Von den Furten des Poros wandten wir uns nach Norden auf Süd-Ithilien zu, um Pelargir zu erreichen. Weite Ebenen lagen vor uns. Die Landschaft wurde jetzt wieder mehr durch Grasland bestimmt. Allerdings wurde es merklich kälter, je näher wir Pelargir kamen. Offensichtlich stand der Wintereinbruch kurz bevor. Selbst die spärlich verstreuten Bäume zeigten kaum noch herbstlich gefärbtes Laub. Folglich mussten Anordil und ich früher als gedacht in Mittelerde angelangt sein. Als wir uns der Küste näherten, konnten wir die Türme Pelargirs auf der anderen Seite der Bucht erblicken.
Mati blieb stehen und schnaufte merklich. Erleichtert stützte er sich auf seine Kampfaxt. „Ha", ließ er verlauten, „endlich! – Pelargir! Ich dachte schon, wir würden die Stadt nie erreichen." Wir hatten auch Halt gemacht. Den Elben war keine Emotion anzusehen. Radumon hingegen stieß einen erleichterten Seufzer aus. Und auch ich musste den Anblick der Stadt erst einmal verarbeiten. Endlich lag sie vor uns. Pelargir – die größte Hafenstadt Mittelerdes. Stolz erhoben sich die Türme der Stadt an der Mündung des Anduin über das Meer von Belfalas. Trutzig ragten die Befestigungsmauern auf, als hätten sie bereits Jahrhunderte erlebt. Es schien mir, als würde der Fluss zu beiden Seiten aus der Stadt herausfließen.
„Pelargir", murmelte ich, „der Hof der Königsschiffe. – Die Stadt ist alt, nicht wahr?" Anordil nickte bestätigend. „Sie wurde Mitte des zweiten Zeitalters von den Númenorern errichtet", erklärte Padordûr zu meiner Überraschung. „Sie bauten eine Feste, die jedem Feind standhalten sollte", ergänzte Helegnaur, „wieder und wieder wurde sie aufgebaut und stärker befestigt. Bis zum heutigen Tage."
„Warum scheint es, als würde der Fluss durch die Stadt fließen?", fragte ich, während ich ans andere Ufer deutete. „Weil es so ist", schmunzelte Anordil. „Die beiden äußeren Teile der Stadt sind auf festem Land errichtet", fuhr Helegnaur fort, „in der Mitte des Flusses liegt eine Insel, gebaut auf den Trümmern der Númenorer. Wie drei gigantische, gegeneinander gelegte Pfeilspitzen sieht sie aus und in der Mitte des inneren Hafenbeckens erhebt sich der Turm der Herren des Meeres."
Zahllose Schiffe lagen an den Landungsstegen vor Anker. Jedenfalls an denen, die wir sehen konnten. Das bleiche Licht der Sonne brach sich tausendfach auf den leichten Wellen des Meeres. Der Himmel war von einer verwaschenen bläulichgrauen Farbe. Ein Zeichen, das es bald Regen geben würde. Auf unserer Seite der Küste war nur ein schmaler Landesteg mit einem einsamen Fährhaus, welches eher einer kleinen Kate ähnelte. Klein und schäbig. Das Dach war einstmals mit Reed gedeckt gewesen. Nun war es an vielen Stellen notdürftig mit schimmeligem Stroh geflickt. Von den Wänden fiel bereits an etlichen Stellen der Lehmverputz und legte das mit Stroh ausgestopfte Wandinnere frei. Hoch wuchs das Gras unter den winzigen, pergamentbezogenen Fenstern, in denen zahlreiche Löcher zu sehen waren. Neben der Kate ragten zwei Stangen aus dem Boden, zwischen denen ein vielfach geflicktes, einfaches Fischernetz hing. Anscheinend wurde diese Überfahrt selten benutzt in diesen Tagen.
