Schweigend legten wir uns in die Riemen. Ab und zu kontrollierten Anordil und die beiden Kinn-Lai den Kurs, den der Dorwinrim steuerte. Der Küstenstreifen rückte immer näher. Bald konnten selbst diejenigen, die keine Nachsicht hatten, einen schmalen schwarzen Streifen erkennen, der stetig an Masse zunahm. Nach unendlich scheinender Zeit wurde es heller im Osten. Der Morgen dämmerte. Mit den ersten Strahlen der Sonne erreichten wir das feste Land. Der Sand knirschte, als das Boot auflief. Erleichtert sprangen wir von Bord. Das Wasser umspielte kühl die Füße. Mit vereinten Kräften zogen wir das kleine Boot den schmalen Strand hinauf hinter die kahlen Felsen. Falls man nach uns suchte, sollte es nicht zu offensichtlich zu erkennen sein, wo wir an Land gegangen waren.
Hinter den Felsen begann ein waldreiches Gebiet. Gedrungene, knorrige Bäume ragten in den Himmel. Das Unterholz bestand aus dichtem Gebüsch. Wir drangen ein Stückchen in diesen Wald ein, bis wir eine einigermaßen geschützte Lichtung fanden. Dort ließen wir uns erschöpft zu Boden sinken. Ich für meinen Teil schlief augenblicklich ein.
Als ich erwachte, brannte ein kleines geschütztes Feuer. Der Zwerg saß leise schimpfend davor. Ihm gegenüber hatte der Zauberer Platz genommen. Daneben lag der Dorwinrim auf dem Boden. Auch er schlief. Von Anordil und den Kinn-Lai war nichts zu sehen. Aber meine Wunden waren verschwunden. Nur dünne, rosafarbene Striemen konnte ich erkennen.
„Auch schon wach", brummte der Zwerg in der für seine Rasse typischen Manier. „Vielen Dank für den Morgengruß", konterte ich in Khuzdul. Erschrocken hob er eine Augenbraue. Sein Räuspern glich mehr einem Husten. „Verzeiht meine Unhöflichkeit", erwiderte er in Westron, „ich bin Mati Eisenarm aus Baraz-dûm in den Eisernen Bergen." „Ich entbiete dir meinen Gruß, Mati Eisenarm", antwortete ich höflich, „mein Name ist Arwen Ceridwen Glordoroniell, Gemahlin des Anordil und Schwertmeisterin des Hauses Glordoron."
Ich hatte mich aufgesetzt und streckte mich. Die Antwort des Zwerges hatte mich hellhörig gemacht. Etwas kam mir bekannt vor, aber ich konnte nicht sagen was. Der Dorwinrim war in der Zwischenzeit von unserem Wortwechsel aufgewacht. Er horchte auf, als ich meinen Namen nannte und lächelte überrascht. „Ich wusste nicht, dass Elben auch menschliche Schwertkämpfer unterrichten", warf er ein, „ich bin übrigens Ordalon Nagun von den Ufern des Celduin. Mein Clan produziert den besten Wein in Mittelerde. Allerdings lag mein Geschick eher beim Führen eines Schwertes."
„Sei mir gegrüßt, Arwen Glordoroniell", sagte der Zauberer und neigte ein wenig sein Haupt, „ich werde Radumon Ascalian genannt. Ich lerne bei den Istari und bin auf dem Weg nach Isengart, um die Weihe durch den Obersten meines Ordens zu erhalten. Radagast der Braune ist mein Lehrmeister." „Radagast der Braune", fragte ich überrascht, „ich dachte, seine Heimat ist weit im Norden?"
„Das ist richtig", erwiderte Radumon, „er schickte mich vor einigen Sonnenläufen auf Pilgerreise. Nun bin ich auf dem Heimweg. Er erwartet mich, sobald ich meine Weihe erhalten habe." Ich betrachtete ihn höflich. Wusste er von Sarumans Machenschaften? Radumon wirkte unauffällig, eher neutral. Warum sollte er von den Pakten Sarumans wissen, wenn selbst Gandalf der Graue nichts ahnte? Jedenfalls sah mich Radumon jetzt neugierig an. Ich hob an, um etwas zu sagen, als Anordil und die beiden Kinn-Lai zurückkehrten.
Zärtlich gab mir Anordil einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Du bist wach", sagte er leise, „wie fühlst du dich?" „Gut", entgegnete ich, „wie man sich nach so einer Nacht eben fühlt." Er lächelte ob meines Sarkasmus. Dann wandte er sich an die Kinn-Lai. „Dies ist meine Gemahlin Arwen Ceridwen", stellte er mich vor, „Schwertmeisterin des Hauses Glordoron. – Und dies sind Padordûr und Helegnaur. Strategen und Bogenmeister des Hauses Gildin in den Südlanden." Die beiden grüßten stumm. Anscheinend hielten sie nicht viel von Worten.
Anordil wies mit einer Hand in die Runde. Er wollte uns allen die Neuigkeiten mitteilen. Wir hockten uns um das Feuer. Padordûr legte zwei magere Kaninchen ab, die noch in ihrem Fell steckten. Dann zeichnete Anordil eine grobe Karte in die Erde. Bevor er zum Sprechen anhob, wusste ich, dass es nichts Gutes war.
„Hier wurden wir von den Piraten angegriffen", erklärte er und deutete auf die Karte, „die Strömung und das Rudern haben uns in diese Richtung getragen. – Deutlich weiter von dem ursprünglichen Kurs weg, den das Schiff hatte. Dank der Navigationskünste Ordalons sind wir zum Glück nicht weiter abgetrieben. – Padordûr ist sich sicher, dass wir uns im Gebiet von Umbar befinden. Unsere Erkundungen scheinen dies auch zu bestätigen. Das heißt, wir haben nach Norden, wie nach Süden hinter diesem Grünstreifen Wüste vor uns."
Umbar – also waren wir an dem schmalen grünen Streifen der Wüste von Haradwaith gelandet. Bedauernd sah Anordil mich an. „Ich hatte uns eigentlich die Wüste ersparen wollen", flüsterte er mir auf Gälisch zu, „aber das Schicksal hat es anders gewollt." Sacht legte ich eine Hand auf seinen Arm. „Ich werde es überleben", antwortete ich und fuhr auf Westron fort, „wenn wir uns in Umbar befinden, so müssen wir nach Norden durch die Wüste?"
Padordûr schüttelte verhalten den Kopf. „Es gibt die Möglichkeit an der Küste entlang zu wandern", warf er ein, „ein beschwerlicher, steiniger Weg. Aber durch das Meer haben wir genügend Nahrung und auch Wasser - " „ - Wasser, welches wir nicht trinken können", unterbrach ihn der Zwerg rüde und sprang zornig auf.
Ordalon legte ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. „Wasser, welches man trinkbar machen kann", sagte er ruhig, „vielleicht kann Radumon dies tun." Erwartungsvoll blickte er zu dem Zauberer. „Meine Kraft reicht um das nötigste zu wandeln", bestätigte er.
„Wenn das so ist", sagte der Zwerg, „so lasst uns aufbrechen. Je schneller wir in Pelargir sind desto besser." „Gemach, Herr Zwerg", bremste Anordil ihn, „wir sollten diese Nacht hier ruhen und Kraft schöpfen. Die Wegstrecke ist kein Spaziergang. – Außerdem müssen wir unser Habseligkeiten sichten und ein wenig essen. Kraftlos marschiert es sich nur äußerst schwierig."
„Ihr habt Recht, Herr Elb", antwortete der Zwerg, „viel ist es nicht, was mir geblieben ist, aber selbst mit zwei Äxten ist ein Zwerg gefährlich." Er hockte sich zurück ans Feuer. Ordalon schwieg und langte zu den Kaninchen. Mit ruhigen Bewegungen schälte er diese aus ihrem Fell. Helegnaur reichte ihm einen Ast, auf den er die Kaninchen steckte. Kurze Zeit später brieten diese über dem Feuer. Der Duft, der von ihnen ausströmte, ließ meinen Magen knurren.
