Alter schützt vor Neugier nicht

Nur wenig später kamen wir an meinem College an. Dort war es zwar gleichermaßen hektisch, aber doch wesentlich ruhiger, als in der umliegenden Stadt. Studenten hasteten an uns vorbei, um zu ihrer nächsten Vorlesung zu gelangen. Niemand beachtete uns. Ich zeigte Anordil das Collegegelände mit den einzelnen Fakultäten. Vor allem die Bibliothek schien ihn zu beeindrucken. In viktorianisch anmutenden Sälen waren Tausende von Folianten untergebracht. Alte und neue Bücher reihten sich aneinander. Reichlich deplaziert wirkten in einem der Säle die aufgestellten Computer. Anordil zog verständnislos eine Augenbraue hoch. Fragend sah er mich an. Mit seinem Blick wies er auf die Monitore. "Computer", erklärte ich leise, "Maschinen, mit denen man schreiben kann. Sie enthalten mehr Worte als jede Bibliothek. An ihnen kann geschrieben, gelesen oder gar eine Nachricht versendet werden." "Aber ich fühle keine Magie", flüsterte Anordil zurück, "wie kann das sein?" "Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie", gab ich zu, "bisher habe ich die Dinger nur benutzt, ohne mich dafür zu interessieren. – Nimm' sie vorerst einfach als ein Teil meiner Welt. Vielleicht kann Marc dir erklären, wie sie funktionieren." "Ich werde ihn fragen", entgegnete er, "und noch einiges mehr."

Leise gingen wir weiter. Eine bemerkenswerte Ruhe herrschte in den Räumen. Auf eine merkwürdige Art und Weise blieb die Hektik vor den Bibliothekstüren stehen. Studenten bewegten sich zwischen den Regalreihen. Ab und an hörten wir leises Gemurmel. Die Sonne fiel durch die hohen Fenster. Ihre Strahlen hatten Mühe bis in die hintersten Winkel zu gelangen. Staubflusen tanzten im Licht. Anordil drehte sich langsam um seine Achse. Er musterte den Saal, wo wir waren und nahm jedes Regal in Augenschein. Tausende von Büchern warteten darauf gelesen zu werden. "Dies ist eine der größten Bibliotheken in Oxford", erklärte ich ihm, "und wenn man alle Bibliothekssäle der Stadt zusammen nimmt, verfügt die Universität von Oxford über eine der größten Bibliotheken meiner Welt."

Ich führte ihn weiter zu den Vorlesungssälen. Diese waren nahezu alle besetzt. Einer stand einen Spalt breit offen und ich hörte die Stimme von Professor Lajinski. Vom Thema würde ich sagen, eine Vorlesung für Erstsemester in Latein. Ich hörte die Kreide auf der Tafel mit einem hässlichen Geräusch lang fahren. Danach war ein heftiger Fluch in der Zwergensprache zu vernehmen.

Anordil sah mich überrascht an. "Es spricht jemand Khuzdul?", fragte er mich verblüfft. Ja", antwortete ich, „das ist Professor Lajinski. Er war ein guter Freund meines Vaters. Er interessiert sich ebenfalls für die Sprachen Mittelerdes und hat sich in erster Linie für Khuzdul entschieden." Ich lauschte einen Moment auf den Vortrag des Professors. „Aber er weiß nicht, dass ich es bin", fuhr ich fort, „er vermutet es zwar, doch bisher konnte ich ihn immer abblocken." Im selben Moment kam Professor Lajinski aus der Tür geschossen. Ich hätte es mir denken können, denn die Vorlesung der Erstsemester beendete er immer äußerst abrupt. Er kollidierte dabei um ein Haar mit mir. Ich konnte im letzten Moment mit einem Schritt nach hinten ausweichen.

"O'Neill!", fuhr er mich tadelnd an, "müssen Sie mich dermaßen erschrecken! Ich dachte, Ssie wären dabei, Ihre Hausaufgabe zu recherchieren." "Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe, Herr Professor", sagte ich zuvorkommend, "es war nicht meine Absicht. Ich wollte nur meinem Gefährten die Vorlesungssäle zeigen." Er musterte Anordil von oben bis unten. Plötzlich erstarrte er mitten in der Bewegung. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung.

"Donner und Blitz", murmelte er auf Khuzdul, "bei den Gebeinen von Thorin Eichenschild. Wenn das kein Elb ist, will ich nicht mehr Peter heißen." Soviel Khuzdul beherrschte ich, dass ich seine Worte erfassen konnte. Erschrocken sah ich zu Anordil hinüber. Aber seine Ohrspitzen waren unsichtbar. Woher der Professor es wusste - ich hatte keine Ahnung. Er schaute den Gang hinunter. Links und rechts. Niemand war zu sehen. Er bedeutete uns, ihm zu folgen. Auf halber Höhe des Ganges öffnete er eine Tapetentür und verschwand dahinter. Diese war selbst mir neu und ich kannte einige der geheimen Türen und Gänge in diesem College. Lautlos folgten wir ihm.

Wir fanden uns schließlich in einem kleinen Kämmerchen wieder. Es war nicht breiter als die meisten Flure und war vollgestopft mit Büchern und Pergamentrollen. Eine einsame Glühbirne erhellte eher unzureichend den Raum. "Mein kleines Refugium, wenn mir die Studenten wieder zu arg auf den Nerv gehen", erklärte der Professor und deutete in die Runde. "Elen silar lumenn omentielvo", sagte er zu Anordil, den er mit leuchtenden Augen musterte, "das ist einer der wenigen Sätze, die ich auf Sindarin gelernt habe. Die Zwerge und Hobbits sind eher mein Gebiet. Aber ich hoffe, dass Ihr mich trotzdem versteht." "Ich entbiete Euch meinen Gruß", antwortete Anordil auf Khuzdul, "und verstehe Euch gut. Auch wenn Ihr die Sprache der Zwerge sprecht." Erstaunt blickte der Professor ihn an. "Ich dachte, dass Elben und Zwerge sich nicht gut verstehen würden." "Tun sie in der Tat nicht", lächelte Anordil, "doch ich bin ein Sinda. Wir haben bereits seit vielen Zeitaltern gute Kontakte zu den Zwergen gepflegt. – Jedenfalls unsere Enklave in Cillien."

"Ist dieser Raum sicher?", fragte ich und schaute mich prüfend um. Der Professor nickte heftig. "Sicherer als mein Zuhause", sagte er stolz, "niemand hat bisher den Weg hierher gefunden. Ich weiß nur davon, weil mein Vater ihn mir gezeigt hatte. Wusstest du, dass er Tolkien kannte? Sie waren befreundet, als dieser in Oxford unterrichtet hat. Daher weiß ich um Mittelerde und sein Geheimnis."

Er bedeutete uns Platz zu nehmen. Wir setzten uns auf die zwei übrigen Stühle, die wir allerdings zuvor von Büchern räumen mussten. Professor Lajinski nahm seine goldgeränderte Brille ab und putzte sie bedächtig. Schließlich setzte er sie wieder auf und rückte sie zurecht. "Ja, Arwen, ich habe dich erkannt. - Ich erkannte dich in der ersten Unterrichtsstunde letztes Semester", hob er an, "aber ich getraute mich nicht dich anzusprechen, da du unter falschem Namen studiertest." Er lächelte mich väterlich an.

