Rückkehr nach Shancahir

Nach einem ruhigen Flug landete das Flugzeug schließlich in Frankfurt. Es dauerte ein wenig, bis wir ausgecheckt hatten. Wie immer gab es Probleme mit unseren Schwertern. Aber nach einigem Hin und Her wurden sie uns doch ausgehändigt. Gelassen nahmen wir unseren Weg durch das Gewimmel der Passagiere. Unauffällig von einer Gruppe Sicherheitsbeamter in Zivil begleitet. Auf diesem Flughafen war man besonders misstrauisch, was mitgeführte Waffen anging, so schien es mir. Der Bahnhof befand sich direkt neben dem einen Terminal des Flughafens. Es erinnerte in seiner Konstruktion an ein großes, auf Stelzen stehendes Ufo. Keine Stunde später saßen wir im Zug nach Heidelberg.

Auf der Fahrt konnten wir die Gegend betrachten. Ich war das erste Mal in Deutschland. Eine kleine Faltkarte, die wir am Flughafen gekauft hatten, zeigte die Umgebung. Neugierig studierte ich die Karte und die vorbeiziehende Landschaft. Die sanften Hügel des Odenwaldes waren dicht mit Bäumen bedeckt. Der Spätherbst hatte die Blätter in allen Farben der Braun- und Rotskala gefärbt. An manchen Stellen ragten bereits die kahlen Äste in den Himmel. Vereinzelt konnte man Burgruinen erkennen. Viele Felder und zahlreiche kleine Ortschaften säumten die Bahnstrecke.

Stefan erwartete uns bereits am Heidelberger Bahnhof. Seine Augen leuchteten vor Aufregung. "Suilad anech mellyn nin", rief er uns entgegen, "ich freue mich, dass ihr da seid." Er umarmte uns erfreut. "Ich habe mir erlaubt, euch im Hotel Ritter einzuquartieren", sagte er zu uns, während wir den Bahnhof verließen, "es liegt gegenüber vom Dom und ist ein alter Fachwerkbau. Übrigens hat man vom Domplatz aus einen wunderschönen Blick auf das Heidelberger Schloss." "Suilam aneg – wir grüßen dich", erwiderte Anordil, "und wir danken dir für deinen herzlichen Empfang." Wir folgten Stefan nach draußen. Dort schob er unser Gepäck in ein kleines, zwar altes, aber gepflegt aussehendes Auto und brachte uns zum Hotel. Nach dem wir uns einquartiert hatten, gab er uns eine Führung durch den alten Stadtkern.

Das meiste davon war Fußgängerzone. Wir schlenderten in gelöster Stimmung durch das alte Heidelberg. Faszinierend fand ich die vielen Fachwerkbauten und den alten Dom. Das einzige, was störte, waren die vielen Touristen. Und in einem musste ich Stefan Recht geben - man hatte tatsächlich einen fabelhaften Blick auf das Heidelberger Schloss. Dieses würde er uns morgen zeigen.

Wir blieben ein paar Tage in Heidelberg. Danach fuhren wir mit Stefan zusammen zur Ronneburg. Diese lag südöstlich von Frankfurt. Die Burg befand sich auf einer Anhöhe und war beeindruckend gut erhalten. In den Höfen der Burg waren bereits Stände aufgebaut. In einem Hof befand sich eine Wanderschmiede.

Zusammen mit Stefan gingen wir zum Zeltplatz neben der Burg. Dort wurde er bereits von seiner Gruppe erwartet. Diese waren getrennt angereist und errichteten gerade ihr Lager. Rüstungsteile, Waffen, Reisegepäck und verschiedene andere Dinge lagen über den Boden verstreut neben halb aufgebauten Zelten.

"Hallo Stefan", rief einer von ihnen bereits von Weitem. Den Rest verstanden wir nicht, denn er sprach Deutsch. "Hi, Andreas", gab Stefan zurück. Es gab einen kurzen Wortwechsel, den wir nicht verstanden. Ich zumindest nicht. Vielleicht hatte Anordil den einen oder anderen Wortfetzen verstehen können, doch Deutsch hatte ich nie gelernt. Das gab uns die Gelegenheit die Gruppe unauffällig zu betrachten. Neugierig sahen wir sie an.

Der erste, mit dem Stefan gesprochen hatte, war ein mittelgroßer junger Mann mit schwarzem, kurzgeschnittenem Haar. Seine nussbraunen Augen blickten vergnügt. Er war von eher breiter Gestalt, schien aber nichts desto trotz recht beweglich zu sein. Seine braunen ledernen Hosen zeigten deutliche Gebrauchsspuren, ebenso wie die Lederstiefel, obwohl beides gepflegt war. Das helle Leinenhemd war an den Armen hochgekrempelt. Kurz danach gesellten sich zwei junge Frauen und drei junge Männer dazu. Sie begrüßten Stefan äußerst freundschaftlich.

Die Frauen waren sehr unterschiedlich. Eine von ihnen war hochgewachsen und von schlanker Gestalt. Hellbraunes Haar fiel in Wellen über den Rücken. Es wurde kaum von dem dunkelroten Samtband gebändigt. Ihr Gesicht war freundlich und offen. Klare grüne Augen blitzten vor Heiterkeit. Ihr Gewand bestand aus einer dunkelroten Robe mit schwarzgoldenen Stickereien. Die andere Frau trug schwarze lederne Hosen, eine Tunika aus grobem Leinen und einen breiten schwarzen Miedergürtel. Breite Armstulpen und Stiefel aus schwarzem Leder vervollständigten ihre Gewandung. Die Haare waren dunkelbraun und kurzgeschnitten. Braune Augen glänzten neugierig. Ich war mir nicht sicher, ob sie goldfarbene Sprengsel darin hatte. Die drei jungen Männer waren von mittelgroßer Statur. Einer von ihnen ein wenig kleiner, als die anderen beiden.

Ich musterte sie von links nach rechts. Mit dem Kleineren fing ich an. Er war leicht untersetzt, man sah, dass er gutem Essen nicht abgeneigt war. Die dunkelbraunen Hosen aus Leinen waren verwaschen und steckten in braunen Lederstiefeln mit deutlichen Gebrauchsspuren. Unter einem Wams aus dunkelroter Wolle trug er ein helles Baumwollhemd. Seine Haare würde ich als dunkelblond bezeichnen. Sie waren äußerst kurz geschnitten. Im normalen Leben schien er Brillenträger zu sein. Jedenfalls ließen die kaum zu bemerkenden Druckspuren auf seiner Nase darauf schließen. Seine graugrünen Augen starrten bewundernd zu Anordil.

War dieser junge Mann etwa ...? In meinen Gedanken ermahnte ich mich keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Mein Blick glitt zu dem in der Mitte stehenden Mann. Der Schalk sprang ihm regelrecht aus den wasserhellen Augen. Die hellbraunen Haare waren relativ kurz und lagen in widerspenstigen Wellen. Von der Statur her war er eher schmal. Er trug ein Gewand bestehend aus einer hellbraunen, ledernen Hose, einem dunkelroten leinenen Hemd und braunen Lederstiefeln. Er hatte ebenfalls das Hemd an den Armen gekrempelt. An seinen Finger glänzten zwei Ringe. Beide schienen aus Gold gefertigt zu sein. Einer davon trug Tengwar-Runen. Innerlich stöhnte ich auf. Schon wieder ein Tolkien-Fan? Wie viele gab es denn eigentlich?

Wie konnte ich Anordil die Wahrheit vorenthalten, wenn wir allenthalben auf Tolkien-Verehrer stießen? Ich wusste, dass Anordil den Ring ebenfalls bemerkt hatte. Ein rascher Seitenblick und ich sah es in seinen Augen blitzen. Nun denn, daran konnte ich nichts mehr ändern. Deshalb lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf den dritten jungen Mann.

Dieser war von kräftiger Statur, wirkte aber nicht füllig. Sein schwarzes Haar wirkte kaum gekämmt. Die dichten Augenbrauen und die dunklen Augen gaben ihm ein verwegenes Aussehen. Er war nahezu gänzlich in schwarzes Leder gehüllt. Dieses zeigte ebenfalls Gebrauchsspuren. Allerdings bestand das Hemd aus schwarzem Leinen. Er hatte die Ärmel gekrempelt.

Jetzt wandte Stefan sich wieder uns zu. Diesmal sprach er Englisch. "- Ich habe tatsächlich Besuch mitgebracht. Dies sind Freunde von mir aus Irland von den celtic-weeks. Anna und Garret O'Neill, Studenten. - Wäre folglich nett, wenn ihr Englisch sprechen würdet." Zustimmendes Gemurmel folgte. "Ich möchte euch meine Spielgruppe vorstellen", sagte er zu uns, "das ist Andreas, er studiert in Darmstadt, einer Stadt hier in der Nähe." Damit deutete er auf den ersten, den wir gesehen hatten. "Bei den anderen gehe ich mal in der Reihenfolge, wie sie stehen", machte er weiter, "die beiden hübschen Frauen sind Ophelia, ihres Zeichens Steuerfachfrau und Diana, ebenfalls Studentin. – Die drei daneben sind Thomas, auch Student, Richard, ein Steuerfachmann wie Ophelia und Armin, Bauingenieur."

