Die andere Seite von Rom

Um uns herum war es dunkel. Allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Finsternis. "Wir sind in einer Arena", flüsterte Anordil und drehte sich vorsichtig um sich selber. Nach allen Richtungen lauernd. "Aber nicht im Kolosseum. Es ist anders", sagte er, "das Rund ist wesentlich kleiner. Das Gemäuer ist nicht zerfallen. Vieles besteht aus Holz und der Boden wird von Sand bedeckt. - Ich kann frisches Blut riechen."

Und andere Gerüche drangen ebenfalls an meine Nase. Scharf, regelrecht durchdringend nach wildem Tier, gemischt mit den Ausdünstungen menschlicher Exkremente. Das leise Knurren und Fauchen von Großkatzen war zu hören. Aus den unteren Gewölben drang ein vielstimmiges Stöhnen an mein Ohr. Irgendwo klirrten Ketten. Schauder rannen mir über den Rücken. In welcher Zeit waren wir?

"In einer anderen Arena? Aber weshalb sind wir hier gelandet?", fragte ich leise, "wir sind doch in einem Kerkerraum des Kolosseums durch das Tor geschritten." Anordils Lächeln konnte ich nur erahnen. "Ein Tor muss nicht unbedingt gebunden sein", antwortete er flüsternd, "möglicherweise hat Belenus uns an einem anderen Ort erscheinen lassen, damit wir uns nicht bereits jetzt mit Wachposten oder Kriegern herumschlagen müssen. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass das Symbol des Belenus sich noch nicht an Ort und Stelle befindet." Wahrscheinlich hatte er mit dem Letzteren Recht. Ich überschlug grob die Zeittafel. Dann überlief es mich eisig.

"Oder das Kolosseum wurde noch nicht gebaut", äußerte ich eine weitere Möglichkeit. Wie sollten wir dann wieder in unsere Zeit zurückkehren? Unruhig schaute ich die Tribüne hinauf. Sah ich dort die angedeuteten Umrisse von Balken, die in das Rund ragten? Oder wurde diese Art des Sonnenschutzes erst mit dem Bau des Kolosseums realisiert? Hätte ich doch Giovanni besser zugehört.

"Wir müssen rasch verschwinden", flüsterte ich, "da dies hier nicht das Kolosseum ist, vermute ich, dass wir irgendwann im Zeitraum zwischen den Herrscherperioden des Augustus bis Vespasian gelandet sind. Die genaue Zeit müssen wir herausfinden. Aber es könnte gefährlich sein, sich erwischen zu lassen." Wir huschten zu einem der Tore hin. Selbstverständlich war es verschlossen. Anordil murmelte einen Spruch und das Schloss sprang auf. Lautlos schlichen wir hindurch und in den dunklen Gang.

Weiter vorne konnte ich einen schwachen, unruhigen Lichtschein sehen. Wahrscheinlich von einer Fackel. Die Luft im Inneren des Gebäudes war stickig und abgestanden. Auf Zehenspitzen bewegten wir uns vorwärts. Anordil ging voran. Plötzlich hörten wir rhythmische Schritte, die näher kamen. Wir drückten uns in eine Nische. Anordil sprach einen Zauberspruch und noch einen. Ich sah, wie er verschwand und meine Hände durchsichtig wurden.

Er hatte uns unsichtbar gemacht! Und zwar vollständig! Der Unsichtbarkeitszauber, den ich kannte, erzeugte nur eine Illusion. Wir verschwanden vor den Sinnen, waren aber dennoch da. Doch dieser hier? Vor Überraschung atmete ich heftig aus. Bei Cernunnos Hörnern, wie konnte er diesen Spruch beherrschen?

"Leise", ermahnte er mich. Die Schritte waren jetzt sehr deutlich. Ich sah auf und ab tanzende Schatten an der Wand. Dann nahmen sie Gestalt an. Eine kleine Wacheinheit Prätorianer kam den Gang entlang. Sie wirkten zu echt, um ein Trugbild zu sein. Ich spürte wie Anordil meinen Arm berührte. "Aphadam ren – wir folgen ihnen", wisperte er, "eine Wachablösung. Vielleicht zeigen sie den Weg hinaus." "Verstehe", gab ich leise zurück und schlich den Prätorianern hinterher. Aber anstatt uns den Weg hinaus zu zeigen, führten sie uns immer weiter ins Innere hinein. Bis zu den Gefängniszellen. Dort wurden die Wachen abgelöst. Meine Neugier ließ mich in die Zellen hinein blicken.

Bärtige Gesichter mit hohlen Augen sahen mich an. Eher gesagt, sie blickten teilnahmslos durch mich hindurch, denn sehen konnten sie mich nicht. Die Gestalten starrten vor Schmutz. Der Gestank nahm einem den Atem. Kriegsgefangene, fragte ich mich, während ein Frösteln mir den Rücken herunter lief. Sie schienen zumindest keine römischen Bürger zu sein, den Resten ihrer Kleidung und den Haaren nach zu urteilen. Rasch wandten wir uns ab. Es gab nichts, was wir für diese Kreaturen tun konnten.

Wir folgten den abgelösten Prätorianern auf ihrem Weg durch den Kerker. Eine halbe Ewigkeit, jedenfalls kam es mir so vor, liefen wir durch verschiedene Gänge. Bis sie die Mannschaftsquartiere erreicht hatten. Hier wurden wir mit einem Male sichtbar. Zum Glück drehte sich niemand um. Wir huschten in die Schatten des nächsten Ganges. Von dort versuchten wir einen Ausgang zu finden.

Anordil folgte jetzt seiner Nase. Die Luft wurde immer besser, je näher wir nach draußen kamen. Mehr als einmal begegneten wir Wachen. Doch stets gelang es uns ungesehen an ihnen vorüber zu schleichen. Der letzte Wachposten indes war heikel. Vier Soldaten bewachten das massive hölzerne Tor nach draußen. Zwei von ihnen standen direkt davor. Die anderen beiden saßen ein wenig abseits auf dem Boden und würfelten.

"Man garim? – Was machen wir?", flüsterte ich Anordil ins Ohr. "Du könntest Schlaf zaubern, wie ich", murmelte er, "das erspart uns einen Kampf." "Auf vier gleichzeitig?", wisperte ich skeptisch. "Klar, zuerst die beiden am Tor, du rechts, ich links", kam die Antwort, "danach die beiden Würfelspieler, du den mit dem Halstuch, ich den anderen." Ich seufzte leise. "Gut", antwortete ich zweifelnd, "versuchen wir es."

Noch nie hatte ich den Zauber wirklich anwenden müssen. Es war das erste Mal. Adrenalin schoss in mir hoch und vor Aufregung hatte ich urplötzlich einen Klumpen im Magen liegen. Ich schüttelte den Kopf. Du darfst nicht patzen, mahnte ich mich. Konzentriert nahm ich mich zusammen und flüsterte den Schlafzauber. Anordil hörte ich das gleiche tun. Ich spürte, wie sich die Energie in mir sammelte und sich urplötzlich entlud. Es war mir, als könnte ich einen schwachen Funken auf den Wachposten zufliegen sehen. Sekunden nach dem dieser ihn erreichte, kippte er langsam um, wie sein Kamerad. Die Würfelnden schreckten hoch. Doch sie hatten keine Möglichkeit einen Warnruf auszustoßen, denn sie folgten den beiden Wachen auf den Boden.

Ich hatte es geschafft! Der Zauber funktionierte wirklich! Voller Stolz drehte ich mich zu Anordil. Dieser nickte mir kurz anerkennend zu. Dann wies er auf das Tor. Wir sollten uns beeilen! Vorsichtig nach allen Seiten lauernd traten wir in den Lichtkreis der Fackeln. Zufrieden schnarchten die vier zu unseren Füßen. Anordil öffnete leise das Tor und spähte hinaus. Es konnte sein, dass davor ebenfalls Wachen saßen. Er gab mir ein Zeichen mit seiner Hand. Alles war ruhig. Rasch glitten wir hinaus in die Dunkelheit. Das Tor fiel hinter uns leise zu.

Draußen huschten wir in den Schatten des gegenüberliegenden Hauses. Dort orientierten wir uns kurz, bevor wir uns für eine Richtung entschieden. Im Schatten bewegten wir uns durch die Nacht. Immer darauf bedacht, von keinem gesehen zu werden. Es war merkwürdig durch die Straßen Roms zu schleichen, die nun völlig anders aussahen, als beim letzten Tageslicht. Eher gesagt, anders als wir sie gesehen hatten. Spärlich wurden sie von vereinzelten Fackeln erhellt. Trotz der nächtlichen Stunde herrschte rege Betriebsamkeit in den verwinkelten Gassen. Wagen rumpelten an uns vorüber. Menschen hasteten schwerbeladen durch die Nacht. Niemand schenkte uns Beachtung. Unauffällig mischten wir uns unter die Leute und folgten dem Strom.

