Kurze Zeit später erreichten wir das Haus des Pomodus. Fackeln erhellten das Tor. Ein Sklave in einer grünen Tunika aus Nessel öffnete uns. An einem geflochtenen Wollband hing ein kleines unscheinbares Kreuz aus Holz um seinen Hals. Er verbeugte sich ehrerbietig, als er seines Herrn ansichtig wurde. "Wie geht es meiner Gemahlin und meinem Sohn?", fragte Pomodus. "Unverändert, Dominus", erwiderte der Sklave leise, "der griechische Medicus ist anwesend. Er hat die Herrin erneut zur Ader gelassen, aber das Fieber ist immer noch da. Im Moment ist er beim jungen Herrn."
"Wie alt ist der junge Herr und wie oft ist zur Ader gelassen worden?", unterbrach Anordil fragend. Seine Stimme duldete keinen Widerspruch. "Der junge Herr zählt elf Sommer und der Medicus war die letzten vier Tage je zweimal gekommen, Herr", antwortet der Sklave prompt. Anordil wandte sich rasch an Pomodus. "Ihr müsst es unterbinden, edler Pomodus", sagte Anordil eindringlich, "das Kind verblutet."
Ohne ein weiteres Wort eilte Pomodus uns mit schnellem Schritt voraus. Wir folgten ihm beunruhigt. Die Villa war großzügig gestaltet. Die Räume und Gänge, durch die wir kamen, waren geschmackvoll gestaltet. Viel edler Marmor und dezente Goldakzente sprachen von Eleganz. Ich sah etliche Sklaven bei der Arbeit und das um diese Nachtzeit. Es schien aber eher, als wären sie um ihre Herrschaft besorgt. Die Sklaven trugen einfache, saubere Gewänder, die aus Nessel gefertigt waren und wirkten gut genährt. In den meisten Augen las ich Besorgnis. Manche von ihnen schienen leise zu beten. Doch an welchen Gott sie ihre Gebete richteten, vermochte ich nicht zu sagen.
Wir näherten uns einer hölzernen Tür, die reich mit geschnitzten Ornamenten verziert war. Eine ältere Sklavin in einer dunkelblauen Tunika saß davor. Sie öffnete uns die Tür und gab den Eingang frei. Der dahinter liegende recht großzügige Raum war karg ausgestattet. An einer Wand standen zwei Truhen, in denen sich wohl Gewänder befanden. Kostbare Mosaike schmückten die Wände. Vor einem der glaslosen Fenster, die jetzt mit hölzernen Läden verschlossen waren, befand sich ein Schreibpult. Achtlos ruhte eine Leier an einem Stuhl gelehnt. An der anderen Wand stand das Bett. Eher eine steinerne Liege mit dicken Polstern darauf. Dort lag ein blasser Junge unter einer dunkelroten wollenen Decke. Über ihn gebeugt stand ein Mann im grauen Chiton mit einem wollenen Käppchen auf, unter dem sich braune Haare hervor kräuselten. Ein langer brauner Bart zierte dessen Kinn. In seinen Händen blitzte ein kleines gebogenes Messerchen. Dies musste der griechische Medicus sein. Er wollte just in diesem Moment die Ader des Jungen öffnen.
"Halt!", befahl Anordil energisch, "lasst ab!" Der Medicus drehte sich erstaunt um. "Wer seid Ihr, dass Ihr derart ungebührlich hereinstürmt?", fragte er verärgert, "ich versuche diesem Leidenden Linderung zu verschaffen." "Ihr tötet den Jungen, wenn Ihr ihm weiter zur Ader lasst", sagte Anordil ruhig, ohne auf die Frage zu antworten. "Die Säfte sind im Ungleichgewicht", antwortete der Mann gereizt, "ich muss zur Ader lassen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Wer seid Ihr, dass Ihr mein Urteil in Frage stellt?" "Ich bin ebenfalls Medicus", antwortete Anordil gelassen, "geht bei Seite, dass ich den Jungen betrachten kann." Sein letzter Befehl kam unmissverständlich.
Zornig richtete sich der Medicus auf. "Ihr stellt meine Diagnose in Frage?", sagte er mit scharfer Stimme, "dass ist mir noch nie geschehen! -" Er schöpfte Atem um wohl eine Schimpftirade zu beginnen. Doch er besann sich eines anderen, als er Pomodus hinter uns erkannte. Mit Mühe zwang er sich zu einem überheblichen Lächeln. "– Nun denn", sagte er süffisant und vollführte eine einladende Handbewegung, "seht Euch das Kind an. Ihr werdet den gleichen Schluss ziehen, wie ich." Arrogant gab er den Platz am Bett des Jungen frei. Anordil trat hinzu.
Dem Jungen rannen Schweißbäche die Stirn hinunter. Er glühte förmlich. Tunika und Laken waren durchgeschwitzt. Sacht legte Anordil eine Hand auf den glühendheißen Arm. "Sei gegrüßt, junger Herr", sagte er freundlich, "ich bin gekommen, um dir zu helfen. Kannst du mich verstehen?" Der Junge blickte auf. Seine Augen glänzten glasig im Schein der Öllampen. Der Blick irrte ein wenig umher. Mit Mühe fokussierte er seine Augen auf Anordil. "Ja, ich verstehe Euch", flüsterte der Junge leise.
"Wie ist dein Name?", fragte Anordil. "Ich werde Gaius gerufen", kam die leise Antwort. "Gaius ist ein schöner Name", sagte Anordil, "hast du Schmerzen, Gaius?" Der Junge nickte. "Überall", flüsterte er schwach. "Ich werde dich nun untersuchen, um die Ursache dafür zu finden", erklärte Anordil ihm sanft, "du brauchst keine Angst zu haben. Ich versuche dir dabei nicht weh zu tun." Gaius nickte zustimmend.
Rasch untersuchte Anordil den fiebernden Körper. Trotz der leichten Hand des Elben fühlte Gaius Schmerzen. Leise stöhnte er. "Die Lymphen sind geschwollen. Der Körper ist übermäßig heiß. Die Lunge frei und geräuschlos. Herzschlag langsam, aber kräftig und regelmäßig", murmelte er auf Sindarin. Langsam glitten seine Hände über den Körper. Ein Strom von Magie floss. Aufmerksam verfolgte er die Reaktionen von Gaius.
Argwöhnisch wurde Anordil von dem griechischen Medicus beobachtet. "Nun, was meint mein Kollege dazu?", ließ dieser verlauten. Dabei betonte er das Wort ‚Kollege' äußerst sarkastisch. "Ich denke, dass es sich um eine Vergiftung handelt", erwiderte Anordil gelassen ohne seinen Blick von Gaius zu wenden, "mit einem Aderlass ist dabei nicht gedient." Zornig blickte der Medicus ihn an. "Vergiftung? Es ist ein Sumpffieber!", brauste er auf, "jeder Stümper weiß, wie Sumpffieber sich äußerst und wie es zu behandeln ist!"
Nach Zustimmung heischend drehte er sich zu Pomodus. Dieser hatte Anordil unverwandt angeblickt. Offensichtlich gefiel ihm die Art, wie Anordil zu Werke ging. "Ich glaube Anorius", sagte er mit ruhiger Stimme. Ungläubig starrte der Medicus ihn an. Sekunden verstrichen. Anscheinend musste dieser erst die Worte des Pomodus verdauen. "Derart bin ich noch nie behandelt worden!", giftete der Mann, "wenn Ihr einem Quacksalber mehr glaubt, als einem anerkannten Medicus, kann und will ich Euch nicht mehr zu Diensten sein. Bezahlt meine Dienste und ich werde nie wieder Euer Haus betreten." Fordernd streckte er die Hand aus.
"Arminius kümmere dich darum", sagte Pomodus ruhig, ohne den Medicus eines Blickes zu würdigen. Dieser holte erneut Luft. Aber bevor er seinem Unmut freien Lauf lassen konnte gab der angesprochene Sklave ihm zu verstehen, dass er den Raum verlassen musste. Aufgebracht und wütend verließ der Medicus das Gemach. Die eine Sklavin, die uns die Tür geöffnet hatte, sammelte schweigend die Instrumente des Medicus zusammen und trug sie ihm hinterher.
"Bist du dir sicher mit der Vergiftung?", fragte ich Anordil leise auf Sindarin. Er nickte. "Äußerst sicher. Wahrscheinlich Pilze oder Fisch", antwortete er. Ruhig untersuchte er den Jungen zu Ende. Ein leiser Strom von Magie floss. Vermutlich neutralisierte er das Gift im Körper des Jungen. Dieser wurde auch augenblicklich ruhiger. Seine Augen fielen zu und er schlief ruhig ein.
