Alban Arthuan

Nach einigen Stunden erreichten wir den Hafen von Dublin. Dort hatte Patrick seinen Jeep geparkt. Bereits nach kurzer Zeit hatten wir die Stadt hinter uns gelassen. Wir fuhren bis nach Shancahir durch die irische Landschaft der Wicklow Mountains. Anordils Augen tanzten umher. Jede Winzigkeit nahm er in sich auf. Und er hatte viele Eindrücke zu verarbeiten. Ich war froh, als wir in der Ruhe und Beschaulichkeit Shancahirs angelangt waren.

Wir wurden bereits erwartet. Sinéad hatte den Wagen gehört und kam aus der Tür. "Willkommen in Shancahir", empfing sie uns mit einem strahlenden Lächeln, "ich freue mich, dass Ihr den Weg hierher gefunden habt." Einladend deutete sie hinein. "Ich danke Euch für Euren Gruß", erwiderte Anordil. Neugierig betrat er das Haus. Als er das letzte Mal hier war, hatte er nur die Zeltstadt der celtic-weeks kennen gelernt. Von einem schmalen Flur zweigten die Räume ab. Sinéad ging uns voran in die Küche, wo Eleanor bereits arbeitete. Ich roch bereits das frische Brot, dessen Duft durch das ganze Haus strömte. Verblüfft musterte Anordil das prasselnde Feuer im Kamin.

"Wir könnten in Mittelerde sein", flüsterte er mir zu, "es sieht hier aus wie in den Häusern der Menschen in den Ebenen Rohans." "Aber wir sind nicht in Mittelerde", erwiderte ich, "sondern in Irland." Seine Augen wanderten von dem großen Tisch aus dunkler Eiche und den dazugehörigen Stühlen zu den Schränken aus poliertem dunklem Holz. Von der Decke hingen Kräuterbündel, Zwiebel- und Knoblauchzöpfe und Kränze aus Paprika. An den Haken neben der Feuerstelle hatte ein Schinken sowie mehrere Meter Wurst ihren Platz gefunden. An den Fenstern baumelte je ein frisches Kräutersträußlein.

"Dies hält aber das Elbenvolk nicht fern", sagte er lächelnd und deutete auf die Kräuter. Damit spielte er auf einen alten keltischen Aberglauben an, von dem ich ihm erzählt hatte. "Das kleine Volk der irischen Sagenwelt schon", konterte Eleanor spontan. Sie reichte jedem von uns einen Becher Wein. "Nochmals Willkommen in unserem Haus", sagte sie, "bringt Frieden mit und verweilt so lange Ihr mögt." "Ich danke Euch", erwiderte Anordil, als er den Becher nahm, "einige Zeit ist vergangen seit dem letzten Besuch." "Viel hat sich ereignet", unterbrach Patrick, "nehmt Platz und lasst Euch die Mahlzeit schmecken."

Er wies auf den Tisch, der gut gedeckt war mit Brot, Wurst und Käse. Ein kleines tönernes Fässchen mit Butter stand daneben. Über der Feuerstelle hing ein gusseiserner Kessel mit duftendem Inhalt. Wenn meine Geschmacksnerven richtig funktionierten ein Stew nach Eleanors Rezept. Diese füllte bereits kleine Tonschalen mit dem dampfenden Eintopf.

Erwartungsvoll stellte Eleanor eine der Schalen vor Anordil hin. "Erzählt uns Geschichten, Herr Anordil", bat sie auf Jerne, "Geschichten aus Mittelerde. Ich bin begierig zu erfahren, was dort geschieht. – Wie geht es Luvalaes? Habt Ihr ihn gesehen?" Hoffnung schimmerte in ihren Augen. Sie und Luvalaes hatten eine kurze Romanze miteinander erlebt, als wir zu den celtic-weeks hier waren. Seitdem hatte sie keine Beziehung mehr gehabt, hatte mir Sinéad berichtet.

"Luvalaes geht es gut", konnte Anordil berichten, "er begleitete meinen Weg von Lórien aus. Ich hoffe, ihn in den heimatlichen Hallen von Cillien wiederzusehen." Taktvoll vermied er eine Anspielung auf die kurze Zeit, welche die beiden zusammen verbrachten. Rasch lenkte er das Gespräch in andere Bahnen. Und an diesem Abend erzählten wir viel. Anordil musste berichten, wie es ihm gelungen war einen Weg hierher zu finden. Recht spät begaben wir uns zur Ruhe.

Diesmal stieg ich gemeinsam mit Anordil die schmale Stiege zum Gästezimmer hinauf. In dem kleinen Zimmer unter dem Dach stand ein breites Bett aus dunklem Holz mit gedrechselten Pfosten an der Kopfseite der Wand. Das Nachtlicht, welches aus einer dicken Kerze in einem schmiedeeisernen Fuß bestand, fand auf der kleinen Kommode daneben Platz. Daneben lag ein Päckchen Streichhölzer. Überflüssig für uns, dachte ich bei mir. Unter dem Fenster stand eine Kleidertruhe aus geflochtener Weide.

Auf der Wäschekommode an der rechten Wand stand eine tönerne Waschschüssel mit Wasserkrug, umrahmt von zwei kleinen Öllämpchen. Wie jedes Mal, wenn ich hier weilte, war ich merkwürdig berührt. Auf der einen Seite der geringe Komfort eines mittelalterlichen Hauses. Auf der anderen Seite wusste ich im Anbau des Hauses ein hochmodernes Badezimmer zu finden. Für Gäste gab es gar ein eigenes Bad. Mit einer lässigen Bewegung entzündete Anordil die beiden Lämpchen. Im blankgeputzten Spiegel über der Wäschekommode sah ich unser beider Antlitz.

"Es berührt mich merkwürdig", sagte er leise, während er zum Fenster ging, "deine Welt ist so anders und doch so gewohnt. Dieses Haus hier könnte irgendwo in Mittelerde stehen. Es würde kein Unterschied sein. Und doch - wenn ich die anderen Dinge sehe – Autos, - Maschinen, die Dinge bewegen, – unsichtbare Ströme, die Licht spenden, - so wächst ein Gefühl der Traurigkeit in mir." Eigenartigerweise konnte ich seine Gefühle nachvollziehen. Ich war ein Kind dieser Welt, aufgewachsen mit all den Errungenschaften moderner Technik. Und doch ... die Zeit, die ich in Mittelerde an seiner Seite verbrachte, hatte mich verändert.

"Ich verstehe dich gut", antwortete ich ihm, "früher hätte ich es nicht gekonnt. Doch heute, nachdem ich mit dir in Mittelerde weilte, fühle ich mit dir." Er sah hinaus zu den Sternen. "Keiner steht an der richtigen Stelle", murmelte er, "ich vermisse den Sternenhimmel Mittelerdes." "Bald werden wir ihn wiedersehen", erwiderte ich. Einige Minuten verharrte er dort. Schaute hinauf zu den Sternen. "Deine Familie hat uns willkommen geheißen", sagte er, "obwohl sie wissen, dass sie dadurch in Gefahr sind. – Sie sind gute Menschen." "Ja, das sind sie", stimmte ich zu, "ich bin froh, sie meine Familie nennen zu dürfen."

