Die Nacht von Beltaine

Bald schwand der Winter und das Frühjahr stand vor der Tür. In regelmäßigen Abständen trafen wir uns mit Professor Lajinski. Doch mit der Entzifferung der Runen kamen wir keinen Schritt weiter. Anordil verbrachte ebenfalls viel Zeit damit. Er versuchte jeden Trick, den er kannte, um hinter das Geheimnis der Inschrift zu gelangen. Doch erwies sie sich sogar gegen die magischen Annäherungen als resistent. Es war schier zum Verzweifeln. Aber Anordil schien unerschütterlich zu sein. Er gab mir jedes Mal neue Hoffnung, wenn ich wieder einmal den Mut verlor. Im Gegensatz zu ihm hatte ich jedoch das Gefühl, dass wir einen Wettlauf mit der Zeit veranstalteten. Zwar war das Imbolc-Fest in weiter Ferne, doch ein Jahr verstrich schnell.

Das christliche Fest der Fruchtbarkeit, Ostern, wurde annähernd gleichzeitig mit der Frühjahrstagundnachtgleiche der Kelten gefeiert. In Pater Michaels Gemeinde von Shancahir wurde Ostern, seit ich Denken konnte, feierlich begangen. Die christlichen Familien schmückten die Bäume und Sträucher und versteckten Ostereier. Bereits Wochen vorher hatten die Kinder begonnen Osterschmuck zu basteln. Anordil betrachtete die Vorbereitungen neugierig. Und bereitwillig erklärten die Kinder ihm, in der ihnen eigenen Ausdrucksweise, was denn Ostern bedeutete. Sie sprachen von Jesus Christus und seinem Wirken, von den Jüngern, der Bergpredigt und dem letzten Abendmahl. Aufmerksam hörte Anordil zu, während sie von den Gleichnissen erzählten, dem Verrat des Judas, dem Gericht vor Pilatus und schließlich dem Tod und der Grablegung Christi. Manchmal blitzte es belustigt in seinen Augen, wenn die Kinder von den Wundern berichtete oder davon, dass Jesus über Wasser ging oder von den Toten auferstanden sein soll. Aber er widersprach nicht. Mit keinem Wort stellte er das Gehörte in Frage. Wie sollte er auch erklären, dass es Zauberer gab, die zu dergleichen fähig waren?

Zeitgleich zu den Ostervorbereitungen gingen diejenigen zu Werke, die dem Druidentum frönten. Alban Eiler, das keltische Fest zur Frühjahrstagundnachtgleiche, wurde einige Tage vor Ostern gefeiert. Auch dabei wurden Eier in wunderschönen Mustern bemalt und immer wieder welche rot gefärbt. Rot symbolisierte die Sonne. In der Morgendämmerung des Alban Eiler oblag es den jungen, unverheirateten Frauen des Dorfes, das Wasser für den Kessel zu schöpfen sowie das Holz für das Opferfeuer zu sammeln. In dem großen gusseisernen Kessel wurde seit Jahrhunderten ein Trank aus den jungen Kräutern des beginnenden Frühjahrs gebraut. Manche nannten dieses Getränk schlichtweg Kräutertee. Was es auch schlussendlich war, nur dass dieser Kräutertee ordentlich mit Whisky gewürzt war und vom Druiden gesegnet wurde. Die jungen Männer dagegen mussten das Opfer vorbereiten.

Als die Sonne im Zenit stand, rief Patrick mit einem alten Horn zum Versammlungsplatz unter der Dorfeiche. "Willkommen zum Alban Eiler", begrüßte er die Versammelten, "Licht und Dunkelheit sind in Gleichklang. Keines von beiden überwiegt. Doch in wenigen Stunden bereits wird die Waagschale zugunsten des Lichtes ausschlagen. Die Zeit der Aussaat ist gekommen. Mögen unsere Felder und Herden gesegnet werden." Er schloss ein kurzes Gebet an, bevor er die Opfergaben auf dem Altarstein weihte. Man hatte Brot, Eier, Küken und ein Lamm vorbereitet.

Nach der kurzen Zeremonie verstreute man sich wieder. Jeder ging nach Hause. Die jungen Frauen und Männer des Dorfes zogen nun von Haus zu Haus. Sie verteilten rotbemalte Eier und kleine Brote, die am Morgen gebacken worden waren. In einem ledernen Schlauch trugen sie einen besonderen Whisky dabei, der nur für diesen Zweck gebrannt worden war. Dieser wurde in einem kleinen hölzernen Becherchen an die Dorfbewohner ausgeschenkt. In einem Krug wurde der am Morgen gebraute Tee mit verabreicht. Anordil und ich hielten uns im Hintergrund. Wir kamen trotzdem in den Genuss der oben genannten Gaben sowie der Segenswünsche. Gegen Abend nahmen wir an dem Mahl in Patricks Haus teil. Traditionsgemäß gab es gebratenes Lamm, das erste Gemüse des Frühjahres, frisches Brot, geröstete Kartoffeln und die ersten Erdbeeren, begleitet von frischer Sahne hergestellt aus der am heutigen Morgen gemolkenen Milch, die Sinéad vom benachbarten Bauern bezog. Alban Eiler wurde ein klein wenig ruhiger gefeiert, als die anderen großen Fest der Kelten, wie Imbolc oder Beltaine.

Anderthalb Wochen später feierten die Christen in der Gemeinde den Tod Jesu Christi und dessen Auferstehung. An dem Sonntag davor verteilten die Kinder kleine Zweige von Buchsbaum. Diese symbolisierten die Palmwedel, mit denen die Bewohner Jerusalems Jesus Einzug in die Stadt begleitet hatten. Pater Michael hatte die grünen Zweiglein vorher in einer kurzen Zeremonie geweiht. Donnerstags dann verstummten die Glocken nach dem Abendgebet, als Symbol für den Tod Jesu Christi. Sie schwiegen bis zum Sonntagmorgen, wo sie feierlich geläutet wurden, um die Auferstehung Christi zu signalisieren.

Am Sonntagabend besuchten wir den "Blauen Drachen". Wir hatten es uns angewöhnt, einige Male während einer Woche hier vorbeizuschauen. Man sprach mit den Leuten, hörte Musik oder spielte selber. Zurzeit war selbst die Schänke mit Ostereiern und frisch erblühten Zweigen geschmückt. Anordil lächelte vielsagend. Ich hob fragend eine Augenbraue, während ich mich umsah. Doch er antwortete nicht. Wie jeden Abend hatten zahlreiche Dorfbewohner ihren Weg in den "Blauen Drachen" gefunden. Wir setzten uns an den freien Tisch in der Ecke gegenüber der Tür. Aus dem Gemurmel der Stimmen drangen Gesprächsfetzen zu uns. Von der schönen Messe, die Pater Michael zelebriert hatte, von den Geschenken und Eiern, welche die Kinder gefunden hatten, vom Essen, vom Wetter und von Ostern im Allgemeinen.

Kaum hatten wir Platz genommen, als auch bereits Melanie Burcks auf uns zusteuerte. In ihren Händen ein Tablett mit Brot, Wein und einem Teller mit kleinen Häppchen. Mittlerweile wusste sie, das wir meist nur Brot und einen Kelch Wein zu uns nahmen, wenn wir einkehrten. Ab und an legte sie uns noch eine Kleinigkeit dabei. Mehr als Aufmerksamkeit gedacht, als daran den Hunger zu stillen. "Willkommen und ein frohes Osterfest", begrüßte sie uns freundlich, "heute habe ich euch eine kleine Auswahl an Eierspeisen zusammengestellt." "Hallo Melanie", antwortete ich, "hat Tomás noch so viele Eier übrig?" Ich blickte vielsagend auf die anderen Tische, wo ebenfalls kleine Teller mit besagtem Inhalt standen. Sie verzog das Gesicht, während sie die Ärmel ihrer naturfarbenen Bluse zurecht zupfte. Es stand ihr ausgezeichnet zu dem dunkelbraunen, beinahe bodenlangen Rock mit der passenden Miederweste. Sie liebte mittelalterlich angehauchte Kleidungsstücke und machte daraus auch keinen Hehl. "Du kennst ihn doch", entgegnete sie sarkastisch, "er hat mal wieder zu viel eingekauft. Hier ein Gläschen Whisky mit einem Bauern und schon kam er mit einer Wagenladung Eier an. Und jetzt müssen wir zusehen, dass wir die verarbeiten, bevor sie uns unter den Händen weg faulen."

Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn, wobei sie eine Haarsträhne nach hinten schob. "Ihr könntet nachher vielleicht noch ein paar Lieder spielen", bat sie uns, "Eleanor ist nicht da und das wäre eine willkommene Abwechslung." "Gerne", erwiderte Anordil zuvorkommend, "damit zahlen wir unsere Schuld." Er deutete auf die Eierspeisen. Melanie lachte. "Solange ihr keine Lieder über Eier singt", entgegnete sie schlagfertig, "sind diese Häppchen umsonst." Damit eilte sie zu einem anderen Tisch. Ich schmunzelte. Melanie ließ sich nicht mehr von Anordil verunsichern, wie zu Anfang.

Anordil lehnte sich zurück. Ruhig lächelnd beobachtete er das Treiben im Schankraum. "Dieser Jesus Christus muss ein Zauberkundiger gewesen sein", sagte er leise auf Sindarin, "oder nicht?" "Wie kommst du darauf", fragte ich überrascht. Ich hatte alles erwartet, nur nicht, dass er urplötzlich von Jesus Christus anfing. "Die Kinder erzählten, dieser Jesus habe Kranke geheilt, wäre auf dem Wasser gewandelt und hätte Hungrige gespeist", meinte er nachdenklich, "dies sind alles Zauber, die ein Magiekundiger in Mittelerde erlernen kann. - Nimm mich oder Luvalaes. Ich kann Krankheiten und Wunden heilen. Luvalaes versteht die Wege des Wandelns. Wenn es sein muss, kann er in gleicher Weise über das Wasser schreiten. - Oder die Speisung der Hungrigen. Ein hochrangiger Magier, wie einer der Istari, wäre dazu ebenfalls in der Lage. – Sieh dich selber. Du kannst Feuer erzeugen oder Schlafzauber sprechen." Er hatte gar nicht mal Unrecht. Nirgendwo stand geschrieben, was Jesus eigentlich wirklich für ein Mensch war. Nur von seinem Wirken wurde berichtet. Konnte er vielleicht ein Zauberer aus einer anderen Welt gewesen sein? Vielleicht ein Valar aus Mittelerde?

"Ich muss dir Recht geben", antwortete ich und kicherte in mich hinein, "vielleicht war er ein Magier. Vielleicht war er aber auch nur ein gewöhnlicher Mensch mit Charisma und Überzeugungskraft. Vielleicht stammte er von der Erde. Vielleicht nicht. Kein Mensch kann dir sagen, welche Aussage davon richtig ist und welche falsch. - Möglicherweise würde man dich in der damaligen Zeit gleichermaßen für einen Gott halten. Aber heutzutage glaubt keiner mehr an Wunder."

"Na, unterhaltet ihr euch wieder in der Tolkienschen Kunstsprache?", sprach uns jemand von der Seite an. Kevin war zu uns getreten. Zwar war er ein Bewunderer Tolkiens, doch ihm fehlte die Zeit und die Geduld dazu Sindarin zu lernen. Ich würde sagen, zu unserem Glück. Er hatte seinen Becher Wein in der Hand und machte eine fragende Handbewegung.

Ich lächelte Kevin an. "Wenn wir Sindarin nicht üben, können wir es nicht sprechen", antwortete ich belustigt. Schließlich wusste er ja nicht, dass Sindarin eine lebendige Sprache war und wir sie nicht nur zur Selbstbelustigung sprachen. "Setze dich zu uns, Caoimhín", lud Anordil ihn ein. Schwerfällig, wie ich es nicht von ihm gewohnt war, nahm er Platz an unserem Tisch. Ihm musste etwas arg auf der Seele drücken. Trotz dem unterhielten wir uns eine Weile über belanglose Dinge. Schließlich lauschten wir der Musik. Einer der Dorfbewohner, der alte Seán O'Mathúna, hatte sich eine Gitarre von der Wand genommen. Seine Stimme klang rau, aber sein Lied war mitreißend mit viel Dynamik, aber auch Melancholie.

Kevin sah in seinen Becher. Er hatte ihn nahezu geleert. Mit einer Hand winkte er Melanie. Sie brachte einige Minuten später einen zweiten Becher und ebenfalls einen kleinen Teller mit Eiern. Ich zog eine Augenbraue hoch vor Überraschung. Anordil schaute mich verwundert an. Kevin trank äußerst selten mehr als einen Becher Wein. In Anordils Augen lag eine stumme Frage. Ich zuckte nur kurz mit den Schultern. Ich hatte keine Antwort.

"Es trifft sich gut, dass ich dich heute Abend hier treffe, Gearóid", sagte Kevin zögerlich, "ich habe ein Problem und keine Lösung." Anordil sah ihn fragend an. "Nun, sprich, vielleicht gibt es eine Möglichkeit", forderte er ihn auf. Kevin sah in die Ferne. Einige Sekunden verstrichen. Tief atmete er durch. Stummes Leid schwang mit. "Ihr wisst, dass meine Frau ein zweites Mal schwanger ist", hob er leise an, "meine Kollegen sagen jetzt, dass sie eine organische Krankheit hätte, die ihr Leben und das des Kindes bedrohe. Sie rieten meiner Frau zur Abtreibung. – Aber ich will vorher eine zweite Meinung und zwar von dir, Gearóid."

Anordil hatte ernst zugehört. Jeder im Dorf wusste, dass Kevins Frau erneut schwanger war und das es bei der ersten Schwangerschaft zahlreiche Komplikationen gab. Damals grenzte es beinahe an ein Wunder, dass Chrystine einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hatte. Als ihre zweite Schwangerschaft bekannt wurde, war das ganze Dorf erfreut. Jeder gönnte dem sympathischen Arzt das zweite Kind. Das war vor zwei Monaten. Chrystine war jetzt im sechsten Monat. Eine Abtreibung war jetzt nur unter schwerwiegenden Gründen möglich. Wenn Kevins Kollegen dazu rieten, musste es ernst sein.

"Ich komme morgen früh in dein Haus", antwortete Anordil, "vor der Morgendämmerung. Dann können wir es geheim halten. – Ich denke, dass ist in deinem Sinne." Kevin nickte dankbar. Erleichtert trank er den zweiten Becher aus und ging rasch davon. Anordil sah mich fragend an. "Es scheint außergewöhnlich ernst zu sein", antwortete ich auf seine stumme Frage, "sonst würde Kevin nicht fragen. Schließlich steht er deinen Heilkünsten immer noch eher skeptisch gegenüber. Obwohl sich dies in den letzten Wochen gebessert hat."

"Wenn du Recht hast", erwiderte er, "werden meine nicht magischen Heilkünste vermutlich nicht ausreichen." "Ich weiß, Anordil. Aber dies wissen wir erst morgen." Wir leerten unsere Becher und gingen in unsere Höhle. Sternenlicht schimmerte und erhellte schwach unser Lager.

Ich lag auf den Fellen und dachte an Chrystine. In gewisser Weise beneidete ich sie. Schließlich war sie in der Lage Kinder zu empfangen. Allmählich stieg in mir der Wunsch hoch, Anordil ein Kind zu schenken. Doch ich wusste, dass ich dazu nie in der Lage sein würde. Selbst wenn ich es sehnlichst wünschte. Ich musste einen Weg finden, meinen Wunsch zu bekämpfen.