"Herzlich willkommen in Deutschland", grüßte der Richard genannte, "schlagt am besten euer Zelt neben den unseren auf." Er deutete zum halb aufgebauten Lagerplatz. "Vielen Dank für euer Willkommen", erwiderte Anordil und reichte ihm die Hand, "wir nehmen das gerne an."

Wir nahmen den freien Platz neben den anderen Zelten und schlossen damit den Kreis um diese Lagerstelle. Mit geübten Griffen errichteten wir unser kleines Zelt. Danach zogen wir ebenfalls unsere Gewandung an. Wir banden unsere Schwerter auf den Rücken. Auf diese Art ausgestattet, wollten wir einen kleinen Rundgang über die Burg unternehmen.

Als wir aus dem Zelt kamen, entfuhr Andreas ein Ruf der Verwunderung. "Meine Güte!", rief er aus, "ihr könntet ja geradenwegs aus Tolkiens Mittelerde stammen – dermaßen elbisch, wie ihr ausseht." Anordil sah ihn intensiv an. "Vielleicht tun wir das", entgegnete er trocken und fuhr in Sindarin fort, "amman istar edrigol rim firiath o ennor - warum wissen nur derart viele Menschen von Mittelerde?" "Milir chan gened bith - weil sie gerne lesen", erwiderte ich trocken. "Zumindest können die beiden Sindarin sprechen", kam eine gelassene Stimme von der Seite.

Ich erkannte Richard. Mit seiner rechten Hand strich er sich die Haare aus der Stirn. Der Ring mit den Tengwar blitzte auf. "Sogar lesen", sagte Anordil ruhig und deutete auf das Schmuckstück. "Da habe ich mich wohl wieder geoutet", lächelte Richard, "wir Tolkien-Fans sind schlimm. – Aber ich muss Andreas Recht geben. Ihr beiden seht fantastisch aus." Stefan hatte ob des Wortwechsels den Atem angehalten. Er kannte schließlich die Wahrheit. "Wir können heute Abend weiter darüber diskutieren, ob die beiden wie Elben aussehen oder nicht", unterbrach er uns rasch, "ich glaube, die beiden wollten den Turnierplatz ansehen gehen, wegen ihrer Schaukämpfe – nicht wahr?" Er blickte mich auffordernd an.

Dankbar nahm ich den Faden auf. "Ja, richtig", entgegnete ich, "schließlich sollen wir heute Nachmittag unseren ersten Kampf zeigen. Da wollen wir vorher den Platz begutachten." Anordil nickte und wir gingen von dannen.

Einige Schritte weiter blickte er mich von der Seite an. "Es ist eigenartig, dass Mittelerde derart viel Einfluss auf eure Welt besitzt", kommentierte er leise auf Sindarin, "für euch ist es doch nur eine Erzählung. Wir – seien es Elben, Zwerge, Istari, Dúnedain oder Orks – existieren für euch nicht. Nur wenige erkennen in mir das, was ich bin. Und dies scheinen verirrte Seelen zu sein." "Tolkien schrieb seine Erzählung im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts", erzählte ich, "die Industrialisierung begann erst ihren verschlingenden Zug über die Erde. Er konstruierte eine perfekte Welt, in der alles im Einklang mit der Natur steht. Die Orks und die dunklen Mächte gestaltete er als Feinde der Natur, wie es die Industrie ist. Jedenfalls dachte er das."

"Aber er kann uns nicht erfunden haben, andernfalls wären wir nicht existent", warf Anordil ein, "er muss eine verirrte Seele gewesen sein. Jemand der sich zurücksehnte. – Oder er fand einen Weg nach Mittelerde – wie du." Ich sah ihn intensiv an. "Niemand wird es je erfahren", flüsterte ich, "Tolkien ist seit Jahren tot und nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Aber seine Erzählung lebt – und wird lebendig bleiben. Jeder, der es liest, wird davon verzaubert - " "– und diejenigen, die einst in Mittelerde weilten, sehnen sich dahin zurück", beendete Anordil den Satz, "beim Lesen der Seiten beginnt in ihnen ein Band zu schwingen. Ein spinnwebfeiner Faden, der sie immer noch mit Mittelerde verbindet. - Ich werde nachher ihre Auren spüren. Ich habe die Vermutung, das mindestens einer von ihnen diesen Faden besitzen." Ich hatte im übrigen den gleichen Verdacht. Ich nickte zustimmend. Danach setzten wir unseren Weg durch die Burg fort. Schließlich ist es gut zu wissen, wo man sich befindet.

Auf dem Turnierplatz trafen wir Jean Pierre von den französischen Rittern wieder. "Hallo, das ist eine Freude euch zu sehen", kam er uns entgegen. Er hatte seinen Übungskampf abgebrochen, als er uns erblickte. Sein Gegner war Lucas gewesen. Leicht außer Atem trat dieser näher. "Willkommen an unseren Feuern", sagte dieser. "Habt Dank für Euren Gruß, edle Ritter", erwiderte Anordil mit einer leichten Verbeugung, "wir hatten nicht die Absicht Eure Übung zu unterbrechen."

"Wir freuen uns, bekannte Gesichter zu sehen", entgegnete Jean Pierre. "Wie ich sehen konnte, habt Ihr Eure Technik verbessert", kommentierte Anordil den vorhergegangenen Kampf. "Wenn Ihr wollt, so wäre ich bereit für eine weitere Lehrstunde", lud Jean Pierre ihn ein und deutete mit dem Schwert auf den Kampfplatz. Anordil lachte leise. "Ich sehe, die blauen Flecke von damals halten Euch nicht davon ab, Jean Pierre. – So denn, ich bin geneigt Euch eine weitere Lektion zu erteilen." "Falls es euch nichts ausmacht, würde ich ebenfalls gerne eine Lehrstunde beziehen", warf Lucas ein.

Anordil nickte und sein Lächeln wurde eine Spur breiter. "Wie es Euch beliebt", kommentierte er trocken, "ich lade Euch ein, den Kampf mit uns zu teilen." Anordil machte eine einladende Bewegung. Er hatte vor, mit beiden zu kämpfen. Gelassen zog er seine beiden Schwerter. Lucas schluckte sichtlich. Er war ein guter Kämpfer. Ich hatte ihn auf den vorangegangenen Festen gesehen. Man sah ihm an, dass es ihm nicht ganz behagte. "Seid unbesorgt, Lucas", rief ich ihm zu, "Garret wird Euch nicht verletzen." "Ich dachte weniger daran, das ich verletzt werde, als das ich ihn treffen könnte", gab er zurück.

Anordil lachte verhalten. "Ihr werdet mich nicht verwunden", sagte er, "nun kommt und holt Euch Ere Lehrstunde." Ruhig stand er da. Anordil genoss solche Herausforderungen. Das hielt die Wachsamkeit hoch. Jean Pierre griff als erster an – und erhielt damit als erster einen blauen Fleck. Lucas und er schlugen sich wacker, doch gegen Anordil hatten sie keine Chance. Fasziniert sah ich zu. Ich bemerkte kaum, dass Stefan an meine Seite trat und ebenfalls gebannt dem Kampf folgte.

"Oh Gott", stöhnte er leise, "ich glaube ich muss Jahre trainieren, bis ich annähernd so gut werde." "Tröste dich", antwortete ich ebenso leise, "er hat immerhin einige Tausend Jahre Erfahrung." "Ich meinte nicht Anordil", wisperte er, "an ihn werde ich nie herankommen, egal wie lange ich trainiere. Gegen ihn werde ich immer ein Stümper sein. – Ich meinte diese französischen Ritter dort. Sie schlagen sich bewundernswert gegen ihn."

Anordil war mittlerweile dazu übergegangen den beiden Anweisungen zuzurufen. "Lucas – achte auf deine linke Schulter", mahnte er, "lass sie nicht derartig weit vorfallen. – Jean Pierre – keine großen Ausfälle. Die Zeit hast du nicht. – Jetzt das gleiche noch mal. Die Deckung nicht weit öffnen. – Ihr dürft dem Gegner keine Blöße zeigen. – Seht ihr?" Die beiden hatten keine Zeit und keine Gelegenheit zu antworten. Anordil hielt sie in Bewegung. Gnadenlos verteilte er blaue Flecken. Immer mit der stumpfen Seite der Klinge. Es verging keine halbe Stunde bis den beiden Franzosen Schweißbäche über das Gesicht rannen.

