Ich genoss die Reise auf dem Flussweg. Der Celiant ähnelte ein wenig einer Mischung aus dem Nil und dem Amazonas. Das Flussufer erschien dicht bewachsen, aber nicht derart tropisch, wie in Südamerika. Die Vegetation bestand aus einer eigentümlichen Mischung von dichtem Buschwerk und tropischen Bäume, die mit Schilf sowie papyrusähnlichen Pflanzen sich abwechselten. Der Celiant selbst war äußerst fischreich. In dem klaren Wasser tummelten sich Schwärme von Fischen verschiedenster Art. Bei manchen hatte ich das Gefühl, dass sie Piranhas ähnlich sahen. Aber ich hatte keine Lust meine Vermutung durch Beweise zu erhärten.
Aufgrund des eher leichten Windes kamen wir nur langsam voran. Nach sechs Tagen endlich konnten wir die Brücke vor uns sehen, die den Celiant überspannte. Ich hielt den Atem an. Die Brücke bestand aus vierzehn geschwungenen Bögen, die den Fluss überspannten. Der Wind trug den Geruch von Salz mit sich. Dutzende von Möwen begrüßten unser kleines Schiff mit wildem Gekreische. Deutliche Zeichen, dass das Meer nicht mehr fern war. Freude durchfuhr mich, als ich die Silhouette Ostelors in der Sonne sah. Bald würden wir auf einem Schiff nach Norden sein.
Trutzige Mauern umgaben Ostelor zur Landseite hin. In regelmäßigen Abständen wurden sie unterbrochen von Wachtürmen. Die Stadt selber lag auf einer Landzunge, welche weit ins Meer hinein ragte. Zur Seeseite hin waren drei achteckige wuchtige Türme zu erkennen. In der Einfahrt zum Hafen lag eine kleinere Insel, ebenfalls mit einem achteckigen Turm. Weiter im Inneren der Bucht konnte man eine weitere, größere Insel, auf der ein weiterer Turm in die Höhe ragte, liegen sehen.
Gunumbas Schiff segelte in eines der drei Hafenbecken hinein. Die Häfen zusammengenommen konnten gut und gerne dreihundert Schiffe aufnehmen. Hier lagen die großen Schiffe, die für eine Passage über das Meer gedacht waren. Eines davon würde bestimmt Richtung Pelargir segeln.
Ruhig lenkte Gunumba das Schiff an den Anlegesteg. Bevor er die Ladung löschte, wollte er dem Hafenmeister einen Besuch abstatten. „Wenn ihr es möchtet, so begleitet mich", wandte er sich an Anordil. „Gerne kommen wir mit euch", entgegnete dieser. Gunumba schüttelte bedauernd den Kopf. „Mit Verlaub, Herr Anordil", warf er ein, „nur ihr alleine. Die Menschen in Ostelor sind Frauen gegenüber nicht sonderlich aufgeschlossen. Frauen haben am Hafen nichts zu suchen. – Außer sie gehen dort ihrer Arbeit nach oder sind Sklavinnen, was bei den meisten der Fall ist."
Was das für eine Arbeit war, führte er nicht aus, aber ich konnte es mir denken. „Wir werden an Bord warten", sagte ich zu Anordil, „Reeda und ich werden das Gepäck zusammen räumen." Anordil nickte mir zu. Er schnürte sich eines seiner Schwerter um und folgte Gunumba an Land.
Wir Frauen gingen unter Deck. Allerdings waren wir rasch mit der Packerei fertig. Schließlich hatten wir nicht viel. „Und wie geht es jetzt weiter", fragte Reeda. Ich schnürte meine Schwerter um. „Wir werden an Land gehen und uns nach einer Passage Richtung Norden umhören", entgegnete ich, „Anordil wird den Hafenmeister nach den möglichen Schiffen fragen." Ihre Hände zitterten, als sie den einfachen dunkelgrauen Umhang über die Schulter schlang. „Ich kann es nicht glauben, dass ich bald in der Heimat sein werde", Reedas Stimme klang aufgeregt, „es ist wie ein Traum." Ich lächelte. Wie gut konnte ich sie verstehen. „Komm", sagte ich, „wir müssen an Deck."
Ich nahm eines der Bündel und ging die schmalen Stufen hinauf. Reeda folgte mir. Oben an Bord herrschte noch Ruhe. Doch bald würde hektische Betriebsamkeit ausbrechen. Wir legten unser Gepäck ab und warteten. Von Land aus wurden wir aufmerksam gemustert. Die Passanten warfen uns neugierige Blicke zu. Aber keiner von ihnen wagte es uns anzusprechen. Anscheinend zollte man meinen beiden gekreuzten Elbenschwertern den notwendigen Respekt.
Nach einiger Zeit sahen wir Anordil und Gunumba auf das Schiff zu kommen. „Der Hafenmeister meinte, dass in den nächsten Tagen mehrere Schiffe nach Norden auslaufen", informierte uns Anordil, „wir sollen einfach auf diesen nachfragen, ob sie Passagiere mitnehmen." „Gute Nachrichten", antwortete ich, „was tun wir nun? An Bord solange warten?"
Gunumba schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich werde die Nacht nicht im Hafen verbringen", warf er ein, „sobald wir ausgeladen und wieder neu beladen haben, werde ich den Weg nach Lótor einschlagen. Wegen der Aufstände, die den Handelsweg im Osten blockieren, dürfen die kleinen Schiffe nicht mehr länger als nötig im Hafen liegen." „Das ist bedauerlich", sagte ich, „es hätte einiges erleichtert."
„Ich gebe euch den Rat in der ‚Singenden Möwe' einzukehren", wandte sich Gunumba an Anordil, „das Gasthaus ist sauber, das Essen gut und dort lassen sich nur ehrliche Schiffsführer nieder." „Vielen Dank für euren Rat", entgegnete Anordil, „wir wünschen euch noch eine gute Heimkehr und allzeit Wind, um die Segel zu füllen." Gunumba nickte uns noch einmal zu. Dann verließen wir das Schiff über die wankende Planke.
Es war ein seltsames Gefühl nach all den Tagen festen Boden unter den Füßen zu haben. Meine ersten Schritte an Land fielen etwas wackelig aus. Reeda hatte noch mehr Probleme. Sie schwankte regelrecht hin und her. Doch auch sie fing sich nach einigen Schritten.