„Wir sollten anklopfen", meinte Mati, „bevor wir hier Wurzeln schlagen. Ich auf alle Fälle würde es bevorzugen, heute Nacht in einem weichen Bett zu schlafen." „Ich dachte, Zwerge bevorzugen eher steinerne Kissen", entfuhr es mir. Mati warf mir einen mitleidigen Blick zu. „Da sieht man, wohin die ganzen Gerüchte über die Zwerge führen", maulte er, „alle Welt denkt, nur, weil wir unter der Erde leben, müssen wir auch eine Vorliebe für steinerne Bettstätten haben. – Ich kann Euch versichern, werte Arwen, auch wir Zwerge lieben daunenweiche Bettdecken und nach Heu duftende Matratzen."
Anordil war zwischenzeitlich näher an die Kate gegangen. Höflich klopfte er an, obwohl er bereits gesehen hatte, dass jemand aus den Löchern in dem Fenster neben der windschiefen Tür lugte. „Was wollt Ihr?", keifte eine Stimme fragend von drinnen. Sie mochte wohl einem Mann gehören. „Wir grüßen Euch, Fährmann", erwiderte Anordil ungerührt, „wir suchen Überfahrt nach Pelargir."
Ich hörte es in dem Haus rumoren. Ruckelnd wurde die Tür geöffnet. Es quietschte unangenehm in den Angeln, die seit langer Zeit keine Schmiere mehr gesehen hatten. Ein alter, runzeliger Mann humpelte hervor. Seine Beinkleider und die einfache Tunika waren mehrfach geflickt und derart verwaschen, dass die ursprüngliche Farbe der Gewänder bereits nicht mehr zu entdecken war. Die Haut, die man sehen konnte, wirkte gegerbt, wie altes Leder. Auf seinem Kopf waren kaum noch Haare. Die einzelnen verbliebenen Strähnen schimmerten grau und fettig.
Der Mann musterte uns misstrauisch. Ich musste zugeben, dass wir wohl ebenfalls nicht gerade vertrauenerweckend aussahen. Unsere Gewänder waren arg mitgenommen. Der Staub der Reise und des halben Aschengebirges klebten an unserer Haut. Wahrscheinlich sahen wir in seinen Augen nicht besser aus, als irgendein Tagelöhner der Stadt.
„Nach Pelargir?", brummte er ohne Gruß. „Das ist richtig, Fährmann", sagte Anordil erneut höflich, „wir suchen eine Überfahrt nach Pelargir." „Fünf Kupferstücke von jedem", sagte der Alte mit rauer Stimme, „der Zwerg da zahlt zehn. Er wiegt für zwei."
Entrüstet starrte Mati ihn an. „Wir Zwerge sind dafür auch kleiner", konterte er, „daher ist deine Rechnung nicht richtig. Wir mögen in Euren Augen zuviel wiegen, doch wir können mit jedem Mensch mithalten." Der Fährmann starrte ihn finster an. „So ist es Vorschrift", nuschelte er gelangweilt, „Menschen und Elben zahlen fünf, Zwerge zehn Kupferstücke. Kinder zahlen zwei Kupferstücke und vornehme Herrschaften nur eines. – So war es und so wird es bleiben."
Er hätte auch genauso gut „so zahlt oder lasst es bleiben" sagen können. Ich sah auf alle Fälle die Stadt am anderen Ufer. Verheißungsvoll und gleichzeitig drohend mit ihren mächtigen Befestigungsmauern. Flehentlich blickte ich zu Anordil. Mir war es egal, ob wir nun fünf Kupfermünzen oder eine Silbermünze zahlen mussten. Ich wollte endlich baden und mich anständig kleiden.
„Bringe uns ans andere Ufer in den Hafen von Pelargir", befahl Helegnaur und drückte dem Fährmann eine Goldmünze in die schwieligen Hände, „behalte den Rest." Entgeistert starrte der Fährmann ihn an. Dann kam wieder Leben in diese hutzelige Gestalt. Er verbeugte sich rasch und humpelte in einem Tempo zum Landesteg, dass es einem Angst und Bange wurde. Nur wenige Minuten später schipperte der Alte uns in einem kleinen Boot, welches kaum diesen Namen verdiente, sondern eher als Nußschale bezeichnet werden konnte, dem anderen Ufer entgegen.