"Bevor Ihr krank wurdet, hattet Ihr Pilze oder Meeresfrüchte zu euch genommen?", richtete er seine Frage an Pomodus. Immer noch beobachtete Anordil Gaius. Erstaunt blickte Pomodus ihn an. "Wir waren auf einem Fest des Kaisers, drei Tage bevor wir erkrankten", erwiderte dieser leise, "dort aßen wir beides, Pilze und Fisch in verschiedenen Zubereitungen. Überdies wurden Meeresfrüchte aufgetragen."
Anordil nickte zufrieden. "Lasst einen Aufguss bereiten", sagte er und reichte dem Sklaven Arminius einen Beutel, "es reicht für zehn sextarii." Das entsprach ein wenig mehr als fünf Litern Flüssigkeit. Ein sextarii war in etwa ein halber Liter. Den Kräuterduft konnte ich bis zu mir riechen.
"Gebt dem Jungen reichlich davon zu trinken", wies er den Sklaven an, "das Fieber wird bis zum Morgen gefallen sein. Sobald er normale Körpertemperatur hat, bereitet mit diesen Kräutern ein Bad. Er soll weiterhin den Aufguss trinken, bis dieser geleert ist. Danach frisches, abgekochtes Wasser soviel er will. Falls er Hunger verspüren sollte, gebt ihm leichte Kost. Kein Fleisch, kein Fisch, keine Hülsenfrüchte und keinen Kohl, keine frischen Früchte, nur gekochte Kost. In zwei Tagen wird es ihm besser gehen. Erst dann darf er rotes Fleisch essen und eingelegtes saures Gemüse." Ein zweites Beutelchen Kräuter wechselte in die Hand des Sklaven.
Pomodus hatte alles fasziniert beobachtet. "Bitte seht gleichfalls nach meiner Gemahlin", bat er. Anordil nickte und wir verließen das Zimmer. Einige Räume weiter öffnete eine Sklavin die Tür zu den Privatgemächern des Pomodus. Hölzerne Läden verschlossen die Fenster. Die Wände waren aufwändig mit Malereien verziert. Geschnitzte hölzerne Truhen mit feinen Intarsienarbeiten bargen wohl die Gewänder. Auf der Lagerstatt, die mit feinen Laken und wollenen Decken ausgestattet war, ruhte eine immer noch schöne Frau mittleren Alters. Weißgesträhntes schwarzes Haar umrandete ein feines Gesicht, welches vom Leiden gezeichnet war. Sie fieberte stark. An ihrem rechten Arm war eine frische Binde. Diese wies einen kleinen blutigen Fleck auf. An dieser Stelle musste der griechische Medicus ihr zur Ader gelassen haben. Ihre Haut schimmerte bleich auf dem Laken. Dunkle Ringe umrundeten die Augen. Die Lippen waren leicht bläulich verfärbt.
"Galu an i bess, tollim hír fuin - ein Glück für die Frau, dass wir diese Nacht gekommen sind", flüsterte Anordil mir auf Sindarin zu, "sie würde andernfalls das Morgengrauen nicht mehr erleben." Rasch untersuchte er sie gründlich. Dabei spürte ich wiederum den magischen Fluss. Augenblicklich schien sie ruhiger zu atmen. "Bereitet einen Kräuteraufguss in gleicher Weise und gebt ihn ihr zu trinken. Sie muss reichlich davon zu sich nehmen, damit das Gift ausgeschwemmt wird", sagte er leise, "im übrigen gilt für sie das gleiche, wie für das Kind."
Danach verließen wir den Raum. Pomodus ging uns voran ins Atrium. Dieses war von Fackeln erleuchtet. Ein Krug mit Wein und Kelche standen dort auf einem steinernen Podest. "Bitte bleibt bis zum Morgen", bat er uns. "Seid unbesorgt", erwiderte Anordil, "beide werden sich erholen. Das Fieber wird bis zur Morgendämmerung gesunken sein. Wir werden nach dem ientaculum zurückkehren." "Ich kann Euch wohl nicht umstimmen, die Nacht unter meinem Dach zu verbringen", sagte Pomodus seufzend, "meine Sänftenträger werden Euch zu Eurer Unterkunft geleiten. Roms Straßen sind nicht mehr so sicher wie in Augustus Zeiten. Viel Gesindel durchstreift die Nacht." "Habt Dank für Eure Großzügigkeit", entgegnete Anordil.
Pomodus hatte einem der dezent im Hintergrund stehenden Sklaven einen Wink gegeben. Minuten später standen zwei Sänften mit Trägern bereit. Vier Sklaven geleiteten uns außerdem. Es war merkwürdig auf diese Weise durch die dunklen Straßen zu ziehen. Ab und an begegnete uns eine kleine Einheit Prätorianer. Respektvoll ließen sie uns passieren, nachdem sie das Wappen des Senators erkannt hatten. Je näher wir unserer Unterkunft kamen, desto belebter wurden die Straßen. Rom schlief nicht. Selbst in dieser Zeit nicht. Ohne Zwischenfälle gelangten wir zum Gasthaus. Der Rest der Nacht verlief ruhig.
Aura weckte uns als die Sonne aufging. Nach dem spärlichen Frühstück machten wir uns auf zum Haus des Pomodus. Wir klopften an das Tor. Sekunden später wurde es geöffnet. Der Sklave Arminius verbeugte sich respektvoll, als er uns einließ. "Wie geht es deiner Herrin und dem jungen Herrn?", fragte Anordil ihn leise. "Viel besser, Herr", erwiderte dieser, "die Herrin ist vor Morgengrauen aufgewacht und der junge Herr erst kurz vor Eurem Erscheinen. Das Fieber ist verschwunden und sie haben Appetit." Seine Augen leuchteten erleichtert. "Führe uns zu ihnen", befahl Anordil.
Auf dem Weg durch das Atrium begegneten wir Pomodus. Freudestrahlend kam er auf uns zu. "Ihr seid vom Himmel geschickt worden, Anorius", begrüßte er uns bewegt, "Lydia und Gaius sind aufgewacht und augenscheinlich wohlauf. Kommt – ich bringe Euch zu ihnen." Zuerst suchten wir die Herrin des Hauses auf. Sie sah zwar blass aus, wirkte aber durchaus munter. Sie hatte offensichtlich bereits gebadet. Erfreut begrüßte sie uns. Allerdings war sie noch zu geschwächt, um aufzustehen.
Danach begaben wir uns in Gaius Gemach. Der Junge wirkte beschwerdefrei. Auch er hatte gebadet. Ruhig schlief er in den frischen Laken. Er bekam nicht mit, dass Anordil ihn untersuchte. Leise gingen wir nach draußen ins Atrium.
Ein Sklave brachte Wein und Brot. "Was kann ich Euch dafür geben?", sagte Pomodus, "Ihr könnt alles verlangen, was Ihr wollt." "Uns verlangt nicht nach Gold oder Edelsteinen", erwiderte Anordil, "wir haben nur eine Bitte an Euch." "Sprecht, werter Anorius", forderte Pomodus ihn neugierig auf, "sofern es in meiner Macht liegt, werde ich Eurem Wunsch entsprechen."
Ruhig nippte Anordil an dem Kelch. Wir hatten in der letzten Nacht darüber gesprochen, wie wir weiter vorgehen wollten. "Edler Pomodus", hob Anordil an, "Euer Haus ist in großer Gefahr. Folgt unserem Rat und verlasst Rom. Am besten am heutigen Tage. – Mit Eurem gesamten Haus." Pomodus sah ihn entgeistert an.
"Was sagt Ihr da?", fragte er ungläubig, "Ihr verlangt Unmögliches. Da ich genesen bin, erwartet man mich im Senat." "Euer Haus ist in Gefahr", sprach ich eindringlich, "Ihr wart lange krank. Länger, als es eine Vergiftung alleine hervorrufen könnte. Flieht, solange Ihr noch könnt." Pomodus sah uns intensiv an. "Der Kaiser?", fragte er leise, "hat es mit ihm zu tun? Bin ich in Ungnade gefallen?" "Wir wissen es nicht", flüsterte ich zurück, "aber Unheil droht und das bald. - Euch und anderen Christen." Er erbleichte sichtlich.
"Woher wisst Ihr?", fragte er, "wir dachten, wir hätten es wohl verschwiegen." Seine Stimme war nunmehr ein Hauch. "Das tut nichts zur Sache", sagte Anordil ausweichend, "aber wir sind gekommen, Euch zu warnen. Nehmt es Ernst." Ohne ein weiteres Wort an ihn zu richten, drehte sich Anordil um und ging. Ich folgte ihm schweigend. Die Augen des Pomodus brannten in unseren Rücken. Ich konnte sie spüren, als wir das Tor hinter uns schlossen.