Ich ging zu ihm. Sanft legte ich meine Hand auf seine Schulter. Ich wusste, dass er seine Familie vermisste. Ich hatte mich genauso gefühlt, als ich in Mittelerde allein gestrandet war. Aber ich war mir sicher, dass wir schon bald wieder den Boden Cilliens betreten würden. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, doch auch ich sehnte mich nach den Gestaden dieser rauen, mit Zauber behafteten Welt. Impulsiv schloss Anordil mich in die Arme und versiegelte meine Lippen mit einem leidenschaftlichen Kuss.

Am nächsten Morgen erwachte ich bereits weit vor der Dämmerung. Anordil stand am Fenster. Er studierte die Sternbilder und prägte sich ihre Konstellationen ein. Für ihn war Schlaf nicht wichtig. Elben schlafen nicht. Sie ruhen in sich. Einer Meditation gleich. Als er bemerkte, dass ich wach war, wandte er sich mir zu.

"Das Haus schläft noch", sagte er leise. "Das dachte ich mir", erwiderte ich und deutete aus dem Fenster, "kaum ein Mensch dieser Welt steht freiwillig um diese Zeit auf." Anordil lachte leise. "Wie schade", entgegnete er, "ihnen entgeht eine Menge." Er reichte mir die Hand. "Zeige mir deine Wurzeln", bat er, "ich möchte sehen, was dich geprägt hat." "Dies tue ich gerne", erwiderte ich.

Flüchtig wusch ich mich in der Waschschüssel, bevor ich meine elbischen Gewänder überstreifte. Auch Anordil hatte sich seiner Gewohnheit gemäß gewandet. Lautlos schlichen wir hinunter in die Küche. Aus dem Brottopf nahm ich das übriggebliebene Brot vom letzten Abend und schnitt zwei Kanten ab. Ich schrieb Patrick noch einen Zettel, dass ich Anordil die Umgebung zeigen wollte. Dann verließen wir das Haus.

Draußen wallte leichter Nebel. Es war dunkel. Die Dämmerung konnte man nur angedeutet erahnen. Anordil folgte mir durch die Dunkelheit. Diesmal war ich sein Wegweiser. Zuerst zeigte ich ihm den an Shancahir angrenzenden Wald. Der Raureif knirschte sanft unter meinen Schritten. In der beginnenden Dämmerung konnten wir sogar ein kleine Herde Rehe sehen. Danach lenkte ich meine Schritte zum Museumsdorf. Dort konnte ich ihm am besten meine Wurzeln erklären. Es war gespenstisch, wie die Befestigungsmauer aus dem Morgennebel auftauchte. Auf dem selben Platz hatten vor einigen Jahren die celtic-weeks stattgefunden, an denen Anordil mir das erste Mal in diese Welt gefolgt war. Im Osten zeigte sich der sanfte Schimmer des neuen Tages. Als wir durch das Tor schritten, hörte ich laut einen Hammer durch die Stille klingen. Offensichtlich war bereits jemand bei der Arbeit.

Jetzt im Winter lag das Museumsdorf meist einsam und verlassen da. Nur vereinzelt hörte man Geräusche von Handwerkern. Wie heute diesen einsamen Hammer. Patrick und einige der Dorfbewohner nutzten den ruhigen Winter, um einige Verbesserungen und Änderungen vorzunehmen. Jeder arbeitete wann er Zeit fand. Am frühen Morgen, am Tage oder in den Abendstunden. Patrick hatte mir erzählt, dass in einem Haus ein alter keltischer Webstuhl aufgebaut wurde. Es würde den ganzen Winter dauern, ihn richtig zusammen zu setzen, dass er funktionstüchtig war. Im letzten Winter hatte man das nicht mehr geschafft.

Staunend folgte Anordil mir durch das Tor. Er sah sich um. Betrachtete die Bauwerke, die dem Tor gegenüber lagen. "Man meint jeden Moment die Wachen zu hören", sagte er leise, "die nach deinem Begehren fragen." "Es ist eine Art Zeitreise ohne Risiko", erklärte ich ihm, "was hier betrieben wird. Dem Menschen meines Zeitalters, wird die Lebensweise nahe gebracht, wie sie vor Hunderten von Jahren war. Viele sehnen sich zurück zu diesen Tagen. Und hier geben wir ihnen ihre Träume."

Langsam schlenderten wir durch die Gassen. Er blickte in die Runde. Nahm jedes Haus genau in Augenschein. "Manches könnte gleichermaßen in Mittelerde stehen", kommentierte er leise auf Sindarin, "wie dieses Gasthaus. Man meint beinahe, wieder in Bree zu sein. - Hast du die Anregungen dafür gegeben?" Ich nickte zustimmend. "Mae - ja, ", erwiderte ich, "ein wenig habe ich da nachgeholfen. Ich wollte mir damit das Gefühl von Heimat schaffen. Selbst wenn das egoistisch klingt. Hier bin ich zu einer Fremden geworden. - Jedenfalls fühle ich mich als Fremdkörper. Mittelerde ist meine Heimat und meine Berufung. Der Sonnenlauf, den ich von dir getrennt war, hat mir das ganz deutlich gezeigt."

Anordil sah sich aufmerksam um. "Einiges ist noch nicht fertig", bemerkte er und deutete auf ein paar Häuser, die sich im Bau befanden. "Sie werden bis zum Sommer hergerichtet sein", sagte ich bestätigend, "es werden weitere Wohnhäuser errichtet und auf der Seite dort drüben wird ein Gerber sein Domizil finden und vielleicht ein Heiler." "Eine keltische Heilerstube?", fragte er neugierig, "oder eine der heutigen Welt?" "Das weiß man noch nicht, Anordil. Eine keltische Heilerstube wäre das logischste, aber wir werden sehen. - Aus meinen Studien kann ich dir sagen, dass deine Heilkünste sich nicht viel von denen der alten Kelten unterscheiden." In Anordils Augen blitzte es amüsiert auf. Er verbeugte sich leicht in meine Richtung. "Ich fühle mich geehrt, dass meine Heilkünste mit denen deiner Welt mithalten können." Der Schalk sprach aus seinen Worten. Er wusste, dass ich mehr von seinen Fähigkeiten hielt, als von denen der Ärzte meiner Welt.

Nach dem Rundgang durch das Museumsdorf zeigte ich Anordil Shancahir. Die alte Burgruine und die kleinen Häuser, die das eigentliche Dorf bildeten. "Hier ist die Zeit stehen geblieben", erklärte ich ihm, "die meisten Häuser sind sehr alt. Die neueren Datums wurden im Aussehen angeglichen. Shancahir berührt einen auf merkwürdige Weise. Es ist, als würden hier andere Kräfte walten." Anordil nickte bestätigend. "Fühlst du es nicht?", fragte er verwundert, "diese Erde, auf der das Dorf gebaut wurde, ist angefüllt mit Magie." Jetzt wo er es sagte, nahm ich das sanfte Schwingen wahr. Ein unterschwelliges, kaum wahrnehmbares, zartes Vibrieren. Fühlte Anordil so den elektrischen Strom? In der Art, wie ich Magie spürte? Aber dies erklärte zumindest, warum Shancahir die Menschen beeinflusste. Magie war hier am Werk. Ich fragte mich, seit wie vielen Jahrhunderten. Mein Stammbaum konnte mir darüber Aufklärung geben. Vielleicht würde ich ein weiteres Mal den Zwergenhort besuchen.

Im Laufe der nächsten Tage führte ich Anordil ein bisschen durch die Wicklow Mountains und die an Shancahir angrenzenden Wälder. Ich besuchte Plätze, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. An manchen Stellen fühlte ich ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch. Erinnerungen schossen hoch. Wie sollte ich es erklären? Ich fühlte mich als Gast an diesen Plätzen. Als wäre nicht ich es gewesen, die dort gespielt und gelacht hatte.