Immer größer ragten die Mauern vor uns auf. Waren sie bereits von weitem beeindruckend, so konnte allein ihr Anblick beim näheren Betrachten für ein mulmiges Gefühl im Magen sorgen. An den Kais mussten Hunderte von Schiffen Platz finden. Überall sah man kleine Grüppchen Krieger in den Farben Pelargirs. Wohl Angehörige der Stadtwache.
Der Fährmann lenkte das Boot auf die rechte Seite der Stadt. Dort, wo sie bereits auf dem Festland lag. Auf den Kais herrschte ein reges Kommen und Gehen. Männer luden Kisten und Fässer von den Schiffen oder brachten sie an Bord derselben. Die Stadtwache musterte jeden, der neu an Land kam. So auch uns. Doch sie behelligten uns nicht. Erleichtert stiegen wir aus dem Boot und betraten die Stadt. Argwöhnisch verfolgten uns die Blicke der Stadtwachen, die sich auf ihre Hellebarden stützten. Offenbar hatten sie genügend Respekt vor den Elben, als dass sie diese unbedacht ansprachen.
Es war laut. Das war der erste Eindruck, den ich hatte. Laute Rufe hallten durch die Luft. Von allen Seiten klapperte und dröhnte es. Eine wahre Flut an Geräuschen. Völlig ungewohnt für meine Ohren. Dabei war ich doch den Lärm der Großstadt gewohnt gewesen – in einem anderen Leben.
„Ein Bad", stöhnte ich, „Anordil, lasse uns schnell ein Gasthaus suchen!" Anordil lachte leise. „Oh, eine gute Idee, Herr Elb", ließ der Zwerg sich verlauten, „ein ordentlich heißer Badezuber und dazu ein Krug schäumendes Bier aus dem Auenland. ... Ah, das wäre ...." „... wunderbar", beendete Radumon den Satz. Auch seine Augen leuchteten.
Den beiden Kinn-Lai merkte man nichts an. In stoischer Gelassenheit gingen sie die Straße entlang. Wir verließen den Hafenbereich. Scheinbar ziellos folgten wir den gepflasterten Wegen. Ich hatte Mühe, die ganzen Eindrücke zu verarbeiten, die auf mich einstürzten. Frauen, die mit geflochtenen Körben an uns vorbeieilten. Mägde und Freie. Reiche Bürger, arme Bauern, Bettler, Kinder mit schmutzigen Gesichtern, die lachend in einer Gasse verschwanden. Der allgegenwärtige Geruch von Salz, Meer, verfaulendem Tang und frischem Fisch. Über allem das schrille Kreischen der Möwen, die unbeirrt weit über uns ihre Runden zogen.
Dann schienen wir in einen Bereich zu kommen, wo sich Gasthäuser angesiedelt hatten. Jedenfalls drängte sich hier Gasthaus an Gasthaus. Einige sahen heruntergekommen aus. Vor anderen saßen leicht bekleidete Frauen, die mit hungrigen Blicken die vorbeigehenden Männer ansahen. Nur wenige Gasthäuser schien man bedenkenlos betreten zu können. Aus einem davon drang ein verführerischer Duft nach Braten und frischem Brot heraus.
Anordil sah in die Runde. Zustimmung lag auf unseren Gesichtern. Schon alleine vom Duft des Brotes lief mir das Wasser im Mund zusammen. Daher betraten wir den „Fliegenden Fisch". In der Schankstube herrschte wenig Betrieb. Nur drei Männer saßen an einem der zehn blankgescheuerten Holztische. Es schienen Reisende zu sein. Die Männer schauten kaum auf. So sehr waren sie in ihre Unterhaltung vertieft. Einer von ihnen zog genüsslich an einer Pfeife. Im Kamin brannte kein Feuer. Die Holzscheite waren jedoch sorgfältig aufgeschichtet. Der Schanktisch bestand aus einer gemauerten Theke mit einem dicken Eichenbrett darauf. In den hölzernen Regalen dahinter befanden sich Krüge aus Ton. Ein Fass stand auf der linken Seite. Daneben war ein verhangener Durchgang zu sehen. Aus diesem strömte der Essensduft. Dahinter konnte man es brutzeln hören.
