Abschied

Zwei Tage vor Jahresende feierten wir Fionas Geburtstag. Sie wurde sechzehn Jahre alt an diesem Tag. Ihr Platz am Frühstückstisch hatte Sinéad mit Immergrün und rosafarbenen Christrosen geschmückt. Duftende Hefebrötchen garten im Ofen. Der Geruch von knusprigem Speck und frisch gebratenen Eiern durchzog die Küche. In einem kleinen Topf auf dem Feuer blubberte der unvermeidliche Porridge vor sich hin. Fiona strahlte über alle Maßen als sie zum Frühstück kam. Ihre dunkelblonden Haare wurde durch ein goldfarbenes Haarband gebändigt. Zu einer in Braun- und Grüntönen gehaltenen Hose aus Cordsamt mit floralem Muster trug sie eine champagnerfarbene Wollbluse mit passender Weste. Fröhlich nahm sie die Geburtstagswünsche entgegen. Ab und an überzogen sich ihre Wangen mit einem erfrischenden Rot.

Nachdem Patrick, Sinéad und ihre Brüder sie beglückwünscht hatten, traten wir auf sie zu. Ich umarmte sie innig. "Fiona, alles Gute zu deinem Geburtstag", sagte ich zu ihr, "mögen sich deine Wünsche erfüllen." "Hannon gen, Anna - vielen Dank, Anna", erwiderte sie auf Sindarin. Bevor sie weiter sprechen konnte, wandte sich Anordil ihr zu. "Von mir alle guten Wünsche zu deinem Tag der Geburt", sprach er, "wir haben dir ein Geschenk mitgebracht. – Arwen a im istach, hen dannen gen aen. - Arwen und ich denken, dass es dir gefallen könnte." Er überreichte ihr ein langes, schmales Bündel, welches in Leder eingeschlagen und gut verschnürt war. Erstaunt sah Fiona ihn an. Neugierig streckte sie die Hände aus. Ich lächelte verschmitzt, schließlich wusste ich, was der Inhalt war.

"Berthon ú-charthad, man ennas dolen aen - ich wage nicht zu hoffen, was darin verborgen sein mag", murmelte sie auf Sindarin. Vorsichtig löste sie die Verschnürung. Sie schlug das Leder zurück und hielt überrascht den Atem an, als sie das Schwert sah. Nicht irgendeines, sondern ein elbisches Schwert, welches wir vom Waffenschmied des Museumsdorfes nach Anordils Angaben hatten schmieden lassen. Es war mit Tengwar-Zeichen auf der Klinge geschmückt. Allerdings war es nicht magisch. Dafür fehlten dem Schmied die Voraussetzungen und das magische Talent.

Fionas Augen blickten uns beide abwechselnd an. Es dauerte einige Minuten bis sie sich gefangen hatte. Dann erst streckte sie die Finger aus, um die Scheide zu berühren. Langsam strichen ihre Fingerspitzen über die Ornamente aus dunklem Gold. Bewundernd zog sie das Schwert blank. Das Licht der aufgehenden Sonne brach sich blitzend in den Tengwar-Zeichen auf der Klinge.

"As vain edregol - es ist außergewöhnlich schön", hauchte sie, "ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. – Ich habe nicht damit gerechnet, jemals eines dieser Schwerter in Händen halten zu dürfen. Geschweige denn eines zu besitzen. Es erfüllt mich mit Stolz." Sie drehte die Klinge in der Hand. Licht tanzte darüber und warf Reflexe an die Wand. Vorsichtig steckte sie es in die Scheide und legte es auf den Tisch. "Hannon len anech ant - vielen Dank für euer Geschenk", sagte sie bewegt zu uns und fiel uns stürmisch um den Hals, "jetzt muss ich nur lernen es zu führen." Bittend sah sie uns an.

Ihr war es ernst. Sie wollte nicht nur ein Elbenschwert besitzen, sondern es beherrschen lernen. Anordil schmunzelte. Am Abend zuvor hatten wir darüber gesprochen. Ich hatte es nicht geglaubt, doch er war davon überzeugt gewesen, dass Fiona den Schwertkampf erlernen wollte. "In der Zeit, die wir in Shancahir verweilen, können wir dir die ersten Unterrichtsstunden geben", sagte er zu ihr, "wenn du soviel Talent hast, wie Arwen, wirst du es rasch beherrschen. – Später musst du Lehrmeister deiner Welt zu Rate ziehen." Ich nickte bestätigend. "Dann möchte ich jetzt damit anfangen", sagte sie wissbegierig. "Nun gut, wenn es dein Wille ist, beginnen wir heute", antwortete Anordil, "heute Nachmittag suchen wir uns eine Lichtung und führen die ersten Übungen durch."

Überrascht blickte sie auf. "Ich freue mich bereits", entgegnete sie. Laut lachte ich los und klopfte ihr auf die Schulter. "Freue dich nicht zu früh", sagte ich mühsam beherrscht, "du wirst nach diesen Stunden deinen Entschluss bereuen." Verwirrt sah sie mich an. "Meinst du das Ernst?", fragte sie. "Todernst", schmunzelte Anordil und fuhr auf Englisch fort, "aber sei unbesorgt. – Es wird nicht ganz so schlimm werden, wie Anna es in Erinnerung hat. Schließlich hast du heute das erste Mal ein Schwert in der Hand. Bei Anna war das anders." Das machte mich neugierig.

Ja, er hatte Recht. Als ich meine Ausbildung bei den Elben begann, hatte ich bereits Kampferfahrung mitgebracht. Zwar nur Bo-jutsu, aber immerhin den Kampf mit einer Waffe. Fiona war dagegen eine reine Anfängerin. Niemals zuvor hatte sie einen Stock, geschweige denn ein Schwert, in der Hand gehalten. Nun gut, sie war sportlich. Doch inwieweit sie Talent für den Schwertkampf mitbrachte, würde sich erst erweisen. Ich war äußerst gespannt auf den Nachmittag.

Am frühen Nachmittag gingen wir zu einer kleinen Lichtung unweit des Hauses, jedoch gut geschützt durch den Baumbewuchs, um unliebsame Augen fernzuhalten. "Nun denn, Fiona", sprach Anordil, "beginnen wir mit der ersten Lektion." Ich würde mich zuerst darauf beschränken zuzusehen. "Das Schwert stellt deinen verlängerten Arm dar", begann er, "es ist dein Freund, dein Vertrauter und unter Umständen dein Leben. – Ziehe es aus der Scheide und betrachte es. Präge dir seine Linien ein, sein Aussehen. – Wo ist seine Schärfe, wo ist es stumpf. Wo ist die Spitze und wo der Griff. Berühre es."

Fiona zog vorsichtig blank. Ihre Augen wanderten über den scharfen Stahl. Ihre Finger tasteten die Gravur entlang. Jede Rundung und jede Linie wurde von ihr in Augenschein genommen. "Nun bewege es in der Hand", wies Anordil sie an, "fühle seine Schwere. Spüre es. – Schwinge es einfach hin und her." Sie tat, wie ihr geheißen. Das Schwert verursachte leise surrende Geräusche, wenn es durch die Luft schnitt. "Werde eins mit der Klinge", sagte Anordil, während er sie aufmerksam beobachtete, "verschmelze damit. Lasse das Schwert zu einem Teil deines Körpers werden."

Faszinierte folgte Fionas Blick der Klinge. Nahm ihre blitzenden Reflexe auf. Allmählich begann ihr Atem im Rhythmus der schwingenden Klinge zu fließen. Plötzlich zog Anordil blank und griff sie an. Instinktiv riss sie das Schwert hoch. Ein leiser Schrei entfuhr ihr. Überrascht stand sie Anordil gegenüber. Dieser nickte nur zufrieden. Seine Augen blitzten.

Auch ich blickte erstaunt auf das Bild, welches sich mir bot. Anordil zögerte nur wenige Sekunden, bevor er mit seinen Angriffen fortfuhr. Er begann Fionas Talent auszuloten. Dabei ließ er ihr keine Zeit zum Atemholen. Gnadenlos forderte er ihre Instinkte. Nach einigen Minuten brach er ab.

