Celtic-weeks

Lugnasadh rückte näher und damit die celtic-weeks. In Shancahir und dem Museumsdorf herrschte hektische Betriebsamkeit. Diejenigen aus dem Dorf, welche die celtic-weeks organisierten, trafen sich jetzt jeden Abend. Es wurden die Zeltplätze auf dem Papier aufgezeichnet und vergeben. Anschließend mussten sie im Museumsdorf und in der Umgebung markiert werden. Die Sanitätsstation wurde gut ausgerüstet und Kevin hatte sich bereit erklärt, in den zwei Wochen, die das Fest dauern würde, seinen Arbeitsplatz in die Sanitätsstation des Museumsdorfes zu verlegen. Es wurden zusätzliche Pferdewiesen abgesteckt und viele Dinge mehr erledigt.

Zwei Tage vor Beginn der celtic-weeks setzte der Teilnehmerstrom ein. Aus allen Ländern Europas reisten sie an. Zwei Tage später war das Museumsdorf und der umliegende Platz zu einer lebendigen keltischen, an manchen Ecken auch mittelalterlich anmutenden Stadt geworden. Je nachdem aus welchem Blickwinkel man es betrachtete. Banner wehten im Wind. Man konnte Hornsignale hören. Auf dem Turnierplatz tummelten sich die ersten Reiter. Und die Übungsplätze waren ebenfalls bereits gut besucht.

Zu unserem Erstaunen trafen wir am ersten Tag einen alten Bekannten wieder, als wir über den Platz schlenderten. "Suilad achen, Anordil a Arwen", hörten wir jemanden hinter uns rufen. Irritiert schaute ich mich um und wurde freudig überrascht. Uns kam Stefan entgegen. Der Student aus Heidelberg, den wir vor fünf Jahren auf den celtic-weeks getroffen hatten. Damals war sein Kamerad Robert dabei gewesen. Dieser hatte sich aber entschlossen mit uns zu ziehen. Jetzt war er irgendwo in Mittelerde mit Luvalaes unterwegs und lebte hoffentlich noch.

"Gen suilam, Stefan", grüßten wir, "es ist eine Freude dich zu sehen. Was hat dich hierher verschlagen?" Er lachte uns an. "Das müsste ich eigentlich euch fragen", konterte er, "wie wäre es mit einem kleinen Imbiss? Ich habe nichts mehr gegessen, seit ich eingetroffen bin." Wir stimmten zu und begaben uns zum "Blauen Drachen". Wir setzten uns abseits an einen kleinen Tisch und bestellten Zicklein mit Mandeln, gebratene Pilze mit Kräutern, Brot und Wasser.

"Ich war bereits das letzte Mal auf den celtic-weeks", erzählte er, "in der vagen Hoffnung, dass ihr vielleicht einen Weg gefunden hättet. Diesmal scheint es, habe ich Glück." Sein Sindarin hatte sich stark verbessert. "Es ist nur Zufall, dass wir hier sind", erklärte Anordil, "eigentlich eher unfreiwillig. Wir müssen leider warten, bis wir einen Versuch unternehmen können zurückzukehren."

Stefan nickte bedächtig kauend. "Und wie geht es Robert?", fragte er neugierig, nach dem er geschluckt hatte. Ich lächelte ihn beruhigend an. "Soweit ich weiß, gut", erwiderte ich, "er verließ uns mit Luvalaes, um Richtung Gondor zu ziehen. Er hat übrigens seinen Namen Tjann Grünauge beibehalten. Seit einem Jahr haben wir keine Nachricht von beiden." "Wenn ihr es wieder nach Mittelerde schafft und ihm begegnet, bestellt ihm schöne Grüße von mir. Seine Gruppe vermisst ihn und ich ebenfalls", sagte er, "aber vielleicht können wir uns ja heute Abend zusammensetzen und ein wenig Erlebnisse austauschen?" "Eleanor wird heute Abend wieder aufspielen", antwortete ich zustimmend, "ich werde einen Tisch am Rande reservieren lassen."

"Was macht die Schwertkunst?", fragte Anordil. Stefan lachte breit. "Gut", antwortete dieser, "ich habe viel geübt. Wenn ihr wollt, Herr Anordil, könnt ihr mich auf die Probe stellen." Anordil nickte. "Ich bin damit einverstanden. Heute gegen Abend auf dem Übungsplatz." "Gerne", erfreut nickte Stefan.

Damit gingen wir auseinander. Wir hatten noch zu tun. Schließlich halfen wir dieses Jahr Patrick bei der Organisation. Nebenbei betrieben wir die Heilerstube. Oder eher gesagt, Anordil betrieb sie. Die Stube erfreute sich sogar regen Zulaufes. Es waren viele Neugierige darunter, die sehen wollten, wie die medizinische Versorgung zu früheren Zeiten war. Allerdings kam gleichfalls der eine oder andere, überwiegend aus dem Dorf selber, mit kleineren Blessuren.

Schnittwunden, Abschürfungen und Verbrennungen waren an der Tagesordnung. Und andere kleinere Wehwehchen. Die meisten Verletzungen wurden vorne behandelt. Die Sanis im hinteren Teil des Gebäudes bekamen recht wenig zu tun. Überraschenderweise half Kevin im historischen Teil der Heilerstube mit. Sogar er trug Gewandung. Seit der Geschichte mit Chrystines Baby waren Anordil und er gute Freunde. Sie respektierten sich und lernten voneinander.

Eleanor hatte mich in der Schänke eingeplant. Dort spielte ich mit auf. Zwischendurch gingen wir Musiker über den Platz und spielten, wo man uns dazu aufforderte. Viele Gesichter waren mir bekannt. Vor allem die Händler und fahrenden Ritter kannte man mit der Zeit. Viele von ihnen kamen seit Jahren zu den celtic-weeks. An manchen Ständen wurden wir auf einen Becher Wein eingeladen. Bei den Rittern und historischen Gruppen blieben wir meist ein wenig länger und hörten Neuigkeiten von anderen Festen. Eleanor bekam oft Einladungen zu anderen Events ausgesprochen. Aber sie nahm diese selten an.

Der Tag war reichlich ausgefüllt. Trotzdem nahmen wir uns die Zeit, an diesem Abend zum Übungsplatz zu gehen. Stefan erwartete uns bereits voller Ungeduld. "Suilad achen, Stefan", grüßte Anordil ihn, "bist du bereit?" Stefan nickte zuversichtlich und stand auf. Er zog sein Schwert. Es war ein gutes Schwert, wie ich sehen konnte. Stefan hatte viel Geld investiert.

"Ich bin bereit, Herr Anordil", antwortete er auf Sindarin. Sie fingen ganz locker an und ich musste sagen, Stefan hatte tatsächlich enorm viel gelernt. Er war wesentlich schneller, als ich es in Erinnerung hatte. Mittlerweile hatten sich ein paar Zuschauer eingefunden. Einige davon waren Teilnehmer der Ritterspiele. Mit Kennerblick verfolgten sie den Schlagabtausch. Stefan wehrte sich erbittert, doch Anordil kannte derart viele Techniken, dass er ihn mühelos besiegen konnte.

Die Zuschauer applaudierten. "Du hast viel gelernt", sagte Anordil anerkennend zu Stefan, "aus dir ist ein passabler Schwertkämpfer geworden. Doch ein paar Techniken kannst du durchaus weiter verbessern. Wir werden dir zeigen, wie." Er winkte mich heran und reichte mir sein zweites Schwert. Unser Schlagabtausch war ganz locker. Ich war zwar eine gute Kämpferin geworden und durfte mich gar Schwertmeisterin nennen, aber gegen Anordil hatte ich auf die Dauer keine Chance. Er hatte einfach zu viel Erfahrung. Auch dieser Kampf wurde mit Applaus honoriert.

Stefan hatte aufmerksam unsere Attacken verfolgt. "Ich sehe, was Ihr meint, Herr Anordil", erwiderte er auf Sindarin, "bei den Attacken lasse ich meine Deckung zu weit offen. Ich lade den Gegner dazu ein zuzuschlagen. – Könnt Ihr mir wieder Unterricht geben? Wie damals?" Anordil nickte zustimmend.

Nach einigen Minuten kam einer von den Zuschauern auf uns zu. Es war einer der Ritter, die aus Frankreich an diesem Fest teilnahmen. "Bitte verzeiht, dass ich sie derart unvermittelt anspreche", wandte er sich an Anordil. Sein Akzent war außerordentlich stark. "Mein Name ist Jean Pierre Bertand", stellte er sich vor, "ich gehöre zu den Freien Rittern von Sedan - aus Frankreich. Ich habe sie vorhin kämpfen sehen. Mein Kompliment. Sie verstehen es das Schwert bravourös zu führen."