Als Anordil die Lehrstunde beendete, gab es Applaus. In der Zwischenzeit hatten sich etliche Zuschauer versammelt. Unter ihnen viele Kämpfer. Anerkennend waren sie dem Schlagabtausch gefolgt. Respektvoll öffneten sie eine Gasse, um die drei abziehen zu lassen. Die beiden Franzosen hatten ein Bad jetzt bitter nötig.

"Vielen Dank", keuchte Lucas, "ich habe viel gelernt. Soviel wie lange nicht mehr. – Kommt doch heute Abend in unser Lager." Jean Pierre nickte schnaufend. Er konnte nichts mehr sagen. "Wir nehmen die Einladung gerne an", erwiderte ich, "doch leider sind wir heute Abend an ein anderes Feuer geladen." "Nun denn, so kommt morgen", schlug Jean Pierre außer Atem vor, "das Fest hat schließlich heute erst begonnen." "Gerne", gab Anordil zur Antwort, "wir nehmen eure Einladung an. Doch nun sucht rasch das Badehaus auf und nehmt ein heißes Bad, bevor ihr euch nicht mehr rühren könnt." Müde zogen die beiden von dannen.

Anordil lächelte ihnen hinterher. Ruhig, als hätte er nur einen Spaziergang unternommen und nicht eine Stunde lang intensiv Schwertkampf ausgeführt, verstaute er seine Schwerter. "Wann sind wir mit unserem Schaukampf an der Reihe", fragte er gelassen. "Ich glaube heute Nachmittag", erwiderte ich, "ich muss auf den Veranstaltungsplan sehen." "Folglich haben wir noch Zeit", brummte er und schlenderte mit mir davon.

Am Nachmittag füllte sich das Fest zusehends. Immer mehr Leute, die nicht gewandet waren, bevölkerten den Platz. Als wir zu unserem Schaukampf gingen, waren die Zuschauerränge voll besetzt. Doch überwiegend mit Leuten, die nicht entsprechend gewandet waren. Dies war uns bereits von anderen Festen bekannt und störte uns nicht weiter. Wir spulten unsere Schaukämpfe herunter und konnten danach das Fest genießen.

Rasch wurde es dunkel. Langsam gingen wir zu unserem Lagerplatz. Vor den Zelten von Stefan und seinen Freunden brannte bereits ein Feuer. Es war geschickt angelegt. Anordil nickte anerkennend. "Zumindest sind diese nicht gänzlich unbedarft", murmelte er mir zu. Ich lachte leise. "Das sie Feuer machen können, heißt nicht, dass sie in Mittelerde überleben könnten", entgegnete ich belustigt, während wir weiter auf das Lager zu gingen. Ich freute mich auf das wärmende Feuer. Mein Magen knurrte ein wenig. Im Marktbereich hatten wir vorhin Brot und Fleisch gekauft. Ein paar wilde Kräuter vom Wegesrand hatten wir aufgesammelt. Ebenso eine stattliche Anzahl Pilze. Das dürfte für ein Mahl ausreichen.

Als wir näher kamen, sah ich, dass Stefan und seine Freunde würfelten. Sie waren vertieft in ihr Spiel. Leider sprachen sie Deutsch. Richard sah uns als erster und unterbrach seinen Wurf. "Kommt ruhig dazu", lud er uns ein, "am Feuer ist Platz genug. – Wir spielen diese Runde noch zu Ende. – Kennt ihr Rollenspiel?" "Na ja", antwortete ich ausweichend, "ich habe viel darüber gehört, aber selbst bisher nicht gespielt. Garret übrigens auch nicht." "Somit werden wir die Runde auf Englisch spielen", sagte Richard, "dann können wir zeigen, wie es funktioniert und ein paar Vorurteile ausräumen."

Wir legten unsere Waffen und die Zutaten für unser Mahl ab. Danach setzten wir uns in die Runde dazu. "Nun, wo waren wir stehen geblieben?", fragte Richard in die Runde. "Diana war dabei ihren Ork zu erschlagen", half Armin. "Dann würfle mal, Diana", forderte Richard sie auf. Sie warf einen Würfel mit vielen Seiten. Erwartungsvoll sah sie auf das Ergebnis.

"Oh, kritischer Erfolg", rief Diana erfreut, "20 plus 15 plus Bonus 2 macht 37. – Toppe das erst mal." "Mmh", murmelte Richard, "würfle den Schaden aus." Sie nahm zwei andere Würfel. "Maximaler Schaden", sagte sie begeistert. "Trefferzone?", fragte Richard, "bitte mit einem W20." "5", antwortete sie, "ist das kritisch?" "Und ob", kommentierte er trocken, "du hast deinen Ork am Kopf getroffen. Maximaler Schaden und kritisch. Er bricht tot zusammen. – Den können wir streichen."

Er durchstrich etwas auf einem Stück Papier. "So, jetzt sind die anderen wieder dran. In der Reihenfolge der Reaktionswerte. – Ich glaube, Stefan, Thomas und Ophelia müssen ihre Aktionen noch durchführen. – Ja, Armin, – du hast noch deine beschleunigte Attacke. – Thomas, du hast den höheren RW, du fängst an." "Ich werde zaubern", antwortete dieser, "und zwar eine Feuerkugel - " "Du kannst keine Feuerkugel zaubern", unterbrach Andreas, "wir stehen viel zu dicht. Wenn du das tust, triffst du uns alle." "Mist", entfuhr es Thomas, "dann einen Blitz auf den Ork, der Andreas attackiert." "Nun denn, würfle." Richard machte eine auffordernde Handbewegung.

"13 plus 15 plus Zauberbonus 1 macht 29", erwiderte Thomas nach seinem Würfelwurf. Richard würfelt jetzt ebenfalls. "Sorry", lächelte er, "abgewehrt. Nicht einmal Ausdauerschaden." Thomas zuckte gleichmütig mit den Schultern. "Jetzt bist du dran, Ophelia", wandte sich Richard an die Frau im dunkelroten Gewand. "Ich kann nicht viel machen", entgegnete sie, "das einzige, was mir einfällt ist, Schwäche zu zaubern." "Dann mal los. Auf welchen Gegner?" "Den, der bei Diana steht." Konzentriert würfelte sie. "Geradeso", murmelte sie, "21." "Hast du den Zauberbonus mitgerechnet", fragte Richard. "Nein", sie schüttelte den Kopf, "damit sind es 23." Richard würfelte erneut. "Tja, der Ork ist stärker", sagte er, "er hat's abgewehrt. – Armin, jetzt du mit deiner beschleunigten Attacke."

"Na, dann will ich den mal platt machen." Siegessicher warf er seine Würfel. "Au Backe", folgte der Kommentar, als er auf das Ergebnis sah, "kritischer Fehler. – Mist, ausgerechnet jetzt eine 1!" "Dann wollen wir mal sehen, was passiert", lächelte Richard, "würfle einen W20." Wieder klackerte leise der Würfel. "10." Richard lachte leise. "Dein Schlag ist so unglücklich, dass du dir selber eine Wunde zufügst. – Am linken Bein. – Du kannst in der nächsten Runde nur mit Malus 2 angreifen. Deine beschleunigten Attacken sind damit Essig." "Mist, verflucht", murmelte Armin, "ich hatte einen schönen Angriff geplant."

"Jetzt sind die Orks noch mal dran", sagte Richard, "und danach machen wir Schluss für heute. Mir knurrt nämlich bereits der Magen." Konzentriert würfelte er mehrmals hintereinander. "Stefan, verteidige dich mal", wandte er sich unvermittelt an diesen. Stefan würfelte. "33." "Mit allen Boni?" "Jepp." "Glück gehabt. Der Ork haut daneben. Du spürst den Luftzug seines Schwertes. Ein paar Haare hat er mitgenommen." Richard sah in die Runde. "Schluss für heute", bestimmte er, "morgen machen wir weiter."

Interessiert waren wir der Szenerie gefolgt. "Ein äußerst merkwürdiges Gebaren", murmelte Anordil auf Sindarin, "mas in gyth? – Mas in vegyr? - Wo sind die Gegner? – Wo die Kämpfer?" "Han delien - es ist ein Spiel", versuchte ich zu erklären, "die Gegner und die Abenteurer existieren nur im Kopf. Mit den Würfeln wird Erfolg und Misserfolg bestimmt." "Sen dîr – dies ist richtig", warf Richard in holperigem Sindarin ein, "doch mein Sindarin ist nicht gut genug, um es zu erklären." Erstaunt sahen wir ihn an.

"Noch jemand der Sindarin spricht", entfuhr es Anordil überrascht, "in dieser Welt sind mehr Menschen des Sindarin mächtig als in Mittelerde." Ein rascher Blick zu Stefan zeigte mir dessen besorgtes Gesicht. "Úthon geliad rim - ich versuche zu üben viel", entgegnete Richard, anscheinend hatte er die kleine Entgleisung nicht bemerkt. Er machte eine kurze Pause. Man sah, dass er nach Worten suchte.

