Bereits früh am nächsten Morgen verließen wir Sedan Richtung Brüssel. Der dortige Flughafen lag deutlich näher als der von Paris. Wir verließen Frankreich oder eher gesagt Belgien Richtung Italien. Unser Ziel hieß Rom. Und damit rückte der Vatikan ebenfalls in greifbare Nähe. Die Höhle des Löwen. Ich war angespannt. Bis jetzt war alles glatt gelaufen. Keiner hatte uns bemerkt. Nun gut, so gut wie keiner. In Sedan hätten die Kirchenmänner um ein Haar unsere Spur erfasst. Doch nur der Antipathie eines Baders der römischen Kirche gegenüber war es zu verdanken, dass ihre Suche im Sande verlaufen war und sie unverrichteter Dinge aufbrechen mussten. Jetzt wagten wir uns in ihre direkte Heimat. Ob das gut gehen würde?
Als das Flugzeug zur Landung auf dem römischen Flughafen Leonardo da Vinci in Fiumicino nahe Ostia Antica, dem alten römischen Seehafen, ansetzte, wurde mir ein wenig unwohl. "Das Spiel ist diesmal unseres", flüsterte mir Anordil zu, "wir halten die Fäden in der Hand." "Trotzdem ist mir merkwürdig zu Mute", erwiderte ich leise, "wir sind nur zu zweit und hier sind wir in ihrer Stadt. - Rom ist zum größten Teil von Priestern, Mönchen, Nonnen und anderen Kirchenangehörigen besiedelt. Wenn wir gejagt werden, könnte das unser beider Ende sein."
Anordil lächelte sanft. "Es könnte sein, dass sie es bereuen würden." Überrascht sah ich ihn an. "Welches As hast du im Ärmel, dass du derart gelassen da sitzt", fragte ich eindringlich. "Ich kann dir schlecht meine ganzen Tricks verraten", lachte er verschmitzt, "und – was ist eigentlich ein As im Ärmel?" Ich hatte vergessen, dass er Poker nicht kennen konnte. Vielleicht sollte ich es ihm bei Gelegenheit beibringen. Ich seufzte ergeben.
Das Flugzeug legte sich in eine Kurve. Ich konnte das Kolosseum unter uns sehen. Mehr als 2000 Jahre Geschichte erwartete uns – und möglicherweise Dutzende von Männern in Schwarz. Ich beschloss nicht mehr daran zu denken. Tief atmete ich durch und fühlte die Ruhe in meinen Körper zurückkehren.
Eine halbe Stunde später waren wir sicher gelandet. Als wir aus der Landezone kamen, wurden wir von einem Fahrdienst des Veranstalters empfangen. "Willkommen in Rom", begrüßte er uns, "ich bin Marco Manfredini, ich bin beauftragt Sie zum Kloster bringen." Sein Englisch war mit einem starken Akzent versehen. Kloster? Bei mir stellten sich die Nackenhaare auf.
"Kloster?", fragte ich laut. Er nickte heftig. "Das diesjährige Feste Medievali findet in einer Klosteranlage außerhalb von Rom statt." Ich sah Anordil an. Er nickte. Der Mann sprach wohl die Wahrheit. Ein kurzer Blick auf das Amulett bestätigte mir das. Wir folgten ihm nach draußen. Nach Rom selber würde man von hier aus ungefähr eine halbe Stunde benötigen.
"Sie sind ein wenig zu früh", sagte Marco, als wir in dem Kleinbus saßen, "draußen ist man mit den Vorbereitungen beschäftigt. Aber ihrer Unterbringung in der Anlage steht nichts im Wege. Die Tage bis zur Eröffnung der Feste Medievali können sie ja mit einer Besichtigung Roms verbringen." "Das wäre schön", antwortete ich geistesabwesend, "Rom haben wir beide bisher nicht gesehen." Anordil drückte beruhigend meinen Arm. Seine Nähe ließ meine Nervosität sinken.
Marco legte einen typisch italienischen Fahrstil an den Tag. Mehr als einmal musste ich die Luft anhalten. Anordil lehnte jedoch lässig im Sitz. Nach einigen Minuten konnte ich mich gleichfalls entspannen. Nun ließ ich die italienische Landschaft auf mich einwirken, die an uns vorüberzog. Leicht hügelig lag dieser Landstrich zwischen dem Tyrrhenischen Meer im Westen, den Monti Sabatini im Norden und den südlich gelegenen Albaner Bergen. Ab und zu konnte man halbüberwachsene Ruinen antiker Gebäude erkennen.
Kurz vor Rom bogen wir nach Norden ab. Marco fuhr auf die Monti Sabatini zu. Diese erhoben sich etwa 1800 Fuß hoch über die Landschaft, die geprägt wurde von Olivenbäumen, Kastanien und Zypressen. Ausgedehnte Wiesen und Felder vervollständigten das Bild.
Schließlich sahen wir die Klosteranlage vor uns. Sie war erstaunlich gut erhalten. Was wohl mit daran lag, dass sie noch von ein paar Mönchen bewohnt wurde. Uns wurde eine Kammer im Gästebereich des Klosters zugewiesen. Neugierig sahen wir uns um. Die Mönche machten nicht den Eindruck, als würde von ihnen Gefahr ausgehen. Anordil schüttelte leicht den Kopf. Diese Männer hatten anscheinend nichts von unserer Verfolgung durch die Inquisition gehört.
In der Klosteranlage herrschte reges Treiben. Es wurden Stände und Zelte aufgebaut. Überall hörte man es hämmern und klopfen. Als wir durch die Anlage gingen, stolperten wir über einen alten Bekannten. Aus einer der verwinkelten Gänge drang ein lauter Wortwechsel auf Italienisch. Anordil hielt mich lächelnd zurück.
"Einer von diesen Streithähnen ist Lorenzo", sagte er zu mir, "die Sprache, die sie sprechen klingt auffallend melodisch. Schade, dass wir nicht länger bleiben, dann könnte ich sie erlernen. Sie gefällt mir." "Oh, einen Teil davon beherrschst du bereits", schmunzelte ich, "ich hatte dir Latein beigebracht. Latein ist die Basis für eine Reihe von heutigen Sprachen. Unter anderem Italienisch, Spanisch und Französisch. Italienisch kommt dem alten Latein am nächsten. Wenn die langsam sprechen, wird es dir auffallen. Vor allem bei den Wortstämmen." "Trotzdem bedauere ich es", gab er zurück, "ich würde es gerne fließend sprechen können. In der Zeit, die wir in diesem Land verbringen, kann ich leider nur ansatzweise die Verständigung erlernen."
Sprachlich gesehen war Anordil ein Phänomen. Er hatte es auf unserer Reise fertig gebracht sich grundlegende Kenntnisse in Spanisch und Französisch beizubringen. In den paar Tagen, die wir in Italien sein würden, würde er das Kunststück vollbringen sich zumindest grob in Italienisch verständigen zu können. Ich wünschte nur, ich hätte diese Fähigkeit. Sie wäre im Studium sehr zu begrüßen gewesen. Ich hatte mich mit Hebräisch und Altgriechisch eher abgequält. Dank meines Vaters und seiner Lerntechnik konnte ich mich allerdings immer noch auf einfachem Niveau in diesen Sprachen verständlich machen.
Ein wenig langsamer bogen wir um die Ecke. Und tatsächlich sahen wir Lorenzo Pallini vor uns, der in einem heftigen Wortwechsel mit zwei anderen Handwerkern war. Gestenreich war diese Unterhaltung. Plötzlich entdeckte er uns und schlagartig hörte er auf, auf die anderen einzureden. Freudestrahlend kam er uns entgegen.
"Das ist eine Freude!", strahlte er uns an, "ich hatte nicht damit gerechnet, dass ihr so rasch meiner Einladung folgt. – Willkommen in Rom." Herzlich umarmte er uns. Er ließ uns nicht zu Wort kommen. "Ihr müsst heute Abend unsere Gäste sein", sprach er weiter, "Ines wird sich ebenfalls freuen." "Vielen Dank für deinen Willkommensgruß", erwiderte Anordil, "wir sind gerne deine Gäste." "Wie ich sehe, nimmst du ebenfalls an den Feste Medievali teil", sagte ich und deutete auf den halbfertigen Stand. Lorenzo verdrehte die Augen. "Oh ja,", entgegnete er seufzend, "wenn nur diese Handwerker aufmerksamer wären. ... Verzeiht, ich muss ... bis später ... ich hole euch gegen fünf an der Pforte des Klosters ab." Ohne eine Antwort unsererseits abzuwarten wandte er sich mit einem lauten italienischen Wortschwall erneut an die Handwerker. Schmunzelnd gingen wir weiter.
Uns blieb noch viel Zeit und bis dahin schlenderten wir ein wenig auf dem Gelände herum. Aufmerksam prägten wir uns den Grundriss ein. Wir würden annähernd zwei Wochen in diesen Gemäuern verweilen. Es konnte nicht schaden, wenn man auf alles vorbereitet war. Kurz vor der vereinbarten Zeit machten wir uns ein wenig frisch und zogen saubere Kleider an.
