hob belustigt eine Augenbraue, als wir unten in den Speisesaal kamen. Ich war nicht verwundert, denn nach etlichen vorangegangenen Feiern war mir dieser Anblick bereits bekannt. Meine Wohngenossen saßen bereits versammelt. Mehr oder minder munter und in einem mehr oder weniger guten Zustand.

Neill sah arg verkatert aus, genau wie Angela und Steve. Die beiden rührten gedankenverloren in jeweils einem riesigen Becher Kaffee. Patrice hatte dunkle Ringe unter den Augen, die von einer durchwachten Nacht zeugten. Der einzige, der dagegen halbwegs munter und fit aussah, war Marc. "Verweichlichter Haufen", kommentierte Anordil leise auf Sindarin, "bei einem Fest der Zwerge würde das wohl keiner von ihnen überleben. - Vielleicht nur Marc."

"Guten Morgen, ihr beiden", begrüßte uns Marc, "setzt euch und greift zu." Einladend deutete er auf den reichlich gedeckten Tisch. Patrice schaute ihn müde an. "Vielleicht wärst du vorher so nett, denn toll aussehenden jungen Mann an Annas Seite vorzustellen", sagte sie leicht verkatert. Junger Mann, dachte ich bei mir, wenn du wüsstest. Ich konnte mir mit Mühe ein Lächeln verkneifen. Anordil tat, als habe er diese Bemerkung nicht mitbekommen.

"Dies ist Garret O'Neill", antwortete ich rasch an Marcs Stelle, "er studiert in Dublin Keltologie und ist mein Mann." Patrice sah uns überrascht an. Und nicht nur sie. "Willkommen in Willfour Manor, Garret", sprach sie und reichte ihm die Hand. Anordil zuckte mit keiner Wimper. "Vielen Dank für Euren Willkommensgruß, .....", er lächelte sie fragend an und nahm ihre Hand. Man sah, dass Patrice eine Gänsehaut bekam. Anordils Stimme tat seine Wirkung.

"Patrice, ich heiße Patrice", hauchte sie leise. "Nochmals vielen Dank, Patrice", sagte Anordil. Sie sah ihn fasziniert an. Hätte sie nicht gesessen, würde sie augenblicklich dahin schmelzen. Ich lächelte nur. Es war immer wieder schön zu sehen, welche Wirkung Anordil auf Frauen hatte. "Willkommen in unserer Runde, Garret", sagte Angela überrascht, als sie ihm ebenfalls die Hand gab, "du hast uns nicht erzählt, dass du verheiratet bist, Anna. - Und das mit einem derart außergewöhnlich gut aussehenden Mann." "Du hast mich auch nicht gefragt", konterte ich trocken.

Es dauerte nicht lange, bis man sich angeregt unterhielt. Anordil meisterte geschickt einige der auftretenden Hürden. Schließlich gab es vieles, was er nicht wissen konnte, aber in meiner Welt selbstverständlich war. Doch anhand seiner über viertausend Jahren Erfahrung gelang es ihm spielend, diese Gesprächsthemen zu meiden oder in eine andere Richtung zu lenken.

Nach dem Frühstück zeigte ich ihm Willfour Manor und das dazugehörige Areal. Anordil zeigte sich beeindruckt von dem Anwesen. Die Bauweise faszinierte ihn. Bei den Ställen besuchten wir die Pferde. Keines der Tiere zeigte ihm gegenüber Scheu oder eine ablehnende Haltung. Selbst die als schwierig einzustufenden Pferde waren außerordentlich zutraulich. Die Tiere hatten ein feines Gespür dafür, dass er nicht dass war, was er zu sein schien. Sie erkannten in ihm den Elb.

"Dies ist Ruby", stellte ich ihm mein ehemaliges Pferd vor, "Ruby und Dark Cloud waren die Pferde von meinem Bruder und mir. Wir haben ihnen damals die Kommandos in Sindarin beigebracht. Sie erinnern sich überdies daran." Ich sprach jetzt Sindarin. Ruby hob den Kopf. Aus der Box daneben konnte ich das aufgeregte Schnauben von Dark Cloud hören. Anordil trat näher. "Tolo na nin – komm zu mir", rief er leise. Ruby drängte sich ans Gatter. Aus der anderen Box schob sich der markante Kopf von Dark Cloud hervor. Er drängte sich an Anordils Hand und schnaubte wohlig, als dieser ihn kraulte. Mit der anderen Hand streichelte Anordil Rubys Blesse. "Es sind schöne Tiere", sagte er, "du musst stolz auf sie sein." "Es sind nicht mehr meine", antwortete ich, "sie gehören nun zum Anwesen."

Auf dem Rückweg zum Hauptgebäude erzählte ich ihm von Patrick, dem Nachlass meiner Eltern und Willfour Manor. Kurz bevor wir das Haus erreichten, hörten wir ein lautes Geknatter auf uns zu kommen. Unwillkürlich umfasste Anordil den Griff des Dolches, welchen er versteckt am Körper trug. Gespannt wie ein Bogen musterte er die Umgebung. Seine Züge entglitten ihm zu einem äußerst merkwürdigen Gesichtsausdruck, als er das erste Auto in seinem Leben sah. Unter lautem Getöse polterte das Gefährt die Auffahrt von Willfour Manor herauf. Ich schmunzelte in mich hinein. Nun konnte ich Anordil gleich eine der Besonderheiten meiner Welt zeigen – Autos!

"Man hen an nad? - Was ist das für ein Ding?", brach es aus ihm heraus. Er hatte Mühe sich zu beherrschen. Anscheinend schwankte er zwischen Vorsicht und Angriff. Ich lachte belustigt. "Das ist ein Auto", erklärte ich ihm, "eher gesagt ein Lieferwagen. Der Metzger aus der Stadt beliefert uns zweimal die Woche mit Fleisch und Wurstwaren." Anordil schüttelte leicht den Kopf. "Das ist befremdlich. Das Gefährt bewegt sich ohne Pferde oder Ochsen. Wie kann es sich vorwärts bewegen ohne das es gezogen wird, Arwen?" Oh je, ich hatte vergessen, wie neugierig Elben sein können. Rasch kratzte ich mein eher spärliches Wissen über Verbrennungsmotoren zusammen. Schließlich hatte ich mich nie damit befassen müssen. Autofahren war für mich stets eine Art Nutzung des Wagens gewesen. Mit der damit verbundenen Technik hatte ich mich nie beschäftigt. Hauptsache, das Auto fuhr. Allerdings war ich seit meinem ersten Verschwinden nicht mehr selber gefahren. Ich wusste gar nicht, ob ich es überhaupt noch beherrschte.