"Doch ich denke, ich sollte mich nicht übernehmen. Zwar geht es ganz gut, da sich Stefan zum Sindarin-Spezialisten entwickelte, aber ich kann nur einfache Sätze bilden", fuhr er auf Englisch fort und lächelte entschuldigend, "ich wollte Rollenspiel erklären. – Das Spiel an sich ist recht unkompliziert. Es gibt Spieler und einen Spielleiter. Das bin in diesem Falle ich. Man kann mit mindestens einer weiteren Person spielen, doch es sollten etwa vier bis acht Spieler sein, damit es richtig Spaß macht. Ich, als Spielleiter, denke mir eine Geschichte aus. Sie sollte abenteuerlich sein, ein paar Kämpfe enthalten, Zufallsbegegnungen und vor allem dem Niveau der Spieler angepasst sein. Jeder Spieler hat einen Charakter oder Rolle, die er verkörpert. - Elb, Zwerg, Mensch, Halbling, Bogenschütze, Schwertkämpfer, Heiler, Magier. – Diesem Charakter sind Attribute und Fertigkeiten mit Werten zugeordnet. Erfolg und Misserfolg ermittelt man mit Würfeln, meist einem zwanzigseitigen. Zum Würfelergebnis addiert man den Wert des entsprechenden Attributes oder Fertigkeit. Man muss mindestens über zwanzig gelangen, um einen Erfolg zu erzielen. Dabei muss man über den Wurf des Spielleiters kommen, um einen Treffer zu erlangen. Mit den Würfeln wird der Schaden festgestellt. Andere Aktionen werden auf die gleiche Art abgewickelt. – Ihr seht, das Ganze läuft völlig ruhig und unblutig ab."

Wir unterhielten uns noch lange an diesem Abend. Erst spät legten wir uns zur Ruhe. Am nächsten Tag schlenderten wir ein wenig herum. Bei der Geschichtenerzählerin blieben wir eine ganze Weile. Anordil hörte aufmerksam zu und auch ich versuchte mir einige der Geschichten zu merken. Man konnte sie schließlich ebenso gut in Mittelerde erzählen, wenn man einige wenige Dinge änderte. Den Abend verbrachten wir mit den französischen Rittern. Wohl wirklich zum letzten Mal.

Den letzten Tag verbrachten wir in Stefans Begleitung. Am Abend saßen wir mit seinen Freunden um das Feuer. Es war sternenklar über uns. Die Nacht versprach kalt zu werden. Mich fröstelte bereits. Von allen Seiten drangen die Geräusche des Festes auf uns ein. Stefan und seine Freunde waren mit der letzten Phase ihres Spieles beschäftigt. Sie verteilten Punkte. Damit es schneller ging, unterhielten sie sich auf Deutsch.

"Es ist eigenartig", wisperte Anordil mir auf Sindarin zu, "ich sehne mich nach Mittelerde – und nun sitze ich am Feuer mit Menschen, die es niemals gesehen haben, sich aber nichtsdestotrotz wünschen dort zu sein. – Ich spüre, dass einst Elben über diese Erde gewandelt sind. – Was ist geschehen mit deiner Welt, dass das Elbenvolk und die übrigen verschwunden sind?" "Ú-iston chan - ich weiß es nicht", flüsterte ich zurück, "es verliert sich im Nebel der Zeiten. – Es gibt Menschen, die Tolkien Glauben schenken, dass Mittelerde einst auf dieser Welt existierte, dass es nur ein anderes Zeitalter war. Doch wir beide wissen es besser."

Richard brach sich ein wenig von dem Brot ab, das über dem Feuer röstete. Der Schalk blitzte in seinen Augen. "Nun, Garret", sprach er ihn an, "Ihr seid wie ein Elb gewandet. Seid Ihr denn auch der Sangeskunst mächtig?" Anordil lachte leise. "Und Ihr tragt das Gewand eines Schwertkämpfers. – Beherrscht Ihr die Schwertkunst?" "Nun denn, stellt mich auf die Probe", entgegnete Richard und erhob sich. Im Schein des Feuers zog er sein Schwert. Eine schöne Klinge. Durchaus eines Kriegers würdig. Anordil erhob sich ebenfalls in einer fließenden Bewegung. Er hatte eines seiner Schwerter in der Hand.

"Herio, mellon – beginne, Freund", forderte Anordil ihn auf. "Soweit reicht mein Sindarin noch", entgegnete Richard lachend, "darthon na magol lîn – ich warte auf dein Schwert." Locker griff Anordil ihn an. Richard war trotzdem beinahe zu langsam für die Abwehr. Nach einigen Schlägen fing Anordil an ihm Anweisungen zu geben. "Achte auf deinen Schwertarm – deine Deckung ist zu weit offen – das ist besser", sagte er ruhig zwischen den Angriffen, "nein, dies ist falsch – sieh her, so wird der Schlag ausgeführt – mache es erneut." Richard blieb keine Zeit zum Antworten. Nach einer Viertelstunde war er außer Puste.

"Haltet ein, Garret", japste er, "ich bin erledigt." "Deine Menschen sind äußerst verweichlicht", rief Anordil mir auf Sindarin zu, "nach ein paar Schwertstreichen sind sie ermüdet." Gelassen steckte er das Schwert weg. Er atmete nicht einen Zug schneller als zuvor. "Nun, Freund", sagte er zu Richard, "du warst mutig und hast meine Herausforderung angenommen. – Nun nehme ich deine an. Was kann ein Elb dir singen?" Leise lachend nahm er erneut an meiner Seite Platz. Bei seinen letzten Worten hatte nicht nur ich unwillkürlich die Luft angehalten. Stefan starrte Anordil fassungslos an. Die anderen hielten Anordils Worte wohl eher für einen Scherz, denn sie lachten. "Ich weiß es nicht", erwiderte Richard bescheiden und rang nach Atem, "wählt Ihr."

Anordil nickte leicht. Ich sah es in seinen Augen blitzen. Es erstaunte mich nicht, als er die Ballade von Béren und Lúthien sang. Nur Sekunden später waren alle, die am Feuer saßen, dem Bann der Elbenstimme erlegen. Als der letzte Ton verklang herrschte Stille. Von der Burg und vom Festplatz konnte man Stimmengewirr und die verschiedensten Geräusche hören. Musik war von dort zu hören. Richard räusperte sich nach einer Weile.

"Also, - ich muss sagen", hob er an, "ich finde eigentlich keine Worte. – Stefan hatte uns viel erzählt über die celtic-weeks und von euch beiden. Von den fantastischen Schwertfähigkeiten Garrets und dessen herausragender Stimme. Von Anna, ihrem Flötenspiel und den genialen Kampfstabtechniken. – Aber ich habe es nicht wirklich geglaubt – bis ich es jetzt mit eigenen Augen und Ohren bezeugen konnte."

"Ich glaube mich zu erinnern, dass Stefan ausgezeichnet Geschichten erzählen kann", versuchte ich das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Stefan nahm den Faden dankbar auf. "Die eine oder andere fällt mir bestimmt ein", lachte er, "wie wäre es mit dieser – es geschah zwischen Carrick und Fonthigitay. Menschen verschwanden spurlos. Doch nicht nur Menschen. Auch Elben und Zwerge wurden plötzlich nicht mehr gesehen. So verschwand der Sohn eines reichen Händlers aus Carrick. Der Zufall wollte es ..." Gebannt lauschten wir der Geschichte.

Ab und an blickte ich zu Richard hinüber. Er schien in Gedanken versunken. Bedächtig drehte er den Ring mit den Tengwar-Zeichen zwischen den Fingern. Ich bemerkte, dass Anordil ihn beobachtete. "Ist er einer der verlorenen Seelen?", wisperte ich zu Anordil. Dieser nickte verhalten. "Ich spüre seine Aura", erwiderte er leise, "der dünne Faden, der ihn mit Mittelerde verbindet, hat begonnen zu schwingen."

Nach einer Weile setzte Richard sich zu uns herüber. Die anderen hatten damit begonnen sich die Reste des Mahles einzuverleiben. Stefan erzählte immer noch. "Ú-iston amman, dan mathon edregol - ich weiß nicht warum, aber ich fühle besonderes", sagte Richard leise in holperigem Sindarin, "wenn ich Euch ansehe, so sehe ich zumindest einen Elben. – Ihr mögt andere täuschen, doch ich bin mir sicher, dass Ihr, Garret, ein Elb seid. Ich ahnte es bereits, als ich Euch sah. Nun, nach dem Schwertkampf und der Ballade bin ich mir sicher. – Mittelerde existiert? – Nein, ich erwarte keine Antwort. – Doch ich bin mir jetzt sicher, wohin Robert verschwunden ist. – Grüßt ihn von mir." Abrupt stand er auf und verschwand in der Dunkelheit. Anordil blickte ihm nach.