Gemütlich gingen wir zum Treffpunkt. Von weitem hörten wir Lorenzo. Er schimpfte den wegfahrenden Handwerkern hinterher. "Um alles muss man sich selber kümmern", seufzte er zur Begrüßung, "wenn man nicht aufpasst, bekommt man nur Schrott geliefert." Er fluchte nochmals kurz und heftig auf italienisch. Danach verzog sich das Gesicht zu einem heiteren Strahlen.
"Aber nun kommt, meine Freunde", lachte er laut, "es ist mir eine Ehre, dass ihr heute Abend meine Gäste seid. Wir müssen uns eilen, meine Ines wartet. – Und schöne Frauen sollte man nicht warten lassen." "Da kann ich dir nur beipflichten, Lorenzo", lächelte Anordil und sah mich liebevoll an. Ich spürte, wie meine Wangen anfingen zu glühen.
Raschen Schrittes eilte Lorenzo uns voraus zum Parkplatz. Als ich schließlich sein Gefährt sah, wurde mir jedoch Angst und Bange. Der Begriff Klapperkiste würde es nur beschönigen. Anscheinend hielt nur der Rost die einzelnen Bauteile zusammen. Ohne mit der Wimper zu zucken stiegen wir ein. In einem Wahnsinnstempo jagte Lorenzo mit diesem Vehikel über die Straßen. Es rumpelte und ratterte, dass ich befürchtete, der Wagen bräche auseinander. Anordil zog eine Augenbraue hoch. Während der Fahrt sprudelte Lorenzo in einem fort. Er wohnte mit seiner Familie in einem der Vororte. Eher gesagt, er wohnte bei der Familie von Ines. Er erzählte uns von seiner Ines und den Schwiegereltern und dem Geschäft und seiner Werkstatt und den Kindern und ...
"Gleich sind wir da", sagte Lorenzo und deutete nach vorne, "dort, wo die Olivenbäume stehen, das ist das Haus meiner Ines." Erleichtert folgte ich seinem Finger.
Ein größeres Anwesen war dort zu sehen. Umgeben von Oliven- und Obstbäumen. Zu früheren Zeiten musste es ein Gehöft gewesen sein. Das Hauptgebäude war groß mit einem umgebenden großzügigen Garten. Vier Generationen lebten gemeinsam unter einem Dach. Die Gerberei schien in den Nebengebäuden untergebracht zu sein. Diese sahen aus wie niedrige Scheunen. Auf der Wiese daneben hingen verschiedene Lederstücke zum Trocknen. Andere lagen ausgebreitet auf dem Gras. Von einer Gerbergrube vor einem der scheunenartigen Nebengebäude stieg Dampf auf. Ein leichter Geruch nach Gerbsäure und Leder lag in der Luft.
Eine ältere Frau in einem dunkelgrünen, verhalten getupften Kleid und weißer Schürze kam uns entgegen. Ihr Haar war grau und zu einem strengen Knoten gekämmt. Wild gestikulierte sie durch die Gegend und überschüttete Lorenzo mit einem Schwall in italienisch. Herzlich umarmte Lorenzo die Frau.
"Das ist Regina, die Mutter meiner Frau", stellte Lorenzo sie uns vor. Gestenreich erklärte er ihr, wer wir waren. Ein Strahlen ging auf einmal über ihr Gesicht. "Willkommen", begrüßte sie uns und umarmte uns herzlich, "ich nicht gut Englisch. – Willkommen." Eine Antwort unsererseits wurde nicht erwartet. Regina wies auf die Tür. "Tretet ein", forderte Lorenzo uns auf.
Durch die große Eingangstür aus Pinienholz betraten wir das Haus. Innen war es angenehm temperiert und dämmerig. Das lag zum einen an dem dunklen Holz, mit dem Wände und Decke getäfelt waren, zum anderen am Marmorfußboden, der in einem feinen Mosaik gelegt war. Lorenzo geleitete uns quer durch das Haus zur Terrasse. Dort deckte Ines mit einer anderen jungen Frau den Tisch. Als sie uns sah, strahlte sie uns an.
"Oh, herzlich willkommen in unserem Haus", begrüßte sie uns, "ich freue mich, dass ihr hier seid. Lorenzo hatte vorhin angerufen. – Dies ist Alma, meine Schwester. Ihr Mann Giovanni wird nachher kommen." Nach und nach trudelte die gesamte Familie ein. Wir lernten Giuseppe, Reginas Mann, kennen und die drei Kinder von Alma. Dazu kamen weiterhin zwei Cousins, drei Cousinen, deren Lebenspartner und die Kinder, zehn an der Zahl, die Schwester von Regina, die als Witwe mit ihm Haus lebte und der Vater von Giuseppe. Alle hießen uns in typisch italienischer Manier willkommen.
Die italienische Gastfreundschaft war bemerkenswert. Das Essen zudem äußerst reichhaltig. Verschiedene Antipasti wurden mit frischem Brot gereicht. Gefolgt von einem Nudelgericht mit Chilisauce. Danach gab es gefüllte Sardinen, in Weißwein gegarter Aal, Porchetta, das ist ein Spanferkel, welches mit Speck, Schinken und verschiedenen Kräutern gefüllt war, frittiertes Gemüse und Geflügelragout mit Tomaten. Als Dessert wurde Ricottaeis mit Rum, Mürbeteiggebäck und Obst gereicht. Alles natürlich hausgemacht. Zu jedem Gang gab es Wein. Dieser stammte aus dem hauseigenen Weinberg. Die Unterhaltung während des Essens gestaltete sich reichlich schwierig, doch Lorenzo, Ines, Alma und Giovanni konnten Englisch und übersetzten für die anderen.
Anordil nahm alle Eindrücke aufmerksam in sich auf. Wie so oft, war er auch hier von den Kindern umringt. Nur die Kommunikation stellte sich ein wenig schwierig dar. Aber irgendwie schaffte es Anordil sich mit den Kindern zu verständigen. Er unterhielt sich mit Händen und Füßen und fragte Worte nach, in dem er einfach auf was deutete. Sie hatten zumindest ihren Spaß. Vor allem waren sie von seinen Illusionen begeistern. Er zauberte ein paar kleinere Tricks. Die Kinder versuchten hinter die Tricks zu kommen, da er aber richtige Magie verwendete, würden sie lange suchen können. Aber auch wenn sie es nicht herausfanden, waren sie begeistert. Sogar die Erwachsenen applaudierten in italienischem Überschwang. Manfredo, einer der Cousins von Ines, zog später eine Gitarre hervor. Es wurde gesungen und getanzt. Ausgelassene Heiterkeit bestimmte den Abend.
Es ging bereits auf Mitternacht zu, als wir uns ein wenig mit Giovanni Marchelli, Almas Mann, unterhalten konnten. Dieser war ein nahezu typischer Italiener. Recht klein gewachsen, er ging Anordil kaum bis zur Schulter, und von drahtiger Gestalt. Seine Haut war sonnenverbrannt. Das Haar nachtschwarz und recht kurz geschnitten. Die dunkelbraunen Augen blitzten im Kerzenschein. In seinem Blick lag die Neugier des Wissenschaftlers.
"Lorenzo erzählte mir, dass ihr ebenfalls begeistert seid von Geschichte", sprach er uns an und schenkte Wein in unsere Kelche nach. "Das ist richtig", erwiderte ich, "Garret und ich studieren Keltologie in Dublin. Wir haben dieses Jahr die celtic-weeks in Shancahir mit organisiert. Das dortige Museumsdorf soll einen lebendigen Einblick in die Kultur der Kelten ermöglichen."
"Ja, Lorenzo war begeistert, als er nach Hause kam", erzählte Giovanni, "er meinte, es wäre das schönste Fest gewesen, wo er seit langem war. – Ich bin im Museum Massimo alle Terme beschäftigt. Studiert habe ich römische Geschichte. Meine Dissertation schrieb ich über Kaiser Nero und den Brand Roms." "Woran arbeitest du zurzeit", fragte ich interessiert. "Wir arbeiten wieder am Kolosseum", seufzte Giovanni, "immer wieder gibt es Unterbrechungen zwecks Geldmangels. Wir nutzen es aus, wenn Mittel zur Verfügung stehen. Ein reicher Firmenmagnat hatte unlängst eine größere Summe zur Verfügung gestellt. Das wird wieder ein Weilchen reichen. Es gibt soviel zu Entdecken in den Tiefen des Kolosseums. – Im übrigen haben wir einige keltische Symbole gefunden. Mit großer Wahrscheinlichkeit von Sklaven hinterlassen. Schließlich hielt das Römische Reich eine große Anzahl Sklaven aus den eroberten Gebieten in Rom."
Ich horchte auf. Keltische Symbole gingen oft mit Kultplätzen einher. "Und wo wurden diese gefunden", fragte ich neugierig. "In den unteren Gewölben des Kolosseums. Wir fanden an der Wand einer der Kerker merkwürdige Linien und Zeichen, die eindeutig keltischen Ursprunges sind. In einer der Katakomben vor den Toren Roms haben wir ebenfalls diese Symbole gefunden. Eine davon ist außerdem mit einer Inschrift versehen", antwortete Giovanni, "bis zu den Römerspielen ist es ja knapp eine Woche. Wenn ihr wollt, führe ich euch gerne ein bisschen durch meine Stadt. Ich habe zurzeit sowieso nicht allzu viel zu tun und könnte mir ein paar Tage frei nehmen." "Das wäre wunderbar", erwiderte ich begeistert.