"Soweit ich weiß, hat das Auto ein Behältnis, in dem eine Flüssigkeit verbrannt wird. Dadurch wird ein Gestänge betrieben, das die Räder bewegt. Die Gase, die bei der Verbrennung entstehen, werden anschließend in die Luft abgeleitet. - Das ist übrigens der metallische Geruch, der dieser Welt anhaftet." Anordil nickte verstehend. "Dieses Ding wäre etwas für Zwerge. Sie experimentieren gerne mit mechanischen Dingen. Es würde ihnen viel Vergnügen bereiten, solch ein Gefährt auseinander zu nehmen und zu studieren." Da mochte er wohl Recht haben. Gemächlich betraten wir das Haus.

Das Mittagessen würde heute kalt ausfallen. Eher gesagt, es gab die Reste vom Vorabend. Was im übrigen ganz gut war. Jeder bediente sich aus der Küche, wie es ihm beliebte. Erst heute Abend würde es warme Kost geben. Am Nachmittag standen Aufräumarbeiten an. Schließlich musste der Saal wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden. Anordil packte bereitwillig mit an. In dem allgemeinen Durcheinander fiel es nicht weiter auf, wenn er manche Dinge etwas eingehender betrachtete. Zwischendurch stubbste mich Marc kurz an.

"Anordil hat sämtliche Frauen um den kleinen Finger gewickelt", flüsterte er mir zu, "sieh nur. – Sogar unsere Kratzbürste Susann würde ihm aus der Hand fressen." Ich sah hinüber zu dem kleinen Grüppchen und wusste sogleich, was er meinte. Anordil entfernte Teile der Dekoration, die Susann zusammenfaltete. Dabei unterhielten sie sich angeregt. Susann war ungewöhnlich zugänglich. Patrice war ebenfalls dort drüben beschäftigt. Er zog Frauen an, wie das Kerzenlicht die Motten.

"Ich kann es gut verstehen", erwiderte ich leise lachend, "er hat eine völlig außergewöhnliche Wirkung auf Frauen. - Sein Bruder übrigens noch mehr." Marc rollte die Augen. "Dann können wir froh sein, dass dieser nicht ebenfalls den Weg hierher gefunden hat", kommentierte er trocken, "andernfalls würden wir überhaupt nicht mehr zum Arbeiten kommen." Ich lachte derart laut, dass Anordil zu mir herüber sah. Seine strahlendblauen Augen blickten mich liebevoll an. Er lachte ebenfalls. In diesem Moment konnte jeder sehen, dass wir ein Paar waren.

Wir benötigten den ganzen Nachmittag um die Spuren des Festes zu beseitigen. Anschließend begab sich Marc mit Patrice in die Küche, um das Abendessen zu bereiten. Marc war ein begnadeter Koch, deshalb freute ich mich bereits darauf. "Deine Welt ist äußerst interessant", sagte Anordil zu mir, als wir alleine waren, "ich habe bei niemandem eine magische Aura gespürt. Magie scheinen die Menschen hier gar nicht zu kennen. Ist das richtig?" "Niemand in meiner Welt kennt Magie oder glaubt an sie", erwiderte ich, "Magie gehört ins Reich der Märchen. Es gibt wohl eine Handvoll Illusionisten auf der Welt, deren Fähigkeiten an der Grenze zur Magie sind, aber sie arbeiten nur mit ausgefeilten Tricks."

Er drehte nachdenklich seinen Dolch in der Hand. "Desgleichen habe ich bemerkt, dass keiner eine Waffe besitzt", sagte er. "Es ist nicht üblich Waffen zu tragen, außer man gehört zur Polizei oder vergleichbaren Einheiten", erklärte ich, "aber es gibt genügend Leute, die Waffen besitzen. Sie hängen diese an die Wand oder gehen zum Zeitvertreib auf die Jagd. Aber das offene Tragen von Waffen ist nicht üblich. Jedenfalls nicht hier in Europa." Anordil nickte verstehend. "Folglich muss deine Welt ausnehmend friedlich sein", erwidert er zufrieden. Ich seufzte. "Leider ist das Gegenteil der Fall", entgegnete ich traurig, "es gibt immer wieder militante Gruppen, die den Frieden stören. Manche von ihnen sind schlimmer als Orks. Terroranschläge sind in dieser Welt an der Tagesordnung. Es vergeht kein Tag, ohne eine neue Horrormitteilung. - Anschläge in Palästina. Bomben im Baskenland. Erdbeben in Indien. Überschwemmungen in China."

Anordil zeigte sich verwirrt. "Aber wie können alle diese Nachrichten zu euch gelangen, ohne das Magie im Spiel ist", fragte er irritiert. Jetzt konnte ich lächeln. "Es gibt Maschinen, die sich Fernseher nennen", erklärte ich, "über diese können wir die Nachrichten sehen und hören. Im übrigen gibt es kleinere Maschinen, die Radios genannt werden. Dabei wird nur der Ton übertragen." Interessiert sah er mich an. "Wie die Palantiri im alten Reich von Gondor?", warf er fragend ein. Spontan stand ich auf. "Aphado nin, Anordil - komm mit, Anordil. Ich werde es dir zeigen." Neugierig folgte er mir.

Wir hatten ein Zimmer in Willfour Manor mit einem Fernseher ausgestattet. Es lag direkt neben der Bibliothek. Dort angekommen, schaltete ich das Gerät ein. Auf einem der Kanäle liefen sogar Nachrichten. Anordils Gesichtsausdruck war äußerst merkwürdig. Vorsichtig betrachtete er das Gerät, als wäre es gefährlich.