„Ich habe schließlich doch allen Mut zusammengenommen", fuhr er fort, „und du hast keine Miene verzogen. Da dachte ich bereits, ich hätte mich getäuscht und müsste doch wieder einen Augenarzt aufsuchen. Zumal du dich anders gabst, als früher." Er machte eine kurze Pause, in der er mich prüfend ansah. „ - Du hast dich stark verändert gegenüber dem kleinen Mädchen, dass ich kannte", gestand er, „ein paar Wochen später hielt mir ein junger Schnösel ein Bild von dir unter die Nase und fragte mich, ob ich darin eine meiner Studentinnen erkennen würde. Der Kerl benahm sich äußerst merkwürdig. Sein Dialekt war gleichfalls haarsträubend. Bei mir schrillten alle Alarmglocken. – Vor allem weil der Mord an deiner Familie immer noch nicht aufgeklärt ist." Seine Züge wurden düster. „Ich habe deshalb mit bestem Gewissen gelogen, indem ich sagte, ich würde dich nicht kennen", sagte er mit fester Stimme, „als du anschließend mehrere Tage nicht in der Vorlesung warst, beunruhigte mich das zutiefst. Aber schließlich sah ich dich wieder da sitzen und war erleichtert. Seither habe ich immer versucht, ein Auge auf dich zu halten. - Das war gar nicht leicht." Er schmunzelte und machte eine kurze Pause, bevor er sich mit der Hand durch seine kurzgeschnittenen, eisgrauen Haare fuhr.

Anschließend schaute er zu Anordil hinüber. "Und jetzt ist mir gar vergönnt mit meinen alten Augen einen Elben zu sehen. Ihr glaubt gar nicht, wie glücklich mich das macht. - Und dazu einen, der Khuzdul spricht!" Er lächelte mich glücklich an. "Du fragst dich bestimmt, woher ich weiß, dass dein Gefährte ein Elb ist, obwohl seine Ohren äußerst menschlich erscheinen. – Ich werde es dir nicht verraten." Er lachte verschmitzt in sich hinein. Danach tippte er Anordil an die Brust.

"Oh, ich werde es doch verraten", seine Augen blitzten vergnügt, „ - dies ist ein Amulett aus Mithril. Dieses Material existiert in dieser Welt nicht. – Schaue nicht auf diese Weise, Arwen. – Ich weiß, es könnte aus Silber sein, aber du weißt, dass ich Recht habe." Ich hob schon an zu protestieren, aber eine fast befehlende Handbewegung seinerseits ließ mich innehalten. „Und das Symbol existiert hier ebenfalls nicht", ergänzte er ungerührt, „nur ein Elb würde es tragen." Ich sah zu dem kleinen Amulett. Es war tatsächlich aus Mithril und bemerkenswert fein gearbeitet. Tengwar und komplizierte Symbole schmückten es. Soviel ich wusste, war es ein Schutzamulett des Elbenvolkes. Keine andere Rasse würde es tragen können. "Woher ich das weiß?", der Professor sah mich triumphierend an, „Tolkien selbst hat es meinem Vater verraten. Vater hat damals darüber gelächelt. Aber ich, als der Junge, der ich war, hatte ganz andächtig zugehört und seine Worte tief in meine Erinnerung gegraben. Nie hätte ich zu träumen gewagt, dass ich in meinem Leben mit eigenen Augen einen Elben sehen würde."

In diesem Moment erlosch die Illusion und Anordils Ohren nahmen wieder ihre elbische Form an. Fasziniert schaute Professor Lajinski auf diese Verwandlung. Anordil lächelte bestätigend. "Es ist wahr", sagte er, "dieses Amulett trägt nur ein Elb. Ihr seid ein aufmerksamer Mann." Professor Lajinski gab sich erfreut ob des Lobes. "Herr Professor, Sie wissen, dass Sie sich in Gefahr begeben, wenn Sie zu starken Kontakt mit mir pflegen?", sagte ich eindringlich. Unwirsch fegte er mit seiner rechten Hand durch die Luft. "Kindchen, ich bin alt", wurde er betont großväterlich, "um einen alten Zausel wie mich ist es nicht schade. Meine Zeit wird sowieso bald kommen. Meine Frau ist ja bereits lange gegangen und wartet auf mich. Meine Kinder sind groß und aus dem Haus. Sie gehen ihre eigenen Wege. Wenn ich Gutes tun kann, werde ich es tun und wenn mir noch ein paar gute Jahre vergönnt sein werden, um so besser. Aber der Tod kann mich nicht schrecken. Am anderen Ende des Tunnels wartet meine geliebte Elzbetia auf mich. - Nun, Arwen, erzähle deine Geschichte und mache einen alten Mann glücklich."

Erwartungsvoll sah er mich an. Ich atmete kurz durch und begann meine Geschichte zu erzählen. Anordil ergänzte meine Angaben. Als ich geendet hatte, nickte Professor Lajinski kurz nachdenklich. "Hast du die Runen im Kopf, die auf diesem dubiosen Stein stehen?", fragte er mich interessiert. Er war Experte für Runen und altkeltische Schriften. Deshalb besuchte ich seine Vorlesung. Obwohl er ebenfalls Latein unterrichtete. Hauptsächlich alte Texte und deren Interpretationen. Marc und ich hatten gemeinsam letztes Semester die Vorlesung in Latein belegt. Ich malte die Runen auf, da ich sie mittlerweile auswendig kannte.

Aufmerksam folgte er meinen Linien. Ratlos schüttelte er den Kopf. "Diese Kombinationen habe ich nie zuvor gesehen. Aber die Einzelrunen kann ich dir deuten. Die meisten sind jedenfalls klar zu lesen", sagte er irritiert, "aber auf die Art wie sie da stehen, ergeben sie überhaupt keinen Zusammenhang." Enttäuscht blickte ich zu Boden. "Zu schade", entgegnete ich leise, "dabei besuche ich Ihre Vorlesung in der Hoffnung, dass Sie mir helfen könnten." "Kindchen", lächelte er nachsichtig und rückte seine Brille zurecht, "ich kann zwar ihren Sinn noch nicht erfassen, aber das heißt nicht, dass ich sie nicht entschlüsseln werde. – Ich brauche nur Zeit. Bis wann wird der Stein benötigt?" "Zum nächsten Imbolc-Fest wollen wir den Torstein versuchen", sprach Anordil. "Hm, hm, hm", brummte Professor Lajinski vor sich hin, "dies ist nicht besonders viel Zeit. – Nun gut, ich werde es versuchen. – Herr Elb, habt Ihr Euch bereits an dem Stein versucht?" "Ja", erwiderte dieser, "ich habe damit begonnen den Stein magisch zu prüfen. Doch die Zeichen konnte ich bisher nicht deuten. Aber er ist gefährlich. Nur ein Elb kann ihn unbeschadet benutzen."

Die Worte des Professors hatten mir neuen Mut gegeben. Während dieser und Anordil sich über die Bedeutung der einzelnen Runen unterhielten, besah ich mir die Bücher in den mehr als vollen Regalen. Es waren einige uralte Bände darunter, die nicht einmal als Abschrift in der Bibliothek standen. Sie mussten zu Professor Lajinskis persönlichem Besitz gehören. Manche Bände waren würdig, in den Hort aufgenommen zu werden. Ich würde ihn darauf ansprechen, wenn es Zeit wäre.

Wir bemerkten gar nicht wie die Zeit verrann. "Herrje!", rief Professor Lajinski nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr, "es ist bereits beinahe Mitternacht. Ich werde bestimmt schon vermisst. Ms. Burghs wird mit mir schimpfen." "Dann sollten wir ebenfalls aufbrechen", warf ich ein, "morgen ist auch noch ein Tag." "Wir begleiten Sie zu Ihrem Haus", sagte Anordil, "in der Nacht ist es nicht ratsam einsam durch die Straßen zu gehen." Der Professor sah ihn lächelnd an. "Lieber Herr Elb", sprach er nachsichtig, "Oxford ist nicht Mittelerde. – Selbst wenn die Nächte hier gleichermaßen gefährlich sein können. – Doch ich lehne Eure Eskorte ab. Es ist zu gefährlich für Euch und auch für mich, wenn wir zusammen gesehen werden. – In meinem Alter und in meiner Position habe ich Anrecht auf einen Fahrdienst, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Also werde ich diesen in Anspruch nehmen. Seid daher unbesorgt. – Ich werde wohlbehalten an meinem Hause ankommen." "Wie Ihr wünscht, idhren", erwiderte Anordil, wobei er das elbische Wort für Professor verwendete. "Ich werde Euch auf einen der Hauptkorridore bringen", sagte Professor Lajinski, "von dort aus geht rasch zum Ausgang. – Versucht dabei nicht gesehen zu werden. – Es wäre äußerst auffällig, wenn Studenten um diese Zeit im College herumspazieren. Lasst Euch nicht von den Wachleuten erwischen." Er schmunzelte uns zu. Dann zog er seine Jacke an und nahm die Aktentasche. Rasch sah er sich um, als ob er etwas vergessen hatte. Dann schob er uns zur Tür hinaus. Hinter uns schloss er sorgfältig ab.