Am nächsten Morgen erwachten wir vor der Morgendämmerung. Angespannt liefen wir zu Kevins Haus. Was würde uns erwarten? Es stand am Rand von Shancahir. Ein altes Fachwerkhaus, liebevoll restauriert. Wilder Wein und Efeu rankten um das Gemäuer, noch bar der Blätter. Nur kleine grüne Knospen zeigten sich. Narzissen und andere frühblühende Blumen wuchsen im Garten. Die Gemüsebeete lagen brach. Einige Obstbäume standen dort verteilt. An den Zweigen das erste zarte Grün des Frühjahrs. Beerensträucher rankten an der einen Seite der Gartenmauer entlang. Nur wenige Fenster waren erleuchtet und hüllten sich in österlichen Schmuck. Auf der anderen Seite des Hauses stand ein Anbau, der perfekt zum Haus passte, obwohl er neueren Datums war. Dort hatte Kevin seine Praxis untergebracht. Wir klopften an die Haustüre.

Sekunden später öffnete Kevin die Tür. "Guten Morgen", begrüßte er uns, "tretet ein." Hinter uns spähte er kurz nach draußen. Als er niemanden sah, schloss er die Tür. Er deutete uns in die Wohnstube zu gehen. Dort saß Chrystine. Erschöpft lehnte sie auf dem Stuhl. Ihre braunen Haare hatten den Glanz verloren und ihre rehbraunen, von dunklen Ringen umrandeten Augen sahen uns voller Unruhe an. Sie wirkte blass und teilnahmslos. Nervös strich sie mit der Hand über ihren Bauch. Von dem strahlenden Glück, welches zu Imbolc von ihr ausging, als sie die Lichter Brigids getragen hatte, war nichts mehr zu sehen. Selbst ich erkannte, dass eine schwere Krankheit sie in den Klauen hielt.

"Guten Morgen", lächelte sie uns gequält an, "ich danke euch beiden, dass ihr die Unannehmlichkeiten auf euch nehmt und zu so früher Stunde bei uns vorbei schaut." "Guten Morgen, Chrystine", erwiderte Anordil freundlich, "es bedarf keines Dankes. Wir tun es gerne." Kevin trat an Chrystines Seite. "Falls du Instrumente benötigst, Garret, dann können wir hinüber in die Praxis gehen", schlug er vor, "vom Haus kommt man ungesehen hinein."

Anordil schüttelte den Kopf. "Danke, Kevin, aber vorerst benötige ich keine Instrumente", lehnte er ab, bevor er sich Chrystine zuwandte, "Chrystine, ich möchte dich bitten, dich hin zu legen und den Bauch zu entblößen, damit ich diesen betasten kann." Chrystine ging langsam zur Couch hinüber und legte sich leise stöhnend hin. Sie musste Schmerzen haben. Jede ihrer Bewegungen strahlte Schmerz aus. Behutsam tastete Anordil über ihren gespannten Bauch. Er stellte ihr Fragen zu ihrem Zustand. Wo sie die Schmerzen verspürte und wie sie auftraten. Wie sie sich fühlte. Ob ihr übel wäre und ob sie Wehenschmerz fühlen würde.

Ich spürte einen sanften Strom magischer Energie. Stark genug um ein leichtes Kribbeln auf meiner Haut auszulösen. Viele Minuten verstrichen. Kevin trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Schließlich wandte sich Anordil ihm zu. "Leber und Nieren sind geschwollen und erkrankt", sagte er leise, "sie versagen bald den Dienst. Doch noch funktionieren sie. Allmählich vergiften sie Chrystines Körper und damit den Körper des Kindes. Magen und Darm beginnen sich zu entzünden. Die Lunge ist frei. Das Herz arbeitet schwer. Chrystine verspürt Wehen in langen Abständen. Das ist nicht gut. Das Kind wird allmählich im Körper sterben. Die Wehen zeigen an, dass es entfliehen will. – Deine Kollegen haben leider Recht." Entsetzt und traurig sah Kevin uns an. Langsam sank er auf einen Stuhl.

"Folglich müssen wir das Kind abtreiben, um Chrystine zu retten", sagte er leise mit einer hohl klingenden Stimme. Alle Freude war aus ihr gewichen. Chrystine sah entsetzt aus. In ihren Augen standen Tränen. Sie wusste, dass sie danach nicht mehr schwanger werden konnte. Man hatte ihr gesagt, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie erneut schwanger geworden war. Anordil sah mich an. Mitgefühl las ich in seinen Augen. Ich kannte seine Entscheidung, bevor er sie aussprach.

"Cuilanon den - ich kann sie heilen", wisperte er auf Sindarin, "na 'ûl nin - mit meiner Magie." "Es ist das einzige, was möglich ist", erwiderte ich ebenfalls leise, "Kevin esteliatha gen. - Útho han. - Kevin wird dir vertrauen müssen. - Versuche es." Unterdessen hatte Kevin Chrystine in den Arm genommen. Sie weinte jetzt stumm. Er hatte unsere Unterhaltung nicht mitbekommen. Anordil trat jetzt auf ihn zu und legte seine Hand auf Kevins Schulter.

"Es gibt eine Möglichkeit, beide zu retten", sagte er leise und sah ihn eindringlich an, "doch du wirst mir vertrauen müssen. Selbst wenn das, was ich in deinen Augen tue, verwirrend und nutzlos erscheint." Ich wusste um die Wirkung von Anordils strahlendblauen Augen. Kevin blickte mit tränennassen Augen zu ihm hoch. Der Arzt war von ihm gewichen. Zurück blieb ein Mann, der um das Wohl seiner Lieben bangte. "Wenn es wirklich eine Möglichkeit gibt, so tue, was getan werden muss. Ich kann mit all meinem Wissen nichts tun. Die Schulmedizin ist mit ihrem Latein am Ende angelangt", antwortete er mit gebrochener Stimme, "ich vertraue dir das Leben meiner Frau und meines Ungeborenen an." Anordil wandte sich mir zu. "Pado a doltho lhogel nîn - geh und hole meinen Beutel", wies er mich an, "istach bai - du weißt welchen."

Rasch ging ich aus dem Haus und zu unserer Höhle. Es dauerte nicht lange, bis ich zurückkehrte. Anordil hatte in der Zwischenzeit aus der Heilerstube ein paar Dinge geholt. Diese breitete er jetzt auf dem Tisch aus. Er wies mich an einen Becher Wein zu erhitzen. Dort hinein gab er verschiedene Kräuter und Pülverchen. Kevin und Chrystine nahmen diese Vorbereitungen nur am Rande wahr. Sie waren damit beschäftigt sich Mut zu zusprechen. Von ihrem ersten Kind, dem kleinen William hörte ich nichts. Vermutlich hatten sie ihn für ein paar Tage zu Kevins Eltern gegeben.

Kevin schaute verwundert auf den Wein. "Wein?", fragte er, "warum Wein? Ist Alkohol nicht schädlich?" "Sie wird es nachher trinken", erklärte Anordil, "es ist zur Stärkung und für den Schlaf. Im Wein lösen sich die Kräuter besser und entfalten eine größere Wirkung. Es wird ihnen nicht schaden. Du kannst unbesorgt sein. Chrystines Behandlung ist kräftezehrend. Der Wein sorgt dafür, dass sie schneller Ruhe findet." "Es ist mir gleich, was ich tun oder schlucken muss, um mein Kind zu retten", warf Chrystine ein, "ganz egal, was es ist. – Ich werde es annehmen." Aus ihr sprach Entschlossenheit und Mut. Wenn es sein musste, würde sie wie eine Löwin für ihr Ungeborenes kämpfen. Nichts unversucht lassen und sei es noch so absurd.

Ich blickte fragend zu Anordil hinüber. "Ich werde einige Zauber anwenden müssen", sagte er auf Sindarin, "als erstes muss ich die Krankheit aufhalten, danach erst kann ich sie auf den Pfad der Heilung bringen. Als nächstes muss das Gift gebannt werden und die Organe geheilt." Seine Worte lösten ein wenig Beklommenheit in mir aus. War er sich bewusst über die Konsequenzen seines Handelns? Ein Blick in seine Augen sagte mir die Wahrheit. Trotz dem musste ich es in Frage stellen. "Dafür musst du die Illusion aufgeben", entgegnete ich, "sie werden dich als Elb erkennen." Gelassen nickte er mich lächelnd an. Er hatte seine Wahl getroffen. Schon bereits, als er mich wegschickte, seine Kräutertasche zu holen.