"Es sieht nicht aus wie ein Palantir", murmelte er, "aber es funktioniert wohl gleichermaßen." Er verharrte kurz. "Aber ich spüre keine magische Aura. Nur ein eigenartiges Summen ist zu hören." Erstaunt sah ich ihn an. Bisher hatte ich nie geglaubt, dass man Strom hören konnte. "Das muss die Elektrizität sein", antwortete ich, "manche Menschen sind derart empfindlich, dass sie diesen als hohen Summton empfinden. Ich vergaß, dass das Elbenvolk äußerst empfindsam ist. Elektrizität ist die Kraft, die das alles betreibt. Sie gibt uns Licht, Wärme und man kann sie als die Triebkraft dieser Welt bezeichnen. Heute funktioniert nahezu nichts mehr ohne Elektrizität. Der Mensch ist abhängig davon geworden."

"Wie eine Sucht?", fragte Anordil. "Ja, wie eine Sucht", antwortete ich, "ein Mensch meiner Welt ist nicht überlebensfähig in Mittelerde. – Sieh' mich an. Ich hatte überhaupt keine Ahnung über die Pflanzen und Tiere, als ich in Mittelerde ankam. Ich wusste nicht einmal, wie ich ein Feuer entzünden konnte. Du hast mir das alles beigebracht und mich erst überlebensfähig gemacht." "Eine traurige Welt, in der niemand mehr die grundlegendsten Dinge beherrscht", murmelte er. Ich machte den Fernseher aus, da ich sah, dass es ihm unangenehm war. In diesem Moment hallte eine Glocke durch das Haus. Anordil sah mich fragend an. "Abendmahl", kommentierte ich kurz, "wir haben uns vor einigen Monaten dazu entschlossen, eine Glocke als Zeichen zu nehmen, dass das Mahl fertig ist. Auf diese Weise kann es keiner versäumen."

Als wir das Esszimmer betraten, waren beinahe alle anwesend. Nur Neill fehlte, wie meist. Es duftete verführerisch. Marc hatte sich richtig Mühe gegeben. Es gab eine englische Fleischpastete, verschiedene gebackene Gemüse und geröstete Kartoffeln. Beim Essen wurde, wie es sich bei uns eingebürgert hatte, über Gott und die Welt diskutiert. Anordil hörte diesmal meist fasziniert zu. Ab und zu fragte er geschickt nach, ohne das einer bemerkte, dass er seiner Neugier freien Lauf ließ. Nach dem Mahl half ich Marc beim Abräumen und brachte das Geschirr in die Küche.

"Es ist unglaublich, wie elegant er das alles meistert", flüsterte Marc mir zu, als er den Rumpudding aus dem Kühlschrank holte, "ich hätte mich bereits mehr als ein Dutzend Mal verraten, wenn ich in der gleichen Situation wäre." "Vergiss nicht, er ist mehr als viertausend Jahre alt", antworte ich mit einem breiten Lächeln, "da konnte er einiges an Wissen sammeln, aus dem er jetzt schöpft." "Trotzdem finde ich es ausgesprochen souverän, wie er das handhabt", erwiderte Marc, "vor allem, wie er seine Fragen stellt. Niemand würde auf die Idee kommen, dass er das alles gar nicht kennt." "Er kann bemerkenswert geschickt Fragen stellen", stimmte ich ihm zu, "Elben sind äußerst neugierige Wesen. Als ich das erste Mal mit ihm reiste, nachdem er mich vor den Orks gerettet hatte, bin ich mehr als einmal in seine rhetorischen Fallen getappt. Dies ist mir allerdings immer erst hinterher aufgefallen."

In diesem Moment schwang die Tür auf. "Wer ist in was für Fallen getappt?", fragte Patrice fröhlich, "wir vermissen euch seit einer Weile. Wo bleibt denn der Nachtisch?" Ich hoffte, dass sie nicht die Sätze davor mitbekommen hatte. "Wir kommen", antwortete Marc kurz und kramte in einer Schublade nach einem Servierlöffel. Ich drückte Patrice die Dessertteller in die Hand und öffnete meinerseits eine Schublade um eine Handvoll Dessertlöffel zu greifen.

Als wir wieder den Speisesaal betraten, war Anordil in eine heikle Diskussion mit Susann verwickelt. Mir sträubten sich prompt die Nackenhaare. "Warum sollte jemand nicht getötet werden, wenn er gemordet hat?", fragte Anordil sie seidenweich, "schließlich hat er es vorsätzlich getan und womöglich gegen Entlohnung. Für den Fall, dass er gefasst wird, ist es doch nur recht und billig, dass er dies mit seinem Leben bezahlen muss." Ich wusste, dass Susann vehement gegen die Todesstrafe war und das sie solche Ansichten auf die sprichwörtliche Palme brachten. Sie bekam bereits hektische Flecken im Gesicht. Anordil hingegen – nun er hatte bereits selber etliche Gegner getötet und wohl auch den ein oder anderen Assassinen. Schließlich kam er aus Mittelerde, wo der Tod ständiger Begleiter jedweden Lebewesens ist.

"Aber selbst so einer ist ein Mensch", stieß sie heftig hervor, "und ein Mörder muss büßen. Was aber ist das für eine Buße, wenn er innerhalb von Sekunden getötet wird? – Überhaupt keine. – Er sollte Zeit zum Nachdenken über sein Verhalten bekommen. Wegsperren sollte man so jemanden! Weit weg und den Schlüssel vergessen! - " Sie redete sich in Rage. "Ich glaube, wir wechseln langsam das Thema", warf Marc rasch ein. Er hatte bemerkt, dass Susann kurz vor dem Explodieren stand. Anordil dagegen sah äußerst gelassen aus. Aber er musste es ebenfalls erkannt haben. Das Glitzern in seinen Augen verriet mir, dass er sie provoziert hatte. Er war ein Elb und liebte es zu spielen. Es bereitete ihm Vergnügen andere aus der Reserve zu locken. Und diese Runde hier war praktisch wie geschaffen dafür, seine Wissbegierde in Bezug auf menschliche Reaktionen zu befriedigen.

"Also", hob Steve an, "falls ihr mich fragt, sollten wir diese Diskussion nicht weiter fortführen. Es bringt nichts, darüber zu reden. Jeder hat dazu seinen eigenen Standpunkt. – Und wir alle wissen, das Susann vehement dagegen ist. – Ich schlage vor, wir unterhalten uns über das Bildungssystem – oder die Uni - oder den letzten Schrei am Modehimmel." "Was verstehst du denn von Mode?", unterbrach ihn Patrice mit einem sarkastischen Unterton, "bleib lieber bei dem, wo du was von verstehst."