Durch einige schmale dunkle Korridore führte er uns auf einen der großen Korridore des Gebäudes. Dieser wurde nur spärlich von einer Notlampe erleuchtet. Man sah kaum das andere Ende. "Schlafen Sie wohl, Professor", flüsterte ich, "und vielen Dank für Ihre Hilfe." "Du brauchst mir nicht zu danken, Kindchen", antwortete er, "ich tue es gerne. – Endlich kann ich meine grauen Zellen wieder richtig anstrengen. Das ist eine ungeahnte Wohltat auf meine alten Tage. – Und nun geht – geht!" Beinahe mürrisch scheuchte er uns weg. Auf seinen Lippen ein schelmisches Lächeln. Lautlos bewegten wir uns durch den dunklen Gang. Hinter uns hörten wir ein leises Pfeifen. "Wir sollten dem Professor folgen", wisperte Anordil, "wenigstens bis er sicher in diesem Gefährt ist, dass ihr Auto nennt." "Du hast Recht", gab ich zurück, "folge mir."

Wie Schatten gaben wir Professor Lajinski unbemerkt Geleit. Schwerfällig ob des Alters bewegte er sich durch die Korridore. Dann hatte er die Pforte erreicht.

"Guten Abend, Professor", grüßte ihn der Pförtner höflich, "so spät sind Sie noch in der Fakultät?" "Ich habe wieder einmal die Zeit vergessen, Mr. Cunnings", lächelte er entschuldigend, "ist vielleicht noch jemand vom Fahrdienst zu erreichen?" "Für Sie ist immer jemand da", antwortete dieser, "einen Moment bitte." Ich beobachtete, wie Mr. Cunnings kurz telefonierte. "In ein paar Minuten wird Frank hier sein", sagte er, nach dem er aufgelegt hatte, "er wird Sie wohlbehalten zu Hause absetzen." Keine zwei Minuten später kam Frank Morgan dazu. Ich erkannte ihn von damals. Er hatte des öfteren meinen Vater nach Hause gebracht, wenn es spät wurde. Sein Haar war grauer und mittlerweile zierten etliche Falten sein Gesicht, doch die Uniform war wie stets tadellos. "Zu Diensten, Herr Professor", lächelte er, "Ihre Hausdame wird sich bereits Sorgen machen." "Dann wollen wir rasch aufbrechen, Mr. Morgan", gab der Professor zurück, "gute Nacht, Mr. Cunnings." "Eine angenehme Nachtruhe, Herr Professor", erwiderte dieser zuvorkommend.

Ich legte Anordil eine Hand auf den Arm. Wir hatten nun genug gesehen. Professor Lajinski war auf dem Weg nach Hause und auch wir konnten uns auf den Heimweg begeben. Ohne ein Geräusch zu verursachen, schlichen wir zu einem der vielen Seitenausgänge. Leider fanden wir diesen verschlossen vor. Wie auch die anderen, die wir versuchten. "Über den Hauptausgang können wir nicht das Gebäude verlassen", flüsterte ich. "Warum nicht?", fragte Anordil, "er wird uns nicht bemerken." "Ich hoffe, du hast Recht", antwortete ich leise. Also schlichen wir zum Hauptausgang. Dort warteten wir etliche Minuten. Endlich verschwand Mr. Cunnings in den Nebenraum. Wahrscheinlich wollte er sich einen Kaffee holen. Rasch liefen wir nach draußen.

Ich lotste Anordil durch das nächtliche Oxford. Erstaunt betrachtete er die vielen Lichter und die immer noch herrschende Geschäftigkeit. Ich wählte den kürzesten Weg nach Willfour Manor. Leider hatte ich vergessen, dass wir dabei an einem der Kinos vorbeikamen. Als ich die Plakate bemerkte, war es bereits zu spät. Anordil stand wie angewurzelt vor der Glasscheibe. "Bei den Valar!", entfuhr es ihm, "was bedeutet dies?" Zaghaft streckte er seine Hand aus. Von der Plakatwand blickten uns ein Elb, ein Zwerg, ein Zauberer und andere Gestalten vor dem Panorama eines mächtigen mit dichtem Nebel umkränzten Gebirges entgegen. "I Chithaeglir – das Nebelgebirge", flüsterte er, "man cerir? – was ist geschehen?" In diesem Moment kam ein Mann vom Kinopersonal vor die Tür.

"Die lange Herr-der-Ringe-Nacht ist erst in einer Woche", sagte er und deutete auf das Plakat, "da müsst ihr noch warten. – Aber Gewandete sind immer gerne gesehen." Er grinste uns bedeutungsvoll an und wies auf Anordils Ohren. Als ich seinem Fingerzeig folgte, erschrak ich bis ins Mark. Deutlich war die elbische Form zu sehen. Anordil hatte vorhin vergessen, den Zauber erneut anzuwenden. "Vielen Dank für den Hinweis", sagte ich geistesgegenwärtig und zog an Anordils Arm. Er war wie erstarrt. "Boe ammen baded - wir müssen gehen", sagte ich eindringlich, "ich erkläre es dir später." Mit Nachdruck zerrte ich ihn von der Scheibe weg.

Der Mann schaute uns kopfschüttelnd nach. Wahrscheinlich hielt er uns für ein wenig verrückt. Nur gut, dass etliche dem Herrn-der-Ringe-Wahn verfallen waren, so fiel es ihm nicht in dem Maße auf, wie es sonst der Fall gewesen wäre. "Verstecke deine Ohren", wies ich Anordil an, nach dem wir außer Hörweite waren, "der Mann hat sie, Belenus sei Dank, nicht weiter beachtet. Du hast vergessen sie zu verzaubern." "Díheno ennin - verzeihe mir", entschuldigte er sich, "ich werde es sofort beheben." Er murmelte ein paar Worte vor sich hin. Innerhalb von Sekunden schwanden die Elbenohren und hinterließen die normale menschliche Form.

"So, nun erkläre mir, was dies war", wies er mich an, "ich sah Elben und Zwerge hinter diesem Glas. Menschen aus Rohan und Gondor. Das Nebelgebirge – was macht sein Abbild dort?" In seiner Stimme schwang Unglauben über das Gesehene mit. "Es ist schwer zu erklären", entgegnete ich ausweichend, "deine Welt – Mittelerde – ist hier Bestandteil einer Erzählung, die über eine gefahrvolle Reise berichtet. Sie wird im Jahr 3018 beginnen, daher ..." "Wir haben das Jahr 3013", unterbrach er mich, "woher wisst ihr Menschen um die Geschehnisse, die für uns in der Zukunft liegen?" "Ich weiß es nicht, Anordil", sprach ich leise, "du musst mir glauben. – Ich weiß es nicht. – Niemand hier wird es wissen. Denn niemand, außer mir, weiß, dass Mittelerde existiert. – Und derjenige, welcher es vielleicht wusste, ist seit vielen Jahren tot."

Mit meinen Augen bat ich ihn, nicht weiter zu fragen. Sekunden verstrichen. Las er meine Gedanken? "Es ist sehr verwirrend", sagte er und reichte mir seine Hand. Ich ergriff sie. "Ich weiß", entgegnete ich, "lass uns nach Willfour Manor gehen. Die Nacht ist beinahe vorüber." Er nickte zustimmend. Er, als Elb, benötigte den Schlaf nicht. Ich jedoch sollte zumindest ein paar Stunden schlafen.

