An dieser Stelle möchte ich Thalianna alias Dr. Anja Berger für den Text des Segensspruches von Sinéad danken. Es ist von ihr selber getextet und auch musikalisch umgesetzt worden. Zu weiteren Infos zu Thalianna seht Euch doch ihre Homepage an bei www.thalianna.de. Die Wegweiser werden Euch zu den Liedern bringen. Es sind übrigens sehr schöne Lieder dabei. Es lohnt sich mal vorbei zu schauen. Und wer von Euch mal auf einer Con oder LARP den Charakteren Thalianna vom Silberwald (auch Thalianna of Wovenwood) oder Shay san Shalon begegnet, der bestelle einen schönen Gruß von mir.
Tor nach Mittelerde

Zwei Wochen vor dem Imbolc-Fest erhielten wir von Professor Lajinski einen Anruf. "Hallo Anna", sagte er aufgeregt, "ihr müsst unbedingt herkommen. Ich habe die Runen entschlüsselt!" "Aber vorige Woche waren sie doch noch nicht so weit", erwiderte ich überrascht. "Nach dem ich den Verschlüsselungsrhythmus herausgefunden hatte, ging es ganz leicht", sagte er, "kommt rasch." Danach legte er auf. Er hatte keine Erwiderung abgewartet. Aufgeregt lief ich zu Anordil.

"Tegin hiniath – ich bringe Neuigkeiten", sagte ich leise zu ihm. Meine Aufregung konnte ich kaum verbergen. Neugierig sah uns Kevin an. Anordil nahm mich an die Seite. Auffordernd blickte er mir in die Augen. "Professor Lajinski hat den Torstein entschlüsselt", entfuhr es mir, "wir sollen zu ihm kommen!" "Als dann, machen wir uns auf den Weg", erwiderte er mit leuchtenden Augen.

Wir fuhren am selben Tag nach Dublin. Dort übernachteten wir bei Ian und Brian. Sie freuten sich über den unerwarteten Besuch. Am nächsten Morgen nahmen wir die Fähre nach Holyhead, England, hinüber. Mit dem Zug ging es nach Oxford. Unverzüglich gingen wir zum Universitätsgebäude. Vor den Vorlesungssälen horchte ich kurz. Nach einer Weile hatten wir den richtigen Saal gefunden.

Die Stimme von Professor Lajinski war unüberhörbar. Wir öffneten lautlos die Tür zu den oberen Reihen des Vorlesungssaales. Kaum einen Spalt offen, konnten wir bereits einen derben Fluch auf Khuzdul hören. Anordil lächelte vergnügt. "Es ist immer wieder erfrischend, wie dein Professor mit der Zwergensprache umgeht", flüsterte Anordil mir zu.

Leise schlichen wir hinein. In der obersten Reihe waren Plätze frei. Wir setzten uns und hörten die Vorlesung zu Ende. Dabei sahen wir uns ein wenig um. Unser geringes Gepäck hatten wir an die Wand gestellt. Professor Lajinski hatte uns bemerkt. Ein verschmitztes Lachen erschien auf seinem Gesicht. Ohne in seinem Redefluss inne zu halten, fuhr er in seinem Vortrag fort. Als er sich zur Tafel drehte, brummte er auf Khuzdul: "Seid gegrüsst, meine Freunde. Bleibt bis nach der Vorlesung." Danach fuhr er ganz normal auf Englisch fort. Marc konnte ich in der dritten Reihe sitzen sehen. Ich wusste gar nicht, dass er sich für keltische Runen interessierte. Oder hatte ich ihn infiziert? Mit einem brummeligen Kommentar und jeder Menge Hausaufgaben beendete Professor Lajinski die Vorlesung. Langsam leerte sich der Saal. Marc bemerkte uns nicht.

Als alle Studenten hinaus gegangen waren, kamen wir die Stufen hinunter. Unser schmales Gepäck hatten wir geschultert. "Schön, dass ihr gekommen seid", begrüßte uns der Professor, "ich habe das Rätsel entschlüsselt. – Kommt mit." Ohne dass wir gesehen wurden, gelangten wir in das kleine verborgene Kämmerchen des Professors. Dort stapelten sich immer noch die Bücher bis unter die Decke.

Triumphierend hielt er uns ein Papier unter die Nase. "Dies ist der Spruch und die Reihenfolge der Runen", erklärte er uns, "es war wie bei einem Buchstabensalat. Man musste nur die Runen in die richtige Reihenfolge bringen. In der Praxis wird das wohl heißen, dass ihr diese beim Sprechen berühren müsst." Neugierig sah ich auf das Papier. In ordentlicher Schrift war dort ein Spruch zu lesen.

‚Die Zeit verrinnt, die Macht bleibt. Ein Tor öffnet sich nach hier und da, nach gestern und morgen. Nur das erste Blut wird nicht vergehen im heiligen Feuer. Sprich zu mir die richtigen Worte und du wirst sein, wohin es dein Herz verlangt. Bedenke, das Schicksal folgt nicht immer dem Verstand.'

Ich war ein wenig verwirrt. "Das ist aber nicht die Formel", sagte ich, "das ist ja mehr oder weniger eine Gebrauchsanweisung." Der Professor nickte. "Das ist richtig", bestätigte er, "dies ist die erste Lesung der Runen. Wenn du sie in einem bestimmten Muster erneut liest, kommt ein anderer Spruch heraus. Und dieser ist es, der euch nach Hause bringt." Er hielt uns ein zweites Papier hin.

‚Vom ersten Blute spricht ... Tor der Macht öffne deine Pforten. Die Zeit fließt hier und dort. Gib frei den Weg nach ... Schicksal sieh her und erfülle dich.'

"An den markierten Stellen müsst ihr Name und den Bestimmungsort einsetzen", sagte der Professor, während er auf die Runen zeigte, "und nur Anordil kann dies tun." Bedeutungsvoll sah er ihn an. Anordil nickte zufrieden. "Ich habe mir ähnliches gedacht", sagte er, "ein Torstein, der nur vom Elbenvolk bedient werden kann. Eine gefährliche Sache. Gut, dass du ihn nicht benutzt hast, Arwen. - Obwohl – du hast Elbenblut in dir. Es hätte vielleicht funktionieren können."

Ich umarmte den Professor impulsiv. "Vielen Dank", flüsterte ich ihm ins Ohr, "vielen Dank, Professor Lajinski. Jetzt können wir nach Hause." Er sah mich väterlich an. "Ich habe getan, was ich konnte", erwiderte er leise, "deinem Vater hätte es gefallen, dich in Mittelerde zu sehen. Er wäre selber gerne dorthin gegangen. Aber er fand den Weg nicht, obwohl er die ganze Zeit den Schlüssel in der Hand hatte." "Oder er scheute sich zu begehren wonach er sich sehnte", warf Anordil ein, "er besaß den Stein sehr lange, wie ich aus Arwens Erzählungen hörte und er war ein Mann von wachem Verstand. Ein Gelehrter obendrein. Mit der Zeit hätte er die Runen entziffern können. Vielleicht zauderte er. Nicht aus Furcht. Aber nichts kann einen Mann mehr entmutigen, als die Ungewissheit. Selbst wenn er meint umfassendes Wissen über das Ziel seiner Wünsche zu besitzen. – Und er wusste viel von Mittelerde. – Viel mehr als ich je vermuten würde. Seine Quellen müssen sehr detailliert gewesen sein." Der Professor sah ihn überrascht an. Danach mich.

"Du hast es ihm nicht erzählt", fragte er mich erstaunt. "Nicht ganz", antwortete ich, "ich habe Anordil erzählt, das es bei uns eine Geschichte gibt, die von Mittelerde berichtet und das ich Sindarin und Quenya von meinem Vater gelernt habe. Außerdem hatte er letztes Jahr einige Burschen belauscht, die über Tolkiens Werk und die Verfilmung sprachen." Der Professor sah uns merkwürdig an. "So ist es an der Zeit, die Wahrheit zu sagen", hob er an und suchte rasch im Regal. Er zog ein dickes, in dunkles Leder gebundenes Buch hervor.

Es war eine alte Ausgabe des ‚Herrn der Ringe'. Er schlug es auf und reichte den Band Anordil. Auf der ersten Seite sah ich eine handschriftliche Eintragung. "Eine Widmung", erklärte der Professor schlicht, "für meinen Vater." Anordil sah den Professor eindringlich an. Er schloss das Buch ohne es zu betrachten und reichte es dem Professor zurück.