"Willkommen in Shancahir zu den celtic-weeks", antwortete Anordil, "ich bin Garret O'Neill und das ist meine Frau Anna." "Mich würde in der Tat ein Schlagabtausch interessieren", bat Jean Pierre unverblümt, "ich zumindest bin immer auf der Suche nach neuen Schlagkombinationen und ich habe da vorhin einige gesehen, die äußerst interessant waren." Anordil lachte verhalten. "Normalerweise geben wir keinen Unterricht", erwiderte er, "Stefan ist ein alter Freund von uns." "Ich möchte nur diesen einen Kampf", bohrte der Franzose weiter. Anordil seufzte kaum hörbar. "Nun denn, junger Jean Pierre", schmunzelte er, "nehme dein Schwert und stelle dich mir."

Locker fingen sie an. Nach einigen Minuten musste ich anerkennend nicken. Dieser Franzose war wirklich gut, wenn man bedachte, das es keine richtigen Kämpfer mehr gab. Wahrscheinlich verdienten er und seine Leute mit Schaukämpfen ihr Geld auf solchen Events. Spielerisch gelang es Anordil den jungen Franzosen immer wieder in die Enge zu treiben. Er hätte ihn mehr als einmal töten können, wenn dies ein wirklicher Kampf gewesen wäre.

Minuten später gab Anordil ihm Anweisungen. "Überlege nicht, während du kämpfst", wies er ihn an, "die beste Technik nützt dir nichts, wenn du zu langsam bist. Meist ist die instinktive Reaktion die richtige. – Fühle dein Schwert, es ist dein verlängerter Arm. – Beobachte deinen Gegner, nicht dessen Schwert. – Sieh ihm in die Augen, ins Gesicht. Dort sind die meisten Absichten zu erkennen. – Das war bereits besser. Versuche diesen Angriff ein weiteres Mal. – Siehst du deinen Fehler?"

Konzentriert folgte der Franzose Anordils Befehlen. Es dauerte nicht lange, bis ihm der Schweiß aus allen Poren lief. Ab und zu bekam er die stumpfe Seite von Anordils Schwert zu spüren. Die Fehler, die er machte, rächten sich mit blauen Flecken.

Stefan saß neben mir und beobachtete die Lektion aufmerksam. Kein einziger Schlag entging ihm. "Selbst hier zu sitzen und ihm zuzusehen ist eine wahre Fundgrube", murmelte er vor sich hin. "Da stimme ich dir zu", sagte ich bedächtig, "ich kenne ihn bereits einige Jahre und habe ungezählte Stunden mit ihm den Schwertkampf geübt, doch immer wieder gelingt es ihm mich mit neuen Techniken zu überraschen. – Sieh diesen Angriff dort. Diese Kombination habe ich nie vorher gesehen."

Eine Stunde lang forderte Anordil den jungen Franzosen bis an dessen Grenzen. Schließlich beendete er den Unterricht. "Ich denke, dass dies deine Wissbegier ein wenig gestillt hat", sagte Anordil freundlich. Er atmete kaum schneller als vorher. Jean Pierre nickte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Vielen Dank für diese eindrucksvolle Lehrstunde", ächzte er hervor, "ich werde sie nie vergessen. Ich schätze mich glücklich derartig viel gelernt zu haben."

"An Ihrer Stelle würde ich schleunigst das Badehaus aufsuchen", warf ich ein, "ansonsten habt Ihr am morgigen Tag einen Muskelkater, das Ihr euch nicht mehr rühren könnt." Überrascht sah er mich an. "Ich habe seit vielen Jahren keinen Muskelkater mehr gehabt", erwiderte er stolz. "Hört auf meinen Rat", warnte ich ihn, "ich hatte ebenfalls gedacht, ich wäre durchtrainiert, bevor ich Garret traf."

Anordil lachte leise. "So schlimm bin ich auch wieder nicht", meinte er zu mir. Jean Pierre war mittlerweile wieder bei Atem. Sorgfältig steckte er sein Schwert weg. "Ich werde euren Rat befolgen, Madame", entgegnete er mit einer eleganten Verbeugung, "als Dank würde ich Euch, Monsieur und Eure Dame gerne an die Tafel der freien Ritter einladen für den morgigen Abend." Anordil sah mich fragend an. "Habt Dank, Monsieur", erwiderte ich höflich, "wir nehmen Eure Einladung gerne an." "Als dann, bis morgen bei Einbruch der Nacht." Höflich verabschiedete er sich und ging davon.

Anschließend begleitete uns Stefan zum Festplatz. In seiner Gesellschaft ließen wir den Abend ausklingen. Wir erzählten viel. Stefan war ganz stolz, dass sein Sindarin mittlerweile für eine ausgefeilte Unterhaltung ausreichte. Wo er nicht weiterkam, steuerten wir die entsprechenden Vokabeln bei. Eleanor sorgte für die musikalische Untermalung. Soweit mir bekannt war, hatte sie eine Einladung nach Sedan erhalten. Und das bereits bei den letzten celtic-weeks. Sie hatte es mir erzählt. Vielleicht konnte sie mir ein bisschen über die Ritter von Sedan erzählen.

Später am Abend gesellte sich Kevin zu uns, um seinen obligatorischen Becher Wein zu trinken. Anfangs hatte er Anordil skeptisch gegenüber gestanden. Vor allem wegen der Heilkünste. Inzwischen respektierte er jedoch Anordil und dessen Meinung. Es dauerte nicht lange, bis sich die beiden wieder in ein Fachgespräch vertieften. Sie lernten voneinander. Kevin wusste mittlerweile, dass Anordil aus Mittelerde kam und akzeptierte diese Tatsache, selbst wenn es ihm manchmal schwer fiel. Weit nach Mitternacht gingen wir in unserer kleinen Höhle zur Ruhe.

Gegen Mittag des nächsten Tages erschien Brian plötzlich neben mir. "Pater Michael hat uns eine Nachricht zukommen lassen", wisperte er mir ins Ohr, "bei ihm sind Männer in Schwarz erschienen. Sie sind noch im Pfarrhaus. Aber sie haben vor das Fest zu besuchen." "Danke für die Warnung", erwiderte ich leise, "ich werde mich unauffällig benehmen."

Ich ging zu Eleanor und sagte ihr, dass ich mich für heute zurückziehen würde. Rasch suchte ich Anordil auf. "Es sind Kirchenmänner auf dem Fest", flüsterte ich auf Sindarin, "Brian hat mich gewarnt." Anordil sah mich beruhigend an. "Wir haben an diesem Ort viele Möglichkeiten uns unauffällig zu bewegen", sagte er in einem beschwichtigenden Ton, "wir werden weitermachen und die Gegend beobachten. Die Übungsstunde mit Stefan sollten wir auf der kleinen Lichtung abhalten, wo wir damals gelagert hatten. Halte deinen Dolch immer bereit." In diesem Moment kam Kevin von hinten. Ob er unseren Gedankenaustausch mitbekommen hatte? Auf alle Fälle sah er uns ein wenig merkwürdig an.

"Garret, kommst du bitte?", fragte er, "ich habe hinten einen Patienten, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin. Ich brauche eine zweite Meinung." Anordil nickte, sah mich kurz an und ging mit Kevin mit. Ich verließ die Heilerstube. Vorsichtig sah ich mich um. Ich bemerkte nichts Ungewöhnliches. Ich beschloss meine Instrumente in die Höhle zu bringen. Ich behielt nur die Flöte aus Mithril am Gürtel. Sie konnte mir mit ihrer Magie gegebenenfalls helfen. Danach wanderte ich über das Fest. Nach einiger Zeit konnte ich einen von den Kirchenmännern sehen. Er trug keine Gewandung, sondern normale Kleidung in schwarz. Nur an seinem Kragen war der Anstecker mit dem Symbol der Inquisition zu sehen.