Zwei Tage vor Alban Arthuan traf Fiona ein. Mit ihr kam der Schnee. Völlig ungewöhnlich und unerwartet, denn Irland liegt direkt am Golfstrom. Die Westküste wurde nie von Schneefällen geplagt und die Ostseite, zur Irischen See hin, äußerst selten. Das es jetzt das zweite Mal in fünf Jahren schneite, war außergewöhnlich zu nennen. Im Regelfall blieben die Temperaturen über dem Gefrierpunkt und der Schnee fiel als ausgiebiger Regen. Allerhöchstens gab es Raureif am Morgen. Doch jetzt sanken dicke weiße Flocken zu Boden.

Fiona wurde von Patrick aus Glendalough mitgebracht. Sie lief uns entgegen, als wir aus dem Museumsdorf kamen. Dort hatten wir den beiden Schmieden ein wenig zugeschaut. Diese versuchten sich an den alten Techniken. Mit den Mitteln von damals wollten sie funktionstüchtige Geräte und Schwerter herstellen. Es gab jedoch Arbeitsgänge, vor allem bei der Schmelze, die nicht ganz eindeutig waren. Sie waren so selbstverständlich gewesen, dass man sie mündlich überliefert hatte. Und irgendwann im Lauf der Zeit hatte dann ein Schmied seine Geheimnisse mit ins Grab genommen. Anordil hatte interessiert zugeschaut. Ich spürte, dass es in ihm arbeitete. Doch er sagte nichts. Er war oft bei den Schmieden Bruchtals zu Gast gewesen. Hatte er Wissen, dass den Schmieden hier behilflich sein konnte? Selbst wenn es nur wenig war? Und wenn ja, dann musste er vorsichtig zu Werke gehen. Schließlich durfte es nicht zu sehr auffallen.

Mit leuchtenden Augen blieb Fiona vor uns stehen. "Ich freue mich, dass du da bist, Anna", lachte sie nahezu atemlos und umarmte mich stürmisch. Mittlerweile tat sie sich nicht mehr schwer damit, mich mit dem falschen Namen anzusprechen. Anordil trat sie weniger ungestüm gegenüber. "Elen silar lumenn omentielvo, Anordil Glordoronion – ein Licht leuchte über der Stunde unserer Begegnung", grüßte sie ihn ehrerbietig auf Sindarin, "ich freue mich, dass Ihr in Shancahir seid. Ich habe Sindarin gelernt, um mich mit Euch in Eurer Sprache unterhalten zu können." Anordil lächelte sie an. Schneeflocken lagen auf seinem Haar. Er sah jetzt mehr wie ein Engel aus, als je zuvor.

"Ich entbiete dir ebenfalls meinen Gruß, Fiona", antwortete er, "es erfreut mich, dass du Sindarin derart gut beherrschst. - Du bist erwachsen geworden." "Vielen Dank", sagte sie und errötete bis in die Haarwurzeln, "ich werde in ein paar Tagen 16 Jahre alt." Stolz streckte sie sich ein wenig. Insgeheim musste ich lächeln. Diese leichte Koketterie der Jugend hatte ich nie gekannt. Ich freute mich für sie, dass sie so behütet aufwuchs. Fernab allen Übels. Und ich hoffte, dass dies so bleiben würde.

Gemeinsam gingen wir ins Haus. Der Duft von frischen Haferplätzchen zog durch die Räume. Sinéad musste gebacken haben. Fiona zog uns in die Wohnstube vor den Kamin, in dem das Feuer die Holzscheite zum Knistern brachte. Wohlige Wärme strömte aus.

"Ich hole Tee und ein paar Kekse", sagte sie aufgeregt, "anschließend müsst Ihr erzählen. Ich bin gespannt von Mittelerde zu hören." Rasch verschwand sie in der Küche. Anordil sah ihr lächelnd hinterher. "Sie sieht dir sehr ähnlich", flüsterte er auf Doriathrin, "du kannst nicht verleugnen ihre Mutter zu sein." "Ich danke den Göttern, dass sie es bisher nicht bemerkt hat", erwiderte ich. In diesem Moment kehrte Fiona zurück. Auf einem Tablett hatte sie drei dampfende Becher und einen Teller mit Keksen. Dieses stellte sie vor den Kamin und setzte sich auf den Teppich. Mit leuchtenden Augen sah sie uns an. "Tolo, havo dad – kommt, setzt Euch", sagte sie höflich, "und erzählt mir von Mittelerde. Ich möchte so viel erfahren." Wir setzten uns zu ihr hin. Bedächtig nahmen wir die Becher. Ich blies auf den Tee. Er war äußerst heiß. Der aromatische Duft von Kräutern stieg in die Nase.

"Nun, Fiona", lächelte Anordil sie an, "was möchtest du wissen?" Wiederum errötete sie leicht. "Oh, ähm", räusperte sie sich, "als erstes, ob euer Bruder Luvalaes bei guter Gesundheit ist. – Dann, wie Mittelerde aussieht. Die Menschen, die Hobbits, die Orks. - Sind diese wirklich derartig böse und angriffslustig? - Das Nebelgebirge, ist es wirklich so gewaltig, wie es dargestellt wird? Ist Moria wirklich von Orks überrannt? Können Elben tatsächlich zwei Pfeile gleichzeitig abschießen? - " "Das reicht fürs erste an Fragen", unterbrach ich sie rasch und warf ihr einen bösen Blick zu. Ich hatte den Atem angehalten, als sie ihre Fragen stellte. Beinahe hätte sie Dinge gefragt, die Anordil nicht wissen durfte, weil sie den Ringkrieg betrafen.

Ich wusste, dass Fiona die Verfilmung der Tolkien Werke gesehen sowie die Bücher gelesen hatte und deshalb überraschten mich ihre Fragen nicht. Doch für Anordil musste es verwirrend sein. Er sah mich verwundert an. "Es scheint mir, dass du bereits einiges über Mittelerde weißt", antwortete er gedehnt, "drei deiner Fragen kann ich ohne große Umschweife beantworten. – Ja, das Nebelgebirge ist gewaltig. Schnee bedeckt seine Gipfel, die sich in einer dichten Nebelwolke verlieren. Daher hat es seinen Namen. Das ganze Jahr hindurch herrschen dort kalte Temperaturen. Es teilt Mittelerde von Nord nach Süd in zwei Hälften. Es gibt einige Pässe über das Nebelgebirge. Sie sind außergewöhnlich beschwerlich. Doch nicht alle können das ganze Jahr hindurch benutzt werden. Zuweilen gibt es nur zwei oder gar nur einen einzigen Weg hinüber."

Er machte eine kurze Pause und nahm einen Schluck Tee. Fionas Augen blitzten vor Neugier. Sie hing an Anordils Lippen, damit sie kein Wort versäumte. "Deine andere Frage betraf Moria", fuhr Anordil fort, "seit gut hundert Jahren hat niemand mehr Moria betreten. Als letzter der Zwerg Balin mit einer Handvoll Mannen. Bei den Zwergen heißt es, dass er Moria zu neuer Blüte bringen werde. Doch niemand weiß, ob er es geschafft hat, denn die Tore Morias sind seither verschlossen. Noch nicht einmal die Zwerge wissen, warum Balin dies für nötig hält. Ich kann dir demzufolge nicht sagen, ob es derzeit Orks in Moria gibt.– Deine letzte Frage betrifft die Bogenschießkünste des Elbenvolkes. Ja, - es gibt elbische Bogenschützen, die in der Lage sind zwei Pfeile gleichzeitig zu verschießen." An dieser Stelle lächelte er verschmitzt. Ich hätte diese Frage ebenso beantworten können, denn ich hatte ihn dieses vor einiger Zeit tun sehen.