Konzentriert trat er auf Chrystine zu und sprach bestimmend einen der Zaubersprüche. Augenblicklich fiel sie in tiefen Schlaf. Kevin blickte überrascht zu Anordil. Er hatte die Macht der Worte gespürt. In diesem Augenblick erlosch die Illusion der menschlichen Ohren und sie nahmen ihre elbische Form an. Auf Anordils Gesicht wurde jetzt ebenfalls der Glanz wahrnehmbar, welcher auf jedem elbischen Antlitz ruhte. Mit weiten Augen sah Kevin der Verwandlung zu. Ihm versagten die Knie. Tastend suchte er nach Halt und fiel um ein Haar auf einen Stuhl.

"Wer bist du?" Kevins Stimme klang von Entsetzen kratzig. "Oder eher gesagt, was bist du?" Anordil lächelte ihn freundlich an. "Du brauchst keine Angst um dich oder deine Familie zu haben", erwiderte er sanft, "ich werde euch helfen. – Patrick würde wohl sagen, ich gehöre zum Alten Volk." Irritiert sah Kevin ihn an. "Das Alte Volk - die Legenden", wisperte er verstört. Seine Augen irrten umher. Suchten Halt an etwas Vertrautem, was er nicht fand. Aus seinem Gesicht war jegliche Farbe gewichen. "- Elben und Gnome besiedelten einst Irland", Kevins Stimme war nur mehr ein Hauch, "– du bist ein Elb?"

Anordil nickte nur schweigend und wandte sich Chrystine zu. Friedlich und entspannt lag sie da. Er nahm einen Flakon aus seinem Beutel und benetzte seine Fingerspitzen mit der grünlichklaren Flüssigkeit. Danach sprach er Worte in der Zaubersprache und zeichnete damit Symbole auf Chrystines Körper. Nach einigen Minuten nahm er einen weiteren Flakon. Mit dem grellgrünlich schimmernden Öl fuhr er die Symbole nach.

Erstaunt sah ich, wie das Öl augenblicklich in die Haut eindrang und verschwand. Anordil verstaute die beiden Flakons und nahm einen dritten in die Hand. Ein rötlich schimmerndes, schwerfließendes Öl war darin. Er benetzte eine Fingerspitze damit und tupfte es Chrystine auf die Stirn, den Mund, den Bauch und den Puls an beiden Armen. Dieses verschwand, sobald es die Haut berührt hatte.

Eindringlich klangen die Worte, die Anordil sprach. Ich spürte die ganze Zeit bereits die magische Energie wie ein elektrisches Feld um uns herum. Ein sanftes Glühen ging davon aus. Es konzentrierte sich auf Anordils Finger und ging auf Chrystine über. Schließlich nahm Anordil nacheinander zwei verschiedene Pasten und strich sie auf Chrystines Bauch. Die Symbole, die er zeichnete, leuchteten ein wenig aus sich heraus. Während er den Zauberspruch sprach, glommen die Pasten immer intensiver, um am Ende zu verschwinden.

Erst danach wandte er sich uns wieder zu. In seinen Zügen spiegelte sich die Anstrengung wider. Dafür kehrte in Chrystines Gesicht allmählich wieder ein wenig Farbe ein. Ruhig und tief atmete sie. Kevin hatte die ganze Zeit stumm dagesessen. Er wirkte verunsichert. Offensichtlich wusste er nicht, ob er glauben sollte, was er vor sich sah. Anordil bedeckte Chrystines Bauch und hob sie mit Leichtigkeit hoch. Als Elb war er stärker als ein Mensch, auch wenn Elben nicht danach aussehen.

"Zeige mir die Schlafstatt", wies er Kevin an. Wie in Trance erhob dieser sich und ging voraus. Stumm öffnete er eine Tür. Ich huschte an Anordil vorbei und schlug die Bettdecke zurück. Vorsichtig bettete er Chrystine in die weichen Kissen. "Hole den Becher mit Wein", befahl er mir. Wortlos gehorchte ich. Danach sprach er befehlend einige Worte in der Zaubersprache. Augenblicklich erwachte Chrystine wieder.

"Ich fühle mich benommen", flüsterte sie. Anordil reichte ihr den Becher. "Trinke dies", wies er sie an, "du wirst schlafen und wenn du aufwachst, wirst du dich besser fühlen." Gehorsam nahm sie den Becher und trank diesen in einem Zug leer. Sekunden später war sie eingeschlafen.

Geräuschlos verließen wir das Schlafzimmer. Kevin war bereits in die Wohnstube vorausgegangen. Dort hatte er einen Schrank geöffnet und goss sich ein Glas Whisky ein. Ein guter irischer, wie man riechen konnte. Diesen leerte er in einem Zug, bevor er sich das Glas erneut füllte.

"Ich bin mir nicht sicher", sagte er mit kratziger Stimme, "ob ich glauben kann, was ich die letzte halbe Stunde gesehen habe. – Es kommt mir vor wie in einem Traum." Seine Augen wanderten zwischen uns hin und her. Wir hatten sein Universum erschütterte und er suchte nach einem Anker, an dem er sich festhalten konnte. "Du wirst mir vertrauen müssen. Für die Zukunft bleiben dir zwei Möglichkeiten", sprach Anordil sanft, "ich könnte dir deine Erinnerung an die letzte halbe Stunde nehmen, oder du akzeptierst, was du gesehen hast und schweigst darüber. - Vielleicht erzähle ich dir dann von Mittelerde." Kevin starrte ihn entgeistert an.

"Mittelerde?", flüsterte er fragend und lachte letztendlich ungläubig auf, "Tolkiens Welt? Das kann nicht sein! - Es ist verrückt. – Noch vor kurzem war ich mit Chrystine im Kino und wir haben die Filme gesehen über Tolkiens Ringsaga. – Und jetzt sitze ich in meinem Haus und höre einem Elben zu, der aus Mittelerde stammt. – Ich glaub, ich spinne. – Ich träume. – Ich werde verrückt!" Fahrig fuhr er mit dem Hand durch seine Haare. Kopfschüttelnd starrte er in sein Glas.

Ich trat auf ihn zu und legte meine Hand auf seinen Arm. "Du wirst nicht verrückt", sagte ich leise, "auch mir fiel es schwer, dies zu akzeptieren. Doch Mittelerde existiert! - Dort wurde mein Leben gerettet. Dort liegt mein Schicksal. – Ich bin Arwen Ceridwen McGregor. Vor fünf Jahren wurde meine Familie hier in der Nähe ermordet." Langsam löste sich seine Starre. Er sah mir in die Augen. Erkennen flackerte in ihnen auf.

"Ich erinnere mich", flüsterte er leise, "es gab einen gewaltigen Aufruhr damals. Kurz nach dem wir hierher gezogen waren. An Samhuin hatten wir die McGregors kennen gelernt. Die Ereignisse waren für Monate DAS Gesprächsthema hier in der Gegend. Egal wo man hinkam. Jeder Bauer und jeder Handwerker hatte seine eigene Theorie über den merkwürdigen Tod der McGregors. – Ich weiß es noch genau. Ich war auf dem Notarztwagen, der gerufen wurde." Sein Blick verschleierte sich. "Sean, Mairie und Ewan McGregor starben wie bei einer Hinrichtung am Abend des Imbolc", sagte er verhalten, "die Szenerie war grauenhaft, die sich uns geboten hatte. Diese Bilder werde ich nie vergessen. Die Tochter Arwen wurde nie gefunden und nach relativ kurzer Zeit für tot erklärt. Hier im Dorf munkelte man, dass die römische Kirche etwas mit dem Tod zutun haben solle." Er machte eine kurze Pause. "Ich erinnere mich, dass auf den celtic-weeks, die im Jahr des Mordes stattfanden, eine Hochzeit gefeiert wurde. Dabei hatte ich geglaubt, Arwen zu erkennen, aber ich dachte, ich würde mich irren, da sie ja für tot gehalten wurde. Außerdem hatte ich sie zuvor nur einige Male gesehen." Auch ich erinnerte mich. Am Samhuin-Fest vor der Ermordung meiner Familie hatten wir den Arzt und seine damals hochschwangere Frau kennen gelernt. Kurz vor Weihnachten brachte sie dann unter dramatischen Umständen ein gesundes Kind zur Welt. "Du irrst dich nicht", erwiderte ich, "auch wenn ich mich nun Anna O'Neill nenne. - Ich war es, die den Bund geschlossen hat."