Leicht schüttelte ich den Kopf. Sie hatten nichts dazu gelernt! Wie ein Schatten verschwand ich zwischen zwei Zelten. Jetzt kehrte ich den Spieß um. Ich verfolgte sie. Nach einer Weile konnte ich zwei weitere Männer entdecken. Sie trafen sich in regelmäßigen Abständen im "Blauen Drachen". Dort sprachen sie ein paar Minuten miteinander. Danach brachen sie erneut zu einem Rundgang auf. Aufmerksam beobachteten sie die Umgebung. Allerdings entging ihnen, dass Eleanor sie musterte. Brian und Ian konnte ich gleichfalls auf deren Fersen entdecken. Sie trugen ihre Bögen dabei. Die Kirchenmänner ahnten nicht, wie gefährlich dieses Fest eigentlich für sie war.

Nach einer Weile konnte ich Stefan entdecken. Unauffällig und lautlos schlich ich zu ihm herüber. "Gen suilon, Stefan", wisperte ich leise, "dreh' dich nicht um." Stefan zuckte merklich zusammen, aber er konnte sich gut genug beherrschen, dass er sich nicht zu mir umdrehte. "Aus verschiedenen Gründen werden wir nachher im Wald üben", flüsterte ich weiter, "erinnerst du dich an die Lichtung, auf der wir damals gelagert haben? – Dort treffen wir uns." Er nickte verstehend, bevor ich wieder verschwand. Später holte ich mein Schwert aus der Höhle und lief locker zur Lichtung hinüber.

Dort wartete Stefan bereits auf uns. Aber Anordil war noch nicht da. "Gen suilon Stefan", grüßte ich, "dein Gedächtnis ist ausnehmend gut. Nach all dieser Zeit hätte ich mich vermutlich nicht mehr daran erinnert." "Mae govannen, Arwen", grüßte er zurück, "damals war es ein einschneidendes Erlebnis. - Ich werde diese Lichtung und jene Tage nicht vergessen und wenn ich hundert Jahre alt werde." Er schwieg ein paar Minuten.

"Was war eigentlich vorhin los?", fragte er neugierig. Ich schüttelte den Kopf. "Es wäre zu gefährlich für dich, deshalb frage nicht. Wir dürfen vorerst nicht miteinander gesehen werden, Stefan." "Gefährlich für wen?", bohrte er trotzdem weiter.

"Für dich", hörte ich Anordils Stimme hinter uns, "es könnte dich dein Leben kosten. Jetzt frage nicht weiter." Stefan war merklich zusammengezuckt. Anordil trat aus den Schatten der Bäume auf uns zu. "Ich hatte vergessen, wie lautlos Ihr sein könnt", stöhnte Stefan. Er begrüßte Anordil mit Handschlag. Danach fingen wir mit dem Unterricht an. Die Zeit verging wie im Flug. Es dämmerte, als wir aufhörten.

"Du hast dich tapfer geschlagen", sagte Anordil anerkennend. "Ich spüre keinen einzigen Muskel mehr", stöhnte Stefan, "lebe ich eigentlich noch?" Ich lachte auf. "Du lebst", erwiderte ich, "keine Angst. Morgen wirst du einen fürchterlichen Muskelkater haben, wenn du nicht alsbald ein heißes Bad nimmst." "Ich werde deinen Rat mit Freuden befolgen", erwiderte er mit schmerzverzerrtem Gesicht, "nur muss ich erst den Weg zu einem Zuber mit heißem Wasser finden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es bis zum Badehaus schaffe." Anordil lachte leise und warf ihm einen Tiegel zu, den Stefan im letzten Moment auffing, bevor dieser am Boden zerschellen konnte. "Diese Paste wird deinen Schmerz lindern", erklärte Anordil dazu, "trage sie jetzt auf, damit du den Weg zum Wasser findest. Wenn du gebadet hast, so trage sie erneut auf, damit sie dir Erholung bringe in der Nacht."

Stefan bekam noch eine angedeutete Verbeugung hin. "Vielen Dank, Herr Anordil", entgegnete er erleichtert, "von Herzen Dank für Eure Gabe. Ich kann sie gut gebrauchen." Er rieb sich den schmerzenden Rücken. Ich konnte es ihm nachfühlen. Sonst fühlte ich mich immer so, wie er jetzt aussah. Und dies, trotzdem ich bereits so lange Zeit von Anordil unterrichtet wurde.

"So, ich werde sehen, dass ich rasch ins Badehaus komme", sagte Stefan leicht gequält, "bis morgen dann. Wieder hier? Oder auf dem Übungsplatz?" "Eher hier. Um die gleiche Zeit", erwiderte ich, "es ist sicherer. Sollen wir dich zum Lager begleiten?" Stefan schüttelte den Kopf. "Ich schaffe es schon", lehnte er tapfer ab, "es ist ja nicht weit." Er hob noch einmal grüßend die Hand und wandte sich zum Gehen. Steifbeinig verschwand er im Wald.

"Musstest du so hart mit ihm sein?", fragte ich Anordil leicht tadelnd. Dieser lächelte mich an. "Er wollte keine Schonung", erwiderte er, "was soll ich machen? Wenn er Fehler macht, so muss er doch spüren, dass ein Fehler ihn mit einer scharfen Klinge unweigerlich verletzt hätte. Nur so wird er diesen Fehler nicht ein weiteres Mal machen." Ich seufzte. Warum nur musste er immer das letzte Wort haben? Anordil lachte leise. "Ich weiß, Stefan wird nie gegen einen wirklichen Gegner kämpfen müssen", sagte er, "aber dass soll nicht der Grund dafür sein, ihm eine schlechtere Ausbildung zu geben. Man weiß nie, wofür man dieses Wissen gebrauchen kann."

Nachdenklich betrachtete ich die Klinge meines Schwertes. Sie mahnte mich daran, dass ich ebenfalls einmal so war wie Stefan. Bis zu jenem Tag, als ich unvermittelt den ersten Orks meines Lebens gegenüber gestanden hatte.

Anordil legte mir seine Hand auf die Schulter. "Dies war dein Schicksal", flüsterte er mir zu, "doch welches auf Stefan wartet, ist ungewiss. – Nun komm', die Nacht naht. Wir müssen uns frisch machen und zum Lager der Ritter aus Frankreich gehen."

Schweigend steckte ich mein Schwert in die Scheide. Sorgsam legte ich es an seinen Platz in unserer Höhle. Anordil hatte Recht. Wir waren verschwitzt und mir klebte mein Gewand am Körper fest. Gemeinsam liefen wir bis zum Fluss. Dort wuschen wir uns im kalten Wasser. Es erfrischte herrlich nach der Hitze des Tages und des Kampfes von vorhin.

Nackt, wie wir waren liefen wir zur Höhle, wo wir uns in frische Gewänder hüllten. Eleanor und Brian hatten uns einige Gewandungen geliehen. Anordil zog das Gewand eines freien Ritters an und ich schlüpfte in eine Gewandung aus dem 11. Jahrhundert. Ein dunkelgrünes Kleid aus Dupion-Seide mit einer breiten Goldborte. Von meinem Haar flocht ich das Deckhaar mit einer goldene Kordel zu einem Kranz. Das übrige fiel mir locker bis zur Hüfte. Anordil gürtete eines der Schwerter an die Hüfte. Danach gingen wir zum Festplatz. Aufmerksam beobachteten wir die Leute. Aber die Kirchenmänner waren nicht mehr zu sehen. Hatten sie aufgegeben? Ich glaubte es nicht.

Ohne Aufenthalt wanderten wir langsam zum Lager der französischen Ritter hinüber. Sie hatten vor den Toren des Museumsdorfes ihre Zelte aufgeschlagen. Wir wurden bereits erwartet. Im Schutz eines Zeltes war eine Tafel für vierzehn Personen aufgebaut worden. Jean Pierre Bertand kam uns entgegen.

"Es ist eine Freude für mich, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid", begrüßte er uns, "tretet näher und seid unsere Gäste." Er reichte jedem von uns einen Becher Wein zur Begrüßung. "Wenn ich vorstellen darf", fuhr er fort, "dies sind Philippe LaRousse, Armand de Montagne, Lèon Lavigne, Lucas Ormonde und Martin Boucher. - Wir gehören alle zu den Freien Rittern von Sedan. An ihrer Seite sind ihre Gefährtinnen Eliza LaRousse, Martine Auguste, Aimée Lavigne, Delphine Marquart und Angélique de Ville. – Und dies ist Chantal Dubois - meine Gefährtin. - Wir haben zu den celtic-weeks unseren Hofnarren Pierre Blanchard mitgebracht. Unterstützt wird er von Paul Picard und Michèl de Bour als Musiker. – Meine Freunde, und dies sind Garret O'Neill und seine bezaubernde Gemahlin Anna."

