Ausgelaugt schlichen wir aus dem Kolosseum. Wie viel Zeit mochte verstrichen sein? Hatte man uns bereits vermisst? "Wahrscheinlich nicht", wisperte Anordil, "wir waren zwar mehrere Wochen in der anderen Zeit, aber ich könnte mir vorstellen, dass Belenus die Zeit hier angehalten hat." "Meinst du?", fragte ich skeptisch, "nicht dass ich dir nicht glauben würde, aber ist das möglich?" Anordil lächelte. "Belenus ist ein Gott", erwiderte er, "gibt es etwas, was für Götter unmöglich ist?" Da mochte er wirklich Recht haben. Trotzdem suchte ich nach einer Datumsanzeige.
Wir fanden auch eine auf unserem Weg durch das nächtliche Rom. Und es stimmte. In der Tat war keine Zeit verstrichen. Vielleicht ein oder zwei Stunden, aber es war noch die Nacht, in der wir aufgebrochen waren. Müde und erleichtert traten wir den Weg zum Kloster an. Am nächsten Morgen wollte Giovanni uns zu einer weiteren Führung abholen. Eigentlich war mein Bedürfnis nach Rom gestillt. Zumindest für den Rest dieser Nacht. Als ich das weiche Kissen der einfachen Liege sah, seufzte ich auf. Endlich ein richtiges Bett! Endlich klare Luft, die durch das Fenster wehte. Die letzten Wochen hatten wir in den Katakomben verbracht. Bei konstanten vierzehn Grad Celsius und einer anhaltend kalkig-staubigen Luft.
Rasch streifte ich meine Gewänder ab. Sie fielen auf einen Haufen. Die Nachtluft ließ mich frösteln, so dass ich schnell meine müden Glieder auf der Liege ausstreckte und die Decke über mich zog. Augenblicke später spürte ich seine Wärme neben mir. Mit geschlossenen Augen kuschelte ich mich an ihn. "Es ist so schön, dich zu fühlen", murmelte ich, während ich meinen Kopf an seiner Brust barg. Wie brachte er es nur fertig, selbst jetzt noch diesen unverkennbaren Geruch nach Wald und Moos zu verströmen, der die Ausdünstungen des Schweißes übertünchte?
Ich vermochte es nicht zu sagen. Darüber nachzudenken war mir ebenfalls nicht mehr möglich. Zu schnell fielen mir die Augen zu und tiefer, traumloser Schlaf übermannte mich. Ich war mir sicher, am nächsten Morgen nicht rechtzeitig zu erwachen.
Doch Anordil weckte mich, als die Sonne aufging. "Ich weiß, du hast nur wenig geschlafen", sagte er zu mir, "aber wir sollten baden und unsere Gewänder waschen, bevor Giovanni kommt." Gehorsam folgte ich ihm zum Bad, welches wir hier in den Klostermauern benutzen durften. Ich musste Anordil zustimmen. In den letzten Tagen in Neros Rom hatten wir keine Gelegenheit gehabt ein Bad aufzusuchen. Das höchste der Gefühle war eine kurze Wäsche im Tiber gewesen. Daher verströmten wir, insbesondere ich, einen eher kräftigen Geruch.
Mit einem Seufzer der Erleichterung sank ich in das heiße Wasser, welches Anordil in die Wanne hatte laufen lassen. Ich schrubbte mich ausgiebig und genoss den zarten Schaum des Badezusatzes, der nach Blumen duftete. Leise lachend leistete Anordil mir Gesellschaft. "Es tut wahrlich gut, Wasser auf der Haut zu spüren", sagte er, "auch mir fehlte es." "Die letzten Tage waren schlimm", erwiderte ich mit geschlossenen Augen, "nie hätte ich solche Dinge für möglich gehalten. Und dazu noch auf dieser Erde." Anordil schwieg eine Weile. Stumm hingen wir unseren Gedanken nach.
"Selbst in Mittelerde wären diese Grausamkeiten außergewöhnlich", brach er schließlich das Schweigen, "sogar Orks sind nicht derartig ..." Blinzelnd schlug ich die Augen auf und sah ihn an. Er suchte sichtlich nach Worten um das, was wir gesehen hatten, auszudrücken. "Ich weiß, was du meinst", unterbrach ich ihn, "diese Abscheulichkeiten sind im Laufe der Geschichte verharmlost worden oder untergegangen. Nicht einmal die Hexenverfolgung im Mittelalter und die Blütezeit der Inquisition konnten derart perfide Arten des Tötens erdenken."
Nach einer Weile hatte ich das Gefühl einigermaßen sauber zu sein. Schweigend brachten wir unser Bad zu Ende. Mein knurrender Magen machte mir bewusst, dass ich in den letzten Tagen auch nicht besonders ausgiebig gespeist hatte. Die paar Ratten und Mäuse, die wir in den Katakomben erbeuten konnten, hatten wir für die anderen aufgespart. Richtig zu jagen wäre zu gefährlich gewesen. Zwar war es uns gelungen ein paar Mal Fische zu fangen, doch für Anordil und mich blieb meist nur wenig übrig.
Als wir den Speiseraum des Klosters betraten, war niemand zu sehen. Auf den Tischen standen ein paar einsame benutzte Teller und Becher. Ein Mönch in einer einfachen braunen Kutte, die von einem geflochtenen Strick gehalten wurde, kam aus der Küche. Von dort hörte man laut das Geklapper von Geschirr. Sobald er uns erblickte, grüßte er freundlich und wies auf einen der sauberen Tische in der Ecke. Dann verschwand er wieder in der Küche. Einige Minuten später erschien er mit einem beladenen Tablett, welches er vor uns abstellte.
"Buon giorno – guten Morgen", sagte er lächelnd und fuhr auf Englisch fort, "sie sind früh auf. Haben sie nicht gut geschlafen?" Mir war bewusst, dass wir nicht gerade taufrisch aussahen. Die Strapazen der letzten Wochen mussten deutlich zu sehen sein. "Vielen Dank", erwiderte Anordil liebenswürdig, "wir haben ganz gut geschlafen. Wir sind nur ein wenig müde von Rom. Es ist zu groß." Der Mönch lachte und strich mit der einen Hand über seine Tonsur. Die übriggebliebenen Haar bildeten einen braunen Strahlenkranz um sein Haupt. "Oh ja", sagte er, "Rom ist gewaltig groß. Da kann man durchaus müde sein und halbverhungert aussehen. Essen sie! Es ist genug da. Die Klosterküche von San Bartholo ist bekannt selbst im Vatikan."
Die verschiedenen belegten Panini sahen auch wirklich köstlich aus. Der Tee verströmte einen belebenden Geruch. Ausgehungert griff ich zu und biss in das wunderbare duftende Brot. Selten hatte mir eine Mahlzeit so gut geschmeckt.
So gestärkt warteten wir eine Stunde später auf Giovanni. Bereits von Weitem konnte man sein Auto den Weg herauf knattern hören. Italiener liebten klappernde Automobile, die nur noch vom Rost zusammengehalten wurden. Erstaunt sah er uns an, als er ausstieg. "Was ist denn mit euch passiert?", fragte er überrascht, "ihr seht ja aus, als hätte man euch in die Olivenpresse gesteckt." Ich lächelte schief. Mit seiner Vermutung war er nahe an der Wahrheit.
"Wir haben nur eine lange Nacht hinter uns", erwiderte Anordil ausweichend, "frage lieber nicht." Giovanni hob eine Augenbraue. Doch der Ton Anordils ließ ihn davon Abstand nehmen weiter zu fragen. "Seid ihr in der Lage für eine weitere Romtour?", fragte er vorsichtig. "Doch, das geht in Ordnung", beschwichtigte ich, "wir sind nicht ganz so fertig, wie wir aussehen." Einladend deutete er auf das rostige Gefährt. "Dann bitte einsteigen", sagte er, "der Giovanni-Express startet in wenigen Minuten."
Die Fahrt nach Rom hinein verlief schweigend. Auf Giovannis Stirn war deutlich eine Denkfalte zu sehen. Sollte er denken, was er wollte. Solange er nicht auf die Wahrheit kam, konnten wir zufrieden sein. Wir wussten wenigstens, woher unser Zustand rührte und schwiegen besser.
Am heutigen Tag wollten wir in die Höhle des Löwen. Der Vatikanstaat stand auf dem Programm. Giovanni begleitete allerdings nur bis zu dessen Grenzen. Er betrat den Boden des Vatikans nicht. Aus Prinzip. Bei unserem Spaziergang zu den Katakomben hatte er uns ein wenig von seiner Skepsis gegenüber der Religion verraten. Doch nach den wahren Gründen fragten wir nicht.
