Summertime

Einige Tage nach Beltaine unternahmen wir eine Wanderung in die weitere Umgebung. Ich wollte Anordil ein wenig von Irland zeigen, bevor wir nach Mittelerde aufbrachen. Quer durch die irische Landschaft hielten wir auf Brugh na Boínne zu, einem uralten Gräberfeld, welches in einer sanften Biegung des Boyne-Flusses gelegen ist.

Wir querten Straßen und Verkehrswege und mieden die Städte. Nur in die kleinen Dörfer kehrten wir ein. Dort wurde Gälisch gesprochen und das irische Erbe war zu spüren. Die Leute waren verwurzelt mit ihrem Land. Vor allem störten sie sich nicht an unserem Aussehen. Etliche Schafherden sahen wir auf unserem Weg. Einer der Schäfer gestattete uns ein Lamm zu töten. Wir zahlten ihm mehr, als er im Schlachthaus dafür bekommen hätte. Er lud uns ein, mit ihm den Abend zu verbringen. Seine Hütte stand in den Hügeln, aber er nächtigte meist draußen in der Nähe seiner Herde. Drei Hunde sorgten für Ordnung unter den Schafen. Der Hirte entzündete ein Feuer, über das wir das Lamm brieten, welches wir mit ihm teilten. Er steuerte Brot, Butter, eingelegtes Gemüse und die Reste einer Beerenpastete bei.

"Die hat meine Frau gebacken. Das Brot ist gleichfalls von ihr", sagte er stolz, "drei Tage die Woche ziehe ich umher und anschließend wandere ich wieder Richtung Heimat." Nach dem Essen spielte ich ein wenig auf der Flöte. Als wir uns zur Ruhe legten, wisperte Anordil mir ins Ohr: "Es ist beinahe wie in Mittelerde. Wären da nicht diese merkwürdigen Geräusche, die das Empfinden stören." Sehnsuchtsvoll blickte ich zu den Sternen. Wie gerne wäre ich wieder in Mittelerde.

Wir benötigten einige Tage, bis wir Brugh na Boínne erreichten. Dort lagen die größten Ganggräber der Inselkelten unter gewaltigen Hügeln verborgen. Aus meiner Studienzeit wusste ich, dass Experten die Entstehung der Gräber auf etwa 3100 vor Christus datierten. Damit waren sie älter als die Pyramiden von Gizeh und die ältesten Relikte des prähistorischen Irlands. Vor einigen Jahren wurden sie gar zum Weltkulturerbe erkoren.

Drei gewaltige Hügel erhoben sich vor uns aus diesem Gräberfeld. Der größte davon, Newgrange, ist allerdings als einziger für die Öffentlichkeit zugänglich. Bereits von weitem konnten wir den gewaltigen Bau sehen. Die weißen Kalksteinmauern an der Basis leuchteten weithin unter dem grasbewachsenen Grabhügel hervor. Vor dem Eingang versperrte uns ein breiter Monolith den direkten Zutritt.

Anordil betrachtete neugierig die komplizierten Spiralmuster, womit dieser kunstvoll geschmückt war. "Spiralmuster bedeuten Belenus?", fragte er leise, "habe ich Recht?" Ich nickte. "Ja", stimmte ich ihm zu, "dieses Grab war Belenus geweiht worden."

Wir gingen einen äußerst schmalen und niedrigen Gang entlang, der in eine ebenso kleine Grabkammer mündete. Diese verbreiterte sich kreuzförmig nach hinten. An den Wänden erblickten wir überall Spiralmuster. Aufmerksam drehte sich Anordil um seine Achse. Ich spürte einen leichten Strom von Magie. Als würde ein Kiesel ins Wasser gleiten. Er versuchte die Magie zu erfassen und zu bestimmen, welche von dem Grabhügel ausging.

"Dieser Ort ist mit magischer Energie aufgeladen", sagte er leise, "sie ist deutlich zu spüren. Womöglich liegt das an der Bauweise und an der Ausschmückung mit diesen Symbolen." Ich versuchte ebenfalls meine magischen Fähigkeiten einzusetzen. In gleicher Weise wie Anordil drehte ich mich um meine Achse. Aufmerksam betrachtete ich die Wände. Die Energie dieses Ortes war für mich wie ein Kribbeln wahrzunehmen. Ich hatte jedoch noch nicht das Gespür, um die Energien exakt zu zuordnen, so wie Anordil. Er konnte aus den Schwingungen eine Vielzahl verschiedenster Dinge erfahren. Oberhalb des Eingangs sah ich einen schmalen Spalt. Aus meinen Studien wusste ich, dass durch diesen während der Wintersonnenwende Licht in die Grabkammer fällt und diese für einige Minuten erhellt.

"Du hast Recht, ich spüre es auch", erwiderte ich, "dieser Bau ist auf die Wintersonnenwende ausgerichtet, - die Wiedergeburt der Sonne. Aus meinen Studien ist mir bekannt, dass die exakte Ausrichtung der Anlage auf dieses sich stets wiederholende Ereignis, wie auch die zahlreichen Spiralmuster, unter Experten nach wie vor Anlass für Diskussionen geben. Verschiedenste Thesen werden dabei vertreten. Doch keine von ihnen ist bisher bewiesen. - Einige vermuten, dass es sich nicht nur um das Grab eines Herrschers handelte, sondern eher ein astronomisches Zentrum war. Andere vertreten die Meinung, dass sich andere Kammern unter diesem gewaltigen Hügel erstrecken müssen, doch bis jetzt wurden keine weiteren gefunden. - Selbst mit modernen Sondierungstechniken nicht. Einer meiner Professoren vertrat gar die These, dass an dieser Stelle Opferrituale zelebriert wurden. Damit steht er nicht alleine. Es sind noch andere, die dieser These Glauben schenken, doch niemand kennt die Wahrheit. Und diejenigen, die vom alten Blut sind und es wissen könnten, schweigen."

Anordil sah mich neugierig an. "Istach hanî? - Weißt du es?", fragte er. "Law - nein", erwiderte ich leise, "ú-iston - ich weiß es nicht. Nur die druidischen Priester vom alten Blut wissen es. – Meine Mutter hat es gewusst, aber mir nicht erzählt. Sie hätte es mir erst verraten, wenn ich ebenfalls Priesterin geworden wäre. Aber darauf hatte sie vergeblich gehofft. Mein Bruder wollte mit der Ausbildung beginnen, nach dem er aus Amerika zurückgekehrt wäre. Aber es ist alles anders gekommen. Er hätte das Potential dazu gehabt. Zudem wäre ich für eine Priesterin ich nicht geduldig genug gewesen."

Anordil schloss die Augen. Der magische Strom nahm zu. Ich spürte es wie Elektrizität auf der Haut. Sekunden vergingen und wurden zu Minuten. Dann öffnete er die Augen wieder. "Ich spüre, was geschah – ich sehe!", flüsterte er, sein Blick war in weite Ferne gerichtet, "Grab und Opferstätte zugleich. – Kleine niedrige Kammern, die eher an Nischen erinnern. Schwach erhellt von kleinen Fackeln. Die Luft ist schwer und heiß. – Ein hoher Fürst wird zu Grab getragen, Opfergaben begleiten ihn. Menschen in Blut. Ich höre ihre Schreie. Ein junges Mädchen, festlich gekleidet, folgt dem Totenwagen. – Die Kammer wird verschlossen. Es ist eng und stickig. – Ich spüre Angst, Entsetzen und Verzweiflung. Sie ist mit dem Toten allein. –Tagelang. - Sie isst von den Speisen, die dem Toten mitgegeben wurden und trinkt den Wein. Schließlich ist nichts mehr da. – Hunger, Grauen steigt empor. Das letzte Licht verlöscht. Der Tote verwest. Sie riecht den Tod. Sie hört ihren eigenen Atem. Es knackt und knirscht im Holz. Erdreich rieselt. Angst. – Ich spüre ihre Angst. Sie nimmt den Dolch aus den fauligen Händen des Toten. Ihr Entsetzensschrei verhallt ungehört. – Tränen und Blut. – Hiro achen îdh ab 'wanath – finde Frieden für dich nach dem Tod." Seine Stimme wurde immer leiser. Er hob seine Hand, als wolle er ein Bild berühren. Sanft klangen die letzten Worte. Ein Abschiedsgruß für eine Unbekannte.

