Gefangen in Mirëdor

Wir waren zwei Tage unterwegs, als eine Gruppe von Reitern auf uns zukam. Unser Weg führte über eine dicht mit Gräsern und niedrigen Büschen bewachsene Ebene. Erwartungsvoll blieben wir stehen, da nicht einmal ein einsamer Fels vorhanden war um uns Deckung zu geben, falls diese Reiter feindselig sein sollten. Rasch kamen sie näher. "Es sind Krieger", sagte Anordil, "sie tragen das Wappen des Hauses Quentirios, einem der zahlreichen kleinen Fürstentümer in Mirëdor. Die Burg der Familie liegt etwa zehn Tagesreisen von hier am Fuß des Gebirges." "So weit", fragte ich überrascht, "was tun sie dann hier?"

"Wir werden sie fragen", entgegnete Anordil, "es muss schon etwas Außergewöhnliches geschehen sein, wenn sie sich so weit von der Burg entfernen. Elrond und ich waren vor langer Zeit für wenige Tage dort zu Gast. Wir sind die einzigen, die sich daran erinnern. Vielleicht noch die, die mit uns zogen."

In der Zwischenzeit hatten uns die Reiter erreicht. Feindselige Blicke musterten uns, bevor sie uns ohne Gruß mit gesenkten Speeren umzingelten. Diese Geste behagte mir absolut nicht. Aber Anordil legte mir eine Hand auf den Schwertarm. Rüstung und Bewaffnung der Männer war außerordentlich gut, obwohl die Rüstungen wohl überwiegend aus Dunkelgrau gefärbten Knochen und blutroter Seide gefertigt waren. Die schwarzen Hosen waren staubig. Sie schienen wohl bereits eine Weile unterwegs zu sein. Doch ihre Waffen schimmerten sorgfältig geputzt. Offensichtlich waren sie Adena. Jedenfalls schien ihre graue Hautfarbe, die kohlschwarzen Augen und die überwiegend dunklen Haare darauf hinzuweisen.

"Bewegt euch nicht", befahl der Anführer der Gruppe barsch, "haben wir euch endlich! Jetzt werdet ihr eurer gerechten Strafe entgegengehen." Überrascht blickten wir uns an. Was sollte das denn nun? Wurden wir für Verbrecher gehalten? "Was wird uns zur Last gelegt, Krieger, dass ihr uns derart rüde aufhaltet", fragte Anordil scharf. In seinen Augen blitzte es.

Freudlos lachte der Mann auf. "Kurz ist das Gedächtnis eines Assassinen", knurrte er, "so erinnere dich daran, das ihr vor zehn Tagen die Familie meines Herrn ausgelöscht habt. Mit Elbenpfeilen. Aus dem Hinterhalt! Sie hatten keine Chance. Meine liebliche Herrin und die Kinder. – Dafür werdet ihr bezahlen! – Fesselt sie." Ich sah erschrocken zu Anordil. Wir? Jemanden ermordet? Hatte ich sie falsch verstanden? Das konnte doch nur ein Irrtum sein! Was sollten wir tun? Meine Hand legte sich auf den Griff meines Schwertes. Doch Anordil gab mir stumm die Anweisung nichts zu unternehmen.

"Wenn wir wirklich Assassinen wären, würden wir euch dann hier in aller Ruhe erwarten", konterte Anordil mit schneidender Stimme. "Ihr seid Elben", erwiderte der Mann hart, "die einzigen weit und breit. Was sollten Elben hier zu schaffen haben, wenn sie nichts mit dem Mord zu tun haben?" Mit einer herrischen Handbewegung gab er seinen Männern das Zeichen uns festzunehmen. Ich blickte zu Anordil. Er schüttelte den Kopf. Ohne Gegenwehr ließen wir uns entwaffnen und fesseln.

Wir wurden auf Pferde gesetzt. Schweigend schlugen die Krieger ihren Rückweg ein. Meine Augen suchten fragend Anordils. Er schüttelte erneut den Kopf. Nicht jetzt, befahl er mir. Demzufolge würde ich mich gedulden müssen. Mir war unverständlich, warum Anordil so handelte. Mit den paar Männern wären wir durchaus fertig geworden. Nun waren wir in Gefangenschaft, unsere Waffen außer Reichweite und gefesselt, was den Einsatz von magischen Sprüchen sehr erschwerte.

Aber von Anordil erhielt ich keine Antwort auf meine fragenden Blicke. Selbst die kurzen Gesten der Handsprache ignorierte er. Was ging in seinem Kopf vor? Warum ließ er mich im Ungewissen? Was sollte das alles? Nach einer Weile gab ich auf. Wenn er bereit war, etwas zu sagen, würde er es tun. Vorher sowieso nicht. Hatte ich schon erwähnt, dass Elben sehr dickköpfig sein können?

In der Abenddämmerung schlugen die Krieger ein Lager auf. Allerdings ohne ein Feuer zu entzünden. Wir wurden grob auf den Boden geworfen. Zwei junge Krieger bewachten uns. "Warum denken sie, wir hätten jemanden getötet", fragte ich Anordil leise. "Es gibt Elben, die sich vom Licht abgewandt haben", antwortete er traurig, "vor etlichen Tausend Sonnenläufen. Manche freiwillig, manche gezwungen. Sie verschmelzen die rassebedingten Fähigkeiten mit den Kräften des Bösen. Blut stillt ihren Durst und die Dunkelheit ist ihr Freund. Ich hatte angenommen, dass sie mit Sauron gefallen waren, weil niemand mehr etwas von ihrer Existenz berichtete. Doch anscheinend haben es einige geschafft zu überleben."

"Dunkle Elben", hauchte ich entsetzt, "ich dachte, dass seien nur Erfindungen einfallsreicher Rollenspieler meiner Welt!" "Ich wünschte, es wäre so", erwiderte er, "doch sie existieren. – Und sie sind äußerst gefährlich." "Und die Orks", fragte ich weiter, "gehörten sie einst wirklich zum Elbenvolk?" Er schwieg. Schmerz und Trauer sah ich in seinen Augen. An was erinnerte er sich, dass er diese Gefühle zeigte? "Ja", nickte er bestätigend, "Elben sind ihre Vorväter. Sie wurden gequält und gefoltert vom Dunklen Herrscher. Aus denen, die daran zerbrachen züchtete er das erste Heer Orks. Seitdem vermehren sie sich in ungeahnter Weise."

"Und was hat das mit uns zu tun", erkundigte ich mich weiter, "schließlich haben wir mit den dunklen Elben nichts gemein." Anordil seufzte. "Das ist es ja", flüsterte er, "äußerlich unterscheiden sie sich nur wenig von uns. Für menschliche Augen nicht wahrzunehmen. Und wenn sie nach all der Zeit erneut zum Vorschein kommen, so ist dies höchst alarmierend. Wir müssen herausfinden, was in der Burg geschah."

"Ruhe", knurrte uns einer der Soldaten an und stieß Anordil den Speerschaft unsanft in die Rippen. Ich öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, aber Anordil sah mich warnend an. Also unterließ ich es.

In den nächsten Tagen hatten wir kaum Gelegenheit miteinander zu reden. Wenigstens gab man uns ein bisschen zu Essen und Wasser. Folglich war ihnen daran gelegen, uns lebendig zur Burg zu bringen. Drei Tage waren wir bereits unterwegs. Die Fesseln scheuerten an den Handgelenken. Mittlerweile waren diese bei mir wund gerieben. Es brannte höllisch. Mit stoischer Mine ertrug ich den Schmerz. Anordil ließ sich nichts anmerken. Über Tag band man uns auf dem Pferderücken fest. Abends wurden wir herunter gezerrt und aneinander gefesselt oder an einen Baum gebunden.

An diesem Abend entzündeten sie jedoch ein Feuer. Anscheinend fühlten sie sich sicher. Sie unterhielten sich gedämpft. Es war einer von vielen Dialekten des Westron, die hier im Süden gesprochen wurden. Ich verstand sie nur bruchstückhaft, im Gegensatz zu Anordil. Sein Sprachtalent war unschlagbar. Angestrengt lauschte er dem Gespräch.

"Sie erzählen über das Attentat", flüsterte er, "ihr Herr ist Taleron Asar Quentirios, einer der Provinzfürsten in Mirëdor. Anscheinend hat er mit Mühe den Angriff überlebt. – Ein Pfeil. – Sie reden über einen Pfeil, der ihn traf. – Wohl nicht tödlich, doch er ist ernsthaft verwundet. – Sie bringen uns tatsächlich nach Caras Gollorod, der Stadt auf dem goldroten Berg. Von hier aus noch etwa sieben Tagesreisen."

"Beruhigend", erwiderte ich bissig, "damit wissen wir zumindest, wie lange wir mindestens zu leben haben." Anordil schaffte es tatsächlich zu lächeln. "Du hast aber wenig Vertrauen in mir!" Sarkastisch klangen seine Worte. Intensiv schaute ich ihn an. Er wusste, dass ich es hasste, wenn er so überheblich klang.