Keuchend stand Fiona am Rand der Lichtung. Hinter sich einen Baum. Ihre Augen blickten entsetzt auf das Schwert in Anordils Hand. Nur wenige Inches von ihrer Kehle entfernt. Ihr eigenes Schwert steckte zitternd etwa zwölf Fuß von mir entfernt im schneebedeckten Boden. Fionas Atem hinterließ weiße Fahnen in der Luft.

"Du hast das Talent zum Schwertkampf, Fiona", kommentierte Anordil, "nun beginnen wir mit dem richtigen Unterricht." Er atmete keine Sekunde schneller als zuvor. Für ihn war dies keine Anstrengung gewesen. Mit einer einladenden Bewegung deutete er auf die Mitte der Lichtung. Nur langsam löste sich Fiona aus ihrer Starre. Mit wackeligen Beinen ging sie zu ihrem Schwert. Es dauerte einige Minuten, bis sie sich erholt hatte und ihr Atem wieder gleichmäßig floss. Anordil gab ihr die Zeit. Dann begann er mit den ersten Techniken.

Ich zog mich an den Rand der Lichtung zurück und absolvierte mein eigenes Training. Schließlich musste ich in Übung bleiben. Wenn wir bereits bald nach Mittelerde zurückkehrten, so sollte ich mein Schwert beherrschen. Davon konnte dort mein Leben abhängen. Trotz der Konzentration auf die Bewegungen meiner Waffe, sah ich ab und zu hinüber zu Fiona. Je weiter der Nachmittag fortschritt, desto überraschter war ich über ihre rasche Auffassungsgabe. Sie hatte wahrlich das Talent eine gute Schwertkämpferin zu werden. Bald würde sie ihr Schwert meisterhaft beherrschen, dessen war ich mir sicher. Die Ansätze waren auf alle Fälle vorhanden.

Als die Dämmerung hereinbrach, beendete Anordil den Unterricht. "Wir werden morgen weiter machen", sagte er zu Fiona. "Ich empfehle dir ein heißes Bad", warf ich ein, "und eine Massage. Sonst wirst du dich nachher nicht mehr bewegen können." Schmerzhaft verzog sie ihr Gesicht. "Ich spüre schon jetzt jeden einzelnen Muskel mehr als mir lieb ist", stöhnte sie, "und ich dachte, ich wäre durchtrainiert."

Hell lachte ich auf. "Das dachte ich auch", schmunzelte ich, "aber beim Schwertkampf gebrauchst du Muskeln, die du für den normalen Sport nicht benötigst. Die ganzen Bewegungsabläufe sind anders. – Aber wenn du willst, so massiere ich dich nach dem Bad. Anordil hat ein Öl, dass dir helfen wird." "Ich wäre dir sehr dankbar", sagte sie. Mit einem leisen Aufstöhnen setzte sie sich in Bewegung. Steifbeinig bewegte sie sich nach Hause.

Anordil und ich setzten unsere Übungen noch ein Weilchen fort. Als die Dunkelheit uns zum Aufhören zwang, gingen wir zum Haus. Anordil suchte aus seinem Rucksack die kleine Phiole mit dem Öl hervor. Dieses half wunderbar gegen Muskelschmerz. Mitleidig ging ich nach unten. Aus Eleanors Zimmer hörte ich kichernde Stimmen. Waren vielleicht schon Gäste für heute Abend eingetroffen? Ich lauschte kurz. Ja, das waren junge Stimmen. Zwischendrin Eleanors Stimme. Anscheinend passte sie Gewänder an.

Fiona lag bereits einige Zeit in der Badewanne, als ich das Bad betrat. Ihre Haut begann schon leicht schrumpelig auszusehen. Das Wasser dampfte. "Jetzt musst du aber langsam aus dem Wasser raus", sagte ich zu ihr, "sonst bekommst du noch Fischhäute."

Müde öffnete sie ihre Augen. "Wie soll ich heute Abend nur überstehen?", fragte sie beinahe verschlafen, "ich fühle mich, wie durch den Fleischwolf gedreht." Leise lachte ich. "Das geht vorbei", beruhigte ich sie, "ich werde dich erst einmal einölen und massieren. Danach wird es dir besser gehen." Langsam erhob sie sich aus der Wanne. In ihrem Gesicht spiegelte sich Schmerz. Mit vorsichtigen Bewegungen trocknete sie sich ab. Dann schlang sie das Tuch um ihren Körper. Steifbeinig verließ sie das Bad. Ich folgte ihr, sobald ich den Stöpsel aus der Wanne gezogen hatte. Leicht schüttelte ich den Kopf und erinnerte mich. Auch mir war es ähnlich ergangen. Allerdings hatte ich da bereits über Kampferfahrung verfügt.

In Fionas Zimmer schaute ich mich überrascht um. Es war das erste Mal, dass ich es betrat, seit ich wieder hier weilte. Die vier Pfosten ihres Bettes trugen Vorhänge aus dunkelgrünem Samt, liebevoll bestickt mit Ornamenten in Gold, Kupfer, Braun und dunklem Rot. Vor dem Fenster hing ein Vorhang in Grüntönen mit goldenem Muster. Im Fensterkreuz hing das unvermeidlich Kräuterbündelchen, welches einen würzigen Duft verströmte. Kerzenleuchter standen umher. Fiona entzündete ein Öllicht. "Ich hatte Papa darum gebeten hier keinen Strom hineinzulegen", erklärte sie mir, "hinten im Anbau habe ich noch ein kleines Zimmerchen, wo ich Schularbeiten machen kann und Musik hören. Ich wollte dieses Zimmer hier allein für meinen Traum nutzen."

"Du träumst von Mittelerde?", fragte ich sie erstaunt, denn von allen Seiten blickte mir Mittelerde entgegen. Bilder, Bücher, Gegenstände. "Ja", antwortete sie mir und deutete in die Runde, "es lässt mich nicht mehr los, seid ich Anordil und Luvalaes damals kennen gelernt hatte. – Es ist wie eine Sucht." Ja, ich konnte sie verstehen. Langsam drehte ich mich im Kreis. Nahm jedes Detail in Augenschein. Aus den vielen Bildern an den Wänden blickte mich Mittelerde an. Landschaften, Menschen, Elben, Zwerge. Eingefangene Szenen, durch Augen gesehen, die diese niemals erblickt hatten. Bei einem der Zeichnungen hielt ich überrascht die Luft an, denn Anordil und Luvalaes blickten mich über ihrem Schreibtisch aus gedrechseltem Eichenholz hinweg an. Neugierig trat ich näher. In weichen Pastellkreidefarben hatte sie deren Portrait dort verewigt. Zaghaft streckte ich meine Hand aus, doch ich berührte das Bildnis nicht. Ich hatte nicht gewusst, dass sie so gut malen konnte.

"Deshalb hast du dir zu deinem Geburtstag eine Fantasy-Feier gewünscht", sagte ich leise, "du wolltest dir ein wenig Mittelerde hierher holen." "Du hast Recht", erwiderte sie, während sie sich auf ihr Bett legte, "für einen Abend wollte ich das Gefühl haben in Mittelerde zu sein. – Ist das ein Frevel, Tante Anna?" Innerhalb des Hauses nannte sie mich nur Anna, wenn sie nicht Sindarin sprach. Einige Sekunden musste ich überlegen. War es wirklich ein Frevel einem Wunschtraum hinterher zu jagen? "Nein, Fiona", entgegnete ich entschlossen, "es ist kein Frevel. Träume sind manchmal das einzige, was einem Hoffnung gibt. Für mich ist Mittelerde meine Bestimmung. Ich habe sie gefunden. – Nein, sie hat mich gefunden! - " Abrupt hielt ich inne.