Wir unterhielten uns eine ganze Weile. Als wir schließlich aufbrechen wollten, hielt uns Lorenzo zurück. "Es ist viel zu spät, als dass ihr euch auf den langen Weg zum Kloster machen solltet", sagte er, "gebt mir die Ehre euch unter meinem Dach zu beherbergen." "Ihr habt uns bereits großzügig bewirtet", erwiderte Anordil vorsichtig, "wir möchten euch nicht weiter behelligen." Lorenzo lachte laut. "Oh nein, ihr seid meine Gäste", lachte er, "Gastfreundschaft bedeutet in Italien außerordentlich viel. Keine weiteren Ausreden, ihr bleibt den Rest der Nacht unter meinem Dach. Ines wird euch das Zimmer zeigen. Und morgen früh bringe ich euch persönlich zum Kloster." Dagegen konnten wir nichts einwenden. Südländer sind in punkto Gastfreundschaft äußerst eigen.
Am nächsten Morgen wurden wir zu einem Frühstück eingeladen. Es gab hausgemachte Hörnchen und Kaffee. Ich wusste, dass Anordil keinen Kaffee mochte, aber er trank ohne eine Mine zu verziehen seine Tasse aus. Er war viel zu höflich, als dass er es ablehnen würde.
Anschließend fuhren wir mit Lorenzo zum Kloster. Dort zogen wir frische Kleidung an. Giovanni würde uns in einer Stunde zu der ersten Sightseeingtour abholen. Ich war äußerst gespannt. Auf der Fahrt nach Rom erzählte uns Giovanni, was er für heute geplant hatte.
"Da wir eine Woche Zeit haben, bevor die Feste Medievali anfangen, dachte ich, ich werde euch Rom entspannt zeigen. Heute dachte ich daran mit dem Kolosseum anzufangen und von da aus zum Forum Romanum zu spazieren. Das dürfte für heute genügen. Morgen habe ich den Palatin und das Palazzo Massimo alle Terme geplant. Vielleicht ein wenig durch das antike Zentrum wandern bis zur Tiberinsel. - Wir werden sehen, wie weit wir kommen. Für den dritten Tag hatte ich einen kleinen Ausflug zur Via Appia Antica mit einem Besuch der Katakomben vorgesehen. Der Vatikanstaat würde am vierten Tag auf dem Programm stehen. Aber dorthin werde ich euch nur bis zur Grenzlinie bringen. Den Boden des Vatikans betrete ich nicht. Und von da dachte ich einen Abstecher zur Engelsburg zu machen." Das war ein anstrengendes Programm, was er da zusammengestellt hatte, aber wir wollten es ja nicht anders.
Giovanni erzählte uns viel über die Geschichte Roms. Aufgrund seiner Arbeit wusste er immens viel. Als erstes deutete er auf einen der Kanaldeckel, die in regelmäßigen Abständen im Pflaster eingelassen waren. "An dieser Stelle seht ihr die Verbindung des alten und des modernen Rom", erklärte er lachend, "auf den Kanaldeckeln findet man noch heute die Abkürzung SPQR - Senatus Populusque Romanus. Senat und Volk von Rom trafen viele Entscheidungen über die Geschicke der Stadt gemeinsam. In Erinnerung daran, wird heute diese Abkürzung verwendet."
An den Sehenswürdigkeiten im antiken Zentrum konnte man immer wieder Leute in altrömischer Gewandung sehen. Sie vermittelten einen Eindruck dessen, wie es zur römischen Kaiserzeit ausgesehen haben musste. Giovanni erklärte uns, dass dies nur zu den Römerspielen so wäre. Normalerweise konnte die Stadt sich die Leute nicht leisten.
"Die Gebäude ähneln ein wenig denen in Mirëdor", flüsterte Anordil mir auf Sindarin zu, "sogar die Gewänder sind ähnlich." Interessiert schaute er sich um. Vor dem Kolosseum blieben wir einen Moment stehen. Wir ließen diesen riesigen Bau auf uns wirken. Die Außenwand des Gebäudes wird von einer klassischen Säulenanordnung bestimmt, so viel wusste ich aus den Geschichtsvorlesungen. Marc hatte mir gleichfalls viel darüber erzählt. Unten dorische, darüber in der zweiten Reihe ionische und ganz oben korinthische Halbsäulen rahmen achtzig Rundbögen. Die Mauern sahen aus, als wären sie beschossen worden. Überall waren Löcher im Gemäuer zu sehen. Allerdings erschienen sie zu regelmäßig für Einschusslöcher. "Weshalb sind so viele Löcher in den Steinen?", fragte ich Giovanni, "Einschüsse?" Dieser verzog den Mund zu einem breiten Lachen.
"Jeder meint, das Kolosseum sei früher im Zweiten Weltkrieg beschossen worden", hob er an, "aber daran ist nichts Wahres. Die Löcher stammen von den Eisenklammern, welche die Blöcke mit einander verbunden haben. Allerdings war Eisen im Mittelalter äußerst begehrt und deshalb wurden sie entfernt und eingeschmolzen. Manche Löcher stammen von der Marmorverkleidung, mit der das Kolosseum einst versehen war. Diese musste schließlich befestigt werden. In der Antike gab es im übrigen viele Gatter und Tore, die ebenfalls ihre Befestigung benötigten. Daher die vielen Löcher. – Und seht ihr da oben die viereckigen Löcher?"
Wir sahen hinauf und nickten. Dort konnte man im vierten Geschoss viele viereckige Löcher sehen. "In diesen kleineren Löchern wurden damals 240 Balken verankert", erklärte Giovanni, "diese trugen die Segeltuchkonstruktion, welche die Zuschauer vor der Sonne schützte. Kaiser Vespasian ließ dieses Amphitheater bauen. Es war das erste, was gänzlich aus Stein erbaut und das größte, was je errichtet wurde. Es ist knapp fünfzig Meter hoch – das entspricht etwa 170 englische Fuß - und fasste zu seinen besten Zeiten etwa Fünfzigtausend Zuschauer. Damit kann es mit den heutigen Fußballstadien durchaus mithalten. Allerdings erlebte Vespasian die Fertigstellung nicht mehr. Sein Nachfolger und Sohn Titus weihte es mit hunderttägigen Festspielen ein. – Freigebigkeit war schließlich eine Kaisertugend."
Er führte uns ins Innere des Kolosseums. Dort wurde bereits kräftig dekoriert für die Römerspiele. Anordil zeigte sich beeindruckt von der Größe der Arena. "Zu Zeiten des römischen Imperiums wurden auf diesem Sand Gladiatorenkämpfe veranstaltet", sagte Giovanni und deutete ins Rund, "Mann gegen Mann oder Mann gegen Bestie. In dieser Arena sind Tausende von Menschen gestorben und ihr Blut tränkte diese Mauern."
Die eine Hälfte der Arena war mit Sand bedeckt, wie in der Antike. In der anderen Hälfte konnte man in die Untergeschosse blicken. In der Mitte stand ein großes Holzkreuz. "Dadurch, dass ein Teil der Arena abgedeckt ist, kann man in das Innenleben hinein schauen", sagte er und deutete hinunter, "bei den laufenden Ausgrabungen entdeckte man raffinierte Aufzüge und Gänge unter dem 78 m langen und 46 m breiten Innenraum, durch welche die wilden Tiere und gelegentlich Gladiatoren oder Gefangene in die Arena gelotst wurden. Das Kreuz, das ihr dort drüben seht, soll an die an diesem Ort getöteten christlichen Märtyrer erinnern."
Hinten in der einen Ecke konnte man ein paar Männer mit Gerätschaften sehen. Sie vermaßen das Gemäuer vor ihnen. Einer zeichnete auf einen Block. Anordil nickte ernst und tastete mit seinem Blick das Gemäuer ab. "Ich kann die Geister spüren", wisperte er auf Sindarin, "es ist ein enormes magisches Kraftfeld vorhanden. - Ich sehe wie durch einen Wasserspiegel. - Menschen kämpfen. Menschen sterben. Männer, Frauen und Kinder. Die Menge jubelt. Banner wehen im Wind. Adel in Dekadenz. Viele Kreuze an denen Menschen hängen. Feuer und Wasser. Wilde Tiere, die Leiber in Fetzen reißen. – Eine Frau sieht mich an. Sie steht in der Menge. – Nein, jetzt ist sie in einem dunklen Raum und deutet zu mir herüber. Eine Gruppe von Kindern sitzt zu ihren Füßen. Grauen ist in ihren Blicken."