Anordil zog mich an die Seite. Schweigend sichteten wir, was wir hatten retten können. Viel war es nicht. Schließlich konnten wir bei unserer hastigen Flucht nur dass mitnehmen, was wir am Leib trugen. Zum Glück hatten wir in den letzten Nächten in unserer Rüstung geschlafen, so dass nicht allzuviel fehlte.
Mein Kampfstab war leider mit unter den Verlusten, wie auch der Lederbeutel mit unserer Ersatzkleidung, den Wasserflaschen und kleineren Utensilien. Aber man konnte sie ja später ersetzen. Unsere Bögen mussten wir neu bespannen. Die Bogensehnen hatten bei unserer eiligen Flucht stark gelitten.
Bei den anderen sah es auch nicht besser aus. Radumon trug alleine sein Reisegewand und den Wanderstab. Alles andere war an Bord geblieben. Mati Eisenarm hatte zwei seiner vier Äxte eingebüßt. Der Dorwinrim Ordalon hatte nur noch ein Schwert und seine Dolche. Am wenigsten hatten die Kinn-Lai verloren. Sie waren sogar noch im Besitz von zwei Wasserschläuchen.
Nach dem kargen Mahl besprachen wir unseren weiteren Weg. Padordûr war vor etlichen Jahrhunderten an der Küste entlang gewandert. Er rekonstruierte den Küstenverlauf und mit seiner Hilfe legten wir eine vorläufige Richtung fest. Nach der Aussage der Kinn-Lai lag ein zerklüfteter und beinahe unzugänglicher Pfad vor uns, bis wir auf den Flusslauf des Harnen treffen würden. Dieser Teil der Reise würde gut und gerne sieben Tage dauern. Vielleicht sogar länger.
Wir beschlossen, am nächsten Morgen aufzubrechen. Bis dahin waren zumindest meine Blessuren gänzlich verheilt. In der Nacht hielten wir abwechselnd Wache. Es war sternenklar und man konnte bis weit aufs Meer hinaus sehen, dass in sanften Wellen gegen den Strand schlug. Kein Schiff war in Sicht und alles blieb ruhig. Früh in der Dämmerung machten wir uns auf den Weg. An einem schmalen Wasserlauf, der ins Meer strömte, machten wir Halt. Sorgfältig füllten wir die beiden Wasserschläuche. Sie mussten so weit es ging reichen. Wir wussten nicht, wie heiß es werden würde. In den Felsen der Küste gab es zwar immer wieder kleinere Tümpel und Rinnsale, doch sie enthielten salziges Wasser, da das Meer zu nahe war.
Die Tage verliefen eintönig. Mühsam quälten wir uns durch den zerklüfteten Küstenstreifen. Ab und zu stieg einer von uns in die Felsen hinauf, bis man ins Landesinnere sehen konnte. Dort flirrte und waberte es heiß, während die Sonne unerbittlich vom Himmel brannte. Der Blick auf das Meer zeigte immer das gleiche eintönige Bild. Aber wir hatten wenigstens Wasser. Auch wenn wir, eher gesagt Radumon, es jeden Abend umständlich entsalzen mussten, damit wir zumindest eine kleine Menge des kostbaren Nasses hatten.
Einzig über die Nahrungsbeschaffung mussten wir uns keine Gedanken machen. In den kleinen Tümpeln, welche die Gezeiten hinterließen, tummelten sich kleine Fische, Muscheln und Krabben. Nahezu jede Mahlzeit bestand aus diesen Meeresbewohnern. Nur gelegentlich gestaltete nicht vermoderter Seetang oder ein unvorsichtiger Strandvogel den Speiseplan abwechslungsreicher. Leider waren die Vögel an der Küste viel zu mager, als das man von ihnen satt werden konnte.
Am vierten Tag sahen wir gegen Mittag fern am Horizont ein Schiff auftauchen. Die Elben musterten es kritisch. „Es ist das Piratenschiff", rief Anordil, „wir sollten außer Sicht gehen, bis es verschwunden ist." Die Kinn-Lai nickten bestätigend. Rasch kletterten wir ein Stück die Felsen hinauf, um Deckung zu finden. Die Sonne hatte das Gestein aufgeheizt. Schweiß lief mir über die Haut. Regungslos verharrten wir in der brütenden Mittagshitze. Ab und zu lauerte Anordil, Helegnaur oder Padordûr hinter unserer Deckung hervor. In der Eintönigkeit des Wartens döste ich vor mich hin.
Ich vertraute auf die Elben. Stunden zogen dahin. Die Zeit dehnte sich unendlich. Viel Zeit zum Nachdenken. Erst als die Sonne sich bereits dem Horizont zuneigte, gaben sie endlich Entwarnung. Anordil stieß mich sanft an.
„Wovon träumst du", flüsterte er mir ins Ohr. Ich lächelte ihn müde an. Meine von der Hitze ausgetrockneten Lippen versuchte ich mit der Zunge zu befeuchten. Trinken würde ich erst bei der Abendrast. „Der Wasserfall in Cillien", antwortete ich, „ich sah mich beim Baden in den Fluten. Und ich hörte Eiliant und Niniel singen." Anordil lachte leise. „Bald, meine Sonne", erwiderte er, „bald sind wir zu Hause." Er streckte mir die Hand hin und half mir beim Aufstehen. Ächzend erhob ich mich. Erleichtert streckte ich meine eingeschlafenen Glieder. Dann folgten Anordil und ich den anderen zurück auf den schmalen Pfad.
Heute gingen wir solange, bis wir den Weg vor uns nicht mehr sehen konnten. Die Elben sicherten den Lagerplatz. An diesem Abend entzündeten wir kein Feuer. In der Dunkelheit verspeisten wir die Reste vom Mittag. Jedem von uns mussten ein paar Schlucke Wasser genügen. Erst in der Morgendämmerung würde Radumon ausreichend Wasser entsalzen, damit wir uns satt trinken konnten. Die Elben hielten abwechselnd Wache, doch es blieb alles ruhig. Nur die Brandung des Meeres war zu hören. Am nächsten Morgen zogen wir weiter. In den folgenden Tagen sahen wir nichts Ungewöhnliches mehr. Nicht ein einziges Segel tauchte am Horizont auf.
Tage verstrichen in eintöniger Gluthitze. Allmählich wurden die Strapazen sichtbar. Nicht nur an unseren Gewändern, sondern auch auf den Gesichtern. Die Freude war groß, als wir endlich auf den Fluss Harnen trafen. Erleichtert atmete ich auf und atmete den Duft des frischen Grüns, dass sich an beiden Seiten des Harnen ausbreitete. Eine Wohltat nach all den Tagen salziger Meerluft. Am Ufer des Flusses ließen wir uns nieder. Nach einer kurzen Rast gingen wir allerdings noch ein Stückchen weiter flussaufwärts, bis zu einer geschützten Stelle, von wo aus das Meer nicht mehr zu sehen war. Die Elben musterten aufmerksam die Umgebung. Dicht stehende Bäume und nahezu undurchdringliches Buschwerk. Saftiges Gras spross auf dem Boden, durchsetzt mit zahlreichen Kräuterbüscheln. Hohes Schilf säumte den Uferstreifen. Diese kleine Lichtung war perfekt. Dann sahen sie sich zufrieden an.
„Wir werden hier ein paar Tage rasten", sagte Anordil, „das Wasser ist süß und sauber. Außerdem sind wir weit genug vom Meer entfernt, als das uns die Piraten entdecken könnten." Aufseufzend setzte ich mich in das weiche Gras. Jeder von uns suchte sich ein Plätzchen, wo er seine müden Glieder ein wenig strecken konnte. Nach kurzer Zeit jedoch kam wieder Leben in uns. Wortlos verschwanden die beiden Kinn-Lai. Sie hatten nur ihre Bögen mitgenommen. Ihre übrigen Waffen lagen sorgfältig nebeneinander zwischen den Wurzeln eines Baumes.