Grauen stieg in mir auf. Eiskalt lief es mir über den Rücken. Was für ein Drama musste sich unter diesem Hügel abgespielt haben? Wenn Anordil Recht hatte, und davon ging ich aus, musste es tatsächlich unentdeckte Kammern geben. Vielleicht verschüttet oder anderweitig nicht auffindbar gemacht. Aber bestückt mit den Überresten einer fürstlichen Bestattung, zahlreichen Grabbeigaben und nicht zu vergessen, den Opfern. Beweise eines grausamen Rituals. Zu Zeiten der alten Kelten wurden Menschenopfer gar nicht so selten gebracht. Meist vor einem Krieg oder wenn ein hochrangiger Adeliger starb oder eine Kultstätte geweiht wurde. "Bitte, lass uns gehen", wisperte ich unruhig. Seine Worte hatten die Szene vor meinen Augen lebendig werden lassen. Ich atmete erleichtert aus, als wir den Grabhügel verließen.

Wir wandten uns dem zweiten Grabhügel der Nekropole zu. Dowth oder Duthaidh wurde dieser genannt. Zwei Eingänge führten in das Innere. Ein schmaler über der Erde und ein geringfügig breiterer unterhalb der Erdoberfläche. Ich erinnerte mich, dass man in der Grabkammer einen zerbrochenen Sarkophag gefunden hatte und verbrannte Tierknochen. Auch hier waren die Wände mit zahlreichen Sonnensymbole geschmückt.

Anordil erfasste die Ausstrahlung des Ortes. "An dieser Stelle wurde niemand von hohem Rang begraben", meinte er, "eine einzige Seele spüre ich. Ein Mann – ein Freiwilliger? – wurde zur Ruhe gebettet. Ist dies eine Kultstätte? Es wurden nur Tiere geopfert und Getreide. Ich spüre keine weiteren menschlichen Seelen an diesem Ort." "Gelegentlich, wenn eine Kultstätte geweiht wurde, wurde ein Menschenopfer gebracht", bestätigte ich ihn, "es waren Freiwillige, die es als Ehre ansahen, ihr Leben den Göttern zu weihen. Meist wurden sie mit einem Trank versehen, der lähmend wirkte. Sie spürten nichts mehr. Bei anderen Gelegenheiten wurden Gefangene geopfert. Diese gerieten allerdings nicht in den Genuss des Trankes. Bei der Grablegung des Fürsten im ersten Hügel wurde ein äußerst grausames Ritual durchgeführt, was nicht der gängigen Praxis entsprach. – Vielleicht war das Mädchen seine versprochene Gemahlin oder war durch einen anderen Bund an sein Schicksal gefesselt. Auf alle Fälle war dies nicht alltäglich bei einer Grablegung. Die anderen Opfer werden Gefangene gewesen sein."

Diesen Hügel verließ ich gleichermaßen mit einem Frösteln. Anordils Fähigkeiten Auren zu spüren oder daraus die Vergangenheit zu erfassen, war mir unheimlich. Er hatte ein Gespür dafür, vergangene Ereignisse zu sehen. Nur wenige magisch Begabte verfügten über diese Fähigkeit. Er hatte es mir so erklärt, als würde er anhand der Auren in einen Spiegel sehen und das, was geschah, durch die Augen eines Anwesenden wahrnehmen. Unheimlich.

Das dritte Ganggrab hieß Knowth oder Gnodhbha auf Gälisch. Meine Professoren damals sprachen äußerst begeistert davon, wie von einer kleinen Sensation. Im Gegensatz zu den beiden anderen Grabhügeln mündete der Gang nicht in einer kreuzförmig sich weitenden Kammer, sondern verzweigt sich wie ein V. Die Symbole an den Wänden unterschieden sich ebenfalls deutlich von denen der beiden anderen Gräber. Und ähnlich wie in Newgrange wurde an bestimmten Tagen die Kammer von der Sonne erleuchtet, jeweils zur Tagundnachtgleiche. Niemand hielt dies für einen Zufall.

"Es herrscht eine eigenartige Spannung an diesem Ort", sagte Anordil leise, "die Tagundnachtgleichen symbolisieren die Wiedergeburt und den Niedergang der Sonne. Dort - " er deutete auf zwei Stellen an der Wand "- zwei Seelen sind zu erspüren. Jung und unschuldig. Entsetzen, Wahn. – Weiheopfer?" Ich starrte auf die beiden Wandstücke. Doch ich sah nur gewachsenen Fels.

Ganz nah ging ich an die Wand heran und folgte Anordils Händen, die über den Felsen glitten. Schließlich sah ich es ebenfalls. Ein haarfeiner Riss, der eher wie zufällig aussah, lief durch die Wand. An dieser Stelle musste es, wenn Anordil Recht hatte, eine Öffnung gegeben haben. Waren dahinter die Opfer bestattet?

"Möglicherweise waren es tatsächlich Weiheopfer", bestätigte ich Anordil, "die dort zu sehenden Symbole markieren die Stellen, die bei den Tagundnachtgleichen erleuchtet werden." Anordils Augen tanzten über den Fels. Er suchte. Die magischen Ströme wurden stärker. "Ich spüre noch etwas anderes", seine Stimme wurde ganz leise, "in der Mitte des Hügels befindet sich ein Tor. – Ein geschlossenes Sphärentor. Ich spüre die magische Aura bis hierher. Sie ist auffallend deutlich." Aufgeregt sah ich ihn an. Befand sich hinter dieser Wand gar eine Tür? Wachten die Weiheopfer über einen Eingang in den Hügel?

"Ein Sphärentor?", hauchte ich, "kannst du spüren, wohin es führt?" Minuten verharrte Anordil regungslos. "Nein", bedauernd schüttelte er den Kopf, "dafür bin ich nicht nah genug." "Wir sollten in der Nacht zurückkehren und den Eingang suchen", sagte ich optimistisch, "vielleicht finden wir den Weg nach Mittelerde." Anordil nickte mir zustimmend zu.

Wir verließen die Grabstätte und suchten uns einen Lagerplatz außerhalb des Gräberfeldes. In einem kleinen Wäldchen fanden wir eine geeignete Stelle. Dort konnten wir ein kleines Feuer entzünden, ohne entdeckt zu werden. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf. Was, wenn wir dort wirklich ein Tor nach Mittelerde finden würden. Wären wir in der Lage es zu öffnen? Könnten wir einfach so in unsere Heimat? Was geschähe mit unseren Freunden hier? Sie würden sich Sorgen machen und unseren grußlosen Fortgang nicht verstehen. Oder doch?

Anordil schien die Ruhe selbst. Mir zitterten manchmal die Hände, so angespannt war ich. Essen konnte ich nichts, außer ein paar Krümeln Brot. Und selbst diese musste ich mit Wasser hinunter spülen. Das Warten nagte an mir. Dann erhob sich Anordil, löschte das niedrige Feuer und gab mir schweigend das Zeichen ihm zu folgen. Die Nacht war noch kühl, obwohl die Tage mittlerweile an Wärme gewannen. Über uns der Nachthimmel war leicht bedeckt. Nur vereinzelt schimmerten ein paar Sterne durch das Wolkenfeld. Ich vertraute auf Anordils Nachtsicht. Er würde mich nicht fehlleiten.

Gegen Mitternacht erreichten wir das Gräberfeld und den Hügel von Knowth. Wachen gab es keine. Was sollte hier auch gestohlen werden? Die Monolithen waren zu schwer und die Gegenstände von Wert wurden wohlbehalten in den Museen ausgestellt. Und in diese einsame Gegend fanden nicht einmal die gefürchteten Graffitisprüher ihren Weg. Sie zogen die Großstädte vor. Das vereinzelte Rascheln im Gras rührte von kleinen Nagern her, die in den Stunden der Nacht aktiv wurden.

Sorgfältig untersuchte Anordil den Hügel von außen. Dabei konnte ich ihm nicht helfen, da ich in der Dunkelheit nichts wahrnehmen konnte. Also wartete ich am Eingang zum Grab auf ihn. Dabei konnte ich darüber nachdenken, was Anordil dort im Inneren gespürt hatte. Ich ließ meine Gedanken schweifen, während meine Augen angespannt ins Dunkel blickten.