Am nächsten Tag ging Marc mit uns zusammen in die Stadt. Wir hatten vor ein paar Kleidungsstücke für Anordil zu kaufen. Schließlich konnte er nicht ständig Dinge von Marc leihen. Bereits bei unserem gestrigen Streifzug durch Oxford war uns die Hektik in den Straßen aufgefallen. Heute nun sahen wir die ersten Auswirkungen. Allmählich verwandelte sich Oxfords Einkaufsmeile in ein kunterbuntes Wirrwarr vorweihnachtlicher Geschäftigkeit. Lichterketten und falsches Immergrün wurden aufgehangen. Einzelne Geschäfte begannen bereits mit der Weihnachtsdekoration. So auch "Rutherfords Collection for Men", wo wir als erstes vorbeischauten.

Anordil verbarg sein Staunen hinter einer undurchdringlichen Miene. Er sprach sehr wenig. Doch seine Augen wanderten hierhin und dorthin. Musterten eingehend die Umgebung, wie die Menschen, welche die Straße entlang hasteten oder einen Laden betraten. Ich wusste, seine Fragen würden noch kommen. "Rutherfords Collection for Men" befand sich in bester Einkaufslage. Die Türen schwangen lautlos automatisch auf, als wir darauf zu gingen. Beinahe augenblicklich spürte ich eine Welle von Magie über mich hinwegrasen. Anordil hatte seine magischen Fühler ausgestreckt. "Ú-ben edra hen annon - niemand bewegt diese Tore", flüsterte er fassungslos, "wie kann das sein? – Nirgendwo fühle ich das kleinste Anzeichen von Magie. – Dafür ein beinahe unerträgliches Summen, wie in einem Bienenstock."

"Die Türen werden über Maschinen bewegt", erklärte ich leise, "das allgegenwärtige Summen, dass du vernimmst, ist der Strom, der dies alles möglich macht. Wie bei dem Fernseher oder den Lichtern in Willfour Manor." Marc begann sich umzusehen. Er fingerte an einem Anzug herum, als einer der Angestellten, ein hochnäsiger Mann im grauen Zwirn auf uns zugeeilt kam. Seinem Blick nach zu urteilen waren wir seiner Meinung nach wohl kaum das geeignete Klientel für diesen Laden.

"Kann ich Ihnen behilflich sein?", schnarrte er Marc an und strich einige imaginäre Flusen von der Anzugjacke, die dieser berührt hatte. Marc ignorierte dieses Gehabe. "Ja, Sie können uns helfen", sagte er freundlich lächelnd, "unserem Freund ist auf seinem Flug das Gepäck abhanden gekommen. Vielleicht wären Sie so nett und würden uns ein paar Stücke zeigen." Er deutete auf Anordil. Mit Argusaugen wurde er von dem Verkäufer gemustert. Dieser schien den Blick des Mannes nicht zu registrieren. Neugierig sah er sich statt dessen um. "Künstler?", fragte der Verkäufer leise. "Musiker", entgegnete Marc todernst. Aufseufzend blickte der Mann nach oben. Auf merkwürdige Weise kam er mir genervt vor.

"Miss Watson wird sich um Sie kümmern", sagte er rasch und rauschte davon. Sekunden später näherte sich uns eine junge Frau im grauen Kostüm. Anscheinend schien Grau für die Angestellten dieses Geschäftes vorgeschrieben zu sein. Einzig ein dunkelrotes Tuch um ihren Hals verlieh etwas Farbe. "Mein Name ist Watson", stellte sie sich vor, "Mister Henson sagte mir, dass Sie verschiedene Bekleidungsstücke suchen?" "Ja", übernahm Marc erneut das Wort und setzte sein freundlichstes Lächeln auf, "wie ich Ihrem Mister Henson bereits sagte, ist unserem Freund das Gepäck abhanden gekommen. Wir benötigen eine Komplettausstattung. Vielleicht können Sie uns dabei behilflich sein." Er deutete zu Anordil hinüber, der gerade einen Anzug in Augenschein nahm.

Neugierig folgte Ms. Watsons Blick Marcs Fingerzeig. Sie musterte Anordil eingehend. Aus der Tasche ihres grauen Rockes holte sie ein Maßband hervor. Ein wenig zögernd trat sie näher. "Darf ich Ihre Maße nehmen?", fragte sie höflich. Anordil sah sie an. Seine Augen blitzten ein wenig. Fühlte er ihre Gedanken? "Welche Maße?", fragte er, "sind nicht einfache Gewänder ausreichend?" Den zweiten Satz richtete er zwar an mich, aber die junge Dame blickte erstaunt in seine Augen. Ihre Wangen röteten sich dabei. Anordils Stimme hatte sie augenblicklich verzaubert. Anordil lachte leise, wie der Gesang von Engeln. Ich verkniff mir ein Schmunzeln. Wir Frauen sind doch alle gleich. Ohne die Gedanken der Frau lesen zu können, wusste ich doch, was in ihren Hirnwindungen vor sich ging. Sie räusperte sich ein wenig. Als sie mich ansah und mein wissendes Lachen erblickte, wurde sie dunkelrot. Rasch wandte sie sich um. "Ich zeige Ihnen ein paar Stücke", sagte sie hastig und verschwand zwischen den Kleiderstangen.

In den nächsten zwei Stunden stellte sie uns eine ausreichende Garderobe für Anordil zusammen. Dabei war eindeutig zu erkennen, dass sie Anordils Ausstrahlung verfallen war. Jedes Mal, wenn er etwas sagte, wurde sie rot bis über beide Ohren. Als wir "Rutherfords Collection for Men" verließen, folgten ihre Augen uns sehnsuchtsvoll.

Im nächsten Laden, schließlich wollten wir nicht nur Kleidungsstücke der gehobenen Klasse, fanden die Begebenheiten in ähnlicher Form statt. Wir hatten unseren Spaß dabei. Zumindest Marc und ich. Anordil schaute nach einer Weile etwas gequält drein. Aber er musste durchhalten. Er benötigte schließlich für diese Welt eine ausreichende Garderobe. Und in jedem Laden, den wir betraten, verfielen die Verkäuferinnen beinahe augenblicklich Anordils Charme. Was mich nicht verwunderte. Er war ein Elb. Damit nicht mit menschlichen Maßstäben zu messen und in jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher Mann. Die Frauen spürten dies in ihrem Inneren. Keine von ihnen hätte sagen können, was sie in diesem Moment an ihm faszinierte. Aber jede schmachtete ihn an. Ihm war es bald peinlich. Ich dagegen fand es höchst amüsant zu sehen, was für Reaktionen er auslöste.

Als die wahrscheinlich fünfzehnte Verkäuferin Anordil anhimmelte und an Marc vorbei ging, als wäre er eine Kleiderpuppe, seufzte dieser auf. "Kann er mir nicht ein wenig davon abgeben?", flüsterte Marc mir neidvoll zu, "man hat das Gefühl, jeder andere Mann im Umkreis von einer Meile ist Luft, sobald er erscheint." Ich sah ihn kurz beinahe mitleidig an. "So ist das nun mal", antwortete ich leicht sarkastisch, "versuche es mit Fassung zu tragen. Schließlich werden wir nicht ewig bleiben." Trotz dieser meiner Worte war er froh, als wir unsere Schritte wieder nach Willfour Manor lenkten. Schwer bepackt mit etlichen Paketen. Einige Stücke würden von "Rutherfords" nachgeliefert werden. Ein Blick auf mein Konto zeigte mir zudem, dass ich unbedingt mit Patrick telefonieren musste. Allmählich leerte sich der einstmals volle Beutel.

Anordil musterte kritisch unsere Einkäufe. "Viele merkwürdige Dinge hast du für mich erstanden", kommentierte er eines der T-Shirts, "wofür diese Menge an Gewändern? Wir verweilen doch hier nicht lange." "In meiner Welt benötigt man viele Gewänder", versuchte ich zu erklären, "man wechselt seine Kleidung in kurzen Abständen. Manche gar mehrmals am Tage. Körpergeruch in jedweder Form ist verpönt. Der natürliche Duft des Körpers wird abgelehnt. Es gibt kaum jemanden, der nicht nach künstlichen Duftstoffen greift, um seinen Körper vermeintlich gut riechen zu lassen." Verständnislos sah Anordil mich an. "Für gewöhnlich reicht doch Wasser und vielleicht ein wenig Seife, wenn man sie zur Hand hat", warf er ein.