Höflich begrüßten wir die Genannten und genauso höflich wurden wir empfangen. Zu meiner Freude sprachen alle leidlich Englisch, deshalb musste ich nicht ständig übersetzen. Wir ließen uns an der Tafel nieder. Es wurde gespeist wie im Mittelalter. Semmeldorttem, das ist ein mittelalterlicher Brotkuchen, gab es, Täubchen vom Spieß, Fleischpastete, Waldpilze in Sahne, frisches Brot und kleine süße Küchlein mit Äpfel und Birnen. Unterhaltung gab es durch den Hofnarren und die beiden Musiker. Diese waren überraschend gut. Ab und zu schauten wir prüfend über den Platz, den wir einsehen konnten. Aber es fiel uns niemand auf.

Wir redeten über die celtic-weeks und ähnliche Events auf dem Festland. "Wenn Ihr zum Festland reist, so besucht uns in Sedan", sagte Philippe. "Ja, Ende Oktober haben wir das größte Mittelalterfest Europas in unserer schönen Burg", bestätigte Jean Pierre begeistert, "ich lade Euch ein, unsere Gäste zu sein." "Und um dir wieder eine Lehrstunde erteilen zu lassen", neckte Chantal ihn liebevoll.

Allgemeines Gelächter war sein Lohn. Anordil lächelte leise. "Ich hoffe, die blauen Flecke tun nicht allzu weh?", fragte er höflich, "Ihr habt doch hoffentlich meinen Rat befolgt?" Jean Pierre verzog ein wenig das Gesicht. "Doch, habe ich", erwiderte er, "nur hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr derart viele. Und das an Stellen, die außergewöhnlich schmerzen." "So entschuldige ich mich für die Frechheit meines Schwertes", antwortete Anordil lachend. "Ich habe gesehen, dass es außergewöhnlich schön ist", hob Jean Pierre an, "dürfte ich es betrachten?"

Normalerweise gab man sein Schwert nicht aus der Hand. Jedenfalls in Mittelerde. Dies war ein Ansinnen, welches Anordil bisher nie zugetragen wurde. Wie würde er reagieren? Er sah mich an. Ich hob nur eine Augenbraue. Dies sei seine Entscheidung sollte dies bedeuten.

"Nun", erwiderte er bedächtig, "eigentlich ziehe ich das Schwert nur für den Kampf. Doch für Euch gedenke ich eine Ausnahme zu machen. Ihr habt Euch tapfer geschlagen, Jean Pierre." In einer fließenden Bewegung zog er sein Schwert und reichte es ihm mit dem Griff voran. Beinahe augenblicklich beugten sich Jean Pierre und seine Gefährten darüber.

"Eine wunderschöne Arbeit", sagte dieser bewundernd, "perfekt geschmiedet. - Und erst dieser Griff." Andächtig betrachteten es die Ritter von allen Seiten. "Tengwar-Runen", sagte Lucas mit Kennerblick, während seine Hand vorsichtig über die Klinge strich, "leider ist mein Sindarin nicht so fortgeschritten, als das ich sie entziffern könnte." Anordil blickte ihn überrascht an.

"Noch einer der Sindarin kennt", fragte er rasch auf Sindarin, "woher?" "Einige überzeugte Tolkien-Fans lernen diese Sprache", erwiderte ich schnell, "doch die meisten können es nicht perfekt." "Ich denke, Lucas", warf Philippe ein, "hier hast du endlich weitere Fans der Ring-Saga gefunden." Hoppla, jetzt aber schnell das Gespräch auf andere Themen lenken.

Ich hob an etwas zu sagen, als Lucas mit dem Finger an die Schneide kam. Im Bruchteil einer Sekunde schnitt er sich diesen auf. "Autsch!", sagte er überrascht, "das ist ja scharf!" Jean Pierre wurde bleich. "Ihr habt doch hoffentlich vorhin ein stumpfes Schwert benutzt", hustete er entsetzt. Anordil lächelte breit. "Ich traf Euch mit der stumpfen Seite", antwortete er. Jean Pierre tastete seine Rippen ab. "Auch dies hat genügt", sagte er beeindruckt, "ich wage mir nicht auszumalen, wie ich aussehen würde, wenn Ihr die scharfe Seite benutzt hättet." Jetzt lächelte ich in mich hinein. Mir war nur zu bewusst, wie er danach ausgesehen hätte. Schließlich hatte ich oft genug gesehen, wie Anordil Orks und anderes Gezücht damit in Stücke geschlagen hatte.

"So sei froh, dass er nur die stumpfe benutzt hat", stichelte Chantal, "ich bin es auf jeden Fall. Vielleicht dämpft dies deinen Leichtsinn ein wenig." Den letzten Satz sprach sie zwar leise, aber doch so, dass es jeder hören konnte. Betretenes Schweigen breitete sich aus. Anscheinend war Jean Pierre ein Draufgänger. Paul und Michél halfen uns aus der Verlegenheit. Sie stimmten ein mittelalterliches Lied an. Das gab uns Gelegenheit einen weiteren Gesprächsfaden aufzunehmen.

Und wir sprachen noch eine ganze Weile miteinander. Erst spät brachen Anordil und ich auf. "Habt Dank für das Mahl", sagte ich zu Jean Pierre, "es war ein äußerst erbaulicher Abend." "Wir danken für Eure Gesellschaft", erwiderte dieser, "ich hoffe, wir können Euch im Oktober in Sedan begrüßen." "Wenn unser Weg uns dorthin führt, wären wir erfreut Eure Gäste sein zu dürfen", gab Anordil zurück.

"Ich hoffe es", sagte Lucas, als er uns die Hand gab, "vielleicht ist mein Sindarin bis dahin so weit gediehen, dass ich mich ein bisschen verständigen kann. Doch auf die Art wie Ihr vorhin, werde ich es wohl nie beherrschen." "Übung", lachte ich ihn an, "viel Übung, nur so wird es klappen."

Wir verließen die Freien Ritter und wanderten quer über den Festplatz. Auf der anderen Seite des Dorfes gab es einen kleinen Durchlass zum Wald hin. Diesen würden wir nehmen. Der Festplatz war noch gut besucht. Trotz der späten Stunde. Doch wir wurden nicht aufgehalten. Aufmerksam spähten wir in die Runde. Niemand fiel uns auf.

An unserer Höhle angelangt, schälte ich mich aus dem Gewand. Ich zögerte kurz. "Ich denke, wir sollten einen Spaziergang unternehmen", sagte Anordil, "statten wir dem guten Pater einen kleinen Besuch ab. Vielleicht können wir herausfinden, was deine Kirchenmänner vorhaben." Er hatte mein Zögern richtig gedeutet. "Einverstanden", erwiderte ich prompt, "ich war mir nur nicht sicher, ob wir dies wirklich tun sollten." Rasch zogen wir unsere elbischen Reisegewänder über. Sorgfältig verstauten wir die Waffen.

Dann verließen wir lautlos die Höhle. Die Nacht nahm uns auf. Den Weg nach Shancahir legten wir rasch hinter uns. Selbst ich fand ihn mittlerweile in tiefster Dunkelheit. Das Pfarrhaus lag ruhig da. Aus den Fenstern drang Licht. Wir huschten über die Mauer. Der Garten war in Dunkelheit gehüllt. Kein geheimnisvolles Leuchten war für unsere Augen zu erblicken. "Die Feen haben sich zurückgezogen", flüsterte Anordil, "doch sie sind nicht weit. Ich spüre sie. Ich fühle Angst in ihnen." "Sie werden sich um den Pater sorgen", wisperte ich, "wir sollten schnell nachsehen, ob alles in Ordnung ist."

Wie Schatten liefen wir zum Haus. Vorsichtig spähten wir durch das Fenster in die Wohnstube. Dort hatten sich die Männer versammelt. Ich erkannte die drei, die ich heute auf dem Fest gesehen hatte. Ein weiterer war dazu gekommen. Im Gegensatz zu den anderen trug dieser eine schwarze Soutane. Er schien Jesuit zu sein. Pater Michael sah ich an der Seite im Halbdunkel sitzen. Entgegen seiner Gewohnheit, sich abends ein Gläschen Whisky zu gönnen, sah ich nun eine dampfende Tasse vor ihm stehen. Ich wusste, dass es Tee war, denn ich konnte den würzigen Duft bis hier draußen riechen. Es war die Mischung, die er nur mit mir zusammen trank, wenn ich zu Besuch kam.