"Wir werden jetzt gehen", mahnte Anordil, "wenn deine Frau aufwacht, gebe ihr leichte Kost zu essen. Nichts Gebratenes, Fettes oder zu Süßes.– Lasse sie morgen von deinen Kollegen erneut untersuchen. Die Krankheit dürfte gebannt sein. Chrystine wird sich geschwächt fühlen. Dies ist normal. Ihr Körper benötigt einige Zeit um die Folgen der Krankheit zu überwinden. Es wird daher einige Tage dauern, bis sie wieder vollkommen bei Kräften sein wird. – Und bis morgen Abend musst du eine Entscheidung treffen. - Falls du mehr über Mittelerde hören willst und du ein Geheimnis mit tragen möchtest, so komme zu unserer Höhle. Solltest du nichts davon wissen wollen, werde ich in der darauffolgenden Nacht in deinem Haus erscheinen und dir die Erinnerung an das, was geschah nehmen." Kevin nickte gedankenverloren.

"Ich danke Euch für alles, was Ihr getan habt", flüsterte er und ging zu seiner Frau. Anordil und ich verließen das Haus. Er sah erschöpft aus. Seine Schritte waren unsicher. Er taumelte leicht. So entkräftet hatte ich ihn noch nie erlebt. "Ich muss mich jetzt ausruhen", flüsterte er mir zu, "diese Sprüche sind äußerst anstrengend. – Mallenloth hat da wesentlich mehr Talent und Ausdauer." Schweigend brachten wir die Tiegel zurück in die Heilerstube. Danach begaben wir uns zu unserer Höhle. Heute würden wir uns nicht im Museumsdorf blicken lassen.

Den nächsten Tag verbrachten wir ebenfalls im Wald. Wir wollten Kevin Zeit lassen, eine Entscheidung zu treffen. Es wäre nicht gut, wenn wir ihm dabei über den Weg laufen würden. Anordil hatte sich von den Strapazen erholt. Gegen Mittag ging ich rasch ins Dorf. Dort kaufte ich nur ein bisschen Gemüse und Brot. Ohne jemand bekanntem zu begegnen, schlug ich kurze Zeit später den Weg zu unserer Höhle ein. Dort erwartete mich bereits Anordil.

Er lächelte mich an, während er eine seltsame Waffe in Händen hielt. Lang und schlank wie ein Speer oder eher wie eine Lanze. Das vordere Drittel mündete in einer schmalen leicht gebogenen Klinge. "Man hen? – Was ist das?", fragte ich verwundert. "Eine Elbenlanze", antwortete Anordil, "ich habe sie vom Schmied anfertigen lassen. Daher ist sie eher schlicht, aber sie wird ihren Zweck erfüllen." "Und welcher sollte das sein?", fragte ich wiederum. "Du sollst dich mit der Handhabung vertraut machen", erwiderte er, "in Mittelerde war bisher keine Zeit dazu. Doch hier haben wir eine Menge davon. Diese sollten wir nutzen. Luvalaes hat dich an den Schwertern ausgebildet, Thinroval im Nahkampf und ich im Bogenschießen. Was ich über den Gebrauch der Lanze weiß, werde ich dir beibringen. Thinroval wird dann den Rest übernehmen, wenn wir nach Cillien zurückkehren."

Auffordernd wies er mit der Lanze auf die kleine Lichtung vor unserer Höhle. Nun denn, seufzte ich in Gedanken, auf zu neuen Taten. Ich legte meine Einkäufe ab und bereitete mich seelisch und moralisch auf eine harte Lektion vor. Womit ich auch Recht behielt. Diese Lanze war teuflisch schwierig zu gebrauchen. Ich war nur froh, dass Anordil sie noch nicht hatte schleifen lassen. Selbst mit der stumpfen Klinge hinterließ sie unangenehme blaue Flecken. Als Anordil endlich die Lektionen beendete, atmete ich erleichtert auf. Nur erwies er sich heute als unerbittlich. Kaum hatte ich die Lanze hingelegt, da wies er stumm auf die Bögen. Ruhepause dahin, dachte ich. Ergeben schnallte ich den Köcher um und spannte die Sehne auf den Bogen, bevor ich Anordil in den Wald folgte.

Auf was wir Jagd machten, war mir schleierhaft. Aber mir knurrte der Magen. Egal, was mir vor die Pfeilspitze kam, es würde im Kochtopf oder über dem Feuer landen. Nach einiger Zeit wies Anordil mich an, ruhig zu verharren. Wenn wir im Wald unterwegs waren, verwendete er häufig die Kriegshandsprache der Elben. Schließlich durfte ich diese nicht vergessen. Ich wartete gespannt und sah auf seine Hände. Einige Sekunden später formte er dann auch das Zeichen für "Pfeile einlegen".

Geräuschlos legte ich einen meiner Pfeile ein. Locker hielt ich den Bogen. Da ich noch kein Ziel sah, wäre es unsinnig diesen bereits zu spannen. Dann hörte ich ein leises Grunzen, gefolgt von einem hellen Quieken. Das Laub raschelte. Die Geräusche kamen näher. Schließlich sah ich Bewegung im Unterholz unweit unserer Position. Langsam spannte ich den Bogen. Die Pfeilspitze folgte der Bewegung. Mein Herz klopfte. Ich konnte es in mir hören. Endlich erkannte ich ein Ziel.

Eine Wildsau mit mehreren Ferkeln kam ins Blickfeld. Ein Glücksfall, denn die Borstentiere waren rar. Meist mussten wir uns mit Enten, Kaninchen, Hasen und dergleichen begnügen. Anordil gab mir die Anweisung für den ersten Schuss. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass er ebenfalls den Bogen spannte für den Fall, dass ich daneben schoss. Ruhig visierte ich die Ferkel eines nach dem anderen an. Eines davon hinkte leicht. Dieses wählte ich aus. Bedächtig zog ich die Sehne bis zum Anschlag. Dann schnellte der Pfeil davon. Einen Atemzug später ragte er aus dem Ferkel heraus, welches wie vom Blitz getroffen zusammenbrach. Die Wildsau geriet in Panik und scheuchte die übrigen Ferkel vor sich her zurück ins Unterholz.

"Gut getroffen", kommentierte Anordil leise, "und eine gute Wahl. Ich hätte das gleiche Ferkel ausgewählt. Die anderen waren stark und gesund." Leichtfüßig näherte er sich dem toten Tier. Mit einem Ruck zog er den Pfeil heraus. Er wischte ihn mit Laub sauber und reichte ihn mir. Prüfend untersuchte ich die Spitze. Nichts war abgesplittert. Die Befestigung hielt und der Schaft war gerade geblieben. Erst dann steckte ich ihn wieder in den Köcher. "Wir werden es hier auswaiden", sagte Anordil und zog seinen Dolch. Mit der scharfen Klinge öffnete er den Leib des Ferkels. Ich hob eine flache Grube aus. Dort hinein warf er die unbrauchbaren Teile der Innereien. Sorgfältig ließ er das Tier ausbluten. Das Fell würden wir erst im Lager abziehen. Der Gerber aus dem Dorf freute sich über die Felle, die wir ihm brachten. Sei es Kaninchen, Hase oder ab und an ein anderes Getier.