"Sie dürfen mir nichts verraten", warf er ein, "wenn Arwen richtig erzählt hat, liegen diese Ereignisse, die in diesem Buche niedergeschrieben wurden, in der Zukunft Mittelerdes." Der Professor blickte mich fragend an. "So ist es", bestätigte ich, "in Mittelerde ist es das Jahr 3013 des Dritten Zeitalters." "Fünf Jahre", murmelte der Professor und sah in die Ferne, schließlich sprach er weiter, "somit wünsche ich euch Glück. Denn dieses werdet ihr brauchen."

Wir versanken in Schweigen. Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Wie viel wusste Anordil, fragte ich mich. Ahnte er, was der Ringkrieg für Mittelerde bedeuten würde? Wusste er um die Wichtigkeit des Auenlandes? Dass Legolas und Aragorn wichtige Figuren sein würden?

Der Professor hatte sich wieder dem Regal zugewandt. Nachdenklich schob er das schwere Buch an seinen Platz. Würde er in fünf Jahren noch unter uns weilen? Würde er dann für uns beten? Aufmerksam musterte ich ihn. Und fühlte Trauer. Eine beklemmende Stille senkte sich über uns. Erst als Anordil den Professor in eine kleine Konversation auf Khuzdul verwickelte, löste sich die Spannung.

Neugierig fragte Professor Lajinski Anordil aus. Schließlich erhielt er von ihm aus erster Hand Informationen über die Zwerge. Fleißig machte er sich Notizen. Und Anordil erzählte viel. Der Professor saugte jedes Wort auf wie ein Schwamm. Eifrig schrieb er mit und fragte diese und jenes. Ihm, wie auch Anordil, war klar, dass niemand diese Aufzeichnungen je lesen würde. Anordil hatte wohl bereits eher als ich bemerkt, dass der Professor bald seine letzte Reise antreten würde.

Lange blieben wir bei Professor Lajinski in seinem kleinen Kämmerchen. Wir redeten eine Weile miteinander. Schließlich verabschiedeten wir uns. Diesmal wusste ich, es war ein Abschied für immer. Den Professor würde ich wohl nie mehr lebend wiedersehen. Ich hatte feuchte Augen, als ich ihn umarmte.

"Du musst nicht weinen, Arwen", sagte der Professor leise, "ja, du fühlst es ganz richtig. Ich werde bald zu meiner geliebten Elzbetia gehen. Sie wartet dort auf mich. Und vielleicht kann ich danach wieder mit deinem Vater streiten." Er lächelte mich an. In seinen Augen sah man den Schatten des Todes.

Er umarmte Anordil herzlich. "Gib gut auf dich und Arwen acht", ermahnte er ihn, "die Zeiten sind im Umbruch in Mittelerde und es wird gefährlich werden. – Und ich danke euch für diese ausführlichen Auskünfte über die Zwerge." Er lachte verschmitzt. "Ich werde euren Rat befolgen", erwiderte Anordil, "und ich habe es gerne getan. – Ich weiß, dass eure Zeit bald gekommen ist. Deshalb wünsche ich euch eine angenehme Reise zu den letzten Ufern." Tränen liefen mir über die Wangen, als wir das Kämmerchen verließen. Es war, als würde ich eine Heimat verlieren. Es fröstelte mich, obwohl draußen die Sonne schien.

"Sei nicht traurig", wisperte Anordil mir zu. Die Gänge der Fakultät waren gespenstisch leer. Nur gelegentlich begegneten wir der einsamen Gestalt eines Studenten. "Er wird vergehen", meine Stimme klang rau und heiser, "nichts wird von ihm zurückbleiben. Vielleicht ein paar Bücher, die er geschrieben hat, ein paar Dokumente und Eintragungen, aber niemand wird sich seiner erinnern. Ich meine, wie er war. Niemand wird sich daran erinnern, dass er in Khuzdul fluchte. Niemand wird für ihn beten!"

"Professor Lajinski wird in meinem Herzen weiterleben", Anordils Stimme klang unheimlich sonor in den Weiten der Gänge, "er hat vorhin sein Leben ausgeschüttet. Ich durfte an seiner Erinnerung teilhaben und ich werde ihn in mir tragen, wenn ich in die Unsterblichen Lande einkehre. – Deshalb sei nicht traurig, Arwen. Ein Elb wird sich an ihn erinnern." Trotzdem liefen mir die Tränen. Es war, als hätte ich erneut einen Vater verloren. Dabei lebte er doch noch.

Mit schwerem Herzen fuhren wir nach Willfour Manor. Dort wollten wir die Nacht verbringen. Wir hatten uns nicht angekündigt. Als wir klingelten, erwarteten wir eigentlich nicht, dass uns geöffnet werden würde. Marc war äußerst überrascht, als er die Tür öffnete.

"Ups", stieß er hervor, "ich traue meinen Augen nicht! – Seid ihr es wirklich? Ich dachte, ihr wärt bereits ..., - ihr wisst? Weil ich seid den Feste Medievali auch nichts mehr gehört hatte." Ich lächelte ihn entwaffnend an. "Tja, du bist halt mehr den alten Römern zugetan, andernfalls wüsstest du, dass das Imbolc erst noch bevor steht. – Willst du uns nicht hinein bitten?" Erst jetzt klappte er den Mund zu und es wurde ihm bewusst, dass er die Eingangstür versperrte.

"Äh, klar, kommt herein", nuschelte er leicht zerknirscht, "habt ihr Quartier, oder ...?" "Nein", lachte ich, "du müsstest uns doch mittlerweile kennen." Verlegen kratzte er sich hinter dem Ohr. "Ich hatte vergessen", brummte er, um Sekunden später fröhlich fortzufahren, "aber dein altes Zimmer ist frei, Anna. – Da können übrigens prima zwei übernachten! – Zumal ich zurzeit alleine bin. – Theoretisch habt ihr damit die freie Auswahl." "Wir bleiben bei meinem alten Zimmer", erwiderte ich lachend, "was gibt es zu essen?" Damit hatte ich ihm den rettenden Anker zugeworfen. Denn Kochen war seine große Leidenschaft.

Kurze Zeit später waren wir verköstigt und mit etlichen Informationen versorgt. Marc war derzeit der einzige meiner ehemaligen Mitbewohner, der hier in Oxford anwesend war. Die anderen waren auf diversen Praktika oder anderweitig auswärts. Allerdings genoss er diese zeitweilige Einsamkeit. Er erzählte uns, dass er sich in der Zwischenzeit ein bisschen mit der Keltologie auseinandergesetzt habe und desgleichen mit Mittelerde. Daher hatte ich ihn auch in der Vorlesung des Professors gesehen.

Er hatte die einsamen Abende der letzten Wochen genutzt und sich in der Bibliothek über die Werke Tolkiens hergemacht. Dabei wäre er regelrecht süchtig nach Mittelerde geworden. Er könne mich jetzt wirklich gut verstehen, dorthin zurückkehren zu wollen. In seiner Begeisterung wirkte er regelrecht euphorisch auf uns. Durch nüchterne Beschreibung und das Heraufbeschwören seiner Erinnerung an den Orkangriff holten wir ihn schnell auf den Boden der Tatsachen hinunter.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Marc. "Vielen Dank für deine Gastfreundschaft", sagte Anordil zum Abschied, "vielleicht sehen wir uns wieder." Marc musterte ihn einige Sekunden. "Ich denke nicht", erwiderte er lachend und wischte sich eine Träne aus den Augen, "diesmal, glaube ich, ist es ein Abschied für immer. – Doch ich habe euch zu danken. Ihr habt aus mir einen anderen Menschen gemacht. Die letzten beiden Jahre meines Lebens haben mich von Grund auf verändert. – ICH habe EUCH zu danken. – Leider weiß ich nicht wie! – Außer euch eine angenehme Reise zu wünschen. – Passt auf euch auf, wohin immer ihr geht."

"Möge dir ein Licht auf deinem Pfad leuchten, Marc", verabschiedete sich Anordil von ihm und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. "Adio, Marc", sagte ich zum Abschied, "verfolge deinen Weg, unbeirrt. Sei du selbst – und bete für uns." Nun verließen wir endgültig Oxford. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge stiegen wir in den Zug Richtung Küste. Marc winkte uns hinterher, als dieser abfuhr. Bald würden wir in Shancahir sein. Wir wollten die Tage bis zum Imbolc-Fest dort verbringen.