Wir folgten Gunumbas Ratschlag und bekamen Quartier in der ‚Singenden Möwe'. Nachdem wir unser Gepäck dort abgestellt hatten, gingen wir erneut zum Hafen. Reeda blieb allerdings im Gasthaus. Ihr hatten die lüsternen Blicke und anzüglichen Bemerkungen der Seeleute nicht behagt. Schließlich trug sie immer noch die Armspange, die sie als Sklavin auswies.
Folglich begleitete nur ich Anordil. Auf dem ersten Schiff, das wir betraten, wurden wir abgewiesen. Das zweite fuhr nicht nach Pelargir. Aber bei dem dritten hatten wir Glück. Es war ein größerer Schoner mit Namen „Stern von Belfalas". Dies ließ uns schon hoffen, dass es zumindest Mecrast anlaufen würde.
Vor der Planke blieben wir stehen. Oben an Bord hantierten einige Seeleute mit Tauen. Es waren drahtige Männer mit von Salz und Wasser gebräunter Haut, die nur eine Bruche um ihre Lenden geschlungen hatten. Unter den Tüchern, die die Häupter verbargen, kringelten sich dunkle Locken.
„Seid gegrüßt", sagte Anordil höflich zu einem der Seeleute auf Westron, „wir suchen euren Kapitän oder Steuermann." Erstaunt blickte dieser zu uns herunter. Als er Anordil als Elben erkannte, verbeugte er sich ehrerbietig. „Ich grüße euch, Herr Elb", gab dieser zurück, „womit kann ich euch dienen?" „Wir suchen Passage nach Pelargir", antwortete Anordil. „Wir steuern Pelargir an", erwiderte der Mann, „dort drüben steht unser Schiffsführer. Mit ihm müsst ihr verhandeln. Kommt doch bitte an Bord, Herr Elb."
Geschickt betraten wir über die Planke das Schiff. Es war bedeutend größer, als das von Gunumba. Aber schließlich fuhr die „Stern von Belfalas" auch über die offene See, was mit einer kleinen Nußschale äußerst gefährlich werden konnte. Der Seemann gab uns einen Wink ihm zu folgen. Er brachte uns zum Vordeck hinüber.
Dort stand ein hochgewachsener Mann, der mit Adleraugen das Beladen des Schiffes verfolgte. Er war in eine blaue, mit hellblauen Stickereien verzierte Hose aus festem Tuch gekleidet. Das Hemd war aus demselben Stoff gefertigt und ähnelte eher einer weit geschnittenen Tunika. Sein dunkelbraunes Haupthaar und der Bart wirkten sorgfältig gestutzt. Die Haut war sonnengebräunt. In den wasserblauen Augen spiegelte sich das Meer.
Der Seemann, der uns begleitete, verbeugte sich knapp. „Diese Reisenden suchen eine Passage nach Pelargir, Herr", informierte er den Mann. Dieser nickte verhalten. Mit einem Wink entließ er den Seemann, der rasch zu seiner Arbeit eilte. „Seid mir willkommen an Bord", grüßte der Mann uns, „ich bin Hadamir Fenward und Herr dieses Schiffes." „Ich grüße euch, Hadamir Fenward", entgegnete Anordil, „wir sind auf dem Weg in den Norden und suchen ein Schiff, das uns mitnimmt. Wir sind zu dritt. Meine Gemahlin hier an meiner Seite, eine Reisegefährtin und ich."
Hadamir Fenward musterte ihn amüsiert. Ein Elb, der mit zwei Frauen reiste. Was mochte er wohl davon halten? „Da habt ihr Glück, werter Elbenherr", sagte er statt dessen, „drei Kojen sind noch frei. Allerdings in einem Raum. Die Passage kostet vier Goldstücke für jeden. Grundverpflegung wie Wasser, Brot und ein Streifen Fisch sind inbegriffen. Alles andere müsst ihr selber an Bord bringen."
Das hörte sich gut an. Anordil sah auch sehr zufrieden aus. „Das gilt", erwiderte dieser und langte in seinen Beutel. Er zog eine Handvoll gondorianischer Goldmünzen hervor. Davon zählte er zwölf in die Hand des Schiffsführers ab. „Mit der Morgenflut laufen wir aus", sagte Hadamir Fenward zu uns, „seid pünktlich an Bord. "
Zufrieden verließen wir das Schiff. Jetzt konnten wir in Ruhe über den Marktplatz wandern. Dort kauften wir ein paar Dinge, die wir gebrauchen konnten. Unter anderem auch ein neues Gewand für Reeda. Schließlich sollte sie anständig aussehen, wenn wir morgen an Bord gingen. Vom Angebot des Marktes war ich zudem angenehm überrascht.
Ostelor glich einer altrömischen Hafenstadt. Man konnte sehen, dass hier geplant gebaut worden war. Straßen und Häuserreihen waren gradlinig errichtet. Die Straßen breit und gut gepflastert. Der Marktplatz selber war groß. An der einen Seite führten vier Brücken über einen kleinen Seitenfluss. Auf der anderen Seite wurde der Platz von einem großen Gebäude aus rotem Stein gesäumt. Es schien als Handelszentrum oder Rathaus zu dienen. Auf alle Fälle herrschte dort ein ständiges Kommen und Gehen.
Gegen Abend kehrten wir ins Gasthaus zurück. Reeda erwartete uns bereits. Sie hatte sich die ganze Zeit nicht aus dem uns zugewiesenen Zimmer getraut. „Es ist Zeit sie freizulassen", wisperte Anordil mir zu. Ich nickte. Dem konnte ich nur zustimmen.
„Reeda, komme zu mir", befahl er ihr. Ohne Zögern eilte sie herbei. „Ja, Herr", hauchte sie, „ihr wünscht?" „Sieh mich an", Anordils Stimme verlangte Gehorsam, „und nun sprich – ich bin frei." Sie sah ihn entgeistert an. Dann schlug sie schnell die Augen nieder. „Bitte spielt nicht mit mir", entgegnete sie leise. Anordil lächelte.
„Ich spiele nicht", sagte er und nahm ihr rasch die Armspange ab. Reedas Fleisch darunter war schneeweiß, „wie wir es dir versprochen haben, schenken wir dir die Freiheit. Als freie Frau sollst du das Schiff betreten, dass dich in deine Heimat bringt." Wortlos betrachtete sie die silberne Armspange, die Anordil ihr entgegenhielt. Das Zeichen, dass sie frei war. Ihre Hand zitterte, als sie das schmale Schmuckstück annahm.