Entsetzt schaute ich ihn an. Sein Blick war in die Ferne gerichtet. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich spürte schwach das magische Feld. Giovanni war ein Stück vor gelaufen. Er erklärte immer noch. Ich hörte allerdings nicht mehr zu. "Ich bin mir sicher, dass das die Atmosphäre dieses Platzes ist, die wir spüren", antwortete ich mit rauer Stimme, "kannst du wirklich diese Bilder sehen?" Er nickte. Bevor er antworten konnte, rief uns Giovanni zu sich. Er zeigte uns die Kaiserloge. Jetzt schien es mir, als könne ich ebenfalls die Menge jubeln und die verzweifelten Schreie der zum Tode Verdammten hören. Ein Frösteln überkam mich.
"Wir müssen in der Dunkelheit an diesen Ort zurückkehren", flüsterte Anordil mir ins Ohr, "etwas ist nicht im Gleichgewicht. Ich spüre die Erschütterung des magischen Feldes." Bestätigend nickte ich kurz.
Hinten in der einen Ecke stand eine Gruppe von Freizeitprätorianern in Rüstung. Sie waren von einem der hiesigen Vereinigungen zur Pflege des Brauchtums und führten Touristen durch das antike Rom. Für einen Moment konnte man sie für Boten einer längst vergangenen Epoche ansehen. Mit meinen Augen folgte ich ihnen bis sie hinter einer Ecke verschwunden waren. Laut hallte die Stimme des einen zu uns herüber. Er erzählte über die glorreichen Gladiatorenkämpfe in der Arena. Über Kaiser und Volk. Äußerst geschickt stellte er die schönen Seiten des altrömischen Alltags heraus. Dabei verschwieg er Hunger und Tod, Willkür und Grausamkeit.
Das Klicken von Kameras war zu hören. Angewidert drehte ich mich weg. Wir folgten Giovanni in den Bereich der Ausgrabungen. Dort erzählte er uns einiges über den derzeitigen Stand der Arbeiten. Er führte uns durch die freigelegten unterirdischen Gewölbe. In einem der Kerkerräume deutete er auf eine Wand. Überrascht hielt ich den Atem an.
Deutlich prangte mir das keltische Sonnenrad entgegen, Symbol der Macht von Belenus. Auf meiner Haut prickelte es sanft. Das Amulett des Belenus hatte sich leicht erwärmt. "Dort ist eines dieser Symbole, die ich erwähnt hatte", sagte Giovanni, während er darauf deutete, "es müssen demzufolge ebenfalls keltische Gefangene in dieser Zelle ihrem Ende entgegen vegetiert haben." "Ja", erwiderte ich bestätigend, "das scheint richtig zu sein. Zumindest ist dies hier das Symbol von Belenus." "Merkwürdig", murmelte Giovanni und trat näher an die Wand heran, "die Symbole erscheinen heller als gewöhnlich. – Liegt das an den Lichtverhältnissen?"
Seine Finger glitten vorsichtig über die Wand. Die Sonne stand hoch am Himmel und durch verschiedenste Öffnungen gelangte sie bis in diese Kammer hinunter. "Das ist die einzig vernünftige Erklärung", warf Anordil schnell ein, "es kann nur am Licht liegen." Giovannis Finger verharrten kurz auf den Symbolen. "Sie fühlen sich warm an", sagte er, "merkwürdig." Kopfschüttelnd trat er beiseite und verließ den Raum.
Es kribbelte auf meiner Haut. Ich sah zu den Symbolen, die in einem schwachen Licht leuchteten. Allmählich verblassten sie zu ihrer vorherigen, verwitterten Form. Irritiert und nachdenklich verließen wir die Kerkerräume. "Dort unten war ein starkes magisches Feld", wisperte Anordil mir zu, "ich spürte eine Art Sog. Dein Amulett hat darauf reagiert?" Der letzte Satz war eher eine Bestätigung als eine Frage. Ich nickte leicht. "Ich weiß nicht, was ich davon halten soll", flüsterte ich. "Die Zeit wird es zeigen", erwiderte er und lächelte mir beruhigend zu. Giovanni war bereits voraus geeilt.
Von hier aus gingen wir weiter zum Forum Romanum. In einer kleinen Trattoria im antiken Zentrum aßen wir zu Mittag. Unterwegs kaufte Giovanni ein paar Blumen. Ich fragte mich, wofür oder für wen. "Ich weiß nicht warum, aber diese Fahrzeuge stören", kommentierte Anordil, "es fühlt sich falsch an." Er deutete auf den Straßenverkehr.
Es stimmte. Das Bild der römischen Antike, dass durch die alten Gebäude heraufbeschworen wurde, litt arg unter dem modernen Straßenverkehr. Viel eher hätten Pferde oder Karren hingepasst. Das antike Zentrum war zwar überwiegend autofreie Zone, aber die Römer störten sich nicht daran.
Das Forum Romanum zeigte sich als Trümmerfeld aus weißem Marmor mit vereinzelten Säulen, die in die Höhe ragten. Man konnte die einstige Größe und Pracht erahnen. Gegenüber dem Haupteingang sah man die Reste des ehemaligen Rundtempels der Vestalinnen. Giovanni erzählte und erzählte.
Mitten auf dem Forum Romanum ging Giovanni zu einem kleinen unscheinbaren flachen Bauwerk. Durch einen schmalen Durchgang gelangten wir in das dämmerige Innere. Wir standen in einem halbrunden Raum. Auf der linken Seite sah ich einen halb zerbröckelten gemauerten Sockel. Zu meiner Überraschung war er mit Blumen übersät. Giovanni legte seine vorsichtig dazu.
"Wo sind wir?", fragte Anordil, "eine Tempelstätte?" "Nein, kein Tempel. Dies ist ein historischer Ort", erzählte Giovanni leise, als befürchte er die Ruhe zu stören, "an dieser Stelle wurde am 15. März des Jahres 44 vor Christus die Leiche des herausragendsten Mannes des alten römischen Imperiums verbrannt – Julius Cäsar. Viele Römer verehren ihn noch heute und gedenken seiner, in dem sie Blumen an diesem Ort niederlegen." Ich war beeindruckt. Bis dahin hatte ich nicht geahnt, wie lebendig das alte Rom in der heutigen Zeit doch war. Nach dem Giovanni ein kurzes Gebet gesprochen hatte, gingen wir weiter.
Giovanni erzählte uns viel über das Trümmerfeld, was man ausgrub und was man bis heute entdeckt hatte. Viele Touristen durchstreiften das Forum Romanum. Einige hatten Reiseführer in der Hand oder wurden von professionellen Reiseleitern geführt. Wir genossen die private Führung durch Giovanni.
Er führte uns Richtung Südosten aus dem Forum Romanum heraus. "Dies muss einst eine wirklich eindrucksvolle Stadt gewesen sein", sagte Anordil, "vieles ist erhalten und hat die Zeiten überdauert." "Leider viel zu wenig", seufzte Giovanni, "von der einstigen Schönheit zeugen nur Beschreibungen in historischen Texten oder erhaltene Fresken. Wir haben versucht daraus ein Modell zu rekonstruieren. Es reicht allerdings nicht annähernd an die Wahrheit heran. Zu viel ist verloren gegangen." Schweigend setzten wir unseren Weg fort. Jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Der leicht entrückte Blick Anordils zeigte mir, dass er mehr sah, als nur die Ruinen.
Allmählich ließen wir den Tag ausklingen. Wir aßen eine Kleinigkeit zusammen mit Giovanni in einer kleinen Trattoria nahe des Kolosseums. Als wir hinaus kamen sahen wir, das dieses mittlerweile von Lichtern angestrahlt wurde. Die Nacht war hereingebrochen. "Wenn ihr möchtet, so können wir unseren Rundgang bei dieser Nachtbeleuchtung fortsetzen", schlug Giovanni vor. Mir rauchte bereits der Kopf. Aufnahmefähig war ich bereits seit Stunden nicht mehr. Vielleicht war es bei Anordil anders, ich für meinen Teil schüttelte jedoch energisch den Kopf. "Ich würde gerne schlafen gehen", entgegnete ich, "es war ein langer und anstrengender Tag." "Nun denn", sagte Giovanni, "dann bringe ich euch ins Kloster."
Dort angekommen, fiel ich auf mein Bett. "Du siehst erschöpft aus, anor nîn", sagte Anordil zärtlich und streichelte mein Haar. "Ich bin es tatsächlich", erwiderte ich aufseufzend, "doch weniger vom Wandern, als von den ganzen Erzählungen Giovannis – auch das Wahrnehmen von magischen Feldern hat Energien gekostet. Sie sind an manchen Stellen recht stark. Ich hatte das Gefühl, die ganze Zeit unter Spannung zu stehen." Anordil nickte verhalten. "Ja, das magische Feld ist an sich auffallend stark", bestätigte er, "und an manchen Stellen äußerst mächtig. Wie dort im Kolosseum. Es verwundert mich, diese starken magischen Schwingungen in deiner Welt zu spüren. Bisher konnte ich nicht viel wahrnehmen. Doch hier ..." Er führte den Satz nicht zu Ende.