Allgemeines Gelächter kommentierte diesen Satz. Dies entspannte ein wenig die Situation. "Da man mein Ansinnen nicht ernst nimmt", grummelte Susann, "werde ich mich dem Willen der Mehrheit beugen. – Steve, wo du dabei bist dich ins Fettnäpfchen zu setzen, - was hältst du von der neuesten Schwachsinnsidee unseres werten Professor Blairhorn?"

Steve sah sie leicht irritiert an. Man sah ihm an, dass seine grauen Zellen schlagartig auf Hochtouren arbeiteten. Offensichtlich hatte er keine Ahnung, wovon Susann sprach. Einige Sekunden dauerte dieser Zustand an, bis er sich bewusst wurde, was sie meinte. "Ach, du meinst, das mit den Hausaufgaben?", fragte er nach, "nun – äh, - ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht." "Typisch", fuhr Patrice dazwischen, "über Gott und die Welt zerbrichst du dir den Kopf, aber über Dinge, die dich direkt angehen, denkst du nicht ein einziges Mal nach."

Mit einem leichten Kopfschütteln, als verstünde er die Welt nicht mehr, teilte Marc den Pudding aus. Die Unterhaltung plätscherte nun dahin. Marc musste des öfteren schlichtend eingreifen, wenn es zu hitzig zuging. An diesem Abend erhielt Anordil viele Gelegenheiten, Wissen über meine Welt zu sammeln. Interessiert verfolgt er die Meinungen der einzelnen. Er stellte viele Fragen, ohne dass es auffiel, dass er nicht aus dieser Welt stammte. Das Abendessen zog sich dementsprechend in die Länge. Recht spät hob Marc die Tafel auf. "Ich will ja nicht meckern", meinte er gelassen, "aber da wir noch aufräumen müssen, wäre es vielleicht sinnvoll, ins Musikzimmer zu wechseln. Dort können wir ein bisschen musizieren oder uns weiter unterhalten." "Das ist eine gute Idee", sagte ich erfreut, "dann kann ich Garret die Instrumente zeigen. Er ist schließlich gleichfalls musikalisch begabt, wie ihr gehört habt."

Wir erhoben uns. Anordil und ich gingen voraus. Susann und Neill wollten Marc und Patrice beim Abräumen helfen. Steve ging seine Gitarre holen und der Rest verschwand für einige Zeit für einen kleinen Verdauungsspaziergang. Daher waren Anordil und ich alleine, als wir das Musikzimmer betraten. Er betrachtete interessiert die Instrumente an der Wand. Sein Blick glitt von einem zum anderen und blieb an der Laute hängen. Behutsam nahm er sie von der Wand und ließ ein paar Akkorde erklingen.

"Ich habe oft auf ihr gespielt, seid ich hier bin", sagte ich, "sie ist bei weitem nicht mit einer elbischen Laute zu vergleichen, aber sie besitzt einen guten Klang. – Was ist eigentlich mit meiner Laute geschehen? Konntest du sie retten?" Anordils Finger streichelten die Saiten. Sanft erklang eine elbische Weise. "Sie ist unbeschadet", erwiderte er, "ich ließ sie in Lothlórien, wie auch deinen Kampfstab und deinen Rucksack. Entweder wird Luvalaes es auf dem Weg zurück nach Cillien mitnehmen oder es wird noch dort verweilen, bis du es dir selber abholen kannst." "Lothlórien?", entfuhr es mir überrascht, "der goldene Wald. – Ich bin begierig die Wälder Lóriens zu sehen." Anordil lachte leise. "Du bist Mittelerde verfallen", entgegnete er vergnügt. "Gänzlich", bestätigte ich, "ich sehne mich nach den nebelverhangenen Gipfeln des Hithaeglir, den Regenbogen über den Wasserfällen Bruchtals, dem warmen Grün der Wälder Cilliens. – Mittelerde ist meine Heimat." Anordil nickte verstehend.

Der letzte Akkord des Stückes verhallte. Seine Hände fuhren beinahe zärtlich über das alte Holz der Laute. "Ein beeindruckend schönes Instrument", sagte er, "sie ist alt. Ich kann es fühlen. Fünfhundert Sonnenläufe?" "Ein klein bisschen älter, etwa achthundert", antwortete ich leise, "für eine genaue Datierung müsste man eine Probe vom Holz analysieren lassen. Aber danach könnte man sie nicht mehr spielen, aus diesem Grund haben meine Eltern darauf verzichtet. – Aber ich wusste gar nicht, dass du Laute spielen kannst." "Ich bin nicht so gut, wie Luvalaes oder du", entgegnete er schlicht, "für den Hausgebrauch reicht es. Beinahe jeder Elb kann ein Instrument spielen und singen. Der eine mehr, der andere weniger gut. Ich habe Laute und Flöte gelernt. Allerdings bevorzuge ich die Flöte. Meine Mutter schenkte mir kurz vor ihrem Weggang in die Unsterblichen Lande eine Flöte aus Mithril, in der Hoffnung, dass ich wie Luvalaes lernen würde, darüber Magie zu wirken. Aber ich musste ihre Hoffnung enttäuschen. Die Flöte wartete schließlich Jahrhunderte auf einen neuen Besitzer."

Überrascht hielt ich den Atem an. Unwillkürlich zog ich die Flöte aus meinem Gürtel und betrachtete sie als wäre es das erste Mal. "Sie gehörte deiner Mutter?", flüsterte ich ungläubig, "und du hast sie mir geschenkt? Einfach so?" Er nickte lächelnd. "Ich wusste, du würdest sie nicht annehmen, wenn ich es dir gesagt hätte. Deshalb verschwieg ich es. Ich wollte, dass du sie erhältst. - Du erweckst die Zauber in ihr zu neuem Leben." Ich war nicht fähig darauf zu antworten. Mit Stolz und Bewunderung musterte ich die Flöte in meiner Hand. Silbrig schimmerte sie im Licht. Doch niemand würde vermuteten, dass sie aus dem Zaubermaterial Mithril gefertigt war. Zauberlieder wurden dadurch aktiviert, sobald sie gespielt wurde. Und mit einem Mal erhielt sie einen besonderen Wert.