„Und nun ziehe diese Gewänder an", wies ich sie an, „für eine freie Frau ziemt es sich nicht, herumzulaufen, wie eine gewöhnliche Sklavin." Ich drückte ihr die neu gekauften Gewänder in die Hand. Anordil ging diskret nach draußen, während ich Reeda half sich umzuziehen. Mit spitzem Fuß schob sie die abgetragenen Kleider zu einem Haufen zusammen. „Bin ich jetzt wirklich frei", fragte sie ungläubig und rieb die schmale silberne Spange an ihrem Arm. Sie wurde von den Falten des Gewandes überdeckt. Ich flocht ihre Haare ein, die sie nun offen tragen durfte.
„Natürlich bist du frei", schalt ich ein wenig, „Anordil hält immer sein Wort. – Ist Reeda dein wirklicher Name oder hatten die Sklavenhändler dir diesen gegeben?" Erstaunt sah sie mich an. „Daran habe ich gar nicht gedacht", erwiderte sie verblüfft, „ich darf ja meinen Namen wieder tragen. – Loreana. – Meine Eltern hatten mich Loreana genannt." Ich lächelte sie an.
„Nun denn, Loreana", sprach ich sie mit ihrem wirklichen Namen an, „dann folge mir zum Mahle. Heute abend wollen wir so richtig schwelgen, bevor wir auf dem Meer nur karge Kost erhalten." Zögernd erhob sie sich. Es war klar zu sehen, dass sie sich noch nicht mit dem Gedanken angefreundet hatte, keine Sklavin mehr zu sein. Wahrscheinlich würde dies auch noch ein Weilchen auf sich warten lassen. Vor der Türe wartete Anordil. Er lächelte zufrieden, als er uns sah.
Gemeinsam gingen wir die Stiege hinunter in den Schankraum. Wie alle Häuser Ostelors war auch dieses Gasthaus aus Stein gemauert. Im Schankraum waren die Wände mit Putz versehen, der einen gelblichen Ton angenommen hatte. Auf einer Seite waren Nischen abgeteilt, die einen gewissen Grad an Privatsphäre verhießen. Zwei Stufen führten dort hinauf. Die Nischen selber waren mit Rundbögen verziert. Die Tische und Bänke bestanden aus durch den Gebrauch dunkel gewordenem Holz. Der Boden war mit sorgfältig geglätteten Steinen belegt. Hinter der gemauerten Theke standen auf langen Regalbrettern fein säuberlich tönerne Krüge aufgereiht. Sogar der eine oder andere fein geblasene Kelch aus Glas hatte dort seinen Platz gefunden. Die Wände waren verziert mit Kohlezeichnungen von kundiger Hand, welche unterschiedliche Schiffe und Landschaften zeigten. In regelmäßigen Abständen ragten schmiedeeiserne Halter aus der Wand, in denen sich tönerne Öllichte befanden, die ein sanftes Licht verbreiteten.
Als wir den Schankraum betraten, waren nur wenige Gäste anwesend. Der Wirt stand hinter der Theke und füllte tönerne Krüge mit Wein. Sein Hemd und die Hosen aus festem braunen Tuch waren sauber und die lederne rostfarbene Schürze zeigte keine Flecken. Mägde eilten hin und her. Auch sie waren sauber gewandet in einfache dunkelblaue Tuniken mit Kopftüchern. Ihre Armspangen verrieten ihren Sklavenstatus. Aber keine von ihnen hatte blaue Flecken oder wirkte ungepflegt. Sie wirkten sogar ausgesprochen fröhlich. Eine von ihnen eilte auf uns zu, sobald sie unser ansichtig wurde. Ehrerbietig verbeugte sie sich.
„Mein Herr hat mir befohlen euch zu einem guten Platz zu geleiten, Elbenherr", sagte sie ohne Scheu, „und euch heute abend zu Diensten zu sein. Bitte dort hinauf." Sie wies zu den Nischen. Anordil nickte lächelnd. Sie schritt flink voran und wartete höflich, dass wir die angewiesene Nische betraten. Als wir uns gesetzt hatten, lief sie rasch von dannen. Wenige Augenblicke später kehrte sie mit einem Tablett zurück, auf dem sich ein Krug mit Wein und kleine Kelche aus buntem Glas befanden.
Sie stellte alles vor uns ab. Ohne einen Tropfen zu verschütten, schenkte sie die Kelche voll. „Mein Herr ist glücklich, Leute aus dem Volk der Elben bewirten zu dürfen", sagte sie, „er hat mir befohlen euch unsere besten Speisen aufzutragen." „Sagt eurem Herrn Dank für die Freundlichkeit", erwiderte Anordil, „wir werden sein Haus weiter empfehlen."
Sanfte Röte überzog die Wangen der Magd. Anordils Stimme tat wieder ihre Wirkung. Verlegen eilte sie davon. Nur wenige Minuten später trug sie ein großes Tablett zu unserem Tisch. In jedem der zahlreichen Schälchen, die sie vor uns ab stellte, fanden sich andere kleine Köstlichkeiten. Eingelegtes Muschelfleisch und kleine Fische, die an Sardinchen erinnerten sowie ebenfalls in Essig eingelegtes Gemüse, von denen ich vieles nicht kannte. In einer großen Schale befand sich absolut frisches Brot. Es dampfte noch von der Wärme des Feuers und verströmte einen angenehmen Duft, der meinen Magen knurren ließ.
Sie entfernte sich erneut, nur um mit gebratenem Fisch wieder zu kehren, der einer gebratenen Meerbrasse nicht unähnlich war. Dazu stellte sie noch feinwürzigen Käse und eine Schale mit frischem Obst. „Solltet ihr noch einen Wunsch haben, so sagt ihn mir", sagte sie mit schüchtern niedergeschlagenen Augen, „ich versuche ihn zu erfüllen." „Wir haben jetzt keine Wünsche", entgegnete Anordil, „wir rufen dich, wenn wir etwas benötigen." „Danke, mein Herr", antwortete sie und huschte davon.