"Ich habe nicht mehr die Kraft heute Nacht zum Kolosseum zu gehen", sagte ich leise, "lass es uns auf eine andere Nacht verschieben. Ich denke, dass das magische Feld anhalten wird, solange diese Symbole dort sind." "Das denke ich ebenfalls", stimmte er mir zu, "die Symbole des Belenus haben gleichermaßen damit zu tun. Solange sie dort sind, wird zumindest das Feld im Kolosseum aufrecht erhalten werden. – Aber da ist etwas anderes. Ich kann es noch nicht bestimmen. Doch ich fühle Mächtiges. Vielleicht treffen sich in Rom mehrere Linien? Vielleicht ist tief in der Erde etwas verborgen? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen."
Unruhe machte sich in mir breit. Was mochte Anordil fühlen? Ich streckte ein letztes Mal für heute meine Fühler aus, doch außer einem Kribbeln auf der Haut nahm ich nichts wahr. Erschöpft schloss ich die Augen, kuschelte mich an Anordil heran und war augenblicklich eingeschlafen.
Am nächsten Morgen holte uns Giovanni früh ab. Wir begannen unseren Ausflug diesmal auf dem Palatin. Der Haupteingang zum Palatin öffnet sich an der Via di San Gregorio, deren Schatten spendende Schirmpinien eigentlich zu einer Ruhepause mit herrlichem Blick auf den Konstantinsbogen und das Kolosseum einladen. Jedenfalls hatten etliche Maler diese Ruhepause für sich in Anspruch genommen und wunderschöne Gemälde von dort angefertigt. Allerdings genossen wir nur die Frische des Morgens und ruhten nicht unter den Schirmpinien.
Am Titusbogen vorbei gelangten wir auf den Palatin. Wenig erinnert an die Zeit der Romantiker, die Ruinenlandschaften inmitten dichter Vegetation als Thema ihrer Bilder wählten. "Auf diesem Hügel entstand Rom", sagte ich ehrfürchtig, "Romulus gründete dort die Ewige Stadt." "Wer war Romulus", fragte mich Anordil leise. "Der Stadtgründer Roms", erwiderte ich, "er und sein Zwilling Remus waren hier an den Ufern des Tibers von ihrer Mutter ausgesetzt worden. Eine Wölfin hat sie gefunden und gesäugt. Später entstand hier die erste Siedlung von Romulus gegründet. Es heißt, dass er dabei seinen Bruder erschlug."
Giovanni führte uns kundig durch Rom. Gegen Mittag kehrten wir in einem der zahlreichen Restaurants ein. Nach dem üppigen Mittagsmahl, welches aus Antipasti, Nudeln mit scharfer Specksauce, Milchlamm mit Knoblauchsauce und der abschließenden Dolci, in diesem Falle Kirschkuchen, bestand, wandten wir uns dem Lateran, einem weiteren Stadtteil, zu.
"Eine Gabe aus dem alten Ägypten", erklärte Giovanni und deutete auf den über 90 Fuß hohen Obelisken in der Mitte der Piazza San Giovanni, "er stammt aus Theben und ist mit der Basis gemessen 47 m hoch – ‚tschuldigung ihr Iren messt ja in Fuß – folglich etwa 140 Fuß. Im 15. Jahrhundert kam er nach Rom. – Wenn ihr nach dort drüben schaut, seht ihr das Baptisterium Lateranense. Diese diente als Vorbild vieler Taufkirchen der Christenheit. Sie wurde unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert errichtet und trotz zahlreicher Umbauten sind noch Mosaiken aus dem 5. und 7. Jahrhundert erhalten. - Ebenfalls an der Piazza, nämlich dort drüben, - erhebt sich das Gebäude mit der Scala Santa, der Heiligen Treppe. Über diese ist angeblich Jesus Christus vor Gericht zu Pontius Pilatus geschritten. Sie wurde einst von Jerusalem nach Rom mit gebracht. Täglich rutschen unzählige Gläubige auf Knien die Stufen hinauf, um auf diese Weise den Weg Christus nachzuvollziehen."
Und tatsächlich konnten wir etliche Männer und Frauen unterschiedlichen Alters sehen, einige Mönche und Nonnen, die auf Knien die Stufen hinauf rutschten und dabei wohl beteten. Wir folgten Giovanni am Lateranspalast vorbei zur grandiosen Fassade der Basilica San Giovanni in Laterano. Diese wurde begrenzt von 15 monumentalen Statuen.
"Ich hoffe nicht, dass das Golems sind", flüsterte Anordil mir auf Sindarin zu, "wir hätten andernfalls eine Menge zu tun." Entsetzt schaute ich ihn an. "Golems gibt es hier nicht", erwiderte ich, "schließlich sind wir nicht in Mittelerde." Anordil lachte leise. Mich beschlich das Gefühl, dass er doch nicht ganz Unrecht haben könnte. Gab es nicht einen jüdischen Roman, der sich mit Golems befasste? Eine schwache Erinnerung blitzte in meinem Gehirn auf. Unsinn, dachte ich bei mir, lass dich nicht provozieren.
Anschließend betraten wir den erhabenen, fünfschiffigen Innenraum durch das Mittelportal. "Die Bronzeflügeltür hatte einst die Pforten zur Curia, dem Senat Roms, geschmückt", ließ Giovanni verlauten. Beeindruckt machten wir einen Rundgang durch das gewaltige Innere der Kirche.
Anschließend führte uns Giovanni durch einige Straßen und Gässchen zu einer Kuriosität Roms. Dem Museo dei Padri Cappuccini.Diese hatten allerdings nichts mit dem Getränk gleichen Namens zu tun. Neben der Kirche Santa Maria della Concezione gelegen, beherbergte dieses Museum mit Sicherheit die makaberste Ausstellung Roms. Die Kapuziner-Mönche modellierten aus den Knochen von über 4000 verstorbenen Mitbrüder Kunstwerke, die sie in den fünf Kapellen des Friedhofes Besuchern zeigten. Mit Schaudern ging ich an den knochigen Skulpturen vorbei.
"Bisweilen haben die Menschen eine absonderliche Art des Humors", kommentierte Anordil, "ich kann die Seelen dieser Verstorbenen spüren. Sie werden durch die Konservierung der Knochen lebendig gehalten." Na Klasse, dachte ich, jetzt fehlt nur dass die Knochen anfangen zu tanzen. "Das werden sie nicht", lächelte Anordil, erneut hatte er meine Gedanken erraten, "dazu bedarf es eines äußerst mächtigen Zaubers. – Keiner auf dieser Welt wäre dazu in der Lage." "Da bin ich ja beruhigt", antwortete ich trocken, "ich hab gedacht, wir müssten unsere Schwerter wetzen." Anordil lachte verhalten. In seinen Augen blitzte der Übermut.
"Soll ich sie für dich tanzen lassen?", fragte er schalkhaft. Entsetzt sah ich ihn an. Konnte er etwa wirklich diese alten Gebeine zum Leben erwecken? Oder führte er mich an der Nase herum? "Bei Cernunnos!", stieß ich hervor, "lass diesen Unsinn! Weißt du wie viele Herzinfarkte du damit auslösen würdest?" Diesmal war es an ihm verdutzt auszuschauen. "Herzinfarkte?", fragte er verwirrt. "Tot umfallen vor Schreck", umschrieb ich es grob. Herzhaft fing er an zu lachen und zog mich mit sich. Giovanni war bereits voraus geeilt.
Den Palazzo Massimo alle Terme würden wir zu Giovannis Bedauern heute nicht mehr schaffen. Stattdessen wanderten wir ein wenig durch das antike Zentrum. In einer Trattoria, die einem alten römischen Gasthaus nachempfunden war, kehrten wir am Abend ein. Wir hatten Glück. Es gab einen römischen Abend.
Am Eingang teilte man Togen und römische Gewänder aus. Vergnügt legten wir sie an und tauchten ein in das alte Rom. "Diese Abende werden immer zum Feste Medievali angeboten", sagte Giovanni, "ansonsten nur jede Woche einmal. - Zu den Römerspielen allerdings jeden Tag." Wir ließen die Atmosphäre auf uns wirken. Es wurde ein reichlich langer und eindrucksvoller Abend.
Musiker spielten auf alten Instrumenten, Tänzerinnen in altrömischen Gewändern gaben ihre Kunst zum Besten. Man speiste im Liegen und das reichhaltige Essen wurde auf niedrigen Tischen serviert. Der Wein wurde in goldfarbenen Kelchen gereicht. Riesige Kerzenleuchter spendeten Licht. Üppiger Blumenschmuck und eine verschwenderische Dekoration brachten ein wenig der einzigen Pracht Roms zum Vorschein. Die Angestellten des Gasthauses trugen hellblaue Tuniken und goldfarbene Armspangen, die denen der Sklaven im alten Rom nachempfunden waren. Giovanni brachte uns spät in der Nacht zum Kloster und versprach am nächsten Tag eine weitere Tour mit uns zu unternehmen.
Der Tag brach mit einem strahlenden Sonnenaufgang an. Pünktlich holte uns Giovanni zu unserem dritten Tag in Rom ab. Wie geplant, starteten wir mit dem Museum Palazzo Massimo alle Terme. Dort konnte Giovanni uns einige seiner Arbeiten zeigen. Denn für dieses Museum arbeitete er. Durch ihn bekamen wir einen kleinen Einblick hinter die Kulissen eines großen Museums.