"Für deine anderen Fragen muss ich ein wenig weiter ausholen", sprach Anordil. "Oh, ich habe noch ein paar", unterbrach ihn Fiona, "ist Sauron wirklich böse? Warum spürt er den Ring nicht eher auf, wenn er derart mächtig ist? - " "Fiona", unterbrach ich sie scharf, "dies sind Fragen, die ich dir nicht gestatten darf." Erstaunt sah sie mich an. "Aber warum, Anna?", fragte sie unschuldig, "jeder Tolkien-Fan weiß doch um den Ring und die Gefährten. Meine Freunde und ich waren im Kino und es hat uns schwer beeindruckt." Ich verdrehte die Augen. Wie konnte meine Tochter nur so schwer von Begriff sein? Lag es an ihrer Jugend? War ich früher etwa genauso gewesen? "Weil es in Mittelerde erst das Jahr 3013 des Dritten Zeitalters ist", antwortete ich samtweich. Entgeistert sah sie mich an. Ich sah ihr an, dass sie rechnete. Ihre Züge entglitten, als die Erkenntnis in ihr hochstieg.

Hustend verschüttete sie um ein Haar ihren Tee. "Oh, da habe ich Mist gebaut", meinte sie zerknirscht, "es ist alles noch nicht geschehen und Anordil - " " - darf davon nichts wissen", vollendete dieser den Satz, Neugier stand in seinen Augen, "aber ich kann dir von den Völkern Mittelerdes erzählen, von der Schönheit der Landschaft und von den Kreaturen der Dunkelheit."

Anordil erzählte lange an diesem Tag. Fiona saugte alles in sich auf. Ab und zu stellte sie Fragen. Doch jetzt achtete sie darauf, nichts über den Ringkrieg zu verraten. Sie hatte vorhin beinahe zuviel preisgegeben. Doch nun hütete sie ihr Wissen und wählte sorgfältig ihre Fragen. Sie hing an jedem Wort, dass Anordil sprach. Wie vor fünf Jahren, war sie heute in demselben Maße fasziniert von ihm. Nur war sie kein Kind mehr, dass ihn mit einem Schutzengel gleichsetzte. Aber ein fröhlicher und ungestümer Teenager.

Spät in der Nacht gingen wir zur Ruhe. "Sie ist ein bemerkenswert temperamentvolles Mädchen geworden", sagte Anordil leise zu mir, "du musst Stolz auf sie sein." Meine Gedanken wanderten. "Ja", bestätigte ich, "ich bin stolz auf sie. - Stolz darauf, dass Patrick und Sinéad eine derart wundervolle Persönlichkeit aus ihr gemacht haben. Ich hätte das nicht gekonnt. Ich hätte in ihr immer meine Peiniger gesehen. Aber jetzt kann ich ihr Freundin sein, wenn ich ihr nicht Mutter sein konnte." Er sah mich mit seinen strahlendblauen Augen an. In ihnen lag viel Wärme.

"Wird sie es je erfahren?", fragte er mich. Bedächtig nickte ich. "An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag", antwortete ich, "wird sie unseren Teil des Zwergenhortes erben. Und dieser enthält eine Ahnenreihe, die mit ihr vorläufig endet. Patrick wird sie vorsichtig an die Wahrheit heran führen. Aber ich denke, dass sie etwas ahnt. Die Ähnlichkeit zwischen uns ist äußerst stark."

"Ich habe gesehen, dass sie das Amulett trägt. Weißt du, ob es aktiv war?", fragte er. "Sie sagte, es hätte ihr bereits oft geholfen. Jedes Mal, wenn sie es ansähe, würde sie an dich und Luvalaes denken. Zuweilen hätte es leicht rötlich oder grünlich geglüht. Aber nur sie würde es sehen." "In ihr ist die gleiche Zauberkraft, wie in dir, Arwen. Nur sie kann die Veränderung des Amulettes sehen und nur bei ihr wird es wirken. Sobald sie es ablegt, erlischt es und wird erst wieder aktiviert, wenn es Berührung mit ihr hat." Hatte ich es mir doch gedacht! Deshalb hatte es nicht funktioniert, als ich im Krankenhaus lag und mein Amulett nur neben mir lag.

Ich löschte das Licht und trat ans Fenster. Gedankenverloren sah ich hinaus. Ich konnte die Sterne sehen, deren Glanz den Schnee in ein unwirkliches Licht tauchte. Den ganzen Tag hatte es geschneit. Unerbittlich überzog der Schnee die Landschaft mit einem weißen Leichentuch. Erst am Abend hatte es etwas aufgehört. Nun fielen nur noch vereinzelt weitere Flocken.

Fröstelnd umschlang ich meinen Körper. "Ich hoffe, ihr geschieht kein Unglück, wenn sie unser Erbe antritt", flüsterte ich besorgt, "sie wird schließlich den gesamten McGregor-Nachlass erhalten. Ich könnte mir denken, dass die Kirche darauf wartet und sie ebenfalls tötet, um an das Pergament zu gelangen." Anordil war hinter mich getreten. Ich spürte seine beruhigende Wärme. Sanft legte er seine Arme um mich. "Dies ist eine ernst zunehmende Gefahr", bestätigte Anordil er Befürchtungen, "es kann sein, dass deine Feinde wirklich warten und dann zuschlagen. - Fiona muss lernen, sich zu verteidigen."

Ich drehte mich zu ihm um und sah ihn an. In der Dunkelheit des Zimmers konnte ich ihn nur undeutlich erkennen. Sternenlicht spiegelte sich in seinen Augen. Es gab ihm ein unheimliches Aussehen. "Ich werde mit Patrick sprechen", erwiderte ich langsam. Schließlich zog er mich zu sich heran und gab mir einen liebevollen Kuss. "Lass uns über erfreulichere Dinge reden", flüsterte er mir ins Ohr. Seine Hände gingen auf Wanderschaft. Zärtlich vertrieb er meine Sorgen.

Die nächsten beiden Tage waren mit Vorbereitungen angefüllt. Ausnahmsweise half ich in der Küche. Sinéad buk und briet mit Eleanor um die Wette. Fiona half fleißig dabei. Sie hatte, im Gegensatz zu mir, ein Talent dafür und trotz ihrer Jugend ein paar eigene Gerichte entwickelt. Sie würde zu dem Festessen eine Geflügelpastete beisteuern. Brian und Ian kamen erst am Abend aus Dublin an. Sie hatten viel zu berichten von ihren Studien.

Schließlich war es soweit. Alban Arthuan brach an. Es war das keltische Fest der Wintersonnenwende und die längste Nacht des Jahres. Das letzte Mal feierte ich Alban Arthuan mit meiner Familie. Nur ein paar Wochen später waren wir dann nach Irland aufgebrochen. Dies war bereits einige Jahre her. Als ich an diesem Morgen die Augen aufschlug, meinte ich gar die hellen Glocken von Oxford zu hören. Doch meine Sinne spielten mir einen Streich. Es war nur die kleine Glocke der Dorfkirche. Kopfschüttelnd verscheuchte ich das beklemmende Gefühl des déja-vu und beeilte mich zu Sinéad und Eleanor in die Küche zu gelangen. Anordil war mit Brian bereits in den frühen Morgenstunden aufgebrochen. Sie kehrten gegen Mittag wieder. Außer dem Immergrün, den Hagebutten und den Mistelzweigen, wegen denen sie losgegangen waren, brachten sie noch zwei Kaninchen mit. Diese würde Eleanor am nächsten Tag zubereiten.