Aus einem der Pakete war ein Pröbchen After-Shave gefallen. Neugierig betrachtete er es von allen Seiten. "Wir kennen zwar duftende Öle und Essenzen, jedoch nutzen wir diese nicht um unseren eigenen Geruch zu übertünchen", sagte er, "eher sollte man damit seinen Duft unterstreichen. Die meisten Düfte gebrauchen wir jedoch um unseren Geist zu erfreuen. - Was sollte jemanden dazu bringen, so zu riechen, wie ein Dutzend anderer?" Damit hielt er mir das kleine, in Plastik eingeschweißte, Pröbchen entgegen. Ich seufzte. Wie, bei Cernunnos Hörnern, sollte ich ihm nur unsere verdrehte Welt erklären? Es gab derart viele Trends und Moderichtungen und weiß zum Kuckuck was noch. Selbst ich tat mich damit schwer. Dabei war ich ein Kind dieser Welt. Schon allein ihm zu erklären wozu die ganzen Alltagsgegenstände Nutze waren, stellte mich vor schier unlösbare Aufgaben. Niemals zuvor musste ich mir darüber Gedanken machen.

Anordil zog mich zu sich heran. Er fühlte, dass ich frustriert war. "Ich frage zuviel", sprach er zerknirscht, "dabei sollte ich in meinem Alter eigentlich wissen, was Geduld heißt. Vergib mir, meine Sonne. Ich versuche meine Neugier zu zügeln." Dankbar schmiegte ich mich an ihn. "Law - nein", flüsterte ich, "du musst mir verzeihen. Du bist mir in diese Welt gefolgt und ich bin nicht in der Lage deine Fragen zu beantworten. – Es gibt derart viel, was für mich selbstverständlich ist, dass ich darüber gar nicht nachdenke. Erst deine Anwesenheit zwingt mich dazu. – Es..." "Ich folgte dir aus freiem Willen", unterbrach er mich und gab mir einen sanften Kuss auf die Lippen, "und mir ist durchaus klar, dass meine Anwesenheit für dich und deine Welt Probleme aufwirft. Genau wie dein Auftauchen in Mittelerde die Weichen der Zukunft verändert hat."

Die folgende Stille half mir, mich wieder zu sammeln. Ich atmete seinen Duft. Ruhe senkte sich über mich. Nach einer Weile wandte er sich wieder unseren Einkäufen zu. Neugierig befühlte er eine Plastiktüte. "Man hen? - Was ist das", fragte er und drehte sie in Händen. Sie knisterte. Laut lachte ich auf, bevor ich versuchte es ihm zu erklären. Nur wie erklärte man Plastik? Nun, egal, ich tat mein Bestes.

Schnell verstrich der Nachmittag. Die Sonne senkte sich bereits gegen den Horizont, als mir einfiel, dass ich mit Patrick telefonieren wollte. Anordil ließ ich in anscheinend tiefer Meditation in meinem Zimmer. Leise ging ich zum Telefon. Bedächtig wählte ich Patricks Nummer. Zu meiner großen Freude ging Eleanor an den Hörer. "O'Reilly", hörte ich ihre Stimme. "Hallo, Eleanor", sagte ich, "ist Patrick zu sprechen?" "Oh, Anna", gab sie freudig zur Antwort, "warte einen Moment. Dad ist draußen, ich werde ihm das Telefon bringen. – Wie geht es dir?" "Sehr gut", erwiderte ich, "jetzt geht es mir wirklich sehr gut." "Das hört sich an, als hättest du deine große Liebe gefunden", witzelte sie. "Nicht so ganz", kaum konnte ich ein Lachen verkneifen, "sie fand mich in der Mitte unserer Halloween-Nacht."

Sie tat einen überraschten Atemzug. "Er ist da?", fragte sie schließlich zaghaft, "das kann doch nicht sein. – Wie fand er den Weg?" Ihre Stimme senkte sich zu einem Hauch. "Magie", antwortete ich trocken. Ich konnte mir Eleanors verblüfftes Gesicht gut vorstellen. "Ich frage lieber doch nicht", konterte sie, "hier hast du Dad. – Komm bald mal wieder vorbei." "Keine Sorge", erwiderte ich, "das werde ich." Ein leichtes Knacken drang an mein Ohr.

"Hallo, Anna", hörte ich Patrick, "ist alles in Ordnung?" "Aber ja", antwortete ich, "hier ist alles in bester Ordnung. – Wenn man davon absieht, dass mein Konto zurzeit gegen Null läuft. – Ich wollte dich bitten, nochmals einen oder zwei der Edelsteine aus dem Hort auszulösen." "Ist schon erledigt", erwiderte er, "in ein paar Tagen ist das Geld auf dem Konto. – Liegt sonst noch etwas an?" Wie gut, dass Patrick mein Gesicht nicht sehen konnte. Mein Lächeln ging von einem Ohr zum anderen. "Anordil ist hier", informierte ich ihn auf Jerne, "er kam zu Halloween. Wir brauchen deine Hilfe."

Sekunden herrschte Schweigen am anderen Ende, bevor ein verblüfftes "bei den Götter" zu vernehmen war. "Ist er unversehrt?", fragte Patrick, "welche Hilfe benötigst du?" "Er ist unverletzt", beruhigte ich ihn, "in erster Linie muss er irgendwie an einen gültigen Pass kommen. Sonst haben wir über kurz oder lang Schwierigkeiten." "Kein Problem", antwortete Patrick rasch, "mit Geld ist da viel zu machen. Ich werde aus dem Hort einen Stein mehr auslösen, als nötig. Das dürfte reichen. – An welchen Namen hast du gedacht?" "Ich habe ihn hier bereites als Garrett O'Neill vorgestellt", entgegnete ich, "dabei sollten wir auch bleiben." "Ich werde sehen, was ich machen kann", sagte er, "kurz vor Weihnachten werde ich nach Willfour Manor kommen. – Haltet ihr diese Zeit noch durch?" "Ja", meine Stimme klang zuversichtlich, "dass dürfte kein Problem sein. Wir warten auf dich." "Bis bald, Anna", verabschiedete er sich, "und richte Grüße aus." "Mache ich", gab ich zur Antwort, "grüße du mir die Familie." Damit beendeten wir unser Gespräch. Ich legte den Hörer wieder auf die Gabel. Ich war mir sicher, er würde sich um alles Notwendige kümmern.

In den nächsten Tagen zeigten wir, damit meine ich Marc und mich, Anordil mehr von Oxford und Umgebung. Seine Neugier schien dabei unersättlich. Es war schier zum Verzweifeln. Weihnachten rückte unerbittlich näher. Und mittendrin löcherte mich Anordil mit seiner Neugier. Ich fragte mich, wann ihm die Fragen ausgehen würden.

Als wir ein paar Tage nach unserem ersten Besuch erneut Oxfords Einkaufsmeile einen Besuch abstatten, hatte sich diese drastisch verändert. Die unzähligen bunten Lichterketten erstrahlten nun und überall grinste uns ein überdimensionierter Weihnachtsmann sowie etliche verkitschte Engel entgegen. Immer mehr glich Oxford einem kunterbunten, bonbonfarbenen Albtraum. Aus den nach außen gerichteten Lautsprechern der Geschäfte drang dezente Weihnachtsmusik.