In einem kleinen Restaurant in Museumsnähe aßen wir zu Mittag. Giovanni empfahl uns die Antipasti aus Gemüse, Saltimbocca mit Polentaschnitten und zum Abschluss ein wunderbar zartes Blätterteiggebilde mit Espresso.
Anschließend bummelten wir durch den Aventin. Abseits der ausgetretenen Touristenpfade führte Giovanni uns durch diesen wirklich schönen Stadtteil Roms, vorbei an wunderschönen Kirchen und erholsamen Parkanlagen mit traumhaften Ausblicken. Man fühlt sich beinahe auf dem Lande. Die Piazza della Bocca della Verità war einer der schönsten Plätze, die wir besuchten.
Etliche Male hatte selbst ich Mühe Giovannis Ausführungen zu folgen. Und ich hatte Geschichte studiert! Wie mochte es Anordil gehen. Interessiert schaute er sich alles an, was Giovanni uns zeigte. Mit keiner Mine ließ er erkennen, wie viel er verstand und was ihm unverständlich blieb. Interessierte ihn ein Detail stärker, fragte er bei mir nach. Allerdings konnte er fließend Latein lesen und sprechen. Das war von besonderem Vorteil. Auf diese Weise war er in der Lage, viele Begriffe abzuleiten.
Am Abend kehrten wir abermals in einer der kleinen Trattorien ein. Diesmal wurde es ein Besuch ohne Toga. Spät in der Nacht brachte Giovanni uns ins Kloster. In der Frühe würde er uns zu einem weiteren Besuch abholen. Die Katakomben standen auf dem Besichtigungsplan.
Wir hatten beschlossen uns über die Via Appia Antica den Katakomben zu nähern. Diese war die älteste erhaltene Römerstraße. Schirmpinien säumten den Weg. Resten römischer Grabdenkmäler, kaiserlicher Villen und Aquädukten lassen den Glanz vergangener Zeiten erahnen. Wir gingen über die Via di Porta San Sebastiano und durch die Porta San Sebastiano, dem größten Tor der alten Aurelianischen Stadtmauer. Oder was von ihr übrig war.
"Die Via Appia Antica wird gleichfalls Regina viarium, Königin der Konsularstraße, genannt. Der Censor Appius Claudius Caecus legte 312 vor Christi die nach ihm benannte Via Appia als erste Konsularstraße an", hörten wir Giovanni, "sie verband zunächst Rom und Capua, wurde um 190 vor Christi bis Brindisi, dem römischen Orienthafen, erweitert. Sie war vierzehn römische Fuß breit, dass entspricht heutigen 4,1 m oder etwa 17 englische Fuß, und besaß zu beiden Seiten 1,5 m, das entspricht etwa fünf Fuß, breite Bürgersteige aus gestampfter Erde. Reste davon sind immer noch zu erkennen. In fünf Tagen erreichte man Capua. Bis Brindisi benötigte man weitere acht bis neun Tage. Alle neun bis zehn Meilen erlaubte eine Poststation den Pferdewechsel. Ein absolutes Novum, was erst wieder im neunzehnten Jahrhundert erreicht wurde. Die Straße nahm ihren Anfang an der Porta Capena, führte über die heutige Via delle Terme di Caracalla, den Piazelle Numa Pompilio und Via die Porta San Sebastiano bis zur Porta San Sebastiano, der antiken Porta Appiy. Dieses größte Tor der 277 fertig gestellten Aurelianischen Stadtmauer bezieht den Arco di Druso, einen Teil des Aquäduktes zur Speisung der Caracalla-Thermen in seine Befestigung mit ein, welche durch die beiden äußeren zinnenbekrönten Türme verstärkt wurde. Direkt neben dem Stadttor befindet sich das Museo dell Mura di Roma. Dort kann man sich über die Geschichte der Stadtmauer und die Organisation der Verteidigung Roms informieren. – Wenn euch das interessieren sollte."
Anordils Augen blitzten auf. "Vielleicht nachher ein kleiner Abstecher", meinte er gelassen. Ich sah ihn entgeistert an. "Ich glaube, ich werde nachher nur in mein Bett kriechen", warf ich ein, "auf einen Museumsbesuch habe ich keine Lust mehr. – Und dazu noch Militärgeschichte." "Es könnte hochinteressant sein zu sehen, wie die römische Verteidigung funktionierte", entgegnete er trocken, "alleine aus strategischen Gründen." Ich hatte vergessen, dass sein Vater Heerführer war. Diesem würden neue Verteidigungsstrategien brennend interessieren. Ergeben seufzte ich. "Nun denn", antwortete ich resignierend, "besuchen wir auf dem Rückweg das Museum."
Etwa 300 Fuß außerhalb der Porta San Sebastiano sahen wir eine Kopie des ersten römischen Meilensteines - eine an der rechten Seite in eine Mauer eingestellte Rundsäule. Giovanni deutete auf das Gebilde. "Mit diesen Rundsäulen markierten die Römer die Abstände auf ihren Wegen", sagte er stolz, "das Original befindet sich auf dem Kapitolsplatz. Zur altrömischen Zeit fand man diese Rundsäulen in einem Abstand von einer römischen Meile platziert. Diese entspricht mit etwa 1500 Schritten geringfügig weniger als einer heutigen englischen Meile." "Die Gondorianer besitzen ähnliches", flüsterte Anordil mir auf Gälisch zu, "sie setzen in gleicher Weise Wegsteine an den Rand ihrer Handelswege." "Diese Steine wurden jedoch zu Kriegszwecken genutzt", erwiderte ich auf Englisch, "ist das richtig?"
Giovanni nickte bestätigend. "Leider sind die meisten römischen Erfindungen zum Zwecke des Krieges getätigt worden", antwortete er, "die befestigten Straßen dienten als Beispiel schnellen Truppenbewegungen und der besseren Versorgung der Truppen." Währenddessen folgten wir weiter der Via Appia. Wenn die an einem vorbeirasenden Autos mit ihren stinkenden Abgasen nicht wären, hätte es ein schöner Spaziergang sein können. Aus diesem Grund war keine Spur beschaulicher Ruhe vorhanden, die diese altehrwürdige Straße eigentlich verdient hatte.
Leicht abwärts führt die Via Appia den alten Marshügel hinunter, an den ersten Grabmonumenten vorbei. Giovanni deutete hinüber. "Zuerst diente das Forum Romanum als Totenstadt", hob er an, "das hatte ich euch ja bereits erzählt. Als sich schließlich Rom immer weiter ausdehnte, wurde dieser Bereich mit verstädtert. Da jedoch die Toten nicht innerhalb des Pomeriums, des geheiligten Stadtbezirkes, begraben werden durften, errichtete man daher die Grabdenkmäler für die Verstorbenen entlang der Ausfallstraßen. In der Kaiserzeit mehrten sich neben Einäscherung und Urnenbeisetzung die Erdbestattungen, so dass man aus Platzmangel immer mehr unterirdische Gänge in den Tuff trieb. Auf diese Art entstanden die riesigen Katakomben, während darüber prachtvolle Grabdenkmäler von Reichtum und Ruhm der Verstorbenen Zeugnis ablegten. – Sofern sie es sich denn leisten konnten."
Vorbei ging es an der unscheinbar wirkenden kleinen Kirche Domine Quo Vadis. "Eine Pilgerstätte für gläubige Christen aus aller Welt", sagte Giovanni und wies zu dem kleinen schmucklosen Bau, "angeblich ist an dieser Stelle Christus dem aus Rom vor Kaiser Nero fliehenden Apostel Petrus erschienen. Durch die Erscheinung seines Herrn änderte Petrus seine Meinung und kehrte daraufhin nach Rom zurück, wo er nur wenig später den Märtyrertod am Kreuz starb. – Angeblich ruhen seine Gebeine unter dem Petersdom. Im Inneren der Kirche Domine Quo Vadis allerdings wird seit dem Mittelalter ein Votivstein mit den angeblichen Fußabdrücken Christi verehrt. Heute ist dort nur eine Kopie zu sehen. Das Original steht in einem römischen Museum." Neutral klangen seine Worte. Typisch für einen Wissenschaftler. Oder? "Du gehörst nicht zu den gläubigen Christen?", fragte Anordil neugierig. Ihm war aufgefallen, dass Giovanni sich auffallend distanziert der Religion gegenüber verhielt.