Mit den Zweigen und den Beeren wurden die Fenster und Türen geschmückt. Sinéad setzte feierlich die Seelenkerzen vom letzten Samhuinfest in die Fenster. Ihr Glanz würde die Geister der Toten an unsere Tafel leiten, auf dass sie mit uns Alban Arthuan feierten.

Der Tag selber war angefüllt mit Vorbereitungsarbeiten für das große Fest am Abend. In der Mitte des Marktplatzes stand seit Jahrhunderten eine mächtige Eiche. Diese wurde festlich mit Lichtern und Figuren aus Silber geschmückt, wie es Tradition war. Unter dem Baum befand sich ein Altarstein. Auf diesem wurden Lichter und Efeu ausgebreitet. Ein paar Stellen blieben für das Opferfeuer und die Opferschalen frei.

Rund um den Marktplatz wurden Feuer aufgeschichtet. Im Festsaal des Dorfes, welcher der Eiche gegenüberlag, stellten die Männer Tische und Bänke auf. Eine Fläche für den Tanz blieb frei. Das große Tor zum Marktplatz blieb offen. Kohlebecken wurden im Festsaal verteilt. Diese würden später für ein wenig Wärme sorgen. Auf die Tische wurden immergrüne Ranken und Geschirr verteilt. Blühendes Heidekraut, rote Beeren und Christrosen gaben farbliche Tupfer. Die Fenster der umliegenden Häuser waren geschmückt mit Immergrün und Seelenkerzen. Aus den Küchen des Dorfes strömten leckere Düfte.

Sobald es anfing zu dämmern, wurden die Feuer entzündet. Über einige der Feuer drehten sich Bratspieße mit verschiedenem Fleisch. Wildschwein, Enten, Kaninchen, sogar ein Rind war dafür geschlachtet worden. Über anderen wurden Roste aufgestellt. Darauf würde nachher das Brot angeröstet und die Pfannkuchen gebacken werden. Aus einem großen Kessel über einem der Feuer dampfte es. In diesem wurde eine Art Glühwein erwärmt. Die Rezeptur dafür stammte dieses Jahr von Anordil. Er hatte sie Sinéad verraten, die dieses Jahr den Kessel ansetzte. Ich kannte diesen gewürzten Wein aus Cillien und war gespannt, wie er den Bewohnern von Shancahir munden würde.

Erst als es dunkel war, wurden die Lichter und Kerzen angezündet. Aus dem ganzen Dorf kamen jetzt die Leute zum Festplatz. Jeder trug sein keltisches Festgewand mit einem Woll- oder Fellumhang. Sogar die Zugereisten hatten sich diesem Brauch angepasst. Die Speisen wurden auf den Tischen verteilt.

Danach wurde Belenus geehrt. Patrick führte in seiner Position als Hüter des Zwergenhortes die Zeremonie durch. Er trug ein Gewand der Druiden mit goldenem Schmuck. Auf dem Altar wurde ein kleines Feuer entzündet. Dort herum wurden die Opfergaben ausgebreitet.

"Ich begrüße Euch hier am Baum der Lichter", fing Patrick an, "willkommen zur längsten Nacht des Jahreskreises. Wie so oft in den letzten Jahren sehe ich auch heute neue Gesichter an unserer Tafel. Auch Euch sage ich willkommen. – Alban Arthuan ist das alte keltische Fest der Wintersonnenwende. Heutzutage ist vielen nicht bewusst, dass das Weihnachtsfest der Christen eigentlich keltischen Ursprunges ist. Am Tag der Wintersonnenwende feiert die Christenheit die Geburt ihres Herrn Jesus Christus. An diesem Tage huldigen wir Kelten, die sich an die alten Gebräuche erinnern, Belenus, dem Herrn der Sonne. – Denn es ist ein Fest der Sonne. Selbst wenn es in der dunkelsten Nacht gefeiert wird. – Wir glauben daran, dass die Sonne in dieser Nacht wiedergeboren wird. Erneut wird sie ihren Lauf aufnehmen. – Uns Leben spenden und Wärme. In ihrem Licht gedeiht die Erde. - Um sie für ihre Aufgabe zu stärken haben wir von unseren Speisen zusammengetragen. – Zu Füßen des Baumes der Lichter liegt die Wegzehrung für ihre lange Reise."

Einzeln hob er die Opferschalen und präsentierte sie den Leuten und dem Baum. "Belenus segne diese Speisen und nehme sie an. Möge er sein Licht über uns erstrahlen lassen. Möge er uns leiten und schützen im neuen Jahreskreis", sagte Patrick, "nun entzündet die Kerzen." Auf seinen Wink hin machten sich zwei Männer an die Arbeit, die vielen Kerzen in der alten Eiche anzuzünden. "Belenus schenkt uns Licht", begann Patrick ein altes gälisches Gebet. Augenblicklich setzten wir ein und sprachen die Worte.

Anordil verfolgte neugierig die Zeremonie. Nach dem Gebet hob Patrick segnend die Hände. "Belenus möge uns geleiten auf unserem Weg", sprach er, "und nun wollen wir feiern." Die Männer hatten ihre Arbeit beendet. Jetzt erstrahlte die alte Eiche im flackernden Licht der Kerzen. Es spiegelte sich in den vielen kleinen silbernen Anhängern und Symbolen, mit denen der Baum geschmückt war.

Nun wurde Wein aus dem Kessel ausgeteilt. Bei den herrschenden Temperaturen wärmte dieser gut durch und er schien offensichtlich zu munden. Danach setzten wir uns an die Tafel. Der ortsansässige Metzger übernahm mit seinen Söhnen die Verteilung des Bratens. Die Musiker spielten dazu auf. Sie wurden nach einiger Zeit von anderen Musikern abgewechselt. Die beiden Grüppchen spielten den ganzen Abend im Wechsel. Eleanor sang sogar einige Stücke. Später wurde getanzt. Die Lichter an der Eiche brannten die ganze Nacht. Es wachten ein paar Leute darüber, dass sie nicht ausgingen und der Baum nicht in Brand geriet.

Der nächste Tag verlief ruhig. Man blieb zu Hause. Bei uns war es Brauch Geschichten zu erzählen und alte Lieder zu singen. Viele Anekdoten wurden berichtet. Von den Toten, wie von den Lebenden. Und manches Mal hallte schallendes Gelächter durch das ganze Haus. In den christlichen Familien von Shancahir wurde heute Weihnachten gefeiert. Ruhe und Frieden lag über dem Dorf. Am Abend läutete vom Kirchturm die Glocke. Ich hatte Anordil die christliche Bedeutung des Festes erklärt. Um ihm dann auch eine christliche Feier zu zeigen, mischten wir uns unter die Kirchgänger. Seine Augen wanderten neugierig umher, als wir uns der kleinen Dorfkirche näherten.