Wir betraten den Vatikan über den Petersplatz. Ein feiner weißer Strich quer über den Platz markierte die Grenze zwischen Italien und dem Vatikan. Die vierfachen Kolonnaden mit den Heiligenstatuen auf den Balustraden, es mussten mehr als Hundert sein, schienen den Betrachter zu umarmen. Als ob sie den Gläubigen in den Schoß der Kirche aufnehmen wollten. Die Balustraden der Ellipse des Petersplatzes wurden von etlichen Säulen und Pilastern gestützt. In den Brennpunkten der Ellipse standen Brunnen. Neben diesen waren rechts und links Marmorplatten im Boden eingelassen. Stellte man sich auf eine dieser Platten, konnte man ein architektonisches Phänomen beobachten. Die vier Reihen dorischer Säulen, die den Platz säumen verschmolzen zu einer einzigen.
Fröstelnd blickte ich nach links. Durch die Säulen hindurch sah ich die Umrisse eines trutzigen Baus. Dort war der Sitz der Kongregation für Glaubensfragen. Wer von denen, die dort ihrer Arbeit nachgingen, war mein wirklicher Feind? Angespannt sah ich mich um. Majestätisch und gleichzeitig bedrohlich erhob sich der Petersdom vor mir. Rechts davon konnte man die Dächer des apostolischen Palastes erkennen.
In der Mitte des Petersplatzes erhob sich ein mächtiger altägyptischer Obelisk. Er schien ein wenig fehl am Platze zu sein. Und doch symbolisierte er den Sieg des Christentums über die Heiden und über die Antike. Oben auf der Spitze des Obelisken thronte triumphierend ein Kreuz. Dort war angeblich eine Kreuzreliquie Christi eingelassen. Wer es glauben mochte – bitte.
Ein Gefühl der Unruhe beschlich mich. Beruhigend legte Anordil seine Hand auf meinen Arm. "Úbenn togitha men ned thang - Niemand wird uns bedrohen", wisperte er mir zu. "A ir mae? - Und wenn doch?", flüsterte ich fragend zurück, "wir sind im Zentrum ihrer Macht." "Es sind zu viele Menschen hier", entgegnete er lächelnd, "ihr Werk müssen sie im Schutz der Dunkelheit verrichten, nicht am helllichten Tage. Hier sind wir sicherer als sonst wo auf deiner Erde."
Er deutete in die Runde. Menschen eilten über den Platz. Taubenschwärme umkreisten gierig die vielen Touristengruppen, die sich von einem Gebäude zum nächsten schoben. Ganze Horden von Nonnen oder Priestern durchmaßen den Platz schnellen Schrittes nur um hinter hohen Türen zu verschwinden. Niemand nahm von uns Notiz.
Vor vielen Gebäuden standen Angehörige der Schweizer Garde, die sich seit Jahrhunderten um die Sicherheit des Papstes kümmerten. Insbesondere am Eingang zum apostolischen Palast. In ihrem mittelalterlichen Erscheinungsbild schienen sie ein Relikt aus alter Zeit zu sein. Die gestreiften Hosen und enganliegenden Hemden mit den weit geschnittenen Ärmeln in Gelb und Blau erinnerten an die Uniform der Landsknechte. Blank geputzt schimmerte das Metall des Helmes in der Sonne. Der rote Federbusch darauf wiegte sich sacht im Wind. Den dazugehörigen Harnisch trugen sie nur zu besonderen Anlässen. Mit ernstem Gesicht hielten sie die traditionelle Hellebarde in der behandschuhten Hand. Allerdings war ich mir sicher, dass dies nicht die einzigen Sicherheitsbeamten waren.
Und tatsächlich konnte ich ein paar unauffällige Gestalten erkennen, die gemächlich über den Platz schlenderten oder durch die schmalen Gassen wanderten. Unwillkürlich fuhr meine Hand zu meinem Dolch. Die Kühle des Griffes war beruhigend. "In sigil ú-voe ammen - wir benötigen die Dolche nicht", sagte Anordil, "komm – sei unbesorgt. Wir sind nicht ihr Ziel. - Was ist das dort eigentlich für ein Tempel?" Er deutet auf den Dom.
"Der Petersdom", erklärte ich, "das Zentrum der katholischen Religion. Man sagt, dass an jener Stelle Petrus, der erste Jünger Jesu, sein Ende gefunden habe. Millionen pilgern hierhin um einmal sein Grab zu sehen." Anordil beobachtete den Besucherstrom, der sich durch die Tore schob. "Dann wollen wir es ihnen gleichtun", sagte er und schob mich in die Richtung des Domes.
Erst zögernd, weil alles in mir sich sträubte diesen Ort zu besuchen, dann selbstsicher, weil ich nicht gewillt war mich meiner Angst zu beugen, folgte ich ihm. Wir reihten uns in die lange Schlange der Besucher ein. Langsam kamen wir voran. Dann verschluckte uns der riesige Dom. Auf dem Boden aus poliertem Marmor, der sorgfältig in geometrischen Mustern gelegt worden war, klapperten die Absätze der Besucher. Über dem Mittelschiff spannte sich eine gewaltige goldene Kassettendecke. Wohin man blickte, nur marmorne und goldene Pracht. Statuen aus feinstem Marmor zeigen Heilige und Engelsfiguren schmücken die riesigen Säulen, welche die Decke trugen. Durch hochangebrachte Fenster fiel ein wenig Sonnenlicht, welches das gewaltige Innere nur spärlich erhellt. Der Dom wurde von einem Summen erfüllt, das einem Bienenstock Ehre gemacht hätte. In einer der Seitenkapellen wurde die Beichte abgenommen. Betende knieten dort in den Bänken.
Eine große Bronzestatue des Petrus zierte das Mittelschiff. Der Fuß der Statue war arg abgewetzt. Wenn man die Menschen beobachtete, die daran vorbeizogen, erkannte man auch warum. Viele küssten in Ehrfurcht das kalte Metall. Priester und Mönche eilten durch die Gänge. Die Luft war geschwängert von Weihrauch sowie den Ausdünstungen der vielen Menschen. Aufmerksam folgten wir dem Touristenstrom.
Ab und zu hörte man einen der Reiseführer etwas erklären. Die verschiedensten Sprachen drangen an unser Ohr. Ein wahres Sprachgewirr, wie einst beim Bau des Turmes zu Babel. Über dem Altar erhob sich die Kuppel des Domes, prächtig ausgeschmückt mit unzähligen Malereien und einem Schriftzug in Griechisch und Latein. "Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam et tibi dabo claves regni coelorum - du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben", las Anordil. "Aus diesem Satz leiten die Päpste ihr Amt ab", flüsterte ich ihm zu, "höre mal, was der Reiseführer dort erzählt."
Wenige Schritte vor uns dozierte ein etwas ältlicher Mann in konservativem grauem Anzug. Eine Gruppe gut gekleideter Touristen hörte aufmerksam zu. Er erzählte über den Dom und seine Entstehungsgeschichte. Wir hörten einige Minuten zu, bevor wir uns vom Strom der übrigen Touristen mitreißen ließen.
Durch eine Tür am Südrand des Domes wurden wir in die Vatikanischen Grotten geleitet. Eine Treppe führte etwa dreißig Fuß in die Tiefe und endete in Mitten einer antiken Nekropole. Auf der einen Seite gelangte man zur Krypta mit den Gräbern der Päpste und hoher Würdenträger. Auf der anderen Seite führte ein etwa zweihundert Fuß langer Gang an antiken Grablegen vorbei und endete vor einer rotgefärbten Wand. Eine unscheinbare Nische sahen wir dort geschmückt mit kleinen Säulen und einem blassen Schriftzug. Das Grab des Petrus, sofern man den Überlieferungen Glauben schenken mochte.
Wir verharrten einen Moment und ließen die Atmosphäre auf uns wirken. Die Menschen um uns beteten. Sie strahlten förmlich die religiöse Hochachtung aus, die man von ihnen erwartete. Dies war mir bereits in der Petruskapelle aufgefallen. Sie glaubten wirklich daran, dass hier der Kirchengründer Petrus seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.
"Es existiert eine starke magische Aura an diesem Ort", flüsterte Anordil mir leise auf Sindarin zu. Er sah sich aufmerksam um. "Von dort", sagte er und zeigte auf die Wand neben der Nische. Überrascht blickte ich zuerst auf die Wand, danach auf Anordil. "Dort liegen nur ein paar vermoderte Knochen", wisperte ich ungläubig, "von wem auch immer. – Es ist nicht einmal bewiesen, dass Petrus tatsächlich in diesem Grab ruhte. Außerdem liegen seine Gebeine – zumindest die, die man dafür hält – in der Petruskapelle. Alte morsche Knochen hinter Glas. Hier dürfte nichts mehr sein."
Aber auch ich spürte das Vorhandensein von Magie, als ich mich konzentrierte. Ich konnte es nicht beschreiben. Anordil schüttelte den Kopf. "Nein, dort liegt kein Mensch", antwortete er, "jedenfalls nicht in deinem Sinne und nicht hinter der Nische. Ein Stückchen daneben. Dort, wo die Wand unberührt ist, spüre ich eine strahlende Aura und eine Menge magisches Potential. – Ähnlich den Istari. - Das Wesen, welches dort ruht, muss außergewöhnlich mächtig gewesen sein. – Und wird es wieder sein, wenn es erwacht."