Anordil drehte sich im Kreis. Seine Augen musterten jede glänzende Kugel und jedes bunte Licht. "Man hen? – Was ist das?", fragte er mich entgeistert. Mein Gehirn begann bereits zu rotieren. Ich versuchte einen Ansatz zu finden diesen Irrsinn in Worte zu kleiden. "Weihnachten", erklärte Marc an meiner Stelle. Mittlerweile kannte er die Bedeutung dieser beiden Worte Anordils zur Genüge. "Die christlichen Religionen feiern die Geburt Christi, dem Sohn Gottes", fügte er hinzu, "früher stand mehr die religiöse Bedeutung im Vordergrund. In der neueren Zeit verkommt es eher zu einem Konsumrausch. Viele der Menschen reduzieren das Weihnachtsfest oder Fest der Liebe auf zwei Dinge – schenken und beschenkt werden. Die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Grundgedanken der Religion gerät dabei immer weiter in Vergessenheit."

Aufmerksam folgte Anordil seinen Worten. "Dann erkläre es mir", forderte er, "was hat dies alles mit eurer Religion zu tun?" Er deutete in die Runde. "Am besten zeige ich es dir", erwiderte Marc, "kommt mit." Er winkte uns ihm zu folgen. Nach wenigen Straßenzügen wusste ich, wohin er wollte. Etwas abseits der großen Straßen, in den ruhigeren Gebieten der Stadt lag eine sehr alte Kirche. Sie war einem der großen Klöster angeschlossen. An den Wänden des Kirchenschiffes waren die Lebensstationen Jesu aufgemalt. Ich erinnerte mich, mit meinen Eltern vor Jahren dort gewesen zu sein. Wie lange war das jetzt her?

Als wir die Kirche betraten, blieb die Hektik hinter uns. Mit einem Mal herrschte Ruhe. Nur zögernd hatte ich den Kirchenraum betreten. Etwas in mir sträubte sich dagegen. Unruhig musterte ich meine Umgebung. Weihwasserbecken zierten die Säulen vorne am Eingang. Trotz der relativen Kleinheit des Innenraums war dieser in drei sogenannte Schiffe geteilt. Die Bestuhlung bestand aus dunklem Holz und der steinerne Boden wies etliche beschriftete Platten auf. Wenn man die Schriftzüge entzifferte, was einem nur mit Lateinkenntnissen gelingen konnte, so erfuhr man, dass an diesen Stellen verschiedene Äbte des Klosters ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Marc und Anordil wandten sich den Wandbildern zu. "Es heisst, dass Gott seinen Sohn in Menschengestalt auf die Erde schickte", hörte ich Marcs leise Stimme, "damit dieser für die Sünden der Menschen Buße tue. Bereits die Empfängnis soll ein Wunder gewesen sein. Angeblich ..."

Meine Augen wanderten hin und her. Ein Frösteln lief über meinen Rücken. Ich sah nur wenige Menschen in den Bänken. Sie regten sich nicht. Stumm im Gebet versunken. Von der hohen gotischen Decke hingen mehrere gewaltige Leuchter, die allerdings nur ein dämmeriges Licht spendeten. In einem der Seitenschiffe war ein Taufbecken aus schwerem dunklen Marmor zu erkennen. Eine Nische für die Anbetung der Maria schien überflutet von Blumen. Ein süßer Duft, vermischt mit dem leichten Fäulnisgeruch verrottender Pflanzen, stieg in meine Nase. Im zweiten Seitenschiff leuchteten Hunderte von kleinen Kerzen in einer Nische. Oben, in halber Höhe des Kirchenraumes, führte eine Galerie rundherum. Schwach konnte ich geschnitzte Holzsitze erkennen. Die Plätze waren wohl für die Mönche oder besondere Gäste vorgesehen, dachte ich bei mir. Über dem Eingangsportal befand sich die Orgel. Gewaltig ragten ihre Pfeifen empor.

Ohne ein Geräusch zu verursachen, schlenderte ich bis vorne zum Altar. Dieser stand etwas erhöht. Drei Stufen führten hinauf. An der Wand waren rundherum geschnitzte Holzsitze für die Mönche angebracht. Der Altar selber war ein schlichter dunkler Marmorblock. Winzige goldene Adern durchzogen den Stein. Ein spitzenverziertes Tuch war darüber gebreitet. Auf der einen Seite stand ein Blumengebinde und auf der anderen eine dicke brennende Kerze. Hinter dem Altar sah ich das Allerheiligste, welches von einem geöffneten Triptychon gekrönt wurde. Es zeigte die Grablegung Christi. Darunter befand sich hinter verschlossener, goldverzierter Tür der Kelch für den Wein und die Schale für das Brot. Die Symbole des Christentums. Wein für das Blut Jesu und Brot für dessen Leib. Was für eine Ironie, dachte ich bei mir.

Vor den Stufen, die zum Altar hoch führten, lag ein Mönch in tiefster Demut. Die Sonne, die durch das bleiverglaste Kirchenfenster hinter dem Allerheiligsten hindurch fiel, warf das bunte Muster des Glases auf ihn. Ich beachtete ihn nicht weiter. Hinter mir hörte ich Bewegung. Leises Rascheln und Schritte verriet mir, dass die Menschen nach einander die Kirche verließen. Das Gemurmel von Anordils und Marcs Stimmen schienen nun die einzigen Geräusche zu sein. In Gedanken betrachtete ich das Bildnis der Grablegung. Was wäre, wenn die Christen die Wahrheit erfahren würden, schoss es durch meinen Kopf. Nein, niemals könnte die Kirche dies zulassen. Folglich war der einzige sichere Platz für die Papierrolle im Zwergenhort.

"Sie wagen viel", wisperte eine harte Stimme in mein Ohr. Blitzschnell drehte ich mich um. Vor mir stand der Mönch, der bis vor einigen Minuten noch in Anbetung ausgestreckt auf dem Boden der Kirche lag. Automatisch wich ich einen Schritt zurück. "Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht", entgegnete ich kühl. Mein Blick musterte ihn von oben bis unten. Ein Jesuit im Habit seines Ordens. Den Kragen zierte ein kleines unscheinbares Symbol. Inquisitio - ich hätte es wissen müssen. Die Jesuiten waren von jeher die Träger der Inquisition gewesen. Die Hände hielt er vor sich verschränkt. Versteckt in den weiten Ärmeln seines Gewandes. Seine Augen blitzten eisig. Erbarmungslos.

"Sie wissen es sehr wohl", seine Stimme klirrte, "solange Jahre haben wir Sie gejagt und nun kehren Sie ein in das Haus Gottes." "Es ist heiliger Boden", sagte ich geistesgegenwärtig, "Ihr werdet es nicht wagen mich hier anzugreifen. – Zumal Ihr allein seid." Er lächelte mich an. "Selbst sie werden nicht schneller als die Kugel sein, die ich auf Sie gerichtet habe", flüsterte er. Ich starrte auf seine versteckten Hände. Hielt er dort tatsächlich eine Waffe versteckt? Oder bluffte er nur? "Andererseits", fuhr er fort, "vielleicht ziehen Sie es vor, dass ich einen Ihrer Begleiter erschieße?" Mit seinem Kopf wies er auf Marc und Anordil, die weiterhin eingehend die Wandbilder betrachteten. Leises Gemurmel drang an mein Ohr.

"Nein!", hauchte ich entsetzt. "Dann gehen Sie voran", wies er mich an, "am Altar vorbei durch die Priesterpforte." Langsam drehte ich mich um. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich würde kooperieren. Aber nur solange, bis Marc und Anordil außerhalb des Schussfeldes waren. Dann würde mich dieser Kerl kennen lernen. Andererseits – vielleicht schaffte ich es einen Gedanken zu Anordil zu schicken. Ich versuchte mich beim Gehen zu konzentrieren. Anordil, schrie ich lautlos, hilf mir! Die Sekunden, bis ich die kleine Tür erreichte, dehnten sich unendlich.