"Aufgewühlt ist er", murmelte er, "er weiß nicht, wie er es verarbeiten soll. – Ich werde ihm folgen." "Ist es klug noch jemanden einzuweihen?", fragte ich kritisch. "Ista chan - er weiß es", entgegnete Anordil, "vorhin beim Schwertkampf habe ich deutlich gespürt, dass er sich erinnerte. Der Krieger wurde in ihm geweckt. Ich sah es in seinen Augen. Ich sah es in seiner Gestalt." "Ein Krieger? Einer der Seelen aus der Schlacht von Dagolad? Elb oder Mensch?" "Vermutlich Elb, Arwen. Seine Aura hat Vertrautes. Vor allem vorhin, als der Nebel der Erinnerung sich hob." Leise erhob er sich und folgte Richard in die Nacht.

Stefan hatte es bemerkt. Die anderen zogen sich allmählich zurück. Stefan angelte sich das letzte Stück Brot und setzte sich zu mir. "Richard cenn chan - Richard hat es bemerkt", fragte er auf Sindarin. Die anderen beachteten uns nicht. Sie waren in ihre eigenen Unterhaltungen vertieft. "Mae - ja", erwiderte ich, "und nicht nur das. – Er weiß es. Selbst wenn wir es ihm nicht gesagt haben. Seine Erinnerung ist geweckt." Stefan sah mich irritiert an. "Erinnerung?" Ich nickte. "Er ist einer der verlorenen Seelen von Dagolad." Ungläubig starrte Stefan mich an. "Kläre mich auf", bat er mich, "ich kenne die Schlacht von Dagolad nur aus dem Buch. – Das letzte Bündnis von Elben und Menschen zur Vernichtung Saurons zum Ende des zweiten Zeitalters. Viele starben."

"Ja, viele starben. Und einige von diesen Seelen verschwanden aus Mittelerde. Saurons magische Angriffe hatten Risse verursacht. Durch diese wurden die Seelen weggezogen. Einige fanden sich schließlich in unserer Welt wieder. In wechselnden Körpern überdauern sie die Zeiten. Manche finden den Weg zurück – wie Robert." "Und wie Richard?" "Genau. Er gehört dazu. Das schmale Band, dass ihn an Mittelerde fesselt ist aktiv, seit er das Buch Tolkiens das erste Mal las. Doch heute Abend ist der Krieger in ihm erwacht. Anordil wird ihm die Wahrheit sagen." "Folglich wird Richard uns verlassen", fragte Stefan. Ich zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht", entgegnete ich, "vielleicht ja, vielleicht nein. Es ist seine Entscheidung. Ich denke jedoch, dass er nicht bereit ist nach Mittelerde zurückzukehren. Er wird bleiben."

Das Feuer brannte niedriger. Bald würde es verlöschen. Die meisten aus der Gruppe hatten sich bereits zurückgezogen. Ich verschwand bald in Richtung unseres Zeltes. Anordil würde lange mit Richard sprechen. Ich würde nicht auf ihn warten. Fröstelnd zog ich die Decke über mich. Ich fühlte die Feinheit des Gewebes und die Wärme die davon ausging. Tief atmete ich ein. Der Geruch Mittelerdes stieg in meine Nase. Ein feiner Hauch nur, aber genug, um mich wehmütig zu machen. Bald fielen mir die Augen zu und ich schlief ein.

Am Morgen des nächsten Tages verabschiedeten wir uns früh von der Gruppe. "Guten Flug", wünschte uns Diana, "vielleicht sieht man sich auf den nächsten celtic-weeks. Armin und ich planen zu kommen." "Genau", sagte Armin, "Stefan hat uns viel davon vorgeschwärmt und ihr habt uns ebenfalls auf den Geschmack gebracht. – Einen guten Flug euch beiden." "Bis bald", verabschiedete sich Thomas von uns. "Ja, bis bald und eine gute Reise", kam von Andreas. "Angenehmen Flug und gute Landung", wünschte uns Ophelia. "Vielen Dank für eure Gastfreundschaft", erwiderte Anordil. "Vielleicht sieht man sich wieder, irgendwann", warf ich ein, "auf Wiedersehen."

Richard begleitete uns bis zum Parkplatz am Fuß der Burg. "Ich danke euch beiden", sagte er leise, "ihr habt mir die Augen geöffnet. Ich weiß nicht meinen Weg, aber ich sehe ihn nun zumindest vor mir. – Ich wünsche euch eine gute Reise und vor allem eine sichere Heimkehr. – Grüßt Mittelerde von mir. – Namarië." "Mittelerde wartet auf deine Rückkehr", erwiderte Anordil, "erst dort wird deine Seele Ruhe finden. – Cui anann, mellon – lebe lang, Freund. – Ich bin mir sicher, dass wir uns wiedersehen." "Cuio vae, Richard – lebe wohl, Richard", verabschiedete ich mich von ihm, "der Weg des Kriegers ist steinig. Überlege gut, wie er verlaufen soll." "Nun kommt", drängte Stefan, "das Flugzeug wartet nicht." Wir stiegen ins Auto ein. Richard schaute uns nach, als wir davon fuhren.

Stefan brachte uns zu einem kleinen Flughafen in der Nähe. Wir hatten einen Direktflug nach Dublin bei einer kleinen Airline gebucht. "Grüßt mir Robert, falls ihr ihn seht", sagte er zu uns, "und ich wünsche euch eine gute und sichere Heimkehr. Namarië Arwen e Anordil." "Namarië - und danke, Stefan", antwortete ich, "ich hoffe, dass wir bald heimkehren können. Deine Grüße werden wir ausrichten, sobald wir Robert sehen. Vielleicht sieht man sich ja wieder in ein paar Jahren. Die Große Mutter hat uns zweimal hierher geschickt. Wer weiß, was sie noch vor hat?" "Habe Dank für deinen Gruß", sagte Anordil, "bald werden wir in der Heimat sein. Und – vielleicht hat Arwen Recht – vielleicht sehen wir uns wieder." Wir drückten seine Hand und gingen durch die Passkontrolle.

Wie an den anderen Flughäfen mussten wir durch einen gesonderten Bereich des Zolles, weil wir Waffen dabei hatten. Argwöhnisch wurden unsere Papiere kontrolliert. Nach einer kleinen Ewigkeit wurden wir durchgelassen und konnten in den Flieger steigen. Da es ein kleiner Flughafen war, konnten wir Stefan am Zaun stehen sehen. Er winkte uns zu. Endlich hoben wir ab. Der Flug nach Dublin verlief ohne nennenswerte Ereignisse.

In Dublin wurden wir von Brian am Flughafen abgeholt. Er nahm uns mit nach Shancahir. Es war einige Tage vor Samhuin. Ian und Brian halfen bei den Vorbereitungen zum keltischen Fest der Toten. Im Dorf schmückten die Bewohner ihre Fenster mit ausgehöhlten Kürbissen, in denen sie Fratzen schnitten. In die Höhlung stellten sie eine Kerze. Diese Gesichter waren eines der höchsten druidischen Schutzsymbole. Getrocknete Maiskolben wurden gebündelt und an die Türen und Fenster gehängt. Überall begegnete man Totenkopfsymbolen – gemalt auf die Rahmen, gebacken in Teig, geflochten aus Maisblättern.

Anordil und ich gingen durch das Dorf. Wir hatten Kevin und seine Familie besucht. Dort war alles in Ordnung. Es dämmerte bereits. Die Kürbisgesichter in den Fenstern leuchteten weithin. "Werden damit die Geister ferngehalten?", fragte Anordil erheitert, "ich dachte, an Samhuin würde man die Toten ehren." "Ja, wir ehren die Toten in dieser Nacht", erklärte ich, "nachher, wenn es vollständig dunkel ist und die Nacht ihrem Höhepunkt entgegen sieht, werden wir uns unter der Eiche am Dorfplatz versammeln. Dort wird Patrick das Ritual und das Opfer zu Samhuin abhalten. Die Kürbisse haben eher eine Schutzfunktion. Die Fratzen, die dort hinein geschnitten wurden, sind alte druidische Schutzsymbole. Die stärksten, welche die Kelten kannten. Man glaubte, dass an Samhuin nicht nur der Kontakt zu den Geistern in der Anderswelt möglich war, sondern dass aus dieser die Feen und Elfen in unsere Welt gelangen könnten. Diese suchten unter den Menschenkindern, diejenigen aus, welche sie für würdig befanden und nahmen sie mit. Die Kürbisgesichter im Fenster sollen sie fernhalten. – Deshalb waren bei Kevin und Chrystine derart viele Kürbisse aufgestellt."