Gesittet wandten wir uns dem Mahle zu. Das Essen stellte sich als bemerkenswert gut heraus. Loreana wirkte unsicher. Immer wieder warf sie uns forschende Blicke zu. Lange Zeit hatte sie nur von dem gezehrt, was ihr übrig gelassen wurde. Es würde noch lange dauern, bis sie sich an ihre neugewonnene Freiheit gewöhnt hatte. Aber der Abend verlief sehr entspannend. Etwas später kam ein Barde und spielte für die Gäste. Die Musik war interessant. Fremd, doch temperamentvoll mit ungewöhnlichen Rhythmen. Fasziniert lauschte ich den Klängen. Allerdings zogen wir uns zeitig in unseren Schlafraum zurück.
Früh am nächsten Morgen bezogen wir Quartier auf der „Stern von Belfalas". Es war ein großes Schiff, geschätzt 100 Fuß lang, mit Ruderbänken, die mit Sklaven besetzt waren. Zwei große Dreieckssegel unterstützten die Ruderer. Mit uns reisten noch andere Passagiere. Einige Händler, gekleidet in feines Tuch und in Begleitung einer Gruppe von Söldnern. Ein Zauberer, unschwer an seiner bestickten Robe zu erkennen. Er war Schüler der Istari, wie man aus den kunstvollen Zeichen sehen konnte. Doch wessen Schüler, das entzog sich meiner Kenntnis. Vielleicht war er ja zum Orthanc unterwegs, grübelte ich. Ein Schüler Sarumans?
Ein Zwerg fiel mir ebenfalls auf. Im Gürtel die obligatorischen Kampfäxten, die er des öfteren liebevoll putzte. Ein Dorwinrim, stolz in die Tracht seines Volkes gekleidet, mit einem sorgfältig gearbeiteten Schwert auf dem Rücken. Zwei Elben, die zurückhaltend grüßten. Weißes Haar zierte ihre Köpfe. Die dunklen Augen bildeten einen merkwürdigen Kontrast dazu. Von welcher Elbenrasse mochten sie abstammen? Jedenfalls schienen sie alt zu sein. Die Farbe Blau war vorherrschend bei ihren Gewändern. Ein paar Schwertkämpfer und Bogenschützen, mutmaßlich unterwegs in die Hafenstädte, um sich dort als Söldner zu verdingen. Hauptsächlich hatte das Schiff Handelswaren geladen.
Mit der Flut liefen wir aus. Mit geschickten Anweisungen an die Ruderer manövrierte der Steuermann das Schiff aus dem Hafenbecken hinaus. Schon bald schlugen die Wellen in einem anderen Rhythmus gegen die Wände des Schiffes. Der Wind frischte auf und der Seegang wurde rauher. Schon bald war von Ostelor nur mehr eine verschwommene Silhouette zu erkennen, die schon alsbald mit dem Meer verschmolz.
Drei Tage später rückte ein schmaler Küstenstreifen auf der rechten Seite ins Blickfeld. Diesem folgten wir nach Norden. Nur einen Tag später sah ich neben unserem Schiff eine Anzahl großer Schildkröten auftauchen. Diese waren jedoch ungefährlich. Ihre dunkelgrünen Panzer schimmerten wie Smaragde in der Sonne. Erzählungen der Seeleute kamen mir in den Sinn, als ich fasziniert diesen Geschöpfen zuschaute, wie sie an der Oberfläche mehr trieben als schwammen. Erst gestern Abend hatte einer der Seeleute uns mit Geschichten unterhalten.
„Wenn es ruhige See ist, wie jetzt, kann man den Fellschildkröten begegnen", hatte er erzählt, „oh ja, Fellschildkröten. Seht mich ruhig an, - und glaubt mir. Schließlich haben meine eigenen Augen eine gesehen." Theatralisch zeigte er mit zwei Fingern auf seine weit aufgerissenen Augen. „Und ich habe überlebt! – 50 Fuß und mehr werden diese Ungetüme lang", fuhr er stolz fort, „sie gleichen schwimmenden kleinen Inseln. Ihr Panzer ist mit einem feinen Fell überzogen, dass wie Seegras aussieht. Lässt man sie in Ruhe, sind sie behäbig und träge." Manche der Zuhörer lächelten höflich. Der Mann hob gespielt eine Hand und drohte mit dem Finger. „– Aber seid gewarnt! – Greift sie nicht an. Weder mit Harpune noch mit Speer. Schnell können sie sein, lange unter Wasser bleiben und unvermittelt zuschlagen. - Oh ja, viele kleine Boote und gar Schiffe sind verschwunden."
Er schaute in die Runde. Die zweifelnden Gesichter ließen ihn erzürnt aufstehen. „Glaubt mir", bekräftigte er, „zahlreich sind die Geschichten von verlorengegangenen Schiffen. Vielleicht haben sie sich mit einer Fellschildkröte angelegt. Oder vielleicht mit einem anderen Ungetüm der See. – Nicht immer ist die See so ruhig wie heute Nacht." Er setzte sich wieder und lehnte sich an einen Mast. Genüßlich zog er an seiner Pfeife. „Kennt ihr die Geschichte vom Geisterschiff des Armantius Angrenrhanc? ..."
„So in Gedanken, anor nîn", fragte mich Anordil leise. Seine Hände legten sich sanft auf meine Schultern. „Ja", erwiderte ich, „ich habe gerade an die Geschichten gedacht, die der Seemann gestern erzählte." „Die meisten sind wirklich nur Geschichten", entgegnete er, „doch in manchen ist Wahres verborgen." Meine Augen folgten den Schildkröten, bis sie außer Sicht verschwunden waren. Träge schwammen sie dahin. Beim friedlichen Anblick dieser Vertreter der Gattung Schildkröte mochte ich daran zweifeln, dass es Fellschildkröten gab. Waren es letztendlich nur Hirngespinste der Seeleute?
Ich lehnte mich nach hinten. Deutlich fühlte ich Anordils Körper unter seinem Gewand. Selbst jetzt, nach mehreren Tagen auf See verströmte er einen Duft nach Wald und Moos. Wie brachte er das nur fertig? Versonnen blickte ich aufs Meer. Die Segel über uns spannten sich im Wind. Dieser hatte die Arbeit der Ruderer übernommen.