"Wie soll ich Optimismus ausstrahlen, wenn ich sehe, dass wir beide an Händen und Füßen gefesselt einem, wenigstens bei unseren Wächtern, überzeugtem Ende entgegen geführt werden", entgegnete ich trocken.

"Haltet endlich euer Maul", knurrte einer der Wachen und stieß mich grob an. Heißer Schmerz durchfuhr mich. Anordil knurrte ihn ungehalten an. Was ihm gleichfalls einen Schlag einbrachte. Aus diesem Grunde verlegten wir uns wieder auf Schweigen und Beobachten. Die Dinge, die wir im Moment am besten beherrschten. Bei den nächsten abendlichen Rasten gelang es Anordil einiges an Information zu sammeln. Wann immer es ging, teilte er mir die Brocken mit. Allmählich kristallisierte sich ein Bild heraus.

Fürst Taleron Asar Quentirios und seine Familie waren beim Volk außergewöhnlich beliebt. Seine Regentschaft schien harmonisch zu verlaufen. Immerhin war seine Familie seit etwa zweitausend Jahren an der Macht. Niemand machte ihnen den Anspruch streitig. Zumindest schien das so, bis es vor etwa zwei Wochen bei einer öffentlichen Kundgebung ein Attentat gegeben hatte. Unvermittelt regneten Pfeile vom Himmel. Die Gemahlin und seine Kinder starben im Pfeilhagel. Nur eines der Kinder und er selber überlebten schwerverletzt. Die Soldaten waren sich nicht sicher, ob er noch leben würde, wenn sie zurückkehrten. Die überlebende Tochter zumindest wähnten sie bereits im Reich der Schatten.

Zufälligerweise war sie die einzige wirkliche Augenzeugin. Sie hatte mit großer Wahrscheinlichkeit den oder die Mörder gesehen. Doch sie lag seitdem ohne Bewusstsein danieder. Die Krieger sprachen oft über die möglichen Gründe des Attentates. Wir hatten bald die freie Auswahl. Von einer alten Fehde war die Rede sowie von politischen Gegnern, die sich jetzt die Hände rieben. Von Blutrache und Kriegstreiberei. Nur eines war sicher. Es sollen Elbenpfeile gewesen sein.

Gegen Mittag des zehnten Tages erreichten wir die Stadt. Trutzig und gedrungen schmiegte sie sich ins Gebirge. Die Außenwälle waren aus Bruchstein gemauert und mit winzigen Scharten versehen. Das mächtige Eisentor wurde stark bewacht. Schwarze Flaggen wehten träge im Wind. Innerhalb der Stadt war die Stimmung gedrückt. Das Volk hastete rasch durch die Gassen und vermied es den Soldaten im Weg zu stehen. Viele von ihnen hatten die Gesichter mit schwarzen Schleiern verhüllt. Trotzdem musterten uns etliche kohlschwarze Augen mit Hass.

Vor einer eisenbeschlagenen Tür im Fels machte der Troß halt. Man hob uns von den Pferden. Der Hauptmann schlug gegen das Holz. Es hallte dumpf. Sekunden später wurde ihm geöffnet. Man stieß uns vorwärts. Nach dem grellen Sonnenlicht war es beinahe schmerzhaft dunkel. Ich stolperte hinter Anordil her den Gang entlang.

Allmählich gewöhnte ich mich an das Dämmerlicht. Ich konnte nun erkennen, dass eine vereinzelte halb abgedeckte Laterne spärliches Licht schenkte. Von diesem Hauptgang zweigten weitere Gänge ab. Gittertüren waren zu sehen. Ketten rasselten unheilvoll. Leises Gemurmel und Stöhnen von Gefangenen war zu hören. Eisige Schauer rannen über meinen Rücken. Es war noch nicht allzulange her, wo ich ähnliches gehört hatte. Grob wurden wir in eine Zelle gestoßen. Als die Gittertür zufiel, hallte es laut in meinen Ohren wieder. Dann waren wir alleine.

"Und nun", fragte ich leise. "Werden wir weiter abwarten", erwiderte Anordil ruhig. Eine kurze Welle magischer Energie war zu spüren. Sekunden später fielen seine Fesseln. Anschließend befreite er mich. Erstaunt sah ich ihn an. "Aber ...", platzte es aus mir heraus. Rasch legte er mir einen Finger auf den Mund.

"Es genügt nicht einen Elben einfach nur zu fesseln", wisperte er leise, "wir hätten jederzeit fliehen können. Doch ich bin neugierig, was in dieser Feste geschieht. Vor tausendfünfhundert Sonnenläufen, als ich mit Elrond reiste, war ich bereits Gast hier. Damals wurden wir mit offenen Armen empfangen." Frustriert sah ich ihn an. "Hättest du nicht was sagen können", knurrte ich, "die ganze Zeit zerbreche ich mir den Kopf, wie wir aus dieser zerfahrenen Situation wieder herauskommen und du hättest jederzeit einfach auf und davon spazieren können!" Er lächelte mich sanft an. "Aranno nin anor nîn – verzeihe mir, meine Sonne", sagte er und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht.

"Wie soll ich dir verzeihen, wenn du nicht die Wahrheit sprichst", platzte es aus mir heraus. Ruhig sah Anordil mich an. Mit keinem einzigen Muskelzucken zeigte er mir, dass er sich ertappt oder zumindest sich schuldig fühlte. "Ich sagte dir jederzeit die Wahrheit", entgegnete er, "was ist mit dir? Warum denkst du, ich belüge dich?" Seine blauen Augen bohrten sich in meine. Ich schmolz dahin, wie Butter in der Sonne. Verlegen rieb ich mir meine wunden Handgelenke.

"Es sind nur Kleinigkeiten", versuchte ich auszuweichen, "manchmal habe ich das Gefühl, dich nicht zu kennen." Fragend sah er mich an. "Erinnerst du dich an Rom", fragte ich ihn daher, "ich meine nicht Giovanni und die Feste Medievali, sondern das alte Rom unter Kaiser Nero." "Ja", entgegnete er, "ich erinnere mich. – Was hat dich dort verunsichert?" "Verunsichert nicht", brach es aus mir heraus, "es ist nur, dass ich die Zauber nicht erwartete, die du dort verwendet hast. Unsichtbarkeit ohne dass es eine Illusion war. Das Schutzschild, als die Feuersbrunst uns einholte oder wie du das Leben des Pomodus genommen hast. – Es waren die stärksten Zauber, die ich je gespürt hatte. Nur die Istari sind im Normalfall so mächtig."

Anordil beobachtete mich amüsiert. So sah er jedenfalls aus. Versöhnlich reichte er mir die Hand. "Es ist nicht so, dass ich ein Istari wäre", hob er an, "es gibt Elben, die der Magie kundig sind. So wie der edle Elrond, die Hohe Frau Galadriel oder der Schiffsmeister Círdan, um nur einige zu nennen. Sie bekamen ihre Macht von den Valar. Elben sind an sich bereits magische Wesen."

Verwirrt sah ich ihn an. "Du erzählst mir nichts neues", entgegnete ich knurrig, " Er lächelte mich an. "Was weißt du über die Ainur", fragte er mich unvermittelt. Überlegend sah ich zu ihm hinüber. "Die Ainur", antwortete ich nach einigen Sekunden, "schufen Arda mit ihrer Musik. Sie sind die Kinder Ilúvatars. Sie verbanden sich mit Arda und sorgten dafür, dass die Welt wuchs und gedieh. Wenn ich mich recht erinnere, dann waren fünfzehn von ihnen besonders mächtig. Sie wurden zu den Valar, den Kräften Ardas. Einer von ihnen, Melkor, wandte sich ab und er wurde zum ersten Herrn der Dunkelheit."

Anordil nickte zustimmend. "Das ist richtig", sprach er, "du erinnerst dich sehr gut. Die Valar sind die Gedanken Ilúvatars. Jeder einzelne von ihnen hat eine besondere Gabe. Außer Melkor. Dieser hat von allen ein bisschen. Er ist der Mächtigste der Valar gewesen. Nur die gemeinsame Kraft aller konnte ihn besiegen."

Ich lehnte mich gegen die Kerkerwand. Sie war kalt und rauh. "Was haben die Anfänge Mittelerdes mit dir und Luvalaes zu tun", fragte ich. Anordil verschränkte seine Arme und lächelte mir verschmitzt zu. "Du könntest raten", forderte er mich heraus. Wütend blitzte ich ihn an. "Raten", brach es aus mir heraus, "erst bringst du uns in diese Lage und dann solch ich auch noch Ratespielchen machen? Ich habe ein Recht zu erfahren, wer du bist, Anordil Glordoronion! – Ich bin deine Gemahlin. – Ich vertraue dir blind, aber ich will wissen, wer sich in dir verbirgt. – Elben und ihr Halsstarrigkeit. Schlimmer als Zwerge!"