Mati erhob sich schnaufend. „Wir sollten ein bisschen Holz suchen gehen", polterte er, „und du solltest mir dabei helfen, Ordalon." Dieser hob eine Augenbraue. Der rauhe Ton des Zwerges missfiel ihm. „Warum sollte ich dir dabei helfen, Zwerg", gab dieser zurück, „du bist wesentlich näher am Boden als ich." „Weil zwei schneller das Holz gesammelt haben, als einer, du dummer Ostling", konterte Mati grummelnd, während er sich auf Ordalon zu bewegte, „und nun komm' schon, bevor diese Elben wiederkehren und sich aufregen, dass noch kein Feuer brennt. – Außerdem, wo willst du sonst deine Gewänder trocknen?"
Verständnislos sahen Ordalon und Radumon ihn an. „Gewänder trocknen", fragte Radumon. Mati stapfte kopfschüttelnd ins Unterholz. „Ihr treibt mich zur Verzweiflung", hörte ich ihn brummen, „wo, bei den Valar, wollt ihr eure gewaschenen Gewänder trocknen, wenn nicht am Feuer? – Oder habt ihr beiden vor, bis zum Ende aller Tage in salzverkrustetem Zeugs zu stecken?"
Anordil lachte leise und ich schmunzelte. Der Zwerg hatte Recht. Ich konnte es auch schon kaum erwarten, meine Gewänder in den klaren Fluten zu reinigen und anschließend mich selber. „Aber nicht hier", wisperte Anordil und wies mit dem Kopf zu den anderen. Irritiert schaute ich mich um. Dann verstand ich. „Oh", entfuhr es mir, „was schlägst du vor?"
Er schaute mich vergnügt an. „Ein Stückchen weiter flussabwärts", antwortete er, „die kleine Bucht, an der wir vorhin vorbei kamen. Sie ist geschützt und unsere Gewänder trocknen dort gut in der Sonne." Ich nickte. „Vielleicht finden wir noch ein paar Beeren für das Mahl", entgegnete ich.
„Geht nur", warf Radumon ein, „ich werde das Lager ein bisschen herrichten. Wenn die anderen fragen, dann weiß ich nicht, wo ihr seid." Wissend verzog er seinen Mund zu einem breiten Grinsen. Warum nur denken alle Männer nur an das eine, seufzte ich in Gedanken. Aber zu meiner Schande musste ich gestehen, dass ich mich tatsächlich nach Anordils Liebkosungen sehnte.
Wir lehnten unsere Bögen an einen der Bäume und verschwanden im Unterholz. Nach einer Weile erreichten wir die kleine Bucht, die Anordil meinte. Sanft schlug das Wasser an das flache, mit feinem Kies bedeckte Ufer. Die dicht stehenden Bäume spendeten genug Schatten. Ich legte meine Waffen ab und streifte dann rasch meine Gewänder vom Leib. Energisch schrubbte ich sie in dem angenehm kühlen Wasser ab. Der Schweiß auf meiner Haut vermischte sich mit dem verkrusteten Salz und dem feinen Sand des Flussbodens. Es juckte unangenehm. Doch ich wusch erst zu Ende.
Sorgfältig breitete ich meine Gewänder über einige kleine Büsche aus. Sonnenstrahlen tanzten über den Stoff und brachten die kunstvollen Stickereien zum Leuchten. Anordil war meinem Beispiel gefolgt. Allerdings hatten wir nun nichts zum Anziehen.
„Und nun", fragte ich, „was schlägt der Herr vor?" Anordils Augen leuchteten vergnügt. „Selber sauber werden", lautete sein Kommentar. Bevor ich mich wehren konnte, hatte er mich hochgehoben und trug mich in das Wasser hinein, wo er mich unvermittelt losließ. Das klare Wasser schlug über mir zusammen. Die Kälte raubte mir im ersten Moment den Atem, aber dann hatte ich die Oberfläche durchbrochen und sog heftig die Luft ein. Ich schaute mich um. Von Anordil keine Spur.
Dann zog etwas mich heftig nach unten. Als ich mich unter Wasser umsah, entdeckte ich Anordil, der mich am Bein gepackt hatte. Seine Haare umwaberten ihn wie loderndes Feuer. Ein paar Fische schwammen neugierig näher. Ich schüttelte unmerklich den Kopf. Fisch konnte ich nicht mehr ausstehen. Jedenfalls die nächste Zeit. Anordils Augen funkelten. Einerseits durch das Sonnenlicht, das sich im Wasser brach, andererseits weil er sich wohl köstlich über mich amüsierte. Na warte, dachte ich und schwamm in langen Zügen hinter ihm her.
Wir balgten und tobten im Wasser, bis wir erschöpft das Ufer suchten. Dort schrubbten wir uns gegenseitig mit Sand ab, bevor wir ein letztes Mal ins tiefere Wasser gingen, um uns von der Mischung aus Sand und Schmutz zu befreien. Als ich aus dem Wasser stieg, hatte meine Haut eine zartrosa Färbung angenommen.
Ich streckte mich und drückte mein Haar aus. Die Sonne wärmte meine Haut. Ihre Strahlen brachen sich in den vielen kleinen Wassertropfen. Anordil war hinter mich getreten. Er schlang einen Arm um mich und drückte mich an sich. Nach hinten lehnend spürte ich seine Brust. Ich schloss die Augen. Seine Haut war weich, angenehm kühl nach diesem Bad. Zärtlich hauchte er einen Kuss in meinen Nacken. Mit der einen Hand strich er meine Haare nach vorne. Dann begann er an meinem Ohrläppchen zu knabbern. Seine Lippen hinterließen eine feuchtwarme Spur auf meiner Schulter.
Mein Atem beschleunigte sich. „Anordil", hauchte ich fragend, „sollen wir wirklich?" Er lachte leise. Seine Stimme klang erregt. „Warum nicht", stellte er die Gegenfrage, „wir sind weit genug entfernt, dass uns niemand stört." Er unterbrach nicht einmal sein Tun. Weiterhin erforschten seine Lippen meine Haut. Wohlige Schauer liefen mir über den Rücken, was er mit einem zärtlichen Knabbern zur Kenntnis nahm.
Ich drehte mich um und nahm seine Hände in meine. Liebevoll gab ich ihm einen sanften Kuss auf die Lippen, der voller Leidenschaft erwidert wurde. Eng umschlungen standen wir da und streichelten die Haut des anderen. Dann hob Anordil mich sanft hoch. Er trug mich ins seichte Wasser und bettete mich auf den weichen Sand.
„Schließe die Augen", bat er mich. Gehorsam folgte ich seinen Worten. Das Wasser plätscherte ruhig. Seine Hände und Lippen nahmen ihren Weg über meinen Körper wieder auf. Das Wasser verstärkte noch die Empfindungen. Zärtlich leckte er meinen Bauchnabel, knabberte und saugte sanft daran. Langsam bahnte er sich einen Weg zwischen meine Schenkel, die ich willig öffnete. Vorsichtig tastete er zu meiner empfindlichsten Stelle. Mir wurde heiß und vor Erregung atmete ich heftig. Ich spürte seine Finger, die zärtlich mein zuckendes Fleisch massierten. Als ich es nicht mehr aushielt, öffnete ich die Augen und sah Anordils Gesicht über mir. Die Erregung hatte seine Augen dunkel werden lassen. Seine Haare kitzelten meine Haut.
Ich fühlte sein Geschlecht, als er um Einlass bat. „Nein" wisperte ich, „nicht so!" Irritiert blickte er mich an. Für einen Augenblick verlor er das Gleichgewicht. Ich nutzte dies und drehte mich mit ihm, so dass er nun im Sand zu liegen kam. Er lachte leise. „Oh", stieß er hervor, „Herrin Unnahbar übernimmt die Führung."