Den Rest des Tages streiften wir durch Rom. Neugier trieb uns hierhin und dorthin. Bald würde dieses Rom, welches vor uns aufragte, in Schutt und Asche liegen. Das römische Imperium war im Untergang begriffen. Es würde zwar einige Jahrhunderte dauern, doch die Macht war deutlich im Schwinden begriffen. Es kriselte an den Grenzen und es bröckelte im Inneren. Vor nicht ganz hundert Jahren hatte Spartacus den Sklavenaufstand angeführt. Damit hatte er ohne es zu wissen, den Untergang des Römischen Reiches eingeläutet. Der Stern Roms sank unaufhaltsam.
In der Nacht weckte mich Anordil sacht. Unruhe herrschte auf der Straße und laute Schreie hallten durch die Nacht. Brandgeruch hing in der Luft. "Echuio, mboe badatham lagor - erwache, wir müssen rasch gehen", sagte er bestimmend. Entgeistert sah ich ihn an.
"Ae law! - Oh nein!", stöhnte ich auf, "han eden. Ir ost lacha! - Es hat begonnen. Die Stadt brennt!" Ich schaute aus dem Fenster Richtung Circus Maximus. Dort hatte es damals die verheerendsten Verwüstungen gegeben. Der Himmel war rot vom Widerschein des Feuers. Dichter Rauch stieg auf und legte sich auf die Lungen. Eilig nahmen wir unsere Waffen und die Reisebeutel. Aura weckten wir ebenfalls auf. "Rasch hinaus", befahl Anordil. Im Flur klopfte er an die anderen Türen und weckte dadurch das Gasthaus. Verwirrung herrschte.
"Rom brennt!", rief einer ungläubig, "unmöglich!" Doch bald wurde er eines Besseren belehrt. Die Straßen verstopften sich zusehends mit Menschen, die vor dem Feuer flüchteten. In kurzer Zeit würde es kein Durchkommen mehr geben. Voller Panik hasteten Leute an uns vorbei. Dichte Rauchschwaden quollen aus der Richtung des Circus Maximus. Rasch griff das Feuer um sich. Hitze schlug uns entgegen.
Ich folgte Anordil durch die Nacht. Aura lief verstört hinter uns her. "Boe nuitham i naur - wir müssen das Feuer aufhalten", flüsterte er mir hastig zu. Mir war in Erinnerung, wie er damals das Feuer in der Schmiede gestoppt hatte. Wäre er in der Lage ein Feuer von solchem Ausmaß, wie es hier brannte, zu löschen? Eigentlich waren nur die Istari so mächtig! Ich schüttelte energisch den Kopf.
"Damit würdest du die Geschichte ändern", erwiderte ich hart, "du darfst nichts unternehmen. Wir können höchstens den einen oder anderen aus dem Feuer retten. Aber Rom MUSS brennen." "Tausende werden sterben", sagte er eindringlich. "Ich weiß", wisperte ich traurig, "doch wir müssen tatenlos zusehen, im anderen Falle werden Millionen nie geboren werden und sich die Weltgeschichte komplett ändern. - Du weißt es. – Du hast mir in Mittelerde gesagt, dass ich schweigen muss, über die Dinge die geschehen werden. – So ist es hier gleichermaßen. – Wir müssen zusehen, wie das Unfassbare geschieht, damit das Schicksal seinen Lauf nehmen kann."
Traurig blickte er mich an. "Du hast Recht", erwiderte er, "wir dürfen nicht eingreifen." Wir mussten recht dicht am Hauptbrandherd vorbei. Es gab kaum ein Haus, welches nicht in Flammen stand. Die Luft war voller Rauch und heiß. Mancherorts gab es kaum ein Durchkommen. Das erste Mal seit langem fühlte ich Angst. Beinahe war ich versucht Anordil um das Unmögliche zu bitten.
Ein kleines Mädchen rief neben mir seine Mutter mit Panik in der Stimme. Niemand antwortete ihr. Ich riss sie an mich. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Anordil einen Mann unter einem einstürzenden Balkon weg riss. Nur Sekunden später polterten Steine zu Boden. "Vorwärts!", befahl Anordil mir und schob den Mann vor sich her. An Aura klammerte sich eine Frau mit angstvoll geweiteten Augen. "Gibt es einen Weg hier raus?", rief Anordil mir zu.
Er scharte Menschen um sich. Selbst in diesem Inferno strahlte er Ruhe und Besonnenheit aus. Blindlings folgte man ihm. Hastig schaute ich mich um. Meine Augen suchten einen Ausweg. Dann fiel es mir ein. "Die Kanäle!", schrie ich Anordil zu, "suche den Eingang zu einem Kanal. – Es muss hier einen geben. Rom war schon damals durchzogen von unterirdischen Kanälen."
Bange Augenblicke verstrichen, bis wir einen Kanaldeckel gefunden hatten. Mit Leichtigkeit riss Anordil den Deckel aus der Verankerung. "Rasch", befahl er mit lauter Stimme, "hinunter!" Hastig folgte man seiner Anweisung. Ich beobachtete beunruhigt die Flammen. Sie zehrten an den Gebäuden um uns herum. Eines hatte bereits bedenkliche Risse. Hoch loderte das Feuer aus den Fenstern und den bereits heraus gebrochenen Steinen hervor. Es bröckelte immer mehr.
"Anordil!", schrie ich, als es begann einzustürzen, "berio aneg! - Deckung!" Anordil folgte meinem Blick und schleuderte einen Zauberspruch. Seine Stimme hallte mächtig über das Getöse des Feuers und der fallenden Steine. Die Wucht des Spruches ließ mich zusammenzucken. Meine Güte, dachte ich, solche Energie hatte ich nie zuvor gespürt! Die Steine prallten ab, wie von einer unsichtbaren Wand aufgehalten. Sie fielen zu Boden, ohne uns zu verletzen.
Diejenigen, die dieses mitbekommen hatten reagierten unterschiedlich. "Ihr Götter!", rief einer, "Apollo ist mit uns!" Eine Frau dagegen fiel auf die Knie und bekreuzigte sich. "Der Herr schickte uns einen Engel", stieß sie hervor. Tiefgläubig starrte sie Anordil an.
"Beeilt euch!", befahl er energisch, "das Wasser des Tibers wird uns schützen." Damit schob er die Übrigen in die Dunkelheit des Kanals. Auch ich beeilte mich seinen Worten Folge zu leisten. Immer noch klammerte sich das Mädchen an meinen Hals. Es war etwas mühsam die glitschige grobe Leiter aus Metall hinunter zu klettern. Die Dunkelheit wurde nur wenige Schritte weit durch die oben lodernden Flammen in rötliches Licht getaucht.
Angstvolle Gesichter blickten mir entgegen. In vielen davon las ich aber auch Hoffnung. Geschmeidig schwang sich Anordil neben mir auf den Boden. Knietief standen wir nun in brackigem Wasser. Es roch unangenehm nach Fäkalien und fauligem Fleisch. "Wohin, Herr?", fragte einer der Männer, "wohin sollen wir gehen?" Anordil musterte rasch die Umgebung. Auch ich drehte mich einmal um meine Achse, um mich zu orientieren. Wir standen in einem mannshohen, gemauerten Gang. Das Wasser, oder eher die schlammige, schmutzige Brühe, floss träge in eine Richtung.
"Hier lang", befahl Anordil und ging raschen Schrittes voran. Ängstlich aneinander gedrängt folgte man ihm. Das Mädchen auf meinem Arm schluchzte laut. "Mama!", kläglich durchdrang ihre Stimme die Dunkelheit. In dem Stimmengewirr ging sie allerdings unter. Es ging mir durch Mark und Bein. Aber ich durfte mich ihrer nicht zu sehr annehmen. Kurz entschlossen drückte ich sie einer jungen Frau neben mir in die Arme. "Passe gut auf sie auf", wies ich sie an, "finde ihre Mutter, wenn es möglich ist." "Ja, Herrin", entgegnete sie mir. Ihr Gesicht war kaum zu erkennen. Ein flüchtiger Schatten in einer schwach rötlichen Düsternis.
Wir drängten uns vorwärts. Den rettenden Fluten des Tibers entgegen. Von oben hörten wir die prasselnden Feuer und das beklemmende Geräusch herabfallender Steine. Immer wieder drangen unmenschliche Schreie zu uns. Der Geruch nach verbranntem Fleisch hing in der Luft. Dann endlich hatten wir das Freie erreicht. Ich sah, dass aus anderen Kanälen ebenfalls Menschen strömten. Erleichtert atmete ich auf.
Vielen gelang durch die Kanäle die Flucht vor den verheerenden Flammen. Und doch verloren viele ihr Leben in diesem Inferno. Aber noch mehr sollten danach ihr Leben lassen in den Arenen Neros. Wie viele von denen, die mit uns ans Ufer kletterten, würden dort ihr Leben aushauchen?