"Als erstes suchen wir ein Gasthaus", flüsterte ich, "dort können wir in Erfahrung bringen, in welchem Jahr wir sind und wo der Senator Lucius Pomodus wohnt." Wir hatten Glück und unser Weg führte an einem Gasthaus vorbei. Das Schild besagte, dass man nicht nur Speisen, sondern sogar Nächtigen konnte. Von drinnen schallte Lärm heraus. Wir hüllten unsere Umhänge enger um uns und traten ein.

An grob behauenen Holztischen saßen einfache Bürger und Soldaten. Öllampen hingen von der Decke und spendeten Licht. Sklavenmädchen in karger Bekleidung huschten durch die Gaststätte und füllten Wein und Bier aus großen Krügen in die Becher der Gäste. An einigen Tischen wurde nicht nur gezecht und gegessen, sondern auch gespielt. Das Klackern von Würfeln war deutlich zu hören, trotzdem der Lärmpegel enorm war. Ab und an griff einer der Gäste sich eine Sklavin und zerrte sie zu einem Verschlag im hinteren Bereich des Gastraumes. Vor dem Verschlag stand eine tönerne Schale. Ich sah, wie einer der Männer einige Münzen dort hinein warf, als er eine Sklavin grob hinter die Bretterwand zog.

Ich spürte, wie Anordil sich anspannte. "Ú-garo - unternimm nichts", warnte ich leise auf Sindarin, "andernfalls enden wir in gleicher Weise." Ein kleiner Mann in einer abgewetzten blauen Toga aus Wolle kam auf uns zu. Seine Haare trug er in typisch römischer Tracht. Allerdings mit einer gehörigen Portion Öl darin. Nicht nur seine Haare schimmerten schmierig. Auch sein Gesicht war mit einer Mischung aus Schweiß und Bratfett bedeckt. Seine Augen huschten flink über unsere Erscheinung. Anscheinend gefiel ihm, was er sah.

"Salvete hospitis – seid gegrüßt, Fremde", begrüßte er uns mit einer dienstbeflissenen Verbeugung, "cupere cenam? - Wünscht ihr zu speisen?" Jetzt war ich um jede Lateinstunde froh, die ich je hatte. "Salve, hospe – seid gegrüßt, Wirt", antwortete ich, "ad proculem venimus, petimus conclavem primo una nocta cenamque ad te - wir kommen von weit her und erbitten Unterkunft für vorerst eine Nacht und zu speisen."

Das Grinsen des Wirtes wurde breiter. Gier stand in seinen Augen, die uns rasch erneut musterten. Für ihn stand nun fest, dass wir wirklich Fremde waren. Meine lateinische Aussprache ließ keinen anderen Schluss zu. "Nox stat deciam Sestertia, cenam quateram - die Nacht kostet zehn Sesterzen und ein Mahl vier Sesterzen", informierte er über die Preise, "sequete me quaeso - wenn ihr mir folgen wollt." Ich war mir sicher, dass er mindestens sechs Sesterzen, wenn nicht sogar mehr, zugeschlagen hatte. Soweit ich mich erinnern konnte, lag der damalige Preis für einen Scheffel Weizen bei einem As, also dem hundertsten Teil einer Sesterze. Ein saftiger Fremdenbonus, wenn man so will. Die Praxis war doch überall und zu allen Zeiten gleich.

Nun denn, wir benötigten Unterkunft. Wir nickten zustimmend. Diensteifrig wieselte der Wirt voran. Wir folgten ihm die steile Treppe hinauf. Er zeigte uns ein für römische Verhältnisse recht geräumiges Zimmer im zweiten Stock des Hauses. Darin standen zwei Pritschen aus Holz mit je einer grobgewebten Decke bestückt. "Was Besseres werdet ihr in ganz Rom nicht finden", sagte der Wirt stolz, "ich kann mich rühmen Wolldecken und eine Feuerstelle anbieten zu können. Wo hat man das heutzutage?" Mir war klar, dass ich umdenken musste. Ich konnte das alte Rom nicht mit Mittelerde vergleichen.

"Thermae iam via secundus hinc sunt - die Thermen sind nur zwei Straßen von hier weg", fuhr er fort, "falls ihr ein Bad wünscht, wird euch Aura dorthin führen. Sie wird euch zu Diensten sein. Das ist ein besonderer Service unseres Hauses. Ihr werdet es in keinem anderen Gasthaus Roms finden. – Sie kostet allerdings zwei Sesterzen extra pro Tag."

Aus dem Dunkeln des Treppenhauses glitt eine zarte junge Sklavin auf uns zu. Sie trug eine hellblaue Tunika aus Nessel, die knapp über den Knien endete. Eine goldfarbene Armspange zeugte von ihrem Sklavenstatus. Ihre Haut war cremefarben und rotblonde Locken ringelten sich aus einer kunstvollen Frisur sanft auf ihre Schultern. An den Füßen trug sie einfache Ledersandalen.

Anordil nickte dem Wirt zustimmend zu. "Ceterum recens in meam possessionem est - übrigens ist sie neu in meinem Besitz", lachte der Wirt und winkte sie herbei, "der Händler sagte, dass sie Jungfrau sei. Wenn ihr daran interessiert seid, handeln wir über den Preis." Gierig sah er uns an. Mir stellten sich die Nackenhaare hoch. "Nunc non utia habemus - daran haben wir jetzt kein Interesse", antwortete Anordil gefährlich ruhig, "balneum cenamque placuerimus - ein Bad und Speise würde uns erfreuen." "Ut quereris, dominus - wie ihr wünscht, Herr", antwortete der Wirt, sichtlich enttäuscht. Doch er wagte es nicht weitere Vorzüge seiner Sklavin anzupreisen. Etwas in Anordils Stimme ließ ihn vorsichtig werden.

"Bonum gerre - betrage dich gut", zischte er statt dessen der Sklavin zu, "ansonsten muss ich dich nochmals auspeitschen lassen. Das mindert deinen Wert. Sei froh, dass du noch Jungfrau bist." Er stieß sie in unsere Richtung und ging davon. Die Sklavin schloss hinter ihm die Tür. Unsicher blieb sie stehen. Ihre Augen zu Boden gesenkt. Sie wartete auf Befehle.

Anordil legte seinen Bogen auf eine der Pritschen. "Das ist die Gelegenheit mehr über diese Zeit zu erfahren", sagte er leise auf Sindarin zu mir, "sie wird uns jede Auskunft geben, die wir möchten und wenn unsere Fragen noch so merkwürdig sind." Ich nickte nur, denn ich war unfähig zu sprechen. Das Verhalten des Wirtes und die Szenen unten im Schankraum lagen mir wie in dicker Kloß im Hals. Trotz heftigen Schluckens wurde ich ihn nicht los.

"Accede, Aure - komm näher, Aura", sagte Anordil sanft zu der Sklavin. Gehorsam kam sie auf uns zu und blieb drei Fuß von uns entfernt stehen. Ihr Blick weiterhin gesenkt. Ich sah, wie ihre Fingerspitzen zitterten. Auf ihrer Haut waren verblasste blaue Flecken zu erkennen. Anordil umrundete sie. Als er ihren Rücken sah, verengten sich seine Augen zu stahlkalten Schlitzen. "Quid vulni sunt? - Was sind das für Wunden?", fragte er leise. Dabei berührte er den Rücken der Sklavin ganz sacht. Sie zuckte zusammen. Schmerz blitzte über ihr Gesicht. "Dominus meus caedet me - mein Herr schlägt mich", kam die geflüsterte Antwort. "Cur? – Warum?", fragte er. Seine Augen suchten meine. "Urnum vino francto - ich habe einen Krug mit Wein zerbrochen", antwortete Aura heiser.

"Die Sklaven in Rom hatten es nicht einfach", flüsterte ich auf Sindarin, "ihre Besitzer konnten mit ihnen tun und lassen, was sie wollten. Sie konnten sie tatsächlich zu ihrem Vergnügen töten lassen oder Selbstmord von ihnen verlangen. Für geringe Vergehen gab es Peitschenhiebe. Dies war an der Tagesordnung. In der Regel hatten es Haussklaven noch recht gut im Gegensatz zu ihren Leidensgenossen in den Minen oder auf dem Feld. Man kann sagen, je reicher der Haushalt war, in dem sie lebten, desto besser ging es ihnen. Was natürlich keine Gewähr für ihre Unversehrtheit darstellte. Manchmal war die Peitsche angenehmer, als alles andere, was sich ein perfides dekantes Hirn ausdenken konnte."