Es dämmerte bereits, als wir das Lager betraten. Rasch entzündete ich ein Feuer, während Anordil das Ferkel ausbrach. Mit frischem Brot und Gemüse, was ich im Dorf gekauft hatte, würde es wunderbar schmecken. Das Gemüse schmorten wir in einer kleinen Pfanne, während das kleine Wildschwein über dem Feuer röstete. Bald verströmte es einen verlockenden Duft. Die Nacht senkte sich herab, als Anordil plötzlich aufblickte. "Es kommt jemand", sagte er, "es ist Kevin. – Und er ist allein."

Minuten später hörte ich Geräusche und ein leises Fluchen. Anordil lächelte vergnügt. "Er scheint es nicht gewohnt zu sein, durch den Wald zu gehen." Wie auch, dachte ich bei mir, Kevin ist ein Stadtmensch, wie ich es war, bevor ich Anordil traf. Wieder vergingen einige Minuten, bevor Kevin stolpernd aus dem Gebüsch trat.

"Es ist gar nicht einfach, euch zu finden", murmelte er entschuldigend. Anordil machte eine einladende Bewegung. "Tritt näher an unser Feuer und teile unser bescheidenes Mahl mit uns", lud er ihn ein. Leicht unbeholfen ließ Kevin sich nieder.

"Ich danke Euch für das, was Ihr für meine Frau getan habt", sagte er unvermittelt, "heute morgen bin ich mit ihr in Dublin gewesen. Meine Kollegen waren verblüfft. Keine einzige Untersuchung ergab ein krankes Bild. Meine Frau ist kerngesund und dem Kind geht es gut. Sie fühlt sich nur erschöpft und schwach. Meine Kollegen stehen vor einem Rätsel. Sie gingen jede Untersuchung dreimal durch, um sicher zu sein, aber es ist alles in Ordnung."

Anordil nickte zufrieden. "Es freut mich, dass meine Arbeit nicht umsonst war", sagte er schlicht, "gib Chrystine von diesem Pulver. Ein Messlöffel auf einen Becher heißen Weines." Er reichte Kevin ein kleines Beutelchen, das neben ihm lag. "Du wusstest, dass ich kommen würde?", fragte dieser ihn verblüfft. "Ja", lächelte Anordil ihn an, "du bist neugierig, wie ich. Nichts hätte dich davon abgehalten." Kevin lächelte ein wenig unsicher. "So verschieden wir sind", sagte er leise, "scheint mir doch eine Art Gemeinsamkeit vorhanden zu sein." Ich schmunzelte. "Zumindest seit ihr euch beide in einigen Wesenszügen sehr ähnlich", warf ich ein, während ich von dem Ferkel Stücke abschnitt und das Essen verteilte. Schweigend nahm Kevin seine Portion. Während des Mahles sprachen wir über belanglose Dinge. Höfliche Konversation, wie sie überall und zu jeder Zeit an den Tischen betrieben wurde. Dies gab Kevin die Gelegenheit Ruhe zu finden. Ich spürte, dass er aufgeregt war. Anordil musste es ebenfalls bemerkt haben. Nach dem Mahl reichte ich Kevin einen Becher Wein. Dankend nahm er diesen an.

"Und jetzt erzählt mir, wie versprochen, von Mittelerde", forderte er neugierig auf, "ich bin wahnsinnig neugierig. Ich habe zwar den ‚Herrn der Ringe' gelesen und die Filme gesehen, aber es nie für möglich gehalten." Ich lachte leise. "Nicht nur du, Kevin", sagte ich, "ich hatte gleichermaßen meine Probleme damit. – Am besten erzähle ich ein wenig von meiner Geschichte, bevor Anordil – denn dies ist Garrets richtiger Name – von Mittelerde erzählt."

Und ich erzählte von der Nacht des Mordes an meiner Familie, wie ich in den Wald floh und durch Zufall den Weg nach Mittelerde fand. Ich erzählte, wie Anordil mir das Leben rettete und ich allmählich ein Teil Mittelerdes wurde. Allerdings verschwieg ich den Grund für den Mord an meiner Familie. Kevin musste dies nicht wissen. Es war bereits so schwierig genug für ihn, dies alles zu begreifen und zu akzeptieren. Danach erzählte Anordil von Mittelerde. Von den Völkern, von den Kriegen, von der Zeit des Friedens und von seinen Wanderungen. Mit leuchtenden, verzauberten Augen folgte Kevin jedem seiner Worte.

Die Nacht wurde letztendlich sehr lang. Mitternacht war längst vorüber, als Kevin einfiel, dass er nach Hause musste. "Ich werde dich geleiten", sagte Anordil, "der Weg ist dunkel und Menschen ist die Nachtsicht nicht gegeben." Erleichtert sah Kevin ihn an. "Das ist wahr", erwiderte er, "es wäre nicht gut, wenn ich mir die Beine oder was anderes brechen würde."

In den darauffolgenden Wochen wurde die Freundschaft zwischen Anordil und Kevin tiefer. Sie verstanden sich gut. Sie waren übereingekommen, dass Chrystine nie erfahren würde, was an jenem Morgen geschehen war. Sie sollte sich darüber freuen, dass es ihrem Kind gut ginge. Und wie es aussah, würde der Rest dieser Schwangerschaft ohne weitere Komplikationen verlaufen. Chrystine entwickelte sich zu einer strahlenden Frau in guter Hoffnung. Allerdings behielten wir sie im Auge. Man konnte nie wissen.

Ab und zu trafen wir uns mit Pater Michael. Er öffnete uns seine kleine Bibliothek im Pfarrhaus. Dort erlangten wir Einblicke in die Kirchengeschichte und wie die Hierarchie in der Kirche funktionierte. Viele Stunden verbrachten wir bei den Büchern. Pater Michael versorgte uns dabei mit dem neuesten Kirchenklatsch und Gerüchten.

Seine Blumenfeen hatten sich zwischenzeitlich an die Anwesenheit Anordils gewöhnt. Er war ihnen nicht ganz geheuer, weil er einer der großen Elben war, aber sie akzeptierten ihn. Sie hinderten ihn nicht daran ihren Garten zu betreten. Im Gegenteil. Mitunter schien es, sie würden ihn mit einer Mischung aus Respekt und Anbetung begegnen.

Das Frühjahr ging vorbei und wir hatten weiterhin keinen Hinweis auf die Enträtselung des Torsteines. Professor Lajinski kam ebenfalls nicht recht weiter. Aber es waren schließlich noch einige Monate bis zum nächsten Imbolc.

Doch jetzt stand zuerst Beltaine vor der Tür. Belenus war der Schutzgott dieses keltischen Festes der Fruchtbarkeit. Sein Symbol war die Sonne. Gefeiert wurde in der Nacht zum ersten Mai und in der Nacht davor. Als die Feierlichkeiten näher rückten, fiel mir das Sonnensymbol wieder in die Finger, das Pater Michael mir vor einiger Zeit zugesteckt hatte. Ich drehte es in den Händen hin und her. Es glänzte matt im Schein des Feuers.

"Was ist mit dir?", fragte Anordil leise, "du bist viel zu ruhig." Ich schwieg noch ein paar Sekunden, bevor ich antwortete. "Pater Michael gab mir dieses in dem Jahr, als ich alleine war. Er meinte, ich wüsste zu wem ich meine Gebete richten müsste." Anordil nahm mir das Sonnenrad aus der Hand. Er betrachtete es aufmerksam. "Es ist in eurem Glauben das Symbol der Sonne", sagte er, "ich glaube Belenus ist der Gott, dem dieses Symbol zugeordnet wird. Ist er nicht derjenige dem Beltaine geweiht ist?" Ich nickte zustimmend. "Und hast du ein Ritual zu Belenus Ehren abgehalten", fragte er mich leise und drehte das Sonnenrad in den Händen.

Ich schüttelte den Kopf. "Law - nein", antwortete ich in Gedanken, "schließlich hat Brigid mir den Weg nach Mittelerde gewiesen." Aber ich war mir nicht mehr sicher, dachte ich bei mir. "Pam mathach dalt gen? - Warum fühlst du dich unsicher?", fragte Anordil. Es überrascht mich nicht mehr. Ich war mittlerweile überzeugt davon, dass er meine Gedanken las. Aber er verneinte es stets. Nachdenklich sah ich ihn an.