Dunkelheit lag über dem Land. Aus den Fenstern der Häuser strahlte warmes Licht. Teils von den Seelenkerzen der keltischen Familien, teils von dem Weihnachtsschmuck der Christen. Die Glocke der Kirche rief zur Abendmesse. Viele Menschen stapften durch den Schnee. Dick vermummt und mit weißen Atemfahnen. Rasch füllte sich der kleine Altarraum. Dieser war festlich geschmückt. Tannengrün verströmte einen würzigen Duft und in den goldenen Kugeln der Dekoration spiegelte sich das Licht der Kerzen. Rechts neben dem Altar war eine Krippe aufgebaut. In ihr fehlten noch die Figuren. Ich wusste, dass Kinder aus dem Dorf die Weihnachtsgeschichte während der Messe nach spielten. So war es immer gewesen, so lange ich mich erinnern konnte.

Gemurmel erfüllte den Raum. Die Leute unterhielten sich. Vereinzelt hörte man Lachen. Mir war ein wenig unbehaglich. Diese christliche Kirche war mir nicht geheuer. In mir sträubte es sich dagegen hier zu sein. Doch ich bekämpfte meinen Widerwillen. Dann mahnte eine kleine Glocke neben dem Altar zur Ruhe. Zwei Mädchen aus dem Dorf spielten eine feierliche Weise auf der Geige, als Pater Michael im prächtigen Ornat den Altarraum betrat. Offensichtlich freute er sich über den regen Besuch dieser Abendmesse. Er grüßte in die Runde. Als er uns unter den Anwesenden entdeckte, blitzten seine Augen überrascht. Erfreut lächelte er uns an.

Geduldig wartete er auf das Ende des Musikstückes, bevor er sprach. "Es freut mich, dass heute Abend so viele den Weg in das Haus Gottes gefunden haben", begann er, "denn heute ist ein besonderer Tag. Jesus Christus, unser Herr, wurde geboren. In einem kleinen Stall in Bethlehem ..." Interessiert folgten wir seinen Worten. Hörten zu, wie die Weihnachtsgeschichte erzählt wurde. Sahen, wie die Kinder mit ernster Mine diese Worte nachstellten. Mit feierlichem Ernst wurde die Messe zelebriert. Als Pater Michael die Hostien und den Kelch auf den Altar stellte, wandte sich Anordil mir zu.

"Man hen?", fragte er leise, "wenn ich richtig verstehe, soll Brot gegessen und Wein getrunken werden. – Warum? Weshalb wird nichts geopfert?" "Höre auf die Worte des Paters", flüsterte ich ihm zu, "was dort vorne geschieht, nennen die Christen die Wandlung. Am Vorabend vor der Gefangennahme und schließlich dem Tod Jesus Christus hatte dieser seine Gefolgsleute um sich versammelt und ein Abendmahl mit ihnen geteilt. Er brach das Brot und segnete den Wein. Die Christen zelebrieren während der Messe dieses Abendmahl. Dabei symbolisiert das Brot den Leib und der Wein das Blut Jesu."

In diesem Augenblick senkte sich erwartungsvolle Stille über den Raum. Klar war die Stimme Pater Michaels zu vernehmen. "Und am Abend vor seinem Leidensweg versammelte er seine Jünger um sich. Er dankte Gott für das Brot, brach es und reichte es seinen Jüngern", sprach er feierlich, wobei er eine Hostie in die Höhe hielt, "Jesus sprach. – Sehet das Lamm Gottes. Es nimmt hinweg die Sünden der Menschheit. Nehmet und esset alle davon. Dies ist mein Leib, der für euch geopfert wird." Pater Michael machte eine bedeutungsvolle Pause. Nichts außer den Atemzügen der vielen Menschen war zu vernehmen. "Und so nahm er nach dem Mahl den Kelch, dankte wiederum, trank und reichte ihn seinen Jüngern", fuhr Pater Michael fort, "Jesus sprach. – Nehmet und trinket alle davon. Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird, zur Vergebung eurer Sünden." Feierlich präsentierte er den schweren goldenen Kelch.

"Herr, ich bin nicht würdig, dass du einkehrst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesunden", ertönte es im Chor. Die Menge geriet in Bewegung. Langsam ging jeder bis zum Altar und bekam eine Hostie sowie einen Schluck Wein. Mit ernster Mine kehrte jeder an seinen Platz zurück und verharrte im stillen Gebet. Nachdem alle das Abendmahl empfangen hatte, brachte Pater Michael Kelch und Hostienschale in die Sicherheit des Allerheiligsten. "Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir", begann er die Litanei, in deren Worte die Gemeinde einstimmte, "und deine Auferstehung feiern wir - bis du kommst in Herrlichkeit."

Ich spürte einen Hauch von Magie. Vor Schreck erstarrte ich bis ins Mark. "Law – nein", wisperte ich Anordil rasch zu, "keine Spiele. – Du würdest viele von ihnen zu Tode erschrecken." In seinen Augen glitzerte es. "Ich werde mich beherrschen", gab er zurück, "doch die Versuchung ist groß. – Sie verehren einen toten Menschen, indem sie seinen Körper und sein Blut zu sich nehmen, wenn auch nur als Brot und Wein. Dies ist äußerst merkwürdig." Wir hatten uns bei der Austeilung des Abendmahls zurückgehalten. Es fiel nicht weiter auf, da auch einige der jüngeren Mitglieder der Gemeinde nicht zum Altar gingen.

Die Messe nahm weiter ihren Lauf. Gesänge wechselten mit Predigten und Litaneien ab. Dann endlich hob Pater Michael die Hände. Er segnete die Gemeinde und entließ sie zum Weihnachtsfest. Anordil und ich huschten aus der Kirche hinaus, bevor der erste Akkord des Schlussliedes erklungen war. Erst draußen atmete ich auf. Die kalte Luft floss in meine Lungen.

Schweigend gingen Anordil und ich zum Dorfplatz. Die Weihnachtsmesse hatte Anordil viel zum Nachdenken gegeben. An der Eiche angelangt sahen wir, dass dort bereits fleißige Hände die Kerzen ausgetauscht hatten. Sie erstrahlte in hellem Glanz. Erneut würden ein paar Leute aus dem Dorf darüber wachen, dass diese in der Nacht nicht verloschen. Ich sah sogar eine Handvoll Leute, die ich nur kurz zuvor in der Kirche bei der Weihnachtsmesse gesehen hatte. Leute, die einen Tag vorher mit uns unter just dieser Eiche gesessen und Alban Arthuan mit uns gefeiert hatten. Es war merkwürdig, dieser Mischung aus christlicher und keltischer Glaubenslehre gewahr zu werden.

In Shancahir flossen beide Glaubensrichtungen ineinander über und die Bewohner hatten keine Scheu erst an dem keltischen Sonnenwendfest teilzunehmen und am nächsten Tag in die Kirche zu gehen. Aber so war es bereits immer gewesen, seit ich mich erinnern konnte. Und wenn neue Leute ins Dorf zogen, fanden sie dies zuerst recht merkwürdig. Doch es verging kein Jahr bis sie sich angepasst hatten und es genauso hielten. Warum das so war, konnte ich nur ahnen. Vielleicht doch Magie? Anordil hatte leichte Schwingungen gespürt. Ebenso wie ich. Wirkten möglicherweise alte Zauber? Jeder der in Shancahir lebte, wurde früher oder später zur keltischen Denk- und Lebensweise hingezogen.