Mir standen die Haare zu Berge. Neben dem Grab des Petrus sollten Gebeine ruhen, die magisch waren? Ein mächtiges Wesen, welches wieder auferstehen würde, irgendwann? War er derjenige von dem das Pergament sprach? Oder der angedeutete Gegenspieler?
"Bist du dir sicher", fragte ich vorsichtig, "wer könnte neben Petrus ruhen? Er war der erste Statthalter Jesu auf Erden. Von ihm leiten die Päpste ihre Macht ab. Er starb in der Arena Neros vor etwa 2000 Jahren." "Dies ist eine lange Zeit, doch ich spüre hier aktive Magie", antwortete er nachdenklich, "ich werde ein weiteres Mal versuchen die Quelle zu erspüren." Für einige Sekunden verharrte er bewegungslos.
Andere Besucher, überwiegend Touristen und einige Nonnen und Priester, gingen an uns vorbei. Anscheinend dachten sie, wir wären im Gebet versunken. Die klerikalen Besucher nickten zumindest beifällig, wenn sie uns sahen. "Es ist die Wand links von der Nische, oder das, was darin ruht", bestätigte Anordil, "eine wirklich mächtige Aura."
Ein leichtes Frösteln überfiel mich, denn ich wusste nun, dass die Kirche nicht auf ewig Bestand haben würde. Vermutlich ahnte niemand im Vatikan, was dort in seinen Tiefen schlummerte. Im Pergament selber war nur eine Andeutung dessen zu lesen gewesen. ‚... größer als alle und weise. Macht floss in ...' Konnte dieses Wesen damit gemeint sein? Verärgert schüttelte ich den Kopf. Ich wollte jetzt nicht an das Pergament denken. Zuviel hatte es mich bereits gekostet. "Wir sollten jetzt gehen", flüsterte ich leise.
"Du bist beunruhigt?", fragte Anordil. "Ja", bestätigte ich, "wenn du Recht hast, mit dem, was du fühlst, so hatte mein Vater den Beweis gefunden." "Das Pergament?", sagte er fragend. Ich nickte nur. Es war mir zu riskant an diesem Ort darüber zu sprechen. Rasch verließen wir die unterirdische Totenstadt. Erst in der Sixtinischen Kapelle konnte ich wieder ein wenig durchatmen.
Ich ließ mich vom Zauber der Bilder Botticellis, di Cosimos, Rossellis und wie sie alle hießen einhüllen. Am beeindruckendsten war die Darstellung des letzten Abendmahles von Michelangelo. Staunend ließen wir diesen atemberaubenden Anblick auf uns wirken. Mit einem Mal stellten sich mir die Nackenhaare hoch. Die Zeit schien zu gefrieren. Anordils Haltung war von einer Sekunde zur anderen angespannt. Beinahe gleichzeitig wurden wir von der Seite angesprochen.
"Sie wagen viel, in dem Sie den Boden des Vatikans betreten", flüsterte jemand leise. Wir drehten uns augenblicklich um. Anordils Hand lag bereits auf dem Dolchgriff. Auch ich suchte die Sicherheit des Dolches. Beruhigend kühl spürte ich ihn in meiner Hand. Aber wir zogen die Schneiden noch nicht blank. Wir wollten Aufsehen vermeiden. Menschen schlenderten an uns vorbei, ohne uns oder den Sprecher zu beachten.
Ein unscheinbarer Mann in einer einfachen schwarzen Soutane ohne Rangzeichen stand vor uns. Sein Alter war schwer zu schätzen. Silbergraues Haar blitzte unter dem Priesterkäppchen hervor. Sein Gesicht war mit feinen Fältchen übersät. Alte, weise Augen ohne Furcht blickten uns entgegen. Er lächelte uns freundlich an.
"Nein", antwortete ich beherrscht, "Ihr würdet viel wagen, wenn Ihr uns mitten in der Öffentlichkeit angreifen würdet. Die Augen der Welt sind stets auf den Vatikan gerichtet. – Und meint Ihr wirklich, wir wären ohne Vorsichtsmaßnahmen gekommen?" "Ich bin nicht Euer Feind", antwortete der Priester leise, "seid vernünftig und folgt mir. – Bitte."
Ich sah auf mein Amulett. Zu meiner Überraschung bestätigte es die Worte des Priesters. Anordil gab mir ebenfalls seine Zustimmung mit einer knappen Handbewegung. "Wir folgen Euch", antwortete ich langsam, "aber seid gewarnt." Der Priester lächelte nur in sich hinein und schritt auf eine Seitentür zu.
Angespannt folgten wir ihm. Unsere Hände blieben an den Dolchen. Er führte uns durch viele Gänge, von denen einige unterirdisch verliefen. Ich hatte zwar gewusst, dass die öffentlich zugänglichen Hallen nur einen kleinen Teil ausmachten und zu einem riesigen Gebäudekomplex gehörten, aber die tatsächlichen Ausmaße erstaunten mich dennoch. Nie hätte ich mit einer derartigen Flut an Räumen gerechnet. Ohne den Priester, der uns voranging, hätten wir uns verlaufen.
Immer weiter führte er uns in die Tiefen des Domes. Oder waren wir bereits im apostolischen Palast? Vom Richtungsgefühl her, würde ich sagen, ja. Nur wenige Priester begegneten uns. Diese verbeugten sich respektvoll, wenn sie die unscheinbare Gestalt vor uns erblickten. Nach unendlich scheinender Zeit öffnete er eine hohe, mit Gold verzierte Eichentür. Dahinter verbarg sich ein Schreibzimmer mit einem einfachen Tisch, an dem ein Kapuzinermönch saß, der aufstand und sich höflich verbeugte, als er unser ansichtig wurde.
"Pater, der Heilige Vater hat nach Ihnen verlangt", informierte dieser den Priester mit leiser Stimme. Neugierig blickte der Mönch uns an. "Ich werde ihn so bald als möglich aufsuchen", sagte der Priester, "danke, Bruder Justinian. Sorgen sie dafür, dass wir nicht gestört werden."
Der Bruder nickte verstehend und öffnete die Tür zu einem weiteren Raum. Dies war wohl das eigentliche Schreibzimmer des Paters. Es wirkte eher klein und war vollgestopft mit Büchern. Ein außergewöhnlich alter, riesiger Schreibtisch mit Stuhl stand mitten im Raum. Die Fenster dahinter gaben den Blick auf die Kuppel des Petersdomes frei. Auf dem Tisch stapelten sich Bücher und alte Folianten. Der Priester räumte zwei Schemel und bat uns Platz zu nehmen.
"Ihr seid mutig, Arwen McGregor, den Boden des Vatikans zu betreten", wiederholte er freundlich, "aber ich darf mich vorstellen? Mein Name ist Pater Aurelius. Bibliothekar des Heiligen Vaters." Das klang bescheiden. Er machte eine kleine Pause. "Ihr habt im Vatikan nicht nur Feinde", fuhr er fort, "es gibt eine Handvoll Priester und hoher Würdenträger, die sich mehr für die Wahrheit interessieren, als für religionspolitische Fragen. Nichtsdestotrotz sind sie ein großes Risiko eingegangen, in dem sie hier erschienen sind. Sie sollten vorsichtiger sein."
Anordil musterte unauffällig die Umgebung. "Wir wollen nur, dass man uns in Ruhe lässt", antwortete ich, "es ist genug Blut geflossen. – Warum ist nur jeder hinter diesem Stückchen Pergament her? Ist es nicht genug, dass diejenigen ausgelöscht wurden, die es kannten? Zugegeben, ich bin noch nicht tot und habe auch nicht vor, alsbald das Zeitliche zu segnen. Aber ich werde mich hüten, den Inhalt des Pergamentes an die Öffentlichkeit zu bringen – außer man zwingt mich dazu. Wer lässt uns also weiterhin verfolgen, obwohl ich nur meinen Frieden will?"
Pater Aurelius sah mich traurig an. "Es ist wahr, es ist genug Blut geflossen und ich wünschte, man könnte es rückgängig machen. – Die Kongregation für Glaubensfragen hat eine Abteilung, die gerne totgeschwiegen wird. Diese existiert seit den Zeiten der Borgia-Päpste und erledigte manche schmutzige Aufgabe. Früher und auch heute. Nicht einmal der Kardinal, welcher der Kongregation vorsteht, hat eine Ahnung von den Machenschaften. Dieser geheimen Gruppe steht immer noch ein Borgia vor. Wie zu Gründerzeiten. Nicht die Kongregation ist es, die euch verfolgt. Dafür fehlt ihr einfach die Zeit. Pater Jacobus, Leiter dieser winzigen Abteilung, will die Kirche rein sehen. So wie sie einst war mit uneingeschränkter Macht. Und diese Macht am liebsten in seiner Hand. In dieser Hinsicht ist er nicht besser als sein Ahnherr. – Er ist es, der Euch verfolgt. Seine Leute folgen ihm blind. Selbst der Papst kann ihm kaum Einhalt gebieten, weil ..." "Es kommen Leute", wisperte Anordil, "sie haben eine dunkle Ausstrahlung."