Energisch begann ich ihren Körper einzuölen. Leises Stöhnen drang an mein Ohr. "Keine Sorge", beruhigte ich Fiona, "in ein paar Minuten geht es schon besser. Dieses Zeug hier ist wirklich gut. Es hat mir oft geholfen." "Wie lange hast du gebraucht, um den Schwertkampf zu lernen?", fragte sie mich, während ich anfing ihre Muskeln zu massieren. "Etwa ein Dreivierteljahr, bis ich die Schwertmeisterprüfung ablegen musste", antwortete ich, "allerdings hatte ich bereits Erfahrung durch das Bo-jutsu. Und ich habe zusätzlich den Kampf mit zwei Schwertern gelernt." "Schwertmeisterprüfung?", fragte sie überrascht, "so etwas gibt es?" Ein feines Lächeln umspielte meine Lippen. "Oh ja", erwiderte ich, "und ich bin stolz darauf zu den Schwertmeistern des Hauses Glordoron zu gehören."

Fiona schwieg. Minutenlang hörte ich nur das sachte Geräusch meiner massierenden Hände. "Würdest du mir beim Anziehen helfen?", fragte sie plötzlich. "Gerne", entgegnete ich, "welches Gewand hast du gewählt?" Sie erhob sich von ihrer Bettstatt und ging zu dem kaum sichtbaren Kleiderschrank aus dunklem Holz. Völlig ohne Scheu stand sie nackt vor mir. Schließlich war ich ebenfalls eine Frau. In Mittelerde wäre sie bereits jetzt eine Schönheit, kaum zur Frau erblüht. In ein paar Jahren würde sie mit jeder elbischen Edelfrau mithalten können. Und hier auf Erden den Männern gehörig den Kopf verdrehen. Ob sie sich dessen bereits bewusst war?

"Eleanor hatte mir geholfen es zu fertigen", sagte sie voller Stolz, "es ist das Gewand Éowyns aus dem Hause Théodens." Neugierig sah ich auf ihre Hände, die eine Robe aus dunkelgrünem Samt aus dem Schrank zogen. Vorsichtig legte sie es auf das Bett. "Eher gesagt, eine Reproduktion aus dem Film", erklärte sie, "Éowyn ist eine Rohirrim. – Existiert sie wirklich in Mittelerde?"

Überrumpelt von ihrer Frage sah ich sie an. Was wusste sie vom Stammbaum Éorls, dem ersten König Rohans? Nur das, was durch die Filme und die Bücher publik gemacht wurde. Vorsichtig wählte ich daher meine Worte. "Éowyn ist die Nichte König Théodens aus Rohan", sagte ich, "leider hatte ich noch nicht das Vergnügen einer Begegnung. Unser Weg führte uns bisher nicht nach Rohan." Währenddessen hatte ich das Kleid in Ober- und Untergewand getrennt. Fiona schlüpfte in ihre Unterwäsche. Eher gesagt, deren mittelalterliches Äquivalent, welches aus einem einfachen, oben eng anliegenden Gewand aus feinem dünnen Leinen bestand. Dazu handgefertigte Strümpfe aus zarter Wolle.

Darüber zog ich ihr das Untergewand aus dunkelgrünem, mit goldenen Ornamenten versehenem Brokat. Sorgfältig schnürte ich es im Rücken zu. Zu guter Letzt kam das Obergewand. Der schwere Samt schmeichelte ihrer schlanken Figur. Die weiten Trompetenärmel waren mit dem gleichen Brokat gefüttert, aus dem das Untergewand gearbeitet war. An einer Seite konnte man den Rock des Obergewandes leicht raffen, so dass der darunter liegende Brokat zum Vorschein kam. Der Kragen war halbrund und ebenfalls aus Brokat gearbeitet.

Als Fiona angekleidet war, nahm ich die Bürste und kämmte ihre welligen Haare. Dann nahm ich die seitlichen Strähnen nach hinten und flocht das Deckhaar mit einem grüngoldenen Band ein. Die darunter liegenden Locken fielen ihr weit den Rücken hinunter. Eine feine goldene Kette mit kleinen Smaragden vervollständigte ihre Erscheinung. "So, fertig", sagte ich, "wie gefällst du dir?" Ich drehte sie zum Spiegel. Sie hielt den Atem an, als sie ihr Spiegelbild betrachtete. "Bin das wirklich ich?", hauchte sie fragend. Lächelnd sah ich sie an. In diesem Gewand konnte sie durchaus am Königshof in Rohan oder Gondor erscheinen. Niemand würde bemerken, dass sie nicht aus Mittelerde stammte. "Ja, das bist du", erwiderte ich, "so, jetzt kümmere dich um deine Gäste. – Wir werden auch gleich kommen."

Damit legte ich ihr einen mit Fell verbrämten dunkelgrünen Umhang um die Schultern und schob sie zur Tür hinaus. Auf der Treppe drehte sie sich noch mal kurz um. "Hannon le – ich danke dir", sagte sie leise und hastete die Stufen hinunter.

Nun musste ich mich beeilen. Rasch eilte ich ins Bad und nahm eine schnelle Dusche. Diesmal war ich heilfroh über die Errungenschaften moderner Technik. Danach ging ich auf unser Zimmer. Anordil wartete bereits auf mich. Gekleidet in das Gewand, welches er zu unserer Vermählung trug. Seine Ohrspitzen blitzten aus seinen seidig schimmernden Haaren hervor, die von einem schmalen Silberreif gehalten wurden. Woher er diesen hatte, war mir schleierhaft.

"Du bist spät", sagte er zu mir. "Ich weiß", erwiderte ich, "ich half Fiona beim Ankleiden." Wortlos deutete er auf die Bettstatt. Dort lag mein Gewand. Ebenfalls das gleiche, welches ich bei unserer Vermählung trug. Anordil half mir dieses Mal beim Ankleiden. Mein Haar bürstete ich, bis es glänzte und flocht das Deckhaar über einen Silberreif ein, der neben meinem Gewand gelegen hatte. "So, nun fehlt nur noch eines", sagte Anordil vergnügt, "- Elbenohren."

Entgeistert sah ich ihn an. "Wenn du schon wie eine Vertreterin meines Volkes aussiehst", schmunzelte er, "so gehören die gespitzten Ohren zum natürlichen Erscheinungsbild der Elben dazu." Sanft berührte er meine Ohren. Er murmelte einen Spruch und ich spürte die Wellen der Magie. Leicht erwärmten sich die Ohren. Es zog und zerrte ein wenig. Dann war es vorbei. Neugierig starrte ich in den Spiegel. Nur um mich überrascht nach Anordil umzudrehen. "Es ist verblüffend", hauchte ich, "was so ein paar Spitzen doch ausmachen. – Ich sehe wahrlich aus wie eine Elbin." "Du siehst wunderschön aus", erwiderte er, "mit oder ohne Ohrspitzen." Voller Stolz hauchte er mir einen Kuss auf die Wange.

Fürsorglich legte er den grauen Elbenumhang um meine Schultern, bevor wir das Haus verließen. Lautlos begaben wir uns zur Schänke des Museumsdorfes. Nicht einmal der Schnee knirschte unter unseren Füßen. Die Wege waren einfach zu stark ausgetreten. Das Tor zum Museumsdorf stand heute Nacht weit offen. In ein paar Fenstern brannten Kerzen. Das Licht, welches durch die Fenster des "Blauen Drachen" nach draußen fiel, versprach Wärme. Beim Näherkommen hörte man bereits die typische Geräuschkulisse einer Schänke.

Als wir die Tür öffneten, war mir, als hätten wir das Tor durchschritten. Verirrten sich über Tag in der Saison meist Touristen hierher um ihren Durst zu löschen, so bevölkerten nun mit einem Mal Zwerge, Elben, Waldläufer, Glücksritter, Zauberer und Abenteurer den "Blauen Drachen", was ihn dem "Tänzelnden Pony" äußerst ähnlich machte. Die aus Holz gebauten Tische waren alle besetzt. In der Feuerstelle brannte Feuer und ein Kessel mit Fleischschmortopf hing darüber. Aus der Küche hörte man Geräusche fleißigen Werkelns. Eleanor und einige ihrer Musiker saßen in einer Ecke und spielten auf. Sie grüßte vergnügt, als sie uns erblickte. Mittendrin thronte Fiona an einem Tisch gegenüber der Tür. Einer gewissen rohirrischen Prinzessin nicht unähnlich. Ihre Augen strahlten vor Freude.