Anordil schlang seine Arme um mich und hauchte einen sanften Kuss auf meine Wange. Als ich meinen Kopf ein wenig zur rechten Seite neigte, sah ich Loreana an der Reling sitzen. Bis auf uns beide, die einzige, die es häufig an Deck zog. Sie blickte unverwandt nach Norden. Dorthin, wo unser Ziel lag. Der Wind spielte mit ihren Haaren. Immer mehr wandelte sie sich zu der Frau, die sie einst wahr. Stolz, gebildet und sich ihrer Selbst bewusst. Nur ein Blick in ihre Augen verriet, durch welche Hölle sie gegangen war. Sorgfältig trug sie ihr Gewand so, dass es Schultern und Arme verdeckte. Niemand sollte die Brandzeichnung sehen und niemand sollte an ihrer Armspange erkennen, dass sie eine freigelassene Sklavin war.
Sie beobachtete die dreieckigen Flossen, die in einiger Entfernung das Schiff begleiteten. Haie. Sie waren häufig in diesen Gewässern anzutreffen. Ein Zeichen, dass uns ständig mahnte, auf der Hut zu sein.
Nach fünf weiteren Tagen des Müßigganges wurden wir mitten in der Nacht durch gellende Schreie geweckt. Anordil sprang aus dem Bett. Ich folgte ihm nur Sekunden langsamer. Wir warfen uns rasch ein Gewand über und ergriffen unsere Waffen. Danach stürmten wir an Deck.
Ungläubig starrte ich auf das gespenstische Bild, dass sich uns bot. Ich schluckte hart. „Was ist das denn für ein Monstrum", keuchte ich fragend. Tentakel, dick wie kleine Fässer, schlängelten sich über die Planken. Einige zuckten beinahe elektrisiert durch die Luft. In ihren Fängen sah ich zwei Seeleute und einen von den Mitreisenden zappeln. Ich erkannte den Dorwinrim. Ein anderer Tentakel war dabei sich um einen weiteren Passagier zu winden. Einer von den Elben, wenn ich richtig sah.
„Habt ihr keine Kraken in deiner Welt", konterte Anordil mit einer Gegenfrage. Blitzschnell schossen wir mehrere Pfeile in den Krakenkörper. Aber das Tier schien nicht davon beeindruckt zu sein. Zwei meiner Pfeile prallten ab. Die Haut des Kraken war derart dick, dass die Pfeile kaum eine Chance hatten einzudringen. Auch Anordils Pfeile zeigten keinerlei Wirkung. „Doch", erwiderte ich zwischen zwei Pfeilen, „aber sie werden nicht derart groß." Anordil ließ den Bogen fallen und zog seine Schwerter. Dann eilte er dem bereits von einem Tentakel umschlungenen Elben zu Hilfe.
Dieser versuchte sich mit einem Schwert von dem Fangarm los zu schneiden. Aber es gelang ihm nicht. Plötzlich sah ich Anordils Schwerter von blauen Flammen überzogen. Damit schlug er auf den sich windenden Tentakel ein. Sogar mit magischen Mitteln dauerte es mehrere Schläge, bis dieser durchtrennt war. Ein schmerzvolles Kreischen drang an mein Ohr. Es ging durch Mark und Bein. Das Schiff erzitterte unter den plötzlichen Bewegungen des gigantischen Tieres.
Ich beugte mich über die Reling. In der Dunkelheit konnte ich eine undeutliche große Masse ausmachen. Bei Cernunnos Hörner, fluchte ich, wir brauchen Licht! Ich sammelte meine magischen Energien. Doch plötzlich wurde es hell um uns herum. Der Zauberer war mir zuvor gekommen und hatte uns zu ein wenig Licht verholfen. Jetzt konnte ich den Krakenkörper genauer erkennen. Ich sah, dass einer der Seeleute auf dem Weg zu der papageienschnabelähnlichen Mundöffnung des Tieres war. Es wurde höchste Zeit einzugreifen!
Ich musste das Nervenzentrum des Kraken treffen, aber ich war mir nicht mehr sicher, ob Weichtiere überhaupt ein zentrales Nervensystem besitzen. Während ich überlegte, wand der Krake mir eines seiner häßlichen Augen zu. Eine ideale Trefffläche. Ganz ruhig zielte ich und schoss. Ich durfte mir keinen Fehler erlauben.
Mein Pfeil traf das Auge, welches mit einem schmatzenden Geräusch zerplatzte. Weitere Pfeile, abgeschossen von dem anderen Elben, trafen das zweite Auge. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Anordil einen weiteren Tentakel abschlug. Der Krake kreischte, das es in den Ohren schmerzte. Seine übrigen Fangarme schlugen wild durch die Luft. Sie fegten mehrere Seeleute über Bord. Doch ich hatte bereits einen neuen Pfeil eingelegt. Nun visierte ich die weit geöffneten Mundhöhle an. Dahinter arbeiteten die harten Muskeln, welche im Regelfall das Opfer zermalmten. Die dortigen Treffer, ließen den Kraken erbeben. Sein Kreischen wurde lauter. Ich hielt mir die Ohren. Ungerührt zielte der zweite Elb ebenfalls auf die Mundöffnung. Nach einem weiteren Treffer ließ der Krake seine Opfer fallen.
Mit einem lauten Klatschen schlugen sie auf das aufgewühlte Wasser auf. Ich hoffte, dass sie schwimmen konnten. Das Schiff wurde ein weiteres Mal durchgerüttelt, als der Krake sich von der Bordwand löste und anschließend im Meer versank. Einige Minuten später wurden die über Bord Gegangenen von der Besatzung aus dem Wasser gefischt.
Vor Aufregung zitterten mir die Knie. Bis ich die unverhohlenen Blicke der Seeleute um mich herum bemerkte. Ich sah an mir herunter. Ich trug nur die hastig übergeworfene Tunika, die mehr zeigte als verhüllte. Ohne eine Mine zu verziehen steckte ich meine Waffen weg und ging unter Deck. Dabei bemerkte ich die Röte, die mir ins Gesicht stieg. Ich verfluchte insgeheim das menschliche Schamgefühl.
In unserer winzigen Kabine atmete ich auf. Mittelerde hielt ständig Überraschungen bereit. Solch ein gigantisches Meeresungetüm hatte ich niemals zuvor gesehen. Weder in meiner Welt noch hier. Loreana kam mit bleichem Gesicht aus der Dunkelheit. Sie hatte sich in die hinterste Ecke verkrochen. Ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Schließlich war sie keine Kämpferin und dieser Aufruhr musste schreckliche Erinnerungen geweckt haben.