Aura hatte sich keinen Inch weit bewegt. Regungslos wartete sie. "Vor uns brauchst du keine Angst zu haben", sagte Anordil leise, "wir werden dir nichts tun. Deine Wunden sind nicht alle verheilt. Einige sind offen und eitern. Ich bin Heiler ..." "Habt Dank für Eure Güte", unterbrach sie ihn flüsternd, "aber Sklaven ist es nicht erlaubt Münzen zu besitzen. Ich könnte Euch nicht bezahlen."

Anordil lachte leise. Ihr Gesicht überzog sich mit Röte. Einerseits aufgrund ihrer vorschnellen Zunge, andererseits wegen Anordils glockenhellem Lachen. "Du hast Antworten auf unsere Fragen", flüsterte er, "für deine Antworten und dein Schweigen über uns, werde ich dich heilen." Sanft legte er ihr eine Hand auf den Rücken. Sie zuckte merklich zusammen. Ich hielt mich bereit sie aufzufangen, falls sie stürzen sollte.

Anordil murmelte einen Spruch vor sich hin. Die freigesetzte Magie war deutlich zu spüren. Die Sklavin atmete heftig ein und taumelte mir entgegen. Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. Sie hatten das klare Grün frischer Blätter. Ich fing sie auf, bevor sie zu Boden stürzen konnte. Langsam ließ ich sie auf die Knie gleiten. Ihre Finger krallten sich in die Decke, die auf der Pritsche lag. Kein Laut kam über ihre Lippen. Ich kannte diesen Zustand von mir selber. Es dauerte einige Minuten, bis der Zauber seine Wirkung entfaltet hatte.

Lautlos ging Anordil zum Fenster. Sein Blick schweifte über die Straße. Mannigfaltige Geräusche und Stimmen drangen von unten herauf. Ich gesellte mich zu ihm. Wir gaben Aura die Zeit sich zu fangen. "Ich werde Eure Fragen so gut es mir möglich ist beantworten, Herr", hörten wir Aura hinter uns flüstern. Ihre Stimme schwankte. Ob vor Angst oder Verblüffung, konnte ich nicht sagen.

"Ist Aura dein richtiger Name?", fragte Anordil, als er sich zu ihr umdrehte. "Nein, Herr. Meine Eltern nannten mich Sorcha." Es durchzuckte mich. "Du bist Keltin?", fragte ich überrascht. "Ich bin Gallierin", kam die prompte Antwort. "Verstehst du uns, wenn wir gälisch sprechen?", sprach Anordil auf gälisch.

Sorcha sah uns überrascht an. "Es ist lange Zeit her, dass ich die Sprache meiner Eltern gehört habe", erwiderte sie langsam, "und ich wage nicht zu hoffen, wer Ihr seid. Oder wer Euch schickt?" Es klang eher nach einer Feststellung, als nach einer Frage. "Es ist nicht von Belang, wer wir sind und von wem wir geschickt wurden", sagte ich leise, "es darf nur niemand von uns erfahren." "Bei Cernunnos Hörnern, ich schwöre es", kam die Antwort.

"Wie bist du hierher geraten?", fragte ich sie. Sie blickte zu Boden. "Vor einigen Jahren wurden ich aus Gallien geraubt", erzählte sie leise, "ich war noch ein Kind. Man verkaufte mich nach Rom in den Haushalt eines Tribuns. Mein Herr war gut zu mir. Ich wurde kaum geschlagen und uns Sklaven ging es gut. Aber mein Herr spielte gerne. Nach und nach verspielte er einen Sklaven nach dem anderen. Manchmal gewann er einen zurück. Mich hat er vor zehn Tagen beim Würfelspiel verloren. Mein neuer Herr brauchte jedoch Gold, keine Sklavin. Also verkaufte er mich an einen der Sklavenhändler hier. Bei der letzten Versteigerung hat mich mein derzeitiger Herr gekauft."

"Und du bist noch Jungfrau?", fragte ich überrascht. Ein wehmütiges Lächeln überzog ihr Gesicht. "Ich hatte bisher Glück", flüsterte sie, "mein Herr, der Tribun, war nicht an Mädchen oder Frauen interessiert. Er hat mehr Gefallen an jungen kräftigen Männern. Aber er schmückte sich gerne mit uns. – Doch hier werde ich nicht lange Jungfrau bleiben. Ich bin bereits glücklich, dass ich die ersten zwei Tage überstanden habe."

"Sorcha, in welchem Jahr sind wir?", unterbrach uns Anordil. Überrascht sah sie ihn an. Sekunden später schlug sie die Augen nieder und eine feine Röte überzog das Gesicht. "Bitte, nennt mich Aura, Herr", hauchte sie verlegen, "er wurde mir von meinem ersten Herrn gegeben. Die Sorcha von einst ist längst erloschen."

In der nächsten halben Stunde erfuhren wir einiges über die Zeit in der wir uns befanden. Wir waren im Juli des Jahres 64 nach Christi Geburt gelandet. Nero war an der Macht, hatte aber noch nicht Rom vernichtet. Doch er würde es in Kürze in einem Feuersturm verbrennen. Die christliche Gemeinde hatte stark an Mitgliedern gewonnen. Petrus war wohl in der Stadt und predigte. Aura hatte von ihm gehört. Sie wusste ebenfalls Bescheid über einen Senator namens Pomodus. Eine ihrer Leidensgenossinnen auf dem Sklavenmarkt, ebenfalls eine Gallierin, war in dessen Haus verkauft worden.

Wir ließen einen Teil unseres Gepäcks im Raum. Unten in der Schankstube herrschte viel Trubel. Wir setzten uns an einen Tisch in der Ecke. Aura brachte uns puls, den traditionellen römischen Dinkelbrei, gebackenen Kohl, Bohnen mit sehr fettem Speck, Brot, geröstete Kastanien und mit Wasser stark verdünnten Wein. Schweigend nahmen wir unser Mahl ein. Dabei spitzten wir die Ohren. Wir konnten aus den Gesprächen um uns herum vieles erfahren.

Es gab bereits vereinzelte Unruhen in Rom. Tagesgespräch waren immer wieder die Christen. Sie wurden für alles verantwortlich gemacht, was den Römern gegen den Strich ging. Saurer Wein, Missernte, verlorene Wetten oder andere Kleinigkeiten. Es erinnerte mich stark an die Verfolgung der Juden in meinem eigenen Jahrhundert. Nach dem Essen begaben wir uns zur Ruhe. Heute Nacht würden wir nichts mehr nennenswertes in Erfahrung bringen.

Am nächsten Tag wurden wir durch den Lärm der Straße geweckt. Rom war sogar in alter Zeit eine laute Stadt. Das Frühstück, ientaculum genannt, bestand aus Brot, welches in stark verdünnten Wein getunkt wurde. Dazu wurden Honig, Datteln und Oliven gereicht. Reichlich gewöhnungsbedürftig für meinen Geschmack. Wir wiesen Aura an, uns zu begleiten. Als erstes brachte sie uns zu einer Wechselstube. Schließlich benötigten wir in Rom gültige Münzen.

Wie es nicht anders zu erwarten, war der Geldwechsler ein Jude. "Werter Herr", sagte Aura zu ihm, "ich bringe Euch zwei ehrenwerte Bürger, die nach Euren Diensten fragen." Interessiert blickte er uns an. Er trug einen Kaftan aus grün gestreifter, fein gewebter Baumwolle und ein dunkles Judenkäppchen auf dem Schädel. Darunter ringelten sich widerspenstig dunkelbraune Löckchen hervor. Sein Gesicht zierte, dass, was in meinem Jahrhundert als typische Judennase bezeichnet wurde, groß und hakenförmig.

"So mögen deine Bürger zeigen, was sie zu bieten haben", antwortete er in einem leisen, annähernd krächzendem Singsang, wobei sein Latein kaum zu verstehen war.

Anordil reichte ihm wortlos einen kleinen makellosen Rubin. Aufmerksam nahm der Jude ihn entgegen und betrachtete ihn sorgfältig. "Was wollt Ihr im Tausch dafür?", fragte er knapp.