Fiona hatte ein paar Freunde eingeladen. Der größte Teil von ihnen stammte aus Shancahir. Zwei kamen aus Glendalough und waren Schulfreunde von ihr. Diese würden später im Dorf übernachten. Für die meisten war Gewandung kein Problem gewesen. Nur die beiden aus Glendalough kamen ohne angereist. Aber Eleanor hatte ausgeholfen. Dies waren die Stimmen gewesen, die ich aus Eleanors Zimmer gehört hatte.

"Wenn man die Augen schließt, meint man nahezu wieder in Mittelerde zu sein", flüsterte ich Anordil zu. Er lächelte sanft. "Aber nur beinahe", erwiderte er leise und schloss mich in seine Arme, "bald werden wir wieder in der Heimat sein, anor nîn." Geschickt bahnte er sich einen Weg zu Fiona hin. Erstauntes Gemurmel machte sich breit, als man uns betrachtete. Ich musste zugeben, Anordil repräsentierte das Urbild eines Elben. Natürlicherweise, denn er war schließlich einer. Und mir standen die Elbenohren auch sehr gut. Ich könnte mich daran gewöhnen.

Fiona eilte auf uns zu, sobald zu unser ansichtig wurde. "Es ist unglaublich", sagte sie leise auf Sindarin, "wenn ich euch beide in diesen Gewändern sehe, so sehe ich Mittelerde vor mir stehen." "Genieße den Abend, Fiona", erwiderte ich, "Mittelerde ist für heute hier eingekehrt." Fröhlich lachte sie auf. "Havo dad – setzt euch", mit diesen Worten wies sie auf ihren Tisch, "mado, sogo a linno – esst, trinkt und singt." "Na 'lass - mit Freuden", antwortete Anordil, während er sich elegant auf einem der Stühle niederließ. Ich nahm den Platz neben ihm ein.

Beinahe augenblicklich kam eine der als Mägde gekleideten Mädchen auf uns zu. Ihr mittelblaues Gewand aus Leinen wurde von einem dunkelblauen Schnürmieder geziert. Die Ärmel der weißen Tunika darunter waren hochgekrempelt. Das dunkelbraune Haar blitzte unter dem Kopftuch hervor, mit dem es zurückgebunden war. Ich erkannte Melanie Burcks. Sie war eine von den Zugereisten. Im letzten Jahr hatte sie damit begonnen regelmäßig in der Schänke zu helfen. Es schien ihr großen Spaß zu machen. "Was darf ich bringen?", fragte sie mit einem freundlichen Lächeln. "Was könnt Ihr anbieten?", fragte ich im Gegenzug. "Heute gibt es Stew mit verschiedenem Fleisch, dann haben wir noch geröstete Fleischscheiben von Rind und Schwein, gebackenes Hühnchen, gebackene Kartoffeln, Colcannon, verschieden gegarte Wintergemüse wie Kohl, Möhren und Porree. Ansonsten noch Pfannkuchen, frisches Brot, Käse und kleine Pastetchen mit Füllungen in süß und herzhaft." "Meine Güte", entfuhr es mir, "was für eine Auswahl. – In den meisten Gasthäusern auf unserem Wege wird nur ein Gericht feilgeboten."

Anordil schmunzelte vergnügt. "Da sich meine Gemahlin in Erstaunen verliert, muss ich die Antwort übernehmen, bevor wir dem Hunger anheim fallen", sagte er mit seiner melodischen Stimme, "bringt uns von dem Stew. Dazu frisches Brot und Wein. Und anschließend eine süße Pastete." Fasziniert sah Melanie ihn an. Bis ihr bewusst wurde, dass dies ungehörig war. "Sofort, Herr", antwortete sie respektvoll und verschwand mit hochrotem Kopf in Richtung Küche. Ihr war nicht bewusst, dass sie automatisch in eine alte Anrede verfallen war. "Musst du uns arme Frauen immer in Verlegenheit bringen?", wisperte ich ihm zu. In seinen Augen blitzte es. "Was erwartest du?", fragte er amüsiert zurück, "ich bin ein Elb."

Melanie beeilte sich uns das Gewünschte zu bringen. Während wir uns schließlich an dem Stew gütlich taten, ließen wir die Atmosphäre auf uns wirken. Es war wirklich wie ein kleines Stückchen Mittelerde. Bree kam mir in den Sinn oder das Gasthaus zur Letzten Brücke. Fiona ging von Tisch zu Tisch. Ihre Augen glänzten vor Freude. An einem der Tische hatten sich mehrere ihrer Gäste zu einem Spiel zusammen gefunden. Würfel klackerten über das Holz. Dem Spielverlauf nach zu urteilen, waren es Rollenspieler. An einem anderen Tisch erging man sich in einer hitzigen Diskussion, ob Elben schnellere Bogenschützen waren oder nicht.

Anordil lauschte interessiert. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, rief uns Eleanor zu sich. "Herr Elb, kommt herbei", forderte sie ihn auf, "Frau Elbin eilt ebenfalls zu uns. – Seid Ihr bereit uns an Eurem Gesang teilhaben zu lassen?" Auffordernd hielt sie mir eine Laute entgegen. "Gerne bin ich dazu bereit", entgegnete ich gelassen, "ich hoffe, Eure Laute hält den Anforderungen der Elben stand." Anordils Augen blitzten. Ich schlug ein paar Takte an. Er nickte mir zu, da er das Stück bereits erkannt hatte.

Wir spielten einige Male an diesem Abend und sangen sogar ein paar davon in Sindarin. Fionas Gästen gefiel es. Immer wieder wurden wir aufgefordert. Es wurde viel gesungen, getanzt und Geschichten erzählt an diesem Abend. Spät am Abend tanzte Anordil gar mit Fiona. Sie platzte beinahe vor Stolz. Offensichtlich genoss sie es. Es war weit nach Mitternacht, als Anordil und ich uns zurückzogen. Fiona und ihre Gäste feierten noch munter weiter. Die meisten von ihnen würden eh in der Schänke übernachten. Am nächsten Morgen stand dann gemeinsames Frühstück und aufräumen an.

Bis zu Silvester war noch mehr Schnee gefallen. Gemäß der Tradition wurde gleichfalls in der Festhalle vor der großen Eiche auf dem Dorfplatz gefeiert. Aber diesmal in Zivil, damit will ich sagen, wir trugen keine keltische Gewandung. Es war schließlich kein keltisches Fest, sondern ein christliches. Trotzdem feierte das Dorf gemeinsam. Es wurden keine großen Unterschiede zwischen den Religionen gemacht. Die Tische bogen sich unter der Last der Speisen. Jede Familie hatte ein besonderes Gericht beigesteuert. Die unterschiedlichsten Düfte zogen durch den festlich mit Immergrün und bunten Bändern geschmückten Saal. Musik und Tanz sorgten für Unterhaltung. Um Mitternacht schließlich wurden Feuerwerkskörper abgefeuert.

Anordil betrachtete diese verblüfft. "Ich dachte bisher, dass allein Gandalf in der Lage sei schöne Feuerwerke zu zünden", flüsterte er mir zu. Überrascht sah ich ihn an. "Du kennst Gandalf?", fragte ich. "Sicher kenne ich Gandalf, den grauen Wanderer", antwortete er mir, "Mithrandir wird er bei den Elben genannt. Ab und an kehrt er in unsere Häuser ein. Er liebt Feuerwerke und er liebt es noch mehr sie herzustellen. Er würde gefallen an diesem Fest finden."