Sie schwieg. Doch sie zitterte wie Espenlaub. Schweigend reichte ich ihr meine befleckte Tunika. Sie nahm sie entgegen. Einige Sekunden zögerte sie, dann besann sie sich und eilte zu unserem Gepäck. Dort zerrte sie eine saubere Tunika hervor, die sie mir reichte. Nachdem ich diese übergestreift hatte, begann ich mich vollständig anzukleiden. Auch meine Lederrüstung vergaß ich nicht. Man konnte in dieser schlafen, wenn es nötig war. Es war zwar unbequem, aber immerhin möglich. Im Gegensatz zu einer Rüstung aus Metall. Loreana half mir dabei. Diese kleinen Handreichungen gaben ihr die Möglichkeit sich zu fassen und ihre Ängste zu verarbeiten.
Anordil kam ein wenig später dazu. „Ich sehe, du hast dich aufgerüstet", sagte er leise, „das ist eine gute Idee. Selbst wenn ich die Unterbrechung der Nacht bedauere." Er begann sich gleichermaßen anzukleiden. Loreana verschwand diskret hinter der Decke, mit der wir ihr Lager abgeteilt hatten. Ich half Anordil die Rüstung anzulegen. Das Verschnüren und Zurechtrücken des Leders gaben mir Gelegenheit meine eigenen Gefühle zu beruhigen. Der Zwischenfall vorhin hatte uns gezeigt, dass auf dem Meer gleichermaßen Gefahren lauerten und man vorbereitet sein sollte. In den letzten Tagen hatten wir uns zu sehr in Sicherheit gewähnt. Eine Sicherheit, die nicht gegeben war. Nicht hier. Nicht in einem Mittelerde, das kurz davor stand von einer dunklen Macht überrollt zu werden.
Der nächste Tag war sonnig und strahlend. Tiefblauer Himmel spannte sich von Horizont zu Horizont. Der Küstenstreifen auf der rechten Seite konnte man nur erahnen. Der Wind hatte abgeflaut. Die See war ruhig. Eine spiegelnde Fläche, die wie träges Quecksilber glitzerte. Nichts ließ darauf schließen, dass unter dieser Oberfläche monströse Meeresbewohner ihre Bahnen zogen. Und ich legte auch keinen Wert darauf mit mehr als einem Bekanntschaft zu schließen. Der Kapitän ließ die Segel einholen, die schlaff an den Masten hingen. Nun mussten die Ruderer an die Arbeit.
Die dumpfen Trommelschläge, welche den Rudertakt angaben, hallten über das Wasser. Sie wurden unsere ständigen Begleiter für die nächsten Tage. Anordil und ich trugen nun ständig unsere komplette Bewaffnung. Man konnte nie wissen. Wir beobachteten, dass auch einige andere Passagiere diesem Vorbild folgten. Der Zwerg sowie die beiden anderen Elben, die sich stark im Hintergrund hielten, hatten sich aufgerüstet. Auch der Dorwinrim erschien nun bis an die Zähne bewaffnet. Doch es herrschte Ruhe. Eine trügerische Ruhe.
In den nächsten Tagen lockerte sich die Anspannung zusehends. Die Söldner widmeten sich wieder mehr ihrem Würfelspiel und vergaßen die eine oder andere Waffe unter Deck. Auch die Händler kamen aus ihren Kojen geschlichen, um sich an der frischen Luft zu ergötzen. Selbst Loreana traute sich an Deck.
Aber es beschlich mich ein Gefühl, dass wir noch lange nicht in Sicherheit waren. Anordil blieb voll bewaffnet und ich auch. „In mir ist Unruhe", sagte ich leise zu ihm, „etwas wird noch geschehen." „Ich fühle es auch", erwiderte Anordil, „und sieh zu den Kinn-Lai. Sie lassen uns nicht aus den Augen. Auch sie fühlen etwas." Ich schaute mich unauffällig um. „Kinn-Lai", fragte ich, „die beiden sind keine Elben?" Anordil schüttelte lächelnd den Kopf. „Sie gehören zum Elbenvolk. Letzte Nacht, nach dem Angriff der Krake, sprach ich kurz mit ihnen", erzählte er mir, „die Kinn-Lai stammen von den Avari ab. Ihr Volk lebt weit im Süden. Die beiden dort sind alt. Sehr alt. Erinnerst du dich an die Stammbäume in der Bibliothek meines Vaters?"
Neugierig geworden suchte mein Auge die beiden Elben. „Ich erinnere mich", sagte ich nach einigen Sekunden des Nachdenkens, „aber werden die Avari nicht auch die Widerstrebenden genannt? Sie weigerten sich doch in den Westen zu gehen."
Anordil schaute auf das Meer hinaus. „Das ist soweit richtig", bestätigte er, „jedoch entstanden aus den Avari Elbenvölker, die sich zwar weigerten dem Ruf nach Valinor zu folgen, aber nichtsdestotrotz in Mittelerde siedelten. Die meisten leben zurückgezogen, kaum wahrnehmbar von den anderen Rassen. So wie die Hisildi, die weiterhin am See Cuivienen weit im Osten ausharren. Die Kinn-Lai und die Cuind siedelten dagegen im Süden, wobei die Kinn-Lai sich, im Gegensatz zu ihren Verwandten, mit den Menschen, die dort leben arrangiert haben. Es heißt, dass sie sogar gemeinsame Dörfern errichtet haben. Von den Hwendi im hohen Norden und auch von den Pedi im östlichen Ered Harmal Gebirge ist jedoch nahezu nichts bekannt."
Ich drehte mich zu Anordil. „Wenn sie zu den Avari gehören", warf ich ein, „warum sind sie dann auf dem Weg nach Westen?" Anordil lächelte spitzbübisch. „Die Avari nennen sich zwar ‚die Unwilligen', aber auch sie vernehmen den Ruf", erläuterte er, „manche können sich ihm widersetzen, manche nicht."