Er schien ein wenig nervös zu sein. Immer wieder beobachtete er verstohlen die Männer und ihr Gebaren. Anordil spitzte die Ohren. Ich konnte jedoch durch die geschlossenen Fenster nichts hören. Nur undeutliches Gemurmel. Der Soutanenträger hatte eine Zornesfalte auf der Stirn. Mit heftigen Gesten redete er auf die übrigen Männer ein. Einer von diesen deutete zu Pater Michael, worauf der Mann in der Soutane sich umdrehte und ihn ins Visier nahm. Es war offensichtlich, dass Pater Michael diesen Mann nicht mochte. Nur widerwillig ließ er sich von ihm aus dem Raum schicken.

Anordil gab mir ein Zeichen. Ich sollte zum Kücheneingang gehen. Mit einer Hand formte ich das Zeichen, dass ich verstanden hatte. Lautlos huschten wir einmal um das Haus herum. Die Küchenfenster waren, wie die anderen auch, hell erleuchtet. Eines davon stand offen und das obligatorische Kräuterbündelchen schaukelte im leichten Nachtwind. Von drinnen hörte ich Geräusche. Geschirr klapperte. Pater Michael murmelte verärgert vor sich hin. Ganz sacht klopfte Anordil an die Tür. Die Geräusche verstummten. Jemand schlurfte vorsichtig zur Tür. Es konnte nur der Pater sein. Zaghaft öffnete er und streckte den Kopf heraus.

Als er uns erkannte, erschrak er beinahe zu Tode. Kalkweiß sah er uns an. "Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?", wisperte er uns nervös zu, "selbst meine Blumenfeen haben es vorgezogen sich in Sicherheit zu bringen vor diesen ..." "Pater Michael", hörten wir eine Stimme von drinnen, "mit wem sprecht Ihr?" Anordil schwang sich unhörbar auf das niedrige Dach der Küche. Ich hechtete in einen nahegelegenen Busch und zog meinen Elbenumhang über mich. Dieser konnte mich vor unliebsamen Augen verbergen. Pater Michael hatte vor Schreck beinahe die Tasse fallengelassen, die er in Händen hielt.

"Grundgütiger!", stieß er hervor, "müsst Ihr mich so erschrecken?" Japsend richtete er sich auf und blickte dem Mann in der Soutane fest in die Augen. "Also, mit wem habt Ihr gesprochen?", forderte dieser erneut. Die stahlgrauen Augen hielt er wie Dolche auf den Pater gerichtet. "Seht selber Bruder Ignatio", konterte Pater Michael, "hier ist niemand." Er wies hinaus in die Dunkelheit. Leise maunzend bog just in diesem Moment eine große schwarze Katze um die Ecke. "Außer der Katze dort", fuhr Pater Michael rasch fort, "ab und zu kommt sie mich besuchen. – Darf ich in meinem Haus nicht einmal mehr mit einer Katze reden?"

Misstrauisch äugte Bruder Ignatio in die Nacht. Vorsichtig kam die Katze ein Stückchen näher und maunzte ein weiteres Mal. Dann machte sie einen Buckel und sprang davon. Langsam ging Bruder Ignatio in die Küche. "Dummes Katzenvieh", murmelte er noch beim Schließen der Tür.

Ich schmunzelte belustigt. Die Katze musste eine von Anordils Illusionen gewesen sein. Aber am meisten überraschte mich der Pater. Er hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, einen seiner Mitbrüder angelogen. Wahrscheinlich würde er Hunderte von Avemarias und Vaterunser beten, sobald der ungebetene Besuch ihn verlassen hatte.

Der Pater begann in der Küche herumzuwerkeln. Einige Minuten noch hörte ich Bruder Ignatio, dann hatte er wohl den Raum verlassen. Neugierig lugte ich durch eines der Fenster. Tatsächlich war der Pater nun alleine. Er klapperte mit dem Geschirr und goss Milch in eine Schale. Schließlich öffnete er erneut die Tür. "Miez, miez", rief er dabei, "komm' her. Leckere Milch habe ich für dich." Vorsichtig kam er zwei Schritte nach draußen.

Ich sah, wie Anordil vom Dach heruntersprang. Er nickte mir nur kurz zu. Dann verschwand er in der Dunkelheit. So wie ich ihn kannte, würde er nach vorne schleichen und die Männer im Auge behalten. Pater Michael bückte sich. Bedächtig stellte er die Schale auf den Boden. "Es sind diesmal nur vier", flüsterte er rasch, "sie sind verärgert, dass sie nichts finden. Morgen wollen sie zur Ruine des Mc-Gregor-Hauses und ein weiteres Mal über den Festplatz gehen. Sie suchen dich. Halte dich verborgen." Abrupt drehte er sich um und ging hinein.

Vorsichtig schlich ich zu Anordil. Mit den Händen signalisierte er mir, dass es genug sei. Lautlos huschten wir in den Schutz des nahen Waldes. An unserer Höhle angelangt war ich besorgt. "Sie suchen mich", stellte ich fest. "Was hast du erwartet?", entgegnete Anordil, "natürlich suchen sie dich." Beunruhigt legte ich meine Waffen in Griffnähe, hüllte mich in eine Decke und streckte mich auf unser Lager. Anordil blieb vor unserer Höhle sitzen. Er würde den Rest der Nacht wachen. So, wie er es in Mittelerde auch getan hatte.

Am nächsten Tag schlichen wir in der Früh, noch vor Morgendämmerung, zu Kevins Haus. Verschlafen öffnete dieser uns die Tür. "Was macht ihr denn so früh hier?", murmelte er mit halb geschlossenen Augen, "kommt herein." Rasch schlüpften wir hinein und schlossen sorgfältig die Türe hinter uns. "Wir können dir nicht viel sagen", sagte Anordil leise, "aber du musst die Heilerstube für ein paar Tage übernehmen. Vielleicht nur für einen, vielleicht für zwei, vielleicht für mehrere. Ich kann es dir nicht sagen und ich kann es dir nicht erklären. – Nur soviel, - du hast uns nie gesehen."

Neugierig starrte Kevin uns an. Der Rest an Müdigkeit war mit einem Mal verschwunden. Anordil schüttelte jedoch bedauernd den Kopf. "Es wäre zu gefährlich für dich", wisperte er mit einem Seitenblick zum Schlafzimmer, "und deine Familie." Kevins Augen folgten dem Blick. Verstehend nickte er. "Okay", erwiderte er leise, "ich werde deinen Platz einnehmen. – Wenn ich auch nicht so gut sein mag, wie du." Aus dem Schlafzimmer kam ein lautstarkes Babygebrüll. "Ich glaube, du wirst wieder gefragt", sagte ich ironisch. Er seufzte. "Eher Chrystine", gab er zurück, "ich werde nur im Schlaf gestört." Kevins Blick sprach Bände.

"Auch Elbenkinder schreien anfangs", tröstete Anordil ihn, "auch ich habe eine Tochter." "Kevin", rief Chrystine fragend, "wer ist an der Tür?" "Niemand", sagte er laut und öffnete uns leise die Tür. Wir nickten ihm grüßend zu und huschten hinaus.

In den nächsten Tagen blieb uns nichts weiter zu tun, als das Fest zu beobachten. Oder eher gesagt, die Leute, die sich auf dem Fest aufhielten. Wir waren äußerst aufmerksam. Nichts und niemand entging unseren Blicken. Weder der kleine Taschendieb, der arg unsanft in seiner Tätigkeit unterbrochen wurde, noch die Pannen, die es immer wieder gab. Von den Besuchern bemerkte es keiner. Uns machte es nichts aus sich rar zu machen. Obwohl es auf Dauer langweilig wurde Verstecken zu spielen.

Am fünften Tag liefen wir dann Jean Pierre in die Arme. "Hallo", begrüßte er uns fröhlich, "ich habe Euch die ganze Zeit gesucht." "Hallo", erwiderte ich, "warum sucht Ihr uns?" Verlegen kratzte er sich im Genick. "Ich wollte noch ein einziges Mal um eine Unterrichtsstunde bitten", murmelte er. "Tut mir leid, aber wir können im Moment keine geben", sagte ich möglichst höflich. Er sah mich neugierig an. "Wegen der Männer in Schwarz?", fragte er unverblümt.

Überrascht sog ich den Atem ein. Er wertete mein Schweigen als Zustimmung. "Sie haben nach Euch gefragt", erwiderte er auf Anordils stumme Frage, "sogar in unserem Lager waren sie. – Sie haben sich unmöglich benommen. Arrogant und unhöflich. – Und nicht nur bei uns. – Ich weiß, dass sich einige andere bereits beschwert haben."