Versonnen schaute ich in den Himmel, wo die Feuerwerkskörper mit lautem Getöse glitzernde Blüten formten. "Ich wünschte", hob ich flüsternd an, nur um unterbrochen zu werden. Anordil legte einen Finger auf meine Lippen. "Wir werden es schaffen", wisperte er mir zu, "das schwöre ich dir bei der Flamme von Anor." In seinen Händen entzündete sich ein kleiner Funke und flackerte hell auf. "Ich glaube dir", sagte ich und berührte die Flamme. Heiß brannte sie, doch nicht so heiß, dass ich mich verbrannt hätte. Dann verlosch sie wie durch einen Windhauch.

Ein überraschter Ausruf ließ uns ins Hier und Jetzt zurückkehren. Fiona stand ein paar Schritte neben uns. Sie hatte die Flamme in Anordils Händen gesehen. "Kannst du noch andere Zauberkunststücke?", fragte sie ehrfürchtig. "Natürlich", lächelte er sie an, "möchtest du eine Rose?"

Vor ihren Augen erschien eine Rosenblüte in voller Schönheit. Zaghaft streckte Fiona ihre Hand aus. Als sie die Blüte berühren wollte, zerplatzte diese wie eine Seifenblase. Überrascht sah Fiona ihn an. Anordil lächelte nur geheimnisvoll und zauberte eine weitere Rose. Aufgeregt fasste sie seinen Arm.

"Wie machst du das?", fragte sie atemlos. Ganz nah beugte er sich zu ihr. "Magie", flüsterte er in ihr Ohr und lachte sie an. Fiona war gespannt vor Neugier. Anordil machte sich einen Spaß daraus ein paar weitere kleine Taschenspielertricks vorzuführen, die er von Luvalaes gelernt hatte. Fiona glaubte nicht an Magie und versuchte daher krampfhaft hinter die Tricks zu kommen. Es gelang natürlich nicht, da Anordil tatsächlich magisch nachhalf. Ich lächelte in mich hinein. Damals hatte ich ebenfalls eine Weile benötigt, um das Existieren von Magie zu akzeptieren.

Nach dem Feuerwerk saßen wir eine Weile zusammen und tranken von dem gewürzten Wein. Anordils Rezeptur war seit Alban Arthuan äußerst beliebt. Es dauerte auch nicht lange, da war Anordil von den Kindern und Jugendlichen des Dorfes umlagert. Sie wollten Geschichten hören. Es hatte sich herumgesprochen, dass er gut erzählen konnte. Die Geschichten waren zwar alle aus Mittelerde, aber das wusste ja keiner. Für die Zuhörer waren es nur fantastische Märchen, die Anordil zum Besten gab. Ich hörte allerdings gleichermaßen fasziniert zu. Diese Geschichten gaben mir einen weiteren Einblick in die Kultur und Denkweise Mittelerdes. Erst spät begaben wir uns zur Ruhe.

Die Silvesternacht verstrich und am nächsten Morgen wachte ich in Anordils Umarmung auf. Ich kuschelte mich näher an ihn und genoss seine Wärme. Ich erinnerte mich an unsere erste Wanderung durch das Ered Luin Gebirge. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich unweigerlich erfroren. Im Haus war es noch still. Keiner rührte sich. "Sie schlafen", flüsterte Anordil mir ins Ohr, "die Nacht war lang für euch Menschen." "Werdet ihr Elben eigentlich nie müde", fragte ich mit einem herzhaften Gähnen. Ich musste die Ruhe genießen. Bald war es damit vorbei. In Mittelerde würde ich lange Zeit kein vernünftiges Bett zu Gesicht bekommen, wenn ich Pech hatte. Genüsslich räkelte ich mich in den Laken.

Anordil stützte sich mit einer Hand auf und betrachtete mich mit Schalk in den Augen. "Es gibt nicht viel, was uns Elben ermüdet", erwiderte er, "und eines dieser Dinge ist äußerst vergnüglich." Er beugte sich zu mir hinunter. Als seine Haare meine Haut berührten, erschauerte ich in freudiger Erwartung. Abrupt drehte ich mich zu ihm um und warf ihn in die Kissen. Mit einer geschmeidigen Bewegung rollte ich mich auf ihn. "Und nun, Herr Elb", gurrte ich, "Eure Reaktionen sind erlahmt. Ergebt Ihr Euch in Euer Schicksal?" "Mit Freuden", entgegnete er mit Erregung in der Stimme, "Ihr habt mich erobert, schöne Maid. Verfügt über mich." Leise lachend fuhr ich mit meinen Fingern über seine samtweiche Haut. Zart liebkoste ich seine Ohrspitzen mit meiner Zunge. Wohlig stöhnte er auf. Dann zog er mich zu sich und für einige Zeit vergaßen wir Zeit und Raum.

Gegen Mittag wurden die anderen Hausbewohner munter. Die Geräusche des erwachenden Hauses ließen uns in unserem Tun innehalten. Kichernd wie die Kinder schlüpften wir ins Bad. Nach der ausgiebigen Morgentoilette huschten wir in unser Dachzimmer zurück. Es war reichlich kühl, daher streiften wir rasch frische Kleidung über. Erst dann begaben wir uns nach unten. In der Küche wartete bereits Eleanor und Sinéad. Patrick war vor der Tür und holte einige Scheite Holz für die Feuerstelle.

Schweigend grüßte er uns, als er wieder eintrat. Dann nahm er von Sinéad das Brot entgegen, welches er sorgfältig in die Mitte des Tisches legte. Wir warteten, bis alle vollzählig erschienen waren. Erst dann brach Patrick das Brot. "Nun ist es wieder geschafft", sagte er, "auch das christliche Neujahr hat begonnen. Esst vom Brot des neuen Jahres und trinkt vom Wein der letzten Ernte. Belenus möge uns schützen." Er schloss ein kurzes Gebet auf Gälisch an, bevor er die Brotstücke weiter reichte.

Dieses Ritual war nicht ganz so feierlich, wie zu Alban Arthuan, denn da hatten wir bereits das keltische neue Jahr begrüßt. Nach dem anschließenden ausgiebigeren Frühstück gaben wir Fiona eine weitere Lehrstunde, so wie wir es seit ihrem Geburtstag täglich getan hatten. Da sie unausgeschlafen war, erhielt sie die ersten richtigen blauen Flecke. Aber sie lernte rasch. Anordil schlug ein auffallend scharfes Tempo an. Was mich nicht verwunderte. Schließlich wollten wir ihr soviel wie möglich beibringen, in der kurzen Zeit, die wir in Shancahir verbrachten.

Wir blieben zwei weitere Wochen. Der Schnee wich allmählich wieder gemäßigterem Wetter. Das Alltagsleben in Shancahir unterschied sich nur wenig von dem in Mittelerde. Es war allerdings moderner, da es Strom und fließendes Wasser gab. Einzig die Autos störten ein wenig das Bild.

Dafür waren die Häuser in Shancahir überwiegend alt. Die meisten waren Fachwerkbauten. Viele von den Familien lebten seit Generationen in Shancahir, so wie Patricks. Es gab nur eine Handvoll Zugereiste. Diese hatten sich allerdings schnell der Lebensweise im Dorf angepasst. Shancahir verleibte sich die Menschen ein. Egal wer es war oder von wo sie kamen. Einige von ihnen halfen sogar bei der Gestaltung des Museumsdorfes mit. Hand in Hand mit den Alteingesessenen. Mir war, als würde eine Handvoll der ganz Alten erahnen, wer Anordil in Wirklichkeit war. Jedenfalls nahm die Anzahl der Schutzsymbole gegen das Alte Volk erheblich zu. Anordil schmunzelte darüber. Und auch mir rangen diese Praktiken ein müdes Lächeln ab. Ohne die entsprechenden Zauber waren die Kräuterbündelchen und Kreidesymbole beinahe wirkungslos. Doch für die meisten schien in erster Linie der Glaube zu zählen.