"Römische Münzen", entgegnete Anordil ebenso kurz. Der Jude musterte ihn vorsichtig. Doch er konnte nichts erkennen. Wir hatten die Kapuzen unserer Umhänge tief ins Gesicht gezogen. "Ich biete Euch zwanzig römische Goldmünzen dafür", sagte er gedehnt. Selbst mir war klar, dass dies viel zu gering war. "Dieser Halsabschneider will uns über das Ohr hauen", flüsterte ich Anordil auf Sindarin zu, "ich versuche es in Hebräisch, seiner eigenen Sprache. Vielleicht wird er dadurch ein wenig spendabler." Irritiert hatte der Jude meine Worte verfolgt.

"Shalom", sprach ich ihn auf Hebräisch an, "Ihr seid zu weit weg von zu Hause, als dass Ihr bereits Jahwe begegnen wolltet. Mit dieser Berufsethik werdet Ihr schnell euer Leben verlieren." "Shalom und willkommen unter meinem Dach, Schwester", erwiderte er rasch, "ich ahnte nicht, einer Tochter Zions zu begegnen. Für Euch werde ich den Preis überdenken. – Was haltet ihr von fünfzig römischen Goldmünzen?" Ich überschlug rasch im Kopf, wie viel wir wohl benötigen würden. "Ich denke fünfzig ist mehr als genug, Bruder", sagte ich leise. Er verschwand im Inneren des Hauses. Nach einigen Minuten kam er wieder. In seiner Hand lag ein kleiner Lederbeutel. Es klimperte leise in ihm.

"Hier die Goldmünzen", sagte er, "falls Ihr weiterhin Mittel benötigt, lasst es mich wissen. Ansonsten wünsche ich Euch eine gute Reise, wohin immer Euer Weg Euch führen mag, Schwester." "Vielen Dank, Bruder im Geiste Zions", antwortete ich, "vielleicht benötigen wir erneut Eure Dienste. Doch das wissen wir noch nicht. Jahwes Wege sind unergründlich." Wir verabschiedeten uns höflich und verließen rasch die Straße der Geldwechsler. Mit den Goldmünzen in der Tasche fühlte ich mich direkt wohler. Damit konnten wir das Gasthaus bezahlen und noch einiges mehr.

Aura führte uns in den Marktbereich Roms, dem späteren Mercati Traiani. Es war äußerst merkwürdig hier entlang zu gehen. Gestern noch hatten wir hier in einem Ruinenfeld gestanden. Jetzt wimmelte es von Menschen. Händler priesen ihre Waren an. Sklaven und Sklavinnen hasteten durch die Gassen. Prätorianer patrouillierten. Reiche Römer ließen sich mit der Sänfte hindurch tragen. Eine Gruppe von Vestalinnen ging vorbei. Die Köpfe hoch erhoben. Respektvoll wurde ihnen Platz gemacht.

Wir erstanden passende römische Gewänder und begaben uns danach in die Therme. Gewaltig erhoben sich die Säulen der Therme vor uns. Ein Aquädukt führte Wasser herbei. Ich hielt den Atem an. Aura führte uns hinein. Im Inneren wurde ich überwältigt von dem Innenausbau in Marmor und Gold. Es gab Bereiche für alle Volksgruppen. Sogar der ärmste Römer konnte hier baden. Für diesen war es sogar kostenfrei. Allerdings gab es für jene einen gesonderten Bereich. Männer und Frauen badeten generell getrennt. Anordil verschwand im Männerbereich.

Aura begleitete mich zum Frauenbereich. Niemand beachte meine Waffen. Jedenfalls tat man so, als würde man sie nicht sehen. Einige der Frauen betrachteten mich irritiert. Schwertkämpferinnen waren selten, wenngleich nicht ungewöhnlich. Neugierig begannen sie zu tuscheln. Für was oder wen hielten sie mich wohl? Während ich Aura meine Schwerter anvertraute, sah ich mich um. Die Thermen waren äußerst luxuriös eingerichtet. Kaum zu glauben, dass in knapp zweihundert Jahren die Caracalla-Therme noch prächtiger ausfallen sollte.

Überall wo ich hin blickte, sah ich Marmor, Gold und kostbare Materialien. Selbst die Sklavinnen, die hier ihren Dienst verrichteten, waren in teures Leinen gekleidet. Alles war sauber und ein frischer Duft nach Wasser und Blüten lag in der Luft. Kundige Hände nahmen sich meiner an. Ich wurde gebadet, gesalbt und massiert. Eine Sklavin steckte mein Haar kunstvoll auf, bevor man mich in mein neues Gewand aus feinem meerblauen Leinen mit Goldborte kleidete. Dieses drapierte man mit einer goldfarbenen Kordel. Die Reisekleidung legte eine der Sklavinnen sorgfältig zusammen und schnürte sie zu einem Bündel, welches sie mir reichte. Die Schwerter band ich wieder auf den Rücken. Sie verschwanden unter dem lässig umgeworfenen Umhang. Die Kapuze trug ich nun offen.

Als ich mich aus dem Frauenbereich heraus begab, huschte Aura wie mein Schatten hinter mir her. In der Wandelhalle der Therme traf ich auf Anordil. Er sah umwerfend aus. Die fließende meerblaue Toga stand ihm ausgezeichnet. Seine Haare glänzten wie reines Gold und verbargen die Ohrspitzen. Neugierige Blicke streiften ihn. Durch seine Größe, wie auch das Äußere zog er einiges an Aufmerksamkeit auf sich. Er war in ein Gespräch mit einem römischen Bürger vertieft, der eine teure Toga aus äußerst feingewebter, blütenweißer Baumwolle trug. Er musste sehr wohlhabend sein, denn Baumwolle war in diesem Zeitalter beinahe genauso teuer wie Seide. Beides war rar und schwer zu bekommen.

Langsam trat ich näher. Aura blieb respektvoll weiter entfernt stehen. Weit genug, um nicht zu lauschen, aber nah genug, um sofort zu Diensten zu sein, falls wir sie benötigen sollten. "... vero solus, quamquam suavissimus regio - ... ein wahrlich einsamer, obgleich äußerst lieblicher Landstrich", hörte ich Anordil sagen. "At praefero securitas romanum - ich dagegen ziehe die Sicherheit Roms vor", antwortete sein Gegenüber. Interessiert blickte er mich an. Anordil wandte sich mir zu. Er hatte längst meine Aura gespürt.

"Haec uxor meum est, Arwen - dies ist meine Gemahlin, Arwen", stellte er mich vor, "Arwen, dies ist der edle römische Bürger Maximus Sebarius Lucullus." Galant deutete Lukullus eine Verbeugung an. In meinem Gehirn arbeitete es. Dieser Maximus Sebarius Lucullus musste mit dem legendären Lucius Licinius Lucullus verwandt sein. "Me placuerit cognotum te - es freut mich, Sie kennen zu lernen", sagte er, "Ihr Mann erzählte von Ihrem Haus in der Provinz Germanien. Es muss doch schrecklich sein, fernab von allen Bequemlichkeiten Roms zu leben."

"Commodas certas habet - es hat seine Vorteile", erwiderte ich, "allerdings genieße ich zurzeit die kulturellen Darbietungen." "Curiosus sum paulum plus proculae provinciae audire - ich bin neugierig, ein wenig mehr aus den abgelegenen Provinzen zu hören", schleimte er, "es wäre mir ein Vergnügen sie und ihre Gemahlin heute Abend in meiner Villa begrüßen zu dürfen. Ein ungezwungenes Beisammensein. Petronius, der Dichter des großen Nero, unseres geliebten Caesars, wird anwesend sein und ein paar Senatoren mit Gattinnen."

"Nos dalectatio magna est - es ist uns ein großes Vergnügen", antwortete Anordil lächelnd. Ich verbeugte mich ebenfalls leicht. Anschließend rauschte Maximus Sebarius Lucullus an uns vorbei. Wir verließen die Therme ein wenig langsamer. Aura schloss wieder zu uns auf. "Bringe uns zur Villa des Pomodus", wies Anordil sie leise an. "Wie Ihr wünscht, Herr", flüsterte sie und ging uns nun voraus. Vor dem Mittagsmahl wollten wir die Villa des Senators Lucius Pomodus von außen begutachtet haben.