Ich sah Anordil auffordernd an. Wir mussten die Männer hier weg locken. Es ging nicht, dass Unschuldige hierin verwickelt wurden. Er nickte unauffällig. "Wir danken Euch für diese Information, Jean Pierre", sagte er leise, "doch nun solltet Ihr lieber gehen." Trotz dieser direkten Aufforderung rührte sich Jean Pierre nicht von der Stelle. Anordil sah ihn fragend an. "Die Lehrstunde?", beharrte er. Anordils Augen bohrten sich in seine. "Woher wollt Ihr wissen, dass wir nichts verbrochen haben", fragte er Jean Pierre leise, "woher wollt Ihr wissen, dass wir Euch nicht töten?"

"Niemand, der ein Schwert führt, wie Ihr es tut, wäre unehrenhaft", erwiderte der junge Franzose, "wenn Ihr also etwas Unrechtes getan habt, so würdet Ihr nicht hier stehen und diese Männer wären längst tot. Außerdem sind es keine Polizisten, sondern irgendwelche Mönche. Jedenfalls war ein Jesuit bei ihnen. – Und ich mag keine Jesuiten." In Anordils Augen blitzte es vergnügt. Er fand Gefallen an der direkten Art des Franzosen. "Ihr seid beharrlich", kommentierte er, "wenn Ihr folglich die Gefahr nicht scheut, so treffen wir uns zur fünfzehnten Stunde an der nördlichen Pferdewiese. Vergesst Euer Schwert nicht."

Mit diesen Worten ließen wir Jean Pierre stehen. Vorsichtig lugten wir um die Ecke des Händlerzeltes, hinter dem er uns abgefangen hatte. Keiner der Männer in schwarz war zu sehen. Unauffällig mischten wir uns unter die Leute. Aufmerksam musterten wir die Umgebung. Das Fest gab uns genügend Deckung. Die Zeit schritt fort. Es war beunruhigend, dass alles so glatt lief.

Zur fünfzehnten Stunde hin begaben wir uns zur Pferdewiese. Dort herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Kaum einer nahm Notiz von uns. An das Gatter gelehnt erwartete uns Jean Pierre. Er grüßte uns zurückhaltend und beobachtete die Betriebsamkeit um uns. Ohne ein Wort zu sagen, winkte Anordil ihm uns zu folgen. Wir verschwanden im Wald. Jean Pierre schlenderte hinter uns her. Hinter der Waldgrenze erwarteten wir ihn. Gemeinsam schlugen wir den Weg zu unserer Lichtung ein.

Nach einigen Minuten lauschte Anordil angespannt. "Wir werden verfolgt", flüsterte er auf Sindarin, "gehe du mit ihm weiter. Ich werde sie auf eine falsche Spur lenken." Rasch lief er in die Richtung aus der wir kamen. "Wo will er denn hin?", fragte Jean Pierre irritiert. "Er hat etwas vergessen", antwortete ich lapidar und folgte weiter meinem Weg. Jean Pierre blickte Anordil noch kurz hinterher, bevor er beschloss hinter mir her zu kommen.

Auf unserer Lichtung erwartete uns bereits Anordil. Anerkennend pfiff Jean Pierre durch die Zähne, als er sich umblickte. "Ein richtiges kleines Refugium habt Ihr hier", sagte er bewundernd. "Beginnen wir mit den Übungen", wich Anordil aus, "Anna, du kämpfst gegen Jean Pierre. – Macht Euch bereit." Bis auf ein Schwert legte ich meine Waffen ab. Der junge Franzose zog sein Schwert aus der Scheide, die er sorgfältig auf den Boden legte.

Als ich den Eindruck hatte, er sei fertig, griff ich an. Etwas lahm folgte seine Abwehr. Doch allmählich kam er in Schwung. Immer wieder unterbrach uns Anordil. Er verbesserte Technik und Haltung. Nichts entging ihm. Nach einer Weile war Jean Pierre schweißgebadet. Er hatte es schließlich nicht anders gewollt. Als wir dann zum Ende kamen, konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten. Anordil hatte ihn hart gefordert. Ich glaube, Jean Pierre hatte vorerst genug von Übungsstunden. Wankend begab er sich auf den Rückweg zu seinem Zeltplatz. Anordil folgte ihm unauffällig um sicherzugehen, dass der Franzose auch wirklich dort ankam und nicht im Wald stürzte.

Als die Nacht sich herab senkte war ich unruhig. Ich fühlte, dass etwas in der Luft lag. Ein dumpfes Gefühl breitete sich in mir aus. "Du bist wieder unruhig", kommentierte Anordil, "ich werde wachen. Du kannst unbesorgt sein." "Das ist es nicht", entgegnete ich, "ich bin nicht besorgt wegen mir – sondern wegen Patrick und seiner Familie. – Und wegen den Bewohnern von Shancahir. – Pater Michael. – Den Besuchern des Festes." Einige Sekunden schwieg ich. "Sie haben alle nichts damit zu tun", fuhr ich leise fort, "doch ich bringe sie in Gefahr. Wenn man sie mit mir in Verbindung bringt, so kann dies böse für sie enden. – Marc wäre beinahe gestorben. Ich will nicht verantwortlich sein, dass ihnen etwas passiert."

"Aber du bist in gewisser Weise verantwortlich", erwiderte Anordil mit Nachdruck, "auch wenn du nicht beabsichtigt hast, sie in Gefahr zu bringen, so hast du dies bereits getan. Du lebst mit ihnen. Du redest mit ihnen. Doch sei gewiss, dass die wenigsten wirklich in Gefahr sind. Ihre Unwissenheit schützt sie." Wenn ich dir nur glauben könnte, dachte ich traurig. Anordil nahm mich fest in den Arm. Seine Nähe wirkte tröstlich.

In der Nacht fand ich keinen Schlaf. Ich döste nur vor mich her. Beim geringsten Geräusch war ich wach. So auch, als Anordil mir sacht seine Hand auf meinen Arm legte und behutsam drückte. Lautlos fuhr ich hoch. "Sie sind hier", wisperte er kaum hörbar, "sie schleichen dort draußen herum. Vier Männer." Sie hatten uns gefunden!

Langsam griff ich zu meinen Schwertern. Unhörbar zog ich sie zu mir heran. Wohltuend beruhigend schloss sich meine Hand um den Griff. Jetzt konnte sogar ich das Knacken und Trampeln im Unterholz hören. Die Männer waren so unauffällig, wie eine Horde betrunkener Urûk-hai bei Sonnenschein. "Warte. Kein Blutvergießen. Das Fest ist zu nah", befahl mir Anordil, "ich kann sie sehen. – Sie betreten die Lichtung. Entfache das Feuer, sobald wir aus der Höhle sind."

Gehorsam schlich ich hinter ihm her. Lautlos verschmolzen wir mit der Dunkelheit. Im Schutz der Bäume verharrten wir. Gedämpfte Worte drangen an mein Ohr. Zu leise, als dass ich sie verstanden hätte. Ein leises amüsiertes Ausatmen neben mir verriet jedoch, dass Anordil jedes Wort gehört hatte. "Jetzt", befahl er. In seinen Händen glomm es bläulich auf. Was war denn das für ein Zauber?

Doch ich zügelte meine Neugierde und konzentrierte mich. Sekunden später schoss eine Flamme aus dem erloschenen Feuer hoch. Schlagartig wurde die Lichtung erhellt. Erschrocken fuhren die Männer zusammen. Einer ließ vor Schreck die Pistole fallen. "Herr im Himmel steh' uns bei!", stieß Bruder Ignatio, wenn ich ihn richtig erkannte, hervor und bekreuzigte sich heftig. Dann senkte sich eine Wolke blauen Lichtes über sie. Entsetzte Augen richteten sich auf uns, da wir aus dem Schatten getreten waren. Schließlich mussten wir unsere Ziele sehen, damit die Zauber wirken konnten. Nach Luft ringend gingen die vier zu Boden.

Ich hörte Anordil murmeln. Allmählich verlosch das blaue Licht. Auf dem Boden lagen friedlich schlafend die vier Männer. Einer lag auf seiner Pistole. Die anderen hatten sie noch in den Händen. "So", sagte Anordil zufrieden, "das hat funktioniert. Jetzt nehmen wir ihnen ihr Gedächtnis und dann legen wir sie in die Nähe der Pferdewiese." "Und wie sollen wir sie dahin bekommen?", fragte ich neugierig. Ich hatte keine Lust diese Männer zu tragen.