Nach und nach kamen die anderen dazu. Keiner von ihnen hatte von unserem Gespräch etwas mitbekommen. Wir spielten ein paar Stücke gemeinsam. Anordil hörte interessiert zu. Anschließend sang er einige Lieder, zu dem ich ihn auf der Flöte begleitete, wie am gestrigen Abend. Seine Stimme schlug meine Mitbewohner in den Bann. Auch wenn er, wie er meinte, nicht derart gut singen konnte wie sein Bruder, reichte es vollkommen, um Menschenohren zu betören.

"Du solltest dich eher der Bühne zuwenden und eine Laufbahn als Sänger einschlagen", seufzte Patrice bewundernd, "wenn ich eine solche Stimme hätte, würde ich nicht meine Zeit mit dem Studium verschwenden." "Bildung ist wichtig", warf ich rasch ein, "zwar ist ein derartiges Talent außergewöhnlich, doch die Stimme kann versagen. Und was dann?" "Anna hat Recht", versicherte Anordil, "Gesang alleine füllt keinen hungrigen Bauch. Wir haben viele gute und talentierte Sänger, doch jeder beherrscht ebenso ein Handwerk seiner Fähigkeiten entsprechend." "Wir?", fragte Steve leichthin, "du sprichst, als würdest du von einer anderen Welt reden."

Aber hallo, dachte ich, Vorsicht ist angebracht. "Garret meint, drüben bei uns in Irland", sagte ich schnell, "du weißt doch, dass wir viele gute Sänger haben. Die Corrs, Chris deBurgh, die Dubliners, Sally Oldfield, Capercaillie, Pat Kilbride und wie sie sonst alle heißen." "Und ich denke wir sollten ein bisschen die Musik genießen", sagte Marc, "schließlich ist bald der Abend zu Ende. Ich bin bereits ein wenig müde. Aber ein oder zwei Lieder würde ich gerne noch hören."

Wir taten ihm den Gefallen. Ich war erleichtert, dass wir uns in die Musik flüchten konnten. Auf diese Weise mussten wir keine unangenehmen Fragen mehr beantworten. Langsam ließen wir den Abend ausklingen und allmählich verschwanden meine Mitbewohner auf ihre Zimmer. Marc gehörte mit zu den letzten, die gingen. Anordil spielte ganz leise auf der Laute und ich hörte ihm fasziniert zu. Ich fand, dass er besser spielte als ich. Sein Spiel klang leicht, gleichermaßen schwebend. Gegen Mitternacht zogen wir uns zurück.

In meinem Zimmer löschte ich das Licht. Fahles Mondlicht fiel durch das Fenster. Anordils Silhouette hob sich dunkel dagegen ab. Seine Augen glitzerten. Er blickte in die Ferne. "Ich habe heute viel gelernt über deine Welt", sagte er leise, "und ich bin neugierig auf den morgigen Tag. Es gibt derart viel zu entdecken." "Iston - ich weiß", lachte ich leise, "Elben sind neugierige Wesen, insbesondere, wenn sie Anordil heißen." In einer fließenden Bewegung nahm er mich in den Arm. "Und ich denke, dass ich hier ebenfalls einiges zu entdecken habe", flüsterte er mir ins Ohr.

In den nächsten Tagen zeigte ich Anordil die Stadt und den Campus. Trotzdem er seine Ohrenspitzen weg illusioniert hatte, zog er neugierige Blicke auf sich. War in der Tat nicht weiter verwunderlich. Schließlich sah er aus wie der Highländer aus der gleichnamigen Serie, nur in blond. Eine wirklich imposante Erscheinung. Hochgewachsen, ein engelgleiches Gesicht, die goldblonden langen Haare zu einem Zopf gebunden und mit dem Bewegungsmodus einer Katze. Ihm wurde des öfteren bewundernd hinterher geschaut. Vor allem von Frauen.

Anordil betrachtete alles mit neugierigen Augen. Allerdings machten ihm die Luft und der Lärm zu schaffen, obwohl er es sich nicht anmerken ließ. Staunend sah er die vielen Autos an. Die Läden mit den verschiedensten Erzeugnissen überraschten ihn. Neugierig betrachtete er die Auslagen in den Fenstern. Vor allem die vielen Kirchen beeindruckten ihn. "Es sind auffallend viele Tempel in dieser Stadt", bemerkte er, "gehören sie zu denen, die dich verfolgen?" "Ja und nein", antwortete ich, "diese Tempel heißen Kirchen. Die meisten davon gehören allerdings nicht zur katholischen Glaubensrichtung, sondern zur anglikanischen. Es wird zwar die gleiche Gottheit verehrt, allerdings mit ein paar Andersartigkeiten." "Ich wusste, seit ich dich das erste Mal sah, dass du mutig bist", antwortete er mir, "es spricht von Mut in einer Stadt der Kirchen zu wandeln, wenn man von deren Priestern gesucht wird." Ich lächelte ihn an. "Niemand würde mich ausgerechnet in Oxford vermuten", sagte ich leise, "das ist das beste Versteck." Die Menschen hasteten an uns vorbei. Überall herrschte emsige Betriebsamkeit.

Anordil ging staunend an meiner Seite. Manchmal bereitete es ihm sichtliche Mühe seine Überraschung zu verbergen. Nach einer Weile hatte ich das Gefühl, dass eine kleine Pause angebracht wäre. In einem kleinen Café setzten wir uns in die hinterste Ecke. Anordil schaute sich interessiert um. "Ich kann verstehen, dass du in diese lärmende, stinkende Welt nicht mehr zurück willst", flüsterte er mir auf Sindarin zu. "Ja, sie ist bisweilen hässlich", stimmte ich ihm zu, "aber sie hat nichtsdestotrotz ihre schönen Seiten." Ich bestellte Tee und Kuchen für uns beide. Kaffee hatte er probiert und abgelehnt. Sogar ich trank ebenfalls keinen Kaffee mehr. Die Zeit in Mittelerde hatte mich entwöhnt.

Nach dieser kurzen Unterbrechung gingen wir durch einen der vielen Parks in Richtung meines College. Die meisten dieser Anlagen gehörten zu einem der zahlreichen Colleges dazu. Sie bildeten die grüne Lunge von Oxford. Eichhörnchen flitzten über das Gras und huschten in die Bäume. Sie waren zutraulich, da die meisten Bürger sie fütterten, wie im Londoner Hyde-Park.