Wie nicht anders zu erwarten, lag diese im Senatorenviertel Roms. Das Anwesen war, wie bei den römischen Villen üblich, von einer mannshohen Mauer umgeben. Ein Tor aus geschnitztem Holz versperrte den Weg zum Haus. Auf der abgewandten Seite war ein weiterer kleinerer Durchgang. Vermutlich für die Sklaven. Wir schlenderten langsam um das Anwesen herum. Von innen hörte man Kinderlachen. Aus dem Seitentor traten drei männliche und vier weibliche Sklaven und drei halbwüchsige Kinder. Deren Tuniken waren aus feinem, weiß gebleichtem Baumwollstoff gefertigt, dessen Säume bunt bestickt waren. Dies mussten die Kinder des Pomodus sein.

"Es wird nicht leicht sein mit dieser Flavia zu sprechen", flüsterte Anordil auf Sindarin. "Wir wissen nicht einmal, wie sie aussieht", stimmte ich im zu, "geschweige denn, ob sie wirklich diese Gallierin ist, von der Sorcha sprach. Vielleicht ist es auch eine ältere Sklavin, die bereits länger dort arbeitet." "Folglich müssen wir hinein", nickte er, "heute Abend auf dem Fest werden wir ihm begegnen. Vielleicht gelingt es uns eine weitere Einladung, diesmal in sein Haus, zu erlangen." "Woher bist du dermaßen sicher, dass er heute Abend anwesend sein wird", fragte ich überrascht. Anordil lachte leise.

"In der Therme haben sich zwei Senatoren darüber unterhalten", flüsterte er, "sie sprachen darüber, dass nach langer Krankheit Lucius Pomodus das erste Mal wieder an einem Gastmahl teilnehmen würde. Sie waren gespannt, wie er aussieht und über seinen Zustand." "Und dieses Gespräch hast du zum Anlass genommen diesen Lucullus anzusprechen", folgerte ich.

"Nicht ganz", kommentierte er, "die beiden konsternierten sich über mein ‚barbarisches Aussehen'. Worauf ich ihnen die Geschichte mit der tiefen Provinz in Germanien aufgetischt habe. – Vielen Dank für deine und Giovannis Geschichtsstunden. Sie waren mir dabei sehr hilfreich. - Lucullus kam dazu. Er hatte ein leicht griesgrämiges Gesicht. Er klagte den beiden sein Leid, dass doch ein Philosoph für den Abend abgesagt hätte und jetzt die Anzahl der Gäste nicht mehr stimmig wäre. Die Senatoren erzählten ihm über meine Rückkehr aus der Provinz und machten uns bekannt. Wir kamen ins Gespräch und – siehe da, wir sind zum Gastmahl geladen." "Dafür benötigen wir passende Kleidung", warf ich ein, "die Togen, die wir gekauft haben, werden nicht ausreichen."

Einen Augenblick dachte ich nach. Aura stand schweigend neben uns. Wie stets den Blick zu Boden gesenkt. Sie hatte von unserer Unterhaltung nichts mitbekommen. Wie auch, wenn wir Sindarin sprachen. "Aura, wo bekommen wir geeignete Gewänder für ein Gastmahl im Hause des Lucullus her?", fragte ich sie auf Gälisch.

"Für das Gastmahl im Hause des Lucullus?", fragte sie nachdenklich, "dorthin gehen nur hochgestellte Römer. – Ich kenne eine Sklavin aus dem kaiserlichen Haushalt, die mit der Kleiderkammer vertraut ist. Vielleicht hat sie Gewänder gelagert, die nicht zu auffällig aus kaiserlichen Beständen stammen. Mit Eurer Erlaubnis werde ich sie aufsuchen." Ich nickte zustimmend. Sie entschwand in der Menge.

Wir betraten eine der zahlreichen Garküchen. Dort wollten wir unser Mittagsmahl einnehmen. Von hier aus beobachteten wir sorgfältig die vorüberziehenden Menschen. "Es liegt eine Spannung in der Luft", wisperte mir Anordil auf Sindarin zu, "die Menschen sind unruhig. Sie hetzen und hasten umher. Bisweilen ziellos. Angst. – Ich fühle Angst bei vielen."

"Die Zeit in der wir sind, ist im Umbruch", erklärte ich leise, "das römische Imperium hat längst seine Glanzzeit überschritten. Es ist im Niedergang begriffen. Macht wird zu Dekadenz. Rom ist derart reich, dass es nicht weiß, wohin damit. Und doch hungert ein Großteil der Bevölkerung. Nero ist vermutlich - die Historiker streiten darüber - ein Inzestkind. Inzest war im römischen Kaiserhaus an der Tagesordnung. So hatte er angeblich selber eine Affäre mit seiner eigenen Mutter. Diese ließ er umbringen, wie seine erste Ehefrau Octavia und seinen Ziehbruder Britannicus. Seine derzeitige Gemahlin Poppea Sabina war eine Kurtisane, bevor sie auf den Kaiserthron erhoben wurde. Sie ist genauso dekadent und blutdürstig wie Nero selber. Vielleicht sogar noch mehr."

Ich nippte an meinem verwässerten Wein. "Nero war wahnsinnig, darin sind sich die Historiker einig", fuhr ich fort, "ein wahnsinniger Herrscher ist das Schlimmste, was einem Volk passieren kann. - Niemand hielt ihn auf. Er war für das Volk ein Gott, dem alles Gute, sowie alles Schlechte zugeschrieben wurde. Zu dieser Zeit konnte er sich bereits nur auf die Gunst des Volkes stützen. Senat und Adel hatten sich von ihm abgewandt. Sie verachteten und fürchteten ihn gleichermaßen. Manche Mitglieder des Hofes zogen es vor Selbstmord zu begehen, wenn sie in Ungnade fielen. Die Fluktuation am Hof oder im Senat war bemerkenswert hoch. Nero hatte gleichfalls einen erheblichen Verschleiß an schönen Frauen, - nicht nur Sklavinnen. Ein Teil von ihnen lebte am Kaiserhof."

"Ein Frauenheld?", lächelte Anordil. "Weniger", erwiderte ich, "eigentlich war Nero durchschnittlich von Gestalt, wenn man den wenigen übrig gebliebenen Zeugnissen glauben schenken darf. Es war eher die Macht, die ihn anziehend machte. Jede Frau, auf die Nero ein Auge warf, versuchte allerdings Poppeas Nähe und Aufmerksamkeit zu vermeiden. Poppea war gnadenlos. Sollte sie nur ahnen, dass Neros Aufmerksamkeit sich einer anderen Frau zuwandte, lebte diese nicht mehr allzu lange. Im Jahr 64, das Jahr in dem wir uns aufhalten, brannte Nero Rom nieder. - Oder auch nicht. Die Historiker streiten darüber."

"Also wird bald dieses Feuer ausbrechen", warf Anordil ein. Ich nickte. "Ja", bestätigte ich, "keiner weiß genau, wann und aus welchem Grunde. Fakt ist, dass das Feuer seinen verheerenden Zug in einem der Läden am Circus Maximus begann. Neun Tage und Nächte wütete das Feuer, bis es endlich gelöscht werden konnte. Zehn der vierzehn Stadtteile wurden in Mitleidenschaft gezogen. Drei davon brannten bis auf die Grundmauern nieder. Die restlichen sieben waren arg in Mitleidenschaft gezogen. Es heißt, dass es Behinderungen bei den Löscharbeiten gab. In erster Linie durch Christen, was damals als Beweis für ihre Schuld galt. Sie brüllten triumphierend beim Anblick des brennenden Roms."

Ein Sklave stellte eine Schale mit Brotfladen vor uns ab. Ich nickte dankend. "Dies ist aber wohl eher in ihrer Religion begründet", sprach ich weiter, nach dem der Sklave sich entfernt hatte, "für die Christen ist das irdische Leben eine Aneinanderreihung von Qualen. Erst nach dem Tod, wenn sie in den Himmel aufgestiegen sind, beginnt für sie das eigentliche Leben. Daher sahen sie wohl den Brand als Ende der Welt und begrüßten ihn entsprechend. Von anderer Stelle wird überliefert, dass es Leute gab, die bewusst Brände legten, weil es ihnen angeblich befohlen wurde. Dafür spricht, dass in der Brandnacht angeblich dunkle Gestalten gesehen worden seien, die mit Fackeln durch die Stadt schlichen."