Plötzlich hörte ich hinter mir einen dumpfen Knall. Rasch blickte ich über meine Schulter. Erleichtert atmete ich auf. Vom anderen Ende des Kirchenschiffes sah ich Anordil und Marc auf mich zu laufen. Sie schauten mich besorgt an. Der Mönch lag am Boden zwei Schritte von mir entfernt. Er musste wie ein nasser Sack zusammen gebrochen sein. "Er wird eine Weile schlafen", sagte Anordil ruhig, "was war geschehen?" Er musste die Gefahr gespürt haben. Seine Augen musterten aufmerksam die Umgebung. Magie war zu spüren. "Dieser Mönch muss zu denen gehören, die mich suchen", erklärte ich, "jedenfalls wollte er mich wegführen. Er drohte euch beide zu erschießen." Marc wurde blass. "Und wenn er aufwacht?", fragte er, "er wird Alarm schlagen. In Willfour Manor sitzen wir auf dem Serviertablett." Anordil lächelte ihn milde an. "Keine Sorge, junger Freund", erwiderte er, "der Geist dieses Mannes ist zugänglich im Schlaf. Wenn er aufwacht, wird er sich an nichts erinnern."

Geschmeidig kniete er neben dem Mönch nieder. Minuten verstrichen. Die Ruhe in der Kirche wirkte nun beinahe beängstigend. Die Wellen von Magie waren deutlich zu spüren. Ich wurde immer unruhiger. Dann hatte Anordil seinen Zauber beendet. Rasch erhob er sich. Als wir das Innere der Kirche verließen, sah ich zurück auf den Mönch. Wie nah waren sie heute an ihrem Ziel gewesen. Ein Schauder lief mir über den Rücken.

In den nächsten Tagen versuchte ich diese Begegnung zu vergessen. Doch immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich mich vorsichtig umschaute. Misstrauisch beobachtete ich meine Umgebung. Wo einer dieser Kerle war, konnten durchaus noch mehr sein. Zumal Anordils Zauber nicht immer seine Wirkung wie gewünscht entfaltete. Aber alles blieb ruhig. Niemand kam in die Nähe von Willfour Manor. Allmählich legte sich meine Unruhe. Anordils Anwesenheit tat dazu ihr Übriges.

Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen kam Patrick angereist. Marc holte ihn vom Bahnhof ab. Als er die Tür hereinkam, war er dick vermummt. Es war zwischenzeitlich ausnehmend kalt und ungemütlich geworden. Das englische Wetter lud nicht zu Spaziergängen ein. Freude strahlte aus seinen Augen, als er uns erblickte. Umständlich schälte er sich aus den Handschuhen und der dicken Jacke.

"Was bin ich froh Euch zu sehen", platzte es aus ihm auf Gälisch heraus, "erneut ein herzliches Willkommen in unserer Welt, Anordil Glordoronion. Ich bin erleichtert, dass Arwen nicht mehr alleine ist." "Auch Euch grüße ich", erwiderte Anordil, "ich hatte nicht erwartet Euch derart bald wieder zu sehen." "Ich glaube, wir sollten wieder Englisch sprechen", warf ich ein, "wir werden bereits beäugt." Und in der Tat sahen uns meine Mitbewohner recht merkwürdig an.

"Es ist eigenartig dem Gälischen zu lauschen", sagte Patrice, "es ist wie eine Sprache aus alter Zeit - archaisch und urtümlich." "Euch allen ein Hallo", sagte Patrick fröhlich und deutete in die Runde, "ich werde ein paar Tage bleiben. Falls ihr Probleme habt wegen eurem Stipendium, Behörden oder ähnlichem, so kommt zu mir. Dafür bin ich da." Marc lachte. "Vielen Dank, Mr. O'Reilly, aber im Moment kommen wir prima zurecht." "Genau", unterbrach Susann, "aber wir werden daran denken."

Von der Seite kam Ms. Vermont, die Sekretärin auf uns zu. "Willkommen, Mr. O'Reilly", begrüßte sie Patrick, "ich habe Ihnen bereits alle Unterlagen zurecht gelegt." "Guten Tag, Ms. Vermont", grüßte er zurück, "dann wollen wir uns mal an die Arbeit begeben." Mit einem Augenzwinkern folgte Patrick ihr. Das Büro lag im Verbindungstrakt zwischen den beiden Flügeln. Den Rest des Tages verbrachte er dort. Zum Abendessen nahm er an unserem Tisch Platz. Schließlich würde er für die Zeit seiner Anwesenheit auch hier in Willfour Manor nächtigen. Auf Gälisch gab er Anordil und mir zu verstehen, dass wir nachher in sein Zimmer kommen sollten.

Ich war gespannt, was er uns zu berichten hatte. Die Gästeräume lagen im kaum benutzten linken Flügel. Neugierig klopfte ich an die Tür. Auf Patricks "Herein" betraten wir den Raum. Nichts hatte sich seit damals verändert. Bereits zu der Zeit, als meine Familie hier wohnte, wurden diese Räumlichkeiten eher selten genutzt. Im schweren, zwölfarmigen Leuchter brannte nur die Hälfte der Glühbirnen. Wahrscheinlich würden die anderen ersetzt werden, wenn keine einzige mehr funktionierte. Die Teppiche waren dunkel und zeigten Jagdmotive. An der tiefdunklen Holzvertäfelung der Wände hingen alte Gemälde. Das Holz des vierpfostigen Bettes schien nahezu schwarz zu sein. Eine schwere Gobelindecke lag darüber. Die dunkelroten Samtvorhänge des Betthimmels wurden von dicken goldfarbenen Kordeln mit Troddeln zurückgehalten. Der Schrank und die Schreibtischkombination waren ebenfalls aus dem beinahe schwarzen Holz gefertigt.

Patrick hatte die zum Boden reichenden Fenster weit geöffnet. Die kalte Nachtluft vertrieb den leicht muffigen Geruch, den solche Räume an sich haben. Er schloss sie gerade, als wir eintraten. "Setzt euch", sagte er zu uns auf Gälisch und deutete auf eine kleine Sitzgruppe an der einen Seite hin. Der gobelinartige Stoff derselben war an einigen Stellen bereits arg fadenscheinig. "Nun, was hast du erreicht?", fragte ich neugierig, als wir uns setzten. "Ich habe meine Beziehungen ein bisschen spielen lassen", erwiderte Patrick, "hier und da ein wenig Gold aus dem Hort, eine kleine Gefälligkeit eingefordert – und – sieh her."

Auf das kleine dunkle Holztischchen mit den zierlichen Beinen vor uns legte er alle notwendigen Papiere. "Alles da", sagte er stolz, "niemand wird den kleinsten Anhaltspunkt erhalten, dass Anordil nicht hier geboren und aufgewachsen ist." Anordil betrachtete mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck die vor ihm liegenden Dokumente. "Dies alles benötigt ihr?", fragte er überrascht, "wozu?" "Auf dieser Welt leben zu viele Menschen, als dass man ohne auskommen könnte", erklärte Patrick, "ich denke, die größten Städte Mittelerdes werden so einige tausend Bewohner zählen. – Hier leben in den größten Städten Millionen Menschen. Wir werden bereits bei der Geburt registriert. Für alles gibt es Behörden und irgendwelche Papiere. Manchmal ist das äußerst lästig und vielfach Zeit raubend. Aber um derart viele Menschen zu verwalten ist es notwendig."

Anordil nickte verstehend. "Fällt es nicht auf, wenn plötzlich ein weiteres Leben auftaucht, Patrick?" "Mit Geld ist alles möglich", erwiderte dieser lächelnd, "ich denke, wir haben an alles gedacht. Zumindest sollten die Papiere einer oberflächlichen Überprüfung standhalten. In ein paar Tagen werden wir es wissen." Damit spielte er auf unsere Fahrt nach Shancahir an. Schließlich würden wir dabei die englische Landesgrenze hinter uns lassen und die irische überschreiten. "So", sagte Patrick, "jetzt müsst ihr mir jedoch erzählen, wie es dazu kam, dass Anordil nun hier ist." Wir taten ihm den Gefallen. Bis spät in die Nacht blieben wir und erzählten. Nicht nur von Anordils plötzlichem Erscheinen.