Vergnügt folgte Anordil meinem Ausbruch. Ruhig sah er mir dabei zu, wie ich in unserem Kerker auf und ab lief, wie ein gefangener Warg. "Ich liebe es, wenn du aus dir herausgehst", scherzte er, "ich hätte mir zwar einen anderen Ort gewünscht, aber dieser hier wird auch gehen." Er machte eine kurze Pause. "Die Valar waren die mächtigsten der Ainur, als sie nach Arda kamen", hob er an, "doch es gab auch die weniger mächtigen. Sie begleiteten die Valar und aus ihnen formten sich die Maiar, zu denen die Istari gehören. Gandalf der Graue, Radagast der Braune und Saruman der Weiße, um nur einige zu nennen. Aber es gab noch andere Ainur, die zwar Macht besaßen, aber sie nicht gebrauchten oder wollten oder lenken konnten. Sie gaben die Kräfte nur weiter an ihre Nachkommen. Eine von diesen Maiar, Melian, hatte eine jüngere Halbschwester, Faenmîr, ..."

"Melian, die Mutter Lúthiens? Die Mittelerde mit dem Gesang der Vögel erfüllte", unterbrach ich ihn fragend, "diejenige, welche Thingol von Doriath zum Gemahl wählte?" "Genau diese", bekräftigte Anordil, "Melian, die Stammmutter Elronds und auch Aragorns. – Ihre Halbschwester Faenmîr verband sich zu Beginn des Ersten Zeitalters mit Glordoron aus dem Hause Finwës. Sie gebar ihm fünf Söhne – Fainthôr, Nauroval, Celebech, Anordil, Luvalaes - sowie drei Töchter – Ninglor, Faenêl, Gaerannûn. - Fainthôr und Celebech wurden während es großen Krieges gegen Sauron getötet. Ninglor wurde von Orks entführt. Nach unvorstellbarer Folter zerbrach sie und unterwarf sich den dunklen Mächten. Wenig später tötete sie ihre Schwester Faenêl, als wir sie befreien wollten. Ninglor fand durch meine Hand den Tod - " Schmerz verdüsterte sein Gesicht.

"Ich konnte es lange nicht verwinden, dass ich sie töten musste", flüsterte er, "aber es war eine Notwendigkeit." Tief holte er Luft. "Gaerannûn schließlich begleitete unsere schwerverletzte Mutter in den Westen", fuhr er fort, "sie war Mittelerde überdrüßig geworden und ihre Wunden konnte nur dort Heilung finden. Selbst eine Maia kann an den Rand des Todes gelangen. - Einzig Nauroval, Luvalaes und ich sind in Mittelerde bei unserem Vater geblieben. Nauroval steht im Dienste Galadriels und Luvalaes und ich gehen eigene Wege."

Entgeistert hatte ich ihm zugehört. Es dauerte eine Weile, bis ich seine Worte verstanden glaubte. "Du bist das Kind einer Maia", fragte ich ungläubig. "Wenn du so willst – ja", antwortete er schlicht, "wir Kinder haben in unterschiedlicher Weise die Gabe erhalten. Nauroval verfügt beispielsweise über die Gabe der Voraussicht, wie Elrond und Galadriel. Einer der Gründe, warum die Hohe Frau ihn an ihren Hof berief. Luvalaes bezaubert mit seiner Musik und versteht sich auf die Wege des Wandelns. Ich selber habe die Gabe des Heilens und beherrsche die Magie des Feuers. Diese Sprüche fallen mir am leichtesten. Wir besitzen zwar noch das Wissen über eine Reihe anderer Zaubersprüche, aber es ist nicht gesagt, dass wir diese dann auch beherrschen. Einige schon, andere wiederum nicht."

Immer noch starrte ich ihn an. "Aber in Rom hast du eine Wand aus Luft errichtet und uns vollständig unsichtbar gemacht", warf ich ein, "du musst den Istari ebenbürtig sein!"

Er schmunzelte. "Nein, die Istari sind reine Maiar", erklärte er, "in mir und meinen Geschwistern ist das Blut bereits vermischt. Und im übrigen fielen mir die Zauber in deiner Welt leichter. So konnte ich selbst Sprüche einsetzen, die ich hier kaum oder gar nicht beherrschen kann. Diese Sprüche sind sehr stark und fordern große Mengen magischer Energie. In deiner Welt gibt es niemanden, der die Energien nutzt. Folglich steht viel davon zur Verfügung. Denn es stimmt nicht, dass auf deiner Welt keine Magie vorhanden ist. Sie ist da. Sonst hättest du nicht zaubern können. Ohne Energie funktioniert kein Spruch, egal wie einfach er ist. Du wirst feststellen, dass einige Sprüche dir hier schwerer fallen, als in deiner Welt."

Vor Erstaunen blieb mir der Mund offen. Langsam schloss ich diesen und versuchte mich zu fangen. "Außerdem sind mir Grenzen gesetzt, die ich nicht überschreiten darf", fuhr er fort, "in deiner Welt habe ich zwar die eine oder andere berührt, aber solange ich es nicht übertreibe, bestrafen mich die Valar nicht. Hier in Mittelerde sind meine Grenzen enger." "Du bist ein Kind der Maiar", wiederholte ich, "du bist beinahe ebenbürtig mit den Istari. Stammst zusätzlich aus dem Hause Finwës. - Was verschweigst du mir noch? Das Gandalf der Graue dein Blutsbruder ist?" Das letzte war als Scherz gedacht. In Anordils Augen blitzte es. "Gandalf der Graue ist ein Istari und damit nicht mein Blutsbruder", lächelte er mich an, "eher ein Onkel. Und außerdem bin ich den Istari nicht ebenbürtig. Ich kann keinem von ihnen das Wasser reichen."

Ich benötigte einige Minuten, um wieder klar zu denken. In meinen Kopf schwirrten Tausende von Fragen. Aber als ich eine davon stellen wollte, legte er mir seinen Finger sanft auf meine Lippen. Bestimmend schüttelte er den Kopf.

"Ich denke, dass ich dir nun soweit alles gesagt habe", lächelte er mich an, "falls ich etwas vergass – so wird es später zu Tage kommen. Zudem war dies die Kurzfassung meiner Geschichte. Immerhin lebe ich lange genug um einiges zu berichten." Womit er maßlos untertrieb. Über viertausend Jahre waren bei weitem kein Pappenstiel. Und er hatte mit Sicherheit einiges vergessen zu erwähnen. Womit würde er mich als nächstes überraschen? Denn heute würde ich nichts mehr aus ihm heraus bekommen. Egal, wie bohrend meine Fragen sein mochten. Folglich verlegte ich mich aufs Nachdenken. Jedenfalls hatte ich nun genügend, über was ich grübeln konnte in der Zeit des Wartens.

Einige Stunden nach dem wir den Kerker betreten hatten, öffnete sich die Gittertüre mit einem unheilvollen Rasseln. Der Hauptmann knurrte ungehalten, als er sah, dass wir uns unserer Fesseln entledigt hatten. Rasch ließ er uns erneut binden, bevor man uns grob nach draußen stieß. Aus einem der Gänge fiel Licht ins Innere. Ich erhaschte einen Blick auf gleißenden, beinahe weißen Sand.

Grauenhafte Bilder aus der Arena Neros, Erinnerungen an das alten Rom, durchzogen blitzartig meine Gedanken. Schauer rannen über meinen Rücken. Ich hoffte, dass sich mein ungutes Gefühl nicht bewahrheiten würde. Durch eine weitere eisenbeschlagene, schwer bewachte Tür gingen wir nach draußen. Eine Eskorte schloss sich uns an.

Unser Weg führte uns durch etliche Gassen. Diese waren nun ein wenig belebter als vorhin. Von allen Seiten wurden wir beschimpft. "Mörder", hallte es uns entgegen, "verdammtes Elbenpack!" Andere noch weniger schmeichelhafte Dinge drangen an unsere Ohren. Gelassen ließ Anordil die Schimpftiraden über sich ergehen. Ich versuchte es ihm gleichzutun. Manchmal wurden diese Beleidigungen begleitet von einem schmerzhaften Stoß in die Seite oder auf den Rücken. Was eben eher in Reichweite lag. Ich begriff nun, woher die Bezeichnung Spießrutenlauf kam. Nach endlosen Minuten hatten wir unser Ziel erreicht.

Eine Treppe aus Stein erhob sich vor uns. Diese wurden wir hinauf gestoßen. Das Portal aus eisenbeschlagenem schwerem Holz wurde, wie alles andere in dieser Stadt, schwer bewacht. Schweigend gab man jedoch den Weg frei. Die dahinter liegende Halle war düster. Dumpf hallten unsere Schritte. Das aufgebrachte Gebrüll der Menge verebbte zu einem leisen Murmeln. Die riesigen Fensteröffnungen waren mit schweren schwarzen Tüchern verhangen.