"Sie werden auf ihren eigenen Füßen gehen", erklärte Anordil, "wenn ich ihr Gedächtnis lösche, ist es mir möglich ihnen kleine Befehle zu geben." Mit offenem Mund starrte ich ihn an. "Du kannst sie manipulieren?" "Nicht direkt", sagte er, "ich kann ihnen in einem gewissen Rahmen Befehle erteilen. Das heißt nicht, dass ich sie wie eine Marionette führen kann."

Er beugte sich über die Männer. Was jetzt folgte, war anstrengende Arbeit. Schweiß lief ihm über das feine Gesicht, als er den Männern die Erinnerung nahm. Er löschte nur wenige Stunden. Dann befahl er ihnen sich zu erheben. Es sah schaurig aus, wie sich die Männer mit hölzernen Bewegungen erhoben und hinter ihm her in den Wald wankten. Etwa eine halbe Stunde blieb er weg. Als er zurückkehrte, fiel er völlig erschöpft auf sein Lager. Er sprach kein Wort, sondern versank fast augenblicklich in jener merkwürdigen Starre, die den Elben zueigen ist, wenn sie tief schlafen.

Ich band mir die Schwerter um und setzte mich in das Zwielicht zwischen Feuerschein und Dunkelheit. Allmählich verlosch das Feuer. Nachdenklich starrte ich in die Glut. Meine Ohren lauschten auf die Geräusche ringsum. Doch nichts schreckte mich auf. Der Rest der Nacht verlief ruhig.

Am nächsten Tag mieden wir den Festplatz. Tags darauf hörten wir leise Schritte, die sich unserem Lager näherten. Es war Brian, der an unser Feuer trat. Er grüßte mit einem kurzen Kopfnicken. "Pater Michael ließ uns vorhin eine Nachricht zukommen", sagte er, als er sich niederließ, "die Männer sind weg. Sie hatten eine merkwürdige Verwirrung am gestrigen Morgen, wonach sie sich heftig stritten. Einer von ihnen untersuchte wohl ein weiteres Mal die Überreste des McGregor-Hauses. Heute morgen schließlich sind sie mit Sack und Pack abgezogen." "Gut zu wissen", warf ich ein, "sie haben wohl nicht gefunden, was sie suchten." Anordil nickte lächelnd. "So hat mein Zauber funktioniert", sprach er zufrieden, "wir werden diesen Tag noch hier verbringen und erst am morgigen Tage zum Fest zurückkehren."

"So könntest du an unserem Turnier teilnehmen", sagte er mit einem breiten Lächeln. Ich ahnte, auf was er hinaus wollte. "Der Bogenschießwettbewerb?", fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits wusste. "Ja", bestätigte Brian. Doch Anordil schüttelte bereits lächelnd den Kopf. "Du weißt, dass dies nicht möglich ist", erwiderte er bedauernd, "der Fairness halber darf ich nicht mitmachen. Wenn es dein Wunsch ist, so können wir uns gerne außerhalb des Turnieres gegeneinander messen. Doch werde ich nicht öffentlich Schießen."

Brian erhob sich. "Ich werde dich beim Wort nehmen", sagte er, "aber ich hoffe, ihr werdet unter den Zuschauern sein." "Bestimmt", sprach ich, "ich will deinen Sieg nicht versäumen." Er lachte. Dann drehte er sich um und verschwand im Wald.

Am Tage des Turniers kehrten wir auf den Festplatz zurück. Das Turnier fand wie stets am zweiten Sonntag der celtic-weeks statt. Der Bogenschießwettbewerb war eigentlich nebensächlich. Brian und Ian nahmen beide daran teil. Allerdings gewann Brian haushoch, wie ich es vorausgesehen hatte. Hauptanziehungspunkt bildeten die Ritterturniere zu Pferde und die ritterlichen Waffengänge. Diese Veranstaltungen lockten zahlreiche Besucher und Touristen auf die celtic-weeks. Viele Ungewandete bevölkerten jetzt den Platz. Neugierig wurden wir Gewandeten beäugt. Vor allem von den Kindern.

Anordil und ich hielten uns im Hintergrund. Wir wollten nicht mehr als unbedingt nötig auffallen. Meist fand man uns in der Heilerstube. Kevin war sichtlich erleichtert, als wir die Stube betraten. Er nickte uns nur kurz grüßend zu, bevor er sich mit seinem Patienten weiter befasste. Heute am Turniertag war mehr zu tun, als gewöhnlich. Dies spürte man nicht nur in der Heilerstube vorne, sondern auch die Sanis im hinteren Bereich bekamen Arbeit. Wortlos nahm Anordil seinen Platz ein.

Da Anordil nun beschäftigt war, suchte ich Eleanor auf. Sie hatte genügend Arbeit für mich. Ich ertappte mich jedoch dabei, dass ich ab und an die Umgebung musterte. Aber mir fiel nichts ungewöhnliches auf.

Der Höhepunkt der diesjährigen celtic-weeks, und diesmal deren Ende, bildete das Lugnasadh-Fest. Nach zwei Wochen brodelnden Lebens im Museumsdorf freute ich mich regelrecht auf den Ausklang. Festliche Stimmung lag in der Luft, denn an diesem Abend würde einer der Händler mit seiner Angebeten zum Altar schreiten. Sie hatten Patrick gefragt, ob er zusätzlich zur Trauungszeremonie Pater Michaels den keltischen Segen sprechen könne.

Der glückliche Bräutigam war zufälligerweise der Italiener, Lorenzo Pallini aus Breschia, bei dem ich damals mein Schuhwerk gekauft hatte. Eleanor würde heute Abend für die frisch Vermählten spielen. Anordil und ich hatten gar ein kleines Geschenk für die beiden Glücklichen. Als wir zu Beginn der celtic-weeks erfahren hatten, dass sie heiraten wollten, gaben wir einen Hochzeitskelch aus Silber beim Silberschmied in Auftrag. Wir ließen ihn mit einem Segensspruch auf Sindarin schmücken. Dazu wurde er verziert mit Blüten und Ranken. Wir hofften, dass er den beiden gefallen würde.

Als es dämmerte, wurden überall Feuer und Fackeln entzündet. In feierlicher Prozession begaben wir uns zur Lugh-Kultstätte. Stimmungsvoll zelebrierte Patrick die Zeremonien zu Ehren des Lugh. Anschließend räumte er den Platz für Pater Michael. Dieser trug heute Abend die Kutte eines mittelalterlichen Mönches.

"Liebe Freunde", hob er an, "vor einigen Monaten erreichte mich eine ungewöhnliche Bitte aus dem fernen Italien. – Ich möge doch am Lugnasadh bei den celtic-weeks eine Trauung vollziehen." Er lächelte in die Runde. „Ausgerechnet am Festtag einer keltischen Gottheit sollte eine katholische Messe gelesen werden", sprach er mit gespieltem Ernst weiter, „erstaunt fragte ich nach dem Warum. – Als Antwort kam, dass man sich eine Zeremonie unter freiem Himmel wünschen würde. Eine Zeremonie, die denen ähnelte, die im Mittelalter gebräuchlich waren. Noch ungewöhnlicher daran war, dass zeitgleich der Druide von Shancahir um dessen Segensspruch gebeten wurde." Er verstummte kurz. „ – Als katholischer Priester hatte ich zuerst Bedenken gegen diese Art der Eheschließung", erklärte er, „doch ich sagte zu. Denn vor Gott wollten zwei Menschen in den heiligen Stand der Ehe treten. Unter welch ungewöhnlichen Bedingungen, war dabei nebensächlich. – Sorgfältig bereitete ich diese Zeremonie vor und vergrub mich in dem kleinen Archiv meiner Kirche, dass sich im Laufe der Jahrhunderte durch meine Vorgänger und mich angesammelt hatte. Nach einer Weile fand ich das Ansinnen von Lorenzo und seiner angebeteten Ines nicht mehr absurd. Vielmehr empfinde ich es nun als Verbeugung vor den Religionen. – Nun genug der Vorrede. Lorenzo und Ines, ich bitte euch vorzutreten."

Erwartungsvoll hatte jeder den Worten des Paters gelauscht. Jetzt löste sich Lorenzo aus der Menge und führte seine Braut nach vorne. Sie bildeten ein schönes Paar. Lorenzo trug eine Gewandung aus dunkelbraunem Samt mit Goldstickereien und cremefarbenen Aufschlägen. Seine Braut Ines war in ein cremefarbenes Gewand mit Goldstickereien gewandet. Es betonte ihre schlanke Gestalt. Kleine Blüten steckten in ihrem dunkelbraunen Haaren. Ihre dunklen Kirschaugen funkelten vor Glück. Pater Michael schaute in die Runde.