Für die übrigen Einwohner Shancahirs waren wir Anna und Garret O'Neill. Ich wurde dabei als eine entfernte Verwandte von Patrick ausgegeben. Anordil ordnungsgemäß als mein Mann. Damit unser manchmal merkwürdiges Verhalten nicht allzu sehr auffiel, gab Patrick uns als Keltologen von der Universität Dublin aus. Nur ganz wenige waren in das Geheimnis um meine Person eingeweiht. Und diese würden schweigen.

Schließlich fuhren wir zurück nach Oxford. Nur für ein paar Tage. Denn Imbolc rückte näher. Marc holte uns vom Bahnhof ab. "Schön Euch wiederzusehen", empfing er uns, "von den anderen sind nur Patrice und Steve da. Alle anderen sind in Semesterferien oder sonst wo unterwegs." "Ich freue mich ebenfalls, dich zu sehen, Marc", erwiderte ich herzlich, "Anordil wird für die paar Tage ebenfalls in Willfour Manor wohnen. Patrick hat alles in die Wege geleitet. Er wird weiterhin unter dem Namen Garret O'Neill erscheinen." "Oh, das ist gut", freute sich Marc, "schließlich gibt es genügend Zimmer in Willfour Manor. – Da fällt mir ein, - dann werde ich bestimmt ein paar Lektionen mit dem Kampfstab erhalten?" Erwartungsvoll sah er zu Anordil hinüber.

"Freue dich nicht zu früh, Freund Marc", warnte ihn Anordil scherzhaft, "die meisten Lektionen tun arg weh, wenn ich sie erteile." Marc sah ihn an und wusste nicht recht, ob er ihn ernst nehmen sollte oder eher nicht. Während er überlegte, verstauten wir unser kleines Gepäck im Kofferraum von Marcs Auto und stiegen ein. Marc fuhr quer durch Oxford nach Willfour Manor. Dort bezog Anordil das Zimmer neben dem meinen. Marc verschwand in die Küche. Ich ahnte, dass er seinen Kochkünste freien Lauf ließ. Auf das Ergebnis freute ich mich bereits jetzt.

Gedankenverloren sah ich zum Fenster hinaus. Die kahlen Bäume bewegten sich träge im leichten Wind. Der Himmel war grau und wolkenverhangen. Meine Gedanken schweiften in die Vergangenheit.

Zu jenem Wintermorgen, als meine Eltern, mein Bruder und ich Willfour Manor verließen, um nach Irland zu fahren. Silvester hatten wir damals im Freundeskreis meiner Eltern gefeiert. Professor Myers mit Ehefrau Lenora, der vor kurzem verwitwete Professor Lajinski, Professor Icenburck aus London mit Ehefrau Edith, die selber Professorin für Anglistik war, Doktor Wartman vom keltologischen Institut in Dublin und Doktor Rita Schubert aus Frankfurt. Alle waren Mitglieder der Tolkien-Gesellschaft und durch die Zusammenarbeit an verschiedenen Projekten miteinander gut befreundet. Es gab Hummersalat, Pilzbouillon, Lammfilet mit Kräuterkruste, und ein hervorragendes Zimteis mit Rumfrüchten.

"Mein liebe Mairie", hob Myers an, während er sich zurücklehnte, "du hast dich wieder selbst übertroffen. Das du dazu die Zeit findest, bei der ganzen Arbeit im Institut ist bewundernswert." Wohlig strich er über seinen vollen Bauch. "Vielen Dank, Will", antwortete sie, "aber Arwen und Ewan haben mir tatkräftig dabei geholfen." Ich rollte mit den Augen. Tatkräftig stimmte zwar, aber natürlich unter Anleitung. Einem Kochmuffel wie mir wäre ein derartiges Festmenü gar nicht erst gelungen. Bereits mit dem Hummersalat hätte ich Schwierigkeiten gehabt.

Man erhob sich von der Tafel. Meine Mutter und die anderen Frauen blieben sitzen. Sie wollten gemütlich Kaffee trinken. Allmählich wanderten die Herren hinüber ins Rauchzimmer. Lajinski steckte sich eine Pfeife an. Genüsslich zog er daran und blies Kringel in die Luft. "Um zum Thema zurück zu kommen, Sean", fing er an, "was hältst du von meiner Theorie über die Zwerge von Moria?" "Nun, Peter", holte mein Vater aus, "im Großen und Ganzen ist sie ja recht nett, aber ..." Den Rest bekam ich nicht mehr mit. Ewan hatte mich aus dem Rauchzimmer ins Musikzimmer gezogen. "Lass die nur", lachte er, "ich muss dir nachher am Rechner was zeigen. Ich habe im Internet was für dich gefunden." Verschwörerisch sah er mich an. "Und ich habe dies für dich gekauft." Er gab mir ein kleines Päckchen. Von der Größe her musste es eine CD sein. Ich riss das Papier auf.

"'Der Herr der Ringe – Die Gefährten'", murmelte ich, "ich wollte sie vorgestern in der Stadt kaufen und bin doch nicht dazu gekommen. Oh – vielen Dank, Ewan. Legen wir sie ein." Sekunden später schallten die Klänge von Howard Shores Soundtrack durch die ehrwürdigen Mauern Willfour Manors. Insbesondere das Liebeslied Arwens und das letzte Lied von Enya prägten sich mir ein. Ich schwelgte in der Musik und vor meinem inneren Auge zogen noch einmal die Bilder des Kinobesuchs vor ein paar Tagen vorbei. Mit Erstaunen hatte ich den Film in mich aufgesogen. Ich kannte das Buch in und auswendig. Umso mehr bewunderte ich die feinfühlige Übersetzung in die Welt der bewegten Bilder. Nach einer Weile öffnete sich die Tür zum Musikzimmer. Jetzt drang wieder die Unterhaltung von nebenan herein. "... es ist nicht zu beweisen, dass Tolkien recht hatte", hörte ich Myers sagen, "er hat eine grandiose Welt geschaffen, aber sie ist nicht real. Selbst wenn wir es uns wünschen." "Und doch fühle ich, das da mehr ist, als nur eine Geschichte", erwiderte Vater, "ich kann es nicht beschreiben, aber es ist da." Ewan schüttelte nur den Kopf und zog mich mit sich. Er zeigte mir den Eintrag im Internet, den er gefunden hatte. Ebenfalls über Tolkiens ‚Herrn der Ringe'. Gierig sog ich es in mich auf.

Am nächsten Morgen war Schnee gefallen. Ich genoss den plötzlichen Wintereinbruch. Es vergingen nahezu drei Wochen, bis wir abreisebereit waren. Ich sah mich in diesem Zimmer stehen, umgeben von Koffern. "Arwen, bist du bereit?", hörte ich meine Mutter fragen. "Ja, Mum", antwortete ich, "ich bin fertig."

"Ist alles in Ordnung mit dir?", hörte ich Anordil hinter mir. Ich musste laut gesprochen haben. Tränen liefen mir über die Wangen. Rasch wischte ich sie weg. "Es ist alles in Ordnung, Anordil", flüsterte ich, "ich habe mich in Erinnerungen verloren." Sanft nahm er mich in die Arme. Seine Wärme gab mir Geborgenheit. "Komm, es ist Zeit. Marc wartet mit dem Mahl auf uns, Arwen." Er zog mich mit sich. Unten im Saal waren Patrice und Steve bereits eingetroffen. Das Essen war wie erwartet hervorragend. Marc hatte sich wieder selber übertroffen. Sein gefüllter Braten nach Wellington-Art mit den gebackenen Kartoffeln und gedünstetem Gemüse war einfach umwerfend. Das nicht ganz klassische Menü wurde durch einen traditionellen Plumpudding abgerundet.