Pater Aurelius sah ihn verdutzt an. "Wer sind Sie, dass Sie das spüren können?", fragte er Anordil irritiert. In diesem Moment ertönte die Gegensprechanlage. Pater Aurelius meldete sich. Die Stimme des Kapuzinerbruders klang aus der unscheinbaren, mit poliertem Holz verkleideten, Box. "Pater Aurelius, da sind fünf Männer von der Glaubenskongregation, die Sie sprechen wollen." Er wurde bleich. "Ich bin zurzeit nicht zu sprechen. Ich muss dringende Recherchen für den Heiligen Vater durchführen. Bitte sie später wiederzukommen, Bruder Justinian", sagte er in das Mikrofon. Ein paar Sekunden später sagte die Stimme: "Sie weigern sich zu gehen und bestehen darauf vorgelassen zu werden."
Man sah, dass Pater Aurelius unter Druck stand. "Erschrecken Sie nicht", flüsterte Anordil und murmelte einen Spruch. Von einer Sekunde zur anderen wurde ich unsichtbar. Er murmelte erneut diesen Spruch und verschwand ebenfalls. Pater Aurelius wurde blasser. Er schlug hastig ein Kreuzzeichen und murmelte ein paar lateinische Worte vor sich her. Noch rechtzeitig, denn in diesem Moment ging die Tür auf.
Ein unangenehm aussehender Zeitgenosse kam herein. Er trug ebenfalls eine schwarze Soutane ohne Rangzeichen. Sein Gesicht allerdings war durch Pockennarben entstellt. Sein Mund hatte einen harten, grausamen Zug. Seine Augen betrachteten Pater Aurelius wie die Schlange das Kaninchen. "Wo sind Ihre Gäste, Pater Aurelius?", fragte der Pockennarbige, ohne zu grüßen. Pater Aurelius sah ihn irritiert an. "Welche Gäste, Pater Jacobus", fragte er ohne mit der Wimper zu zucken. Eine starke Leistung, wenn man bedachte, dass wir nur ein paar Schritte daneben standen und uns vor wenigen Augenblicken unsichtbar gemacht hatten.
Pater Jacobus wurde ungehalten. "Sie wissen, wen ich meine", knurrte er, "den Mann und die Frau, mit denen Sie das Gebäude betreten haben. – Sie werden gesucht, wegen Verbrechen an der Kirche. Also, wo sind sie?" Pater Aurelius deutete in die Runde. "Sie sehen doch, dass ich alleine bin", erwiderte er frostig, "oder bemerken Sie jemanden hier? – Jetzt verlassen Sie mein Büro oder ich muss mich beim Heiligen Vater beschweren." Pater Jakobus schaute sich misstrauisch um. Da nur die Tür, durch die er gekommen war wieder nach draußen führte, musste er schlecht gelaunt den Rückzug antreten.
"Ich warne Sie, Pater Aurelius", stieß er hervor, „Sie und Ihresgleichen werden uns nicht aufhalten. Behindern Sie nicht weiter unsere Arbeit – oder Sie werden es bereuen." Wie ein schwarzer Rabe rauschte er davon. Die Tür schlug dumpf ins Schloss. Es klang beinahe wie das Schließen eines Sarges.
Pater Aurelius stand vor seinem Schreibtisch wie angewurzelt. Er schloss die Augen und tat mehrere tiefe Atemzüge, bevor er sie wieder öffnete. Seine Hand tastete nach dem schlichten goldenen Kreuz, das um seinen Hals hing. Es war alt und vom langen Tragen stumpf geworden. Plötzlich bewegte er sich hastig um den Tisch herum. Seine Hand schlug auf die Gegensprechanlage. "Bruder Justinian, sind die Herren von der Kongregation verschwunden?", fragte er kurz. Ein Knacken folgte. "Ja, Pater Aurelius", kam die Antwort, "Pater Jacobus sah sehr verärgert aus." "Komme herein, Bruder Justinian", befahl der Pater. Sekunden später trat der Kapuzinerbruder ein. Überrascht blickte er sich um. Schließlich wusste er, dass Pater Aurelius mit uns das Zimmer betreten hatte.
"Schließt die Tür und sprecht Latein", forderte Aurelius ihn auf. Verwundert schaute der Mönch ihn an. "Bruder Justinian", hob er an, "ich beauftrage Euch eine Versammlung einzuberufen. Ihr wisst, von wem ich spreche. Macht rasch und ohne Aufsehen. Falls jemand nach mir fragt, ich bin für den Rest des Tages beschäftigt und möchte nicht gestört werden." "Wie Ihr wünscht, Eminenz", entgegnete der Mönch und zog sich zurück.
Pater Aurelius sah in die Runde. Seine Augen tasteten die Umgebung ab. Es war offensichtlich, dass er uns suchte. "Sie müssen gehen", flüsterte Pater Aurelius in der Hoffnung, dass wir ihn hören würden, "Sie sind an diesem Ort nicht sicher." "Wir folgen Ihnen", antwortete Anordil leise. Der Pater zuckte förmlich zusammen, als er diese gestaltlose Stimme hörte. Doch er fing sich rasch. Er blickte sich suchend um. "Keine Angst, wir sind hinter Ihnen", wisperte ich. Er nickte kurz und wandte sich zum Gehen. Er betrat das Vorzimmer. Der Mönch blickte nur kurz auf. Seine Finger flogen über eine Computertastatur.
"Ich muss in die Bibliothek", sagte der Pater zu Bruder Justinian, "danach werde ich unverzüglich den Heiligen Vater aufsuchen. Erwartet mich nicht vor spätem Nachmittag." "Ja, Pater", erwiderte der Mönch mit einem leichten Nicken. Der Pater ging auf eine Tapetentür an der Seite zu. Durch diese betrat er die eigentliche Bibliothek. Wir huschten hinter ihm her.
Viele Folianten lagen hinter Glas. Kleine Tresore standen verteilt. An der Wand des einen Raumes konnte ich sogar eine sehr große Tresortür erkennen. Selbstverständlich verschlossen. Was mochte sich dahinter verbergen, fragte ich mich, während mein Blick über die Folianten glitt. Aufgrund des Alters und der Titel würde ich sagen, waren wir im geheimen Teil der Bibliothek, wo gewöhnlich ein Nichtmönch oder Nichtpriester keine Möglichkeit hat, hin zu gelangen. Durch zahlreiche Gänge und Flure führte er uns, ohne dass wir einem anderen Menschen begegneten. Pater Aurelius brachte uns zu einer kleinen Pforte, die zu einer Seitengasse führte. Kurz vor dieser Pforte wurden wir wieder sichtbar, weil die Energie des Zaubers aufgebraucht war. Der Pater konnte einen leisen Aufruf nur mit Mühe unterdrücken. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren.
"Es tut mir leid, wenn wir Sie erschreckt haben", lächelte Anordil freundlich. "Wer sind Sie?", fragte Pater Aurelius leise, "Engel oder Teufel? Segen oder Geißel der Menschheit?" Anordil lächelte fein. "Weder das eine noch das andere", antwortete er, "einst wandelten wir auf diesem Boden, doch wir zogen es vor zu gehen. Nur in den Legenden erinnert man sich. - Und Sie wissen das, Pater. Schließlich sind Sie selber älter, als Sie vorgeben." Pater Aurelius wurde bleicher. Er konnte sich nur schwer beherrschen.
"Woher wissen Sie das?", fragte er leise. "Ich spüre Ihre Aura", erwiderte Anordil, "wie lange wandeln Sie auf dieser Erde? Zweitausend oder dreitausend Jahre?" Der Pater sah ihn überrascht an. Sein Blick richtete sich in die Ferne und bekamen einen merkwürdigen Glanz.
"Seit etwa zweitausend Jahren", antwortete er mit noch stärker gesenkter Stimme als bisher, "ich gehörte zu den ersten, die Petrus in Rom bekehrt hatte. Damals hieß ich bereits Aurelius. Aber ich war Prätorianer und diente im Heer. – Oh, jetzt erkenne ich Euch. – Ihr wart im Kerker, als die Familie des Senators Pomodus verschwand. Ihr schlicht durch die Gänge. Ich hatte ein Geräusch gehört. Als ich in den Gang spähte sah ich – Sie -" Damit deutete er auf mich.
"Aber ich schwieg, als ich Eure Absicht erkannte. Meine Wacheinheit bezog wie gewohnt ihren Posten. Durch etwas wurden wir alarmiert. Wir wollten nachsehen und trafen erneut auf Euch. Feuer und Schwert traf uns und nahm etlichen das Leben. Blitze zuckten in der Dunkelheit. Viele glaubten Apollo würde seinen Zorn versprühen. Wir schlugen Alarm, doch Ihr wart bereits entkommen." Er lächelte und blickte dabei wehmütig. „ – Ihr habt gut gekämpft damals", fuhr er fort, „ – Ich frage Euch jetzt nicht, wie Ihr hierher oder in jene Zeit geraten seid. Doch seither versehe ich meinen Dienst für den Allmächtigen. Stets auf der Suche nach der Wahrheit." Er seufzte schwer.