In den folgenden Tagen bekamen wir Patrick recht wenig zu Gesicht. Er war damit beschäftigt die Rechnungen durchzusehen, die Bücher zu prüfen und die Papiere zu sichten. In seiner Funktion als Verwalter von Willfour Manor tätigte er etliche Behördengänge. Er sprach mit dem Gärtner und dem Stallmeister. Einige von meinen Mitbewohnern konsultierten ihn wegen verschiedener Dinge, die ihr Studium betrafen. Nach knapp einer Woche brachen wir schließlich gemeinsam auf. In Shancahir wollten wir Weihnachten, oder besser gesagt das Alban Arthuan oder Yulefest, und das Neujahrsfest im Kreise von Patricks Familie begehen. Ich freute mich darauf, schließlich war es einige Zeit her, seit ich diese Feste gefeiert hatte.

Marc begleitete uns bis zum Bahnhof. Es war laut in der Bahnhofshalle und stickig. Die Geräusche hallten von allen Seiten auf uns ein. Anordil schien Mühe zu haben sich zu beherrschen. Ein Anflug von Schmerz huschte über sein Gesicht. Die Lautstärke malträtierte wohl seinen äußerst empfindlichen Ohren. Doch alles wurde vergessen, als er die vielen Gleise mit den wartenden Zügen sah. "Man hen? – Was ist das?", flüsterte er mir zu und deutete auf einen der Züge. Menschen hasteten an uns vorbei. "Ein Zug", erwiderte ich, "eines der Beförderungsmittel dieser Welt. Größere Entfernungen können damit relativ schnell überwunden werden. Für drei Tagesreisen benötigt ein Zug nur etwa ein bis zwei Stunden."

"So schnell?", entfuhr es Anordil überrascht, "und es ist keine Zauberei dabei?" "Law - nein", schüttelte ich lächelnd den Kopf, "nicht die klitzekleinste Andeutung von Magie. Wie fast überall ist auch hier Strom die treibende Kraft." Anordil nickte. "Ich spüre und ich höre es", erwiderte er. Eine Durchsage schallte über die Lautsprecher. Vor Schmerz hielt Anordil sich die Ohren. Rasch zog ich ihn auf den Zug zu, in den wir einsteigen mussten. Marc reichte uns die beiden Gepäckstücke an, die er noch getragen hatte. "Vielleicht wäre es ratsam, wenn Anordil sich das nächste Mal etwas Watte in die Ohren stopft", flüsterte er mir zu, "es muss ihn extrem schmerzen." "Ich werde daran denken", erwiderte ich, "vielleicht finde ich noch was."

Marc reichte Anordil die Hand. "Ich wünsche dir eine angenehme Reise, ein fröhliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr", sagte er mit einem freundlichen Lächeln. Anordil sah ihn verwirrt an. "Einen guten Rutsch?", wiederholte er irritiert, "ihr rutscht in ein Jahr?" Ich konnte nur mit Mühe ein herzhaftes Lachen unterdrücken. "Das sagt man nur so", warf Patrick ein, "am Tag oder eher in der Nacht des Jahreswechsel kann es furchtbar gefroren sein. Daher wünscht man einen guten Rutsch, als Zeichen dafür, dass man bei guter Gesundheit bleiben und sich nichts brechen soll." In diesem Moment schrillte ein hoher Pfeifton durch die Gleishalle.

"Der Zug fährt gleich ab", kommentierte Patrick, "alles Gute, Marc." "Schöne Feiertage", wünschte ich ihm. Marc winkte uns zu. "Ich weiß nicht, welche Worte ihr zum Abschied hier wählt", sagte Anordil, "bei uns sagt man - cui anann – lebe lang." Danach schlossen sich die Türen. Der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung. Marc winkte uns zu. Als wir ihn nicht mehr erkennen konnten, machten wir uns auf die Suche nach einem freien Abteil. In der Mitte des Zuges wurden wir fündig. Wir verstauten unser Gepäck in der dafür vorgesehenen Ablage und machten es uns bequem. Anordil setzte sich ans Fenster. Seine blauen Augen waren dunkel vor Aufregung. Ansonsten blieb er ruhig. Jede Station unserer Bahnreise wurde aufmerksam von ihm verfolgt. Er sprach kein Wort. Seine Augen wanderten jedoch hin und her. Auf manchen Dingen ruhte sein Blick länger, als würde er sie sich einprägen.

Wir fuhren mit dem Zug bis an die Küste nach Holyhead. Hier stiegen wir in die Fähre um. Anordil wich mir nicht von der Seite. Zu neu und ungewohnt war die Umgebung. Als er der riesigen Fähre ansichtig wurde, konnte er sich kaum beherrschen. "Was für Überraschungen hält deine Welt noch für mich verborgen?", wisperte er mir zu, "so ein großes Schiff habe ich noch nie gesehen. Wo sind seine Segel?" "Keine Segel", erwiderte ich, "die Fähre wird mit mehreren Motoren betrieben. Ähnlich wie bei den Autos. Die Motoren treiben Schiffsschrauben an, welche die Fähre vorwärts bewegen." Fragend sah er mich an. Oh Mist, wie kann ich das anschaulich erklären? "Warte, bis wir an Bord sind", sagte ich, "meist ist irgendwo ein Modell ausgestellt. Daran kann ich dir zeigen, was ich meine." Er nickte zustimmend.

An Bord stellten wir unser Gepäck unter. Patrick kümmerte sich um die Papiere. Anordil und ich schlenderten über Deck auf dem Weg zur Cafeteria. Meist war im Vorraum zu dieser ein Modell des Schiffes ausgestellt. Und wir hatten Glück. In einer Glasvitrine glänzte uns eine kleine Fähre entgegen. Ich deutete auf die Schrauben. "Diese meine ich", sagte ich, "durch Drehbewegung erzeugen sie einen Vorwärtsschub des Schiffes." Anordil ging in die Hocke. Er musterte jeden Inch des kleinen Modells. "Es verwundert mich, dass es nicht untergeht", murmelte er, "das Schiff ist aus Metall. Somit äußerst schwer." Ahnungslos zuckte ich mit den Achseln. "Vermutlich hat es mit der Luft im Inneren zu tun", erwiderte ich, "ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie die Schiffe funktionieren."

In diesem Moment ließ ein lautes Brummen den Boden unter uns vibrieren. Entsetzt sprang Anordil auf. Seine Hand glitt zum Dolch unter seiner Jacke. Rasch sah er sich um. "Man hen? – Was ist das?", rief er mir zu. Diesmal konnte ich mir ein Lachen kaum verkneifen. "Die Motoren sind angelassen worden", kicherte ich, "die Fähre legt ab." Er entspannte sich ein wenig. "Komm mit, Anordil. Lass' uns an Deck das Auslaufen beobachten." Ein unsicheres Lächeln umspielte seine Lippen. Er streckte eine Hand aus und zog mich zu sich heran. Sanft küsste er meinen Mund, bevor er mich kurz drückte. "Verzeih mir", flüsterte er mir ins Ohr, "es ist alles so neu. Selbst in meinen ganzen Lebensjahren habe ich solche Dinge nicht gesehen." "Keine Sorge, mein Liebster", wisperte ich zurück, "vertraue mir, so wie ich dir in Mittelerde vertraute."

Dann gingen wir an Deck. Der Wind spielte mit Anordils Haaren. Tief atmete er die salzige Luft. "Sogar das Meer riecht anders", kommentierte er. Seine Augen folgten den Möwen. "Du hast Sehnsucht nach Mittelerde", stellte ich fest, "nach Valinor." Bedächtig nickte er. "Ja, nach Mittelerde", bestätigte er, "doch nicht nach Valinor. Jeden Elben zieht es nach Valinor. Aber ich bin noch nicht bereit dem Ruf zu folgen." Anordils Blick tastete den Horizont ab. Ich wusste, dass er mehr sah, als jeder von uns. Für die Zeit der Überfahrt blieb er dort an der Reling stehen. Das Gesicht aufs Meer gerichtet. Schweigend. Ich störte ihn nicht. Mittelerde – wie vermisste ich es. Ja, ich hatte Heimweh nach dieser rauen Welt. Wie sehr musste sich erst Anordil danach sehnen?

To be continued ...

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