Meine Haare fielen nach vorne. Ihre Spitzen berührten seine Haut. Dann begann ich seinen Körper zu erforschen. Meine Zunge hinterließ eine sanfte Spur. Als ich an seinen Ohrspitzen knabberte, fing er leise an zu stöhnen. Mit meinen Finger fuhr ich sacht über seine Haut. Hier und da verweilte ich und streichelte ein bisschen. Meine Zunge leckte und forschte. Als ich zärtlich an einer seiner Brustwarzen knabberte entfuhr ihm ein kehliger Laut der Lust. Langsam arbeitete ich mich weiter vor. Selbst vor seinem Geschlecht machte ich nicht halt. Ich schmeckte ihn auf meiner Zunge. Gierig nahm ich die Tropfen seiner Männlichkeit in mir auf.
„Arwen", bat er heiser. Seine Augen verschlangen mich, als ich ihn ansah und mich über sein Gesicht beugte. Ich spürte, dass ich ihm ungeheure Selbstbeherrschung abverlangte. Ich nickte ihm zu. Er hob mich hoch und ließ mich auf seine hoch aufgerichtete Männlichkeit gleiten. Heiß bohrte er sich in mich hinein. Füllte mich aus. Erregt atmete ich aus. Dann begann ich mich in einem langsamen Rhythmus auf und ab zu bewegen. Es dauerte nicht lange, bis ich schneller wurde. Gemeinsam erreichten wir den Höhepunkt.
Erschöpft blieben wir liegen. Minuten verstrichen, in denen Anordil mich sanft im Arm hielt. Ich fühlte, wie er sich allmählich aus mir zurückzog, was ich bedauerte. Ich sah ihn an. „Leider muss das genügen", flüsterte er bedauernd, „wir sollten uns eilen." Mit dem Kopf wies er zum Stand der Sonne, die in der Zwischenzeit ein gehöriges Stück weiter gewandert war. Ich seufzte. Er hatte ja Recht. Wir waren schon zu lange weg. Die anderen würden uns vermissen.
Rasch sahen wir nach unseren Gewändern. Sie waren beinahe trocken. Nur an wenigen Stellen waren sie noch ein wenig klamm. Es würde jedoch reichen. Schuldbewusst sammelten wir auf dem Rückweg Beeren und ein paar Knollen, die Ähnlichkeiten mit der Süßkartoffel aufwiesen. Im Lager angekommen, sah ich, dass die Kinn-Lai Erfolg bei der Jagd gehabt hatten. Allerdings fehlte von den beiden jede Spur. Nur Mati, Ordalon und Radumon saßen um das Feuer und trockneten ihre Beinkleider, die sie diskreterweise nicht ausgezogen hatten. Ihre übrigen Gewänder hingen in den Büschen und Bäumen rund um das Lager.
Mati war dabei die Hasen, welche die Kinn-Lai geschossen hatten, auszuweiden und an Ordalon weiter zu reichen. Lautstark erzählte er dabei von Abenteuern, die er erlebt hatte. „... wie ich hier vor euch stehe, Ostling", dröhnte er, „fragt meinen Vetter Grurin Eisenschild. Er wird es euch bestätigen. Aber ihr Ostlinge seid alle gleich. Das kommt von der Brühe, die ihr Wein nennt." Ordalon sah ihn beleidigt an, während er das Hasenfleisch kleinschnitt und auf Holzstöcke schob, die er rund um das Feuer in den Boden steckte.
„Beleidige nicht mein Volk", wetterte Ordalon, „unser Wein ist ein Geschenk der Valar, lieblich und süß. Dagegen ist dieses Gesöff, was ihr Bier nennt, die reinste Orkpisse." „Mäßigt euch in euren Worten", mahnte Radumon, „schließlich ist eine Dame unter uns."
Mati errötete bis in die Haarwurzeln. „Na so was", brummte er, „Dame, ha, das ich nicht lache! Ich habe diese Dame schon sehr deftig auf Khuzdul fluchen hören." Nun war es an mir zu erröten. „Nicht doch Mati", beschwichtigte ich, „ich versuche doch nur meine Kenntnisse der Zwergensprache zu vertiefen." Anordil lächelte. Letztendlich war er es gewesen, der mir die paar Brocken Khuzdul beigebracht hatte, derer ich mächtig war. „Außerdem habe ich was für das Nachtmahl mitgebracht", fuhr ich ungerührt fort, „diese Knollen dürften im Feuer geröstet vorzüglich schmecken und die Beeren sollten uns wohl munden."
Ordalon streckte die Hände aus, um mir die Knollen abzunehmen. Er schnitt eine an und schnüffelte genießerisch daran. Dann warf er sie alle in die heiße Glut. „Wo sind Padordûr und Helegnaur", fragte Anordil. „Sie sind sich auch waschen", brummte Mati, „sie haben ihre Beute abgelegt und waren wortlos verschwunden. Radumon hat sie ein bisschen flussaufwärts gesehen, als er seine Robe ausgewaschen hat." Radumon sah uns mit einem vielsagenden Blick an, während er einen kräftigen, gerade gewachsenen Ast von störenden Zweigen befreite. Anscheinend hatte er einen neuen Wanderstab gefunden.
Anordil warf mir einen wissenden Blick zu. Ich sah ihn fragend an. Als sein Lächeln breiter wurde, dämmerte mir langsam, was er meinte. „Oh", entfuhr es mir unabsichtlich. Unsere Gefährten hatten dies überhört. Sie waren mit anderen Dingen beschäftigt.
Ich lehnte mich an einen Baum und beobachtete Mati, wie er sich mit Ordalon mehr oder weniger gutmütig stritt. Auf einem durchzuckte es mich. „Sag Mati, hattest du vorhin Grurin Eisenschild erwähnt", fragte ich laut. Verdutzt schaute der Zwerg mich an. „Werte Arwen, Grurin ist mein Vetter vierten Grades", ließ er verlauten, „ich freue mich schon seit etlichen Sonnenläufen darauf, ihn wieder in die Arme zu schließen und ein ordentliches Bier mit ihm zu trinken. – Ach, wenn ich doch nur schon die Tore von Baraz-dûm vor mir sehen würde ..." Da dämmerte es mir. Traurig sah ich Mati an. Allerdings kam Anordil mir zuvor. Auch in seinen Augen spiegelte sich die Trauer. „Es tut mir leid, Mati", sagte Anordil sanft, „aber Baraz-dûm existiert nicht mehr."
Geschockt sah der Zwerg uns an. „Ihr treibt einen dummen Scherz mit mir", stieß er hervor, „niemand kann die Tore der Stadt einnehmen." Anordil sah an ihm vorbei. In seiner Erinnerung wurden die Bilder lebendig, die wir oder eher er damals gesehen hatten. „Sie wurden überrascht", fuhr Anordil fort, „Orks und Wargreiter überfielen sie ohne, dass sie eine Chance hatten. Sie haben hart gekämpft, aber nur einer hat überlebt." Mitfühlend sah ich Mati an. „Dein Vetter Grurin konnte sich retten", sprach ich weiter, „er und zwei andere, die leider an den Verletzungen starben. Wir fanden Baraz-dûm kurz nach dem Kampf. Es lebte niemand mehr in der Festung. Grurin kehrte zurück um die Tore endgültig zu schließen. Wir halfen ihm dabei. Nachdem wir die Toten ihrer Ruhe übergeben hatten brachte Grurin uns nach Kheled-dûm der Feste von Ruga Silberhand." „Ihr sagtet, mein Vetter lebt", fragte Mati mit brüchiger Stimme, „er als einziger? – Ich ..."
Abrupt drehte er sich um und stapfte davon. Wir blickten ihm nach, als er ihm Unterholz verschwand. Ordalon wollte hinterher. „Lass ihn", wies Anordil ihn an, „er braucht jetzt Ruhe um das zu verarbeiten." Schweigend setzte sich Ordalon ans Feuer zurück. Stille legte sich über das Lager.