Anordil zog mich mit sich. "Was liegt da hinten?", fragte er mich und wies zu einer Menschentraube, die sich vor einer Kette aus Prätorianern drängelte. "Ich bin mir nicht sicher", antwortete ich und überlegte, "ich glaube, dort geht es zu den kaiserlichen Gärten oder irgendeinem Tempel." Bei den Prätorianern entstand Tumult. Ich sah einen hochrangigen Offizier, wenn ich mich nicht irrte, einen Tribun, einen anderen Offizier schlagen. Menschen drängelten vor und mit einem Mal wurde die Prätorianerkette durchbrochen. Sie waren nicht mehr in der Lage, die Menschenmassen aufzuhalten.
"Wir sollten zum Haus des Pomodus", sagte ich zu Anordil, "wenn ich mich recht erinnere, wurde das Senatorenviertel kaum vom Feuer berührt." Er nickte zustimmend. So rasch es ging, bewegten wir uns durch die Nacht. Aura hastete hinter uns her. Menschen drängelten sich uns entgegen, auf ihrem Weg zum Tiber. Vom Circus Maximus aus wehte eine Brise herüber und trug den Geruch verbrannten Fleisches mit sich. Am Himmel sah man den Widerschein des Feuers. Dann näherten wir uns dem Senatorenviertel.
Bereits von weitem sahen wir die Menschenketten mit Wassereimern, welche die Feuer in Schach hielten. Ganze Horden von Prätorianern waren hier zu sehen. Dagegen brannte der Kaiserpalast lichterloh. Dieser war nicht mehr vor der Wut der Flammen zu retten. Man hatte ihn aufgegeben, da der Kaiser nicht in der Stadt weilte. Man sah viele Villen im Umkreis des Palastes in Flammen stehen.
Als wir an Pomodus Tor klopften, wurde uns erst nach einer ganzen Weile geöffnet. "Kommt herein", sagte Pomodus hastig, "in dieses Viertel wird das Feuer wohl nicht leicht vordringen." Er selber hatte uns die Tür geöffnet. Schnell schlüpften wir durch das Tor.
Im Atrium hatten sich die Mitglieder des Hauses versammelt. Aber auch andere drängten sich dort. Sklaven und freie römische Bürger. In dieser Nacht waren alle gleich. Sie teilten die gleiche Angst. Wir traten hinzu. Hinter uns hörten wir ein erneutes Klopfen am Tor. Ein bestimmter Rhythmus. "Und es sprach der Herr, klopfet so wird euch aufgetan", zitierte ich leise auf Latein. Lydia, die Herrin des Hauses, stand neben mir und sah mich irritiert an. "Ihr kennt die heiligen Worte unseres Herrn?", flüsterte sie überrascht. "Ja, auch wenn ich einen anderen Gott verehre, aber ich akzeptiere euren Glauben", wisperte ich zurück.
In der Zwischenzeit waren noch mehr Flüchtlinge angekommen. Das Atrium füllte sich mit Menschen. Viele von ihnen trugen Brandwunden oder waren von herabfallenden Steinen verletzt worden. Ruß schwärzte ihre Gesichter und verschmutzte die Gewänder. "Was geschieht an diesem Ort?", fragte mich Anordil leise. "Dies ist eine Zufluchtsstätte für Christen", flüsterte ich zurück, "die ersten Christengemeinschaften halfen sich gegenseitig. Wer in Not war und an die Tür eines Christen klopfte, dem wurde geholfen. Bisweilen waren bestimmte Klopffolgen vereinbart – wie hier."
Den Rest der Nacht verbrachte die Menge im Gebet. Immer wieder trafen Flüchtlinge ein. Brandgeruch erfüllte die Luft. Heiße Wolken trieben über uns hinweg. Doch die wütenden Feuer erreichten nicht dieses Haus. Wir hielten uns im Hintergrund. Anordil half den Verletzten und ich machte mich in der Küche nützlich. Dabei sah ich Flavia wieder.
"Du bist die Sklavin Flavia?", sprach ich sie an. Erschrockene Augen sahen mich an. "Ja, Herrin", erwiderte sie leise, "ich werde Flavia gerufen." "Du bist eine Gallierin?", fragte ich weiter. Unruhig sah sie sich um. "Du brauchst dich nicht zu fürchten", flüsterte ich auf gälisch, "bist du getauft worden?" Sie nickte. "Wir wurden alle getauft, die im Haus des Pomodus leben", erwiderte sie, "Petrus selber hat die Taufe zelebriert. Er ist jetzt wieder in Rom." Aus ihren Augen leuchtete die Gläubigkeit der ersten Christen. Warum bei Cernunnos Hörner sollen wir sie auf Belenus Befehl hin retten? Ich hatte in dieser Nacht viel Zeit darüber nachzudenken. Doch ohne Ergebnis. Mir fiel kein Grund ein.
Auch in den weiteren Tagen hatte ich Zeit zum Denken. Der Brand wütete weitere neun Tage, bevor er unter Kontrolle war und allmählich verlosch. Der Geruch des Feuers hing noch lange in der Luft. An vielen Orten flackerten erneut kleinere Brände auf. Und bald machten die ersten Gerüchte die Runde. Nero hätte Rom angezündet, hieß es oder die Christen hätten den Brand gelegt, um sich an Rom zu rächen. Ein anderes Mal waren die Armenier Schuld oder die Juden. Es gab Dutzende verschiedener Aussagen.
Nur ein paar Tage später hörte man an allen Ecken die Proklamation Neros, die er ausrufen ließ. Bei einem der Männer blieben wir stehen. Eine Menschentraube hatte sich um ihn versammelt. Er stand ein wenig erhöht, so dass auch jeder ihn sehen konnte. Eine Handvoll Prätorianer stand schützend um ihn, bereit ihn jederzeit zu verteidigen. "Volk von Rom", tönte er, "sammelt euch und vernehmt die Worte unseres göttlichen Kaisers, dem von Jupiter geliebten Nero." Er hielt kurz inne und senkte seinen Blick auf die Papierrolle vor ihm.
"Und hiermit erkläre ich,", zitierte er, "dass die Schuld an der Brandschatzung unserer geliebten Stadt bei jener üblen Sekte liegt, die sich selbst Christen nennt. Sie haben die Lüge verbreitet, es war Nero, der Rom verbrannte. – Ich werde diese Verbrecher ausrotten in einer Art und Weise, die dem Ausmaß ihres Verbrechens entspricht. – Ihre Strafe ist für alle eine Warnung. – ein Schauspiel des Schreckens für alle Bösewichter, – überall und für ewig – die euch Übel wollen oder eurem Rom oder eurem Kaiser, der euch liebt."
Theatralische rollte er das Papier wieder auf. "Hört, ihr Bürger Roms", fuhr er fort, "unser geliebter Kaiser lässt euch noch etwas mitteilen. – Die Kornspeicher der Stadt sind geöffnet. Jeder rechtschaffende Bürger Roms ist aufgerufen sich mit Getreide zu versorgen. Und Rom wird wieder aufgebaut. Größer und schöner denn je. Der Circus Maximus wird bereits geräumt und erneut errichtet, so dass dort die Bestrafungen in Kürze beginnen können. Zu dieser Stunde werden bereits die ersten Verbrecher gefangen genommen und in die Kerker geführt. - Nun geht nach Hause und erwartet die Proklamation der Spiele." Hocherhobenen Hauptes schritt der Mann zu seiner nächsten Redestelle. Die Prätorianer eskortieren ihn durch die Menge hindurch, die ihm bereitwillig Platz machte. Auf den Gesichtern der Menschen spiegelte sich Erleichterung und Wut, Freude und Hass auf die vermeintlichen Brandstifter. Hochrufe erschollen auf Nero und seine weise Entscheidung.
Panem et circenses – Brot und Spiele, dachte ich frustriert. Jetzt hatte ich den Ursprung dieses Sprichwortes deutlich vor Augen. Und das Leid, was damit verbunden war. Beunruhigt begaben wir uns ins Senatorenviertel. Die ersten Auswirkungen der Proklamation waren deutlich zu sehen. Prätorianertruppen zogen durch die Straßen. Jeder der im Verdacht stand, ein Christ zu sein, wurde gnadenlos gefangengenommen und in die Kerker gebracht.
Pomodus reagierte mit ungewöhnlicher Gelassenheit. Er war der Meinung, dass sein Status als Senator Roms ihn ausreichend schützen konnte. Nur zwei Tage später war er anderer Meinung. Aufgelöst kehrte er von einem Gastmahl zurück, zu dem er geladen war. "Petronius ist tot", verkündete er erschüttert, nach dem er seinen Haushalt um sich geschart hatte, "er starb von eigener Hand. Vor unseren Augen. – Räumt das Notwendigste zusammen. Vor allem Schmuck und Gold. In den frühen Morgenstunden, wenn die Straßen etwas ruhiger sind, werden wir Rom verlassen. – Arminius, komme mit mir. Ich werde dir noch Anweisungen geben."