„Gott muss mich für eine besondere Aufgabe ausgesucht haben, da ich immer noch lebe", sagte er mit gesenkter Stimme, "Ich habe vieles erlebt. Nicht immer war es leicht. Alle zweihundertvierundsechzig Päpste habe ich begleitet auf ihrem Weg. Niemand ist bisher aufgefallen, dass ich in wechselnden Ämtern und Positionen immer da bin." Er verstummte für einen Augenblick. „Seit mehreren hundert Jahren bin ich in der Bibliothek tätig", erzählte er weiter, „unzählige Namen habe ich im Laufe der Zeit getragen. Ich hatte sogar selber bereits das höchste Amt inne. Jetzt heiße ich wieder Aurelius. In den Tiefen der Archive sammle ich das Wissen und versuche es vor solchen Ignoranten wie Jacobus zu bewahren. Es gibt vieles, was totgeschwiegen wird. Es vegetiert in den Archiven und Katakomben des Vatikans vor sich hin. Und es wird vieles gefunden werden, was der Kirche äußerst unangenehm sein wird."
"Sie wachen über das Wesen im Petersdom?", fragte Anordil leise. Der Pater zögerte einige Sekunden. "Ja," nickte er bestätigend, "Ich begegnete ihm bei seinem ersten Besuch der christlichen Gemeinde in Rom. Er läuterte mich. Er taufte mich. Doch woher wissen sie das?" "Ich kann es spüren", antwortete Anordil schlicht, "er ist es, dem Sie Ihr langes Leben verdanken?" Der Pater nickte. "Ich hüte ihn wie meinen Augapfel, denn dies ist die Aufgabe, die er mir übertrug", entgegnete dieser, "seit damals, als er in Gestalt des Petrus den Tod am Kreuze fand. Seinen sterblichen Körper habe ich vom Kreuz geschnitten und zur Ruhe gebettet. Dort, wo er immer noch liegt. Unerkannt von den anderen."
"Pater, Sie haben viel riskiert, nur um mit uns zu sprechen", sagte ich leise, "und Ihre Fragen müssen wir unbeantwortet lassen. - Seien Sie auf der Hut vor Ihren Glaubensgenossen. Wenn sie erfahren, was Sie getan haben oder wer Sie sind, werden Sie sterben." "Ich werde vorsichtig sein", antwortete der Pater, "aber ich bin nicht einfach zu töten. Einst war ich Krieger und in meinem Inneren bin ich es immer noch. Schwert und Bogen sind keine Unbekannten für mich. – Und mein Amt schützt mich ausreichend. Niemand würde es wagen Hand an den engsten Vertrauten des Heiligen Vaters zu legen. Seien Sie selber auf der Hut. Jacobus wird nicht eher ruhen, bis er Sie gefunden hat."
"Wir wissen uns zu schützen", erwiderte ich, "doch Ihr Amt, welches sie auch bekleiden mögen, wird Sie nicht immer schützen können. Der Papst ist alt. Seine Zeit ist bald gekommen. Dann sind Sie ungeschützt." Der Pater lächelte fein. "Wenn seine Zeit gekommen ist, werde ich das Zünglein an der Waage sein", antwortete er leise, "bei der letzten Ernennung zum Kardinal wurde ich nicht genannt, aber der Papst trägt mich im Herzen. Sie wissen, wie das zu verstehen ist?"
Fragend blickte er mich an. Und ich verstand. Mein Vater hatte Kirchengeschichte erforscht. Ich wusste über die Praxis, Kardinäle zwar zu erheben, aber nicht zu nennen, um diese zu schützen. ‚In pectore' hieß dieser Schachzug. Verstehend nickte ich ihm zu. "Trotzdem sollten Sie auf sich aufpassen", mahnte ich. Er lächelte nur. Zum Abschied streckte er uns seine Hand hin. Erst ergriff Anordil sie, danach ich. Sie war kühl und kraftvoll. Ihr Druck strafte dem ersten Eindruck, den der Pater hinterließ, Lügen. Es war die Hand eines Mannes, der durchaus zu kämpfen wusste. Wachsam schlichen wir hinaus.
In der Gasse blieben wir einen Moment stehen. "Was schlägst du vor?", fragte Anordil. Ich schaute in den Himmel. Tauben waren zu sehen. Die Boten des Friedens. Zu Hunderten flogen sie durch die klare Luft. "Ich bin es leid davon zu rennen", entgegnete ich ruhig, "lass uns jetzt den ersten Schritt tun. Ich muss die Konfrontation mit diesem Pater Jacobus suchen. Am besten an einem Ort, an dem wir uns gut verstecken können, falls es notwendig ist und von wo aus man gut zaubern kann." Anordil lachte leise. "Die Katakomben", entgegnete er, "die wären ideal." "Eine gute Idee", stimmte ich ihm zu, "dann verfassen wir eine Mitteilung an den guten Pater." Sarkasmus tropfte aus meinen Worten.
Aus meiner Tasche zog ich ein Stück Papier und einen Stift. ‚In der Catacombe di Santa Callisto bei den Senatorengräbern um Mitternacht', schrieb ich in Latein darauf und unterschrieb mit meinem vollen Namen. Sorgfältig faltete ich es zusammen. Anschließend machten wir uns weiter auf den Weg, als wäre nichts gewesen. Sobald wir in die größeren Straßen einbogen, heftete sich jemand an unsere Fersen. Wir taten, als bemerkten wir sie nicht.
Im Postamt des Vatikans kaufte ich einen Briefumschlag, adressierte ihn an Pater Jacobus und steckte das Papier hinein. Ohne eine Mine zu verziehen, verließen wir das Hoheitsgebiet des Vatikan. Niemand hielt uns auf.
"Wir werden verfolgt", sagte Anordil nach einer Weile. Vier Männer, signalisierte seine Hand. Augenblicklich war ich auf der Hut. Unauffällig lockerte ich den Dolch, bereit diesen zu benutzen und blickte mich um. Tatsächlich sah ich vier Gestalten in dunklen Anzügen wie ich sie bereits kannte. Wir bogen in eine einsame Seitenstraße ein. Sie taten uns den Gefallen uns zu folgen. Vom anderen Ende der Straße kamen uns zwei weitere Gestalten entgegen. Hochmütig kamen sie auf uns zu. Wir blieben stehen und ließen sie kommen.
"Leisten Sie keinen Widerstand und kommen Sie mit", sagte der eine leise, als sie uns erreichten. Sein Englisch klang merkwürdig. Anordil sah ihn mitleidig an. "Es liegt nicht in unserer Absicht dir zu folgen", antwortete er seidig weich, "willst du uns zwingen?" Demonstrativ zog der Sprecher einen Schlagstock aus der Jacke. Die anderen folgten seinem Beispiel. Sie wollten uns also lebend haben. Zufrieden nickte ich. Ich mochte keine Schusswaffen und war froh, diesmal keine gegen mich zu haben. "Wenn es sein muss", entgegnete der Mann emotionslos, "also seien Sie kooperativ." Anordil lächelte ihn an. "Überlege dir gut, was du tust", warnte Anordil ihn. Der Mann senkte bedauernd den Kopf. "Dann eben auf die harte Tour", sagte er und wies seine Männer an, "nehmen wir sie fest."
Im gleichen Augenblick griff er Anordil an. Nur um es einige Sekunden später zu bereuen. Auch ich wurde attackiert. Zwei von ihnen dachten leichtes Spiel mit mir zu haben. Sie hatten wirklich nichts dazugelernt. War ihnen nicht zu Ohren gekommen, dass bereits eine Reihe von ihnen durch meine Hand das Zeitliche gesegnet hatten? Kopfschüttelnd schlug ich zu. Allerdings hütete ich mich diesmal davor, einen von ihnen zu töten. Auch Anordil hielt sich zurück, wie ich mit einem Seitenblick feststellen konnte.
Rasch entledigten wir uns dieses Überfallkommandos. Der Kampf dauerte nur wenige Minuten. Bewusstlos lagen fünf von ihnen am Boden, wovon drei stark bluteten. Aber sie würden es überleben. Der Sprecher von vorhin war bei Bewusstsein. Wenn auch angeschlagen. Sein Auge schwoll bereits bedenklich zu. Stöhnend wälzte er sich auf dem harten Asphalt.
Ich beugte mich zu ihm und zog ihn halb in die Höhe. Eindringlich sah ich in seine Augen. "Höre zu", sagte ich beherrscht, "dieses Papier wirst du Pater Jacobus übergeben. Das ist der einzige Grund, warum ihr alle weiterhin am Leben seid. Das nächste Mal werdet ihr sterben, solltet ihr erneut unseren Weg kreuzen. Wir haben da ebenso wenig Skrupel wie ihr." Unsanft stieß ich ihn von mir. Ein leiser Aufschrei des Schmerzes entfuhr seinen Lippen. Ungerührt wandte ich mich um und ging. Anordil folgte mir lautlos.