Als erstes kamen die beiden Kinn-Lai bei Anbruch der Dunkelheit. Wie Schatten erschienen sie zwischen den Bäumen. Ich beobachtete sie unauffällig. Nach einer Weile musste ich Anordil zustimmen. Ja, die beiden waren ein Paar. Die Gesten, die sie wählten, die Blicke, die sie tauschten. Anordil berührte sanft meinen Arm. Dann reichte er mir ein großes Blatt, auf dem ein dampfender Hasenschlegel und duftende Knollen Platz gefunden hatten. Jetzt erst merkte ich, wie hungrig ich war.
Mati kam weit nach Anbruch der Nacht in unser Lager. Gramgebeugt schleppte er sich zum Feuer. Wir hatten ihm eine Portion aufgehoben, die er lustlos verspeiste. An diesem Abend schien keiner mehr Lust zum Plaudern zu haben, daher legten wir uns bereits früh zur Ruhe. Wortlos übernahm Mati die erste Wache.
Drei Tage ruhten wir uns an dieser geschützten Stelle aus, bevor wir aufbrachen. Mit neuer Kraft wanderten wir am Ufer entlang stromaufwärts Der Harnen war fischreich, in den Niederungen tummelten sich Kleintiere wie Hasen, Vögel und kleine Wildschweine. Nahe am Ufer konnte man ebenfalls kleinere Echsen antreffen. Die meisten waren so lang wie mein Unterarm und außerordentlich flink. Durch diese Artenvielfalt gestaltete sich der Speiseplan recht abwechslungsreich. Zudem stellte ich fest, dass Echsenfleisch gar nicht so schlecht schmeckte, wie ich bisher dachte. Doch trotz der paradiesischen Umgebung waren wir immer noch in Mittelerde und damit lauerte die Gefahr überall.
Wir rasteten am Fluss, als wir unvermittelt angegriffen wurden. Aus dem dichten, niedrigen Schilf am Uferrand schnellten drei Galenancas hervor. Urtümliche Reptilien, die am ehesten Ähnlichkeit mit aggressiven Krokodilen hatten. Die schuppige dunkelgrüne Haut schimmerte feucht. Aus den weit aufgerissenen Fängen fauchte es bösartig. Hunderte messerscharfer Zähne blitzten. Wütend schoss die eine Bestie auf Ordalon zu, der dem Ufer am nächsten saß. Bevor dieser reagieren konnte, biss das Galenanca zu. Das Geräusch von zermalmenden Knochen mischte sich mit Ordalons Schmerzensschrei.
Ruckartig zog das Galenanca Ordalon zum Wasser. Die beiden anderen schienen Deckung zu geben. Kaum hatte es den einen erreicht, biss sich dieses ebenfalls in Ordalon fest. Erst jetzt konnten wir reagieren, wobei die Elben am schnellsten waren. Helgenaur stürzte sich mit gezogenem Schwert auf das Galenanca, welches sich in Ordalons Beinen verbissen hatte. Mati schlug mit seiner gewaltigen Kampfaxt auf den Schädel des anderen Galenanca. Das dritte versuchte nun Mati zu attackieren. Allerdings wurde es von mir daran gehindert.
Sauber schnitt das Schwert durch die harten Schuppen. Mit harten Schlägen hielt ich mir das erboste Tier vom Leib. Mati erledigte es schließlich mit einem kraftvollen Hieb auf den Schädel. Durch die Wucht wurde die Knochenplatte des Galenanca regelrecht zertrümmert.
Anordil und Padordûr hatten ihre Bögen schußbereit und versandten Pfeile ins ufernahe Wasser. Dort sah ich Bewegung. Mindestens fünf weitere Galenancas hatten sich in Angriffsposition gebracht. Nur die Pfeile der Elben hielten sie davon ab, an Land zu kommen. Mati und ich hasteten zu Helegnaur, dem es gelungen war, sein Schwert in das Hirn des Tieres zu rammen. Regungslos lag es im blutverschmierten Sand. In seinen gewaltigen Fängen wand sich Ordalon vor Schmerz. Seine Schreie waren einem grauenhaften Stöhnen gewichen.
Selbst im Tode wollte das Tier seine Beute nicht loslassen. Nur mit Gewalt konnten Mati und Helegnaur die Fänge öffnen. Rasch zog ich Ordalon daraus hervor. Es schüttelte mich, als ich den stolzen Dorwinrim anblickte. Das Galenanca hatte es geschafft beide Beine Ordalons zu durchtrennen. Diese zog ich als lose Stücke aus dem Schlund des Tieres. Aus den Stümpfen blutete Ordalon zwar nur verhalten, aber das konnte an einer Schockreaktion des Körpers liegen. Rasch band Radumon die Adern der Beine ab, während wir den sich vor Schmerzen windenden Ordalon am Boden festhielten.
Der rechte Arm des Dorwinrim baumelte halb abgerissen herunter. Auch dort verlor er eine Menge Blut. Mit Schaudern versuchte ich den Arm zu halten, damit er nicht gänzlich vom Körper getrennt wurde. Vielleicht konnte Anordil ihn noch retten. Ich presste meinen Finger auf die Schlagader im Schulterbereich um die Blutung zu stoppen. Anscheinend half es ein wenig, denn Radumon gelang es auch hier die Ader abzubinden. Nur aus dem Arm war sämtliches Blut bereits gewichen. Blass und tot hing er an Ordalons Seite.
Anordil und Padordûr schickten Pfeil um Pfeil in die schuppengepanzerten Leiber der im Wasser ausharrenden Bestien. Ohrenbetäubendes Gekreische stießen die getroffenen Galenancas aus. Während Mati, Radumon und ich uns um Ordalon bemühten, schaffte es Helegnaur die beiden getöteten Galenancas in den Fluss zu werfen. Mitten unter die dort in Schach gehaltenen übrigen Galenancas. Es dauerte nur Sekunden, bis diese sich vom Blut ihrer Kameraden angezogen, über deren Kadaver her machten. Das Wasser schien zu brodeln, als würde es durch ein unsichtbares Feuer aufgeheizt. Augenblicke danach herrschte Ruhe. Nur der aufgewühlte Schlamm und die Schlieren roten Blutes wiesen auf den vorhergehenden Kampf hin. Aufmerksam musterten Anordil und Padordûr den Uferstreifen. Doch die Biester hatten sich gesättigte verzogen.
Ordalon war mittlerweile bewusstlos. Anordil kam rasch herbei, während Padordûr und Helegnaur die Wache übernahmen. Nach kurzer Untersuchung senkte er bedauernd den Kopf. „Ordalon wird es nicht überstehen", sagte er dumpf, „der Blutverlust ist zu hoch und die Verletzungen zu schwerwiegend. Wir können ihm nur das Leiden erleichtern."
Behutsam bettete Anordil den schwerverletzten Ordalon auf ein hastig von Mati zusammengefegtes Bett trockenen Laubes. Als Anordil seine Hände unter Ordalon hervorzog, waren diese blutverschmiert. Vorsichtig drehte er Ordalon auf die Seite. Erschrocken sog ich die Luft ein. Das Galenanca hatte den Dorwinrim sogar noch am Rücken erwischt. Tiefe Bissspuren zogen sich quer über den Körper.
„Bald wird er einkehren in das Reich seiner Ahnen", murmelte Mati betrübt. Schwer stütze er sich auf seine Kampfaxt, an der noch das Blut der Bestie klebte. Radumon umklammerte seinen Wanderstab. Weiß traten seine Knöchel an den Händen hervor. Genauso weiß wie sein Gesicht. „Viel habe ich bereits erlebt", sagte er kratzig, „doch dies ist ..." Er stockte, weil er keine Worte fand, seine Gefühle auszudrücken.
Anordil kramte in seinen verbliebenen Beutelchen. Schließlich fand er, was er suchte. „Hole Wasser", wies er mich an, „ich habe noch ein paar Blättchen Athélas." Ungläubig starrte ich ihn an. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Ordalon davon gesunden wird", stieß ich hervor. Er lächelte traurig. „Nein", erwiderte er leise, „dieser stolze Dorwinrim wird nie wieder die Gefilde seiner Heimat sehen. Seine Zeit endet hier. Das Athélas wird es ihm nur leichter machen."