Endlich war es soweit. Heute Nacht würde das Imbolc-Fest gefeiert werden. Heute würden wir versuchen das Tor zu öffnen. Ich war aufgeregt. Anordil dagegen schien gleichmütig zu sein. Aber ich wusste, dass er angespannt war. Wenn das heute nicht funktionierte, wussten wir nicht, was geschehen konnte. Gegen Abend verabschiedeten wir uns von Patricks Familie. Wenn sie nachher zum Imbolc-Fest kommen würden, konnte es sein, dass wir verschwunden waren - oder auch nicht.

Fiona hatte Tränen in den Augen. "Iston, írach chen badad dan na bar - ich weiß, ihr wünscht euch nach Hause zurückzukehren", flüsterte sie mir leise ins Ohr, "aber insgeheim hoffe ich, dass es nicht klappt. Ich weiß, dass das äußerst selbstsüchtig ist und ich schäme mich dafür. Aber ich habe euch beide lieb wie Bruder und Schwester. Sollte euch doch Glück beschieden sein, hoffe ich, dass ihr eine angenehme Reise haben werdet. Vielleicht sehe ich euch ja wieder - irgendwann." "Ich wünsche dir alles Gute", flüsterte ich ihr ins Ohr, "du warst mir eine kleine Schwester. Du wirst deinen Weg gehen und ich hoffe, dass er ohne Gefahren für dich ist. Namarië, Fiona."

"Du musst dich deiner Gefühle nicht schämen", sagte Anordil leise zu ihr, als er sie umarmte. Er hatte ihre Worte mitbekommen. "Du bist mir und Arwen lieb geworden", fuhr er fort, "aber unsere Herzen sehnen sich nach Mittelerde. Möge ein Licht über deinem weiteren Weg leuchten und deine Götter dich vor Unheil bewahren. Was wir zu deinem Schutz haben beitragen können, haben wir getan. – Denke daran, du bist eine Schwertmeisterin Cilliens. - Namarië, Fiona."

Ian und Brian standen betreten an der Seite. Ihnen war anzusehen, dass sie nicht recht wussten, was sie sagen sollten. Schweigend gab mir Ian die Hand. In seinen Augen schimmerte es verdächtig. "Slán agat, Ian – auf Wiedersehen", sagte ich daher auf Gälisch, um das Schweigen zu brechen. "Slán leat, Arwen – auf Wiedersehen, Arwen", erwiderte er, "ich weiß nicht, was ich dir alles wünschen soll, außer einer sicheren Heimkehr. – Ich werde dich vermissen." Spontan umarmte er mich, bevor er sich abrupt Anordil zuwandte. "Bringe sie mir heil in die Heimat", sagte er barsch zu Anordil, "ob Elb oder nicht, ob hier oder dort. Ich werde dich finden und zur Rechenschaft ziehen, wenn ihr ein Haar gekrümmt wird."

"Sei unbesorgt, Ian", beschwichtigte Anordil, "ich werde Arwen mit meinem Leben schützen. Dies verspreche ich dir und deinem Bruder. – Nun reiche mir die Hand. – Cui anann, Ian. – Diese Worte bedeuten ‚lebe lang' in der Sprache der Elben, weil wir ‚auf Wiedersehen' nicht kennen." Er reichte Ian die Hand, die dieser herzlich ergriff. "Verzeihe mir meine Worte", erwiderte er, "Arwen ist mir wie eine Schwester. Ich nehme dein Versprechen an. Cui anann, Anordil. Mögen die Götter auf deiner Seite sein."

Brian trat hinzu. Er drückte mich kurz an sich und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn. "Du bist auch mir eine Schwester", sagte er, "passe gut auf dich auf. Ich wünsche dir eine gute Reise und dass die Große Mutter, Belenus und Lugh dich beschützen auf deinem Weg. Slán leat – auf Wiedersehen." "Ich werde meinen Weg finden", gab ich zurück, "ob mit der Hilfe der Götter oder nicht. Slán agat, Brian." Ich zog ihn ein wenig näher. "Habe ein Auge auf Fiona", bat ich ihn leise, "sie ist mir wichtig." "Niemand wird auch nur einen Finger an sie legen", beruhigte er mich, "du hast mein Wort, dass ich sie mit meinem Blute schützen werde, wenn es sein muss." Stumm drückte ich seine Hand.

"Cui anann, Brian", sagte Anordil, "auf das dein Bogen niemals brechen möge." "Cui anann, Anordil", erwiderte Brian, "ich wünsche dir eine sichere Heimkehr und viele Jahre des Friedens." "Wir wissen beide, dass der Frieden ein wankelmütiger Gast ist", konterte Anordil lächelnd, "wir werden auf der Hut sein." Er drückte Brian die Hand.

Zum Schluss trat Sinéad zu uns. In der Hand ein Bündel. "Dies hier will ich euch beiden mit auf den Weg geben", sprach sie, "Brot, Salz, Lembas nach Anordils Rezept und paar Heilkräuter. Für Arwen habe ich noch eine Überraschung zugepackt. – Öffne es erst, wenn du sicheren Boden erreicht hast." Sie reichte mir das Bündel. "Vielen Dank, Sinéad", sagte ich bewegt, "ich weiß nicht, was ich sagen soll. – Die Götter mögen dich und die Deinen behüten." Ich drückte sie kurz an mich. "Slán agat, Sinéad", wandte sich Anordil ihr zu, "wir danken dir für deine Gastfreundschaft." Sinéad lächelte ihn an. "Ihr seid immer willkommen in meinem Hause", erwiderte sie sanft, "zu jeder Zeit. Ich wünsche euch eine gute Reise und sichere Heimkehr."

Sie holte ein Kräuterbündel vom Kamin. Es war beim letzten Lughnasad gebunden und gesegnet worden. Mit Würde stellte sie sich vor uns hin. "Es ist lange her, dass ich den Segen sprach", meinte sie, "seit Patrick das Amt übernahm, war es nicht mehr erforderlich. Aber auch ich bin Priesterin, sowie es deine Mutter war." In ihrem Blick lag Wehmut. Mit klarer Stimme intonierte sie den Segen.

"Möge die Sonne Euch immer wärmen,

Und Schatten Euch kühlen, wenn es tut not.

Möge das Licht Eure Tage erhellen,

und Dunkelheit sanft nach dem Abendrot

Möge Euch Singen und Tanzen begleiten,

Euch sei das Lachen niemals fern.

Möget Ihr haben auch ruhige Zeiten,

Beschaulichkeit gleich einem Blick in die Stern.

Möget Ihr ewig in Frieden leben,

ehrbar zu leben das falle Euch leicht.

Möget Ihr Beispiel auch Anderen geben,

Dass Euer Name niemals verbleicht

Mögen die Schritte Euch sicher sein,

Mut und Herz die Hand Euch führen.

Möge der Frohsinn Euch stets begleiten,

und möget Ihr Freude in Anderen rühren."

Bei jeder Strophe des Segens berührte sie uns mit dem Kräuterbündel an der Stirn. Als sie endete, sah sie mich lächelnd an. "So, mein Kind", sprach sie, "nun bist du und dein Gefährte gesegnet. Die Götter werden euch begleiten." "Danke Sinéad", antwortete ich, "für alles, was du für mich getan hast." Ich drückte sie noch einmal an misch. Anordil verbeugte sich leicht und dann schulterten wir unser Gepäck.

Patrick geleitete uns bis ans Ende des Dorfes. Die Straßen waren leer gefegt. Wir begegneten keinem Menschen. In der Dämmerung warteten alle zu Hause auf den Beginn des Imbolc-Festes. Sogar die Nichtkelten unter den Bewohnern.

Die Dorfkirche lag einsam und verlassen. Kein einziges Licht erhellte ihr Inneres. Pater Michael war spät damit die Kerzen anzuzünden. Vielleicht wurde er bei einem Hausbesuch aufgehalten. Die Blumen in den Beeten schienen zu leuchten. Dies musste das Werk der Blumenfeen sein, die sein Haus bewachten. Ich löste mich von Anordil und huschte auf den Friedhof, welcher neben der Kirche lag. Einen letzten stummen Gruß legte ich auf das Grab meiner Familie. Ein kleiner unscheinbarer Kranz aus Eberesche und Immergrün. Ruhig verrichtete ich ein letztes Gebet, bevor ich mich abwandte. Vor dem Friedhof erwarteten mich Anordil, Patrick und Pater Michael. Er musste zwischenzeitlich dazu gekommen sein.