Man sah viele Kinder zwischen den Bäumen spielen. Anordil deutete auf sie. "Sie wissen nicht diese Welt zu schätzen", sagte er leise, "ihre Eltern sollten ihre Herzen für die Schönheiten der Natur öffnen und dass sie mit dieser zusammenleben müssen und nicht dagegen." Ich nickte, aber bevor ich ihm antworten konnte, rannte eines von den Kindern in ihn hinein und fiel hin.

Die Kleine blickte hinauf und unter sonnenblonden langen Haarwellen blickten mich die ernsten Augen einer Erwachsenen an. Sie weinte nicht. Es schien mir, als ob sie keine Tränen mehr hatte. Dieses Kind musste bereits viel Leid erlebt haben, schoss es mir durch den Kopf. Eine erschöpfte Frau kam auf uns zu gelaufen. Sie sah abgezehrt und ausgelaugt aus. Sie kam mir bekannt vor, doch ich wusste nicht woher. Anordil hatte sich bereits zu der Kleinen hinunter gebeugt.

"Ist alles in Ordnung mit dir? Hast du dir weh getan?", fragte er sanft. Die Frau war mittlerweile hinzugekommen. Sie sah Anordil aus tief traurigen Augen an. Ihre Bewegungen wirkten fahrig. "Bitte verzeihen Sie den Zusammenstoß", ihre Stimme klang kratzig, wie nach zu vielen Tränen, "meine Sylvi hat sich nicht verletzt. Sie spürt die Schmerzen sowieso nicht mehr." Ihre Augenlider fingen an zu flattern. Der Blick vernebelte sich, als sie unvermittelt zusammenbrach. Anordil fing sie auf und er trug sie zu einer Parkbank hinüber. "Ist meine Mama krank?", hörte ich ein leises Stimmchen. Die Kleine wich nicht von ihrer Seite.

Große rehbraune Augen sahen Anordil an. Er schüttelte den Kopf. "Nein, kleine Sylvi, deine Mama ist nur müde", sagte er leise zu ihr. Seine Hände glitten leicht über das Gesicht der Frau und ich spürte einen winzigen Strom von Magie. Als ich sie anblickte, wusste ich plötzlich, woher ich sie kannte. Überrascht sog ich die Luft ein. Larissa Edwards, oder hieß sie jetzt McGarthy? Ich hoffte, dass sie mich nicht erkennen würde. Schließlich galt ich offiziell als tot. Vielleicht hatte ich Glück.

Larissa erwachte. Verwirrt und irritiert schaute sie uns an. Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Verlegen setzte sie sich kerzengerade hin und richtete ihre elegante aber zweckmäßige Kleidung. "Bitte entschuldigen Sie", sagte sie wiederholt, "ich wollte Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten." Impulsiv zog sie die Kleine an sich und drückte sie fest. Abrupt ließ sie das Kind los. "Sei ein braves Kind, Sylvi, und geh' ein wenig spielen", sagte sie zärtlich zu ihr, "die anderen Kinder warten ja bereits auf dich. Aber lauf nicht so viel. Du weißt, dass du Probleme mit dem Atmen bekommst." Sie deutete zum Spielplatz. Gehorsam ging Sylvi zu den Kindern hinüber. Diesmal rannte sie nicht.

Tränen liefen aus Larissas rotgeränderten Augen. Rasch wischte sie die Tränen fort, bevor sie uns ansah. Ihr Blick blieb an mir hängen. Plötzlich durchzuckte sie die Erkenntnis. "Mein Gott, Arwen!", flüsterte sie bestürzt. Erneut wurde sie bleich. Ihre Augenlider flatterten. Nach Atem ringend setzte sie sich hin. "Bist du es wirklich?", fragte sie entgeistert, "wir alle dachten du wärest tot!"

Nun gut, sie hatte mich erkannt. Jetzt musste ich mir etwas einfallen lassen. "In gewisser Weise bin ich das auch", entgegnete ich, "ich nenne mich jetzt aus verschiedenen Gründen Anna. Bitte verwende diesen Namen, Larissa." Ein wenig irritiert sah sie mich an. Plötzlich blitzte Verstehen in ihren Augen auf. Sie hatte seit jeher eine rasche Auffassungsgabe für ungewöhnliche Situationen gehabt. Ihr Vater war Jurist. Aufgrund meiner Worte würde sie nun ein Zeugenschutzprogramm vermuten und keine neugierigen Fragen stellen. "Meine Güte ist das eine Freude, - Anna", lächelte sie jetzt und umarmte mich herzlich, "wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen." "Über sechs Jahre", erwiderte ich gelassen, "bist du mittlerweile mit diesem Mediziner verheiratet?"

Sie lachte kurz freudlos auf. "Oh ja, das bin ich", sagte sie düster, "darf ich mich vorstellen? – Lady Larissa McGarthy, Frau des Erben von Dunninghill, Roger McGarthy IV." Leer blickten ihre Augen in die Ferne. Sie sah älter aus, als sie eigentlich war. Die Jahre ihrer Ehe waren nicht spurlos an ihr vorübergegangen.

Ich erinnerte mich jetzt deutlich an sie. Damals, als ich mein Studium begann, teilte ich mit ihr den Kurs in Altgriechisch. Edwards hieß sie mit Familiennamen. Sie wirkte immer ein wenig ungelenk und schlaksig. Als würde sie mit ihrer Größe nicht zurecht kommen, denn für eine Frau war sie äußerst hochgewachsen. Ihre langen schwarzen Haare trug sie meist offen, da diese ihre leicht herben Züge weicher werden ließen. Nussbraune Augen unterstrichen ihren blassen Hauttyp. Sie war keine ausgesprochene Schönheit und in manchen Dingen außerordentlich naiv. Aber aufgeschlossen und lebenslustig. Wir hatten zu jener Zeit einiges zusammen unternommen. Sie schien damals meine Nähe zu suchen.

Nur wenig später lernte sie McGarthy kennen. Wie glücklich war sie gewesen, als sie sich verlobten. Ihre Familie war niederer englischer Adel und McGarthy war Erbe eines schottischen Lords. Diese Verbindung war passend. Larissa hatte damit den Zweck ihres Studiums erfüllt. "Ich erinnere mich an McGarthy", sagte ich, "er war Medizinstudent im Abschlussjahr. Du warst überglücklich, als du dich verlobt hattest. Ich erinnere mich, dass du hohe Erwartungen an diese Verbindung hattest. Deine Eltern waren überglücklich über die standesgemäße Wahl."