Der Sklave folgte ihm gehorsam ins Innere des Hauses. Erleichtert atmete ich auf. Endlich waren unsere Worte auf fruchtbaren Boden gefallen. Betriebsame Hektik verbreitete sich. Erst spät legte sich eine trügerische Ruhe über das Haus. Anordil und ich beschlossen Wache zu halten.
Gegen Morgen, es war noch dunkel, huschte Anordil zu mir herüber. "Wecke die Leute", wies er mich an, "eine Garde ist im Anmarsch. Ich kann sie bereits hören." Rasch lief ich ins Haus und weckte die Menschen. Verschlafene Augen blickten mich an. Dann klopfte es bereits an das Portal. "Im Namen des göttlichen Nero", befahl eine harsche Stimme, "öffne das Tor, Lucius Pomodus!"
Angstvoll drängten sich die Kinder um mich. Anordil schaute sich um. Pomodus näherte sich bleich dem Portal. Gefasst öffnete er die hölzerne Tür. Ein großes Aufgebot Prätorianer in voller Rüstung stand davor. "Lucius Gaius Pomodus", tönte der eine von ihnen, "im Namen des Kaisers höre folgenden Befehl. – Das Haus des Pomodus wird verhaftet und in den Kerker des Circus Maximus überstellt. Vorgeworfen wird die Brandschatzung Roms als Angehörige der Sekte der Christen. Jedes Mitglied der Familie und alle Freien, die ihm dienen, werden eingekerkert, bis das endgültige Urteil gesprochen ist. Als Mitglied des Senates hat Lucius Pomodus Anspruch auf eine ordentliche Verhandlung. Ein Vertreter seiner Rechte wird ihm zur Verfügung gestellt. Der Anspruch auf einen eigenen Verteidiger wird ihm abgesprochen. – Die Sklaven des Haushaltes werden auf ihre Treue zu Rom geprüft und anschließend dem kaiserlichen Haushalt zugesprochen, sofern sie dem Kaiser ergeben sind. Die übrigen folgen Pomodus in die Gefangenschaft."
Auf einen Wink hin verteilten sich die Prätorianer im Atrium. Rücksichtslos zerrten sie die Anwesenden nach vorne. Egal ob Sklave oder Bürger. Anordil zog mich mit sich in den Schatten des Hauses. "Aphado nin lagor - rasch, folge mir", wisperte er mir zu. Mit der anderen Hand ergriff er Aura, an die sich die kleine Aquilina, die jüngste Tochter des Pomodus, klammerte. Ihre schreckgeweiteten Augen musterten uns kurz. "Sei still und sage kein Wort", wies Anordil sie leise an.
Lautlos huschten wir auf die Rückseite des Hauses. Die Rufe der Prätorianer und die Schreie der Verhafteten ebbten zu einem Gemurmel ab. Nur das leise Plätschern des Brunnens war noch zu hören. Anordil zog sich elegant auf den First der umgebenden Mauer hoch. Lauernd blickte er hinunter auf die andere Seite. Mit den Fingern bildete er Symbole der elbischen Kampfsprache.
Eine kleine Gruppe Prätorianer wartete auf der anderen Seite. Offensichtlich sollten sie dafür sorgen, dass niemand durch die kleine Pforte entkam. "Bleibt hier stehen", wisperte ich Aura zu, die ihren Arm schützend um Aquilina gelegt hatte. Geräuschlos zog ich mich zu Anordil hoch.
Auf der anderen Seite standen sechs römische Soldaten gelangweilt in der Gegend herum. Ihre Rüstungen aus Leder knarrten, wenn sie sich bewegten. Wir müssen an ihnen vorbei, signalisierte ich Anordil, Plan? Dazwischen und töten, lautete die Antwort. Nicht töten, gab ich zurück, unschädlich machen. Gut, antwortete Anordil, Zauber einsetzen, zwei mit Schlaf, du rechts außen, ich links, dann bleiben für jeden zwei. Einverstanden, sprachen meine Finger.
Ich konzentrierte mich. Nur Sekunden später spüre ich, wie sich die magische Energie entlud. Wieder war mir, als könne ich den Weg verfolgen, bis der Zauber sein Ziel traf. Wie vom Blitz getroffen brachen die beiden Römer zusammen. Sofort waren die anderen alarmbereit. "Was ist das?", rief einer und zog sein Schwert, "hat jemand was gesehen?"
Lautlos sprangen wir hinter ihnen die Mauer hinunter. Unser Angriff traf sie unvorbereitet. Der Schlagabtausch war kurz und heftig. Sie hatten keine Zeit mehr um Hilfe zu rufen. Dann waren sie im Reich der Träume. Schnell öffneten wir die Pforte. Aura und Aquilina drängten sich hindurch.
"Da sind noch welche!", hörten wir jemanden rufen. Aus dem Haus eilten Soldaten auf die Pforte zu. Anordil schlug diese zu und verriegelte sie. Das würde sie ein Weilchen aufhalten. Wir eilten durch die Gassen. Als wir einige Straßen entfernt waren, verlangsamten wir das Tempo. "Wohin?", fragte Anordil. "Die Katakomben vor der Stadt", antwortete ich, "sie werden uns genügend Schutz geben. – Kein Römer wagt sich dahin, wenn er nicht jemanden zur Ruhe betten will. Sie haben viel zu viel Respekt vor dem Gott der Unterwelt."
Nach einer Weile erreichten wir eines der zahlreichen Stadttore. Es wurde gut bewacht, wie es zu erwarten war. "Und nun?", fragte ich Anordil, "auf welchem Weg sollen wir hinaus gelangen?" "Die Kanäle", erwiderte er, "sie haben uns bereits einmal aus der Stadt geführt. Sie werden nicht bewacht werden. Wenigstens nicht in den verbrannten Teilen der Stadt." Er mochte Recht haben. Vorsichtig schlichen wir uns im Schutz der Dunkelheit die Straßen entlang. Wir mieden die belebten Gassen. In den niedergebrannten Vierteln wurde rege gearbeitet. Selbst zu dieser späten Stunde. Niemand beachtete uns. Man war zu sehr mit dem Wegräumen des Schuttes beschäftigt. So fiel es auch keinem auf, dass wir in einem offenstehenden Kanal verschwanden.
Bald erreichten wir den Tiber. In seinen Fluten ließen wir uns ein Stückchen flussabwärts treiben, bis wir die Stadt hinter uns gelassen hatten. Erst dann kletterten wir an Land. Am Horizont zeigte sich der erste Schimmer des neuen Tages. Rasch trieb uns Anordil vorwärts. In den Katakomben würden wir genug Zeit zum Rasten haben.
Die Sonne erhob sich über dem Horizont, als wir den Eingang zu den Katakomben erreichten. Wie wir es erwartete hatten, gab es keine Wachen. Wir folgten den schmalen gewundenen Gängen bis tief unter die Erde. Erst dort machten wir Halt. Anordil entzündete ein kleines Feuer, damit wir uns trocknen konnten. Aura und Aquilina zitterten vor Erschöpfung und Kälte. Es dauerte auch nicht lange, bis sie eingeschlafen waren.
"Was wird mit den anderen geschehen sein?", fragte Anordil leise. Ich seufzte. "Sie werden wohl eingekerkert", erwiderte ich, "Flavia habe ich zuletzt bei den übrigen Kindern gesehen. Die christlichen Sklaven werden mit im Kerker sein und auf ihre Hinrichtung warten. Pomodus – nun, ich denke, er wird einen Schauprozess erhalten, da er Mitglied des Senates war. Wir müssen nach Rom und nachforschen." "Ich werde gehen", sagte Anordil, "erwarte mich in zwei Nächten zurück." Damit schlich er hinaus.
Ich blickte ihm nach. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken ihn in Rom zu wissen. Aber ich wusste auch, dass er auf sich aufpassen konnte. Nachdenklich legte ich meinen Umhang über die Schlafenden. Dieser wärmte zuverlässiger als die Flammen. Solange sie schliefen, sollte ich die Zeit nutzen und ein wenig Nahrung suchen. Zum Glück gaben die Lebenden ihren Verstorbenen Speisen mit ins Grab, so dass es mir gelang etwas Essbares aufzutreiben.
Anordil kehrte zurück, kurz bevor Aura und Aquilina sich in der zweiten Nacht zur Ruhe legen wollten. "Du hattest Recht", bestätigte er meine Vermutung, "Pomodus wurde gestern der Prozess gemacht. Öffentlich wurde er angeklagt und verurteilt. Mit ihm jeder Christ in seinem Haushalt. – Sie sollen in der Arena des Circus Maximus sterben."