Lächelnd streckte er mir die Hand entgegen. "Gott mit dir, Arwen", sprach er leise, "eine sichere Heimkehr wünsche ich euch beiden. Ich werde Euch in meine Gebete mit einschließen." "Es ist gefährlich, sich mit uns sehen zu lassen", warnte ich ihn lächelnd, "und es ist gefährlich für uns zu beten. – Seien sie auf der Hut, Pater Michael – und vielen Dank für alles." Nach einem kurzen kräftigen Händedruck wandten wir uns zum Gehen. Patrick ging noch ein Stückchen mit uns. Kurz bevor wir den Wald erreichten, blieb er stehen.

Schweigend reichte er uns die Hände. In seinen Augen standen Tränen. "Sichere Heimkehr euch beiden", sagte er leise, "meine Familie hat euch schon alles gewünscht, was man wünschen kann. Die Götter mögen euch geleiten." "Passe mir gut auf Fiona auf", erwiderte ich. "Ich verspreche es dir", antwortete er mir, "sie ist siebzehn geworden. Ich werde kurz vor ihrem einundzwanzigsten Geburtstag anfangen sie über die Hintergründe aufzuklären, wenn es dir Recht ist."

Ich nickte zustimmend. "Hier", sagte ich und reichte ihm eine versiegelte Rolle, "dies soll sie an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag als erstes erhalten. Bitte lagere es im Hort für mich." Ich umarmte ihn kurz und wandte mich Richtung Wald. Um nichts in der Welt wollte ich, dass er meine Tränen sah. Auch wenn ich mich nach Cillien sehnte, so würde ich doch meine restliche Familie vermissen. Anordil verabschiedete sich von Patrick, bevor er mir folgte. Am Waldrand blickte ich kurz zurück. Patrick winkte uns zu. Verstohlen wischte ich die Wangen trocken.

Wir waren nur wenige Schritte in den Wald eingedrungen, als Anordil stehen blieb. Er wies nach vorne. Im Zwielicht der hereinbrechenden Nacht stand Kevin zwischen den Bäumen. Bewegungslos verharrte er und wartete, dass wir näher kamen. "Sei gegrüßt, Caoimhín", sprach Anordil ihn an, "was führt dich hierher in die Dämmerung des Waldes?" "Heute ist Imbolc", antwortete Kevin, "ich habe bemerkt, dass ihr beiden im Aufbruch seid. – Ich wollte euch nur eine gute Reise wünschen und Dank sagen für alles, was ihr beiden für mich und meine Familie getan habt. Ich kann es nicht in Geld oder Werten aufwiegen. Ich weiß nur, dass wir euch immer in Erinnerung behalten werden."

"Deine Wünsche begleiten uns", erwiderte Anordil, "cui anann, Caoimhín. Das bedeutet lebe lang." "Cui anann, Caoimhín", sagte auch ich, "für dich und die deinen." Impulsiv umarmte Kevin uns kurz. "Passt auf euch auf", sagte er bewegt, "ich habe gehört, Mittelerde sei ein gefährliches Pflaster. Die Götter mögen euren Weg begleiten." Abrupt drehte er sich um und stapfte Richtung Shancahir davon. Er drehte sich kurz um und hob die Hand zum Gruß. In seinen Augen glitzerten Tränen. Selbst ich konnte es sehen. Wir erhoben ebenfalls unsere Hand zum Abschied, bevor wir weitergingen. Ein langer Weg erwartete uns.

Schweigend bewegten wir uns durch die Dunkelheit. Meine Gedanken kreisten um die beiden Jahre, die ich hier verbracht hatte. Ich hatte Gefahren ins Auge geblickt, Freunde gefunden, selbst innerhalb des Vatikans, und unerbittliche Feinde geschaffen. Würde ich je hierher zurückkehren? Was würde mich in Mittelerde erwarten? Nun, wahrscheinlich der Ringkrieg. Diesem würde ich nicht entkommen können, außer ich starb bis dahin. Eine Möglichkeit, die in Mittelerde durchaus gegeben war. Oder würde ich alt werden an Anordils Seite?

Schließlich erreichten wir kurz vor Mitternacht die Lichtung auf welcher die große Eiche stand. Mein Magen krampfte sich vor Anspannung zusammen. Furcht bemächtigte sich meiner. Was war, wenn es nicht funktionierte? Wenn der Torstein keine Kraft hatte? Wenn wir das Tor nicht öffnen konnten? Würden wir dann auf immer hierher verbannt sein? Und Mittelerde zu einer Erinnerung vergehen?

Anordil legte seine Hand kurz beruhigend auf meine Schulter. Er sah mir in die Augen. "Was auch immer geschieht", flüsterte er, "wir sind zusammen. – Und ich verspreche dir, dass wir Mittelerde wiedersehen." Sein Zuspruch gab mir Mut. Ich atmete durch und konzentrierte mich auf die Aufgabe, die vor uns lag. Bereits am Tage hatten wir die Ebereschenzweige für das Opferfeuer aufgeschichtet. Es lag auf dem flachen, eher unscheinbaren, Altarstein vor der großen Eiche.

Mit leisen Worten rief Anordil ein magisches Feuer. Von einer Sekunde zur anderen wurde die Lichtung von einem kalten blauen Licht erhellt. Die Eiche stand trutzig und übermächtig in der Mitte. Die Zweige wisperten im Wind. Schweigend entzündeten wir zu Füßen der alten Eiche ein kleines Opferfeuer. Wie vor einem Jahr.

Wieder führte ich den keltischen Ritus durch. Im Schein des Feuers rief ich erneut Brigid an. Doch diesmal bat ich ebenfalls Belenus und Lugh zu Hilfe. Ich dankte ihnen für ihre Gnade und Güte und brachte das Opfer dar. Anordil stand neben mir und murmelte leise vor sich hin. Wie vor einem Jahr zeichneten seine Hände Symbole in die Luft und auf die Erde. Jetzt konnte ich die meisten davon erkennen und wusste um ihre Bedeutung. Sein Unterricht hatte sich bezahlt gemacht.

Er zeichnete sie in die Flüssigkeit des Opferbechers und in die Flammen des Feuers. Die Luft um uns herum begann allmählich zu knistern. Bald wurde die magische Spannung unerträglich. Das Druidenblut in mir reagierte auf die Magie, die nun entfacht wurde. Je mehr ich meine Kenntnisse vertiefte, desto feiner wurde mein Wahrnehmen der magischen Schwingungen.

Begleitend zu meinen Worten gab ich die Opfergaben ins Feuer. Sekunden dehnten sich zu einer Ewigkeit, bis ich endlich Antwort erhielt. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Was ist dein Begehr, wisperte es in den Zweigen. Diesmal hörte ich drei Stimmen, welche ich alle erkannte. Ich verneigte mich in Ehrfurcht.

"Seit zwei Jahren ist mir der Weg nach Mittelerde versperrt", sagte ich zu den Zweigen, "bitte gewährt mir die Gunst mit meinem Gefährten dorthin zurückkehren zu dürfen." ‚Wenn ihr den Torstein entschlüsselt habt, steht dem nichts mehr im Wege. Aktiviert den Stein und sprecht die Formel. Versucht euer Glück', wisperte es in den Blättern der Eiche, ‚aber wählt eure Zeit mit Bedacht.' Nur Augenblicke später war nur das Rauschen der Blätter zu hören. Vor uns wurde der Baum durchscheinend. Wie bereits die Male zuvor. Die magische Energie ließ die Umrisse zerfließen.

"Nun denn, Anordil", wandte ich mich an ihn, "welche Zeit erscheint dir am sinnvollsten?" "Wir dürfen nicht zu früh in der Zeitlinie erscheinen, dass würde unsere Lebenslinien verzerren und könnte uns eventuell töten", erwiderte er leise, "ich würde sagen, wir wählen einen halben Sonnenlauf nach meinem Verschwinden. Das wäre der Herbst des 3013ten Jahres im dritten Zeitalter." Ich nickte zustimmend. Ich war nicht scharf darauf, meinem eigenen Selbst zu begegnen.

Anordil fing mit der Beschwörung an. Er nahm den Torstein in seine Hände und sprach die Formel, die Professor Lajinski entschlüsselt hatte. Ich spürte, wie die Magie ihren Höhepunkt erreichte. Erst jetzt reichten wir uns die Hände und durchschritten gemeinsam das Tor.

Bereits als wir in das helle Licht traten, merkte ich, dass es anders war als bisher. Die letzten Male, wo ich ein Tor durchschritten hatte, war es nicht derart merkwürdig gewesen. Es dauerte länger als gewöhnlich. Ich sah den Torstein in Anordils Hand grell aufleuchten. Er blendete uns und hinterließ eine brutale Dunkelheit, als er abrupt verlosch.