"Ich bin ein Elb", erwiderte Anordil, "warum wirkt der Zauber auf mich nicht?" "Vielleicht, weil du nicht aus der Anderswelt stammst?" Ich lächelte ihn an. "Heutzutage werden viele der Rituale durchgeführt ohne zu wissen, aus welchem Grunde sie sind, wie sie sind", fuhr ich fort, "die Menschen haben Bräuche und Riten übernommen, ohne sich des Ursprunges bewusst zu sein. Samhuin oder Halloween, ist eines dieser Riten. Für die Menschen gehören die Kürbisgesichter und die Maissträuße dazu, dabei haben sie vergessen, die Gebete weiterzugeben. Magie ist in dieser Welt nicht mehr aktiv. Deshalb hat dies wahrscheinlich keine Wirkung auf dich."

In der Zwischenzeit hatten wir Patricks Haus erreicht. Wir würden mit seiner Familie Samhuin begehen. Nach dem reichhaltigen Mahl gingen wir zur Eiche. Nur Fackeln erhellten unseren Weg. Leichter Nebel wallte über den Boden. Aus dem ganzen Dorf kamen die Menschen hierhin. Auf dem alten Altarstein lag bereits ein Maiskuchen in Form eines Totenkopfes, ein Gebinde aus Maiskolben, Herbstblüten und Stroh sowie ein großer Kürbis mit geschnitztem Gesicht. In seinem Inneren brannte eine dicke Kerze. Jeder aus dem Dorf hatte eine kleine Gabe an die Anderswelt in der Hand. Anordil und ich hatten kleine Kuchen, welche aussahen wie Totenköpfe.

"Heute Abend feiern wir Samhuin", hob Patrick an, "in dieser Nacht ist die Nahtstelle zwischen unserer Welt und der Anderswelt äußerst dünn – einem Schleier aus Spinnweben gleich. Vergangenheit und Gegenwart werden eins. Die Geister unserer Toten weilen unter uns. Wir gedenken ihrer in dieser Nacht. Durch die Erinnerung bleiben sie lebendig – als ein Teil von uns. Der Tod ist ein Teil des Lebens sowie das Reich der Toten ein Teil dieser Welt ist. Ohne den Tod gäbe es kein Leben – dessen sollen wir uns bewusst werden. Samhuin ist das Ende des Jahreskreises sowie der Beginn eines neuen. Dies wollen wir feiern. Ehrt die Toten und die Bewohner der Anderswelt mit euren Gaben – auf das sie uns freundlich gesonnen seien und unseren Weg im neuen Jahreskreis ebnen."

Patrick legte ein Brot in Form eines Totenkopfes auf den Altar. Danach wandte er sich zum Gehen. Jeder aus dem Dorf trat nun an den Stein und legte seine Gabe darauf ab. Anordil und ich schlossen uns an. Schweigend verließen wir den Platz. Wir verschwanden in der Dunkelheit. Unser Weg führte uns zum Friedhof des Dorfes. Niemand würde uns heute stören. Seelenlichter brannten auf den Gräbern. Der Nebel war dichter geworden. Er wirbelte durch unsere Schritte nur leicht auf. Die Grabsteine waren unheimliche Wegweiser.

Schließlich hatten wir das Grab meiner Familie erreicht. Aus den Falten meines Gewandes zog ich ein Gebinde aus Herbstblüten. Vorsichtig legte ich es auf die kalte Erde. Das Seelenlicht war beinahe niedergebrannt. Behutsam erneute ich die Kerze, darauf bedacht die Flamme nicht auszulöschen.

"Ich spüre sie, die Geister", sagte Anordil leise, "sie sind um uns." Auch ich konnte den kalten Hauch der wandernden Seelen spüren. Doch Angst hatte ich keine. "Wir sind hier", wehte eine Stimme zu uns, "wir hören euch und wir sehen euch." "Ich grüße dich, Mum", sagte ich leise. Eine Träne rann über meine Wange. "Wir grüßen euch", erwiderte mein Vater. "Suilad nibin thêl, suilad Anordil Glordoronion", hörte ich die Stimme meines Bruders. "Ich grüße die Geister der Verstorbenen", erwiderte Anordil und verbeugte sich leicht. Er sah über mich hinweg. Als ich mich umdrehte konnte ich nichts erkennen.

"Ich bin glücklich, euch zu sehen", sprach Anordil, "Arwen hatte mir viel erzählt von ihrem Vater und ihrer Mutter. Bewundernd sprach sie stets von ihrem Bruder. Nun ist es mir eine Ehre vor eurem Angesicht zu stehen." "Du kannst sie sehen?", irritiert sah ich ihn an. "Ja, ich sehe sie", erwiderte er, "ich sehe ihr Antlitz und ich erkenne dich in ihnen." "Wie ist das möglich?", fragte ich. "Durch Magie. – Komm und versuche es. Konzentriere dich auf deine Energien", forderte er mich auf. Ich tat, wie er mir geheißen. Der Strom der Magie war mit einem Mal fühlbar. Es war wie ein Vibrieren. Ich schloss die Augen und sank in die Magie ein. Als ich sie öffnete, konnte ich einen überraschten Aufschrei mit Mühe unterdrücken.

"Oh, Große Mutter!", flüsterte ich mit Tränen in den Augen, "was habe ich mich danach gesehnt euch ein letztes Mal zu sehen." "Mein Kind, es ist schön, dass du uns nun erkennen kannst", sprach meine Mutter. Sie lächelte. Ich hatte sie seit dem Morgen, wo ich das Haus verließ, nicht mehr gesehen. Mein Vater breitete die Arme aus, als wolle er mich umarmen. Ich wusste, das dies nicht möglich war, selbst mit Magie nicht. Sie waren Geistwesen und würden es bleiben.

"Dad, es ... ich wollte dir nur sagen ...", mir fehlten die Worte. "Ich weiß, mein Sternchen", hörte ich ihn sagen, "aber verzage nicht. Du fandest den Weg nach Mittelerde, folglich wirst du es ein weiteres Mal schaffen. Die Götter werden dir beistehen." "Ich weiß nicht, ob wir es schaffen werden", erwiderte ich, "die Runen sind äußerst hartnäckig in der Entzifferung." "Du hast Anordil an deiner Seite", warf meine Mutter ein, "ich sehe in sein Herz. Es ist rein und gut. Er wird dich beschützen ..." "... denn ich kann es nicht mehr", unterbrach Ewan, "zu gerne hätte ich dich begleitet." "Du fehlst mir sehr", gab ich zu, "Anordil kann dir dies bestätigen." "Und ich verspreche dir, dass ich deine Aufgabe übernehme", sagte Anordil zu Ewan, "sei unbesorgt und verweile in Frieden. Mit meinem Leben werde ich sie schützen."

Noch lange sprachen wir mit meiner Familie. Die Nacht wich der Morgendämmerung. Im Osten konnte man den rotgoldenen Schimmer der Sonne erkennen. Eine lange Nacht ging zu Ende. "Ich danke euch", sagte ich zum Abschied, "ich bin froh, dass ich euch alle drei sehen durfte. Vielleicht ist es das letzte Mal. In Mittelerde werde ich für euch beten. Die Große Mutter segne eure Seelen." "Namarië, mein kleiner Stern", sagte mein Vater, "die Götter mögen deinen Weg begleiten." "Ich bete zur Großen Mutter, dass sie dich schützen mag", hörte ich meine Mutter, "ich bete für eine sichere Rückkehr nach Mittelerde. – Namarië, Arwen, meine Tochter und Anordil Glordoronion." "Namarië, nibin thêl. Ich werde dich vermissen", sprach Ewan, "ach was, ich vermisse dich jetzt und die ganze Zeit. Anordil gab mir sein Versprechen dich zu schützen. Ich glaube ihm. – Namarië, Arwen Ceridwen Glordoroniell a Anordil Glordoronion. Eine sichere Heimkehr nach Cillien." Dies war das erste Mal dass ich meinen vollständigen Namen hörte, wie er ihn Mittelerde lautete.

"Ich danke euch allen", meine Stimme klang ein wenig kratzig, "namarië, meine geliebten Eltern, namarië, großer Bruder. Ich trage euch in meinem Herzen." Zum Abschluss sprach ich ein kurzes Gebet. Danach wandten wir uns zum Gehen. Ich sah, wie die Geistbilder meiner Familie allmählich verloschen. Wie Nebel wurden sie zerfasert. Tränen liefen über meine Wangen. Der Wind nahm sie mit sich. Kalt fühlte er sich an. Ich wusste, dass es Küsse waren, die mich streiften.

Anordil spürte meine Verfassung. Er nahm mich in den Arm. Aufgewühlt, wie ich war, kuschelte ich mich in seine Umarmung. Langsam führte er mich vom Friedhof weg. Zurück blieb ein kaltes Grab, auf dem sich Blumen sacht im Wind wiegten.