Vom Marktplatz aus wanderten wir durch das Dorf zurück zu Patricks Haus. Wir kamen am Pfarrhaus vorbei. Überrascht sah ich, dass Pater Michael am Gartentor stand. Er schaute in die andere Richtung, den Gläubigen, die vom Dorfplatz nach Hause gingen, hinterher. Ein Zusammentreffen war unvermeidbar. Also traten wir auf ihn zu. "Ein frohes Weihnachtsfest, Pater Michael", sagte ich leise. Er schrak ein wenig zusammen, bevor er sich umdrehte. Ein Lächeln ging über sein Gesicht, als er erst mich, dann Anordil erkannte. "Dir ebenfalls, Arwen", erwiderte er leise, "es hat mich gefreut, dass du heute Abend die Messe besucht hast. Es gibt mir die Hoffnung, dass du dich wieder mit der Kirche aussöhnst." Freude schwang in seiner Stimme mit. Pater Michael gehörte zu den Eingeweihten um meine Person. Seit Jahren hütete er mein Geheimnis. Er sah Anordil fest in die Augen.

"Ihnen ein frohes Fest, Herr Elb", flüsterte Pater Michael noch leiser, als würde er fürchten belauscht zu werden, "leider hat Ihr Zauber damals nicht ganz gewirkt." Anordil lächelte ihn verstehend an. "Dies kann geschehen", antwortete er schlicht, "an was können Sie sich erinnern?" Der Pater grübelte kurz. "Ein paar Tage lang hatte ich einen fürchterlichen Kater. Ich hatte keine Ahnung warum. - Aber plötzlich fiel es mir wieder ein. Männer der Kongregation für Glaubensfragen waren bei mir gewesen und hatten sich nach Arwen erkundigt. Wenig später waren sie verschwunden. Dafür kamt Ihr, Arwen und Patrick in mein Haus. Ihr habt etwas mit meinem Gedächtnis angestellt. Genau kann ich mich an diesen Abend nicht mehr erinnern. Ich weiß, dass Ihr ein Elb seid und dass Arwen von der Großen Mutter Brigid geholt wurde. Ich weiß, dass einige Brüder ihr Leben ließen -" Sein Gesicht verzog sich schmerzlich. " – Doch selbst dies ertrage ich klaglos, weil ich mir bewusst bin, wie falsch ihr Tun war. – Von der Kongregation für Glaubensfragen wurde ich kurze Zeit danach mehrfach über Arwen befragt, aber ich habe nichts verraten. Das konnte ich ganz gut mit meinem Gewissen vereinbaren. Schließlich wachen die Blumenfeen über mich. Danach hat sich keiner von denen mehr blicken lassen. – Und ich hoffe, dass bleibt so." Verachtung und Ekel lag in seinem Blick. Es war offensichtlich, dass er eine Abneigung gegen seine Glaubensbrüder von der Kongregation für Glaubensfragen hatte.

"Das ist gut zu wissen, Pater", sagte ich erleichtert, "Sie dürfen auch weiterhin nicht verraten, dass ich hier bin. Es könnte uns alle gefährden." Pater Michael zwinkerte mir zu. "Du kannst dich auf mich verlassen", schmunzelte er, "schließlich will ich bei meinen Blumenfeen bleiben. Auf einen Exorzismus habe ich keineswegs Lust. – Aber jetzt sollte ich euch nicht weiter aufhalten. Es ist spät. Ich wünsche dir und deinem Gefährten ein frohes Fest." Damit verschwand er langsam zum Pfarrhaus.

Nachdenklich schaute ich ihm hinterher. Ich fragte mich, wie er seinen katholischen und keltischen Glauben unter einen Hut brachte. Aber irgendwie schien er es zu schaffen. Wir blickten kurz in den Garten des Paters. Ein dämmeriger Schimmer zeigte uns das Vorhandensein der Blumenfeen an. Anordil lächelte still. Ich musste ebenfalls ein wenig schmunzeln. Ich erinnerte mich gut an die kleine Fee, wie sie Anordil mit ihrem winzigen Speer bedroht hatte. Nach ein paar Minuten gingen wir weiter.

Als wir in Patricks Haus zurückkehrten, wurden wir bereits erwartet. Als Familienbrauch hatte es sich eingebürgert, an diesem Abend nach dem Mahl kleine Geschenke auszutauschen. Eine winzige Anlehnung an die christlichen Rituale. Später wurden Geschichten erzählt und ein wenig musiziert. Erst weit nach Mitternacht kehrte Ruhe ein. Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich, dass es erneut angefangen hatte zu schneien.

Am Morgen war die Schneedecke weiter angewachsen. Shancahir versank im Schnee. Der dritte Tag verlief ähnlich ruhig wie der zweite. Aber am Abend wurde auf dem Altar unter der alten Eiche Brot, Getreidekränze und Wein geopfert. Das Brot und die Kränze hatten die Form von Sonnenrädern. Anschließend wurde erneut gemeinsam gefeiert und getanzt. Gegen Mitternacht rief Patrick ein letztes Mal zur Eiche. Dort bat er um Ruhe. Das Weiß seines druidischen Gewandes schimmerte im Schein der Kerzen.

"Belenus möge uns segnen", sagte er dann, "er möge uns Licht, Wärme und Leben spenden im neuen Jahr. – So nehmt nun vom Baum der Lichter die Kerzen. Tragt sie in eure Häuser, auf das der reinigende Schein der Flammen alles Unreine vertreibe. Mit dem letzten Funken entzündet das erste Holz des neuen Jahres und wärmt euch an seiner Glut." Er schloss ein Gebet auf Gälisch an, in welches diejenigen einstimmten, die Gälisch beherrschten. Dann nahm Patrick die erste Kerze vom Baum und reichte sie weiter.

In einer langen Prozession zog jeder am Baum der Lichter vorbei. Solange, bis ein jeder Mann, jede Frau und jedes Kind eine Kerze in Händen hielt. Die letzten verbleibenden Kerzen würden am Baum erlöschen. Nach allen Seiten sah man kleine flackernde Lichter in der Dunkelheit. Auch wir trugen unsere Kerzen nach Hause.

Sinéad ging von Raum zu Raum. Sie sprach gälische Worte und vollführte mit der Kerze eine Reihe von Gesten. Anordil verfolgte jedes Wort und jede Geste aufmerksam. "Magie oder Aberglaube", sagte er zu mir, "manches liegt nahe bei einander." Verwirrt sah ich ihn an. "Ich verstehe deine Worte nicht", erwiderte ich, "was meinst du damit?" Er deutete zu Sinéad. "Hier sind ihre Worte leer, ohne Stärke", versuchte er zu erklären, "alte Überlieferungen. Handlungen, die immer wieder von Generation zu Generation weiter gegeben werden. – In Mittelerde sind diese Worte mit Macht erfüllt. Höre auf ihren Klang. – Sie beschwört das Feuer. Sie ruft die reinigende Flamme an."

Ich lauschte Sinéads Stimme und begann zu verstehen, was er meinte. Früher hatte ich diesem Ritus nichts beigemessen. Doch an diesem Abend erfüllte es mich mit Ehrfurcht. Durch Anordils Worte verstand ich die wahre Bedeutung der Worte und der Zeichen. Was würde wohl geschehen, wenn ein Magier diese Worte in der richtigen Betonung und Stärke sprechen würde?

Nachdem Sinéad jeden einzelnen Raum mit dem Licht Belenus gereinigt hatte, entzündete sie in der Feuerstelle der Küche das erste Feuer des keltischen neuen Jahres mit der letzten Glut der verlöschenden Kerze.