Mit einem Mal streifte mich ein kalter Windhauch aus dem Gang. Eine Gänsehaut überlief mich, während sich mein Herz zusammenzog. Augenblicklich fuhr meine Hand zum Dolch an meiner Seite. Es war beruhigend den Griff zu spüren. Vorsichtig blickte ich mich um. Doch von keiner Seite drohte Gefahr. Der Wind trug eine sachte Melodie mit sich. Ein Hauch von Gesang. Kaum hörbar.

"Ich höre es ebenfalls", wisperte Anordil in mein Ohr. Erschrocken fuhr ich zusammen. Ich war so auf das Hören dieser Melodie fixiert gewesen, dass ich seine Aura gar nicht wahrgenommen hatte. Ich japste kurz auf. "Habe ich dich erschreckt?", fragte er vergnügt. Mein Herz raste. Einige Sekunden sagte ich gar nichts. Zu sehr war ich damit beschäftigt mich wieder unter Kontrolle zu bringen. "Nein, überhaupt nicht", erwiderte ich kühl. Sein leises Lachen übertönte den feinen Gesang. "Es kommt aus dem Grab", kommentierte er, "lass uns hineingehen."

"Konntest du einen Eingang von außen finden?", fragte ich. "Nein", erwiderte er, "es muss von der Kammer einen Weg weiter ins Innere geben. Von außen ist nichts. Keine geheime Tür, kein Felsbrocken, der einen Gang verschließt, keine magischen Riegel. – Nichts." Ich seufzte. Eigentlich wollte ich nicht in das Grab hineingehen. In Mittelerde hatten wir bereits einschlägige Erfahrung mit alten Gräbern bei Nacht gemacht und ich war nicht scharf darauf herauszufinden, ob sich diese auf meine Welt übertragen ließen.

"Es sind doch nur Untote", sprach Anordil verwundert, "seit wann hast du Angst vor Untoten?" Ich hasste es, wenn er meine Gedanken las. Auch wenn er selbiges nicht zugab. "Seit unserem Abenteuer im hohen Norden, als ich dich beinahe verlor", gab ich brüsk zurück, "außerdem stinken sie erbärmlich." "Man kann sich waschen", konterte Anordil blitzschnell und verschwand vor mir im Gang.

Nun denn, dachte ich, es half nichts. Anordil hatte keinen Eingang von außen gefunden, also mussten wir es in der Kammer versuchen. Vor mir flackerte Licht auf. Anordil hatte magisches Licht geschaffen. Dies dürfte eventuelle modrige Bewohner des Grabes ein wenig auf Distanz halten. Mit raschen Schritten folgte ich Anordil.

Dann standen wir in der Felskammer. Seit heute Nachmittag hatte sich nichts verändert. Wenn man von den Lichtverhältnissen absah. Das fahle blaue Licht in Anordils Händen wurde von den Symbolen an der Wand widergespiegelt. Sie schienen zu glitzern und zu vibrieren. Mühelos schickte er die Lichtkugel an die Decke.

"Sobald sie verlischt, musst du eine neue erschaffen", wies er mich an. "Ich werde es versuchen", erwiderte ich, "was wirst du tun?" Er lächelte sanft. "Einen Weg hinein finden, wenn es möglich ist", gab er zurück, "hier ist ein Tor und wir sollten nichts unversucht lassen, es zu erreichen." Er wandte sich ab. Konzentriert blickte er auf die Stellen, wo das Licht der Tagundnachtgleiche den Felsen berührte. Dahinter waren die Weiheopfer. Und was lag hinter ihnen?

Anordil versuchte die magischen Strömungen zu erfassen und in ein Muster zu bringen. Bisweilen war mir, als könne ich die magischen Schwingungen förmlich sehen. Jeden Trick, den er kannte, brachte er zur Anwendung. Aber nichts tat sich. Nach einer Weile verstummte auch die sanfte Melodie, die wir gehört hatten. War sie nur ein Widerhall der toten Seelen gewesen? Hörbar allein für unsere Ohren?

Stunde um Stunde verging. Der Fels gab nicht nach. Als Anordils Magie nicht half, erkundeten wir die Wände. Inch für Inch klopften wir ab auf der Suche nach einem verborgenen Riegel. Doch auch hierbei war uns das Glück nicht hold. Nirgendwo erschloss sich ein Zugang. Als der Morgen dämmerte wussten wir, dass wir nicht zum Tor gelangen konnten und dieses demzufolge nicht würden öffnen können. Enttäuscht machten wir uns auf den Weg Richtung Süden. Erneut war eine Hoffnung dahin.

Auf unserem Rückweg nach Shancahir schlugen wir den Weg über das idyllisch an den Ufern des Boyne gelegene Städtchen Slane ein. Ein gotisch anmutendes Schlösschen ragt dort auf. Bei näherer Betrachtung sah man, dass es als Hotel und Restaurant genutzt wurde. Ursprünglich war es der Stammsitz des Marquis of Conyngham. Doch dessen Nachfahren hatten aufgrund von wirtschaftlichen Überlegungen den Hotelbetrieb eröffnet.

Die Stadt Slane selber lag am Fuße eines Hügels. Man sagt, das auf diesem Hügel der christliche Heilige Patrick das erste Osterfeuer auf irischem Boden entzündet habe, dessen Schein bis nach Tara, der Königsstadt, leuchtete als Symbol des Christentums und Mahnmal für den drohenden Untergang des altirischen Königreiches. Allerdings verzichteten wir auf eine nähere Besichtigung von Slane. Wir umgingen die Stadt in sicherer Entfernung.

Nach einigen Tagen gemütlicher Wanderung erreichten wir die ehemalige Königsstadt. Die Hügel von Tara erhoben sich sanft in der irischen Landschaft. Einst stand an dieser Stelle eine glanzvolle Stadt, die blühte und gedieh, als Rom noch nicht existierte. Tara blickte auf eine Geschichte zurück, die vor mehr als 4000 Jahren begann und erst in der jüngeren Neuzeit endete. Vom einstigen Glanz blieben einzig einige Hügelgräber mit ringförmigen Erdwällen.

Anordil sah sich interessiert um. "Die Gräber sind die von Fürsten", bemerkte er, "ich kann es spüren." Seine Augen wanderten umher. Sie bekamen einen leicht entrückten Glanz. "Einst stand auf diesem Hügel erhaben der Königspalast mit seinen 12 Toren und gestattete dem Hochkönig von Irland einen weiten Blick über das Reich. Doch seltsamerweise wurde der eigentliche Palast nur zu Zeremonienzwecken bewohnt", erzählte ich leise und deutete auf einen Hügel. „Zur Blüte des Königreiches trafen sich an dieser Stelle alle drei Sonnenläufe die Könige Irlands um ihren Hochkönig zu wählen" fuhr ich fort, „der Lia Fail, der Schicksalsstein, soll der Legende nach, während der rituellen Wahl gesummt haben, wenn sich der richtige Mann für das Amt des Hochkönigs auf ihn setzte. Nach der Wahl gab es ein großes Fest. Auf den Straßen unterhielten Gaukler, Barden, Athleten, Musiker und Dichter das Volk und den Adel." Ich pausierte kurz und versuchte mich zu erinnern.

„Zum Höhepunkt des Festes begaben sich die Gäste in die große Banketthalle, in der, den Überlieferungen nach, über Tausend Menschen Platz gefunden haben", erklärte ich weiter, „ – Mit dem Eintreffen des heiligen Patrick begann jedoch der Untergang des alten irischen Königreiches. Dies war im Jahre 433. Doch nur allmählich gewann das Christentum an Boden und schwand die Bedeutung dieser mächtigen Stadt. In der Mitte des sechsten Jahrhunderts fand schließlich die letzte Wahl eines Hochkönigs statt. Nach und nach verließen die Bewohner die Stadt und die Gebäude aus Holz und Lehm verfielen rasch." In meinen Gedanken hörte ich die Stimme meiner Mutter, wie sie mir damals Geschichten aus der alten Zeit erzählt hatte. „Aus Tara, dem blühenden Zentrum des Königreiches wurde eine Ruine", sprach ich weiter, „trotzdem blieb Tara bis in die jüngere Vergangenheit ein mythischer Ort. - Zuletzt 1843, als an dieser Stelle die größte Zusammenkunft aller Zeiten stattfand. Der legendäre Daniel O'Connell rief zur Versammlung nach Tara und eine Million Menschen folgten seinem Ruf."