Keineswegs beleidigt über diese Frage blickte Giovanni uns an. Das Sonnenlicht ließ seine dunkelbraunen Augen funkeln und ließ Reflexe in seinem nachtschwarzen kurzgeschnittenen Haar tanzen. "Religion ist ein heikles Thema", sagte er, "insbesondere für mich als Wissenschaftler. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Gott existiert. Warum sollte ich zu ihm beten? Wenn es Gott und damit Jesus Christus wirklich gibt, warum lassen sie so viel Unheil auf der Welt geschehen? Kriege überziehen die Erde. In vielen Ländern herrscht Hunger und Krankheit. Die sogenannten zivilisierten Länder bersten von Überfluss. Geld ist der eigentliche Gott dieser Welt. Die Priester der Kirchen, seien es protestantische oder katholische, sind ebenfalls korrupt und streben nur nach Macht. Der Papst, Statthalter Gottes auf Erden, ist eine Marionette in den Händen der Kardinäle. – Seht zurück durch zweitausend Jahre christlicher Geschichte. Und sagt mir, was ihr seht. – In den Anfängen purer Glaube an die Erlösung, an eine bessere Welt und sei es im Tode. Später Unterdrückung, Folter und Tod. Im Mittelalter überzog die Inquisition in ihrem Wahn Europa mit einem Meer von Blut. Die Kreuzzüge brachten den Tod in den Orient. Alles im Namen Gottes. – Ich frage euch, was ist das für ein Gott, der Nächstenliebe und Frieden predigt und dies alles geschehen lässt? – An einen solchen Gott kann ich nicht glauben und meine Gebete richten."
Angespannt sah er uns an. Verhaltener Zorn und Schmerz war in seinen Augen. "Ich kann dich verstehen, Giovanni", sprach ich zu ihm, "auch ich verlor meinen Glauben an den Gott der Christen. – Lasst uns weitergehen." Schweigend setzten wir unseren Weg fort. Es dauerte eine Weile, bis Giovanni zu seiner Lebhaftigkeit zurückfand. Ich fragte mich, was seinen Glauben derart erschüttert hatte.
Nach kurzer Wanderung hatten wir die Katakomben erreicht. Wir würden die Catacombe di Santa Callisto als erstes besuchen. Als wir in die Katakomben hinunter stiegen, wurde es merklich kühler. Ich hatte früher gelesen, dass die Durchschnittstemperatur in den Gängen bei 14 Grad Celsius lag. Ideal für eine Konservierung, zumal die Leichen früher mit Kalk bestreut wurden.
Neugierig sah Anordil sich um. "Eindrucksvolle Grabanlage", stellte er fest, "gibt es Untote an diesem Ort?" Entsetzt sah ich ihn an. Nur gut, dass er das auf Gälisch gefragt hatte. "Nein, Belenus sei Dank, nicht", antwortete ich ihm. Danach lauschten wir den Ausführungen Giovannis. Laut und klar hallte seine Stimme in den unterirdischen Gängen wieder.
"Die Catacombe di Santa Callisto, war die offizielle Begräbnisstätte der römischen Kirche. Ende des 2. Jahrhunderts entstand sie auf Privatboden und Grundbesitz der Kirche Roms. Sechzehn Päpste und mehr als fünfzig Märtyrer wurden in den 20 km, das entspricht etwa vierzehn oder fünfzehn englischen Meilen, langen Gängen begraben. Oftmals liegen mehrere loculi, wie die Nischen genannt werden, übereinander. Alle einzeln mit Ziegeln verschlossen. Fresken mit christlichen Motiven und Inschriften zu den Verstorbenen schmücken noch immer die Grabkammern, zu deren bedeutendste die Krypta der Lucina zählt."
Schweigend folgten wir ihm durch die dunklen Gänge. Die Taschenlampe in seinen Händen spendete schwaches Licht. Uns hatte er ebenfalls welche gegeben. In den Lichtkegeln konnten wir die Ziegel erkennen, mit denen die loculi verschlossen waren. Viele waren offen und leer. Ab und zu konnte man jedoch hinter einer Lücke in den Ziegeln bleiche Knochen schimmern sehen. Schauer liefen mir über den Rücken.
Meilenweit erstreckten sich die Grabnischen. In den ältesten Teilen sah man richtige Grüfte, die wie Häuser gestaltet waren. Inschriften zierten die Torbögen. An mancher Nische war eine Inschrift angebracht. An einer im ältesten Teil der Katakomben machte Giovanni halt.
"Diese Inschrift gibt heute noch Rätsel auf", sagte er und deutete auf eine in Stein gemeißelte Schrift, "es muss von einer jungen Frau geschrieben worden sein zur Zeit Kaiser Neros." Im Schein der Taschenlampe konnte ich die lateinischen Buchstaben erkennen, die dort in ungelenker Schrift standen. "Ich, Flavia, einst Sklavin des Senators Lucius Martinus Pomodus, jetzt Freigelassene, danke dem Gott des Lichtes für meine Errettung. Er sandte uns zwei Engel mit flammenden Schwertern und Blitzen in der Hand, um mich und die unter meiner Obhut vor dem Tod in der Arena zu erretten. In der Stunde der höchsten Not erflehte ich seine Gnade und er erhörte mein Gebet. Als Dank weihe ich mein Leben dem Dienste an seinem Altar und der Verbreitung seiner Botschaft", las Anordil laut und flüssig.
Die Stunden des Lateinlernens machten sich nun bezahlt. Ich hatte es ihm eigentlich nur wegen der medizinischen Tätigkeit beigebracht. Schließlich waren die meisten Krankheiten oder Arzneien in der Moderne mit lateinischen Begriffen bezeichnet. Doch er wollte nicht nur die Bezeichnungen kennen, sondern direkt die Sprache erlernen. Anordil war in dieser Hinsicht äußerst begabt. Er lernte Sprachen innerhalb weniger Monate fließend zu sprechen. Egal wie kompliziert sie waren.
Giovanni sah ihn erfreut an. "Schön, dass jemand noch Latein versteht", sagte er fröhlich, "in der heutigen Zeit eine Seltenheit. Die meisten lernen es in der Schule und vergessen es hinterher rasch. – Diese Inschrift gibt uns Rätsel auf. Eine junge Frau weiht als Dank ihr Leben dem Gott des Lichtes. Meint sie damit den Gott der Christen? – Deutlich sind die Symbole des Fisches zu erkennen, mit denen sie die Schrift geschmückt hatte. Andererseits umrahmte sie die gesamte Weiheschrift mit keltischen Sonnenrädern. Aber die Umstände, weshalb sie dies tat, sind uns unklar. Gott entsandte zwei Engel mit flammenden Schwertern – was meinte sie damit? Warum verwendete sie diese Symbolik? – Niemand wird es herausfinden."
Anschließend führte er uns weiter durch die Gänge. Felsmalereien waren zu sehen und viele Inschriften. Mitunter waren es nur Namen. Manches Mal ganze Weiheschriften. Wie die der Flavia, die wir gelesen hatten. Ihre Botschaft ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Plötzlich sog ich erschrocken die Luft ein.
"Was ist mit dir, anor nîn", fragte mich Anordil leise auf Sindarin und fing mich noch, bevor ich stolperte. "Die Inschrift von vorhin", flüsterte ich ihm zu, "WIR sind damit gemeint. – Engel mit flammenden Schwertern und Blitzen in den Händen. – Das flammende Schwert ist mit Elfenfeuer überzogen und die Blitze sind Zauber, die geschleudert werden. – Wir waren in jener Zeit und haben ihr geholfen. – Nur wie und warum?"
Anordils Augen glitzerten im Halbdunkel. "Die Szene im Kolosseum", erwiderte er, "die junge Frau, die mich anblickte. – Sie sah mich tatsächlich. – Sie muss ein Gespür für die Magie haben. – Sie muss mich ebenfalls wie im Wasserspiegel gesehen haben. – Heute Nacht besuchen wir das Kolosseum."
Giovanni hatte von unserem Gespräch nichts mitbekommen. Er ging einige Schritte vor uns. Schließlich weitete sich der Gang zu einem größeren Platz. Dieser war umgeben von hausähnlichen Gruftanlagen. "... die schönsten Grabmalereien gibt es allerdings in der Katakombe der Domitilla, das war eine Enkelin des Kaisers Vespasian", fuhr Giovanni fort. Was er davor gesagt hatte, hatten wir nicht mitbekommen.
Die Tore zu den Gruften waren verschlossen. An einigen standen Amphoren gelehnt. Es wunderte mich, dass diese bisher nicht geraubt worden waren. "Warum sind diese Krüge eigentlich nicht gestohlen worden", fragte ich, "schließlich würde es nicht auffallen, wenn welche fehlten." Giovanni grinste mich breit an. "Es werden tatsächlich Amphoren entwendet", bestätigte er und lachte vergnügt, "allerdings sind diese nicht alt. Sie werden von Studenten der römischen Geschichte gefertigt. Jede Saison verbrauchen wir etliche hundert Stück. Die Originale sind längst im Museum in Sicherheit."
Verblüfft schaute ich ihn an. Ich hatte damals, während des Studiums, ebenfalls an einem Töpferstunde teilgenommen. "Das ist bewusste Verleitung zum Diebstahl", brach es aus mir heraus. "Nein", antwortete er und gluckst, "wir schützten nur kulturelles Gut. Wir können nicht so viele Carabinieri abstellen, das jeder Meter geschützt ist. Demzufolge verteilen wir Kopien, die ruhig entwendet werden können, weil sie keinen Wert besitzen. Die Diebe sind meist Touristen, die sich ein Andenken mitnehmen wollen. Sie sind zufrieden, dass sie angeblich antikes Gut besitzen und wir sind glücklich, dass die Originale in Sicherheit sind. Beiden Seiten ist geholfen."