Am anderen Ende der Halle saß eine einsame Gestalt gramgebeugt auf einem steinernen Thron. Das schwarze Gewand gab ihr das Aussehen eines unheilvollen Rabens. Seine graue Hautfarbe wies ihn als Adena aus. Dichtes, schwarzes Haar, das vereinzelt von weißen Strähnen durchzogen war, fiel wirr bis über die Schultern, gehalten von einem schmalen goldenen Reif. Der Mann stützte sich schwer auf einen Arm. Das Gesicht vor Trauer in der Hand verborgen. Der linke Arm wurde von einer Binde gestützt. Der helle Verband bildete einen merkwürdigen Kontrast in der ganzen Düsternis.

In respektvollem Abstand standen weitere Männer in langen dunklen Roben. Dem Anschein nach Berater. Aufgeregt flüsterten sie miteinander, als wir herein geführt wurden. An den Seiten und an den Türen bemerkte ich schwerbewaffnete Wachen.

Der Hauptmann führte uns bis vor das niedrige Podest heran, worauf die einsame Gestalt des Mannes thronte. "Mein Gebieter", sagte er leise, "ich bringe euch die Gefangenen." Er verneigte sich kurz und trat zur Seite. Von hinten stieß man uns in die Kniekehlen. Unwillkürlich schossen mir Tränen in die Augen, als ich zu Boden stürzte. Mit Mühe konnte ich einen Schmerzenslaut unterdrücken. Anordil blieb allerdings stehen wie ein Fels.

"Ein Elb beugt vor keinem Menschen das Knie, merke dir das", wisperte er freundlich. "Und wer würde uns daran hindern, dich dazu zu zwingen", die Stimme des Mannes war wie ein eisiger Windhauch. Ich blickte zum Thron. Taleron hatte nun das Gesicht gehoben. Gram und Schmerz hatten tiefe Linien hinein gegraben. Trauer glänzte in den tiefdunklen, jedoch braun schimmernden Augen, die sein Dúnedainblut verrieten. Eine kaum verheilte Wunde lief quer über seine linke Wange bis über das Ohr hinaus. Dies verlieh ihm ein gespenstisches Aussehen.

"Ihr selber", erwiderte Anordil gelassen, "denn ihr wollt die Mörder eurer Familie." Der Mann sah ihn eisig an. "Elben haben sie getötet", seine Stimme klang heiser, "Elben stehen gefangen vor mir. Demnach sind die Mörder gefasst und meine Lieben können in Frieden ruhen."

Ich spürte, wie Anordil völlig ruhig wurde, einem Eisblock gleich. Ich konzentrierte mich auf das Zuhören. Mittlerweile verstand ich den Dialekt recht gut. "Verallgemeinerungen sind stets die Wurzel allen Übels", sagte er leise, "ich spüre, dass ihr euch nicht wirklich sicher seid, dass es tatsächlich Elben waren. – Und seid versichert, Fürst Taleron, wäre ich wirklich der Attentäter gewesen, würdet ihr nicht mit einer Fleischwunde auf eurem Throne sitzen." Dies hätte ich blind bestätigen können. "Jeder Schütze hat auch einen schlechten Tag", konterte sein Gegenüber, "das rechtfertigt weder mein Gehör noch meine Gnade." "Herr, sprecht das Urteil", raunte einer der anderen Männer ihm ins Ohr.

"Ihr wollt uns verurteilen ohne uns gehört zu haben?" Anordils Stimme war seidenweich. "Mein Herr", fuhr er fort, "ich staune über euer Rechtsgebaren." "Mörder haben nichts anderes verdient", schrie der Mann auf dem Thron. Er war aufgesprungen wie von einer Stahlfeder getrieben. Die Fäuste schlossen sich in der Luft.

"Ihr lasst mir keine andere Wahl", seufzte Anordil gelassen. Nun ging alles äußerst schnell. Derart schnell, dass ich kaum folgen konnte. In einem Sekundenbruchteil hatte Anordil sich von den Fesseln befreit und den Fürsten in Gewahrsam genommen. An Anordils Fingerspitzen glomm es gefährlich auf. Bevor noch jemand handeln konnte, hatte er den Fürsten wie ein Schild vor sich genommen. Den Wachen blieb keine Gelegenheit zum Handeln. Als sie sich endlich bewegten, war es bereits zu spät. Ich kniete immer noch mit gefesselten Händen am Boden und nun spürte ich einen spitzen Gegenstand in meinem Rücken. Ich konnte nur vermuten, dass es sich um eine Hellebarde handelte. Ganz flach atmete ich und vermied jede Bewegung. Aber ich vertraute Anordil. Er hätte mich nicht in diese Lage gebracht, wenn er die Situation nicht beherrschen würde.

"Ich denke, jetzt ist man geneigt uns zuzuhören", sagte er ruhig, "ihr seht, werter Fürst, wenn ich wirklich der Attentäter gewesen wäre, würdet ihr nicht mehr lebendig hier stehen. Ich könnte euch jederzeit töten. Daher lasst uns euch helfen." Vorsichtig bewegten sich die Wachen näher. Hellebarden blitzten. Bögen knarzten gefährlich. Heftige Atemstöße drangen an mein Ohr. Und mit einem Mal konnte ich die Furcht riechen, die von den Männern ausging. Die Luft war zum Zerreissen gespannt. Sekunden verstrichen. In meinem Rücken die Spitze zitterte. Ich konnte nur hoffen, dass diese Wache nicht die Nerven verlor und zustach.

"Meine Männer werden deine Gefährtin töten", stieß Taleron hektisch atmend hervor, "wenn du mir ein Haar krümmst." "Aber es wird dich nicht lebendig machen", erwiderte Anordil weich, "bevor sie meine Gemahlin auch nur berühren können, bist du tot und deine Männer ebenfalls. – Oder glaubst du im Ernst, sie könnten schneller sein, als ein Elb?"

Seine Worte schwangen durch den Raum. Keiner wagte eine Antwort auf seine Frage. In einer Ecke drängten sich die Berater zusammen. Eine Horde verängstigter Weichlinge. Die Wachen, die ich sehen konnte, fingerten nervös an ihren Waffen. Der Geruch der Angst verstärkte sich. Sekunden dehnten sich zu Minuten. Aller Augen waren auf Taleron gerichtet. Von ihm hing es ab, ob diese Situation in einem sinnlosen Gemetzel enden würde oder nicht.

"Lasst die Waffen sinken", sprach er schließlich heiser, "wir wollen hören, was dieser Elb zu sagen hat. – Ihr habt mein Wort, Elb, dass wir euch und eurer Gefährtin kein Haar krümmen werden, sofern eure Schuld nicht bewiesen wurde. – Ich fordere euch auf, eure Unschuld zu beweisen." "So sei es", bestätigte Anordil und lockerte seinen Griff. Taleron konnte wieder ungehindert atmen.

Zögernd entspannten sich die Wachen und steckten ihre Waffen weg. Dann zogen sie sich ein Stück zurück. Auch der spitze Gegenstand in meinem Rücken verschwand. Ich hörte das charakteristische Schleifen, welches entstand, wenn ein Schwert in die Scheide gesteckt wurde. Gelassen kam Anordil auf mich zu. Die Wachen an denen er vorüber kam, wichen furchtsam zur Seite. "Bist du verletzt", fragte er mich leise auf Gälisch, während er meine Fesseln löste. Ich schüttelte verneinend den Kopf. Langsam stand ich auf und richtete mein Gewand. Anordil wandte sich erneut Taleron zu.

"Ihr spracht davon, dass eure Familie mit Elbenpfeilen getötet wurde", hob Anordil an, "sind diese zu betrachten?" Taleron nickte bestätigend. Ein Wink von ihm ließ einen der Wachen nach den Pfeilen eilen. In der Zwischenzeit scharten sich die Berater um Taleron, wie Motten um ein Feuer. Sie hatten sich aus ihrer Angst gelöst und fühlten sich erneut sicher. Jedenfalls wähnten sie sich sicher, jetzt, wo ihr Herr nicht bedroht wurde und die Wachen erneut einsatzbereit waren.

"Soll dies nützen", hörte ich einen von ihnen fragen. "Bedenkt es sind Elben", sprach ein anderer. Ich lächelte müde. Hatte man meine Ohrform übersehen? "Traut ihnen nicht", ein weiterer. Taleron winkte unwirsch ab. Es sah aus, als ob er lästige Fliegen vertreiben wollte.

"Lasst ab von mir", herrschte Taleron die Männer an, "keiner von euch hat mich in den letzten Wochen gut beraten. Ich suche die Mörder meiner Familie und von euch kommen nur leere Worte! – Dieser Elb bietet mir seine Hilfe an, obwohl er unter Anklage steht. Deshalb werde ich ihm eine Chance geben seine Unschuld zu beweisen. Vielleicht finde ich dadurch den oder die Täter. - Wer immer sie sein mögen." Unwilliges Gemurmel war die Antwort. Seine Ratgeber waren einhellig nicht seiner Meinung.