Dann kehrte das Sehen zurück. Gleißendes Sonnenlicht und erbarmungslose Hitze umfing uns. Als ich mich umsah, erblickte ich Wüste. Sand, wohin das Auge blickte. Wir orientierten uns kurz. "Ich kann im Norden und im Süden einen schmalen Streifen Grün erblicken", sagte Anordil, "wir müssen im Süden von Haradwaith gelandet sein." Erschrocken blickte ich ihn an. Er blickte auf den Torstein in seiner Hand. Die Runen darauf waren verloschen. Nunmehr zierten ihn feine Tengwar-Zeichen, die ebenso unverständlich waren. Sollten wir ihn je erneut gebrauchen, so würden wir eine neue Formel suchen müssen.

"Haradwaith", erwiderte ich fragend und hustete kurz trocken. Trotz der Hitze fröstelte es mich. Die Haradhrim, die Nomaden dieses Landstriches würden im Ringkrieg zu den Verbündeten Saurons gehören. Ob sie wohl bereits Bündnisse schmiedeten? Der Schweiß lief mir den Rücken hinunter und brachte mich in die Gegenwart. "Und wie kommen wir von hier weg?" "Wir müssen aus diesem Glutofen heraus", sagte er bestimmend, "wenn ich die alten Karten dieses Gebietes, die in Imladris gelagert werden, richtig in Erinnerung habe, sind wir mit großer Wahrscheinlichkeit in einem kleineren Wüstenabschnitt zwischen einem schmalen Waldgebiet im nördlichen Bereich und dem wesentlich freundlicheren und waldreicheren Süden. Dort unten gibt es meines Wissens Häfen, die Handel mit Gondor treiben. – Jedenfalls war das vor einigen Jahrhunderten der Fall. Wir sollten uns dorthin wenden."

Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen. Ich kannte mich sowieso nicht aus und war, wie so oft, auf Anordils hervorragenden Orientierungssinn angewiesen. "Dann sollten wir uns aufmachen", erwiderte ich mit trockenem Mund, "bevor wir hier zu Mumien verdorren." Ich zog ein Stückchen Stoff aus meinem spärlichen Gepäck und drapierte es um den Kopf. Es war zwar nicht viel, aber es mochte mich zumindest ein wenig vor den sengenden Strahlen der Sonne schützen.

Anordil steckte den Torstein ein. Dann sichteten wir kurz unsere Habe auf Vollständigkeit und machten uns schließlich auf den Weg nach Süden. Der Grünstreifen erschien wesentlich näher als der andere Richtung Norden. Anordil erklärte mir, dass nach Norden hinter diesem Grünstreifen eine noch größere Wüste lag. Diese grenzte an Mordor und an Gondor an. Doch es gab wohl kaum jemanden, der den Spaziergang durch diesen Wüstenabschnitt überlebt hatte. Ab und zu zogen wohl Nomaden dadurch. Aber Sandwürmer und andere Ungetüme der Wüste bestimmten das Bild. Die Nomaden selber waren ein äußerst kriegerisches Volk. Für Fremde hatten sie wenig übrig. Ideale Kämpfer für den dunklen Herrscher, dachte ich bei mir.

Wir mussten den Grünstreifen innerhalb der nächsten zwei vielleicht drei Tagen erreichen. Spätestens dann würde ich verdursten. Anordil würde ein wenig länger durchhalten. Wir hatten zwar Wasserschläuche dabei, aber sie langten bei weitem nicht. Selbst, wenn wir es strengstens rationierten, würden wir schon bald kaum mehr als ein paar Schlucke übrig haben. Wir wanderten die Nacht durch. Ab und zu konnte man Kleingetier über den Sand hasten sehen. Skorpione und Sandspinnen. Kleinere Sandvipern schlängelten sich lautlos über den heißen Boden, der die Tageshitze gespeichert hatte. Allerdings war der Nachtwind extrem kühl, gegenüber dem Tage. Eng zog ich den Umhang um mich. Gegen Morgen machten wir kurz Rast.

Wir gingen jedoch alsbald weiter. Die erträglichen Stunden mussten wir ausnutzen, um soviel Weg wie möglich zu schaffen. In der Hitze des Tages würden wir nicht weit kommen. Besonders in der mörderischen Mittagszeit mussten wir rasten. Im kärglichen Schatten einer Düne gruben wir uns in den Sand ein und zogen die Umhänge über uns, um zumindest ein wenig Schutz vor den erbarmungslosen Strahlen zu haben.

Die Hitze machte mir schwer zu schaffen. Besonders aber die sengende Sonne. Meine Haut war schnell verbrannt und meine Kleidung klebte schmerzhaft am Körper. Ich fühlte mich an, als würde man mich bei lebendigem Leibe backen. Meine Lippen waren rissig vor Trockenheit und platzten alsbald auf. Meine Augen schienen aus Feuer zu bestehen. Aber Anordil gestand mir nur ein paar Schlucke Wasser zu.

Am Nachmittag machten wir uns erneut auf den Weg. Ich kämpfte mich hoch und zwang meine Beine zum Gehen. Mein Körper schmerzte, was ich jedoch ignorierte. Einzig die Hoffnung auf die Nachtkühle trieb mich voran. Gegen Abend taumelte ich nur noch hinter Anordil her. Einzig meine eiserne Disziplin hielt mich aufrecht. In der Dämmerung machten wir eine weitere Rast. Vor Erschöpfung fiel ich sofort in Schlaf. Anordil weckte mich nach einer Stunde und gab mir ein paar Schlucke Wasser. Sie waren wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein in meinem ausgedörrten Mund. Nur meinem Willen war es zu verdanken, dass ich mich erneut auf die Beine quälte. Mit bleiernen Muskeln und einem Körper, der förmlich nach Wasser schrie, schleppte ich mich vorwärts.

"Bald ist es geschafft", flüsterte mir Anordil zu. Ich konnte ihm nicht mehr antworten, derart trocken war meine Kehle. Aber ihm machte die Hitze mittlerweile ebenfalls zu schaffen. Seine Lippen zeigten die ersten Risse und seine Haut nahm allmählich die Konsistenz von Pergament an. Ohne darüber nachzudenken oder überhaupt zu denken, taumelte ich weiter. Automatisch setzte ich Schritt für Schritt. In der Morgendämmerung erreichten wir das rettende Grün.

Triumphierend pochte mein Herz. Wir hatten es geschafft! Das saftige Grün der Vegetation war zum Greifen nahe. Ein trockenes Gurgeln, welches ein Lachen sein sollte, entfloh meiner schmerzenden sandigen Kehle. Wie in Trance hielt ich auf die Büsche zu. Ich meinte bereits das Wasser riechen zu können. Frisch und belebend legte sich der Duft auf meine ausgetrockneten Schleimhäute. Aber ich schaffte es nicht mehr bis zum Wasser. Ausgedörrt brach ich am Rande des Grüns zusammen.

Stunden später wachte ich auf. Der Duft jungen Grases stieg in meine Nase. Meine Lippen waren mit Wasser benetzt, was ich gierig ableckte. Anordil hatte ein kleines Feuer an der Quelle entzündet. Das Holz knisterte, wenn es verbrannte. Ich hörte Wasser plätschern. Der Durst setzte automatisch ein. Ich versuchte mich aufzurichten, was mir nicht gelang. Kraftlos sank ich zurück. "Wasser", krächzte ich. Anordil reichte mir den Wasserschlauch. Hastig setzte ich ihn an. Anordil riss ihn im selben Moment herunter. Wütend funkelte ich ihn an. Seine Augen bohrten sich bestimmend in meine. Zwangen mir seinen Willen auf.

"Du musst langsam trinken", ermahnte er mich, "du tust dir und deinem Magen keinen Gefallen, wenn du jetzt in dich hinein schlingst." Gehorsam nickte ich, begierig den Schlauch wieder zu fassen zu bekommen. Als das Nass meine Kehle hinunter rann, musste ich meine gesamte Selbstbeherrschung aufbieten, um ruhig und in kleinen Schlucken zu trinken. Ich ertappte mich dabei, dass ich ab und zu gierig in mich hinein saugte. In diesen Momenten senkte Anordil den Schlauch leicht ab. Endlich hatte ich mich satt getrunken. Mein Magen fing an zu drücken, von dem ganzen Wasser. Aber ich schaffte es, dass es drin blieb.