Ich benötigte einige Tage, bis ich mich wieder gefangen hatte. Vieles, was meine Familie mir gesagt hatte, konnte ich erst jetzt verarbeiten. Anordil half mir außerordentlich in dieser Zeit. Der November mit seinen langen dunklen Nächten eignete sich hervorragend zum Grübeln. Nachts leuchteten die Sterne klar am Himmel. Das Sehnen nach Mittelerde wurde immer stärker. Ging es Anordil ebenso? Ungeduldig erwartete ich das Imbolc-Fest. Vorher feierten wir zusammen Alban Arthuan und Fionas Geburtstag.

Am Morgen ihres Geburtstages kam sie wie gewöhnlich zum Schwerttraining zu uns. Anordil erwartete sie in voller Rüstung. Irritiert sah sie uns an. "Suilad achen – Grüße an euch", sagte sie, "hat Anordil vor in den Krieg zu ziehen?" Ich lächelte sie an. "Law, Fiona a suilad achen - nein, Fiona und Grüße an dich", erwiderte ich, "aber wir sind darin übereingekommen, dass es für dich an der Zeit ist, eine Prüfung der Schwertkunst abzulegen." "Ups", meinte sie erschrocken, "hättet ihr mir das nicht ein bisschen eher sagen können? – Zwecks Vorbereitung und so?"

Anordil lächelte belustigt. "Diese Prüfung erfolgt immer ohne Vorbereitung", sagte Anordil trocken, "schließlich kann eine Kampfsituation dich ebenfalls unvorbereitet treffen. Lasse dir jetzt beim Anlegen der Rüstung helfen." Abrupt drehte er sich um und entfernte sich ein wenig. Er wartete im Schatten der Bäume. Regungslos, wie eine Statue. Fiona starrte ihm nach. Seine Kühle und Unnahbarkeit machte sie nervös. Ich schob sie zur Höhle, wo ich ihr meine eigene Lederrüstung anlegte.

"Was wird jetzt geschehen?", fragte Fiona mich leise. "Ich habe keine Ahnung", erwiderte ich wahrheitsgemäß, "der Ablauf ist stets anders. Das einzige, was ich dir sagen kann, ist, dass du ganz ruhig und konzentriert sein musst! - Passe auf die Attacken auf. Anordil wird dich diesmal nicht schonen. Er wird dich verletzten, wenn es sein muss." Sorgfältig verschnürte ich die Riemen. Jeden Knoten überprüfte ich mehrere Male. Nachdenklich folgten ihre Augen meinen Händen. "Wird er mich töten?", fragte sie ruhig. "In Mittelerde würde ich sagen, diese Möglichkeit besteht", erwiderte ich genauso ruhig, "deshalb sei auf der Hut." Sie atmete mehrmals tief durch. Angst ging von ihr aus. Und die sollte sie auch haben. Die Angst würde sie vor überhastetem Handeln schützen.

"Ich habe es überlebt", wisperte ich ihr zu, "und dies in Mittelerde." Sie schaute mich an und nickte. Nach einigen Minuten der Sammlung flüsterte sie mit leicht zittriger Stimme: "Ich bin bereit, Arwen. Lass es mich hinter mich bringen." Als ich sie nach draußen brachte, spürte ich, wie sie vor Anspannung und Furcht zitterte.

Anordil erwartete uns auf der kleinen Lichtung, wo wir ansonsten immer übten. Gelassen sah er uns entgegen. Aus seinen Augen war jede Regung gewichen. Emotionslos und kalt blickte er uns an. Im hellen Sonnenlicht sah er mehr denn je wie ein Elbenkrieger aus. Er wusste, dass er keinen Fehler machen durfte. Wir hatten gestern Abend über die Prüfung gesprochen. Gefühle waren jetzt fehl am Platz. Er musste mit der gleichen Härte vorgehen wie in Mittelerde, wenn auch nicht mit der gleichen fatalen Konsequenz, falls Fiona versagte.

"Fiona ar-eneth, sír i aur i vedui vabeth-en-ist - Fiona Ohnenamen, heute ist die Stunde deiner letzten Prüfung", sagte er ruhig, "willst du dich stellen?" Ich spürte, wie Fiona plötzlich ganz ruhig wurde. Ihr Atemfluss nahm einen kontrollierten Rhythmus an. Sie straffte ihre Schultern und reckte sich in die Höhe. "Mae, arod Anordil Glordoronion - ja, edler Anordil Glordoronion", erwiderte sie gelassen, "tangadon an maeth - ich bin bereit." Anordil nickte uns zu und ich trat beiseite.

Nur Sekunden später erfolgte sein erster Angriff. Fiona wich überrascht zur Seite und zog ihr Schwert. Im letzten Moment konnte sie abwehren. Ich wagte es nicht zu atmen. Furcht erfüllte mich. Ich verspürte mehr Angst um sie, als ich es bei meiner eigenen Prüfung um mich gehabt hatte.

In der Schwertmeisterprüfung gab es eine bestimmte Anzahl an Schlagfolgen und Abwehrpositionen, die geprüft wurden. Der Prüfling weiß allerdings nie in welcher Reihenfolge oder wann diese gefragt sind. Es lag immer in der Hand des Prüfers, dieses zu bestimmen. Ich wusste mittlerweile, was verlangt wurde und konzentriert folgte ich dem Schlagabtausch. Mit bangem Herzen zählte ich mit. Bisher hatte Fiona jede geforderte Technik mit Bravour geliefert. Sie blutete bereits aus mehreren Fleischwunden. Triumph überkam mich, als ich die letzte Technik zählte. Sie hatte bestanden!

Anordil führte noch ein paar Angriffe durch. Die letzte davon kannte ich nicht. In hohem Bogen flog Fionas Schwert durch die Luft und blieb zitternd im Boden stecken. Erschrocken und erschöpft sah sie auf Anordils Schwertspitze. "Fiona Mairie O'Reilly, du hast tapfer gekämpft", sagte er trocken, "lass mich deine Wunden behandeln." Damit steckte er sein Schwert weg.

Zufriedenheit glitzerte in seinen Augen. Doch dieser eine Satz würde bis heute Abend das einzige Lob sein, was Fiona zu hören bekommen würde. Schwer atmend saß sie dort am Boden. Unfähig aufzustehen. Sie schien nicht realisiert zu haben, dass der Kampf vorbei war. Anordil untersuchte in Ruhe ihre Verletzungen. Er murmelte Heilzauber und sie verschwanden. Verblüfft starrte Fiona auf ihre Wunden. "Bei Cernunnos Hörnern!", stieß sie hervor, "ich hatte es nicht für möglich gehalten!" "Elben sind wirklich magische Wesen", lächelte Anordil sie an, "gehe nun mit Arwen und lasse dir aus der Rüstung helfen."

Sie sah ihn nur irritiert an. Letztendlich kehrte ihr Blick ins Hier und Jetzt. Enttäuscht senkte sie den Kopf und drehte sich zu mir um. "Ich habe versagt", flüsterte sie leise, als ich sie in die Höhle brachte. "Du hast außergewöhnlich gut gekämpft", lobte ich sie, während ich sie aus der Rüstung schälte. "Aber es hat wohl nicht gereicht", entgegnete sie enttäuscht, "Anordil hat mich entwaffnet. In Mittelerde wäre ich wohl jetzt tot."

Ich erinnerte mich an meine eigene Prüfung. Am Tag, bevor ich das herrliche Tal von Cillien das erste Mal an Anordils Seite verließ. Unvorbereitet war ich gewesen, genau wie sie heute. Mit Stolz hatte ich zugesehen, wie dieses unscheinbare Symbol der Schwertmeister an meine Schwerter angeschmiedet wurden. Nun erfüllte es mich mit Stolz, dass meine Tochter diese Prüfung ebenfalls bestanden hatte. Auch wenn sie es erst heute Abend erfahren würde.

"Ich bringe dich nach Hause", sagte ich zu ihr, "du musst jetzt vor allem ein heißes Bad nehmen. Andernfalls wirst du dich heute Abend nicht mehr rühren können." Sie nickte nur ergeben. Die Enttäuschung sprach ihr aus ihrem Gesicht. Ich hob an um ihr Mut zu machen, doch Anordils Hand legte sich sacht auf meinen Arm. Als ich ihn ansah, schüttelte er kurz mit dem Kopf. Deswegen nahm ich Fiona bei der Hand und zog sie Richtung Dorf. Bevor wir die Lichtung verließen, drehte sie sich hastig um.

"Mein Schwert", sagte sie hastig, "ich muss mein Schwert mitnehmen." Sie lief zur Mitte der Lichtung, wo es im Boden gesteckt hatte. Doch dort war es nicht mehr. "Mein Schwert ist fort", rief sie heiser. Langsam drehte sie sich im Kreis. Ihre Augen suchten jedes Fleckchen Erde ab. Doch nirgends ein Hinweis auf das Schwert. Anordil war ebenfalls verschwunden. Nur das Rauschen der Blätter in den Baumwipfeln war zu hören.