Anordils Blick schweifte über die Landschaft. Während meiner Ausführung hatte er sich langsam um seine Achse gedreht. Jeder Hügel wurde von ihm eingehend gemustert. Seine Augen blickten in weite Ferne. Beinahe war mir als sähe ich einen Widerschein in ihnen. Einen Abglanz dessen, was auf diesen Hügeln einst stand.

"Pulin geno hen – ich kann es sehen", sagte er, "i ost, in edain, i tham daer. – Rên bo Edoras. - Die Stadt, die Menschen, die große Halle. – Es erinnert an Edoras." Edoras, die Hauptstadt des rohirrischen Reiches. Die goldene Halle König Théodens. "Ähnlich wie in Edoras muss es in Tara ausgesehen haben", stimmte ich zu. Ich hatte zwar Edoras bisher nicht mit eigenen Augen gesehen, aber es musste beeindruckend sein. Vielleicht würde ich einst die goldene Halle sehen. Wenn es uns gelang einen Weg nach Mittelerde zu finden.

Von Tara aus wandten wir uns wieder nach Süden. Quer durch die irische Landschaft der Provinzen Meath und Kildare wanderten wir bis nach Blessington, einem kleinen Städtchen aus dem 17. Jahrhundert, das sich verträumt an den größten künstlichen See in Irland, dem Poulaphouca-Stausee, anschmiegte. Südlich des Sees lag das Russborough House. Der Earl of Miltown ließ es um 1740 bauen. Seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts diente es als Museum und Ausstellungsort für Meisterwerke europäischer Kunst. In den Sälen lockten Bilder von Goya, Velázquez, Rubens, Vermeer und Gainsborough jährlich Tausende von Besuchern an.

Wir schlossen uns dem Besucherstrom an und besuchten die Gemäuer. Die Bilder riefen Erstaunen bei Anordil hervor. Er hatte nicht erwartet, dass die Menschen meiner Welt zu solchen Arbeiten fähig waren. Aber früher gingen die Zeiten anders. Man hatte Ruhe und Muße um ein Kunstwerk derartiger Qualität zu schaffen. Heutzutage herrscht die Schnelllebigkeit vor. Alles muss rasch und im Vorübergehen erledigt werden. Für wahre Kunst ist dabei kein Raum.

Hinter dem Stausee erhoben sich die Wicklow Mountains in den Himmel. Nicht dermaßen gewaltig und beeindruckend wie das Ered Luin Gebirge oder gar das Nebelgebirge, aber dicht bewaldet und mit teils schroffen Felsformationen. Die höchste Erhebung ist der im südlichen Bereich gelegene Lugnaquillia Mountain mit seinen knapp dreitausend Fuß Höhe. Wie der Name andeutete, ist an dieser Stelle eine Lugh-Kultstätte zu finden. Leider waren wir zu weit von ihr entfernt, als das ich einen kurzen Abstecher dorthin hätte unternehmen können.

Wir überquerten die Wicklow Mountains im nördlichen Bereich. Dabei kamen wir nahe am Sally Gap vorbei, einer Straßenkreuzung, die einen der schönsten Ausblicke über die Wicklow Mountains und die Ebene ermöglichte. Ungehindert konnte man im Grün der Wälder schwelgen und die Hochmoore sehen, die sich dunkel und schwer von den Wäldern abhoben. Nur unterbrochen von violettem Heidekraut und leuchtend gelbem Besenginster.

Wir folgten den Wicklow Mountains weiter nach Süden, um über das Tal von Glendalough wieder nach Shancahir zu gelangen. Überall spross das frische Grün und Irland machte seinem Beinamen ‚Grüne Insel' alle Ehre. Und in der doch kargeren Landschaft der beiden Seen konnte man wohin man blickte saftiges Gras und zahlreiche Blumen sehen.

Mit Einsetzen des Frühjahrs hatte die Touristensaison begonnen. Leider störte der stetig anwachsende Touristenstrom ein wenig die Betrachtung. In unserer elbischen Reisekleidung wirkten wir wie aus einem anderen Zeitalter. Die Vermutung lag daher nahe, dass wir als Attraktion zur historischen Anlage dazugehörten. Daher fotografierte man uns oft ohne uns zu fragen.

Anordil sorgte allerdings unauffällig dafür, dass die Aufnahmen nichts wurden. Die Hobbyfotografen würden sich wundern, wenn sie den Film zum Entwickeln gaben und sie bekamen nur schwarze Flächen zurück. Insgeheim lächelte ich in mich hinein. Allerdings atmete ich auf, als wir endlich Shancahir vor uns liegen sahen. Damit war unsere kleine Höhle nicht mehr weit.

Patrick erwartete uns bereits sehnsüchtig. Schließlich öffnete das Museumsdorf in ein paar Tagen seine Tore für die Öffentlichkeit. Im Lauf der letzten Monate waren wir in die Gemeinschaft, die sich um die keltische Vergangenheit bemühte, hinein gewachsen. Man hatte sich an uns gewöhnt und die meisten akzeptierten uns, so wie wir waren. Auch ein anderer erwartete uns voll Ungeduld - Kevin McMahon.

Wir hatten ein kleines Feuer vor unserer Höhle entzündet und eine Ente brutzelte darüber, die wir in der Dämmerung erlegt hatten. In Shancahir hatten wir ein bisschen Brot und Gemüse erstanden. Dieses dämpfte sanft in dem kleinen irdenen Topf in den Flammen. Während unser Mahl vor sich hin garte, nutzten wir die Zeit, um unsere Schwertfähigkeiten zu üben, was im Schein des Feuers eine Herausforderung für mich darstellte. Denn Nachtsicht hatte ich noch immer nicht. Aber schließlich mussten wir vorbereitet sein, wenn wir wieder Mittelerde betraten. Orks und anderes Gezücht nahmen keine Rücksicht auf die Sichtverhältnisse.

Plötzlich hörte Anordil auf. "Wir haben einen Gast", sagte er ruhig. Ich folgte seinem Blick und erkannte Kevin in der Dunkelheit. Das Licht seiner Taschenlampe tanzte über die Lichtung. "Kevin, was führt dich zu unserem Lager?", fragte ich überrascht, "ist mit Chrystine alles in Ordnung?" "Doch, doch", antwortete er beruhigend, "mit ihr und dem Kind ist alles okay. Ich habe von meiner Praxis aus gesehen, dass ihr wieder zurück seid und ich dachte mir, schau mal kurz vorbei." "Sei uns willkommen an unserem Feuer und teile unser bescheidenes Mahl mit uns", lud Anordil ihn mit einer freundlichen Geste ein.

Elegant hatte er die Schwerter weggesteckt. Ich folgte seinem Beispiel. Kevin sah neugierig auf die Klingen. "Sind das richtige Elbenschwerter?", fragte er bewundernd. "Ja", erwiderte ich nicht ohne Stolz, "alle vier Schwerter stammen aus der Hand eines der berühmtesten Waffenschmiede von Imladris. Zwei davon sind wohl einige tausend Jahre alt und in etlichen Schlachten getragen worden." Bewundernd schweifte sein Blick über die makellosen Klingen.

Die Schwerter waren schlank und elegant gearbeitet. Griff und Klinge flossen nahezu ineinander über. Der Griff war mit feinen Einlegearbeiten in mattem Gold verziert. Auf der Klinge blitzten feine Ziselierungen, die sich bei näherer Betrachtung als Elbenrunen entpuppten. Diese bildeten einen magischen Spruch. Alle vier Schwerter konnten magisch aktiviert werden. Doch das musste Kevin nicht wissen.

Sorgfältig legten wir unsere Waffen nieder. Kevin betrachtete uns fasziniert. Für ihn war es wie der Besuch in einer anderen Welt, wenn er unsere Höhle betrat. Nichts deutete darauf hin, dass wir uns auf der Erde befanden. Wir hätten genauso gut in Mittelerde sein können. Wir aßen gemeinsam und sprachen über Belanglosigkeiten.

"Wie ist Chrystines Befinden?", fragte Anordil nach einer Weile. Er hatte bemerkt, dass Kevin etwas auf dem Herzen hatte. "Ihr geht es gut", antwortete dieser, "das Pulver, dass du mir gabst, geht langsam zur Neige, aber sie fühlt sich besser als je zuvor." "Ich werde ihr morgen eine neue Kräutermischung zusammenstellen", nickte Anordil zufrieden. Kevin schwieg. Er blickte ins Feuer, bevor er tief Luft holte. Seine Hand spielte mit einem Stückchen Ast, dass er plötzlich in die Flammen warf. Laut knisterte das Holz.