Während des Wortwechsels hatte ich mit meinen Blicken das Deck abgesucht. Am anderen Ende des Schiffes sah ich die beiden Elben schließlich. Wie Statuen saßen sie dort ein wenig erhöht und blickten nach Westen, wo die Sonne im Begriff war unterzugehen. Ein Stückchen daneben lehnte der Dorwinrim an der Reling. Auch wenn er sich nicht bewegte, so waren doch seine Augen in ständiger Bewegung. Seine Hand lag locker auf dem Schwertgriff. Auf der anderen Seite, mehr zum Heck hin, bemerkte ich den Zwerg. Er putzte seine Äxte. Zum wohl hundertsten Male an diesem Tag fuhr er mit dem Schleifstein über die Klingen. Das metallene Geräusch verursachte eine Disharmonie im Rudertakt der Trommel. Hinten auf dem Heck stand der Zauberer. Unbeweglich. Auf seinen Stab gestützt. Einer Galionsfigur gleich. Er blickte nach Süden. Kam von dort eine Bedrohung auf uns zu?
Doch nichts geschah. Weder jetzt noch in den folgenden Tagen. Aber das Gefühl der Unruhe blieb in mir. Bald saßen die Söldner nur noch im Wams an Deck und schwangen den Würfelbecher. Nur wir, die beiden Kinn-Lai, der Zwerg, der Dorwinrim und der Zauberer schienen die Bedrohung wahrzunehmen.
Am Abend des zehnten Tages nach der Krakenattacke ging die Sonne blutrot unter. Loreana stand neben mir an Deck. Sie war gelöst und entspannt. Freude stieg in ihr auf. Sie hatte mir an diesem Tage viel von sich und ihrer Familie erzählt. Ihre Wangen wurden von den Sonnenstrahlen in ein tiefes Rot getaucht.
„Ich bin glücklich", sagte sie mit strahlenden Augen, „in wenigen Tagen sind wir in Pelargir. Dann kann ich endlich meine Schwester und meine Brüder in die Arme schließen. – Ich bin so aufgeregt. Ob ich Nachricht von Ilia, meiner älteren Schwester habe? Ob sie bereits Kinder hat? Und Kusine Reniala – ob sie auch bereits von den Valar mit Kindern gesegnet wurde und somit meinen Bruder Andarek glücklich machte?" Versonnen schaute sie aufs Meer. Dann seufzte sie und reckte sich.
„Ich werde nie einen guten Mann finden", murmelte sie leise um etwas lauter fortzufahren, „ich weiß nicht einmal, wie es wird, wenn ich versuche ein normales Leben zu führen." „Mache dir jetzt keine Gedanken darüber", sagte ich mitfühlend, „es wird irgendwie weitergehen. Freue dich auf das Wiedersehen mit deiner Familie. Was dann ist, kann keiner sagen." „Du hast Recht", stimmte sie mir zu, „ich werde nun schlafen gehen. Angenehme Nachtruhe."
Sie hatte bemerkt, dass wir die Nächte seit dem Krakenangriff abwechselnd gewacht hatten. Vorher verbrachten Anordil und ich die Nachtstunden gemeinsam, eng aneinander gekuschelt. Manchmal wurden wir ein wenig lauter. Aber Loreana hatte mit keiner Mine zu verstehen gegeben, dass ihr es unangenehm war, Zeuge unserer nächtlichen Aktivitäten zu sein. Wer wusste schon, welche Gedanken ihr dabei durch den Kopf gingen? Intimität hatte sie nie in dieser Weise kennengelernt. Ich sah Loreana hinterher, wie sie unter Deck ging.
Schweigend legte mir Anordil eine Hand auf die Schulter. „Sie wird ihren Weg gehen", sagte er zu mir, „in welche Richtung auch immer. Es wird eine Zeit lang dauern, aber sie wird es schaffen." „Ich habe meine Zweifel", erwiderte ich traurig, „alles hängt von der Familie ab. Solange sie Verständnis für Loreanas Situation haben, wird alles gut werden. Aber was ist, wenn nicht? Was macht sie dann?" „Wir werden sehen", antwortete Anordil ausweichend, „lege dich zur Ruhe. Ich wecke dich gegen Mitternacht." Ich gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die warmen Lippen und ging ebenfalls unter Deck.
Doch nicht Anordil war es der mich weckte, sondern lautes Gebrüll und Kampfeslärm ließ mich aufschrecken. „Piraten", gellte jemand über das Deck. Loreana sah mich todesbleich an. Sie hatte die Decke ihres Lagers eng um sich gezogen. Trotzdem zitterte sie so stark, dass ich es sehen konnte. Der Griff zu meinen Waffen geschah automatisch. Sekunden später wurde die Tür zu unserer engen Kabine aufgestossen.
Ein ungewaschenes, stinkendes Etwas menschlichen Ursprunges, welches in zerlumpte Gewänder gehüllt war, sprang mit gezückter Klinge herein. Der Mann lachte hämisch, als er Loreana ansichtig wurde, die als erstes in sein Blickfeld geriet. Allerdings konnte er sich nicht allzulange daran erfreuen. Mein Schwert trennte seinen Kopf sauber vom Rumpf. Mit einem dumpfen Aufprall landete dieser vor Loreanas Füßen.
In Panik sprang sie auf. Die Decke entglitt ihren Fingern. Bevor ich sie daran hindern konnte, rannte sie an mir vorbei, die Stufen zum Deck hinauf. Von oben hörte ich Schwertgeklirr und laute Schreie. Hastig folgte ich Loreana. Oben erwartete mich ein unglaubliches Getümmel. Beinahe augenblicklich wurde ich von der Seite angegriffen. Entermesser blitzten. In der Dunkelheit konnte ich die schwarze Silhouette des Piratenschiffes sehen.
„Arwen", schrie Anordil mir zu, „hierher!" An meinen Gegner vorbei sah ich ihn an der anderen Bordseite. Auch er in einen heftigen Kampf verstrickt. Mit Mühe kämpfte ich mir meinen Weg frei. Einige Male wurde ich getroffen. Doch ich verbiss den Schmerz. Jetzt war ich froh darüber, dass wir in den letzten Tagen in der unbequemen Rüstung geschlafen hatten. Dann standen Anordil und ich Rücken an Rücken. Wie ein eingespieltes Team hielten wir uns die Piraten vom Leib.