Ich senkte den Kopf. Wie konnte ich nur so dumm sein! Königskraut oder Athélas, wie es von den Elben genannt wurde, war zwar eine heilkräftige Pflanze, aber Wunder konnte selbst sie nicht wirken. Auch Anordil war an die Grenzen seiner Macht gekommen. Er konnte nicht helfen.
Radumon schichtete ein paar Äste auf und entfachte ein kleines Feuer. Ich holte in der Zwischenzeit Wasser. Alsbald fing dieses an über dem Feuer in dem kleinen irdenen Krug zu kochen. Padordûr hatte diesen in seinem Gepäck getragen. Anordil streute eine Prise von dem getrockneten Athélas und einem anderen Kraut in das kochende Wasser und beinahe augenblicklich breitete sich der belebende Duft über dem Lagerplatz aus. Er hielt den Krug unter Ordalons Nase und fächelte ihm den Dampf zu.
Ich sah, wie sich Ordalons Nasenflügel blähten. Seine Gesichtszüge entspannten sich. Auch sein Atem floss ruhiger. Die Zeit schien stillzustehen. Dann schlug er die Augen auf. Klar blickte er uns an. Tiefer Frieden war in ihnen zu sehen. Er benetzte die Lippen mit seiner Zunge.
„Ich dachte nicht, dass es so enden würde", hauchte er mit brüchiger Stimme, „Ich höre bereits die Trommeln meiner Totenklage. Dumpf hallen sie in der Ferne. – Könnt ihr sie hören?" Doch außer dem prasselnden Feuer drang nichts an mein Ohr. „Überbringt die Nachricht von meinem Tod", bat er uns, „erst dann kann meine Seele Frieden finden, an den Feuern meiner Vorfahren." Seine Stimme setzte immer wieder aus. Es fiel ihm schwer zu sprechen. Er hustete. Helles Blut sickerte an seiner Lippe herunter. Wir sahen uns an.
Radumon beugte sich zu ihm. „Ich verspreche dir, deinen Namen zu deinem Volk zu bringen", sagte er mit fester Stimme, „es ist nicht wichtig, ob ich in einem Mond oder erst in vier an meinem Ziel ankomme. Mein Meister wird es verstehen." Dankbar versuchte Ordalon zu lächeln. „Mein Beutel", flüsterte er schwach. Fahrig versuchte er mit seiner verbliebenen Hand nach dem Lederbeutelchen zu greifen, welches um seinen Hals hing. Doch er schaffte es nicht zu lösen. Anordil half ihm dabei. Als Ordalon es an Radumon reichte, fiel es beinahe zu Boden. Schwer plumpste es in Radumons Hand.
„Gibt das dem Obersten meines Clans", hustete Ordalon, „er wird meine Seele zu den Feuern bringen." Radumon beugte sich zu ihm. „Ich verspreche es bei allem, was mir heilig ist", erwiderte er, „du kannst in Ruhe Einzug halten in die Welt der Toten." Anordil reichte Ordalon den Becher mit dem Athélas. „Trink das, mein Freund", sagte er leise, „es wird dir die Schmerzen nehmen." Wortlos trank Ordalon von dem Gemisch. Dann schloss er die Augen.
In dieser Nacht blieben wir wach. Keinem war nach Schlaf zumute. Jeder weilte eine Zeitlang an Ordalons Seite, der sich unruhig hin und her wälzte. Gefangen im letzten Kampf. Gegen Morgen bat er ein letztes Mal um Anordils Kräutermischung. Als die Sonne am Horizont erschien, röchelte er. Sein Körper zuckte und bebte. Dann war es vorbei. Aufseufzend wich der letzte Atemhauch aus seiner Lunge.
Es war still im Lager. Trauer erfüllte uns. Mir liefen Tränen über die Wangen. Ordalon war ein guter Weggefährte gewesen. Stolz und ohne Furcht. Sein Tod ging uns allen nahe. „Weiß jemand, welche Ehren die Dorwinrim ihren Toten erweisen", fragte Mati mit leiser Stimme, die nicht zu ihm zu passen schien. „Ich war vor einigen Jahrhunderten am Rande des Meeres von Rhûn", antwortete Padordûr, „ich erinnere mich, dass die Riten von Clan zu Clan ein wenig anders sind. Wie sie in Ordalons Clan sind, vermag ich nicht zu sagen."
Schweigend hatten wir ihm zugehört. Keiner wusste demnach, wie die Dorwinrim mit ihren Toten verfuhren. „Ich erinnere mich nur daran, dass sie aus der Asche die Knochen sammelten um diese den Angehörigen zu geben", fuhr Helegnaur fort. Mati nickte brummend. „So wollen wir tun, was wir tun können", sagte er, „um Ordalon Nagun die Ehre zu erweisen, die ihm gebührt." Schweigend half Helegnaur Anordil den Toten ans Wasser zu tragen, damit sie ihn waschen konnten. Sie kleideten ihn aus. Anordil legte alles auf einen Haufen. Ich nahm diesen und wusch das Blut heraus. Padordûr wachte über uns mit seinem Bogen. Doch die Galenancas wagten sich nicht mehr heran.
In der Zwischenzeit sammelten Mati und Radumon Holz. Soviel, wie für ein Totenfeuer benötigt wurde. Sie schichteten es am Rande des Flusses auf. Anordil nähte mit groben Stichen die abgetrennten Gliedmaßen an, bevor wir Ordalons Leib in die gewaschenen Gewänder hüllten. Gemeinsam hoben Anordil und Helegnaur den Leichnam dann auf das geschichtete Holz. Mit Ordalons Dolch bedeckten wir sein Herz. Andächtig schlang Radumon die Amulette, die er in Ordalons Gürteltasche fand, um dessen Hals. Anschließend kramte Mati in seinen Taschen und fand zwei kleine Goldstückchen, die er auf die Augen Ordalons legte.
„Sie sind aus meiner eigenen Mine", brummte er, „eine Erinnerung an zu Hause. Wenn ich schon nicht meiner Familie die Ehre erweisen kann, so soll Ordalon dies mit sich tragen." Die Sonne stand hoch am Himmel, als wir den Holzstoß entzündeten. Hell loderte das Feuer auf. Rasch griffen die Flammen um sich und verschlangen den toten Leib Ordalons. Als wolle er uns ein letztes Mal grüßen, hob sich sein Oberkörper an. Als er zurückfiel, stob Glut auf. Das Feuer zischte und prasselte. Schwarzer Rauch stieg auf. Wir wussten, dass dies weithin zu sehen war und hofften, dass wir dadurch keine Feinde auf unsere Fährte riefen.
Bald sackte der Holzstoß in sich zusammen. Als das Feuer erlosch, war es beinahe Abend. In der Dämmerung suchten wir die Knochenstücke und die beiden Goldklümpchen aus der heißen Asche, die wir dann Radumon übergaben. Er sollte sie nach Osten bringen zu Ordalons Clan, zusammen mit dessen Schwert und den wenigen Habseligkeiten, die dieser hatte. Die restliche Asche streuten wir in den Fluss.
Anschließend brachen wir auf. Bevor die Nacht endgültig über uns herein brach, wollten wir noch ein Stückchen weiter flussaufwärts gehen. Rast machten wir erst, als wir nichts mehr sehen konnten. Die Elben hielten Nachtwache. Doch alles blieb ruhig. Früh in der Morgendämmerung setzten wir unseren Weg fort. Von nun an waren wir vorsichtig, was den Uferstreifen des Harnen betraf.