Die warmen Fladen dufteten verführerisch. Ich brach ein Stück ab und kaute es. Der Sklave brachte noch den unvermeidlichen Kohl, gebratenen Lauch mit Zwiebeln und eine merkwürdig aussehende gegrillte Wurst, in der mehr Fett und Brot steckte, als Fleisch. "Was davon zutrifft – keiner weiß es. Eins ist zumindest sicher", ich deutete verstohlen in Richtung des Kaiserpalastes, "zum Zeitpunkt des Brandes befand sich Nero nicht in Rom, sondern in seinem Sommersitz in Antium. Laut Tacitus hatte Nero viele hilfreiche Befehle gegeben, um der Bevölkerung nach dem Brand zu helfen. Er ließ die Bauten des Agrippa, das Marsfeld, ja sogar die Parkanlagen seines Palastes öffnen und Behelfsunterkünfte errichten. Aus Ostia beschaffte er Lebensmittel. Die Händler wurden angewiesen, Getreide zu einem niedrigeren Preis zu verkaufen. Schließlich traf man Vorkehrungen beim Wiederaufbau, die einen weiteren Brand dieses Ausmaßes in Zukunft verhindern würden. Auf der anderen Seite kann man in verschiedenen Quellen nachlesen, dass Nero begierig war Rom brennen zu sehen und den Niedergang des Reiches mitzuerleben."

Ich legte eine kurze Pause ein. Mittlerweile hatte sich die Garküche gefüllt. "Es wird berichtet, dass Nero die Schäbigkeit der Gebäude und die alten Gassen nicht mehr ertrug", erklärte ich weiter, "in einer historischen Quelle findet man den Hinweis, dass Nero wohl während des Brandes im Kostüm eines Kitharaspielers vom Palast des Maecenas aus den Niedergang Trojas besungen habe. - Ob er nun wirklich den Brand befohlen hat oder alles nur ein Zufall war, keiner weiß es. Einige Historiker sind heute der Meinung, dass das Feuer durch Fahrlässigkeit ausbrach. Wie du sehen kannst, gehen die Menschen dieser Zeit äußerst leichtfertig mit offenem Feuer um. Der kleinste Funke genügt, um die überwiegend aus Holz gebauten Gebäude zu entfachen. Sollte es jedoch tatsächlich Brandstiftung gewesen sein, so musste es jemand verursacht haben, der davon profitieren konnte."

"Bewusste Brandstiftung", murmelte Anordil, "wer könnte dafür in Frage kommen?" "Nero war es sicher nicht", lächelte ich, "das der kaiserliche Palast und damit alle von Nero heißgeliebten Kunstschätze ebenfalls durch den Brand vernichtet wurde, spricht dafür, dass er nicht der Urheber des Brandes war. Wollte man statt dessen seinem Ansehen schaden, hätte sich der Brand hervorragend dazu geeignet. Und es gab genügend, die ein Interesse daran hatten ihn zu stürzen. Wie auch immer – Nero konnte zumindest dem Gerücht nicht entgehen, er hätte den Brand befohlen. Um diesem ein Ende zu bereiten, suchte er sich einen Sündenbock, dem er den Brand unterschieben konnte. Als Sündenbock wurden die Christen auserkoren."

"Unschuldige?", sagte Anordil fragend, "warum hat keiner was unternommen?" "Die Christen bildeten eine neue Glaubensrichtung", meine Stimme senkte ich noch ein wenig, "und damit nicht nur eine Gefahr für den römischen Götterhimmel, sondern ebenso für die Macht Neros, der für sich behauptete ebenfalls ein Gott zu sein. Die Christen waren ihm ein Dorn im Auge. Lästig wie Fliegen. Daher versuchte er sie brutalst auszulöschen. Tausende starben durch die Verfolgung. Abertausende in den römischen Arenen. Hunderte verendeten in den Kerkern, wo sie hörten und rochen, wie ihre Glaubensgenossen singend in den Tod gingen. Für Nero war es unverständlich, weshalb Menschen derart fest im Glauben waren, dass sie singend starben. Für den Mensch meines Jahrhunderts ist dies ebenfalls nicht nachzuvollziehen. Das Christentum ist zwar eine der stärksten Religionsgemeinschaften meiner Zeit, aber der fundamentale Glaube ist im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen."

Ich sah auf die vorbei eilenden Menschen. Wie viele davon waren bereits Christen? Wer von ihnen würde bald sterben? "Der Glaube dieser Menschen -" ich deutete nach draußen auf die Straße, "- ist jetzt am höchsten. Niemals wieder wird der Glaube an den Gott der Christen dermaßen stark sein, wie zu diesem Zeitpunkt. Für sie war es Glückseligkeit für ihren Gott zu sterben. Möglichst ein ähnliches Martyrium zu erleiden wie Gottes Sohn. Während der Spiele ließ Nero Rom nach hellenischem Vorbild wieder aufbauen. Prächtiger und schöner als zuvor. Viele der Bauten sind bis in meine Zeit hinein, zumindest als Ruinen, erhalten geblieben. Doch der Stern Neros ging langsam und allmählich unter. Nur kurze Zeit danach, im Jahr 68, starb er von eigener Hand. Allerdings wird überliefert, dass er dazu Hilfe in Anspruch nahm. Kein Historiker hat jemals den wahren Hergang seines Todes herausgefunden. Alles verliert sich im Nebel der Geschichte. Jedenfalls war er zum Zeitpunkt seines Todes knapp über dreißig Sommer alt."

Anordil hatte mir schweigend zugehört. Aufmerksam schweiften seine Blicke umher. "Demzufolge müssen wir auf der Hut sein", folgerte er, "damit wir nicht in die Ereignisse mit hineingezogen werden." "Wir sind bereits mittendrin", antwortete ich düster, "Belenus gab uns den Auftrag diese Flavia mit ihren Schäfchen zu erretten. Aus welchen Gründen auch immer. Du hast sie in der Arena gesehen, folglich wird sie zu den Opfern zählen." "Das stimmt nicht ganz", unterbrach mich Anordil, "ihr Bild habe ich zwar gesehen, aber nicht im Rund der Arena. Das bedeutet, dass sie nicht zwangsläufig zu den Opfern gehören wird."

In diesem Augenblick erschien Aura wieder. Auf ihrem Rücken ein in Nessel eingeschlagenes, verschnürtes Bündel. Sie hatte es geschafft aus der kaiserlichen Kleiderkammer zwei Gewänder zu leihen. Auf ihren Rat hin, gingen wir nochmals über die Mercati Traiani. Dort erstanden wir verschiedene Bänder, Tücher und ein wenig Tand.

Aura ließ es sich nicht nehmen, mich selber zu frisieren und einzukleiden, als wir in unserem Quartier angelangten. Als sie mit mir fertig war, sah sie äußerst zufrieden aus. Ich trug eine goldfarbene Tunika und darüber ein dunkelrotes Chiton aus feinster ägyptischer Baumwolle mit goldfarbenen Bordüren. Es wurde gehalten von goldfarbenen, germanischen Fibeln. An den Füßen hatte ich Sandalen aus weichem Leder mit Goldbändern. Das Haar hatte Aura mir hochgesteckt und kunstvoll geflochten. Es war mit Goldbändern und dunkelroten Borten versehen.

Anordil sah atemberaubend aus in seiner dunkelgrünen Toga mit Silberrand, die er lässig über der ebenfalls grün schimmernden Tunika trug. Sein Haar hatte er einfach nach hinten gekämmt und das Deckhaar an den Seiten zu einem feinen Band eingeflochten. Er trug keinen Schmuck bis auf sein Amulett. Wir entschlossen uns dazu keine Waffen außer unseren Dolchen mitzunehmen. Diese konnten wir unauffällig unter unseren Gewändern verstecken. Aura wurde damit beauftragt unserer übrigen Waffen zu beaufsichtigen. Mit einer der öffentlichen Sänften ließen wir uns zur Villa des Lucullus bringen.

Es dämmerte, als wir eintrafen. Fackeln erhellten die Front. Das Eingangsportal war nun geöffnet. Ungehindert konnten die Gäste eintreten. Sklaven eilten herbei und reichten eine Wasserschüssel, in der Rosenblätter schwammen, damit man sich erfrischen konnte. Zwei von ihnen knieten nieder und wuschen uns die Füße, bevor wir weitergehen konnten. Im Patio war eine Tafel aufgebaut mit Liegen davor. Eine Lautenspielerin und eine Flötenspielerin saßen in einer kleinen Laube. Ihr Spiel klang zart durch die Dämmerung. Es waren bereits einige der anderen Gäste anwesend. Interessiert und zuweilen ein wenig abfällig wurden wir gemustert. Die Frauen, Sklavinnen wie auch Senatorengattinnen, dagegen verschlangen Anordil mit ihren Augen.