"Ich bin noch aus einem anderen Grund hierher gekommen", sagte er leise, "ich habe ein Geschenk für Anordil." Aus der Tasche, die er bei sich trug, holte er ein kleines, sorgfältig gerolltes und verschnürtes Bündel aus feinstem Leder hervor. "Als kleiner Dank", sagte er, als er es Anordil reichte, "es ist nicht viel im Vergleich zu dem, was du mir gegeben hast, aber mir fiel nichts anderes ein, um meine Dankbarkeit zu zeigen."

Anordil nahm es schweigend entgegen, wie es Elbenart war und löste bedächtig die Verschnürung. Anschließend entrollte er das Bündel. Zum Vorschein kam das komplette Besteck eines Feldarztes. Von Hand geschmiedet, denn man sah an manchen Stellen feine Bearbeitungsspuren. "Ich habe es nach historischen Vorbildern anfertigen lassen", sagte Kevin leise, "ich hoffe, dass du damit etwas anfangen kannst." "Ich danke dir für deine großzügige Gabe", erwiderte Anordil überrascht, "mit diesen Instrumenten kann ich gar wohl etwas anfangen. – Und in Mittelerde werden sie nicht auffallen, da sie vorzüglich geschmiedet sind. Mícheál hat ausgezeichnete Arbeit geleistet." Verblüfft sah Kevin ihn an. "Du kannst sehen, dass Mích dies gefertigt hat", fragte er entgeistert. "Mícheál Ó Sullivan hat bereits einiges für uns geschmiedet", erwiderte Anordil lächelnd, "und diese Instrumente tragen unverkennbar seine Handschrift, wenn er sie auch nicht mit seinem Stempel versehen hat."

Kevin war sprachlos vor Erstaunen. "Habt ihr eigentlich bereits die Kräuter aufgehangen?", fragte ich ihn, um ihn auf ein anderes Thema zu lenken. "Welche Kräuter?", kam die Gegenfrage. Zwei neugierige Augenpaar blickten mich an. "In Shancahir ist es Brauch im Haus einer Schwangeren Kräuterbündel aufzuhängen", erklärte ich, "vorwiegend in die Fensterkreuze und über die Türen. Sie sollen die bösen Geister, Kobolde und vorwitzigen Feen fernhalten -" " – und das Alte Volk", schmunzelte Anordil. "Wozu?", fragte Kevin, "ich sehe den Sinn nicht dahinter. Das ist doch alles Aberglaube." "Es soll Mutter und Kind beschützen", versuchte ich weiter mein Glück, "die Kräuterbündel bestehen aus je einem kleinen Zweiglein Esche, Schlehdorn, Stechpalme, Fichte und Eberesche gebunden mit einer Efeuranke. Mancherorts werden noch einige Stängel Thymian, Rosmarin und Wacholder dazwischen gesteckt. – Zweck der Sache ist, der Mutter Ruhe und Kraft zu geben." Skeptisch sah Kevin mich an. "Ich verlasse mich da lieber auf eine Duftlampe", sagte er, "da kann ich hineintun, was ich will und was Chrystine gut tut. – So ein paar Zweige können doch nichts abwehren."

Amüsiert blickte Anordil ihn an. "Vergiss nicht, dass es Magie war, die Chrystine geheilt hat", erwiderte er sanft, "ihr habt beide Recht. Alleine bewirken diese Zweiglein nichts, doch wenn man an sie glaubt, so können sie sehr stark sein." "Nun", lenkte Kevin ein, "vielleicht sollte ich dann so ein Ding über die Tür hängen." Ich lachte. "Ich bringe dir morgen ein paar Kräuterbündel", sagte ich zu ihm, "damit sie dir nicht beim Aufhängen auseinander rieseln." Außerdem konnten Anordil und ich dann noch einen winzigen Zauber darüber sprechen. Selbst wenn Kevin immer noch der Skeptiker war, was Magie betraf, obwohl er mittlerweile eines Besseren belehrt worden war.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile, bevor Anordil Kevin zum Dorf geleitete. Schließlich war es nicht Jedermanns Sache im Stockfinsteren den Weg zu finden. Ich beneidete Anordil um seine Nachtsicht. Ihm war es egal, ob er bei Tag oder Nacht wanderte. Gegen Mitternacht kam er wieder. Eng aneinander gekuschelt schliefen wir ein.

Der Sommer kam und wir hatten im Museumsdorf alle Hände voll zu tun. Viele Schulklassen nutzten die Gelegenheit anschaulich über die alten Kelten zu lernen. Mit Beginn der Ferien kamen die Touristen. Viele vom Festland, einige aus England.

Während unseres Dienstes im Museumsdorf trugen wir keltische Kleidung. Eher gesagt, Anordil trug seine elbische Reisegewandung, da diese zeitlos war und sich nahtlos in die Umgebung einpasste und ich trug meist ein keltisches Gewand aus grün gefärbter Wolle, dessen Saum mit einem roten keltischen Muster bestickt war. Gehalten wurde es von Bronzefibeln. Meine Haare trug ich zu einer klassisch-keltischen Frisur geflochten. Eine bronzefarbene Torque um den Hals vervollständigte mein Gewand.

Wir gingen eigentlich immer zu zweit. Außer, es war eine absolute Minigruppe. Kindergruppen aber waren das Schönste. Das war meist spaßig. Die Kinder konnten sich noch richtig begeistern. Vor allem, wenn Anordil eine Führung machte. Er hatte ein unschlagbares Geschick im Umgang mit den kleinen Gästen. Oder lag es mit daran, dass sich Kinder oft nicht täuschen ließen. Kinderaugen durchbrachen die Illusion, die Anordil sich auferlegt hatte. Die meisten sahen ihn so, wie er wirklich war. Mit seinen spitzen Ohren und dem unglaublichen Schimmer auf der Haut, den nur die Elben besitzen. Doch auch mir machte es sehr viel Spaß. Und nicht zuletzt deshalb, weil Anordil diesmal an meiner Seite weilte.

Wir hatten uns in Patricks Haus ein wenig gestärkt, bevor wir die Mittagsführung angehen wollten. Mittwochs war meist nicht viel los. Nur ein paar Touristen verirrten sich während der Woche in das Museumsdorf. Am Tor standen eine Handvoll Leute. Es war eine gemischte Gruppe. Einige Kinder waren dabei. Aber zu wenige, um eine Schulklasse zu sein. Plötzlich rannte ein sonnenblondes Mädchen auf Anordil zu. Wir erkannten in ihr Sylvi, Larissas kleine Tochter, aus dem Park in Oxford.

Große runde, rehbraune Augen sahen zu Anordil hinauf. "Hallo Engel", sagte die Kleine, "siehst du, ich habe fest daran geglaubt und bin noch da." Anordil ging in die Knie und sah ihr in die Augen. "Hallo, kleine Sylvi", antwortete er sanft, "wie gesagt, ich bin kein Engel. Aber es freut mich, dass du es geschafft hast."

Larissa kam hinterher gelaufen. Sie wirkte anders als noch vor einigen Monaten. Ihre Kleidung war locker, regelrecht salopp. Jeans, Turnschuhe, eine ärmellose Bluse. Die Haare zu einem frechen Pferdeschwanz gebunden. "Sylvi, du kannst doch nicht fremde Leute belästigen", mahnte sie die Kleine, "komm her und warte mit uns."

Sie sah uns an und war erst leicht irritiert. Unsere Bekleidung musste befremdlich auf sie wirken. Plötzlich erkannte sie uns. "Hallo, - Anna", sagte sie leise, "was für eine Freude dich zu sehen. - Sie sind Garret, nicht wahr?" Damit wandte sie sich Anordil zu. Dieser nickte bestätigend. "Ja", antwortete er, "willkommen im Museumsdorf von Shancahir. Wie geht es dir?"