"Ich habe mich entschlossen, nach dem ich mit euch beiden gesprochen hatte, eine einfache schlichte Zeremonie zu wählen", sagte der Pater, "deshalb frage ich – Lorenzo, bist du gewillt Ines als deine Gemahlin in den heiligen Stand der Ehe zu erheben?" "Ja, das bin ich", anwortete dieser fest. "Nun frage ich dich, Ines, bist du gewillt, Lorenzo als deinen Manne anzunehmen", wandte sich Pater Michael an die Braut. "Ja, das bin ich", kam von ihr die Antwort.

"Ihr habt beide mit einem klaren Ja geantwortet", fuhr der Pater fort, "nun frage ich die Anwesenden. – Wenn einer unter euch weilt, der Gründe vorbringen kann, dass dieser Bund nicht vor Gott eingegangen werden darf, so solle dieser nun vortreten und sprechen oder für immer schweigen." Bange Sekunden der Stille folgten.

"Nachdem keiner Einwände gegen den Bund der Beiden hat, kann dieser geschlossen werden", sagte der Pater nach einer kurzen Weile, "sprecht mir nach – Ich, Lorenzo Matteo, nehme dich, Ines Maria Regina, zu meinem Weibe vor dem Angesicht Gottes. Ich gelobe dich zu lieben, zu achten und in Ehren zu halten so lange ich lebe. Ich gelobe dir Treue in guten, wie in schlechten Zeiten, in Krankheit und Gesundheit, bis dass der Tod uns trennen wird." Lorenzo wiederholte mit fester Stimme den Eheschwur.

Nun war Ines an der Reihe. "Ich, Ines Maria Regina, nehme dich, Lorenzo Matteo, zu meinem Ehemann vor dem Angesicht Gottes. Ich gelobe dich zu lieben, zu achten und zu ehren so lange ich lebe. Ich gelobe dir Treue und Gehorsam. In guten, wie in schlechten Zeiten, in Krankheit und Gesundheit, bis dass der Tod uns trennen wird." Überrascht blickte ich auf. In dieser modernen Zeit gelobte sie ihm Gehorsam. Das war äußerst ungewöhnlich.

"Nach dem nun beide vor Gott ihren Eheschwur gesprochen haben, bleibt mir nur eines zu tun", lächelte Pater Michael, "ich reiche euch die Ringe, die ihr mir heute morgen zur Segnung gebracht habt." Nach dem die beiden die Ringe getauscht hatten fuhr der gute Pater fort. "Reicht euch die Hände. – Ich segne diesen Bund, der vor Gott geschlossen wurde. Möge er wachsen und gedeihen. – Somit erkläre ich euch zu Mann und Frau." Lorenzo gab seiner Ines einen zärtlichen Kuss. Nun tauschten Pater Michael und Patrick die Plätze.

"Mir erging es ähnlich, wie dem guten Pater", hob Patrick an, "auch ich empfand es als ungewöhnlich, was die beiden an uns heran trugen. Doch nun stehen sie vor mir und erwarten meinen Segen als Druide von Shancahir. – Wie ich vorhin erwähnte symbolisiert das Lugnasadh Fruchtbarkeit und Fülle. Dem Gott Lugh wird für eine reiche Ernte gedankt." Er sah die beiden mit Freude an. „Und Fruchtbarkeit ist es, die einer Ehe den eigentlichen Segen und Erfüllung bringen", sagte er, „aus diesem Grunde wurden seit alters her am Lugnasadh viele Ehen geschlossen. – Ihr habt vor einigen Minuten erklärt, dass ihr freiwillig vor diesen Altar getreten seid, um euch zu binden. Niemand hat euch dazu gezwungen. – Deshalb verzichte ich auf eine Wiederholung der Bindeschwüre, denn jeder hat eure Worte gehört und kann sie bezeugen." Er legte eine kurze Pause ein und blickte in die Runde. „Ich spreche meinen Segen über diesen Bund", sprach er feierlich, „ich rufe den Segen Lughs, Belenus' und den Segen der Großen Mutter Brigid auf euch herab. Möge Belenus euch Licht sein auf eurem Weg. Lugh möge euch beschützen und Brigid euch Weisheit und Liebe schenken. Dieser Bund sei besiegelt."

Damit endete die Zeremonie. Wir folgten dem frischvermählten Paar in lockerer Ordnung zum Festplatz. Die Stimmung war sehr ausgelassen. Ich erinnerte mich an einen ähnlichen Abend einige Jahre zuvor, als Anordil und ich den Bund schlossen. Während des Abends konnten wir den beiden unseren Glückwunsch aussprechen. Mit dem gefüllten Hochzeitskelch gingen wir zu ihnen hinüber.

"Wir wünschen euch zu eurer Vermählung viel Glück", sagte Anordil zu ihnen, "möget ihr viele glückliche Tage vor euch haben." Er reichte ihnen den Kelch. Verblüfft blickte Lorenzo auf die Gabe. Es war ihm anzusehen, dass er den Wert des Kelches hoch einschätzte, denn er zögerte ihn zu ergreifen. Doch ihm blieb keine Wahl. Ein Geschenk zur Vermählung durfte nicht abgelehnt werden. Egal wie profan oder kostbar es war.

"Vielen Dank", sagte Lorenzo, "dies ist ein äußerst großzügiges Geschenk." Er nahm den Kelch entgegen und trank ihn mit seiner Frau aus. "Ich erkenne sie", sagte Lorenzo unvermittelt zu mir, "von Ihnen hatte ich die Schuhe der unbekannten Machart vor einigen Jahren erhalten." Ich nickte zustimmend.

"Sie haben Recht", antwortete ich, "von mir sind die Schuhe. Konnten sie diese verwenden?" "Oh, wie freue ich mich", strahlte er mich an, "durch Ihre Schuhe habe ich Ines kennen gelernt." Seine Frau neben ihm errötete ein wenig. "Bitte kommt an unseren Tisch", lud er uns ein. "Aber es ist euer Abend. Eure Familie gehört an diese Tafel, nicht wir", entgegnete ich. Ungestüm zog er uns an den festlich geschmückten Tisch, der sich unter den Speisen bog. "Ohne euch wäre mir Ines nie begegnet, folglich gehört ihr zur familia", sagte er lachend, "außerdem sind unsere Familien in Italien geblieben. Wir werden dort noch einmal heiraten in einer der Kirchen Roms, wie es italienische Sitte ist. – Kommt, kommt. Setzt euch und feiert mit uns."

An der Tafel entdeckte ich zahlreiche Gesichter, die ich kannte. Händler, Ritter, Gaukler und Musiker aus unterschiedlichen Landen. Vereint durch eine Passion und die Leidenschaft an den alten Kulturen. Es wurde ein langer Abend. Lorenzo erzählte uns spät in der Nacht, dass er sich mittlerweile in Rom niedergelassen hatte. Die Familie seiner Ines kam daher. Es waren Gerber, bei denen er ein besonderes Leder für die Kopie meiner Schuhe gekauft hatte.

Am Ende der Nacht verabschiedete er uns wie liebe Freunde. "Solltet ihr nach Italien kommen, so besucht uns in Rom", sagte er überschwänglich, als wir uns zurückziehen wollten, "für euch ist immer ein Bett vorhanden." "Vielen Dank, Lorenzo", erwiderte Anordil, "wir werden Euer Angebot nicht vergessen." Er drückte ihm noch mal die Hand. Galant verbeugte sich Lorenzo vor mir. "Vergesst es nicht", betonte er nachdrücklich, "bald sind Römerspiele. Vielleicht lenkt das Schicksal eure Füße nach Rom." Ich war mir da nicht so sicher. Eigentlich hatte ich nicht die Absicht nach Rom zu fahren. Obwohl es schön sein sollte. Aber die Nähe zum Vatikan verstärkte meine Abneigung.

Als wir den Festplatz verließen, war die Feier noch im vollen Gange. Dabei war es weit nach Mitternacht. Ich war müde. Kaum konnte ich die Augen offen halten. Anordil führte mich jedoch sicher zu unserer Höhle. Dort fiel ich auf unser Lager und schlief tief und traumlos an Anordil angekuschelt ein.

to be continued ...

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