Loreana erblickte ich einige Schritte von uns entfernt. Ihr Blick irrte panisch umher. Das helle Gewand besudelt von Blut. Starr stand sie dort. Unfähig sich zu bewegen. „Loreana, hierher zu uns", rief ich ihr zu und versuchte ihr eine Bresche zu schlagen. Sie hörte meine Stimme, denn sie drehte sich in unsere Richtung. Doch sie kam nur zwei Schritte weit. Mit einem Mal ragte ein Schwert aus ihrer Brust. Ihre Augen weiteten sich, als sie auf uns zu taumelte. Blut spritzte pulsierend aus der schweren Wunde. Sie krampfte ihre Hände darauf zusammen, aber sie konnte den Blutstrom nicht stoppen. Ungläubig starrte sie mich an. Von der Seite flog einer der Piraten in sie hinein. Der Zwerg, der schräg vor uns wütete, hatte ihn mit der Kampfaxt erwischt. Die Wucht des Aufpralles fegte Loreana und den toten Piraten über Bord.
Unsere Gegner wurden indes nicht weniger. Wir schlugen uns tapfer, konnten aber trotzdem nicht verhindern, dass das Schiff geentert wurde. Gnadenlos gingen die Piraten vor. Sie interessierten sich nur für das Schiff und die Ladung. Vielleicht noch für die Ruderer auf den Bänken. Alles andere wurde niedergemetzelt. Die Händler lagen bereits tot auf Deck. Von deren Söldnern stand nur noch ein einziger.
Mannschaft und Passagiere fielen unter den Entermessern. Erbittert setzten wir uns zur Wehr. Etliche der Piraten konnten wir ausschalten. Doch es rückten immer mehr nach und immer weniger Widerstand setzte sich ihnen entgegen. Die Nacht war erfüllt von Todesschreien und Kampfeslärm. Als wir sahen, dass es aussichtslos wurde, beschlossen wir über Bord zu gehen.
„Über Bord", befahl Anordil mit lauter Stimme. Er riss den Dorwinrim von einem der Piraten fort. Dieser setzte nach, nur um in Anordils Schwert zu laufen. Der Dorwinrim nickte. Er hatte verstanden und wandte sich zum Heck. Einzig der Zwerg führte weiterhin seine Äxte wie ein Berserker. Anscheinend waren Anordils Worte nicht zu ihm durchgedrungen. „Über Bord", schrie Anordil auf Khuzdul. An Heck sah ich den Zauberer ins Meer springen. Die beiden Kinn-Lai gaben ihm Deckung. Auch sie hatten den Ruf vernommen.
Mit einem Mal wallte eine Nebelwand von Heck aus über das Schiff. Anordil packte mich am Arm und zog mich mit nach hinten. Mit gewaltigen Schwertstreichen bahnten wir uns den Weg. Als wir am Heck ankamen, stand einer der Kinn-Lai mit erhobenem Schwert an der Reling. „Rasch", befahl er, „der Nogoth und der Mensch sind bereits an Bord. Ich kappe das Seil."
Anordil schwang sich elegant über Bord. Er hatte das Seil erfasst, dass das Beiboot mit dem Schiff verband. Ohne weiter zu überlegen folgte ich ihm. Erst als ich an dem Seil hing und mich hinunter hangelte, wurde mir bewusst, dass ich mich nur wenige Fuß über einem sehr kalten, nassen und vor allem tiefen Meer befand, in dem zahlreiche Haie ihre Bahnen zogen.
Sekunden später tauchte das Beiboot auf. Erleichtert schwang ich mich an Bord. Hinter uns erschien der Silvan aus dem Nebel. „Leise", hörte ich den Zauberer, „ich schicke noch einmal ein bisschen Nebel." „Wir müssen rasch rudern", sagte der Dorwinrim, „das Ufer liegt in diese Richtung. Ich habe mich vor dem Nebel noch orientieren können." „Dann lasst uns eilen", entgegnete Anordil. Jeder von uns erhielt ein Ruderblatt. Einer der Kinn-Lai schnitt das Seil durch, dass uns mit dem Schiff verband. Mit vereinten Kräften legten wir uns in die Riemen.
Alsbald schwand die Nebelwand. Wir wagten kein Licht zu machen, sondern ruderten weiter durch die Dunkelheit. Über uns flackerten die Sterne. Gegen den dunklen Nachthimmel sahen wir die Schatten der beiden eng nebeneinander liegenden Schiffe. Auf dem einen brannte es. Rauchschwaden stiegen auf. Der Kampflärm verstummte allmählich. Mit jedem Fuß, den wir zurücklegten, wurde es ruhiger. Bis nur noch das gleichmäßige Eintauchen der Ruderblätter und unser hastiger Atem zu hören war. Rasch legten wir eine größere Distanz zwischen dem Schiff und uns zurück.
Wir mussten noch bei Dunkelheit den Küstenstreifen erreichen, damit wir eine Chance hatten, den Piraten zu Entkommen. Der Dorwinrim steuerte uns zuversichtlich. Anordil schaute sich um und nickte. „Dort hinten sehe ich Land", sagte er, „wir werden es vor der Dämmerung erreichen."
„Diese verdammten Piraten", murmelte der Zwerg und streichelte liebevoll seine Axt. Eine davon hatte er verloren. Da wir mit dem Rücken zum Küstenstreifen saßen, konnte ich die Umrisse der Schiffe in der Nacht verschwinden sehen. Meine Gedanken waren bei Loreana. Ich sah sie vor mir, wie sie über Bord geschleudert wurde. Dem Tode geweiht, als sie in den kalten Fluten versank. Ihr Haar flatterte gespenstisch um ihr bleiches Gesicht. Aus ihren Augen blickte der Tod. Krampfhaft hatte sie ihre Hände auf die klaffende Wunde gepresst, aus der pulsierend der rote Lebenssaft quoll. Der Schock des eiskalten Wassers musste ihr endgültig den Tod gebracht haben.
Ich stellte mir vor, wie sie langsam in den Fluten versank. Immer näher auf den Meeresboden zu schwebte, um dort ein kaltes nasses Grab zu finden. Ich mochte nicht daran denken, dass vielleicht Haie in diesem Moment ihren Leib zerrissen.
Mögen die Valar dir gnädig sein, sprach ich in Gedanken, während ich weiter ruderte. Es war dir nicht vergönnt die Heimat zu sehen. Mögest du zumindest nun den Frieden finden, nach dem dir verlangte. Hiro den îdh ab 'wanath, Loreana.
to be continued ...
Anmerkung: Die Erklärung über die Avari und den daraus entstandenen Völkern habe ich der Website Mittelerde-Portal entnommen. Dort sind noch viele wissenswerte Dinge über die Elben und die anderen Rassen zusammengetragen.