Meine Gedanken überschlugen sich. Im Circus Maximus? Dann würden sie zu den ersten Opfern gehören. Doch wann? "Wir müssen Pomodus und seine Familie befreien und aus Rom hinaus bringen", flüsterte Anordil mir zu, "die Hinrichtungen werden in zwei Tagen stattfinden." Uns blieb wahrlich nicht mehr viel Zeit. "Das wichtigste ist, das wir unerkannt in die Kerker eindringen können", erwiderte ich. "Der Unsichtbarkeitszauber wirkt leider nur kurze Zeit", überlegte Anordil, "aber wir können damit an den äußeren Wachen vorbei. Wenn wir erst innerhalb der Kerker sind, finden wir genügend Deckungsmöglichkeiten um uns ungesehen zu bewegen. – Ein paar von diesen römischen Uniformen wäre nicht schlecht. Zumindest einer der Umhänge. In der Dunkelheit wird es keiner bemerken, dass sich darunter keine römische Rüstung verbirgt." Er könnte Recht haben.
Doch wir würden uns vorher ein Bild von den örtlichen Gegebenheiten machen müssen. Dazu waren wir gezwungen bei Tage hinzugehen und Zuschauer bei einem dieser grausamen Spiele zu sein. Mir graute bereits jetzt davor.
"Girich? - Du erschauerst?", sagte Anordil sanft. "Du und ich, wir wissen, was sich dort abspielen wird", entgegnete ich leise, "ich weiß, dass grauenvolle Dinge in der Arena geschehen sind. Zur Belustigung des Publikums." "Du brauchst keine Angst zu haben, anor nîn", flüsterte er mir zu, "ich bin an deiner Seite. Ich habe viel gesehen in meinem bisherigen Leben. Es gibt nichts, was mich schrecken könnte." Vertrauensvoll lehnte ich mich an ihn. Er strahlte so viel Sicherheit aus.
Am nächsten Tag machten wir uns auf in die Arena. Es versprach ein sonniger Tag zu werden. Von den Brandschäden war kaum etwas zu sehen. Die Aufräumkolonnen hatten gute Arbeit geleistet. Die Kapuzen unserer Umhänge hatten wir weit ins Gesicht gezogen. Es war in der Tat grauenhaft, was sich dort unten im Sand abspielte. Doch die Menge jubelte. Mich überlief es eiskalt. Ich zwang meinen Geist zur Emotionslosigkeit, während ich die Tränen doch kaum zurückhalten konnte. Beobachtend ließ ich meinen Blick durch die Arena schweifen. Jede Einzelheit prägte sich mir ein.
Als die Nacht hereinbrach, holten wir unsere Waffen aus dem Versteck. Diese Nacht wollten wir es versuchen. Leise schlichen wir uns durch die Straßen Roms bis zum Kerker des Circus Maximus. Es sah beeindruckend aus in seiner Größe. Fackeln erhellten seine Umrisse. Wachen patrouillierten vor den Eingängen.
Geräuschlos wandten wir uns einem der Eingänge zu. Hinter dem Rücken der Wache schlichen wir hinein. Dunkelheit umfing uns. Erst einige Fuß weiter waren wieder Fackeln an den Wänden zu sehen. Das Licht war gespenstisch. Immer tiefer drangen wir in das Labyrinth der Gänge ein. Dutzenden von Wachen mussten wir ausweichen.
Aus den Kerkern drangen verschiedenste Laute zu uns. Wir sahen im Schein der spärlichen Fackeln viele Gesichter. Alte, Junge, Männer, Frauen und Kinder waren dort zusammengepfercht. Die Zellen platzten schier vor Überfüllung. Angst stand in vielen Gesichtern. Und trotz der Angst Erleichterung und tiefe Gläubigkeit.
Ich stand vor den ersten Christen der Menschheit. Eingekerkert in Neros Verliesen, darauf wartend, dass der Tod sie in der Arena ereilen würde. Fröstelnd zog ich die Schultern hoch. Wir konnten und durften ihnen nicht helfen. Resignierend eilten wir weiter. Immer wieder blickten wir in die Zellen.
In einem der tiefen Untergeschosse wurden wir fündig. In einer kleinen Zelle hockte Pomodus Familie dicht gedrängt. Die meisten der Sklaven und Bediensteten waren ebenfalls dort. "Wir werden euch befreien", flüsterte Anordil ihnen zu, "seid nur ruhig." Er murmelte einen Spruch und das Schloss vor uns zerfiel zu Rost. Mühelos konnte er die Zellentür aufziehen. Es quietschte ganz leise. "Ist die Sklavin Flavia in dieser Zelle?", fragte ich in die Runde.
Eines der Mädchen sah mich an. Wenn ich mich recht entsann, war es eine der jüngeren Schwestern des Gaius. "Sie haben sie mitgenommen", sagte sie leise, "meine Schwestern und sie sollen für ein besonderes Schauspiel am morgigen Tag geschmückt werden." Mir lief es eisig den Rücken hinunter. "Wohin wurde sie gebracht?", fragte ich heiser. Sie schüttelte nur traurig den Kopf und fing an zu schluchzen.
"Wir wissen es nicht", erwiderte Lydia, die Frau des Pomodus, "Lucius und Gaius sowie meine beiden älteren Töchter Salvia und Seraphina haben sie gleichfalls weggebracht. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch leben." Grandiose Aussichten. "Wir werden euch als erstes von diesem Ort wegbringen", sagte Anordil leise, "danach werden wir eure Leute suchen gehen. – Ihr müsst leise sein, wenn ihr uns nun folgt." Schweigend sahen sie ihn hoffnungsvoll an.
Leise huschten wir durch die schwach erleuchteten Korridore. Der Geruch, der hier unten herrschte, war überwältigend. Anordil lief voran, danach folgten die Befreiten. Am Schluss lief ich. Unruhig blickte ich immer wieder den Gang zurück, ob uns jemand bemerkt hatte. Einmal hielt ich den Atem an. Einer der Prätorianerwachen bog in unseren Gang ein. Er erblickte mich und hielt inne. Ich zog mein Schwert, bereit ihn zu töten. Doch er malte mit seinem Finger einen Fisch, das Symbol der Christen, in die Luft, drehte sich schweigend um und ging.
Erleichtert atmete ich auf. Für einige in den dunklen Kerkern gab es folglich Hoffnung. Ich erinnerte mich gelesen zu haben, dass es immer wieder einer Handvoll Christen gelang die Flucht zu ergreifen. Doch dies war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Viele Tausende schafften es nicht und starben erbärmlich. In der Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits.
Draußen vor der Arena wartete Aura in den Schatten auf uns. "Führe diese Leute aus Rom hinaus", befahl Anordil, "bringe sie zu Aquilina in die Katakomben vor der Stadt. Wartet dort." Wir sahen uns an und gingen in die Dunkelheit zurück. "Wo sollen wir suchen?", fragte er mich. "Wenn ich mich recht entsinne, waren die Arenen in verschiedene Bereiche gegliedert. Es gab einen Gefangenentrakt und einen Mannschaftsbereich. Wir werden in dem Bereich dazwischen anfangen zu suchen."
Lautlos schlichen wir durch die spärlich erhellten Gänge. Ein Ächzen und Stöhnen klang durch die Stille. Immer wieder unterbrochen von Gebeten. Als wir in dem Trakt angelangt waren, verharrten wir einige Minuten in den Schatten. Anordil streckte seine magischen Fühler nach den Auren der Gesuchten aus. Plötzlich lächelte er zufrieden. "Du hast Recht", flüsterte er mir zu, "ich kann sie unweit von hier spüren. Komm, - folge mir." Leise huschten wir vorwärts. Immer wieder begegneten wir Wachen, die nicht ahnten, was sich nur wenige Schritte von ihnen entfernt in der Dunkelheit verbarg.
Vor einer Holztüre blieb Anordil stehen. Er lauschte. "Hier ist es", wisperte er, "zumindest die Mädchen kann ich spüren." "Geht es ihnen gut?", fragte ich leise. Er nickte. "Folglich sollten wir zuerst nach Lucius und Gaius sehen", flüsterte ich. Wieder nickte er und wand sich dem Gang zu, der nach links abbog. Immer wieder blieb er stehen und ertastete die Auren. Doch bald war dies nicht mehr vonnöten. Bereits von weitem konnte man die Schmerzensschreie hören. Und es war zweifelsohne die Stimme des Lucius Pomodus.
Als wir an der Kammer angelangt waren, konnten wir durch die Gitterstäbe in den Raum dahinter sehen. Ein römischer Feldherr, dessen Grad ich nicht genau erkennen konnte, verdeckte mir die Sicht. Einige Wachen standen an den Wänden. Ein Senator in weißer Toga mit Purpurrand hatte sich an eine Wand gedrängt. Sein Gesicht war weiß wie der Stoff seiner Toga. Er schluckte heftig. Ekel, Abscheu und Grauen stand in seinen Augen.
"Ihr habt es Euch selber zuzuschreiben, Pomodus", sprach er heiser, immer wieder einen Brechreiz unterdrückend, "Ihr könnt froh sein, das der Kaiser es in seiner großen Güte gestattet hat, dass Ihr in der Abgeschiedenheit dieser Kammer sterben dürft und nicht vor den Augen des Pöbels, wie der Rest Eurer Brut." "Auf diese Ehre hätte ich gerne verzichtet", hörte ich die leise, gebrochene Stimme von Pomodus. Der Feldherr ging an die Seite. Jetzt hatten wir freie Sicht auf die grässliche Szene, die vor uns lag.