Mal sehen, wie lange es dauert, bis wir zu einem ausgeschweiften Gelage geladen werden, dachte ich sarkastisch und lächelte höflich. Unauffällig schaute ich mich um. Sklaven mit Tabletts gingen umher. Karaffen und Kelche standen darauf. Auch bei uns blieb einer von ihnen stehen. Geschickt schenkte er zwei Kelche voll und reichte sie uns. Ich nippte daran. Der Wein war gar nicht mal schlecht. Für die derzeitigen Verhältnisse sogar bemerkenswert gut. Mit den Weinen meiner Zeit konnte er zwar nicht mithalten, aber immerhin war er nicht sauer, sondern von recht angenehmer Süße. Beinahe schon zu süß für meinen Geschmack.

Andere Sklaven trugen Tabletts mit kleinen Speisen, die wie Appetithäppchen angerichtet waren. Verschiedene Olivensorten, in Honig und Sesam geröstete kleine Nagetiere, wahrscheinlich Haselmäuse, eingelegte Pflaumen und ausgelöste Granatapfelkerne. Die umherstehenden Gäste bedienten sich reichlich davon. Für meinen Geschmack bereits zu reichlich. Ich knabberte nur an einer Olive, um nicht unhöflich zu erscheinen.

Nach uns kamen noch ein paar Gäste. Endlich erschien der Hausherr Lucullus persönlich. "Gaudio ad unum omnes sequi invitationem meum - ich freue mich, dass ihr alle meiner Einladung gefolgt seid", begrüßte er die versammelten Leute, "vergnügt euch ein wenig am Spiel meiner Musikantinnen. In wenigen Augenblicken wird das Essen aufgetragen." Danach ging er von einem zum anderen. Überall verweilte er kurz. Dann kam er auf uns zu.

"Ah, der fleischgewordene Apollo", begrüßte er uns, "was für ein Glanz. Und eure Gemahlin ist die Wiedergeburt der Coronis." Galant verbeugte er sich kurz. "Zuviel der Ehre", antwortete Anordil, "wir sind erfreut an einem Gastmahl im Hause Lucullus teilnehmen zu dürfen." "Und ich bin erfreut, derart illustre Gäste unter meinem Dach begrüßen zu können", erwiderte Lucullus schlagfertig. Schließlich wandte er sich einem anderen Pärchen zu. Ich hatte bei der Begrüßung unwillkürlich erheitert lächeln müssen. Nur meiner guten Selbstbeherrschung war es zu verdanken, dass ich nicht in Gelächter ausbrach.

"Wer war Apollo?", fragte mich Anordil leise auf Sindarin. "Apollo war ein vormals griechischer Gott, der von den Römern in ihren Götterhimmel aufgenommen wurde", antwortete ich ebenso leise, "in der Antike galt er als einer der mächtigsten Götter. Seine Fähigkeiten waren äußerst vielfältig. Seine Pfeile, denn er war Bogenschütze, brachten den Tod, gleichzeitig war er in der Lage alle Wunden zu heilen. Diese Eigenschaft gab er an seinen Sohn Aesculap weiter, den er mit der Sterblichen Coronis, deshalb wählte Lucullus diesen Vergleich, zeugte."

Ich nahm einen Schluck Wein und lächelte vergnügt. "Aesculap wurde später zum Schutzgott der Heiler", fuhr ich fort, "Apollo galt als Schirmherr der Herden und Begründer von Städten. Zudem war er Beschützer der Sänger und Musiker. In der Funktion des obersten Orakelgottes war er Herr über alle Seher. Letztendlich fungierte er ebenfalls als Gott der Sonne und des Lichts. Vom Äußeren her wird er stets als überaus strahlend schön beschrieben. Daher wurde er in der nachantiken Welt zum Symbol des Glanzes, des Lichts, der Schönheit und der Künste, hierbei insbesondere der Musik verehrt. Wie sein Vater Jupiter soll er ebenfalls in der Lage gewesen sein Blitze zu schleudern. Angeblich hat er, ich glaube etwa 280 vor Christus, die Kelten mit Blitzen aus Delphi vertrieben. Seine Statuen wurden aber meist mit seinen friedlichen Symbolen – Lorbeer, Kithara und Phiale geschmückt. Die kriegerischen Attribute Bogen und Blitz findet man seltener."

Aufmerksam hatte Anordil meiner Ausführung gelauscht. In seinen Augen blitzte es belustigt. "Jetzt ist mir klar, warum du vorhin so vergnüglich geschaut hast", lächelte er mich an, "mit dem Vergleich des Apollo lag er der Wahrheit näher als ihm bewusst war." "Er kann schließlich nicht wissen, dass du viele Gemeinsamkeiten mit Apollo teilst", erwiderte ich, "wie sollte er auf den Gedanken kommen, dass du unsterblich bist? Oder ebenfalls Blitze schleudern kannst?"

In der Zwischenzeit hatte unser Gastgeber alle Anwesenden begrüßt. Jetzt schlug er kurz in die Hände. Die Musikantinnen wechselten beinahe augenblicklich die Melodie. "Zu Tisch meine Freunde", rief er kurz in die Runde und machte den Anfang. Unruhe entstand. Man strebte auf die Tafel zu. Sklaven halfen beim Drapieren der Togen. Es war ungewöhnlich, dass selbst für die Frauen Liegen vorhanden waren. Ich erinnerte mich an eine Vorlesung, in der man über die Speisegewohnheiten sprach. Frauen hatten im Regelfall keinen Platz bei großen Gastmählern. Allenfalls wurde ihnen ein Sitzplatz angewiesen. Das sie, wie hier bei Lucullus, ebenfalls Liegen zur Verfügung hatten, war die große Ausnahme und hatte wohl eher etwas mit der Exzentrität des Hausherrn Lucullus zu tun.

Als wir alle auf den Liegen Platz genommen hatten, wurden die Speisen aufgetragen. Allem voran ein Aperitif aus Honigwein. Widerlich süß. Sklaven trugen eine hölzerne Platte mit einer Henne auf einem Nest herein. Das ausgestopfte Tier hockte auf einer stattlichen Anzahl Pfaueneiern. Diese verbargen in ihrem Inneren gebratene, mit Speck umwickelte Schnepfen auf einem stark gepfefferten Eidotter. Es folgten frische Austern, eingelegte Seeigel und gesottene Fische. Masthühner, Rind- und Schweinefleisch in unterschiedlichen Zubereitungen. Purpurschnecken, Pasteten mit undefinierbaren Füllungen. Widdererbsen, Kohl, Würste, Hasenbraten, geräucherte Wildschweinköpfe, Frikassee aus Enten, geröstete Kastanien und Nüsse, ein gebratener Pfau, den man wieder in sein Federkleid gestopft hatte. Und wiederum Fische und Schalentiere, diesmal in einem Becken angerichtet, dass wie ein kleiner Fischteich aussah. Zum Schluss noch Obst, verschiedene Mehlspeisen und Backwerk.

Manche Platten waren so schwer, dass sie nur von zwei Sklaven getragen werden konnten. Im Laufe des Abends aßen wir nur wenig von den angebotenen Speisen. Jedenfalls im Gegensatz zu den anderen Anwesenden. Völlerei schien an der Tagesordnung zu sein. Manchmal stand einer auf und ging sich erleichtern. Dieses bezog sich hauptsächlich auf die Tatsache, dass man sich erbrach. Ich empfand es als widerwärtig. Aber ich hatte Gelegenheit in die Runde zu blicken. Es stachen, außer Lucullus, nur zwei weitere Römer ins Auge.

Der eine war ein drahtiger mittelgroßer Mann. Ich würde ihn knapp über dreißig Jahre schätzen. Beeindruckend gepflegt in der Erscheinung. Jemand der nie schwere Arbeit geleistet hatte, sich aber nichts desto trotz körperlich ertüchtigte. Seine Toga war blütenweiß und niemand der Anwesenden trug sie so elegant wie er. Vielleicht von Anordil abgesehen. Er hatte keine Gemahlin, denn er war Junggeselle, wie man aus den Reden erfahren konnte. Dafür hatte er eine Sklavin mitgebracht, die an seiner Seite saß. Eine Schönheit mit milchkaffeefarbener Haut und dunklen lockigen Haaren. Sie war elegant in ein safrangelbes Chiton mit rubinroter Stickerei über einer rubinroten Tunika gekleidet und mit Schmuck geschmackvoll ausgestattet.

Im Laufe des Abends stellte ich fest, dass dies Petronius war, der Schriftsteller und Dichter Neros. Er pflegte eine äußerst scharfzüngige Sprache. Er hatte eine äußerst geschickte rhetorische Art sich auszudrücken, dass es mir einige Male schwer fiel ihm zu folgen. Ich hatte bisher niemanden erlebt, der derart mit der lateinischen Sprache umging. Manche Äußerungen hätten einen anderen Mann wohl sofort den Kopf gekostet. Doch anscheinend schien er zu wissen, wie weit er mit seinen Bemerkungen über den Kaiser gehen durfte.