Mein Herz pochte laut gegen meine Rippen. Es strafte meiner kühlen beherrschten Art Lügen. Immer wieder blickte ich mich um. Doch wir wurden nicht mehr behelligt. Ohne aufgehalten zu werden wandten wir uns Richtung Tiber. Giovanni erwartete uns an einer der Brücken. Wir sagten ihm nichts von diesen Begebenheiten. Es wäre nicht gut, ihn da mit hinein zu ziehen. Es war bereits bedenklich, dass er uns überhaupt kannte.
Es dauerte eine Weile, bis wir Giovannis Ausführungen folgen konnten. Er ließ sich nicht anmerken, dass ihn unsere schweigsame Art heute irritierte. Unbeirrt zeigte er uns die Sehenswürdigkeiten Roms. Bei dem Spaziergang am Ufer des Tiber hatte ich Gelegenheit mich wieder zu fangen. Ich beschloss den Tag zu genießen und daraus Kraft zu schöpfen für die nächste Nacht. Giovanni redete und redete den ganzen Weg nach Trastevere. Ohne dass es ihm bewusst war, lenkte er mich damit hervorragend von meinen düsteren Gedanken ab. Anordil stellte viele Fragen, die Giovanni erfreut und ausgiebig beantwortete. So blieb es mir erspart Konversation machen zu müssen. Gegen Abend brachte Giovanni uns zum Kloster. Heute würden wir nicht in einer Trattoria die halbe Nacht verbringen. Schließlich hatten wir etwas zu erledigen.
In der Dunkelheit machten wir uns auf den Weg. Wir trugen unsere Waffen bei uns. Kurz vor Mitternacht hatten wir die Katakomben erreicht. Anordil machte ein wenig Licht, als wir in die Tiefe stiegen. Mich fröstelte, trotz des Elbenumhanges. Auf der oberen Ebene blieben wir stehen, damit sich unsere Augen an die Finsternis gewöhnen konnten. Der schwach Schein von Anordils Flamme reichte bei weitem nicht aus, um uns den Weg zu weisen. Es war auffallend still. Meinen eigenen Atem empfand ich als laut. Der Geruch nach abgestandener Luft und Kalk weckte die frischen Erinnerungen an Neros Zeitalter in mir. Mit einem unwirschen Zischen lenkte ich meine Gedanken in die Gegenwart.
Anordils Hand ruhte beruhigend auf meiner Schulter. Seine Augen glitzerten wie Edelsteine im spärlichen Licht. "Es ist vergangen", flüsterte er, "diese Gräuel sind zweitausend Sonnenläufe her. Unsere Erinnerung ist jung, aber auch in dir wird sie erlöschen und nur ein verschwommenes Bild hinterlassen." "Ich hoffe, du hast Recht", erwiderte ich, "ich sehne mich so nach Cillien." "Bald, anor nin", lächelte er sanft, "bald kehren wir dorthin zurück. Ich bin fest davon überzeugt. – Doch nun sollten wir uns der Aufgabe zuwenden, die vor uns liegt."
Tief atmete ich durch. "Ja, lasse es uns beenden", sagte ich entschieden. Heute Nacht wollte ich einen Schlussstrich ziehen. Ich hoffte, es gelang mir. Vorsichtig fanden wir unseren Weg durch die dunklen Gänge. Nirgendwo ein Anzeichen für einen Hinterhalt. Obwohl ich dies Pater Jacobus durchaus zutraute. Aber ohne aufgehalten zu werden, näherten wir uns den Senatorengräbern.
Nur wenig später konnte ich vor uns einen Lichtschein ausmachen. Anordil löschte seine Flamme. Er nickte mir zu und fiel ein Stückchen zurück, um mir Deckung zu geben. Als ich um die Ecke bog, hatte ich freie Sicht auf den kleinen Platz vor den Gruften der Senatoren. In einem der Säulentore, welche die Gruften rahmten, sah ich eine Soutane. Das Gesicht war im Dunkeln. Ich warf einen raschen Blick zu Anordil, der sich im Schatten verbarg. Zehn Männer, signalisierte er mir stumm. Ich nickte verstehend und trat in den Lichtkreis.
"Guten Abend, Pater Jacobus", sagte ich leise auf Latein, "es freut mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind." Die Soutane löste sich aus dem Schatten. Pater Jacobus trat hervor. Auf seinem Gesicht ein überhebliches kaltes Lächeln.
"Endlich stehen wir uns gegenüber", zischte er in Englisch, "Arwen McGregor, Ausgeburt des Bösen und Brut des Ketzers McGregor. Beichte deine Sünden und sühne im heiligen Feuer für deine Taten. Gib uns das Pergament. Dann wird deine Seele gerettet werden!" Fanatismus glühte in seinen Augen. "Ich habe nichts zu beichten, geschweige denn zu sühnen", antwortete ich eisig, "und das Pergament ist an einem sicheren Ort. – Ich rate Euch, Eure Leute endlich zurückzupfeifen. - Hier - und in Zukunft. Andernfalls wird das Pergament unvermutet auftauchen und Eure geliebte Kirche in den Untergang stürzen." Ich sah, wie er die Fäuste ballte.
"Schweig, Hexe!", herrschte er mich an, "der Teufel spricht aus dir. Das Pergament gehört in den Schoß der Kirche. Die Lügen, die es beinhaltet, dürfen nicht ..." "Wenn es Lügen sind", unterbrach ich ihn rüde, "warum fürchtet Ihr es dann?" "Zum zweiten Male – schweig, Ausgeburt der Hölle! Du und deinesgleichen haben mit ihren Lügen der Kirche seit jeher geschadet", konterte er, "der Ketzer Luther spalteten die heilige Mutter Kirche mit seinen verfluchten Thesen und eine vermeintliche Päpstin sorgt seit Jahrhunderten für Unruhe. Die ..." "Und was ist mit dem Turiner Grabtuch, welches nachweislich eine Fälschung ist?", unterbrach ich ihn erneut fragend, "oder die unzähligen Kreuzreliquien, die über die ganze Welt verstreut sind? Was ist damit? Das Kreuz muss extrem groß gewesen sein, um so viele Holzstücke bereit zu stellen. Oder die alten morschen Knochen, von vermeintlichen Heiligen? Die blutigen Tränen der Madonna und was es sonst noch an sogenannten Wundern in der Kirche gibt?"
Wutentbrannt funkelten seine Augen mich an. "Was weiß eine gottverfluchte Hexe von den heiligen Wundern der Mutter Kirche?", donnerte er, "Irrglaube und Hexenwerk sind die Dinge, die uns seid jeher geschadet haben. Diese von Gott gewollten Wunder erhalten den Glauben im gemeinen Volk aufrecht", versuchte er zu verharmlosen, "sie festigen die Allmacht der heiligen ..." "In dem ihr Lügen verbreitet und Gottes Wort nach eurem Gutdünken auslegt?", fragte ich ihn ein drittes Mal, "die Kirche baut ihre Macht auf Lügen! Was ist aus dem Fels geworden, auf dem Jesus seine Kirche errichten wollte? Ein morsches Stückchen Stein? Wenn der Glaube nur noch durch Lügen aufrecht erhalten wird, so ist er nichts mehr wert. Wo ist der Glaube geblieben, der einst in den Herzen wohnte und für die Tausende freudig in den Tod gingen? Ihr zumindest habt nicht einen Funken davon!"
"Nimm den heiligen Namen unseres Herrn nicht in deinen vom Teufel besessenen Mund!", stieß er wutentbrannt hervor, "du wirst deiner gerechten Strafe nicht entgehen, Hexe!" Seine Worte prallten an mir ab, denn vor meinem geistigen Auge sah ich sie. Diese gequälten Gesichter, in denen so viel Hoffnung zu lesen war. Hoffnung auf ein besseres Leben im Himmel. Und hier? Hier stand ein Mann vor mir, der eigentlich diesen Glauben vertreten sollte. Der eigentlich seine Leidenschaft auf den Glauben lenken sollte. Doch keine Gläubigkeit strahlte aus seinen Augen, nur Fanatismus und Machthunger. Das waren die Dinge, die ich sah. Angewidert musterte ich ihn.
"Ich wiederhole es ein weiteres Mal - lasst mich ungestört meiner Wege gehen", meine Stimme wurde schneidend hart, "für den Fall, dass Ihr mich tötet oder jemanden aus meiner Verwandtschaft, wird dieses Pergament unweigerlich an die Öffentlichkeit gelangen. – Mit den Beweisen seiner Echtheit. – Und es wird die Kirche, wie sie heute ist, zerstören. – Und Ihr, Ihr erreicht dann nichts! Nicht die Macht, nach der IHR strebt und nicht die Reinheit des Glaubens. - Lasst mich und die meines Blutes in Frieden!"