Grauen schüttelte mich und jagte Schauer über meinen Rücken. Meine Hand krallte sich um die tröstliche Kälte meines Dolches. Lucius lag auf ein Brett gefesselt, welches halb aufgerichtet stand. Rechts vor ihm konnte ich Gaius erkennen. Eher gesagt, dass was von ihm übrig war. Die formlose Masse zuckte im Schein der Fackeln. Es war noch Leben in ihr. Lucius selber stand das Grauen und die Pein im Gesicht geschrieben. Nur Fetzen des Gewandes bedeckten die blutige Blöße seines Leibes. Die Kerkermeister fuhren ungerührt in ihrem Handwerk fort.
"Oh, Herr Jesus", die Stimme von Lucius war kaum noch zu hören, "deine Gnade erflehe ich. Errette meine Mädchen." Sein Blick tastete die Wände ab. In der Hoffnung ein Zeichen zu sehen. "Gaius ist über die Schwelle des Todes gegangen", wisperte Anordil, "ich werde sein Leiden beenden." Er murmelte einen Spruch. Sekunden später rührte sich Gaius nicht mehr. Anordil hatte ihm die Luft zum Atmen genommen. Pomodus bemerkte das letzte Aufbäumen seines Sohnes. Sein Blick wanderte bis zur Gittertür. Er musste uns dahinter unweigerlich erkennen. In seinen Augen lag ein Flehen.
"Zögert das Unvermeidliche nicht länger hinaus", sprach der Senator, "der Kaiser will die Namen der anderen Senatoren, die Eurer Sekte angehören. Danach wird Euer Tod schnell und schmerzlos sein." Pomodus sah ihn mit Verachtung an. Sogar im Angesicht des Todes war er stolz.
"Ich werde niemals zu einem Verräter", flüsterte er mit trockener Kehle, "lieber zerschneidet mich in tausend Stücke. Für den Herrn werde ich es ertragen." Bedauernd sah der Senator ihn an. "Ihr lasst mir keine andere Wahl, lieber Pomodus", sprach er mit fester Stimme, "Wache, - holt die jüngere Tochter dieses Abschaums herbei." Pomodus erbleichte. "Nicht Seraphina", hauchte er, "nicht sie." Die Wache salutierte und verließ den Raum. Sie würden das Mädchen holen.
"Die Wache muss ausgeschaltet werden. Sie darf die Zelle nicht erreichen", flüsterte Anordil mir zu. Ich nickte grimmig und zog vorsichtshalber meine Schwerter. Zwangsläufig musste die Wache an uns vorbei. Sie kam nicht dazu, einen Warnruf auszustoßen. Der Schlafzauber traf ihn unvorbereitet. Einem Mehlsack gleich sackte er zu Boden. Anordil fing ihn auf, bevor dieser aufschlug. Der Lärm wäre zu verdächtig gewesen.
Danach blickten wir erneut in die Kammer vor uns. Pomodus sah uns an. "Herr, rette meine Mädchen", flüsterte er. Anordil wusste, dass er uns meinte. Der feiste Senator mit dem bleichen Gesicht wohl eher, dass Pomodus zu Gott betete. "Dieser Jesus kann dir und deiner Familie nicht mehr helfen", herrschte er Pomodus respektlos an, "rette lieber deine Ehre und entsage dieser Sekte. Vielleicht zeigt sich unser geliebter Kaiser gnädig und begnadigt zumindest deine Brut."
Anordil hatte Pomodus zugenickt. Ja, wir werden deine Familie retten. Erleichtert atmete Pomodus aus und versuchte gar ein Lächeln, was ihm ob der Schmerzen nicht gelang. "Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist", hauchte Pomodus ergeben, als Anordil die Hand hob. Ganz sanft pustete er über die Handfläche. Überrascht hielt ich den Atem an. Ich spürte die Energie des Zaubers, den Anordil auf den Weg schickte und zuckte zusammen. Es war wie ein unsichtbarer Pfeil, tödlich und schnell. Wer verbarg sich hinter Anordil? Dabei dachte ich, ich würde ihn kennen. Ich nahm mir vor, ihn danach zu fragen, aber nicht jetzt. Sobald wir aus diesem Desaster heraus waren und in Sicherheit. Einen Atemzug später verlosch das Leben des Lucius Pomodus mit einem tiefen Aufseufzer.
Hektik brach in der Kammer aus. "Er sollte noch nicht sterben!", rief der feiste Senator enttäuscht, "er hat nicht alles gesagt, was er wusste. – Kerkermeister, tut doch was!" Mit hochgezogenen Schultern blickte dieser den Senator an. "Hier kann ich nichts mehr tun", erwiderte er, "Tote sind nun mal tot. – Niemand kann sie zum Leben erwecken. Vielleicht Hades, aber sonst?" "Bei Jupiter!", herrschte der Senator ihn an, "unfähig! – Ihr seid alle unfähig! – Nicht einmal in der Lage, einen Gefangenen am Leben zu erhalten ..."
Wir zogen uns ein Stückchen zurück. Die Tiraden des Senators und die Antworten des Kerkermeisters verfolgten uns bis in den nächsten Gang. Dann verschwammen sie zu einem lauten Gemurmel. "Lagor, Arwen - rasch, Arwen", sagte Anordil, "lass uns die Mädchen befreien und schnellstmöglich verschwinden. Man wird den Soldaten bald vermissen." Ich steckte meine Schwerter ein und folgte Anordil.
Schnell rannten wir zu der Kammer, wo wir die Mädchen gehört hatten. Anordil lauschte kurz an der Tür. "Es sind Wachen anwesend", flüsterte er, "sie machen sich lustig über die Angst der Mädchen. Drei Sklavinnen sind ebenfalls dort. - Sie haben Angst." "Kannst du einen der Wachen mit einem Blitz erwischen?", fragte ich ihn. Er nickte leicht. "Dazu muss ich ihn sehen, aber ich denke, dass ist machbar", erwiderte er, "am besten den auf der anderen Seite der Kammer. Falls dort eine Tür sein sollte, kann er nicht mehr fliehen." Wir machten uns bereit. Sekunden später stürmten wir den Raum.
Ein Blitz erhellte die Kammer für einen Sekundenbruchteil. Die Wache, die lässig an der Wand der Türe gegenüber gelehnt hatte, brach zusammen. Bevor die anderen beiden ihre Schwerter ziehen konnten, leisteten sie ihm Gesellschaft. Die Mädchen hatten kurz in Angst und Panik aufgeschrieen. "Seid ruhig", rief Salvia, "das sind Anorius und seine Gemahlin. Der Herr muss sie geschickt haben." Nun erkannten Seraphina und Flavia uns ebenfalls.
Zitternd standen die Mädchen vor uns. Die Sklavinnen hatten sich angstvoll in einer Ecke zusammengedrängt. Anordil fasste Flavia am Arm und zog sie mit. "Macht rasch, Frau", sagte er zu ihr, "wir müssen hinaus gelangen, bevor mehr Wachen kommen." Ich zog die anderen beiden Mädchen mit mir. Eine der Sklavinnen versperrte uns mutig den Weg. "Bitte, Herr, nehmt uns mit", sagte sie mit Angst in der Stimme, "wenn wir alleine gefunden werden, wird man uns töten." "Folgt uns und seid leise", antwortete Anordil.
Leise und so schnell es ging huschten wir durch die dunklen Korridore. Nur ein einziges Mal mussten wir kämpfen. Die Mädchen waren nicht leise genug, um ohne aufzufallen durch die Gänge zu huschen. So blieb es nicht aus, dass wir die Aufmerksamkeit einer Wacheinheit auf uns zogen. Laute Rufe hallten uns entgegen. Anordil murmelte verärgert vor sich hin. Er hätte es vorgezogen unbemerkt zu bleiben. Doch so blieb uns keine Wahl. Wir zogen die Schwerter und liefen den Wachen entgegen.
Überrascht schrieen die Mädchen auf, als plötzlich Flammen Anordils Schwert umzüngelten. Dann kreuzten wir die Klingen mit den Römern. Ich war erstaunt über die gute Abwehr. Diese Soldaten waren sehr gut ausgebildet dafür, dass sie nur eine einfache Wacheinheit waren. Ich hatte Mühe sie außer Gefecht zu setzen, ohne sie zu töten. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass es Anordil ähnlich erging. Zur Verwirrung warf er kurzerhand zwei Blitze in die Gänge hinein. Diese taten auch ihre Wirkung. Verschreckt ließen gar drei der Soldaten ihre Schwerter fallen. Durch das Entsetzen, welches Anordil damit ausgelöst hatte, bekamen wir einige Sekunden zum schnellen Handeln. Ein paar Augenblicke später lagen die Soldaten kampfunfähig am Boden.