"Dies sind die Pfeile, mein Gebieter", sagte der Wachtposten und überreichte sie Taleron. Widerstrebend streckte dieser die Hand danach aus. Man sah förmlich, wie er sich beherrschen musste. Kurz bevor er sie berührte, überlegte er es sich anders. Er gab der Wache einen Wink die Pfeile an Anordil zu reichen. Mit Vorsicht näherte sich die Wache Anordil. Dieser lächelte freundlich und nahm die Pfeile in die Hand. Interessiert betrachtete Anordil die dargereichten Pfeile. An den Spitzen war getrocknetes Blut zu sehen.

"Sie sind Elbenpfeilen außerordentlich nahe", murmelte er auf gälisch, "doch sieh -" dabei deutete er auf die Federn und die Art, wie sie verarbeitet waren "- bei oberflächlicher Betrachtung sehen sie tatsächlich so aus. Nur diese stammen nicht aus Elbenhand." Ruckartig drehte er sich zu Taleron um.

"Herr Taleron", sagte er bestimmend, "diese Pfeile sind nicht von Elben gefertigt worden. Kein Haus ist mir bekannt, dass diese Art der Pfeile verwendet. Sei es im Norden oder Süden. Vergleicht meine eigenen dagegen, die euer Hauptmann dort in Verwahrung hat." Anordil deutete hinüber zu unserer Bewaffnung. Taleron winkte einen seiner Wachen ihm einen Pfeil aus Anordils Köcher zu bringen. Aufmerksam verglich er jedes Detail.

"Ihr habt Recht", bestätigte er überrascht, "diese Pfeile sind verschieden gefertigt. Die Spitze ähnelt eher einer aus unseren eigenen Werkstätten. Sie wurden nach geschliffen. An diesen Stellen sieht man die Spuren. – Wachen, ..."

In diesem Augenblick hechtete Anordil nach vorne auf Taleron zu. Ich spürte einen Luftzug an mir vorbei ziehen und ein leises metallisches Sirren. Den Bruchteil einer Sekunde später erfolgte ein dumpfer Aufprall. Zitternd blieb ein Dolch in einem der Pfosten hinter Talerons Thron stecken. Wäre Taleron nicht zu Boden geworfen worden, würde dieser jetzt im Halse Talerons sein Ziel gefunden haben.

Augenblicklich entstand Tumult. Ich sprang auf meine Waffen zu und ergriff eines meiner Schwerter. Rasch sah ich mich um. Doch ich konnte niemanden entdecken. Anordil stand schützend über Taleron. In seinen Händen glomm Feuer. Nirgendwo war indes ein Ziel zu sehen. Der Werfer des Dolches hatte sich in Luft aufgelöst.

Allmählich kehrte wieder Ruhe ein. "Ich danke euch, Elb", sagte Taleron mit kratziger Stimme, als er aufstand, "nun ist es bewiesen, dass ihr unschuldig seid. - Bitte verzeiht den groben Empfang in meiner Stadt." "Es gibt nichts zu verzeihen", entgegnete Anordil trocken, "ich bin Anordil Glordoronion und dies ist meine Gemahlin Arwen Ceridwen. - Ein Attentäter ist in euren Reihen. Vielleicht können wir euch helfen ihn aufzuspüren." "Ja", murmelte Taleron leise, "denn von diesem Haufen Crebains kann ich keine Hilfe erwarten." Verhalten deutete er zu der Traube Ratgeber, die sich auf der einen Seite der Halle zusammengedrängt hatten und heftig diskutierten.

Entschlossen wandte sich Taleron um. "Folgt mir", wies er uns kurz an. Mit der Hand gab er einem der Wachtposten ein Zeichen. Wir gingen durch eine schmale Tür an der rechten Seite des Thrones. Der Gang dahinter war kaum breiter als diese. Fackeln an den Wänden verströmten spärliches Licht. Ich bemerkte, dass der Wachtposten vor der Tür Stellung bezogen hatte. Sollte er jemanden daran hindern uns zu folgen, oder sollte er uns daran hindern zu fliehen?

Der Gang führte zu einem im Gegensatz zu der Halle kleineren Raum, der etwa 15 Fuß im Geviert maß. Ein Schreibpult und einige einsame Stühle waren im Raum verstreut. Hohe Regale säumten die Wände. In ihnen stapelten sich Pergamente. Sogar einige gebundene Bücher konnte ich erkennen. Durch zwei schmale hohe Fenster fielen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne herein. Sie vergoldeten ein Portrait der Fürstenfamilie, welches an der gegenüberliegenden Wand hing, gesäumt von etlichen weiteren Gemälden.

"Dies ist alles, was mir geblieben ist", flüsterte Taleron heiser und strich liebevoll über die Leinwand, "nie wieder werde ich das glockenhelle Lachen meiner Gemahlin vernehmen. Niemals wieder die Rufe der Kinder durch die Gänge hallen hören. Nie erleben, wie aus meinen Kindern stolze Krieger und Maiden werden. Nie meine Frau den Schnee des Alters auf ihrem Haupte tragen sehen. – Alles dahin in einem kurzen Augenblick. Vergangen und verloren. – Warum?"

Trauer und Wut schwang in dieser letzten Frage mit. Unwillkürlich griff ich zu meinem kleinen Amulett mit dem Bild meiner Familie. Ich hatte sie verloren, wie er. Mir wurden sie gleichermaßen aus den Händen gerissen, mitten aus dem Leben. Das Bild ihrer Mörder unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt. Ich konnte Taleron gut verstehen. Auch ich hatte mich nach Rache gesehnt. Doch dann ließ ich denjenigen am Leben, der diese Morde beauftragte. Warum? Hatte er nicht den Tod verdient? Oder wollte ich ihn leiden lassen? Ausgeliefert den Phantomen seiner Einbildung? Rache – ja, Rache hatte ich ein wenig genossen. An denen, die den Mord ausführten. SIE hatte ich treffen können. Aber sie waren doch nur Werkzeuge gewesen. Werkzeuge eines kranken Geistes. Meine Augen musterten Taleron. Was war mit ihm? Würde er seine Familie rächen können? Ich hoffte, dass wir ihm Hilfe sein konnten.

"Seit der Zeit, als ich das letzte Mal die Gastfreundschaft dieser Mauern genossen habe, hat sich einiges geändert", sagte Anordil und setzte sich elegant auf einen der Stühle. Ich blieb dagegen stehen. Taleron, der unruhig hin und her wanderte, fuhr herum. "Ihr wart bereits einmal hier", fragte er Anordil überrascht.

Anordil lächelte verhalten. "Es ist etwa tausendfünfhundert Sonnenläufe her", erwiderte er, "damals herrschte euer Ahnherr Asar Ramandar Quentirios in diesen Gemäuern. Der edle Lord Elrond weilte mit seinem Gefolge nur wenige Tage hier. Mir war die große Ehre zuteil, ihn begleiten zu dürfen. Ich erinnere mich gut daran." Taleron musterte ihn scharf, bevor auch auf seinem Gesicht der Anflug eines Lächelns entstand. "Ich vergaß, wie alt ihr Elben werden könnt", seufzte er, "die Zeiten waren friedlicher, als Asar der Weise auf diesem Stuhl saß." Mit einer Hand wies er zu einem der alten Gemälde. Ein Adena mit eisgrauem Haar und den Augen eines Adlers blickte von dort stolz zu uns herunter.

Taleron schwieg, während er zu seinem Ahnherrn blickte. Gedankenverloren nestelte er an dem Verband herum, den er trug. Meine Aufmerksamkeit wurde zu den Fenstern gelenkt, die mich magisch anzogen. Ein leichter Windstoss liess mich erstaunt aufblicken. Tatsächlich, in den Fenstern befand sich kein Glas. Stattdessen bestanden sie aus einem filigranen Kunstwerk aus Metall. Und ich hatte gedacht, dass das Glas wie ein mittelalterliches Kirchenfenster zusammengesetzt war. Stattdessen ähnelte es eher den orientalischen Haremsfenstern. Von diesen aus hatten man einen hervorragenden Blick über den Innenhof der Burg. Das Tor war ungehindert im Blickfeld. Wachen patrouillierten. Jeder, der ein und aus ging wurde kontrolliert – bis auf die Ratgeber des Herrschers. Sie und ihr Gefolge konnten ungehindert passieren. Ich runzelte die Stirn. Etwas war dermaßen faul, dass ich es beinahe riechen konnte.

"Was ist geschehen", fragte Anordil leise und durchbrach damit das Schweigen. Taleron seufzte schwer. Er wandte sich zu dem Gemälde. Langsamen Schrittes ging er darauf zu. Ganz sacht berührte er die bemalte Leinwand und fuhr mit seinem Finger behutsam die weichen Züge der Frau nach, aus deren kohlschwarzen Augen Selbstbewusstsein sprach.