Sie sah uns aus strahlenden Augen an. "Sehr gut", erwiderte sie, "ich habe getan, was ihr mir geraten habt. Ich habe mit Sylvi viel gelacht und Spaß gehabt und ich habe viel gebetet. - Und meine Gebete sind erhört worden. Bei der nächsten Untersuchung standen die Ärzte vor einem Rätsel. Die Tumorzellen waren deutlich zurückgegangen und die Metastasen hatten sich zurückgebildet. Und der Vorgang ist immer noch in Gang. Die Ärzte wissen nicht warum und was der Auslöser war. Sie vermuten, dass vielleicht doch eines der vielen Medikamente angeschlagen hatte. - Aber ich glaube, dass Gott mich erhört hat und mir eine zweite Chance mit meinem Kind gibt." Sie machte eine kurze Pause und sah liebevoll zu Sylvi. „Ihr geht es von Tag zu Tag besser", bekräftigte sie, „sie ist glücklich und ich bin es ebenfalls. - Vielen Dank, dass ihr beiden mir den Mut gegeben habt." Sie drückte uns beiden herzlich die Hand.

"Es freut mich, dass wir ein wenig helfen konnten", sagte Anordil schlicht, "gehörst du zu dieser Gruppe?" Sie sah hinüber. "Nein, nicht direkt", antwortete sie und schüttelte den Kopf, "wir sind alleine hier. Wir machen Urlaub in Woodenbridge und die Leute dort drüben habe ich im Bus kennen gelernt."

Danach starteten wir die Führung. Anordil hatte wirklich ein Talent im Umgang mit Kindern. Sie scharten sich begeistert um ihn und lauschten seinen Erklärungen. Die Erwachsenen löcherten mich dagegen mit ihren Fragen. Was zuweilen nervtötend sein konnte. Aber ich übte mich schließlich seit längerem in der stoischen Gelassenheit der elbischen Wesensart. Was mir nur zu Gute kam.

Nach der Führung gingen wir mit Larissa und Sylvi in die Schänke. Diese war nicht keltentypisch. Ich hatte in dem Jahr, wo ich alleine gewesen war, mit daran gearbeitet und sie sah ein wenig aus, wie die Schänke in Hobbingen oder Bree. Ich war da ein wenig egoistisch gewesen, denn damit wollte ich mir ein kleines bisschen Heimatgefühl in diese Welt holen. Die anderen aus der Reisegruppe hatten sich ebenfalls hierher verirrt. Sie saßen an einem der größeren Tische. Über dem Feuer dampfte ein Kessel mit Fleischschmortopf. Fiona half in der Küche mit. In den Ferien war sie meist im Museumsdorf und legte mit Hand an. Sie war außerdem die Urheberin dieses Gerichtes.

Wir setzten uns an einen kleinen Tisch in der Ecke. Fiona kam selber, um nach uns zu sehen. "Chen suilon, mellyn nîn", begrüßte sie uns in Sindarin, "ihr habt Besuch mitgebracht?" "Mae - ja", antwortete ich ihr ebenfalls in Sindarin, "diese beiden haben wir in Oxford im Park getroffen. Larissa ist eine ehemalige Kommilitonin von mir. Ihr Kind war damals schwer krank. Anordil hatte einen Heilungszauber gewirkt. Und jetzt ist sie wieder putzmunter."

Sie beugte sich zu Sylvi hinunter. "Hallo meine Kleine", sagte sie jetzt in Englisch, "ich habe gehört, du wärst eine ganz Brave, stimmt das?" Die Kleine sah Larissa an und nickte heftig. "Was möchtest du denn essen", fragte Fiona weiter. Sylvi deutete auf den Kessel. "Gut, und was möchtest du trinken? Wasser oder unseren Beerensaft?" "Oh, ja. Bitte den Saft", flüsterte sie schüchtern. Fiona strich ihr kurz über die Haare und wandte sich uns zu.

"Und ihr?", fragte sie, "was kann ich euch bringen?" Wir bestellten für uns Fionas Mandelkuchen und Larissa den Schmortopf und Wasser dazu. "Wie geht es dir ansonsten?", fragte ich Larissa. "Oh, gut", sagte sie leicht fahrig mit einem Seitenblick auf Sylvi.

"Möchtest du sehen, wie früher das Essen zubereitet wurde?", fragte Anordil spontan die Kleine. Er hatte gespürt, dass Larissa nicht vor dem Kind reden wollte. Sylvi hatte bereits ein wenig auf dem Stuhl herum gezappelt. Heftig nickte sie und sah Larissa fragend an. "Du darfst", antwortete diese zärtlich, "aber nichts anfassen. Okay?" Sylvi nickte brav und ging mit Anordil mit.

Larissa seufzte auf. "Es ist nicht leicht, die Kleine aus allem heraus zuhalten", stöhnte sie leise, "aber ich will sie weitestgehend schonen." "Ehrliche Antwort", bohrte ich, "wie geht es dir wirklich? Du siehst bereits besser aus, als vor einigen Monaten, wo wir dich in Oxford getroffen haben." Sie lächelte ein wenig. "In dem Park", erwiderte sie, "zu der Zeit war ich ausgebrannt und leer. Ich sah fast keinen Ausweg mehr." Sie stockte kurz.

„Weißt du, dass ich daran gedacht hatte Selbstmord zu begehen?", fragte sie dann leise, „nur Sylvi hat mich am Leben gehalten. – Schließlich kamt ihr. Es tat unsäglich gut, mit dir zu sprechen." Sie blickte zum Fenster. „Später, am Abend, als ich allein in meinem großen Bett lag, habe ich gedacht, dass ich euch nicht wirklich gesehen habe, sondern ein Trugbild", flüsterte sie, „aber ich klammerte mich daran. - Ich betete. - Ich versuchte Sylvi zum Lachen zu bringen. Und allmählich kehrte ich selber ins Leben zurück. Roger ließ mich in Ruhe. Er wartete ab, dass Sylvi starb. Allerdings tat sie ihm den Gefallen nicht. Als die Ärzte sagten, dass sie gesunden würde, bekam er einen Tobsuchtsanfall. Er kam in der Nacht zu mir..." Sie schwieg einen Moment. Ihre Hand knetete eine verblasste dünne Narbe auf ihrem linken Arm.

"Als er mich verließ, beschloss ich mein Leben zu ändern. Ich ertrug in den folgenden Wochen seine Brutalität. Aber in mir reifte ein Plan heran." Sie lächelte triumphierend. „Heimlich ließ ich ihn beobachten. Ich benötigte Beweise für seine Untreue, um überhaupt die Möglichkeit zu haben die Scheidung einzureichen und das Sorgerecht für Sylvi zu behalten", fuhr sie fort, „der Detektiv leistete ganze Arbeit. Jede Menge Bilder mit verschiedenen Frauen."

"Du hast jetzt die Scheidung eingereicht?" "Ja, mein Anwalt bastelt daran", erwiderte sie lächelnd, "schließlich muss ich aus diesem Ehevertrag heraus und der Unterhalt für Sylvi muss auch gesichert werden. Allerdings wissen es meine Eltern noch nicht. Sie werden einen Schock bekommen, wenn sie das erfahren. Das passt nicht in ihre Vorstellung hinein. Eine Ehe muss halten. Egal was kommt. Sie sind so erzkatholisch, dass es einem manchmal übel werden kann."

"Und was willst du tun?", fragte ich sie, "zu deinen Eltern wirst du nicht mehr zurück wollen." "Auf keinen Fall. Ich würde vom Regen in die Traufe geraten", sagte sie leise, "Sylvi und ich sind nicht nur in Irland um Urlaub zu machen. Du hattest mir gesagt, dass Shancahir eine Zuflucht sei. Ich will in diesem Dorf ein Haus kaufen." Sie sah mich hoffnungsvoll an. „Ein Haus mit einem Garten. – Und vielleicht einer kleinen Ecke für meine Töpferscheibe", sinnierte sie weiter, „erinnerst du dich an das eine Seminar während der Vorlesung? Wir hatten die Aufgabe auf traditionelle Weise Tonwaren herzustellen. Es hatte mir viel Spaß gemacht. - So sehr, dass ich es zu meinem Hobby gemacht hatte. Ein paar Sachen konnte ich sogar bereits verkaufen." Ich lächelte, während ich mich erinnerte. Das Seminar damals war sehr lustig gewesen.