"Damals, auf der Flucht", flüsterte ich, "war ich verzweifelt. – Ich rief Belenus, Lugh und Brigid in ihrer Dreigestalt an. – Bisher nahm ich an, dass mir Brigid half und sie es war, die mir das Tor nach Mittelerde öffnete. Doch als ich mit dir und Luvalaes zusammen den Weg zurück finden wollte, verwehrte sie ihn mir. Wir mussten einen Torstein suchen. - Als Hilfsmittel, um das Tor zu öffnen. Jetzt ist uns der Weg wiederum versperrt, bis wir einen weiteren Stein entschlüsselt haben ..."

Grüblerisch blickte ich ins Feuer. Hell flackerte es auf. Es knisterte und spendete Wärme. Anordil sah mich auffordernd an. Seine strahlendblauen Augen blickten in meine Seele. Schauer liefen mir über den Rücken. "Nun bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich Brigid war, die mir das Tor nach Mittelerde öffnete, Anordil. – Am Lugnasadh im letzten Sonnenlauf führte ich ein Ritual durch. Zu meiner Überraschung antwortete mir Lugh. – Sie würden mich beschützen, aber den Weg müsste ich selber finden, sagte er mir. – Belenus ist der einzige, zu dem ich bisher nicht gebetet habe." "Folglich wirst du ein Ritual zu seinen Ehren durchführen", riet mir Anordil. "Beltaine ist nicht mehr weit", warf ich ein, "ich werde ein Opfer für ihn bringen. Vielleicht ist er mir wohl gesonnen und gibt mir eine Antwort." Anordil lächelte mich an. "Nun, anor nîn, bis dahin ist noch Zeit."

Sanft nahm er mich in den Arm und hauchte einen Kuss auf meine Stirn. Sein Duft war beruhigend. Ich kuschelte mich an ihn. Er hielt mich fest und gab mir Halt. Meine Gedanken schweiften weiter in die Vergangenheit. Ich erinnerte mich an mein erstes Beltaine. Meine Mutter hatte mich darauf vorbereitet. In den Wochen vorher hatte sie mir die Rituale erläutert und die Gebete gelehrt. Sie hatte mir gezeigt, was geopfert werden musste und in welcher Reihenfolge. Heute wusste ich, dass sie wohl insgeheim gehofft hatte, ich würde ihrem Weg folgen und Priesterin werden.

Doch das Schicksal wies mir einen anderen. Jetzt war ich Kriegerin und auf dem besten Weg die Kunst der Zauberei zu erlernen. Anordil brachte mir vieles bei. Es hatte sich erwiesen, dass ich für die Wege des Feuers empfänglich war. Komplizierte Illusionen, wie Anordil sie beherrschte, würde ich nie zaubern können, aber die kleineren Zauber wie Schlaf oder einfache Illusionen konnte ich wohl wirken. Jedoch die Feuerzauber fielen mir leicht, sogar die komplizierteren. Für einige fehlten mir zwar die notwendigen Energien, doch mit der Zeit würde ich diese wirken können.

Für Beltaine erinnerte ich mich an eines der alten Rituale, die meine Mutter mich gelehrt hatte. Ich würde es an unserem Feuer ausführen können, wenn die Sterne günstig standen. Vielleicht sogar an der Kultstätte. Wenn diese verlassen lag, konnte ich es wagen.

In der ersten Nacht gingen wir gemeinsam zu den Feuern. Patrick führte an der Belenus-Kultstätte den Ritus durch. Überall in der Region wurden Feuer entfacht. Traditionell wurde eine Jagd abgehalten. Trommeln dröhnten durch die Nacht. Gejagt wurde Cernunnos, der Herr des Waldes, in seiner Inkarnation als Hirsch. Es war Brauch, ihn in der ersten Nacht entkommen zu lassen. Die Trommeln und das gereichte Getränk versetzten einen in eine Art Rauschzustand. Anordil nippte nur kurz an dem Kelch, als dieser gereicht wurde. Nur die Erwachsenen tranken davon.

Fiona stand daneben. "In zwei Jahren darfst du ebenfalls kosten", wisperte ich ihr zu, "aber du wirst dir zu jenem Zeitpunkt klar darüber sein müssen, was du in der Beltaine-Nacht willst. Dieser Trank kann Traum oder Albtraum sein." Sie nickte verstehend. "Wie ich dir bereits sagte, Tante Anna", flüsterte sie, "ich werde ihn nicht zu mir nehmen. Vielleicht in einigen Jahren, doch ich fürchte mich zu sehr vor der Wirkung und vor dem was ich sehen könnte."

In meiner ersten Beltaine-Nacht hatte ich ähnliche Befürchtungen gehegt. Ich hatte damals ebenfalls den Trank abgelehnt. Nun spürte ich, wie er sich in meinem Inneren ausbreitete. Wie Feuer brannte es in meinen Adern. Lauter und immer lauter dröhnten die Trommeln in meinen Ohren. Ich sah die Flammen der Feuer und hörte die Worte des Opferrituals. Überdeutlich spürte ich Anordils Aura. Es war, als ob dieser Trank meine Wahrnehmung extrem geweitet hätte.

Die Feiernden tanzten um die Feuer. Ausgelassene Stimmung herrschte um uns herum. Ich sah das Hirschgeweih, das Cernunnos symbolisierte in der Dunkelheit verschwinden. Die Feuer warfen tanzende Schatten. Anordil sah mich besorgt an. Dankbar ergriff ich seine dargereichte Hand. Er lachte mich an und zog mich in den Trubel. Ausgelassen wie nie tanzte ich mit ihm um die Feuer. Ich spürte die Wärme der Glut und den versengenden Kuss der tanzenden Flammen.

Weit nach Mitternacht rannten wir ausgelassen durch den Wald auf unsere Höhle zu. Der Trank hatte mich aufgeputscht. Ich hatte das Gefühl, dass meine Haut brannte. Feuer rann durch meine Adern. Die Umarmung Anordils war wie ein kühlendes Wasser. Wir liebten uns, als würde es kein Morgen geben. Jede seiner Berührungen, jeder Kuss war wie ein versengendes Feuer. Nur allmählich ließ die Hitze in mir nach. Langsam kam ich wieder zu Atem. Erschöpft fiel ich in Schlaf.

Als ich erwachte, blinzelte ich in die aufgehende Sonne. "Suilad anech, anor nîn", wisperte mir Anordil ins Ohr und gab mir einen zärtlichen Kuss in den Nacken. Immer noch erschöpft drehte ich mich zu ihm. "Es sind Drogen in dem Trank?", fragte ich ihn. Er nickte mir lächelnd zu. "Man konnte es riechen", bestätigte er, "eure Druiden verstehen einen äußerst wirkungsvollen bewusstseinserweiternden Trank zu brauen. Ich nahm nur einen kleinen Schluck und war berauscht. – Dieser wirkt sogar auf uns Elben." "So bin ich beruhigt, Anordil. Ich dachte bereits, ich würde mir alles nur einbilden."

Der Tag verlief ereignislos. In Shancahir selber war es ausgesprochen ruhig. Niemand ließ sich auf den Straßen blicken. Jedermann war erschöpft von den Feiern der Nacht. Erst gegen Abend regte sich wieder Leben. Im Schein der untergehenden Sonne wurden die Opferfeuer an der Belenus-Kultstätte entzündet. Heute wurden die meisten Opfer gebracht. Und in dieser Nacht würde ich versuchen Belenus zu rufen. Wie in der vergangenen Nacht kreiste ein Kelch. Die Flüssigkeit schmeckte ein wenig anders als gestern. Doch ich spürte Minuten später eine ähnliche Wirkung wie in der Nacht zuvor. Die Feuer loderten hoch und heiß. Die Trommeln dröhnten durch die Dunkelheit. Mein Puls nahm ihren Rhythmus auf. Laut hörte ich diesen in meinem Kopf.