"Von diesem Ort aus wird es einfacher gehen", versprach mir Anordil, "wir haben wieder fruchtbare Lande erreicht." Ich bemerkte, dass er sich bereits um meine Verbrennungen gekümmert hatte. Meine Haut brannte nicht mehr und auch die Risse hatten sich geschlossen. Nach einer Weile schlief ich ein.

Erst am nächsten Morgen erwachte ich. Mein Magen knurrte vor Hunger. Aber ich fühlte mich nicht mehr durstig. Mit schwachen Beinen ging ich zur Quelle. Dort trank ich erst ein paar Schlucke, bevor ich mich ein wenig reinigte. Anordil war nirgendwo zu sehen. Das beunruhigte mich aber nicht. Ich ahnte, dass er sich einen Überblick verschaffte. In der Zwischenzeit aß ich ein bisschen von dem Proviant, den wir noch hatten. Nach einer Weile kam er wieder. Er hatte ein paar Fische gefangen. Schweigend schürte ich das kleine Feuer hoch, worüber er die Fische steckte. Während diese in der Hitze garten, hockte Anordil sich neben mich und fing an, eine Karte in den Boden zu zeichnen.

"Dies ist der Süden von Mittelerde", erklärte er mir, "dort ist Haradwaith und dies ist ungefähr unser jetziger Standort. Ich schlage vor, wir versuchen an diesem Gebirge entlang zu wandern, bis wir in eine der Flussstädte gelangen. Wenn wir Glück haben, können wir mit einem kleinen Boot oder Schiff den Celiant hinunter nach Ostelor. Soweit mir bekannt ist, fahren von Ostelor Schiffe nach Gondor." Ich schaute ihn an. "Wie lange werden wir unterwegs sein", fragte ich ihn.

Er sah mich ernst an. "Ungefähr fünfzig bis sechzig Tage", erwiderte er, "bis wir in Ostelor sind. Wie lange die Seereise dauert, kann ich dir nicht sagen, dass hängt vom Schiff ab." Nun denn, dachte ich, sechzig Tage durch die Wildnis waren gar nicht mal so schlechte Aussichten, wenn man bedachte, dass hinter uns die Wüste lag. Die Fische waren in der Zwischenzeit fertig. Hungrig aß ich meine Portion. Danach konnte ich mich ein wenig entspannen. Anordil umarmte mich liebevoll. Er würde in der Nacht Wache halten, damit ich schlafen konnte. Am nächsten Morgen brachen wir weiter Richtung Süden auf.

Unsere Reise führte uns zuerst durch ein riesiges Waldgebiet. Es erinnerte mich ein wenig an die Regenwälder Südamerikas. Dichtes, vegetationsreiches Unterholz machte den Weg beschwerlich. Riesige Bäume, die mit Schlingpflanzen und Pilzen bewachsen waren, ragten weit in den Himmel. Die Luftfeuchte war enorm. Schweiß lief mir als Rinnsal den Rücken hinunter. Doch wenigstens hatten wir hier genügend Wasser.

Bunte Vögel waren zu sehen und zu hören. Winzige, die an Kolibris erinnerten und farbenprächtige große Vögel, die Papageien nicht unähnlich waren. Mühsam bahnten wir uns einen Weg. Einmal sahen wir vor uns im Unterholz eine Grauaffen-Horde. Sie sahen beinahe aus wie die Berggorillas der Erde. Der Rudelführer, ein mächtiges Tier mit eisgrauem Pelz, blickte kurz in unsere Richtung. Wir verharrten regungslos. Keine hastige Bewegung sollte sie zum Angriff reizen. Aber der Graue hielt uns wohl nicht für gefährlich. Erst nach einer Weile lösten wir uns aus der Starre und setzten ruhig unseren Weg fort.

Aber nicht alle Begegnungen verliefen derart glimpflich. Nur ein paar Tage später schreckten wir eine Echse auf. Wir hatten sie in der dichten Vegetation nicht gesehen. Ich schlug mit meinem Kampfstab auf die Blätter vor mir ein, als mir unvermittelt eine hässliche Zunge entgegen schnellte. Anordil konnte mich im letzten Moment zurück reißen.

Aufgebracht stürmte ein geschupptes Ungetüm mit einem lauten Zischen aus dem Blätterdickicht hervor. Eine hässliche, neun Fuß lange, braune mit grünen Streifen versehene Echse griff uns an. Sie erinnerte mich an eine Mischung aus einem Komodo-Waran und einem der auf der Erde ausgestorbenen Raptoren. Jedenfalls schien es ähnlich agil und gefährlich zu sein. Von den langen spitzen Fangzähnen tropfte eine gelbliche Flüssigkeit. Es schien ein Gift zu sein. Ich hatte keine Lust es auszuprobieren. Anordil schlug mit den Schwertern auf die Echse ein. Der Schwanz dieses Tieres peitschte durch die Luft. Aber es gelang Anordil auszuweichen.

In der Zwischenzeit hatte ich meine Schwerter gezogen. Eine lange Zunge schnellte an mir vorbei. Die Echse wurde sichtlich wütend. Aggressiv versuchte sie nach mir zu schnappen. Das gab Anordil die Gelegenheit an die Seite der Echse zu gelangen und eines der Schwerter zwischen die Rippen zu stoßen. Ein paar Sekunden später brach sie zusammen. Anordil zog das Schwert heraus und wischte es mit Blättern sauber. "Das war knapp", sagte ich in Schweiß gebadet, "ich wusste gar nicht, dass es in Mittelerde solche Echsen gibt." "Du hast nicht gefragt", antwortete Anordil trocken, "wir müssen weitergehen. Wo eine ist, sind vielleicht noch mehr." Vorsichtiger gingen wir weiter.

Ich schaute jetzt genauer hin, bevor ich ins Blätterwerk schlug. Sobald es dämmerte, waren wir gezwungen Rast einzulegen. Der Dschungel war zu dicht, als das man weitergehen konnte. Anordil vielleicht, da er als Elb über Nachtsicht verfügte, aber ich hatte keine Chance. Schließlich hatten die paar Tropfen Elbenblut in meinen Adern mir nicht diese Fähigkeit geschenkt.

Drei Tage später erblickte ich hinter einer sumpfigen Fläche eine Anzahl merkwürdig aussehender Frösche. Sie ähnelten von der Größe dem Ochsenfrosch, waren allerdings blau-rot gefärbt. Diese auffällige Farbgebung ließ den Schluss zu, dass sie giftig sein mussten. Das merkwürdigste an ihnen waren jedoch die kleinen Flügelchen auf dem Rücken. Ich machte Anordil darauf aufmerksam.

"Wenn ich mich richtig erinnere", flüsterte er, "sind dies Blätterfrösche, die Trusa genannt werden. Vor ihnen wird in den alten Schriften gewarnt. In den Knochenstacheln auf ihrem Rückrat sitzt ein tödliches Gift. Wir dürfen ihnen nicht zu nahe kommen."

Hatte ich es mir doch gedacht. Da war mir der Urwald um uns herum doch lieber. In dieser Fülle von Bäumen, Büschen und sonstigem Gewächs hatten wir bisher nur eine einzige Baumart entdeckt, die giftig war. Laut Anordil wurde dieser Baum Slird genannt und die wie Zitronen leuchtenden Früchte enthielten ein lähmendes Gift. Ich glaubte ihm. Bis jetzt hatte er sich nie geirrt. Jedenfalls nicht, was Heil- oder Giftpflanzen anging.

Dafür hatten wir einen Pilz entdeckt, den er nur aus Schriftrollen und in getrockneter Form kannte. Turus nannte Anordil ihn. Dieser Pilz wuchs am Lainimitbaum, der dem Mahagonibaum meiner Welt ähnelte, und besaß kleine graue Nadeln. Diese als Tee verabreicht, heilten Krankheiten an den Organen. Sorgfältig erntete Anordil etwas davon. Ansonsten mussten wir uns durch Schlingpflanzen und dichtes Blätterwerk kämpfen.

Nach zehn Tagen hatten wir endlich die Ebene erreicht. Linker Hand konnte man den Gebirgszug erkennen, an dessen Fuß wir entlang wandern würden. Er zog sich von links hinüber bis nach Süden. Wir würden die Ebene, die vor uns lag, überqueren und erst danach auf das Gebirge treffen.