„Mein Anwalt wird auch eine gute Summe für den Unterhalt aushandeln", ergänzte sie, „schließlich ist Sylvi ein legitimes Kind der McGarthy-Dynastie. Ihr stehen Titel und Ländereien zu sowie eine ordentliche Summe für den Lebensunterhalt. Dies und was ich mit meiner Hände Arbeit verdienen kann, sollte Sylvi und mir ein Auskommen bieten. Ich habe viel gespart und einiges an wertvollen Schmuck. Das dürfte reichen um Sylvi später eine gute, standesgemäße Ausbildung zu ermöglichen. Und da ist immer noch mein Erbe. Meine Eltern können mich nicht gänzlich enterben." Ich nickte anerkennend. Larissa war an ihrem Unglück gewachsen und reifer geworden.

"Ich werde ein gutes Wort bei Patrick einlegen", sagte ich, "er kennt viele Leute und vielleicht kann er dir helfen, ein passendes Haus zu finden." Rasch schrieb ich ihr seine Adresse und Telefonnummer auf ein Stückchen Papier und schob es ihr zu. "Ich danke dir", murmelte sie, "du hast mit deinem Mann bereits so viel für mich getan. Ich weiß nicht, wie ich das wieder vergelten kann." "Vergiss es", winkte ich ab, "nenne es einen Freundschaftsdienst. Vielleicht benötige ich später mal einen von dir. Dann kannst du dich revanchieren." Sie lächelte mich an. "Versprochen", bekräftigte sie.

Sylvis Lockenmähne kam von der Seite ins Blickfeld und lenkte uns ab. "Mum, da hinten wird über offenem Feuer gekocht", krähte sie, als sie auf uns zugelaufen kam. Ein wenig langsamer folgten Anordil und Fiona mit unserer Mahlzeit. Während des Essens plauderten wir ein wenig über belanglosere Dinge. Danach beschlossen wir den beiden eine spezielle Führung durch das Dorf zu geben.

Sylvi hatte Anordil die Hand gereicht. Brav ging sie neben ihm her. Nach kurzer Zeit spürte ich einen Strom von Magie. Anordils Lippen bewegten sich leicht. Er sprach wieder einen Heilungszauber. Bei der Pferdewiese blieb Sylvi begeistert stehen. "Du magst Pferde?", fragte Anordil. Sie nickte heftig. "Ja, sehr", antwortete sie begeistert, "bis jetzt durfte ich sie aber nicht streicheln, weil meine Mama Angst hatte, das ich mich mit was anstecken könnte, da ich ja krank war."

Anordil lächelte und pfiff leise. Eines der Pferde, ein schöner dunkelbrauner Hengst mit langer Mähne und Schweif, kam angetrabt und blieb am Zaun stehen. Er schnaubte sacht. Anordil reichte ihm die Hand, das er daran riechen konnte und streichelte über die Blesse. "Oh Mama, darf ich ihn streicheln?", bettelte sie. Larissa war ein wenig skeptisch. "Ich denke, dass sie kräftig genug ist", sagte ich beruhigend zu ihr. Sie nickte zustimmend. "Außerdem wird das eines der bevorzugten Transportmittel für dich in dieser Gegend werden", flüsterte ich ihr leise zu.

Ganz vorsichtig berührte Sylvi den Kopf des Pferdes. Sie war ganz aufgeregt. Plötzlich saß sie auf dem Pferderücken und schaute verzückt durch die Gegend. Bevor Larissa protestieren konnte, hatte Anordil die Kleine auf das Pferd gehoben. Der Hengst stand ganz brav da und rührte sich nicht. Er wartete auf Anordils Kommandos.

"Mama, darf ich eine Runde?", fragte sie sehnsüchtig. Larissa blickte skeptisch auf das Pferd. "Es hat gar kein Zaumzeug und Sattel, darum wird das nicht gehen, mein Engelchen", sagte sie vorsichtig, "du wirst wieder absteigen müssen." Die Kleine schaute sie herzerweichend sehnsüchtig an. Letztendlich konnte selbst Larissa nicht mehr länger widerstehen und nickte zustimmend.

Mit Leichtigkeit schwang sich Anordil hinter Sylvi auf das Pferd. Nur mit dem Druck seiner Schenkel und leise gesprochenen Kommandos bewegte er den Hengst. Ganz nach Elbenart. Dieser folgte gehorsam den Anweisungen. Das Mädchen strahlte bis über beide Ohren. Nach einer halben Stunde war der Ausritt beendet und wir begleiteten die beiden bis zum Tor.

"Wir werden uns noch ein bisschen umsehen", sagte Larissa, "vielen Dank für alles." "Es hat mich gefreut dich zu sehen", umarmte ich sie herzlich, "einen schönen Urlaub und vielleicht sieht man sich wieder." "Passe auf dich auf", sagte Anordil zum Abschied zu ihr. Danach beugte er sich zu Sylvi hinunter. "Möge ein Licht über deinem Weg leuchten", sprach er die elbischen Abschiedsworte, "und denke fest daran gesund zu werden." "Auf Wiedersehen, Engel", erwiderte sie schüchtern. Anordil stupste ihre Nase. "Ich bin kein Engel", sagte er sanft, "aber wenn es dir hilft, denke an mich."

Die beiden gingen ins Museumsdorf. Sie wollten sich ein wenig bei den Werkstätten umschauen und schon bald würde der Bus kommen. Ich blickte ihnen hinterher. "Es ist erstaunlich, dass diese Frau wieder die Kraft gefunden hat", flüsterte Anordil mir zu, "sie ist förmlich aufgeblüht, wie das Kind." "Sie wird einen neuen Weg finden", erwiderte ich leise, "da bin ich mir sicher. Vielleicht wird sie in Shancahir zur Ruhe kommen. Ich werde mit Patrick sprechen, sobald ich ihn sehe."

Nur wenige Stunden später bot sich mir die Gelegenheit. Nachdem ich Patrick die Situation erklärt hatte, erklärte er sich bereit, Larissa bei der Suche nach einem Anwesen in Shancahir zu helfen.

Am Abend saßen wir wie so oft in der Schänke und wie jeden Abend füllte sie sich mit Dorfbewohnern aus Shancahir und Touristen aus der Umgebung. Eleanor spielte mit einer kleinen Gruppe von Musikern auf. Ab und zu gesellte ich mich dazu. Wir gaben ein fröhliches Stück zum Besten, als Kevin eintrat. Er sah sich suchend um. Er sah mich und winkte mir erfreut zu. Schließlich entdeckte er Anordil und ging zu ihm an den Tisch. Ich sah, wie die zwei sich kurz begrüßten. Fiona brachte nach wenigen Augenblicken den obligatorischen Becher Wein. Als unser Vortrag zu Ende war, begab ich mich hinüber.

"Ich mache mir Sorgen um Chrystine", hörte ich Kevin sagen, "sie ist außerordentlich nervös, jetzt gegen Ende der Schwangerschaft." "Sie kann beruhigt sein", antwortete Anordil bedachtsam, "ihr und dem Kind geht es gut. Es wird eine ganz normale Entbindung werden. Deine Kollegen hatten dir meine Arbeit bestätigt. Sie ist kerngesund."

Kevin sah ihn sorgenvoll an. "Und doch bleibt die Nervosität, Gearóid", antwortete er leise und drehte den Becher in seiner Hand hin und her, "du warst nicht dabei, als mein Sohn geboren wurde. Chrystine ist beinahe dabei gestorben. Es gab stets neue Komplikationen. War das eine behoben, gab es eine neue. – Ich möchte das nicht ein weiteres Mal durchstehen müssen." Anordil legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Wenn du möchtest, so werden wir dabei sein und notfalls eingreifen", sagte er leise, "egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Schicke einfach jemanden zu uns hinaus und wir werden kommen." Dankbar sah Kevin ihn an.

Ich konnte da nur zustimmen. Wir versuchten Kevin ein wenig von seiner Nervosität abzulenken, aber es gelang uns nicht. Heute Abend blieb er nicht so lange wie üblich. Chrystine war hochschwanger und das Baby konnte jeden Tag kommen. Noch blieb ihr offiziell ein wenig Zeit. Schließlich war sie erst für Mitte August ausgezählt, aber man konnte nie wissen. Babys kommen schließlich, wann es ihnen gefällt und nicht, wenn sie erwartet werden.

Und so war es. Drei Nächte später wurden wir von einem der Jungen aus dem Dorf geweckt. Bereits lange bevor wir ihn sahen, waren wir aus den Fellen geglitten und hatten unsere Gewänder übergestreift. Schließlich machte er soviel Krach wie eine Horde betrunkener Orks. "Schnell! Mr. Garret, Ms. Anna?", rief er, lange bevor er außer Atem vor unserem Feuer stand, "bei Ms. Chrystine kommt das Baby! Mr. Kevin will, dass sie kommen!"