Mit diesen Worten wandte ich mich ab und wollte wieder in der Dunkelheit verschwinden. Plötzlich hörte ich einen gezischten Befehl in Hebräisch. "Fangt sie!" Dumm für ihn, dass ich ihn verstand. Plötzlich war ich von Männern in schwarzer Kleidung umringt. Es waren offensichtlich seine Anhänger. Sie hatten diese harten Gesichter, die ihnen eigen waren und sie trugen kleine Keulen in den Händen. Anscheinend sollten sie mich lebend fangen. Sollten sie es nur versuchen! Ich wusste, dass Anordil mir Rückendeckung gab. Siegessicher sahen sie mich an. Neun hatten mich umringt. Warum waren es immer neun, fragte ich mich, hier neun Angreifer, in Mittelerde neun Ringgeister. Ich kam mir auf einmal vor, wie Frodo auf der Wetterspitze. Pater Jacobus lachte diabolisch. Seine Wut war Triumph gewichen.
"Nun, was willst du jetzt tun? Deinen teuflischen Herrn um Hilfe anrufen?", fragte er mich höhnisch, "du bist umringt und hast keinen Ausweg mehr. Wir werden dich gefangen nehmen und danach wirst du mir sagen, wo das Pergament ist." Eisig sah ich ihn an. "Niemals", entgegnete ich. "Oh, doch", sein Lachen wurde eine Spur diabolischer, "du wirst es sogar freiwillig sagen, bevor du stirbst. – Kennst du den Hexenhammer? Dort wird dargelegt, wie mit Hexen zu verfahren ist. - Deine Qualen werden groß genug sein." Der Kerl hatte allen Ernstes vor mich zu foltern! Und ich dachte, ich wäre in einer zivilisierten Welt. Auch gut, so musste ich jedenfalls keine Rücksicht nehmen. Langsam verlagerte ich mein Gewicht.
"Ihr solltet mich gehen lassen, Jacobus", sagte ich ausnehmend ruhig, "Ihr gefährdet das Leben Eurer Männer. Neun sind meinetwegen bereits in den Tod gegangen. Wollt Ihr diese hier gleichermaßen opfern?" Ich deutete theatralisch in die Runde. Er sah mich irritiert an. "Du bist nicht in der Lage Forderungen zu stellen", wies er mich scharf zurecht, "du wirst jetzt mitkommen und in den Kerkern werden wir alles weitere sehen. – Bindet sie und schafft sie raus." Die letzte Anweisung galt seinen Männern.
Zumindest zwei von ihnen zeigten sich beunruhigt, denn sie spielten nervös mit ihren Keulen herum. Ich erkannte sie. Deutlich zeichneten sich die Spuren des Kampfes von heute Mittag in ihrem Gesicht ab. Der Rest schien dem Befehl blindlings folgen zu wollen. Langsam zogen sie den Kreis enger. "Nun denn", zischte ich, "ihr habt es nicht anders gewollt."
Mein Kampfstab schnellte durch die Luft und innerhalb von Sekunden hatte ich einen getötet und einen anderen außer Gefecht gesetzt. Hinter mir hörte ich Pfeile sirren und Schreie. Zwei weitere brachen getroffen zusammen. Jetzt hatte ich eine Lücke, durch die ich entkommen konnte. Ich sprang über die zusammengesunkenen Körper hinweg und auf den Gang zu. Anordil kam kurz aus der Deckung, um einen weiteren Pfeil abzuschießen. Ein Aufschrei, der abrupt verstummte, sagte mir, dass er gut getroffen hatte.
Eine Hand riss mich herum. An der Hüfte erhielt ich einen harten Treffer von einer Keule. In der Drehung wirbelte der Kampfstab auf den Gegner zu. Ein wütender Aufschrei gellte mir entgegen. Dann konnte ich ihn sehen. Fanatismus glühte in den Augen. Mit einem gezielten Hieb schickte ich den Mann zu Boden. Ein anderer stoppte mitten in seinem Angriff. Entsetzen stand in seinen Augen.
"Überlege dir, welchem Herrn du dienen willst", zischte ich, bevor ich ihn bewusstlos schlug. Einer von den übrigen hatte eine Pistole gezogen. Doch bevor er abdrücken konnte, schlug ein Pfeil in sein Handgelenk ein. Die Pistole flog in hohem Bogen davon. Der letzte stand wie erstarrt. Langsam ließ er die Keule sinken. Pater Jacobus brüllte vor Wut. Mit verzerrtem Gesicht stürzte er sich auf mich. Dachte er allen Ernstes, er könne mich damit beeindrucken?
Eiskalt erwartete ich ihn. Seinem Angriff konnte ich mühelos ausweichen. Und meine Konter waren hart. Ohne zu zögern nutzte ich die nächste Gelegenheit und brach ihm das linke Bein. Mit einem gellenden Schmerzensschrei ging er zu Boden. "Lasst mich und die meines Blutes sind in Frieden", zischte ich ihm ins Ohr, "sonst werde ich Euch genauso töten, wie Eure Männer, die hier vor Euch in ihrem Blute liegen. Und mit Euch wird die Kirche untergehen. Denkt darüber nach, was ihr wollt!"
"Ich verfluche dich und deine Höllenbrut", schrie er mir geifernd entgegen, "ich verfluche den Tag, als du geboren wurdest! Schmoren sollst du in der finstersten Hölle!" Ich lächelte sanft. "Durch die Hölle bin ich schon gegangen", konterte ich, "was sollte sie mich schrecken?"
Dann wandte ich mich ab. Anordil folgte mir. Das Brüllen und die Flüche von Pater Jacobus begleitete uns eine ganze Weile durch die Katakomben. Immer wieder lauerten wir nach rechts und links in die abzweigenden Gänge. Aber ohne aufgehalten zu werden, gelangten wir an die Oberfläche und liefen zum Kloster.
Einen Tag später wurden die Feste Medievali mit einem Umzug der Teilnehmenden durch das antike Rom eröffnet. Danach verteilte man sich über Rom und Umgebung. Die Gladiatorenkämpfe trug man stilecht im Kolosseum aus. Ein Teil der Arena war rekonstruiert worden und diente solchen Zwecken. Es war ein gigantisches Schauspiel. Im Kloster, wo wir untergebracht waren, fanden die eher mittelalterlichen Events statt. Die eigentlichen Turniere fanden außerhalb der Klosteranlage statt.
Wie in Sedan absolvierten wir unsere Schaukämpfe, um danach das Fest zu genießen. Wir schlenderten durch die Klosteranlage. Unsere Schwerter und Dolche trugen wir bei uns. Man konnte nie wissen, ob Pater Jacobus nicht doch einen Angriff unternehmen würde. Ab und zu suchte Anordil nach bekannten Auren. Plötzlich gab er einen Laut der Überraschung von sich.
"Alae – siehe da", sagte er auf Sindarin, "em ú-ereb - wir sind nicht allein." Angespannt sah ich ihn an. "Marc", lächelte er beruhigend, "mathon chwest dîn - ich spüre seinen Atem." Suchend blickte er über den Platz. "En adel - dort hinten", deutete er zu den Gästequartieren des Klosters, "er müsste gleich zu sehen sein." Und tatsächlich bog ein paar Sekunden später Marc um die Ecke. Er trug die Toga der freien Bürger Roms. Ich musste sagen, sie stand ihm gut. Er ließ seinen Blick in die Runde schweifen und stockte, als er uns sah.
Freudestrahlend kam er auf uns zu. "Das ist ja eine Freude", platzte es aus ihm heraus, "ich hatte nicht damit gerechnet, euch beide hier zu treffen. – Ihr traut euch tatsächlich in die Höhle des Löwen." "Schließlich muss der Löwe in seine Schranken gewiesen werden", entgegnete ich trocken, "ich grüße dich, Marc." "Ich grüße dich ebenfalls", sagte Anordil, "was führt dich nach Rom?" Marc lächelte.
"Ich hatte von den Römerspielen gehört", entgegnete er, "und da ich schließlich die alten Römer studiere, dachte ich mir, es wäre schön dabei mal mitzumachen. Deshalb habe ich meine Sachen gepackt, mir eine Toga organisiert und hier Quartier bezogen. Vor zwei Stunden bin ich angekommen. Ich wollte mir jetzt einen Überblick verschaffen." "Dabei können wir dir helfen", fiel ich ein, "wir haben unsere Schaukämpfe für heute erledigt. Wenn du willst, begleiten wir dich über das Fest." "Oh, das wäre prima", zeigte sich Marc erfreut.
Es war ein merkwürdiges Bild, dass wir abgaben. Zwei mittelalterliche Krieger mit einem Römer in Toga. Ab und an streifte uns ein neugieriger Blick. Doch wir wurden nicht behelligt. "Und was ist mit dem Löwen?", fragte Marc uns mit gesenkter Stimme. Er drehte seinen Becher Wein in der Hand. Wir hatten uns in die eigens für diese Feste eingerichtete Taverne innerhalb der Klostermauern zurückgezogen. Unser Tisch befand sich in einer Nische des Gewölbes. Von dieser Stelle aus hatten wir einen ausgezeichneten Blick über das übrige Geschehen.