Erst am nächsten Tag begannen wir mit Marcs weiterer Ausbildung am Kampfstab. In der Dämmerung trafen wir uns auf der Druidenlichtung. Anordil und ich übten bereits eine Weile, als wir ihn kommen sahen. Mit einer raschen Schlagfolge beendeten wir unsere Übung. Marc folgte den Bewegungen mit staunenden Augen. "Guten Morgen", sagte er, nachdem wir unsere Schwerter weggelegt hatten, "das sah wirklich beeindruckend aus." "Danke für die Lorbeeren", antwortete ich nach Atem ringend, "aber ich hatte nur Glück." Anordil lächelte spitzbübisch. Wie gewohnt atmete er kaum schneller, als vorher. "Guten Morgen, Marc", sagte er, "nun zeige, was du gelernt hast."

Er drehte den Kampfstab locker in der Hand. Plötzlich griff er Marc an. Dieser war einen Sekundenbruchteil zu langsam und konnte im letzten Moment ausweichen. Er konterte sofort. Spielerisch leicht folgte Anordils nächster Angriff. Diesmal schaffte es Marc zu parieren. Dieses Spiel ging eine ganze Weile hin und her. Mehr als einmal durchdrang Anordils Attacke Marcs Deckung und hinterließ einen blauen Fleck. Am Ende war Marc auffallend geschafft.

"Konntest du mich nicht vorwarnen?", maulte er vorwurfsvoll in meine Richtung. Er rieb sich Arme und Beine. Dort wo Anordil ihn getroffen hatte. Dieser lachte leise. "Nein, konnte sie nicht", kommentierte dieser trocken, "sie selber weiß nie, welche Angriffe ich wähle. Selbst sie kommt nicht ohne blaue Flecke davon. – Doch ich muss dir meine Anerkennung aussprechen. Du hast dich wacker geschlagen. Anna konnte dir im letzten Sonnenlauf außerordentlich viel beibringen. In den nächsten Tagen werde ich dir einige neue Varianten zeigen." "Das wäre prima", erwiderte Marc und verzog sein Gesicht ein wenig, "vielleicht gelingt es mir ja danach ein wenig besser dazustehen. Im Moment komme ich mir vor wie ein geprügelter Hund." Ich lachte laut auf. Im übrigen hatte ich mich oft so gefühlt, als ich meine Kampfausbildung bei den Elben begann. Und ich hatte eine Menge Vorwissen aus meinen Kampfsportlektionen besessen.

In den nächsten Tagen trafen wir uns regelmäßig. Diese Übungen taten mir gleichermaßen gut. Anordil forderte mich doch mehr als jeder andere. Marc profitierte ebenfalls von seiner Anwesenheit. Unter Anordils Anleitung lernte er wesentlich mehr Techniken, als ich ihm bisher beigebracht hatte. Allerdings trug er jetzt mehr blaue Flecke davon.

Anordil war erbarmungslos und Unaufmerksamkeiten wurden sofort bestraft. In Mittelerde war diese Vorgehensweise lebensnotwendig. Ein Fehler konnte dort das Leben kosten.

Die Zeit verrann unerbittlich. Zu den Vorlesungen ging ich nicht mehr. Sie waren für mich sinnlos geworden. Von meinen Mitstudenten wurde ich bestimmt nicht vermisst. Vielleicht würden sie denken, ich wäre auf Forschung oder hätte Projektwochen.

Die meiste Zeit verbrachte ich in den Bibliotheken. Mit Anordil zusammen durchkämmte ich jeden Bibliothekssaal, den es in Oxford gab, auf der Suche nach Hinweisen auf diesen Torstein. Dabei wurden wir des öfteren sonderbar gemustert. Anordil fiel alleine seiner Größe wegen auf. Wir unterhielten uns meist auf Sindarin. Das konnte jedenfalls niemand belauschen.

Des weiteren trafen wir uns einige Male mit Professor Lajinski in seinem kleinen Kämmerchen. Er hatte zwar die Bedeutung der meisten Runen herausgefunden, aber sie blieben ohne Zusammenhang. Und das Imbolc-Fest rückte gnadenlos näher.

"Es tut mir leid, Arwen", seufzte er resignierend, "es will sich kein Sinn ergeben. Dieses Runenrätsel ist äußerst kompliziert. Ich werde mehr Zeit benötigen." Wieder einmal hatten wir uns in seinem Kämmerchen zusammengefunden. "Selbst mit elbischer Hilfe", dabei deutete er auf Anordil, "ist es bisher nicht gelungen. Und Imbolc steht vor der Tür." Anordil sah nachdenklich auf die Runen. Ab und zu spürte ich einen sachten magischen Strom. Doch auch dies half nicht.

"Wenn wir die Runen nicht entschlüsseln können, werden wir Anordils Torstein versuchen, Professor", antwortete ich, "vielleicht funktioniert er noch ein einziges Mal." "Wann reist ihr ab?", fragte mich der Professor. "In zwei Tagen", erwiderte ich. Nachdenklich strich ich über die Rücken einiger alter Folianten. Es waren Unikate. Einzigartig auf der Welt.

"Professor", hob ich an, "diese Bücher. – Was geschieht mit ihnen, - wenn Sie gehen?" Seine weisen alten Augen blickten mich an. "Da ich keinen Nachfolger habe, der es wert wäre diese zu besitzen", gab er zurück, "werden sie wohl in diesem Kämmerchen verstauben und zerfallen, bis jemand den Weg hierher finden wird." "Sie sind doch viel zu wertvoll", sagte ich nachdenklich, "in Shancahir, meiner Heimat in Irland, gibt es eine uralte keltische Sitte. Wir, vom alten Blut, geben unsere wertvollsten Besitztümer in eine Aufbewahrung, die dort Zwergenhort genannt wird. In der Kammer meiner Familie lagern Schriftrollen und Wissensschätze aus Jahrhunderten. – Geben Sie mir ein paar dieser Bücher mit. Ich werde mit dem Hüter des Hortes sprechen, dass er für sie eine Kammer anlegt. Auf diese Weise können wir vielleicht einige für die Nachwelt erhalten."

Er sah mich belustigt an. "Ich hatte gedacht, dieser Zwergenhort wäre nur eine Legende", antwortete er mir, "als ich als junger Mann in Irland war, um die keltischen Runen zu studieren, habe ich davon gehört. Allerdings dachte ich nicht, dass er tatsächlich existieren würde." Mit ernsten Augen sah ich ihn an. Ich wusste, dass der Hort wirklich war. Schließlich war ich dort gewesen. "Er existiert", erklärte ich mit Nachdruck, "allerdings ist es nur den Trägern des alten Blutes bekannt. - Diese Bücher gehören zur keltischen Geschichte, Professor. Es wäre nur Recht und billig, wenn diese einen Platz im Hort finden würden. – Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen eine Kontaktadresse. Vielleicht entschließen Sie sich ein paar zur Aufbewahrung zu geben." Einige Minuten überlegte er. Zärtlich strichen seine Hände über die alten, abgegriffenen Einbände. "Ich werde dir einige Bücher mitgeben", sagte er schließlich, "die anderen werde ich weiterhin benötigen. Aber lasse mir den Kontakt hier. Man kann nie wissen."

So kam es, dass wir mit einem Dutzend alter Bücher und Schriftrollen die kleine Kammer an jenem Tag verließen. Sorgfältig verpackten wir diese in Willfour Manor. Übermorgen würden wir England verlassen. Und wenn die Götter uns wohlgesonnen waren, nie wieder zurückkehren.

Am Abend vor unserer Abreise war Marc äußerst traurig. Den anderen gegenüber hatte er sich nichts anmerken lassen. Dann, es war bereits spät, klopfte es bei mir an der Tür.

"Es ist Marc", sagte Anordil. "Komme herein", rief ich. Die Tür öffnete sich und Marc trat ein. Verlegen sah er uns an. "Was ist los?", fragte ich ihn. Anordil musterte ihn neugierig. "Ich glaube, Marc will uns um ein Andenken bitten", mutmaßte er. Verblüfft blickte Marc ihn an. "Ja, das wollte ich", stieß er hervor, "doch woher weißt du das? Kannst du Gedanken lesen?" Anordil lachte leise.