"Ich habe es nicht mehr verdient", flüsterte sie tonlos. Einige Sekunden blieb sie wie erstarrt stehen. "Bitte folge mir nicht", sagte sie zu mir, "ich will allein nach Hause." Damit wandte sie sich ab und lief davon. Ich sah ihr nach. Wie gerne hätte ich ihr gesagt, dass sie es geschafft hatte. Doch dieses Vorrecht stand Anordil als ihrem Lehrer und Prüfer zu.

Erst am Abend sah ich sie wieder. Blass sah sie aus. Ihre Augen schimmerten leicht gerötet. Sie musste viel geweint haben. Doch vor ihren Freunden ließ sie sich nichts anmerken. Auch dieses Jahre waren sie alle gewandet erschienen. Fiona trug diesmal ein Gewand in silbergrau, mit smaragdgrüner Stickerei. Sie sah beeindruckend schön darin aus und hätte gar am Hofe der Galadriel bestehen können. Das vergangene Jahr hatte sie verändert. Durch die ständigen Übungen war sie drahtiger und kräftiger geworden. Jede ansatzweise Unze Fett war harter Muskulatur gewichen.

"Sollte jetzt noch jemand Zweifel an ihrer Abstammung haben, ist dieser blind", flüsterte Anordil mir zu. Ja, ich musste ihm zustimmen. In dieser Gewandung war es eindeutig, dass sie mein Fleisch und Blut war. Ich hatte nicht bemerkt, dass er erschienen war. Anordil trug, wie ich, das Gewand von unserer Hochzeit. Wir hatten es uns erneut geliehen.

"Wir werden Fiona jetzt erlösen", sagte er zu mir und lächelte mich an, "schließlich ist sie nun eine Schwertmeisterin des Hauses Glordoron." Mein Blick glitt tiefer. In seinen Händen hielt er Fionas Schwert. Sorgfältig in einer neuen, feingearbeiteten Scheide. Die Ornamente waren den Ranken des Efeus nachempfunden. An der Verbindung zwischen Griff und Schneide war eine kleine, nahezu unscheinbare, knapp ein Inch große Scheibe angebracht. Das Wappen Glordorons mit dem Symbol der Schwertmeister Cilliens blitzte mir entgegen.

Gemeinsam gingen wir hinüber zu Fiona. "Suilad, Fiona", grüßte Anordil sie, "du siehst wunderschön aus heute Abend." Zarte Röte überflog ihre Wangen. "Vielen Dank, Herr Anordil", sagte sie leise. Ihr Blick blieb gesenkt. Sie vermied es ihm in die Augen zu sehen. Sie scheute sich vor dem, was sie möglicherweise dort lesen könnte.

"Du hast heute etwas auf der Lichtung gelassen, was dir gehört", fuhr er in Sindarin fort, "wir sind gekommen, um es dir zurückzubringen." Er reichte ihr das Schwert. "Es gehört mir nicht mehr", flüsterte sie, "ich bin nicht würdig es zu führen." Damit wollte sie sich abwenden. "Sieh es dir an", befahl Anordil ihr, "erst danach werde ich dich gehen lassen." Widerstrebend folgte sie seinem Befehl.

Bewundernd fuhren ihre Finger über die reichen Ornamente der Schwertscheide. Anordil hielt es weiterhin in seinen Händen. Am Übergang zwischen Schneide und Griff angelangt, stockte ihre Hand. Ihr Atem schien stillzustehen. Sekunden vergingen, bis sie erneut zu atmen wagte. "Ich habe es geschafft?", flüsterte sie tonlos. Es war mehr eine kaum wahrzunehmende Frage. Anordil nickte leicht. "Sei willkommen im Kreis der Schwertmeister Cilliens", erwiderte er lächelnd, "führe das Wappen in Ehren und sei dir stets dieser Verantwortung bewusst."

Mit leuchtenden Augen blickte sie auf. Unglaube stand in ihrem Gesicht. Selbst ich konnte es lesen. Spontan umarmte sie Anordil. Einen Augenblick später besann sie sich. "Äh, 'tschuldigung", murmelte sie zerknirscht, "ich wollte nicht unhöflich sein. – Ich meine, ich ..." Feuerrot lief ihr Gesicht an bis in die Haarwurzeln. "Du brauchst dich nicht zu entschuldigen", lachte Anordil herzlich, "du hast nichts Unrechtes getan. Und die Spontaneität der Jugend kann leicht verziehen werden. – Übrigens war Arwen damals nicht ganz so stürmisch."

Es dauerte ein paar Sekunden bis sie sich wieder gefangen hatte. Jetzt erst war sie in der Lage, dass Schwert entgegenzunehmen. "Ich danke Euch, edler Anordil Glordoronion und Arwen Glordoroniell", sagte sie feierlich, "dies ist das schönste Geburtstagsgeschenk, dass Ihr mir machen konntet." "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Fiona", sagte ich zu ihr und umarmte sie, "du selber hast dir das Geschenk gemacht. Nicht wir. Wir sind nur die Überbringer des nach außen sichtbaren Symboles. Die Arbeit, die dahinter steckt, hast du geleistet."

Der Abend wurde außergewöhnlich lang. Fiona war wie ausgewechselt. Überglücklich und ausgelassen feierte sie bis in die frühen Morgenstunden. Entspannt beobachtete ich sie und war zufrieden. Sie war eine junge Frau geworden. Im Laufe des letzten Jahres hatte sie nicht nur eine körperliche Wandlung durchlaufen, sondern gleichermaßen eine geistige. Ich war glücklich darüber, dass ich sie wenigstens dieses eine Jahr hatte begleiten dürfen.

Ein paar Tage später wurde Silvester begangen. Dieses Jahr war es nicht verschneit, wie im Jahr zuvor. Traditionsgemäß fand die Feier jedoch in der Festhalle vor der großen Eiche auf dem Dorfplatz statt. Im Gegensatz zu Alban Arthuan allerdings ohne keltische Gewandung. Letztendlich feierte man das christliche Jahresende. Doch der Dorfgemeinschaft war dies mehr oder weniger gleichgültig. Man feierte gemeinsam. Es wurden keine großen Unterschiede zwischen den Religionen gemacht.

Nichts desto trotz wurde Anordil wie bereits im Jahr zuvor von den Kindern und Jugendlichen des Dorfes umlagert. Sie wollten Geschichten hören. Er konnte gut erzählen. Und er hatte es bisher immer geschafft neue Geschichten zu erzählen, welche die Kinder bisher nicht kannten. Für mich waren sie äußerst faszinierend. Schließlich erschloss sich mir auf diese Weise die faszinierende Welt Mittelerdes.

Als beim Jahreswechsel das Feuerwerk gezündet wurde, standen Anordil und ich eng beieinander. "Bald sind wir wieder zu Hause", flüsterte er mir ins Ohr, denn er fühlte meine Traurigkeit, "ich habe keine Zweifel." Ich wünschte nur, ich könnte genauso optimistisch sein, wie er. "Ich habe Angst", gestand ich, "Angst, nicht mehr den Weg nach Mittelerde zu finden. – Angst, davor, was Fiona über mich denken wird in ein paar Jahren. – Vor allem Angst, dich zu verlieren." Meine Stimme war immer leiser geworden. Das Sindarin immer stockender.

Behutsam nahm Anordil mich in die Arme. "Ich verspreche dir", flüsterte er leise, "du wirst mich nicht verlieren. – Nichts, weder hier noch in Mittelerde, wird uns mehr trennen können." Ich kuschelte mich an die Wärme seines Körpers. "Ich wünschte, ich könnte dir glauben", murmelte ich vor mich hin.

Wortlos drehte Anordil mich um. Er zwang mich ihn anzusehen. Die Blüten der Feuerwerkskörper spiegelten sich in seinen Augen. "Es ist nicht von Bedeutung, was du von der Zukunft weißt", wisperte er mir zu, "dadurch, dass du nach Mittelerde verschlagen wurdest, ist bereits alles geändert worden. Und die Tatsache dass ich, als Elb, nun in deiner Welt bin, hat Auswirkungen auf das, was vor uns liegt. – Du kannst nur versuchen, die Beeinflussung so gering wie möglich zu halten. – Demnach sei beruhigt und genieße das Hier und Jetzt."

Oh, bei Cernunnos Hörnern, daran hatte ich gar nicht gedacht! Natürlich hatte ich Spuren hinterlassen. Natürlich hatte meine ungeplante Anwesenheit in Mittelerde Veränderungen herbeigeführt. Wenn sie auch nur geringfügig waren, würden sie dennoch ihre Kreise ziehen. Wie ein kleiner Kiesel, den man ins Wasser warf.

to be continued ...

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