"Zwanzig Tage ist es jetzt her", hob er an, "es war der Auftakt zum Fest des Friedens. Jeder trug sein Festgewand. Die Stadt war herausgeputzt. Überall herrschte ausgelassene Stimmung. Die Banner wehten im leichten Wind. Die Sonne stand strahlend am Himmel. Es versprach ein herrlicher Tag zu werden." Er verharrte einen Augenblick. Er konnte seinen Blick nicht von dem Gemälde wenden. Abrupt drehte er sich um. In seinen Augen schimmerten Tränen.

"Wir machten uns bereit, den Weg zur Arena zu beschreiten", fuhr er fort, "dort sollte feierlich ein Stier geopfert werden. - Meine Frau Alissa trug ein sonnengoldenes Gewand. Ich sehe sie vor mir, wie sie mich anlächelte. Meine Kinder waren in dunkelrote Seide mit goldenen Bändern gekleidet. Meine älteste Tochter Melisande hätte an diesem Tag ihren sechzehnten Geburtstag gefeiert und damit ihre Reife erlangt. Ihre Vermählung sollte beim abendlichen Ball bekannt gegeben werden. Meinem ältesten Sohn Ronasar war die Ehre übertragen worden, den Stier für das Opfer zu töten. Er zählte just achtzehn Sommer. -"

Er stockte. Man sah ihm an, dass er kaum die Kraft hatte weiter zu sprechen. Zu nah waren die Ereignisse und zu frisch die Erinnerung. Nach Fassung ringend barg er sein Gesicht in den Händen. Erst einige Minuten später konnte er weiter sprechen.

"Die Wege waren geschmückt. Musik erklang. Aufgeregt rannten meine jüngeren Kinder hin und her", ein wehmütiges Lächeln überzog sein Gesicht, "schließlich setzten wir uns in Bewegung. Die Menge jubelte. Langsam hielten wir auf die Arena zu. Blütenblätter wurden auf unseren Weg geworfen. Ein wahrer Regen an Blüten. Der liebliche Duft erfüllte die Luft."

Er wandte sich erneut dem Gemälde zu. "Wir konnten die Arena sehen, als es plötzlich Pfeile regnete", sagte er mit tränenerstickter Stimme, "Schreie gellten durch die Luft. - Ich sah, wie Alissa zu Boden stürzte. Ungläubig sah sie mich an. Ihre Hände umklammerten einen Pfeil, der sie in die Brust getroffen hatte. Blut befleckte ihr goldenes Gewand. - Ich hörte meine Kinder schreien. - Melisande lag bereits am Boden, als ich mich zu ihr umwandte. Zwei Pfeile hatten sie getroffen. - Elbenpfeile ragten aus ihrem Körper. - Entsetzen in ihren starren Augen. - Ronasar, mein Sohn, taumelte mir entgegen. Sein Leib von Pfeilen gespickt. - Tot brach er zu meinen Füßen zusammen. -"

Er schluckte. Die Stimme sank zu einem Flüstern. Tränen liefen über seine Wangen. " - Heißer Schmerz durchfuhr mich", sprach er weiter, "ich war ebenfalls getroffen. Blut beschmierte meine Hände. – Ich konnte nicht glauben, was sich mir für ein Anblick bot. Um mich herum sanken meine übrigen Kinder tödlich getroffen zu Boden. – Die goldenen Bänder ihrer Gewänder flatterten im Wind. - Amali, Marigo, Tamera und Asaron, mein jüngster Sohn. Blutlachen breiteten sich auf der Straße aus. – Unaufhaltsam. – Ströme von Blut. – Es floss aus ihren leblosen Körpern. – Ihre Augen starrten in den blauen Himmel. -"

Er stockt, unfähig weiter zu sprechen. Schwer atmet er. Die Last der Trauer drückte auf seinen Schultern. Er schämt sich seiner Tränen nicht. Mit dem Handrücken wischte er sie fort. Nur um Platz für weitere zu schaffen. " - Mir wurde schwarz vor Augen", seine Stimme war kaum hörbar, " - als ich wieder erwachte, lag ich in meinen Gemächern. Meine Gemahlin und meine Kinder waren tot. - Bis auf Tamera. Sie wurde nicht tödlich getroffen. Man fand sie blutüberströmt, aber lebend. - Doch seither liegt sie in ihren Gemächern und dämmert vor sich hin. Ihre Wunden sind nun beinahe verheilt. Aber sie verweilt in einem Zustand zwischen Tod und Leben. Wenn sie für Augenblicke erwacht, so redet sie wirr. Der Heiler besucht sie stündlich und ihre Zofen wachen an ihrem Bett. - Sie ist doch die einzige, die mir geblieben ist."

Anordil hatte die ganze Zeit schweigend zugehört. Auch nun schwieg er. Er ließ Taleron Zeit, sich zu fangen. Dieser wandte sich von dem Gemälde ab, vor dem er verharrt hatte. Mit einigen raschen Schritten war er am Fenster und atmete tief ein. Seine Schultern zuckten. Verhaltenes Schluchzen war zu hören. Ausdruck einer tiefen Trauer. Ich konnte ihn so gut verstehen. Mir standen ebenfalls Tränen in den Augen, die ich verstohlen wegwischte. Es verstrichen einige Minuten. Von draußen drangen die Geräusche geschäftigen Treibens herein. Das Leben ging weiter.

"Wer könnte Interesse an dem Niedergang eures Hauses haben", fragte Anordil ruhig in die Stille hinein, "es ist offensichtlich, dass euer Geschlecht ausgelöscht werden sollte. Doch wer profitiert davon? Wer ist nach eurem Sohn der Erbe? Seit ihr im Krieg mit jemandem? - Die Elben in Mirëdor halten sich überwiegend für sich. Es ist nicht anders, als sonstwo in Mittelerde. Sie scheren sich nicht um die Belange der Menschen. - Wer könnte demzufolge Interesse daran haben, Menschen und Elben in einen Krieg zu verwickeln?" Taleron starrte in die untergehende Sonne. Rot hatten sich deren Strahlen verfärbt. Es wurde dunkel in dem Zimmer.

"Unser Haus ist seit etwa zweitausend Jahren Erbe des Thrones", erwiderte er, "es gibt, wie überall in den Herrscherhäusern, Intrigen und Machtkämpfe. Mirëdor ist ein Flickwerk kleiner Fürstentümer. Zusammengehalten durch ein Bündnis, welches zum Ende des zweiten Zeitalters geschlossen wurde. Über die Einhaltung der Vereinbarungen des Bündnisses wacht der Rat der Alten. Dies sind die Abgesandten der einzelnen Fürstentümer. Meist ein Angehöriger des Herrscherhauses. Die gegenwärtige Situation ist ..." Abrupt brach er ab. Ein dienstbarer Geist war durch eine Seitentür eingetreten und entzündete die Kerzen in dem Raum. Taleron schwieg, bis dieser wieder verschwunden war.

"Die gegenwärtige Situation", fuhr er leise fort, "ist äußerst schwierig. - Unruhe herrscht seit geraumer Zeit. Aus dem Norden fallen immer wieder Orks und Banditen ein. Es wird immer schwieriger ihnen Herr zu werden. Seit einiger Zeit wirft mir der Rat der Alten Unfähigkeit vor. Man hatte mir vor einigen Monden vorgeschlagen, meine Tochter Melisande an ihrem Geburtstag mit dem zweiten Sohn des Hauses Juvanar in Carasalas zu vermählen. Damit wären die Fürstenhäuser einander verpflichtet und stark genug, einem Angriff aus dem Norden zu widerstehen. - Doch ich lehnte ab."

"Warum", unterbrach ich ihn fragend, "schließlich sind politische Ehen keine Seltenheit. Und manchmal sogar von Bestand." Taleron sah mich mit einem väterlichen Lächeln an. "Ihr habt Recht", erwiderte er, "politische Ehen sind nichts Ungewöhnliches unter den Fürstenhäusern. Doch Melisande wäre nie glücklich geworden und ich wollte sie nicht für einen politischen Schachzug opfern. Außerdem war sie längst einem jungen Elbenfürsten aus Elorna versprochen."

Er drehte sich zu Anordil. "Und Gegner", fragte dieser, "Männer, die fähig wären für Macht zu töten?" Taleron schwieg einen kurzen Augenblick. "Politische Gegner habe ich viele", entgegnete er, "jeder Fürst kann dies nachvollziehen. Ob einige davon fähig wären Morde zu begehen? – Vielleicht. Der eine oder andere. -"

Nachdenklich wanderte er zu seinem Schreibtisch, an dem er sich schwer niederließ. "– Ihr habt vorhin gefragt, wer denn der Erbe wäre, wenn unsere Familie ausgelöscht sei", hob er an, " – nun, in diesem Fall geht der Herrschaftsanspruch zuerst an den Rat der Alten. Diese wählen unter den in Frage kommenden Fürstenhäusern eines aus, dass mehrere Söhne vorweisen kann. Meist wird der zweite oder dritte Sohn gewählt, den verwaisten Thron zu besteigen und ein neues Geschlecht zu gründen. So wurde es festgelegt, als sich die Südreiche im Rat der Alten zusammenfanden." Müde erhob er sich. Unrast hatte ihn erfasst. Mit langsamen, gramgebeugten Schritten näherte er sich erneut dem Fenster.