Ich trat an eines der Tore heran und las die Inschrift. Es war die Gruftanlage eines reichen Bürgers des kaiserlichen Roms. Ein Senator und dessen Familie. Als ich die anderen Torbögen betrachtete, stellte ich fest, dass mehrere Senatoren an dieser Stelle ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Wieder ans Tageslicht gelangt, nahmen wir uns die anderen Katakomben vor. Es konnte nicht schaden, sich dort ein wenig umzusehen.
Als nächstes besuchten wir die Catacombe die Santa Domitilla. Sie erstreckt sich über zehn Meilen und gehört zu den weitläufigsten Grabanlagen Roms. Wir sahen viele Fresken aus dem 1. bis 3. Jahrhundert. "Was bedeuten die Symbole?", fragte Anordil. Seine Finger glitten vorsichtig über die in die Wand gemeißelten Zeichnungen.
"Es sind immer wieder Darstellungen des frühen Christentums", erklärte Giovanni und deutete auf Malereien an der Wand, "wie die Orantes dort - das sind die Zeichnungen Betender mit geöffneten Hände. Aber auch die Taube als Symbol des Friedens oder der gute Hirte zieren die Wände der Gänge sowie immer wieder das Symbol des Fisches, denn die Buchstaben des griechischen Wortes für Fisch – Ichthys - wurden als Jesus – I – Christus – Ch – Gottes - Th-eou – Sohn - -Y-ios – Erlöser - S-oter - gelesen."
Trotzdem wir aufmerksam die Wände betrachteten, fand sich keine weitere geheimnisvolle Botschaft aus dem Kaiserreich. Darüber war ich überaus erleichtert. Zurück zur Via Appia sahen wir die Basilica San Sebastiano aus dem 4. Jahrhundert. Giovanni erzählte, dass sie im 17. Jahrhundert barock umgebaut wurde. "Sie gehört zu den sieben Pilgerkirchen, da sie sich angeblich über dem Ort erhebt, an den im Jahr 258 die Gebeine von Petrus und Paulus zur sicheren Aufbewahrung überführt worden waren, bis ihre jeweiligen Basiliken fertiggestellt wurden. Allerdings ist das nicht mit absoluter Sicherheit nachzuvollziehen. Die Kirche weigert sich in dieser Richtung Nachforschungen über die Richtigkeit anzustellen. - Nachdem der heilige Sebastian unter Kaiser Diokletian, der lebte übrigens 284 bis 305, an eine Säule gebunden, von Pfeilen durchbohrt als Märtyrer starb und hier seine letzte Ruhestätte gefunden hatte, wurde ihm diese Basilika gewidmet", dozierte unser Begleiter munter weiter, "die Reliquien, die vorhanden waren – der Stein mit Fußabdrücken Christi, die Säule des Sebastian und der Pfeil, der ihn traf – sind im Museum zu bewundern. In dieser Kirche werden nur Kopien ausgestellt. Unter dem Gotteshaus erstrecken sich übrigens weitere Katakomben, in denen heidnische und christliche Graffiti die Zeiten überdauert haben."
Hier machten wir gleichfalls einen unterirdischen Spaziergang. Wir wanderten ein paar Stunden durch die Katakomben, bevor wir wieder ans Tageslicht gelangten. Auf der linken Seite erblickten wir einen der mächtigen, gut erhaltenen Türme des Circus von Maxentius. Die Landschaft ähnelt der vergangener Zeiten. Pinien ragten in den blauen Himmel, dunkle Zypressen setzten ihre düster wirkenden Akzente, und unzählige antike Grabmonumente verlieren sich inmitten dieser Pracht.
"Die ersten Christen, deren Glauben eine Feuerbestattung verbot, nutzten die Katakomben wie ihre heidnischen und jüdischen Mitbürger als letzten Ruheort für ihre Toten. Sie feierten in den Gängen Gottesdienste und lasen dort Messen für das Seelenheil der Verstorbenen. Diese Praxis trug stark zur Legendenbildung von Geheimzusammenkünften und Blutopfern bei. Was sich Nero zunutzen machte, um seine Verfolgung zu legalisieren. - Nach dem Ende der Verfolgungen durch das Mailänder Toleranzedikt Kaiser Konstantins im Jahre 313 und der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion unter Theodosius im Jahre 391 strömten die Pilger zu den unterirdischen Gräbern der Märtyrer. Als im 8. und 9. Jahrhundert die Sarazenen die außerhalb der Stadtmauer gelegenen Katakomben unsicher machten, überführte man die verehrten Gebeine in die innerstädtischen Gotteshäuser, und die Katakomben gerieten in Vergessenheit", Giovanni war in seinem Element, "erst seit der Zeit um 1600, aber vor allem seit dem 19. Jahrhundert begann ihre Wiederentdeckung und Ausgrabung. Der Name ‚Katakombe' stammt wahrscheinlich vom spätlateinischen ‚catacumbae', einer Verballhornung des griechischen katà kumbas, was ‚bei den Grotten' bedeutet und bezog sich ursprünglich auf den Friedhof San Sebastiano. Später wurde er für alle unterirdischen Gräber ausgedehnt."
Am späten Nachmittag begaben wir uns wieder Richtung Rom. Nach einem kleinen Abstecher in das Museo dell Mura di Roma führte Giovanni uns wieder in eines der kleinen Restaurants. Heute ließen wir den Abend nicht allzu lange werden. Recht früh setzte er uns am Kloster ab. Schließlich hatten wir eine Nachtwanderung vor uns.
Im Kloster sammelten wir unsere Habseligkeiten zusammen. Einen Teil davon würden wir in unserer Kammer lassen. Wir nahmen nur das mit, was wir in gleicher Weise auf eine Reise in Mittelerde mitnehmen würden. Unsere elbische Reisekleidung zogen wir an. Wir bewaffneten uns und schlangen die Umhänge um die Schultern. Wie Schatten huschten wir aus der Klosteranlage. Sogar die Mönche, die sich zum Gebet begaben, nahmen uns nicht wahr.
Den Weg nach Rom waren wir in den letzten Tagen des öfteren mit Giovanni gefahren. Es war für uns ein leichtes ihn zu finden. Wir hielten uns ein wenig neben der Straße. Die vorbeifahrenden Autos nahmen keine Notiz von uns. Nur der Weg durch Rom zum Kolosseum war nicht mehr derart einfach. Schließlich wollten wir vermeiden gesehen zu werden. Deshalb benötigten wir einiges an Zeit.
Das Kolosseum war hell angestrahlt. Es schien mir, als wolle es uns verhöhnen. Die geschlossenen Eingänge stellten für uns kein Problem dar. Elegant schwangen wir uns über die Zäune und verschwanden in der Dunkelheit des Inneren. Anordil verharrte kurz.
"Wir müssen in die Arena", flüsterte er, "dort ist das Zentrum der Magie." Ich folgte ihm. Das Innere der Arena war nur schwach beleuchtet. Unheimlich ruhig war es. Die Geräusche des nächtlichen Roms drangen gedämpft an unser Ohr. Das Kreuz in der Mitte schien wie ein Bote aus Neros Tagen zu sein. Ein Frösteln lief mir über den Rücken. Das Amulett brannte auf meiner Haut. Hastig zog ich die Kette hervor.
Das Symbol des Sonnenrades flammte hell auf. "Anordil", flüsterte ich atemlos, "Belenus Amulett. Es ist aktiviert." Anordil warf einen Blick darauf. "Wir sollten von nun an vorsichtig sein", antwortete er mir. Langsam schlich er vorwärts. "Die Aura kommt von drüben", sagte er und wies in den Bereich der Arena, wo die unteren Kammern offen zutage traten.
Vorsichtig huschten wir hinüber und kletterten in die unteren Bereiches des Kolosseums. Ein dämmeriges Leuchten wies uns den Weg. Schließlich hatten wir die Kammer gefunden. Es muss früher eine Zelle gewesen sein. Wir waren bereits an diesem Ort gewesen – vor einigen Tagen mit Giovanni. Hell glühte das Sonnenrad uns entgegen. Doch jetzt war es umgeben von einer Reihe anderer Symbole und Schriften. Sie glühten in einem dunklen, unheilverkündenden Licht.
"Bei Belenus", stieß ich hervor, "was ist das denn?" Das Sonnenrad in meiner Hand fing an sich zu drehen. "Ihr müsst ein Schicksal erfüllen", hörte ich eine tiefe Stimme, "tut ihr es nicht, ändert sich der Zeitenlauf. Diesmal weise ICH euch den Weg. Vertraut euch mir an."
Ich erkannte Belenus. Schauer rannen über meinen Rücken. Dies war es wohl, wofür ich bestimmt war und warum Belenus mir half. Folglich musste ich meiner Bestimmung entgegengehen. "Anordil", sagte ich fragend. "Ich werde an deiner Seite sein", flüsterte er mir zu. Gemeinsam berührten wir die Schrift. Mit einem Mal gab es einen hellen Lichtblitz. Plötzlich war alles schwarz um uns.
to be continued ...
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