"Ihr Menschen seid dermaßen durchschaubar", antwortete er vergnügt, "und immer wieder denkt ihr, alle Elben könnten Gedankenlesen. – Ich zumindest kann dies nicht. Einzig von der Hohen Lady Galadriel ist es mir bekannt. Aber aus meinen Erfahrungen heraus kann ich anhand eurer Gesichter erraten, was euch bewegt."

"Nun, Marc", bohrte ich, "heraus mit der Sprache. Was möchtest du von uns." "Ein Foto", murmelte er leise, "ich möchte ein Erinnerungsbild von euch beiden in voller Rüstung und ohne Illusion." Diesmal war es an mir verblüfft zu schauen. "Was ist ein Foto?", fragte Anordil überrascht. "Ein Bild, eher gesagt ein genaues Abbild auf Papier", erklärte ich. Anordil sah mich fragend an. Ich überlegte kurz. Ein Foto von einem Elben konnte für Marc gefährlich sein. Aber letztendlich dachte ich an das Tolkien-Fieber, was die Welt erfasst hatte und an die Verfilmung. Die Darstellungen von Elben waren dort täuschend echt. Folglich dürfte es für Marc keine Gefahr darstellen, wenn er uns fotografierte.

"Gut", erwiderte ich, "gib uns eine halbe Stunde und anschließend kannst du uns ablichten." "Ich gehe meine Kamera holen." Mit diesen Worten spurtete er hinaus. "Ist es für ihn nicht gefährlich, wenn er solch ein Abbild von dir hat?", fragte mich Anordil. "Nein", schüttelte ich den Kopf, "er weiß auf sich aufzupassen. Außerdem tragen wir unsere elbischen Gewänder, in denen mich eh hier niemand erkennen würde. Keiner wird ihm zu nahe kommen, wenn wir verschwunden sind."

Wir zogen uns um. Ich mochte das Gefühl der elbischen Gewänder auf meiner Haut. Sie vermittelten ein Gefühl der Sicherheit. Sie verkörperten Heimat. Und weckten die Sehnsucht nach Mittelerde. Einige Minuten später kam Marc wieder. Überrascht blickte er uns an. "Wow", entfuhr es ihm, "das ist ja megaeindrucksvoll. Besser als ein Filmplakat." Ein rascher Blick zu Anordil zeigte mir, dass er neugierig die Augenbraue hob.

"Genug des Lobes, Marc", sagte ich schnell, "mache deine Bilder, bevor einer unserer Mitbewohner auf die Idee kommt bei uns zu klopfen." Gehorsam machte er seine Bilder. Nach einer Weile ließ er uns schließlich alleine. "Vielen Dank noch mal, dass ich die ganzen Bilder machen durfte", sagte er in der Tür. Er schien sichtlich bewegt zu sein. Wahrscheinlich würde er den Rest der Nacht vor seinem Computer zu bringen und die Bilder betrachten. Wozu eine Digicam nicht alles gut war.

"Was ist ein Filmplakat?", fragte Anordil mich, als Marc gegangen war, "und warum war Marc derart überrascht uns in unseren Gewändern zu sehen?" Ich seufzte auf. Warum hatte ich befürchtet, dass er dies fragen würde? Was sollte ich antworten? Ich ließ einige Minuten verstreichen, um Nachzudenken. Anordils Augen folgten mir bei jeder Bewegung, die ich tat.

"Das ist nicht einfach zu erklären", antwortete ich schließlich, "Filme sind bewegte Bilder. Sie laufen schnell hintereinander ab und erzeugen auf diese Weise die Illusion, dass man Dinge oder Geschehnisse beobachtet, die passiert oder in der Vergangenheit geschehen sind. Das Filmplakat ist ein einziges Bild aus diesem Film, das aufgehängt wird, um die Menschen anzuregen in die Kinos, das sind die Häuser, in denen die Filme gezeigt werden, zu gehen."

"Das ist seltsam", murmelte er, "warum tun die Menschen das?" "Zu ihrem Vergnügen", erwiderte ich, "sie finden Gefallen daran für kurze Zeit von ihrem Alltag abgelenkt zu werden." Ich überlegte kurz. Als Anordil die ersten Tage in Oxford war, hatten wir doch mitten in der Nacht vor einem der großen Kinos gestanden. Seine überraschten Blicke waren mir im Gedächtnis geblieben. "Erinnerst du dich an die ersten Tage hier in Oxford?", fragte ich ihn vorsichtig, "da hattest du Bilder gesehen, von Zwergen, Elben und Zauberern." In seinen Augen blitzte es auf. "Ich erinnere mich", erwiderte er aufgeregt, "ich sah ein Bild, das dem Hithaeglir äußerst ähnlich war. – Und Elben – und Zwerge – auf einem merkwürdigen großen Pergament." "Da standen wir vor einem Kino", erklärte ich. Einige Minuten herrschte Schweigen. Ich ahnte, dass er in seinen Gedanken die damaligen Bilder heraufbeschwor.

"Und was ist an uns dermaßen interessant,", fragte Anordil weiter, "dass Marc in Begeisterungsstürme ausbricht?" "An uns weniger", antwortete ich leise, "eher an dir. - An dem was du bist. - Es gab einen Film über Mittelerde. Über Ereignisse, die für Mittelerde erst in der Zukunft liegen. Doch derjenige, der diesen Film machte, muss in seinen Träumen in Mittelerde gewesen sein. Derart klar sind seine Vorstellungen." "Ihr habt Bilder von Mittelerde?", fragte er. Was sollte ich sagen? Bei Cernunnos, warum mussten Elben nur so neugierig sein. Allmählich fühlte ich mich reichlich unwohl. "Nicht direkt", entgegnete ich gedehnt, "es sind Bilder, wie man sich Mittelerde vorstellt." "Ich möchte sie sehen", bat er. Er sah mich mit seinen strahlendblauen Augen an. Wie gerne würde ich ihm diesen Wunsch erfüllen.

"Ich kann nicht", sagte ich stattdessen, "ich darf nicht." Für einige Sekunden betrachtete er mein Gesicht. Sah mir forschend in die Augen, bevor er mir einen zärtlichen Kuss gab. "Du bist beunruhigt, dass ich zuviel über die Zukunft erfahren könnte?", lächelte mich Anordil fragend an. Ich nickte verhalten. Es fiel mir nicht leicht. Warum musste dies alles nur so kompliziert sein? "Keine Angst, anor nîn", behutsam nahm er mich in die Arme, "bald sind wir zurück in Mittelerde. Dann wird sich zeigen, was die Zukunft bringt." Als wäre ich eine Feder hob er mich hoch und trug mich hinüber zu der Bettstatt, wo er mich sanft bettete. Eng an ihn gekuschelt schlief ich bald ein.

Am nächsten Morgen brachte Marc uns zum Bahnhof. "Vielen Dank für alles", verabschiedete er sich von uns, "es war eine tolle Zeit. Ich werde es in meinem ganzen Leben nicht vergessen. – Wie heißt eigentlich ‚Auf Wiedersehen' in der Elbensprache?" "Namarië, Marc, - dies ist Quenya und bedeutet ‚Lebewohl'", antwortete Anordil und gab ihm die Hand, "möge ein Licht über deinem Pfad leuchten." Danach war ich an der Reihe. "Namarië", sagte ich, "und vergiss deine Kampfübungen nicht."

"Nie im Leben werde ich die vergessen", lachte er uns an und rieb sich die Schulter, "sie sind in bleibender Erinnerung. Also, – namarië Anordil, namarië Arwen. Gute Reise und passt auf euch auf, wo immer euer Weg euch hinführt." Ein schriller Pfiff forderte uns zum Einsteigen auf. Die Türen des Zuges schlossen sich. Als der Zug anfuhr, winkte ich Marc zum Abschied zu. Ich sah, wie er sich verstohlen einige Tränen von den Wangen wischte. Hinter uns wurde der Bahnhof immer kleiner.

to be continued ...

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