Schweigen legte sich über den Raum. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden. "Damit habt ihr eure Suche bereits beendet", durchbrach Anordil leise die Stille. Taleron stand nachdenklich am Fenster und starrte in den, vom Schein der Fackeln erhellten, Burghof. Plötzlich fuhr er zusammen, als hätte ein unsichtbarer Blitz in getroffen.

"Oh, ich war blind vor Schmerz", stöhnte er auf, "das ich es nicht gesehen habe. – Doch in den letzten Monden waren unzählige Anschläge und Übergriffe auf mein Haus. Ich war viel zu beschäftigt damit. – Es ist so klar und deutlich!"

Aufgeregt eilte er zu seinem Schreibtisch und wühlte in den Papierrollen. Er murmelte etwas vor sich hin. Dann konnte man ihn wieder verstehen. "Das Haus Juvanar profitiert am meisten von unserem Niedergang. Schon seit geraumer Zeit versuchen sie durch geschicktes Vermählen der Kinder möglichst viele Fürstentümer zu binden", sagte er hastig, "als Melisande ablehnte, hatten sie einen Grund es mit Gewalt zu versuchen. Insbesondere, weil sie einem Elben folgen wollte. - Melisande war zwar nur die zweite in der Erbfolge, aber das wäre ja kein Hindernis gewesen. Ein kleiner Unfall hier, eine Intrige da und der Weg wäre frei gewesen. Nach dem sie den Heiratsantrag verschmähte, musste sich das Haus außerordentlich gedemütigt fühlen. Zumal sie von Elben nicht allzuviel halten."

Anordil lächelte zufrieden. "Das geschieht", warf er ein, "auch gibt es manche Elben, die nicht viel von den Menschen halten." Taleron ignorierte die Worte Anordils. "– Was war somit leichter, als zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen", fragte er aufgewühlt, "ein Anschlag auf unser Haus, vollzogen mit Elbenpfeilen. – Unser Haus würde mit viel Glück mit einem Schlag ausgelöscht und gleichzeitig könnte man einen Krieg gegen die Elben führen. - Zu dumm, dass Tamera und ich überlebt haben."

"Und wie ihr vorhin bemerkt habt", warf Anordil warnend ein, "versucht man diesen Fehler zu korrigieren." Taleron erbleichte. Fahrig fuhr er sich mit einer Hand durch das Haar. "Tamera", flüsterte er und hastete zur rechten Seite durch eine Tür hinaus. Wir folgten ihm raschen Schrittes.

Wie es den Anschein hatte, betraten wir nun den privaten Bereich der Burg. Die Gänge waren breit und mit Bildern geschmückt. In regelmäßigen Abständen standen hohe Vasen auf dem Boden, in denen verblühte Blumengebinde ein trauriges Dasein fristeten. Gewaltige Kerzenleuchter mit dicken weißen Kerzen, von denen nur wenige brannten, spendeten nur unzureichendes Licht. Schlichte, hölzerne Türen versperrten den Blick auf dahinter liegende Räume. An etlichen kamen wir vorbei. Als wir schließlich um eine Ecke bogen, sahen wir vor einer dieser Türen zwei einsame Wachtposten stehen. Sie waren jung, vermutlich hatten sie vor kurzem erst das Mannesalter erreicht. Jedenfalls erschienen die Gesichter unter den Helmen jung. Gekleidet waren sie in die Uniformen des Hauses Quintirios. In ihren Händen hielten sie Hellebarden.

Kaum wurden sie Taleron ansichtig, nahmen sie Haltung an. Ohne sie zu beachten öffnete Taleron die Tür und schritt hindurch. Hinter ihm kreuzten sich die Hellebarden. Man verwehrte uns den Zugang. Mit einer Mischung aus Hass, Misstrauen und Angst beäugten die beiden jungen Männer uns. Es war offensichtlich, dass sie das Gerücht von den elbischen Assassinen für bare Münze hielten. Taleron bemerkte es und rief den beiden einen scharfen Befehl in der Sprache der Adena zu. Sofort gaben sie den Weg frei. Nun mischte sich Neugier in ihre Blicke, die uns folgten, als wir die Gemächer Tameras betraten.

Das erste Gemach, welches wir betraten, diente wohl dem Aufenthalt. Ein Stickrahmen stand achtlos an der mit kostbaren Gobelins verhangenen Wand. Der zierliche Schreibpult am Fenster war mit Pergamenten übersät. An der Wand daneben stapelten sich etliche Pergamente und gebundene Folianten in einem kunstvoll geschnitzten Regal. - Ungewöhnlich für die Gemächer eines adeligen Mädchens. Anscheinend legte Taleron Wert auf eine umfassende Bildung. Auf einem niedrigen Tisch lag eine Laute und eine Doppelflöte zusammen mit einem Stapel Notenblätter. Verschiedenes Spielzeug war zu sehen. Die Vorhänge an den Fenstern waren zur Hälfte zugezogen und nur zwei einsame Kerzen brannten in den gewaltigen Kerzenleuchtern, von denen mehrere im Raum verteilt waren.

Durch eine weitere Tür betraten wir das Schlafgemach. Dunkel war es auch hier. Im Gegensatz zum vorherigen Raum war dieser beinahe spartanisch eingerichtet. An den Wänden hingen ein paar Gemälde. Ein reich geschnitzter schmaler Schrank und eine schwere Kleidertruhe standen an der Seite. Ein schön gedrechseltes vierpfostiges Bett mit hohem Himmel ragte weit in den Raum. Die schweren Samtvorhänge waren bis auf eine Seite geschlossen. Auch die Vorhänge an den Fenstern waren zu. Kein Windhauch wehte herein. Die Luft roch nach starken Kräutern und Krankheit. Einzig in dem Kerzenleuchter neben dem Bett brannten ein paar Kerzen. Davor saß eine Frau mittleren Alters auf einem Stuhl und las aus einem Buch vor. Vermutlich eine Zofe, denn sie trug ein einfaches dunkelblaues Gewand mit einem ebensolchen Kopftuch. Hinter ihr in der Ecke saß eine weitere Frau in gleichartiger Gewandung, die sich bei dem kümmerlichen Licht an einer Stickarbeit versuchte. Sie schien jünger zu sein.

Die Zofen erhoben sich respektvoll, als Taleron eintrat. Erschrocken sahen sie uns an, als wir ihm folgten. Eine von ihnen, diejenige mit dem Buch, stellte sich schützend vor das Bett. Furcht spiegelte sich in ihrem Gesicht wieder.

"Es ist gut Marlani", beschwichtigte Taleron, "weiche zur Seite. Diese Elben sind gekommen, um Tamera zu helfen, nicht ihr zu schaden." "Ja, Herr", antwortete sie leise und trat beiseite. Aufmerksam folgte sie Anordils Bewegungen.

Dieser schob ruhig den Samtvorhang zur Seite, so dass wir Blick auf das Bett bekamen. Spärliches Licht fiel auf eine schmale zarte Gestalt, die beinahe gänzlich von einer weißen dünnen Decke verhüllt wurde. Nur die zerbrechlich wirkenden Arme ruhten reglos auf der Decke. Rabenschwarzes Haar floss in Wellen über die weißen Kissen. Flach ging der Atem. Die Brust hob sich kaum merklich. Wäre die graue Hautfarbe der Adena nicht gewesen, hätte ich gedacht, Schneewittchen läge vor mir.

Sacht berührte Anordil die reglose Gestalt Tameras. Beinahe augenblicklich riss sie die Augen auf. Ihre Augen waren kohlschwarz und blickten irr. Unvermittelt stieß sie einen unmenschlichen Schrei aus und kreischte mir unverständliches Zeug. Augenblicklich waren die Zofen zur Stelle. Sie redeten in der Sprache der Adena auf Tamera ein. Offensichtlich versuchten sie das Mädchen zu beruhigen. Doch es gelang ihnen nicht. Mit wirrem Blick warf sie den Kopf von einer Seite zur anderen.

Taleron wollte sie in seine Arme schließen, doch mit unglaublicher Kraft entwand sie sich ihm. Mit einer Flinkheit, die man nicht vermutete, sprang sie aus dem Bett. Sie wollte flüchten. Aber Anordil hatte sie bereits gefangen. Sanft, aber bestimmt hielt er die sich windende zierliche Gestalt, in dem dünnen, weißen Nachtgewand, fest. Ihre Stimme war voll Panik und entsetzliche Furcht in ihrem umherirrenden Blick.

Er zwang sie in seine Augen zu sehen. Seine gemurmelten Worte waren kaum zu hören. Aber ich spürte deutlich die freigesetzten magischen Energien. Tameras Widerstand erschlaffte zusehends. Einige Minuten später lag sie ruhig und friedlich in Anordils Armen. Mit staunenden Augen hatten die Zofen, wie auch Taleron, dem Geschehen zugesehen.