"Der Löwe hat gebrüllt, angegriffen und leckt nun seine Wunden", antwortete Anordil leise, "wir hoffen, dass wir nicht mehr behelligt werden." "Sie haben eine Warnung erhalten", warf ich ein, "und ich bete zu den Göttern, dass sie diese beherzigen mögen." Marc sah uns intensiv an. "Ich möchte nicht wissen, wie die Warnung aussah", seine Stimme kratzte ein wenig, " – nun zu anderen Dingen. Ihr habt bereits Schaukämpfe gezeigt?" "Ja", antwortete ich, "vorhin. Du hast es just verpasst. Aber in den nächsten Tagen kannst du uns ein paar Mal sehen."
"Wieso Schaukämpfe?", fragte er neugierig, "ist das nicht reichlich auffällig?" "Nein", Anordil schüttelte den Kopf, "keiner würde auf die Idee kommen, das wir echte Krieger mit echten Waffen sind. Sie sind zu fasziniert von dem, was sie sehen. Arwen zeigt mir ihre Welt – und es ist für uns unauffälliger von einem Fest zum anderen zu reisen. Wir können problemlos untertauchen, wir kennen viele der Händler und Kämpfer. – Und wir können auf diese Art unsere Waffen mit uns führen." Marc nickte verstehend.
"Und wie lange werdet ihr bleiben?", fragte er zwischen zwei Schlucken Wein. "Wir bleiben, bis das Fest zu Ende ist", erwiderte ich, "anschließend reisen wir weiter nach Frankfurt. Wir wollen einen Freund besuchen, der dort in der Nähe wohnt." Marc schüttelte leicht den Kopf. "Nein, ich dachte eher, hier ...", bedeutungsvoll deutete er in die Runde. Jetzt verstand ich. "Wenn alles gut geht bis zum Imbolc", antwortete Anordil an meiner Stelle. "Da werde ich euch vielleicht noch ein letztes Mal sehen", kommentierte Marc und fuhr nach einer kurzen Pause fort, "wie sieht es aus? – Wollen wir nicht das alte Rom ein wenig unsicher machen? Leiht euch Togen und wir ziehen los!" "Unsicher machen bestimmt nicht noch einmal", brummte ich und sah Anordil bedeutungsvoll an, "doch wir würden dich gerne begleiten." Marc sah von einem zum anderen.
"Was soll das heißen – nicht noch einmal?", fragte er neugierig. "Wir erzählen es dir auf dem Weg", entgegnete Anordil rasch, "hier gibt es zu viele Ohren." Gemeinsam brachen wir auf. Anordil und ich liehen uns Togen und schlossen uns denen an, die nach Rom zu den Spielen fuhren. Dort mischten wir uns mit Marc unter das Volk im antiken Teil Roms.
Es war ein beeindruckendes Erlebnis, zumal wir diesmal alles gefahrlos genießen konnten. In den Tavernen wurde wie zu Neros Zeiten gespeist. Die Gladiatorenkämpfe waren dagegen erfreulicherweise recht unblutig. Dafür äußerst spektakulär. In den Straßen flanierten Senatoren, Vestalinnen und römische Bürger. Prätorianergruppen zogen einher. Schönheiten wurden in Sänften getragen. Man hatte sich auffallend viel Mühe gegeben, dem Fest einen authentischen Anstrich zu geben. Wir genossen die Tage.
Allerdings wurde die gelöste Stimmung ein klein wenig getrübt. Am vierten Tag der Spiele bemerkten wir am Zuschauerrand zwei Männer in schwarzer Kleidung. Aufstöhnend gelang es mir gerade noch Anordils Angriff zu kontern. Er zog überrascht eine Augenbraue hoch. Doch es gelang uns, unseren Schaukampf zu Ende zu führen.
Als wir den Platz verließen, folgten uns die beiden. "Aphado nin lagor - rasch mir nach", flüsterte Anordil mir zu. Er führte mich in den abgelegenen Teil des Klosters, dorthin, wo kaum Besucher kamen, weil halbzerfallene Gemäuer einen Zugang nahezu unmöglich machten. Die Männer hefteten sich an unsere Fersen. "Sie haben nichts gelernt", murmelte ich wütend und zog mein Schwert, als wir sicher waren, unbeobachtet zu sein. Doch die Männer dachten nicht daran uns anzugreifen. Sie blieben am Rand der Ruine stehen.
"Wir wollen nicht kämpfen", rief der eine, "erlaubt, dass wir ein paar Schritte näher kommen?" Ich senkte mein Schwert zum Boden, hielt es aber fest in der Hand. "Ich gestatte euch fünf Schritte", erwiderte ich. Gespannt verfolgte ich jede Bewegung der beiden. Mit leicht erhobenen Händen, damit ich sehen konnte, dass sie keine Waffe trugen, kamen sie näher.
"Wir haben eine Botschaft", sagte der eine und führte langsam seine Hand zur Jacke. Fragend sah er mich an. "Keine unbedachte Bewegung", warnte ich ihn. Übertrieben vorsichtig öffnete er die Jacke und zog einen deutlich versiegelten Umschlag daraus hervor. Langsam legte er diesen auf den Boden. Wortlos drehte er sich um. Dann verließen beide die Ruine ohne ein weiteres Wort.
Angespannt blickte ich ihnen nach. Ich zögerte den Umschlag aufzuheben. "Ich spüre keine Gefahr", beruhigte mich Anordil. Langsam löste ich die Spannung. Ich steckte mein Schwert weg und bückte mich nach dem Umschlag. Dieser trug das Siegel der Inquisition, welches ich so gut kannte. Mit einem unguten Gefühl brach ich es. Auf feinem, blütenweißem Papier waren energisch Worte in Latein geschrieben worden.
‚McGregor,
diese Schlacht hast du gewonnen, doch der Krieg ist noch längst nicht vorbei. Ein vorläufiger Waffenstillstand soll dir Zeit zum Nachdenken geben. Das Pergament MUSS in die Hand der Kirche, wo es hingehört. Wann und wo sei dahingestellt.
Ich werde dich beobachten. Ich werde dich vernichten und zu deinem Herrn in die Hölle schicken.
Jacobus Borghese'
Also war es nicht vorbei! Ein Waffenstillstand. Nun gut, besser als nichts. Wortlos reichte ich das Papier an Anordil. "Du hättest ihn nicht verschonen sollen", sagte er, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte. "Er hat seine Wahl getroffen", erwiderte ich hart, "bei der nächsten Begegnung wird er sterben." Anordil nickte zustimmend. Dann mischten wir uns wieder unter das Volk. Allerdings waren wir von nun an auf der Hut.
Die verbleibenden Tage verliefen allerdings ohne Zwischenfall. Nichts deutete darauf hin, dass Jacobus seinen Worten bereits Taten folgen ließ. Am Ende des Festes verabschiedeten wir uns von Marc, Lorenzo und Giovanni. Letzterer ließ es sich nicht nehmen uns persönlich zum Flughafen "Leonardo da Vinci" zu bringen. Eine große Maschine wartete auf uns. Beim Einchecken kämpften wir mit den üblichen Problemen, die man hatte, wenn man Hieb- und Stichwaffen mit sich führt. Doch am Ende ging dann doch alles relativ zügig.
Die Stewardessen lächelten uns liebenswürdig an, als wir das Flugzeug betraten. Gewohnt freundlich wiesen sie uns die Plätze zu. Auf meinem Sitz lag jedoch ein unscheinbarer Umschlag. Anordil schaute mich an. "Von wem?", fragte er. Mit spitzen Fingern drehte ich das Kuvert. Auf der Rückseite leuchtete das Siegel der päpstlichen Bibliothek. "Pater Aurelius", erwiderte ich. Rasch nahm ich den Umschlag an mich und setzte mich. Die übliche Routine spulte sich ab. Anschnallen, Sicherheitsunterweisung, eben Dinge, die nicht mehr ungewöhnlich waren. Selbst Anordil schaute gelangweilt aus dem Fenster. Dann beschleunigte die Maschine und hob ab. Nach dem die vorgesehene Flughöhe erreicht war, löste ich meinen Sicherheitsgurt. Die Stewardess brachte uns ein Getränk. Erst dann hatte ich Muße den Umschlag zu öffnen. Ein Blatt feinstes handgeschöpftes Papier mit einem eleganten Schriftzug in Latein kam zum Vorschein.
‚Seid gegrüßt im Namen des Allmächtigen, Arwen McGregor,
der Löwe leckt seine Wunden und sinnt auf Rache. Und dennoch konntet Ihr ihn empfindlich treffen. Er hatte es schwer den Tod so vieler Männer zu rechtfertigen. Es wird Jahre dauern, bis er wieder in einer Position ist, in der er Euch schaden kann. Nutzt die Zeit gut! Ich werde versuchen, Euch eine Warnung zukommen zu lassen, sobald der Löwe sich reckt.
Ich werde Euch in meine Gebete mit einschließen.
Gott sei mit Euch und Eurem Gefährten.
Pater Aurelius'
Nachdenklich ließ ich mich zurücksinken. Wortlos gab ich Anordil das Papier. "Wir werden die Zeit nutzen", wisperte er und drückte meine Hand. Wie sehnte ich mich nach Zuhause. Ich schloss die Augen und träumte. Träumte von den wunderbaren Wäldern Cilliens und den Regenbogenfarben des Wasserfalls.
to be continued ...
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