Viele Tage folgten wir dem Fluss. Es regnete, als wir den Fuß des Aschengebirges erreichten. Kalter Nieselregen aus bleigrauen Wolken. Düster und bedrohlich ragte das Aschengebirge vor uns auf. Der Harnen floss bedrohlich über die schwarzen Felsen. Die Quelle des Flusses lag hoch oben in den Gebirgsfalten. Doch diese war nicht unser Ziel. Vielmehr wollten wir am Fuße des Aschengebirges entlang versuchen, ungesehen nach Norden zu gelangen. Wir folgten den dunklen Felsen zuerst nach Westen und anschließend nach Norden. Eine merkwürdige Ausstrahlung ging von diesem Gebirgszug aus. Düster und unheimlich. Grau war der beherrschende Farbton in dieser Landschaft. Bäume und Büsche gab es keine. Und wenn doch, so nur als verkohlte, umgefallene Reste einstiger Vegetation. Kein Grashalm war zu sehen, kein Vogel zu hören. Beklemmendes Schweigen machte sich breit. Der Wind wirbelte grauen Staub auf. Die einzigen Tiere waren kleine graue Echsen und jede Menge Ratten. Unser Speiseplan änderte sich drastisch.
„Hinter diesem Gebirge liegt Mordor", sagte Anordil leise, „ich spüre Gefahr. Böses braut sich dort zusammen." Ich konnte ihm da nur zustimmen. Schließlich wusste ich, wer dort an seiner Wiederkehr arbeitete. Den beiden anderen Elben war gleichermaßen unwohl. Unruhig sahen sie sich an. „Ich spüre den Atem einer dunklen Macht", erwiderte Padordûr, „wir sollten uns beeilen."
Mati schaute sich besorgt um. Selbst Radumon umklammerte seinen Wanderstab fester. Ohne weitere Worte beschleunigten wir unser Tempo. Unruhig musterten wir unsere Umgebung. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in mir breit. Immer wieder tastete ich nach meinen Waffen. Ich bemerkte, dass es den anderen auch so ging. Selbst die beherrschten Elben griffen öfters prüfend zu den Schwertern.
Es vergingen tatsächlich nur ein paar Stunden, bis wir unser erstes Zusammentreffen mit einer Orkpatrouille hatten. Zu unserem Pech waren sie ausnahmsweise einmal leise. Daher standen wir ihnen unvermittelt gegenüber, als wir um eine Felsenecke bogen. Verdutzt schauten sie uns an. Jeder von ihnen erstarrte in der Bewegung. Auch ich war überrascht. Erst nach endlosen Sekunden regte sich mein Verstand. Und nicht nur meiner. Auch meine Gefährten erholten sich von dem Schreck. Die Elben griffen die Orks als erste an.
Wie ein Sturmwind kamen sie über die Orks. Diese schüttelten ihre Bewegungslosigkeit ab und konterten. Mati stieß Radumon hinter einen Felsen. DA dieser keine Waffen hatte, abgesehen von Ordalons Schwert, mit dem er nicht umgehen konnte, stellte er eher ein Hindernis dar. Mit einem lauten Kampfgebrüll zog Mati seine beiden Äxte und rannte auf die Orks zu. Angesichts dieser herannahenden Gefahr, wichen zwei von ihnen wohlweislich zurück. Mit weit ausholenden Hieben setzte Mati den Orks nach. Dann wurde ich auch schon angegriffen.
Es gelang mir meine beiden Schwerter zu ziehen, bevor ich dem gewaltigen Hieb des Orks ausweichen musste. Klirrend trafen unsere Waffen aufeinander. Mit einem kreischenden Geräusch rutschte das seltsam geformte Schwert des Orks von meinen Klingen ab. Rost splitterte ab und flog mir um die Ohren. Er hackte auf mich ein, bemüht eine Schwachstelle zu finden. Ein anderer versuchte ihm zu Hilfe zu kommen. Aber es gelang mir ihn abzuwehren. Es gab ein häßliches Geräusch, als mein Schwert auf die Brustplatte dieses Orks prallte. Lederfetzen sprangen ab und das Metall riss auf. Tief drang mein Schwert ein. Mit einem Ruck zog ich es nach oben. Schwarzes Blut spritzte mir entgegen, als der Ork zusammensank. Sein Schmerzgebrüll hallte laut von den Felsen wider und mischte sich mit den Schreien seiner Kameraden. Einen kurzen Augenblick sah ich nichts mehr, weil das Blut mein Gesicht verschmierte. Instinktiv warf ich mich zur Seite. Nur den Luftzug der Schwertklinge konnte ich fühlen. Rasch wischte ich mir das Gesicht mit dem Ärmel ab. Gerade noch rechtzeitig.
Der Ork hob sein Schwert zu einem gewaltigen Hieb und schützte seinen Körper mit einem unförmigen Schild. Wieder trafen sich unsere Klingen, als ich den Hieb konterte. Er kam mir so nahe, dass ich seinen stinkenden Atem riechen konnte. Angewidert stieß ich ihn von mir. Dabei torkelte er nach hinten, verzweifelt bemüht sein Gleichgewicht zu finden. Er ruderte mit den Armen und öffnete dabei ungewollt seine Deckung. Gnadenlos nutzte ich die Gelegenheit und rammte mein Schwert in seinen ungeschützten Leib. Meine Klinge traf auf eine Rippe. Doch ich setzte mein ganzes Gewicht ein, um das Schwert noch weiter hinein zu treiben. Mit einem lauten Aufschrei brach der Ork schließlich zusammen. Nach Atem ringend, zog ich die Klinge heraus und wischte das schwarze Blut ab.
Als ich mich umschaute, sah ich, das kein Ork mehr stand. Das Echo der Todesschreie verhallte allmählich. „Wir sollten rasch weiter", wies Anordil uns an, während er seine Schwerter sauber wischte, „rasten können wir später. Wo eine Orkpatrouille ist, ist vielleicht noch eine andere." Wir reinigten nur notdürftig unsere Waffen und liefen weiter.
Erst nach einiger Zeit mäßigten wir das Tempo. Gegen Abend rasteten wir zwischen den Felsen an einem kleinen Bachlauf, der aus dem Gebirge herunter floss. Das Orkblut war mittlerweile getrocknet. Auf der Haut klebte es wie Pech. Das eiskalte, aber brackige Wasser, war nicht dazu angetan meine Laune zu heben. Nur widerwillig trank ich ein paar Schlucke von dem Wasser. Das, was wir in den Schläuchen mit uns führten, war mittlerweile zur Neige gegangen. Leise fluchend versuchte ich das hartnäckig klebende Blut von meinem Gesicht zu waschen und widmete mich dann meinen Gewändern. Angewidert versuchte ich diese Mischung aus Asche, Orkblut und Regen aus dem Stoff zu reiben.
„Das hat keinen Zweck", brummte Mati, „ihr macht es nur noch schlimmer, edle Arwen." „Mati hat Recht", bestätigte Anordil, „dieses Zeug bekommen wir so nicht runter. Wir müssen warten, bis wir auf wirklich klares Wasser treffen." „An den Furten des Poros werden wir uns Mordor vom Leib waschen können", bestätigte Padordûr. In der Ferne blitzte es auf. Unheilvoll grollte etliche Sekunden später der Donner über uns hinweg. Es begann erneut zu regnen.
„Dieses Land muss einst grün gewesen sein", murmelte ich, während ich gegen einen verkohlten Baumstumpf trat. Er bot erheblichen Widerstand. Bei näherer Betrachtung musste ich feststellen, dass das Holz zu einer harten Masse verbacken war. „Einst war dieses Land grün", erwiderte Helegnaur, „bevor Sauron es mit seiner Bösartigkeit vergiftete." „Lange vor der Schlacht des letzten Bündnisses", fuhr Padordûr fort, „ich erinnere mich, als man uns zu den Schwertern rief." „Ich erinnere mich ebenfalls an die Schlacht", ließ Helegnaur düster verlauten, „viele gute Leute verloren ihr Leben. Das Land wurde verwüstet und verbrannt." Dumpfes Schweigen legte sich über uns. Nur der Donner grollte. Schwarze Wolken trieben von Mordor über uns hinweg. „Wir sollten weiter gehen", mahnte Anordil.