Düster sah sie mich an. "Und ich habe es bitter bereut", sagte sie verzweifelt. Ihre Stimme klang bedrückt. Sie schwieg ein paar Sekunden, bevor sie tief durch atmete. "Aber erzähle du", forderte sie mich auf, "wer ist dieser nette Mann an deiner Seite?" "Dies ist Garret O'Neill", antwortete ich rasch, "mein Mann." Galant reichte sie ihm die Hand. "Ich bin erfreut sie kennen zu lernen, Garret", sagte sie wohlerzogen. "Ich freue mich deine Bekanntschaft zu machen, Larissa", erwiderte Anordil und ergriff ihre Hand. Larissa schmolz sichtlich dahin.

"Was ist geschehen?", fragte ich sie und setzte mich zu ihr. "Damals dachte ich, ich könnte glücklich werden", fing sie an, "plötzlich kam die Nachricht von eurem Tod. Es war ein Schock, als an der Uni bekannt wurde, das Professor McGregor und seine Familie ermordet worden waren. Die ganze Fakultät hat getrauert. Es war unfassbar. Sogar mein Beichtvater hat Fragen über deine Familie gestellt. - Ich hatte doch ein paar Tage vorher mit dir eine Vorlesung geteilt. – Schließlich hatte ich dich immer bewundert." Sie hielt einen Moment inne und lächelte.

„Du hattest alles, wovon Männer träumen", fuhr sie fort, „Ausstrahlung, eine tolle Figur, Klugheit. Und was mich beeindruckte, war deine Unnahbarkeit, deine Art mit den Mitmenschen umzugehen. Du hattest eine Weise an dir dich zu bewegen, Dinge zu sagen, das du sie alle beeindruckt hast. Doch du hast dich nie mit einem deiner Verehrer eingelassen." Sie kicherte kurz, wie ein junges Mädchen. „ – Es ging das Gerücht, dass du eher Frauen bevorzugen würdest", erklärte sie leiser, „ich konnte das nicht glauben. - Aber deine Verehrer schmachteten vor sich hin. Du hast sie alle abblitzen lassen." Sie schaute zu der spielenden Sylvi.

„Selbst Roger", sagte sie, während sie den Namen schier ausspie, „obwohl er wusste, dass er dich sowieso nicht heiraten durfte. Seine Eltern waren und sind äußerst standesbewusst, musst du wissen. Aus diesem Grund wählte er jemanden aus deiner Umgebung, der vor den Augen seiner Familie bestehen würde – mich." Ihre Worte waren voll Verbitterung. „In der ersten Zeit, wo wir verlobt waren, war er äußerst charmant und zuvorkommend. Die Hochzeit war großartig und ein rauschendes Fest", gestand sie, „doch bereits in der Hochzeitsnacht wurde ich in die Wirklichkeit geholt. Ich hatte von einer romantischen Nacht geträumt. Von Kerzenschein und einem sanften Liebhaber. Aber ich wurde brutal enttäuscht." In ihren Augen sah ich den Schmerz und mein Magen zog sich zusammen, während für einen kurzen Augenblick das Schreckgespenst der Vergangenheit in mir hochstieg. Anordil legte mir ganz sanft seine Hand auf die Schulter. Ich dankte es ihm mit einem kurzen, kaum merklichen Nicken.

„Am nächsten Morgen war mir klar, dass ich nur Mittel zum Zweck war. Er benötigte einen Fuß in der englischen Gesellschaft - den hatte ich ihm verschafft." Ihre Stimme klang kratzig. „Er war angewiesen auf eine angesehene und untadelige Frau - die hatte er nun. Des weiteren war ein Erbe erforderlich. Er zeigte mir deutlich, dass ihm an mir – eher gesagt an meiner Person – nichts lag." Tränen liefen über ihr Gesicht. Spontan legte ich einen Arm um sie. Anordil spürte, dass er jetzt fehl am Platz war und ging zu den Kindern hinüber.

„Ich war nur ein Werkzeug, dass er benutzte, wann es ihm passte. Mit Liebe hatte das wenig zu tun. Er ließ erst von mir ab, als ich schwanger war", erzählte sie leise, „was - Gott sei es gedankt - äußerst schnell geschah. Er war dermaßen stolz – bis das Baby kam. - Nur ein Mädchen." Resignierend knetete sie ihre Hände. „Er hat die Kleine seitdem kaum angesehen. Sobald ich vom Kindbett genesen war, hatte er mich wieder in sein Bett gezwungen." Hass schwang in ihrer Stimme.

„Er will unbedingt einen Erben", fuhr sie fort, „doch ich wurde nicht wieder schwanger. Trotzdem er alles versuchte. Ich musste sogar Medikamente einnehmen. Als Sylvi schließlich krank wurde, hat er mich des Ehebruchs bezichtigt. Sylvi könne nicht von ihm sein. Nach außen hin spielt er weiter intakte Familie, aber wir haben seit langem nichts mehr gemein. Sylvis Krankheit muss ich alleine tragen. Von ihm kommt keine Hilfe, obwohl er Arzt ist und eigentlich dazu verpflichtet wäre. Ihm wäre es nur Recht, wenn die Kleine sterben würde. – Und bald hat er dieses Ziel erreicht. Ich bin nur froh, dass ich überwiegend in Oxford bleiben kann."

Tränen schimmerten in ihren Augen. Liebevoll blickte sie zu ihrer kleinen Tochter hinüber. Anordil hatte sich zu ihr hinbegeben und spielte mit ihr. Er hatte eine Begabung für Kinder. Das lag wohl daran, dass die Kinder instinktiv fühlten, dass er kein Mensch war. Hell lachte die Kleine auf. Man konnte es bis zur Parkbank hören. Ungläubig starrte Larissa hinüber zu ihrer Tochter. Ungläubig starrte Larissa hinüber zu ihrer Tochter. "Ich habe sie seit Monaten nicht mehr derart lachen hören", sagte sie erstaunt, "dein Mann vollbringt Wunder." Anordil kam zu uns zurück. Weich sah er Larissa an.