Für den Ausklang des Alban Arthuan gab es in jeder Familie von Shancahir ein eigenes kleines Ritual. In Patricks Haus war es Brauch von einem frischen Brot in Form eines Sonnenrades zu essen und einen Kelch Wein zu trinken. Der Duft des warmen Weines durchströmte das ganze Haus. Wir versammelten uns in der Wohnstube. Im Kamin prasselte das neue Feuer.

"Die längste Nacht des Jahres ist vorbei", sagte Patrick auf Jerne, "wir wollen darauf trinken, dass die Sonne wiedergeboren wurde. Mögen ihre Strahlen uns leiten und beschützen. - In unserem Haus ist es Sitte und Brauch seit vielen Jahrhunderten am Morgen nach Alban Arthuan vom Kelch der Wünsche zu trinken." Er nahm von Sinéad den Kelch entgegen. "Heute will ich jedoch einzig für Arwen und Anordil einen Wunsch aussprechen", fuhr er fort, "im letzten Jahr kehrte Arwen durch einen unglücklichen Zufall zu uns zurück. Sie wurde von Anordil getrennt. Gegen Ende des Jahres fanden sie erneut zueinander. Jetzt bete ich zu den Göttern, dass ihnen eine glückliche und sichere Heimkehr beschieden sei." Er trank von dem großen Kelch aus altem Gold, der sich seit Jahrhunderten im Familienbesitz befand. Anschließend reichte er diesen an Anordil weiter. "Es ist Brauch, dass jeder der Familie seine Wünsche oder was ihn bewegt ausspricht in dieser Nacht", forderte er diesen auf, "du gehörst zu uns, deshalb reiche ich dir den Kelch."

Anordil nahm den Kelch und blickte kurz in die Ferne. "Der Lauf der Sonne begleitet das Schicksal", erwiderte er, "es wird sich erfüllen, in der einen oder anderen Weise. Für uns Elben haben Sonnenläufe nicht die Bedeutung, wie für euch Menschen. Die Zeit streicht an uns vorüber - berührt uns kaum merklich. Doch auch für uns wird sich das Schicksal erfüllen, was die Valar uns vorbestimmt haben. Ich begrüße die Sonne auf meinem Weg. Ich bitte die Valar ihre schützenden Hände über diese Familie zu halten. Ich bitte bei den Valar um die Gnade, meine Gemahlin und mich zu beschützen und zu leiten. Was immer das Schicksal für uns bereit hält, wir werden es annehmen. Belain ech, tiro men – ihr Valar, wacht über uns." Er nahm einen Schluck von dem Becher und reichte ihn an mich weiter.

Ich drehte ihn in der Hand. Suchte nach Worten. "Bis vor einigen Jahren war dieser Brauch nur einer unter vielen", sagte ich, "ich übte ihn aus ohne Sinn und Verstand. – Dieses Jahr ist er etwas besonderes für mich. Ich habe hart lernen müssen an die Götter zu glauben. Aus einem Grund, der sich mir verbirgt, gelangte ich zurück in diese Welt. Ich habe ein Schicksal zu erfüllen, von dem ich nichts weiß. Doch ich bete zu den Göttern, dass sie mich leiten mögen. Ich erbitte von ihnen die Gnade Anordil und mir einen Rückweg zu öffnen. Sie mögen ihre schützenden Hände über meine Familie halten." Ich nahm einen Schluck von dem Wein und reichte den Kelch an Sinéad.

"Das vergangene Jahr war erfüllt", sprach sie, "viele Dinge haben sich ereignet. Dinge, um die wir gebeten haben und völlig unerwartete. – Ich bitte für meine Kinder Fiona, Eleanor, Ian und Brian. Mögen sie beschützt sein und sicher geleitet. Ich bitte für Arwen und Anordil. Gewährt ihnen sichere Heimkehr." Sie nippte und reichte den Kelch an Fiona.

"Ich bitte für meine Familie", sagte sie, "die Götter mögen sie beschützen. Ich rufe den Segen der Götter auf Arwen und Anordil. Geleitet sie sicher." Sie nahm einen Schluck und der Kelch wanderte zu Brian. "Die Sonne beginnt erneut ihre Wanderung. Sie birgt in ihren Strahlen unser Schicksal", hob er an, "niemand kann sich diesem entziehen. Was vorbestimmt ist, wird sich erfüllen. – Ich bitte für meine Familie. Schütze sie auf ihrem Weg. Ich bitte für Arwen und Anordil. Geleitet sie sicher in die Heimat." Er trank, bevor er den Kelch an Eleanor weiter reichte.

Sie nahm ihn entgegen. „Ich wünsche für meine Familie Gesundheit und Frieden", sagte sie, „und für Arwen und Anordil eine sichere Heimkehr." Andächtig nahm sie einen Schluck und reichte den Kelch an Ian weiter.

"Nun ist der Kelch der Wünsche bei mir angelangt", sprach er, "als Ältester der Geschwister obliegt es mir die letzten Bitten zu äußern. Viel hat sich ereignet im vergangenen Jahr. Ich kann gar nicht alles aufzählen, was ich in Erinnerung habe. Doch ich bete zu den Göttern, dass das nächste Jahr glücklich verlaufen wird. Ich bitte für meine Familie. Haltet Eure schützende Hand über sie. - Ich war froh und glücklich, als Arwen zu uns gelangte. Doch ich weiß, dass ihr Herz in der Ferne weilt. Diese Welt ist nicht ihr Schicksal. Ich bitte für Arwen und Anordil. Geleitet sie sicher auf ihrem Weg." Er leerte den Kelch und reichte ihn an Patrick zurück.

"Der Kelch der Wünsche ist wieder bei mir angelangt", sagte dieser, "mögen sich alle Wünsche erfüllen." Er trat aus der Runde. Gemächlich brachte er den Kelch weg. Sinéad würde ihn am nächsten Morgen mit Wasser aus dem Brunnen reinigen und bis zum nächsten Alban Arthuan wegschließen. Dieses Mal hatte mich dieser Brauch merkwürdig berührt. Ich wusste nicht warum.

In den paar Tagen zwischen den Jahren ging ich mit Anordil zum Friedhof. Schnee lag über den Gräbern. Kein Vogel war zu hören. Es herrschte Stille. Am Grab meiner Familie legte ich einen Kranz aus immergrünen Zweigen nieder.

"Ein merkwürdiger Ort", sagte Anordil leise, "ich fühle die Geister der Toten um uns herum. Ich spüre Traurigkeit und Glück. Mitunter gleichermaßen tiefen Frieden." "Ich kann sie nicht fühlen, aber ich weiß, dass sie da sind", erwiderte ich ebenso leise, "nur an Samhuin konnte ich Kontakt mit der Anderswelt aufnehmen. Ich bin traurig, dass ich sie nicht sehen kann - dass ich sie jetzt nicht hören kann. Aber ich bin froh zu wissen, dass sie in der Anderswelt zufrieden sind."

Lange verharrten wir am Grab. Stumm hielt ich Zwiesprache mit ihnen. Anordils Augen glitten suchend über den Schnee. Was mochten seine Augen sehen, was mir entging? Sah er wirklich die Toten oder spürte er nur den Hauch ihrer Seelen? Ich konnte es nur erahnen. Als wir gingen, sah ich am anderen Ende des Friedhofes Pater Michael. Mit einem Korb, gefüllt mit kleinen grünen Sträußchen, ging er zu den Gräbern derer, die keine Verwandten mehr hatten. Bevor er uns entdecken konnte, waren wir verschwunden. Nur die Fußspuren im Schnee verrieten unsere Anwesenheit.

to be continued ...

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