Der andere Mann, der auffiel, war ein für römische Verhältnisse recht hochgewachsener Mann. Seine Toga bestand aus schneeweißem, sorgfältig gefaltetem Leinen, welches nur von dem Purpurrand gesäumt wurde, der ihn als Senator auswies. Er musste vormals äußerst athletisch ausgesehen haben, doch zurzeit erschien sein Gesicht hager und ausgemergelt. Wie nach einer langen zehrenden Krankheit. Seine Hände wirkten knochig und ohne Substanz. Er aß wenig. Nur von ausgesuchten Speisen. Es schien, als würde er einem Diätplan folgen. An seiner Seite saß eine Sklavin, wie man an ihrem Armreif unschwer erkennen konnte.

Ein schönes junges Mädchen mit einer Haut wie weiße Sahne und kupferfarbenem Haar, dass ihr bis auf die Hüften fiel. Ihre saphirblauen Augen blickten nur gelegentlich auf. Man sah ihr an, dass sie bisher nicht oft an solchen Gastmahlen teilgenommen hatte. Sie wirkte verunsichert und ein wenig ängstlich. Gekleidet war sie in ein dunkelblaues Chiton über einer ebenfalls blauen Tunika, welches mit Goldfäden bestickt war. Sie trug kostbaren Schmuck. Ein wenig später konnte ich aus dem Gespräch heraus hören, dass es sich bei dem Senator um Lucius Pomodus handelte.

"Sagt an, junger Freund", sprach Lucullus Anordil über die Tafel hinweg an, "erzählt ein wenig aus der Provinz. Was ist dort Eure Berufung? Wie seid Ihr an eine solch schöne Gemahlin gelangt? Und was habt Ihr verbrochen, ins tiefste Germanien verbannt zu sein?"

Anordil lag elegant auf diesen unbequemen Liegen. Er nahm seinen Kelch und lächelte Lucullus gewinnend an. "Gar nichts habe ich verbrochen", antwortete er seidenweich, "ich ging freiwillig. Selbst wenn ihr es nicht glauben mögt. Ich führe ein unstetes Leben. Mein Weg führt mich hierhin und dorthin. Meine Gemahlin lernte ich auf einer meiner Wanderungen kennen. Sie war dem Tode nah und ich heilte sie. Wir lernten uns kennen und lieben. Einige Zeit später schlossen wir unseren Bund vor den Göttern. Seit dem ist sie an meiner Seite. Meine Berufung als Heilkundiger zwingt mich immer wieder auf Wanderschaft. Es gibt viel zu lernen. Und es gibt äußerst faszinierende Heilmethoden." "Folglich hat Euch Eure Heilkunst nach Germanien verschlagen?", fragte Lucullus weiter.

Nur Pomodus und Petronius folgten weiterhin interessiert unserem Gespräch. "So in der Art", erwiderte Anordil, "in Germanien wachsen ungewöhnliche Kräuter, deren Wirkungsweise ich versuche herauszufinden." Er wurde von Pomodus gemustert. "Als Kenner Germaniens dürfte Euch die Schönheit seiner Frauen aufgefallen sein", sagte Lucullus und fuhr leicht lauter fort, "Freund Pomodus hat eine kleine germanische Perle mitgebracht. Flavia wird uns mit ihrer Tanzkunst erfreuen."

Ich horchte auf. Dies also war Flavia, das Sklavenmädchen, wegen der wir in dieser Zeit waren. Ein wenig unsicher erhob sie sich und trat auf die freie Fläche vor der Tafel. Die Lautenspielerin hatte ihr Instrument gegen eine kleine Trommel getauscht. Sacht schlug sie einen Rhythmus. Flavia hob die Arme und begann zu tanzen. Nach einigen Sekunden hatte sie sich im Rhythmus der Trommel verloren. Selbstvergessen tanzte sie bis die Trommel aufhörte.

Am Tisch ging die Unterhaltung weiter. Pomodus hatte die Liege uns gegenüber. Nach einer Weile beugte er sich vor. Anscheinend um seinen Kelch zu ergreifen. "Ihr sagtet, Ihr wäret bewandert in der Heilkunst?", fragte er leise. Anordil nickte lächelnd und nippte an seinem Kelch. Seine Augen glitzerten. "Habt Ihr Erfahrung mit seltenen Krankheiten?", fragte Pomodus weiter. "Kommt auf die Krankheit an", erwiderte Anordil leise, "es gibt seltene Krankheiten, die ich heilen kann. Andere wiederum nicht." Sehr philosophische Antwort, dachte ich bei mir.

"Meine Frau und mein Sohn liegen krank dar nieder", flüsterte Pomodus, "meine Genesung verdanke ich nur einem Wunder. Aber es bedarf eines weiteren um meine Familie zu gesunden." "Wie kann ich dabei zu Diensten sein?", fragte Anordil ebenso leise. "Kommt morgen früh in mein Haus und betrachtet meine Familie", bat Pomodus, "sämtliche Ärzte Roms können nicht mehr helfen. Ich klammere mich an jede Hoffnung. Ich bete zu Gott und vielleicht hat er Euch zu mir geschickt. Vielleicht war es Fügung, dass ich Euch und Eurer Gemahlin heute begegnet bin. Wenn Ihr nicht helfen könnt, werde ich weiter beten."

"Nun denn", sagte Anordil, "ich werde Euch in Eurem Hause aufsuchen. Doch wenn die Krankheit derart verheerend ist, wie Ihr es sagt, dürfen wir nicht bis morgen früh warten." "Ich hatte nicht gewagt Euch darum zu bitten", erwiderte Pomodus erleichtert, "doch wenn Ihr es wünscht, wird meine Sänfte uns nach dem Mahle zu meinem Hause bringen." Danach wurde Pomodus von einem der Senatoren unterbrochen. Man sah ihm an, dass er es kaum erwarten konnte aufzubrechen. Nur die Höflichkeit dem Gastgeber gegenüber gebot ihm Einhalt.

Gegen Mitternacht hob Lucullus endlich die Tafel auf. Pomodus war einer der ersten, die das gastliche Haus verließen. "Es tut mir leid, edler Lucullus, dass ich Euer Haus zu dieser frühen Stunde verlassen muss", sagte er zu unserem Gastgeber, "doch meine Familie ruft mich heim. Ich bitte um Vergebung, dass ich Euren germanischen Gast entführe, doch vielleicht können mir seine Heilkünste zu Diensten sein." "Es sei Euch verziehen, edler Pomodus", erwiderte Lucullus, "gesundet nur rasch, damit Ihr Euren politischen Geschäften wieder nachgehen könnt. Und Euch, edler Anorius, sei Euer verfrühter Aufbruch gleichfalls vergeben. Ich bete zu den Göttern, dass Euer Bemühen im Hause des Pomodus von Erfolg gekrönt sein wird." "Wir danken für Eure Gastfreundschaft und hoffen diese bald erneut genießen zu dürfen", antwortete Anordil, bevor wir uns der Sänfte des Pomodus anschlossen. Ich wurde ebenfalls in einer Sänfte getragen. Anordil bevorzugte es zu Fuß zu gehen.

"Was werden wir dort vorfinden?", fragte er mich leise auf Sindarin, während er neben meiner Sänfte dahin schritt. "Ich weiß es nicht", antwortete ich ebenso leise, "zur damaligen Zeit sind die Menschen an einer simplen Erkältung gestorben. Ich habe keine Ahnung, was es sein könnte." "Was waren die üblichen Erkrankungen zu jener Zeit?", fragte er weiter. Ich versuchte mit daran zu erinnern, was ich im Geschichtsstudium gehört hatte.

"Soweit ich mich erinnere, gab es etliche Seuchen, die auf nicht saubere Zustände zurückzuführen waren", flüsterte ich, "Typhus, Pest, Cholera und Grippe waren die häufigsten. Teilweise löschten sie ganze Landstriche aus. Daneben gab es eine Reihe von Infektionserkrankungen. Malaria, Gelbfieber, Erkältungen und ähnliches. Vergiftungen gab es eine ganze Reihe. Hauptsächlich durch verdorbene Speisen und Schimmel." "Wir werden sehen", murmelte er vor sich hin.

Für den Rest des Weges schwiegen wir. Jeder hing seinen Gedanken nach. Was würden wir vorfinden im Haus des Pomodus?

to be continued ...

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