Wir schoben die nunmehr verängstigten Mädchen weiter den Gang entlang, vorbei an den reglos liegenden Männern. Jetzt mussten wir schnellstens aus dem Kerker gelangen. Noch ein Kampf wäre unklug. Aber anscheinend hatte niemand sonst den Aufruhr bemerkt. Oder hatte Anordil magisch nachgeholfen? Ich war mir nicht sicher. Ich hatte zwar viel magische Energie gespürt. Doch vermochte ich nicht zu sagen, welche Sprüche er eingesetzt hatte. Außer denen, deren Wirkung offensichtlich war. Letztendlich standen wir vor dem Kerker. Die Nachtkühle legte sich belebend auf meine verschwitzte Haut.
"Nicht rasten", drängte Anordil, "wir müssen weiter." Rasch liefen wir durch die Nacht. Immer auf der Hut, dass wir keiner Patrouille in die Arme liefen. Endlich waren wir vor der Stadt. In den Katakomben erwarteten uns die anderen Befreiten. "Was ist mit meinem Mann und meinem Sohn?", fragte Lydia leise. Anordil sah sie sanft an. "Es tut uns leid, aber für sie konnten wir nichts mehr tun. Sie sind tot", sagte er, "sie starben für ihren Gott." Leise weinte Lydia vor sich hin. Der Sklave Arminius nahm sie sanft in den Arm. Er hielt seine Herrin fürsorglich. Später stimmten sie Lieder an. Eine Totenklage für die Verblichenen.
Den nächsten Tag blieben wir bei ihnen. Wir besorgten ihnen unauffällige Gewänder, ein paar Dolche, Schwerter und ein wenig Proviant. "Geht weiter nach Norden", sagte ich zu ihnen, "versucht nach Eire zu gelangen. Flavia und Aura werden euch den Weg weisen und geleiten. Ihr habt genügend Mittel, um unauffällig dorthin zu gelangen. - Reist bei Nacht." Ich deutete auf ihren Schmuck, den man ihnen belassen hatte. Wenn sie diesen unterwegs verkauften, würden sie ohne zu hungern bis Irland gelangen. "Ich werde meine Herrin gut beschützen", versprach Arminius, "sie werden dieses Land erreichen, dies verspreche ich Euch, Herr." "Dein Herr hatte dich freigelassen", erwiderte Anordil, "du bist zu nichts verpflichtet." "Ich bin es meinem Herrn schuldig, dass ich auf seine Gemahlin aufpasse", entgegnete Arminius, "ich werde meine Schuld begleichen und dann meiner Wege gehen." Anordil nickte ihm anerkennend zu. Für ihn war Ehre ebenfalls ein hohes Gut.
"Was ist mit Euch", fragte Lydia, "werdet Ihr uns nicht geleiten?" "Leider nicht", antwortete ich ihr, "unsere Aufgabe ist erfüllt. Wir werden dahin zurückkehren, von wo wir kamen. – Doch seid unbesorgt. Ihr werdet wohlbehalten Eire erreichen." "Habt Dank", sagte Flavia leise, "wir verdanken Euch unser Leben. Gott muss Euch gesandt haben uns zu helfen." "Nicht ganz", erwiderte ich lächelnd, "danke Belenus für deine Rettung. Denn er war es, der uns geschickt hat DICH und die dir Anvertrauten zu befreien." Anordil erschien aus der Dunkelheit neben dem Feuer auf. "Wir müssen gehen", sagte er leise.
Wir verließen sie in der Nacht. Um wieder in die Gegenwart zu gelangen, mussten wir in die Arena zurück, in welcher wir gelandet waren. Dies gestaltete sich einfacher, als wir angenommen hatten. In der Hektik des ausklingenden Tages fiel es nicht auf, dass sich zwei Gestalten in die Gewölbe begaben. Die Wachen hatten nichts dazu gelernt. Ohne viel Mühe gelangten wir tief in den Kerker hinein. In einer der vielen Nischen warteten wir auf die Nacht. Die Jubelschreie des Publikums hallten bis zu uns. Sie übertönten die Todesschreie der Sterbenden. Manchmal wurde dieses übertönt vom Gesang der übrigen Gefangenen, die in ihren Zellen warteten. Mehr als einmal überlief es mich eisig. Endlich senkte sich gnädige Nacht über diesen Ort des Schreckens.
Gegen Mitternacht verließen wir unser Versteck und schlichen in die Arena. Herumliegende Stofffetzen, das zertrampelte Stroh und der beißende Geruch nach Fäkalien sagte mir, dass sich vor kurzem Menschen dort befunden hatten, die um ihr Leben kämpften. Mich schauderte, wenn ich daran dachte, wie sie wohl zu Tode gekommen waren. Die Schreie würden mich wohl noch eine ganze Weile verfolgen.
Anordil schaute mich fragend an. "Das Amulett, Arwen", forderte er mich leise auf, "andernfalls sind wir an diesem Ort gefangen." Mit zittrigen Fingern fischte ich das Amulett hervor. Hell strahlte es auf. Sekunden später fing der Lichtkreis an zu rotieren. "Nun, mein Kind", hörte ich Belenus Stimme, "du hast erfolgreich deinen Auftrag zu Ende gebracht. Nun wird das Schicksal seinen Lauf nehmen, wie es vorherbestimmt ist."
"Großer Belenus", sprach ich ehrfürchtig, "was ist die Bestimmung?" Ein leises Lachen drang an mein Ohr. "Ohne Sorcha und Brigida würdest du nicht existieren. Beide wurden von ihrer Herrin freigelassen und begleiteten sie sicher nach Eire, wo Lydia und ihre Kinder eine Heimstatt fanden. Beide gingen in die Königsstadt. Beide wurden Priesterinnen der Kelten. Brigida ging ein Bündnis mit einem Kelten ein. Sorcha verband sich ebenfalls. Allerdings verließ sie mit ihrem Gemahl Eire und folgte ihm in seine Heimat. Ein Nachfahre von ihr vermählte sich später mit einer Nachfahrin Brigidas und du trägst beider Blut in dir."
"Wer verband sich mit wem?", fragte ich überrascht. In meinem Kopf überschlug ich kurz die Ahnenreihe. Wer kam in Frage? "Dein Vater stammte aus Sorchas Linie und deine Mutter aus Brigidas", kam die Antwort. "Die Lücken -", hauchte ich, "wir verfolgten nur die druidische Linie, weil darüber die Blutlinie weitergegeben wurde. Diese ist vollständig. In der meines Vaters waren Lücken, die nicht zu schließen waren." Überrascht starrte ich auf das Amulett. "Gestattet mir ebenfalls eine Frage", hob Anordil an. "So frage, was auf deinem Herzen liegt, Sohn der Erstgeborenen", antwortete Belenus zu meiner Verblüffung. "Wie gelangte das Symbol deiner Macht in das Kolosseum?", fragte Anordil, "es wurde noch nicht gebaut, in der Zeit, in der wir uns befinden." Belenus lachte. Es schwang erheitert durch die Nachtluft. "Die Römer praktizierten noch lange die Zurschaustellung von Hinrichtungen oder Kampfspielen in ihren Arenen", antwortete er, "so gelangte ein Enkelsohn Brigidas hierher zurück. Er brachte das Symbol an. Es war seine Bestimmung. So wie es Flavias war, ihren Namen in den Katakomben zu hinterlassen, bevor sie nach Eire aufbrach. - Nun geht, meine Kinder. Es ist Zeit."
Das Strahlen vor uns wurde heller. Leises Lachen begleitete unseren Weg zurück in die Gegenwart. Stille umfing uns. Die Zeichen an der Wand hatten aufgehört zu glühen. Allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Wir schlichen hinaus. Bedrückt standen wir in den Ruinen. Die Stille wirkte anklagend. Sie war keineswegs tröstlich. Noch schien es mir, als könne ich das Stöhnen und Ächzen hören, das aus den Kerkern herauf drang. Irgendwo hörte ich eine Glocke. Andere antworteten ihr. Es mussten die Kirchenglocken Roms sein. In ihrem Rhythmus konnte ich die Gesänge der Gefangenen hören. Ein Wehlaut aus ferner Vergangenheit. Schauder rannen über meinen Rücken.
Anordil legte leicht eine Hand auf meine Schulter. "Boe badatham lagor - wir müssen rasch gehen", sprach er zu mir, "ne-thinnas aur eden echuia - bald bricht der neue Tag an." "Es ist so unwirklich", flüsterte ich, "ich kann es kaum fassen." Ich blickte in das Rund der Arena zurück, als wir diesen fürchterlichen Platz verließen.
Nur wenige Stunden waren es bis Tagesanbruch.
to be continued ...
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