Ich hatte den Eindruck mit einem Mal in Afrika zu sein. Eine weite Savannenlandschaft, vereinzelt unterbrochen durch einen einsam stehenden Baum oder eine kleine Baumgruppe, lag vor uns. Die Berge am Horizont erhoben sich schroff direkt aus diesem Grasland heraus. Sie waren dicht mit Buschwerk bewachsen. Tiergruppen zogen über das Land. Wildrinder und antilopenähnliche Tiere konnte man erkennen.

Die Tage zogen in eintöniger Gleichförmigkeit an uns vorbei. Immer weiter hielten wir uns nach Süden. An einem Tag sahen wir in der Ferne eine Herde Mûmakil. Diese hatten eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Elefanten Afrikas. Allerdings eher wie eine Kreuzung aus dem ausgestorbenen Mammut und dem neuzeitlichen Elefanten. Nur um einiges größer. Schätzungsweise dreimal so hoch, wie der größte Elefant auf Erden. Mit gewaltigen doppelreihigen Stoßzähnen. Gemächlich zogen diese Riesen ihrer Wege. Nichts an ihnen ließ vermuten, dass sie nicht so behäbig waren, wie sie schienen.

"Bei Belenus", entfuhr es mir, "sie sind gigantisch!" "Und gefährlich", ergänzte Anordil, "mit ihren Stoßzähnen sind sie ein nicht zu unterschätzender Gegner. Auch ihre Geschwindigkeit ist bemerkenswert. Trotz ihrer Größe bringen sie es fertig sehr schnell zu sein." "Kann man sie zähmen", fragte ich neugierig. Ich wusste zwar, dass Tolkien die Mûmakil erwähnt hatte, konnte mich aber nicht erinnern, in welchem Zusammenhang. Zwar hatte man in der Verfilmung diese Tiere als Kriegselefanten eingesetzt, aber ob dem wirklich so war? "Ja, man kann sie zähmen", antwortete Anordil, "hier im Süden werden sie sogar zu Kampfzwecken gefangen und ausgebildet. Als ich damals hier war, konnte ich einen ausgebildeten Mûmakil mit seinem Führer sehen. Äußerst beeindruckend." Tatsächlich!

Wir beschlossen nicht näher zu kommen. Auf die Begegnung mit einem wütenden Mûmakil legte ich keinen Wert. Mich fröstelte bei dem Gedanken, diesen Ungetümen gegenüber stehen zu müssen. Ich hoffte, dass ein gnädiges Schicksal dies auch weiterhin verhüten mochte. Weiträumig umrundeten wir die Herde. Ihr Stampfen begleitete uns eine ganze Weile. Das blieb die einzige nennenswerte Begegnung mit den grauen Kolossen. In den Nächten hörten wir des öfteren das Gebrüll von Felslöwen in der Ferne. Erfreulicherweise mieden sie zu meiner Freude ein Zusammentreffen mit uns.

Vierzig Tage zogen wir durch ein Gebiet, dass Mirëdor hieß. Ab und zu konnte man vereinzelte Ansiedelungen in der Ferne erkennen. Doch wir mieden es weitestgehend mit den Bewohnern in Kontakt zu kommen. Ab und an begegneten wir Nomaden mit ihren Herden. Anders als die Haradhrim waren sie freundlich, aber misstrauisch. Wir blieben nie lange an ihren Feuern. Jedoch teilten sie bereitwillig ihre Nahrung mit uns.

Was mich verwunderte. Schließlich sollten auch sie sich in ein paar Sonnenläufen mit Sauron verbünden. Oder liefen die Bündnisse bereits, ohne dass das niedere Volk bereits etwas mitbekommen hatte? Es sollte uns zumindest nicht stören. Jedenfalls nicht jetzt. Auf alle Fälle bildete die Kost der Nomaden stets eine willkommene Abwechslung unseres Speiseplans. Im Gegenzug erhielten sie von uns Wild, das wir erjagt hatten. Denn davon ernährten wir uns überwiegend. Mal war es eine kleinere Antilope, mal Hasen, ab und an ein junges Wildschwein. Waren wir allein, nahmen wir die Reste mit und verspeisten sie zur nächsten Mahlzeit.

Auf der Höhe von Carasalas machten wir in einer kleinen Stadt Rast, die auf einem Hügel am Fuß der Berge lag. Sie hieß in Sindarin übersetzt Ostorod, Stadt auf dem Berg. Dort wollten wir für ein paar Tage Station einlegen. Als wir uns der Stadt näherten, war ich verblüfft über die architektonische Ähnlichkeit zum antiken römischen Reich.

Eine wuchtige Mauer umsäumte die Stadt. Das Tor wurde von Wachen in prätorianerähnlichen Rüstungen bewacht. Als wir die Stadt betraten, bot sich mir ein unglaubliches Bild. Plötzlich schienen wir in eine alte römische Provinzstadt versetzt worden zu sein, wenn da nicht ab und an das fremdartige Aussehen verschiedener Volksgruppen gewesen wäre. Staunend blickte ich mich um.

Bürger in Togen, Frauen in altrömisch anmutenden Tuniken, Sklaven, gekleidet in grobgewebte Stoffe mit Halsbändern aus Eisen und Wachen in römisch anmutenden Rüstungen prägten das Bild. Viele von ihnen, hauptsächlich die augenscheinlich freien Männer und Frauen, hatten graue Haut, schwarze Haare und Augen. Die meisten hatten langgezogene Schädel. Bei den grauhäutigen Kindern konnte man festumwickelte Köpfe sehen. Diese Rasse, Adena, wie ich später erfuhr, schien dem Brauch der infantilen Kopfwicklung zu frönen. Eine fliehende Stirn galt wohl als schick. Es erinnerte mich an das Gebaren eines alten Volkes meiner Welt. Wenn ich mich recht entsann, verfuhren die alten Majas genauso mit ihren Kindern. Oder waren es die Olmeken? Die alten Völker Mittelamerikas und Südamerikas waren nie mein Spezialgebiet gewesen.

Die Frauen trugen Goldfibeln an ihren Tuniken und römisch aussehenden Schmuck. Einige Männer trugen fein gewebte Togen, einige andere Rüstungen aus Knochenstücken und Seide. Man sah gleichfalls viele negroid aussehende Männer und Frauen. Sie gehörten zur Rasse der Sederi. Sie schienen ebenfalls zu den Freien zu gehören. Ihre Kleidung bestand aus kaftanähnlichen, leichten, bunten Gewändern. Die Frauen trugen ihre Haare zu kleinen kunstvollen Knoten gedreht. Der Vergleich zu den Nubiern meiner Welt lag durchaus nahe. Sie schienen sich in eine ähnliche Richtung entwickelt zu haben.

Große, schlanke, drahtig aussehende Männer und Frauen mit olivfarbener Haut gehörten zur Rasse der Drel. Sie bevorzugten baumwollene oder leinene Kleidung in sanften Erdtönen mit komplizierten Mustern. Daneben sah man Leute der Pel. Sie hatten olivfarbene Haut und dunkle Haare, wie die Drel. Sie trugen leinene Kleidung und waren tätowiert oder mit Brandmustern versehen.

Elben konnte man ebenfalls sehen. Wenn auch nur selten. Sie unterschieden sich äußerlich nur wenig von den anderen Elbenstämmen Mittelerdes. Sie waren ebenfalls groß und schlank. Aber sie bevorzugten in dieser Gegend seidig wirkende, bunte Kleidung aus federleichtem Stoff. Sie grüßten Anordil zurückhaltend, wenn wir ihnen begegneten.

Die Sklaven waren Angehörige verschiedenster Rassen. Sie trugen als Zeichen ihres Standes entweder ein Halsband aus Eisen oder eine kupferne Oberarmspange mit eingravierten Zeichen. Wir erfuhren später, dass es sich überwiegend um Kriegsgefangene und Verbrecher handelte. Ein Bruchteil von ihnen war als Sklave geboren. Allerdings hatten sie die Möglichkeit sich freizukaufen. Freigekaufte trugen silberne Oberarmspangen, als Zeichen, dass sie frei waren. Im alten Rom dagegen gab es eine Art Freibrief. Dies war ein Stab, der Libertinus genannt wurde. Staunend gingen wir über die gepflasterten Straßen. Ab und an konnte man einen Kanaldeckel sehen. Folglich war wohl ein ausgedehntes Kanalsystem vorhanden.