Kurz vor Mitternacht lösten wir uns von den Feuern. Wir sahen Cernunnos Hörner in der Dunkelheit blitzen. Erleuchtet von den Beltaine-Feuern. Eine Priesterin der Großen Mutter hatte ihn besiegt. Sie würden sich in dieser Nacht vereinen. Schließlich war Beltaine zugleich das Fest der Fruchtbarkeit. Doch wir hatten einen anderen Weg.

Erhitzt von dem Trank und begleitet vom dumpfen Dröhnen der Trommeln rannten wir zur Belenus-Kultstätte. Einsam und verlassen lag sie da. Es loderten die Feuer und die Flammen verzehrten die Opfergaben. Ich erinnerte mich an den alten Ritus von Belenus. Auf den Opferstein legte ich ein kleines Brot in Form eines Sonnenrades. Darauf würde ich später im Ritual mein Blut opfern.

Anordil stand am Rand der Lichtung. Er wachte darüber, dass niemand mich störte. Um Mitternacht spürte ich, wie die Magie dieser Nacht ihren Höhepunkt erreichte. Ich sammelte mich. "Belenus, großer Herr der Sonne", sprach ich mit gefasster Stimme, "ich erflehe Eure Gnade. Herr über das Licht, erleuchtet meinen Weg. Herr über das Leben, in Eure Hand lege ich das meinige. – Ich bringe Euch dar von meinem Blut. Nehmt das Opfer gnädig an." Bedächtig ließ ich die Klinge meines Dolches über meine Handfläche fahren. Schmerz durchzuckte mich. Ich verbiss ihn und sah zu, wie der rote Saft des Lebens aus dem feinen Schnitt quoll und langsam auf das Brot tropfte, wo es beinahe gierig aufgesogen wurde. Die Trommeln wurden immer lauter und in mir breitete sich der Trank immer weiter aus. Ich hörte meinen Puls hämmern und Hitze strömte durch meinen Körper.

Plötzlich wichen die Trommeln einer schmerzlichen Stille. Um mich herum drehte sich alles. Eine Macht zwang mich ins Feuer zu sehen. Hell und heiß loderte es vor mir auf. "Du hast mich gerufen", hörte ich eine tiefe Stimme aus den Flammen. Vage konnte ich ein drehendes Sonnenrad erkennen. Ich schluckte und war unfähig zu antworten.

"Ja", dachte ich ehrfürchtig, "ich erbitte Eure Gunst, großer Belenus." "Sprich, was ist dein Begehren!" "Großer Belenus, weist mir den Weg nach Mittelerde." "Dies ist mir nicht möglich. Ein einziges Mal konnte ich dir das Tor öffnen, da du in Not warst, doch es steht unter dem Schutz von Brigid. Sie ist es, die es dir gestatten oder verweigern kann. Wir können dich nur schützen und geleiten. Für dieses Tor sind uns die Hände gebunden. Den Weg nach Mittelerde wirst du nur über Brigid finden können."

Enttäuscht wollte mein Kopf nach unten sinken, doch es war mir nicht möglich. Eine Kraft zwang mich weiter in die Flammen zu sehen. "Verzage nicht, mein Kind. Ich werde dir meinen Schutz angedeihen lassen." Innerhalb von Sekunden wurden die Flammen größer und hüllten das vor mir liegende Brot ein. Ich sah, wie es verbrannte und einem Häufchen Asche wich. Die Flammen nahmen an Intensität zu. Von einem Augenblick zum anderen wurde das Feuer gleißend hell und die Asche wirbelte wie in einem Sog. Die Flammen explodierten in einem Lichtblitz. Benommen sank ich zu Boden. Kühlende Erde spürte ich an meiner Wange. Eine sanfte Hand berührte mich. Drehte mich um. Ich roch den feinen Duft von Moos und Wald.

"Echuio, anor nîn - wach auf, meine Sonne", hörte ich leise Anordils besorgte Stimme, "du musst erwachen." Leise murmelte er Worte in der Zaubersprache. Ich fühlte, wie Energien in meinen Körper zurückkehrten. Die Wirkung des Trankes hatte nachgelassen. Mich fröstelte, als ich die Augen aufschlug. Das Feuer auf dem Opferstein brannte ruhig vor sich hin.

"Was ist geschehen?", murmelte ich schwach. Anordil sah mich ruhig an. "Du hast das Ritual durchgeführt", erwiderte er, "mit einem Mal schien es, als wärest du in Trance versunken. Kurz darauf loderte das Feuer hoch auf und verbrannte die Opfergabe. Du strecktest deine Hand aus. Mitten hinein in die Flammen. Sie umzüngelten dein Fleisch und es gab einen Lichtblitz. Im gleichen Moment verlorst du das Bewusstsein. Ich konnte dich jedoch auffangen, bevor du zu Boden stürztest."

Jetzt erst merkte ich, dass ich krampfhaft einen Gegenstand in Händen hielt. Ich öffnete meine rechte Hand und sah ein kleines Sonnenrad aus mattem Gold darin liegen. Pater Michael hatte mir zwar bereits eines gegeben, doch dieses hier war anders. Es maß etwa zwei Inches im Durchmesser. Das Sonnenrad war fein ziseliert und durchbrochen, umgeben von einem Band aus Runenzeichen. In der Mitte prangte ein blutroter kleiner Stein. Dieser glomm schwach aus sich heraus. Als würden Flammen in ihm tanzen.

"Mathon gûl - ich fühle Magie", sagte Anordil, "starke Magie. Wie es scheint, ein Schutzzauber." Er half mir hoch. Reichlich wackelig stand ich auf den Beinen. Mir war jetzt nicht nach reden. "Tegin nan echad mîn - ich bringe dich zu unserem Lager", sagte er zu mir. Wortlos stützte ich mich auf ihn und ließ mich führen. Nach einigen Minuten durch die kühle Nachtluft ging es mir besser.

Die Trommeln von Beltaine dröhnten weiterhin durch die Nacht. In der Dunkelheit konnte man die Feuer lodern sehen. Ab und an hörte man Gesang oder lautes Gelächter. An unserer Höhle angelangt, entfachte Anordil ein kleines Feuer. Darüber erhitzte er ein wenig von dem gewürzten Wein. Gierig trank ich den Becher leer. Langsam kehrte die Wärme in meinen Körper zurück. Im Schein des Feuers drehte ich das Sonnenrad in meinen Händen.

"Belenus gab es mir zum Schutz", sagte ich leise, "er war es, der mir das Tor nach Mittelerde geöffnet hatte – nicht Brigid. Doch sie wacht über das Tor und an ihr liegt es, mir die Rückkehr zu gestatten oder nicht." Anordil nickte verstehend. "Demzufolge schützte dich Belenus und nicht die Große Mutter", kommentierte er.

Ich nickte zustimmend. "Ich habe mich die ganze Zeit geirrt", flüsterte ich, "Pater Michael muss es geahnt haben. Warum sonst hätte er mir das Sonnenrad geben sollen? Und ich war zu dumm es nicht zu erkennen." "Mache dir keine Vorwürfe", mahnte mich Anordil, "es war folgerichtig so zu denken. Jeder andere hätte genauso gehandelt, wie du."

Ich sah ihn an. Er hatte, wie immer, Recht, doch diese Erkenntnis nützte uns jetzt reichlich wenig. Trotz dem wir nun die Wahrheit heraus gefunden hatten, würden wir bis zum nächsten Imbolc-Fest warten müssen. Und der Torstein musste entschlüsselt werden. Sonst würde sich das Tor nicht öffnen. Zumindest wusste ich jetzt, dass Belenus mich schützte. Doch warum? Aus welchem Grund erwies er mir diese Gnade? Meine Mutter war Priesterin der Brigid gewesen und hatte nicht Belenus gedient. Was erwartete Belenus von mir? Ich musste zugeben, dass ich keine Ahnung hatte.

to be continued ...

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