"Dein Kind ist krank?", fragte er mit seiner sanften Stimme, "was ist geschehen?" Larissas Augen wurden leer. Sekunden verstrichen. "Sie war ein Jahr alt, als man es entdeckte", flüsterte sie leise, "der Kinderarzt war sehr gründlich. Ich danke ihm dafür. Denn ansonsten wäre meine Sylvi bereits tot. Leukämie lautete die Diagnose. Roger hatte sie danach sofort aufgegeben. Für ihn ist sie seit dieser Zeit bereits tot. Ich aber habe um sie gekämpft und alles getan, was möglich ist, um ihr zu helfen. Doch die Krankheit schreitet immer weiter fort. Seit längerem bekommt sie starke Medikamente, deshalb kann sie Schmerzen nicht fühlen. - Heute haben die Ärzte sie aufgegeben. Die Untersuchungen ergaben, dass die Krankheit sich verstärkt hat. Sie schreitet immer schneller voran. - Sylvi ist mein Sonnenschein. Sie wird dieses Jahr sechs Jahre alt - wenn sie ihren Geburtstag noch erlebt. – Denn die Ärzte sagen, dass meine kleine Sylvi bald sterben muss." Verzweifelt barg sie ihren Kopf in den Händen. Beruhigend legte Anordil seinen Hand auf ihren Arm. Ich spürte wieder diesen sachten Strom von Magie.

"Man hen lhîw? - Was ist diese Krankheit?", fragte er mich leise. "Lhîw en iâr - eine Erkrankung des Blutes. Das Blut entartet und tötet gesundes Gewebe ab", antwortete ich, "früher oder später stirbt man äußerst schmerzhaft daran." Er nickte verstehend. "Du solltest die Hoffnung nicht aufgeben", sagte er zu Larissa, "solange Leben ist, ist Hoffnung vorhanden. Und sieh, wie voller Leben deine Tochter ist." Er deutete zu Sylvi, die mit den anderen Kindern intensiv, aber mit ernstem Gesicht, spielte.

Anordil stand auf und ging zu der Kleinen hinüber. Erfreut lief diese auf ihn zu. "So habe ich sie seit langem nicht erlebt", sagte Larissa überrascht und schaute zu Sylvi hinüber. Anordil brachte sie zum Lachen. Fröhliches Kinderlachen drang zu uns herüber. Jetzt konnte ich den Strom von Magie fühlen, den Anordil fließen ließ. Von der Dauer her konnte es nur ein starker Heilungszauber sein.

"Warum bist du noch bei Roger?", fragte ich Larissa, "nach allem was er dir angetan hat, könntest du doch mit Leichtigkeit die Scheidung einreichen." Schmerzerfüllt starrte sie mich an. "Das ist leider nicht so einfach", flüsterte sie, "wir haben einen Ehevertrag aufgesetzt. Laut diesem Vertrag gehören die Kinder ihm. Und ich muss ihm einen Sohn gebären, bevor ich überhaupt daran denken kann wegzugehen. Außerdem würde ich Sylvi alleine lassen. Was dann mit ihr geschieht, wage ich nicht zu denken. Außerdem würden es meine Eltern nicht verstehen. Ich kann nirgendwo hin, falls ich diesen Schritt wagen würde. – Nein, Arwen – verzeih, - Anna. - Ich muss bei ihm bleiben. Zumindest bis Sylvi alt genug ist oder tot."

Ich sah sie verstehend an. "Du hast gar nicht vor, ihm einen Sohn zu gebären", murmelte ich. "Aus meinem Schoß wird ihm nie ein Erbe entspringen", lachte sie freudlos, "das Geschichtsstudium ist in dieser Hinsicht äußerst nützlich gewesen." Ich erinnerte mich an diese eine amüsante Stunde der Vorlesung. Was hatten wir gelacht und Spaß dabei gehabt. Doch Larissa schien die alten Tricks erfolgreich anzuwenden. "Falls du eine Zuflucht brauchst oder nur einen Platz zum Nachdenken, so komme nach Irland. Im Heimatdorf meiner Eltern, Shancahir, wirst du willkommen sein", sagte ich leise zu ihr, "und bete für Sylvi. - Bete um ein Wunder. - Gelegentlich wird man erhört. Wir müssen jetzt gehen." "Es tat gut eine alte Freundin zu sprechen", wisperte sie, "das gibt mir neuen Mut." "Du hast mich nie gesehen, Larissa", flüsterte ich, "niemand darf wissen, dass ich lebe. – Selbst dein Beichtvater nicht!" Verstehend nickte sie mir zu. Ohne ein weiteres Wort stand ich auf und ging hinüber zu Anordil.

Nun sah ich, dass er eines der Eichhörnchen in der Hand hielt. Ganz ruhig saß es da und ließ sich von der Kleinen streicheln. Der magische Strom ebbte ab. Er spielte einige Minuten mit Sylvi. Rasch huschte das Eichhörnchen zurück auf einen Baum. Schließlich verabschiedeten wir uns. "Wenn alle Engel im Himmel so sind, wie du", sagte die Kleine mit ihrer leisen Stimme, "dann habe ich keine Angst vor dem Sterben." Ihre großen braunen Augen sahen ihn vertrauensvoll an. Anordil beugte sich zu ihr hinunter. "Ich bin kein Engel", sagte er sanft zu ihr, "und wenn du fest an dich glaubst, wirst du lange nicht sterben." Wir gingen in Richtung meines Colleges davon. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie Larissa die Kleine zu sich rief und ganz fest in die Arme schloss.

"Du hast einen Heilungszauber angewandt", stellte ich fest. "Ja, und ich hoffe, dass er wirkt", bestätigte mir Anordil, "die Kleine war an der Schwelle des Todes. Vielleicht ist es mir gelungen, sie zurück zu holen. Vielleicht auch nicht. Das wird erst die Zeit zeigen." Ja, dachte ich, Zeit ist alles, was sie jetzt benötigte. Ich hoffte, dass Larissa ihren Weg finden würde. In Gedanken kehrte ich in die Studienzeit zurück. Was hatte sie sich gefreut, als sie uns damals ihren Ring zeigte. Und was hatten die sechs Jahre Ehe ihr nur angetan. Ich dankte im Stillen den Göttern, dass sie mir Anordil schickten, als meine Not am größten war.

to be continued ...

- 14 -