Wortlos nahmen wir unsere Waffen auf und setzten unseren Marsch fort. Unruhe trieb uns voran. Nach einer Weile hörte der Regen endlich auf. Nur die schwarzen Wolken kamen weiterhin aus Mordor. Stets begleitet von einem unheilvollen tiefen Grollen. Wir bewegten uns rasch und möglichst unauffällig vorwärts. Allerdings blieb das nicht unser letztes Zusammentreffen mit den Orks von Mordor. Noch weitere drei Male wurden wir von ihnen, auf unserer knapp einwöchigen Reise an den Grenzen Mordors entlang, angegriffen.
In der Nacht des vierten Tages legten wir eine längere Pause ein. Erschöpft sanken wir zu Boden. Ich für meinen Teil fiel in einen unruhigen Schlaf. Ein lautes Zischen schreckte mich hoch. Es war als würde ein Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu rauschen. Sofort war ich auf den Beinen.
Mati stand bereits in der Mitte unseres Lagers. Er blickte besorgt nach allen Seiten. Radumon hob abwehrend seinen Stab. Ein leuchtender Funke ging von seiner Spitze aus. Anordil und die beiden Kinn-Lai standen in Alarmbereitschaft. Sekunden später rumpelte der Boden unter unseren Füßen. Ich schwankte, als hätte ich ein Schiff im Sturm unter mir. Erdbeben, durchzuckte es mich und mein Herz raste.
Geröll löste sich von den Felsen und stürzte in die Tiefe. Kleinere Felsbrocken flogen um uns herum. Verzweifelt bemühte ich mich auf den Füßen zu bleiben. Doch der Boden rutschte unter mir weg. Mati hatte seine Axt zwischen zwei Felsen eingekeilt, so dass er sich stützen konnte. Radumon verlor das Gleichgewicht. Eine Gerölllawine schleppte ihn einige Dutzend Fuß weit mit sich. Selbst die Elben schwankten wie Schilf im Wind. Doch so plötzlich wie er gekommen war, war der Spuk vorbei. Es dauerte noch einige Sekunden, bis kein Geröll mehr von den Felsen rollte. In der darauf einsetzenden Stille hörte ich beinahe überlaut das heftige Atmen meiner Gefährten. Hustend und keuchend kam ich auf die Beine. Mein Herz pochte bis zum Hals.
"Es ist lange her, dass ich spürte, wie die Erde erbebt", meinte Padordûr kratzig. Mein Puls beruhigte sich langsam. Mati löste seine Axt mit einem Ruck. Misstrauisch musterte er die Felsen um uns herum. "Wir müssen rasch weiterziehen", sagte er, "wenn die Erde bebt, tut sie es gewöhnlich mehrere Male. An diesem Ort sind wir nicht sicher, wenn noch mehr Geröll herunterfällt." Ich musste ihm da Recht geben. Meist folgten auf einem Beben einige kleinere Nachbeben, bis sich die Spannung in der Erde gelöst hatte. "Sammelt eure Habseligkeiten", befahl Anordil, "wir brechen sofort auf."
Einige Minuten später machten wir uns auf den Weg. Anordil und Radumon gingen voraus. Radumon hatte ein winzige Flamme an seinem Wanderstab entzündet, dass wir anderen uns orientieren konnten. Es war ein Risiko, weil die Orks diese ebenfalls wahrnehmen konnten. Helegnaur ging zum Schluss. Er sicherte unseren Rücken.
Und es war tatsächlich, wie Mati gesagt hatte. Bis zum Morgen erschütterten weitere fünf Beben die Erde. Allerdings waren sie nicht so stark, wie das erste. Immer wieder löste sich Geröll. Wir hatten Glück nicht großartig getroffen zu werden. Ab und zu streifte uns ein Bröckchen, aber mehr als blaue Flecke oder kleinere Kratzer behielten wir nicht zurück.
Am Morgen konnten wir eine dunkle Wolke über uns sehen, die aus den Tiefen von Mordor kam. Asche regnete auf uns herunter. Nach kurzer Zeit waren wir mit grauen Flocken bedeckt. Das Atmen wurde schwerer. Ich musste des öfteren husten. Der Geruch nach kaltem Rauch war allgegenwärtig. "Der Schicksalsberg hat erneut seine Pforten geöffnet und seine Glut ausgespuckt", flüsterte Helegnaur, "was wird er bringen?"
Keinem von uns war nach einer Antwort zu Mute. Schweigend stapften wir weiter. Schauer liefen über meinen Rücken. Die nächste Rast legten wir an einer kleinen Quelle ein. Klar sprudelte das Wasser aus einer Felsenritze, um nur wenige Schritte danach in Asche und schwarzem Schlamm zu versickern. Anordil schöpfte mit einem kleinen Becher das Wasser und reichte es mir.
Ich blickte auf die spiegelnde Oberfläche und sah einen Blitz, der die Wolken über uns spaltete. Der darauf folgende Donner hörte sich dermaßen bösartig an, dass ich wie erstarrt sitzen blieb. Ich spürte, wie etwas Unaussprechliches seine Hand nach mir ausstreckte. Eis rann durch meine Adern. Beinahe war mir, als könnte ich durch einen Spiegel sehen. Ich erblickte den schwarzen Turm und seine umgebenden Mauern. Ich hörte einen unmenschlichen Schrei. Ich sah Blut, Feuer und Tod. Eine schwarze Rüstung mit einem Helm, dessen Augenhöhlen rot glommen. Panik breitete sich in mir aus. Der dunkle Herrscher steigt empor, dachte ich erschüttert.
„Was ist mit dir", fragte Anordil besorgt. Seine Hand legte sich beruhigend auf meine Schultern. Ich löste meinen Blick von der Wasserfläche und schüttete den Becher aus. Dann schöpfte ich neues Wasser, dass ich rasch schluckte. Eisig kalt rann es durch meine Kehle. Erst danach war ich in der Lage zu sprechen.
"Anordil, lass uns rasch weiterziehen", wisperte ich entsetzt, "wir dürfen nicht zu lange verweilen." Er blickte mich an und erfasste meine Panik. „Sauron", flüsterte er fragend. „Ich spüre seine Macht", erwiderte ich atemlos, „ich sah den schwarzen Turm und ich sah einen Helm mit roten Augenhöhlen." „Dann sollten wir keine Zeit verlieren", warf Helegnaur ein, „wir müssen rasch die Kunde zu den freien Völkern bringen."
„Keiner wird uns Glauben schenken", brummte Mati, „zu lange ist es her, dass Sauron vernichtet wurde." „Er wurde nicht vernichtet", korrigierte Padordûr kühl, „nur besiegt." Er nahm seine Waffen und setzte den Weg fort. Nacheinander folgten wir ihm. Radumon nahm seinen Platz neben Padordûr ein, um uns weiterhin Licht zu spenden. Mati schulterte seine Kampfaxt, fluchte leise auf Khuzdul und stapfte hinterher. Der Fluch trieb mir die Röte ins Gesicht. Anordil lachte leise. „Zwerge sind äußerst herzlich", flüsterte er mir zu, „und sie besitzen eine schier unermeßliche Fülle an zutreffenden Sprüchen."
Aufseufzend zog ich meinen Umhang enger um mich. Ascheflocken rieselten davon zu Boden. Ich hoffte, dass wir dieses verdammte Gebirge bald hinter uns hatten. Anordil und Helegnaur bildeten die Nachhut. Unwillkürlich beschleunigten wir unser Tempo. Jeder von uns wollte rasch aus der Umgebung Mordors weg. Zum Glück hörte zumindest der Ascheregen nach ein paar Stunden auf. Auch die Abstände zwischen den Nachbeben wurden erheblich länger. Rast machten wir nur noch, wenn es absolut notwendig war.
Wie von unsichtbaren Peitschen angetrieben, hasteten wir einen Pfad entlang, den nur die Elben unter uns erkennen konnten. Er stammte noch aus der Zeit des letzten Bündnisses. Wir atmeten erst auf, als wir auf die Furten des Poros stießen. Hier legten wir erneut eine Rast von ein paar Tagen ein, die wir dringend nötig hatten. Zumindest wollten wir Mordor von uns abwaschen, damit man uns nicht aus Versehen für Orks oder noch Schlimmeres hielt.
to be continued ...