In einem der zahlreichen Gasthäuser kehrten wir ein. Das Haus war aus Lehm gebaut. Der Eingang mit einem Stück Stoff verhangen, der leicht im Wind schwang. Eine richtige Tür war auch vorhanden. Sie wurde jedoch von einem Haken offen gehalten. Das Innere des Hauses war angenehm kühl. Ich schaute mich um. Der Schankraum war nicht sonderlich groß. Acht Tische aus poliertem Holz standen im Raum verteilt. Um sie herum stabil gezimmerte Bänke. Im Gegensatz zu den Gasthäusern im Norden Mittelerdes gab es hier keine offene Feuerstelle. Nur wenige Gäste saßen an den Tischen und ließen sich ihr Essen schmecken, dass auf tönernen Schalen vor ihnen stand. Misstrauisch wurden wir beäugt. Hinter der aus rötlich schimmernden Holz gefertigten Theke stand ein schlanker, hochgewachsener Mann. Offensichtlich ein Sederi. Seine drahtigen Haare waren in einem komplizierten Muster geknotet. Ein kaftanartiges Gewand in bunten Farben hüllte ihn ein. Bedächtig trocknete er Tonbecher ab. Zielstrebig ging Anordil zur Theke.

"Sei gegrüßt", hob Anordil auf Westron an, "wir sind Reisende und suchen Quartier." Es war ein Versuch. Wir konnten nicht davon ausgehen, dass hier Westron verstanden wurde. Mit den Nomaden hatten wir uns meist per Zeichensprache verständigt. Aber wir hatten Glück. Der Wirt verstand Westron. "Reisende sind immer willkommen in Dogos Haus", erwiderte er bedächtig, "ruht euch aus und erquickt euch an unseren Speisen." Er sprach einen sehr wilden Dialekt, dem ich kaum folgen konnte.

Herrisch winkte er einen Sklaven herbei, der den Schankraum fegte. Ein drahtiger kleiner Bursche mit narbigen Armen und einem einfachen braunen, kurzen Gewand. So wie er sich bewegte, wohl ein ehemaliger Schwertkämpfer. Der Wirt gab ihm in dem Kauderwelsch der Sederi Anweisungen. Unterwürfig hörte der Sklave sich alles an. Nach einigen Minuten geleitete er uns zu unserer Unterkunft. Schweigend ließ er uns eintreten, bevor er sich rasch entfernte.

Überrascht unterdrückte ich einen Ausruf. Wir standen in einem römischen Schlafgemach der gehobeneren Klasse, ähnlich wie es in den besseren Gasthäusern Roms üblich war. Nur waren hier die steinernen Liegen bedeckt mit Stroh gestopften Matratzen und Wolldecken.

Eine Bademöglichkeit gab es im Gasthaus nicht. Dafür war ein öffentliches Badehaus vorhanden. Nach dem wir unser Gepäck abgelegt hatten, machten wir uns auf den Weg in das Badehaus. Endlich wieder ein Bad und ein Bett! Davon hatte ich die letzten 40 Tage geträumt.

Im Badehaus selber kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Wir befanden uns in einem typischen römischen Bad mit Warm- und Kaltwasserbecken, Springbrunnen, Ruhebereich und Schweißbad. Es gab Massagegelegenheiten und ein separates Frauenbad. Es war recht schlicht gehalten. Die Wände waren aus rotem Stein. Der Boden schien mit rötlichem Marmor ausgelegt. An manchen Stellen wies er Intarsien aus schwarzem und weißem Stein auf. Die Badebecken waren im Boden eingelassen und sorgfältig aus rotem Stein geschnitten. Aus Wasserspeiern floss das Wasser in die Becken und durch einen Überlauf wurde es hinaus geleitet. Die Bediensteten des Badehauses waren Sklaven. Deutlich an ihren Oberarmspangen zu erkennen. Sie trugen einfache, zweckmäßige Gewänder aus einem cremefarbenen Stoff, den ich nicht kannte. Aufseufzend ließ ich mich entkleiden und abschrubben. Meine arg strapazierten Gewänder wurden zum Waschen gegeben. Ich genoss das Gefühl wieder in der Zivilisation zu sein. Selbst wenn es Sklaven waren, die mich nach dem Baden in trockene Tücher hüllten und einölten. In frische Gewänder gehüllt machten wir uns nach dem Bade auf den Weg ins Gasthaus. Unsere gewaschenen Reisekleider würden wir am nächsten Tag abholen können. Ein besonderer Service, der nur ein paar Münzen extra kostete.

Im Gasthaus hatten wir die Möglichkeit ausgiebig zu speisen. Was wir mit Freuden nutzten. Schließlich waren wir die Einheitskost der langen Reise leid. Ich schwelgte in Spanferkel, gefüllten Wachteln, marinierten kleinen Fischen, die an Sardinen erinnerten, gebackenem Gemüse, frischem Brot, scharfwürzigem Käse und einer honigsüßen, nussreichen Pastete. Der Wein, den man uns dazu auftischte, mundete ebenfalls vorzüglich. In dieser Nacht kuschelte ich mich ganz nah an Anordil. Und es blieb nicht nur beim Kuscheln.

In den nächsten Tagen genossen wir es wieder in einer zivilisierteren Umgebung zu sein. "Es tut gut, wieder Kraft zu schöpfen", sagte Anordil, "die Reise war lang und beschwerlich – und es liegt ein weiter Weg vor uns." "Ja, es ist schön wieder in einer bewohnten Gegend zu sein. – Und Ruhe zu finden, obwohl - ich finde es äußerst aufregend", erwiderte ich, "es ist anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Über den Süden Mittelerdes hat Tolkien nur wenig berichtet. Dies lässt mich vermuten, dass dieser Teil Mittelerdes nicht stark oder gar nicht von den kommenden Ereignissen berührt wird."

"Der Süden Mittelerdes ist auch für mich recht unbekannt", erwiderte Anordil, "ich war vor etwa tausendfünfhundert Jahren einmal hier. Damals begleitete ich Elrond von Bruchtal nach Arpel, einer Hafenstadt auf der anderen Seite des Gebirgszuges." "Arpel", fragte ich, "in den alten Büchern in der Bibliothek von Cillien habe ich davon gelesen. Hatten die Númenórer nicht dort einen Hafen?" Anordil nickte. "Ja, das stimmt", bestätigte er, "Arpel hieß damals Lond Hithir. Gegen Ende des Zweiten Zeitalters wurde dieser Hafen aber aufgegeben. Nun ist Arpel die Hauptstadt der Pel und die größte Stadt sowie politisches Machtzentrum im Süden. – Jedenfalls nach dem, was ich weiß. Elrond hat überall seine Augen und Ohren. Den letzten Berichten zufolge, die ich einsehen konnte, als ich Bruchtal besuchte, herrscht Unzufriedenheit in den südlichen Regionen. Daran dürfte sich in der Zeit, in der wir in deiner Welt waren, nicht wesentlich geändert haben."

"Warum hat Tolkien dann nichts darüber geschrieben", murmelte ich vor mich hin, "schließlich spielt der Süden auch eine Rolle in den ..." "Das liegt in weiter Ferne", unterbrach mich Anordil, "grüble nicht über diese Dinge. Das Rad des Schicksals wird seinen Lauf nehmen. Ändern können wir nur wenig. – Also, - genieße das Leben." Auffordernd deutete er in die Runde.

Wir standen auf dem Marktplatz von Ostorod. Händler priesen ihre Waren an. Mägde und Frauen feilschten um die besten Preise. Männer saßen müßig, tranken Tee und rauchten Pfeife. Kinder tobten dazwischen herum. Ein Bild des Friedens. Nein, verbesserte ich mich, ein Bild des Lebens.

Wir waren in der Absicht auf den Markt gegangen, um abgetragene Stücke unserer Gewänder zu ersetzen. Sie hatten durch die lange Reise arg gelitten. Bei einem Bogenbauer konnten wir ebenfalls Pfeile erhandeln. Es waren überdies welche, die von elbischer Hand gefertigt waren. Für unseren Reiseproviant kauften wir einen aromatischen Tee und einige Gewürze. Leider konnten wir kein Lembas erstehen, deshalb mussten wir auf das nahrhafte Wegbrot des Elbenvolkes verzichten.

Nach fünf Tagen der Muße brachen wir wieder auf. In dieser Zeit konnten wir uns auch in den Dialekt des Westron einhören, der hier unten gesprochen wurde. Da Anordil bereits vor Jahrhunderten hier war, gelang ihm dies recht schnell. Gestärkt und mit frischem Proviant versorgt, setzten wir unseren Weg fort. Von Ostorod aus nahmen wir einen der Handelswege weiter in den Süden.

to be continued ...

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