Ich erkannte in dem Jungen Samuel O'Mathúna, den Enkel des alten Seán. Die Familie wohnte neben Kevin. Oft sah ich Samuel bei den Pferden. Er liebte die Tiere und half gerne dabei sie zu versorgen. Unordentlich, wie ich es nicht von ihm gewohnt war, hing das T-Shirt aus der hastig verschlossenen Jeans. Schweißflecken zierten das Weiß des Shirts. Einzig die Schuhe waren sorgfältig verschlossen. Das kurze braunrote Haar stand in alle Richtungen ab. Der Junge hatte Äste abbekommen und rote Striemen zogen sich über seine Arme und sein Gesicht. Offensichtlich war er so schnell er konnte durch den finsteren Wald gerannt. Die Taschenlampe in seiner Hand tanzte auf und ab, als er versuchte seinen Atem zu beruhigen. Seine grünlichblauen Augen blickten neugierig. Offensichtlich fragte er sich, warum Kevin ausgerechnet uns rufen ließ. Anordil kümmerte sich zwar um die Heilerstube im Museumsdorf, aber man brachte ihn eigentlich nicht in Verbindung mit Geburtshilfe.

Anordil nahm ruhig seinen Beutel. "Ruhe dich aus", sagte er zu Samuel, "bevor du nach Hause gehst. Und tue dies auf die Striemen. Deine Mutter bekommt sonst einen Schreck." Er reichte ihm einen Tiegel. Ich hatte zwischenzeitlich einen neuen Scheit ins Feuer gelegt und es hochgeschürt. "Denn bekommt sie eh immer", grinste Samuel und ließ sich am Feuer nieder. "Was ist mit der Hebamme", fragte ich, "ist Lucy schon verständigt?" Samuel schüttelte den Kopf. "Ms. Myers ist in Woodenbridge", erwiderte er, "und ihre Vertretung ist auch beschäftigt. Das war die erste Station, wo ich war." Mir standen die Haare zu Berge. Hatten sich alle Schwangeren hier im Umkreis zusammengetan und wollten ausgerechnet heute entbinden? "Dann sollten wir uns eilen", forderte Anordil mich auf. Er hatte meinen besorgten Gesichtsausdruck richtig interpretiert.

Wie Schatten rannten wir durch die laue Nacht. Nach kurzer Zeit hatten wir Kevins Haus erreicht. Bereits von Weitem waren die erleuchteten Fenster zu sehen. Wir hatten kaum geklopft, als die Tür aufgerissen wurde. Über dem Türrahmen baumelte ein kleines mittlerweile trockenes Kräuterbündelchen. "Kommt rein", sagte ein völlig nervöser Kevin, "ich glaube, bei Chrystine haben die Wehen eingesetzt." Ich nahm Kevin am Arm und zog ihn in die Wohnstube. "Ich werde Chrystine ansehen", sagte Anordil, "nach dem Urteil eurer Ärzte wäre es bei ihr zu früh. Vielleicht ist es falscher Alarm."

Ich hörte Chrystine im Schlafzimmer stöhnen. Erinnerungen wurden wach. Vor Entsetzen und Angst über die in mir aufsteigenden Bildern war ich wie gelähmt. "Kümmere dich um Kevin", hörte ich Anordil sagen. Ich konnte mich nicht rühren. "Arwen, man na gen? - Arwen, was ist mit dir?" Anordils Stimme hörte ich von weiter Ferne. Seine Hand berührte mich und löste meine Starre.

"Naeg el – mathon cha ned nin – io anann. - Ihr Schmerz - ich spüre es in mir. – Damals -" Angst und die Erinnerung schnürten mir die Kehle zu. Anordil nahm sanft mein Kinn und zwang mich ihn anzusehen. Ich versank in seinen Augen. "Das war vor langer Zeit", flüsterte er sanft, "du hast sie geboren. Sie ist bald erwachsen. Und du - heute bist du geheilt. – Mallenloth gab dir die Unversehrtheit deines Körpers zurück. – Ich gab dir deine Seele wieder. Jetzt bist du Arwen und ich brauche dich hier und jetzt – um Chrystine zu helfen. Unterstütze sie, denn ich habe bisher nicht viele Geburten durchgeführt."

Kevin verstand nichts von dieser Unterhaltung, da wir Sindarin sprachen. Ungläubig sah ich Anordil an. "Selbst ich bin nicht unfehlbar", wisperte er lächelnd, "doch nun müssen wir einer Gebärenden helfen." Ich atmete tief durch und folgte Anordil in Chrystines Schlafzimmer. Kevin und Chrystine wollten nicht ins Dubliner Krankenhaus. Nach der Geburt ihres Sohnes hatten sie kein Vertrauen mehr zu den Ärzten im Klinikum. Für den Fall, dass es schief lief, wollten sie nach Kingstown ins Hospital.

Schweißgebadet lag Chrystine auf dem Bett. Die Decken waren zerwühlt. Unruhig warf sie sich hin und her. "Sei gegrüßt, Chrystine", sagte Anordil leise, "wir sind gekommen, um dir zu helfen." Ein gepeinigter Blick traf ihn. "Gott sei Dank, ihr beiden seid da", flüsterte sie heiser, "ich hatte solche Angst. Die Wehen – sie sind derart stark. Es sollte doch noch nicht kommen." "Ich werde dich ganz vorsichtig untersuchen", sagte Anordil, "ich werde dir nicht wehtun."

Konzentriert glitten seine Hände über ihren Bauch. Urplötzlich krampfte sich die Bauchdecke zusammen. Chrystine stöhnte auf und atmete langsam im Rhythmus der Wehe. "Dein Kind will mit aller Macht auf diese Welt", lächelte Anordil sanft, "es liegt richtig und hat begonnen sich ins Becken zu senken." Ich hatte automatisch mit geatmet. Mir war als könnte ich den Schmerz selber fühlen.

"Es ist anders, als beim ersten Kind", presste Chrystine hervor, "ich habe solche Angst!" "Du brauchst keine Angst zu haben", meine Stimme klang kratzig, "Garret wird dir helfen. Du wirst ein gesundes Kind zur Welt bringen. Habe Vertrauen in deine Kraft."

Mit aller Macht krampfte sie sich an meiner Hand fest. Sie vertraute sich Anordils Führung an. Mit ruhiger Stimme gab er ihr Anweisungen. Um die Geburt voranzutreiben forderte er Kevin auf für Chrystine ein heißes Bad einzulassen. Dies würde die Eröffnungswehen beschleunigen und das Gewebe geschmeidig werden lassen.

Es wurde eine lange Nacht. Erst in der zweiten Nachthälfte endlich platzte die Fruchtblase. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern. Wenig später setzten die Presswehen ein. Anordil betäubte ihren Schmerz auf magischem Wege, damit sie überhaupt in der Lage war weiter zu pressen. Allmählich verließen Chrystine ihre Kräfte. Doch schließlich ging es schnell. In der Morgendämmerung brachte sie ein gesundes Mädchen zur Welt.

"Sie wird Arwen heißen", sagte Kevin strahlend, als er die Kleine in den Armen hielt. "Du solltest ihr einen weniger auffälligen Namen geben", erwiderte ich lächelnd, "obwohl ich mich geehrt fühle." Anordil lächelte still. Leise verließen wir das Haus und überließen die beiden ihrem Baby.

Schweigend liefen wir zur Höhle. Das Feuer war erloschen und Samuel verschwunden. Müde sank ich nieder. Anordil sah mich unverwandt an. Nach einigen Minuten nahm er mich in den Arm. "Verliere dich nicht im Schmerz", flüsterte er mir ins Ohr, "nicht, nach dem du dermaßen viel erduldet hast." Tief atmete ich durch. "Ich habe vorhin die Geburt erneut durchlebt", gestand ich, "jede Wehe, jedes Atmen, jeden Schmerz. – Ich habe ihn gefühlt - wie Chrystine." "Es ist vorbei, Arwen. Seit vielen Sonnenläufen." Er drückte mich an sich und ich spürte seine Wärme. Ein sanfter Kuss vertrieb meine Erinnerungen.

to be continued ...

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