Behutsam trug Anordil Tamera zum Bett und legte sie in die Kissen. Sie hatte die Augen nun wieder geschlossen. Ihr Atem ging gleichmäßig. "Es ist zu dunkel hier", sagte Anordil leise. Doch seine Worte erreichten nicht die gewünschte Wirkung. Wie festgewurzelt standen die Zofen neben dem Bett. Taleron hatte sich zu Tamera gebeugt und strich ihr zärtlich über die Stirn. "Wir benötigen mehr Licht", mahnte ich Marlani, die ältere Zofe. Nur langsam löste sie sich aus ihrer Starre. Zu langsam für Anordils Geschmack. Seine Worte waren kaum hörbar, aber ich fühlte die Wirkung und sah die befehlende Handbewegung.

Im Kerzenleuchter neben den beiden Zofen flammten die Kerzen hell auf. Auch die anderen Leuchter spendeten nur Sekunden später in hellem Licht. Mit einem erschrockenen Aufschrei wich Marlani zurück. Die jüngere Zofe duckte sich furchtsam. "Verzeiht, wenn ich euch erschreckt habe", lächelte Anordil, bevor er sich der schlafenden Tamera zuwandte.

Taleron hatte seine Hand schützend über Tamera gehalten. Die andere Hand umschloss den Griff seines Dolches. Misstrauen flackerte in seinen Augen. "Freund oder Feind", wisperte er rauh. "Freund", erwiderte Anordil ruhig, "ein Assassine würde nicht so offensichtlich vorgehen. – Vertraut mir."

Es war deutlich zu erkennen, dass Taleron die Worte sorgfältig abwog. Er zauderte mit einer Antwort. Endlich lockerte er seine Haltung. "Ich denke, wenn ihr die Absicht hättet unser Haus zu vernichten", entgegnete er, "so würde dies bereits geschehen sein. Ich vertraue euch, Anordil Glordoronion." Anordil nickte leicht und beugte sich zu Tamera hinab.

Vorsichtig untersuchte er sie unter den wachsamen Augen ihres Vaters. Behutsam löste er die sorgfältig angelegten Verbände. Mehrere Pfeile hatten sie getroffen, aber ihre Wunden schienen gut zu heilen. Einzig ihr Geist war umnachtet. Nach einer Weile wandte sich Anordil zu Taleron.

"Ihre Wunden heilen sehr gut. Die Heiler haben hervorragende Arbeit geleistet", sagte Anordil leise, "jedenfalls, was die offensichtlichen Verwundungen angeht. – Aber der Angriff hat sie weniger körperlich getroffen, als in ihrem Geiste." Er machte eine kurze Pause. Taleron sah ihn fragend an. "Sie hat sich in sich zurückgezogen", erklärte er, "und durchlebt den Augenblick des Angriffes immer und immer wieder. - Wir müssen versuchen dies zu durchbrechen." "Wie wollt ihr dieses Wunder bewerkstelligen", fragte Taleron, "die Heiler meines Hofes haben keine Hoffnung."

Anordil lächelte verhalten. "Es gibt einen magischen Spruch, der hilfreich sein kann", erwidert er zurückhaltend, "allerdings ist er gefährlich." Taleron sah ihn einige Zeit eindringlich an. Auch ich horchte auf. "Die Heiler, die sich um Tamera gekümmert haben, geben ihr nicht mehr lange zu leben", flüsterte er, "sie schwindet, sagen sie. Tameras Geist gleitet allmählich in das Reich der Toten hinüber. – Wenn es eine Möglichkeit gibt, sie zurückzuholen - egal wie gefährlich es ist - werde ich nichts unversucht lassen." Anordil nickte verstehend. "Nun denn, Herr Taleron", sagte er, "müsst ihr mir vertrauen. – Verlasst alle dieses Zimmer. – Du ebenfalls, Arwen." Ich schluckte. Es musste wahrlich gefährlich sein, wenn er uns alle hinaus schickte. Furcht glomm in mir auf. Was hatte er vor? Kannte ich den Spruch?

Anordil sah mein Zögern. Beruhigend blickte er mich an. "Keine Angst", flüsterte er mir auf Gälisch zu, "aber ich brauche dafür absolute Ruhe. Andernfalls verliere ich ihren Geist auf immer. Und aus ihrer wirren Rede konnte ich heraus hören, dass sie wohl Dinge gesehen hat, die von Nutzen sein können." Wollte er den Spruch benutzen, den Celebnen damals bei mir angewandt hatte? Aber dafür würde er doch noch mindestens eine Person benötigen, die als Anker fungierte. "Brauchst du keine Hilfe", fragte ich. "Nein", erwiderte er, "nur Ruhe. Sie ist bereits zwischen den Schatten. Sie sucht einen Weg. – Und den werde ich ihr geben."

Mehr würde er mir jetzt nicht verraten. Mir blieb keine andere Wahl als zu gehen. Ergeben nickte ich ihm zu. "Vertraut Anordil", sagte ich leise zu Taleron, "mir konnte er mein Leben gleichermaßen wiedergeben, als ich beinahe im Reich der Toten war." Taleron blickte voller Hoffnung auf Anordil. Mit einer knappen Geste befahl er den Zofen zu gehen. Langsamen Schrittes verließ er hinter ihnen das Gemach. Zögernd, wie es schien. Ich straffte meine Schultern und versuchte einen gleichmütigen Eindruck zu machen.

Ein beklemmendes Gefühl machte sich in mir breit, als Anordil die Türe schloss. Ich hoffte, dass er dem Mädchen helfen konnte. Minuten später spürte ich die Wellen der magischen Energien, die Anordil beschwor. Überschritt er in diesem Moment seine Grenzen? Unruhig wanderte Taleron in Tameras Gemach herum. Mal schaute er aus dem Fenster zum nächtlichen Sternenhimmel empor, mal musterte er die Rücken der Folianten im Regal. Nach einiger Zeit begann er nervös seine Hände zu kneten. Ab und zu tastete er auch seinen Verband ab. Als würde ihn etwas dort drücken oder zwicken.

Nach unendlich scheinender Zeit öffnete sich zaghaft die Tür. Unsicheren Schrittes kam uns Tamera entgegen. Die nun klaren kohlschwarzen Augen blickten ruhig. Taleron erstarrte. Er war keiner Bewegung fähig. Fassungslos wischte er die Freudentränen aus dem mit einem Male äußerst müde wirkenden Gesicht. Noch reichlich unbeholfen lächelte Tamera ihn an. Sie wirkte erschöpft, wie nach einer langen Reise. "Vater", wisperte sie. Taleron betrachtete sie ungläubig.

"Tamera", seine Stimme klang heiser, "du bist wach?" "Ja, Vater", entgegnete sie, "ich bin zurückgekehrt aus dem Reich der Toten." Mit einer impulsiven Bewegung zog Taleron seine Tochter an sich heran. Stumm drückte er sie immer und immer wieder. Minuten später gab er sie frei. Sie taumelte ein wenig. Noch schien sie zu schwach zu sein.

Anordil war bereits zur Stelle und stützte sie. "Herr Taleron", sagte er leise, "eure Tochter bedarf der Ruhe. Vor allem anderen benötigt sie Nahrung. Lasst zu Anfang eine kräftige Brühe kochen und gebt diese mit etwas Brot. – Und achtet, wer sie reicht." Warnend blickte er ihn an. "Ich werde eurem Rat folgen, Herr Anordil", antwortete Taleron, "doch nun seid meine Gäste. Ihr dürftet ermüdet sein. Folgt meiner Wache. Sie werden euch in ein angemessenes Quartier geleiten. Verlangt, was ihr wollt. Ihr erhaltet es. – Oh, eure Waffen werden euch selbstverständlich wieder ausgehändigt." Anordil verneigte sich leicht.

Taleron rief einen der Wachtposten herein und gab ihm Anweisungen in der Sprache der Adena. Die Wache salutierte, bevor sie uns das Zeichen gab ihr zu folgen. Erleichterung spiegelte sich in dem Gesicht des Mannes wieder. Erleichterung und Freude. Draußen vor den Privatgemächern der Fürstenfamilie drehte der Mann sich unvermittelt um.

"Habt Dank für die Heilung unserer jungen Herrin", wisperte er leise in dem haarsträubenden Westrondialekt des Südens, "ich erkenne, dass wir nicht allen Elben gleich misstrauisch begegnen dürfen." Anordil lächelte nur verhalten. "Nicht jeder Elb, der einen Bogen und Schwerter mit sich führt, ist ein Assassine", erwiderte er trocken, "bedenkt, dass wir gleichfalls unterschiedlichen Pfaden folgen."

Schweigend nickte der Mann, bevor er weiterging. Ohne ein weiteres Wort gingen wir hinter ihm her. Ich sehnte mich bereits nach Schlaf. Ob wir heute noch in den Genuss eines weichen Bettes kommen würden?

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