Erst nach einigen Minuten kam aus diesem Durchgang eine Frau heraus, die in beiden Händen irdene, reich gefüllte Teller trug. Sie war von recht kräftiger Statur und erinnerte eher an eine Hobbitfrau. Das ärmellose Gewand aus grob gewebtem meerblauem Leinen, war zweckmäßig geschnitten und wurde von einem braunen Mieder gehalten. Das cremefarbene Untergewand war an den Ärmeln hochgekrempelt. Einzig, dass sie Schuhe an den Füßen hatte, unterschied sie von den Auenland-Bewohnern. Aus dem streng nach hinten gebundenen Haar, welches in ihrem Nacken zu einem Knoten geschlungen war, hatten sich zwei Strähnen gelöst. Diese umspielten die rotgefärbten Wangen. Sie bediente die Männer, dann kam sie auf uns zu.
„Seid gegrüßt, Reisende", sagte sie freundlich, „willkommen im ‚Fliegenden Fisch'. Womit können wir zu Diensten sein?" „Seid gegrüßt, werte Frau", antwortete Anordil höflich, „wir suchen Unterkunft für die Nacht und Speise. Ein Bad wäre auch angebracht, falls Ihr über ein Badehaus verfügt." Die Frau musterte uns von oben bis unten. „Fürwahr, ein Bad scheint wirklich vonnöten zu sein", entgegnete sie, „es scheint, als trüget Ihr halb Mordor an Euch."
Womit sie nicht gänzlich Unrecht hatte. Jedenfalls klebte der Staub des Stückchen Aschengebirges, dem wir entlang wandern mussten, unerbittlich an uns. „Ich habe nur Gemeinschaftsräume", sagte sie, nachdem sie uns mit sich winkte, „einer davon ist noch frei. Er kostet fünf Silbermünzen für die Nacht und das Mahl von jedem. Baden kostet allerdings eine Silbermünze extra." Die Preise waren saftig, dafür, dass wir nur nächtigen und uns waschen wollten. Offensichtlich war es in Mittelerde nicht anders, wie anderswo. Städte trieben die Preise in die Höhe.
Sie führte uns eine ausgetretene Holztreppe hoch in das darüber liegende Geschoss. Keine Kerze erhellte den Flur. Aus dem schmalen Fenster am Ende des Ganges fiel ein wenig Licht. Behäbig ging sie vor uns her ans Ende des engen Flures. Die Tür zur Linken knarrte laut, als sie diese aufstieß. Dahinter lag ein schmaler Raum mit sechs eng gestellten Bettstätten. Das kleine Fenster war mit Pergament bespannt und ließ kaum Licht herein.
Nicht nur ich fühlte mich unwohl. Den beiden Kinn-Lai war deutlich die Abneigung gegen diese Unterkunft anzumerken. Sie tauschten rasche Blicke mit Anordil aus. Der Zwerg brummte ungehalten. Nur Radumon schien sich wohl zu fühlen. ‚Eine Nacht', signalisierte ich Anordil bittend. Helegnaur und Padordûr senkten zustimmend ihre Köpfe. „Es gilt", sagte Anordil zu der Frau, „eine Nacht, Essen und ein Bad."
Die Frau nickte zufrieden. „Das Badehaus findet Ihr hinter dem Hof, Herr", sagte sie, während sie die Silberstücke zählte, „ich werde einer Magd Bescheid geben. Das Mahl gibt es nach Einbruch der Nacht unten in der Schankstube." Anordil nickte verstehend. Dann ging die Frau. Der hölzerne Boden knarrte bei jedem ihrer Schritte.
„Da lobe ich mir doch die kleinen Dörfer", murmelte der Zwerg, „da bekommt man wenigstens ein anständiges Bett und nicht so ein mottenzerfressenes Zeugs." Er warf seine Axt auf eine der Lager. Staub wirbelte hoch. Offenbar wurden die Laken nicht nach jedem Gast gewechselt. Ich verzog das Gesicht.
„Ich brauche erst mal ein Bad", sagte ich, „was danach ist, weiß ich noch nicht." „Wir vertrauen nicht der Ehrbarkeit dieses Hauses", warf Helegnaur leise ein, „daher sollten wir unsere Habseligkeiten nicht alleine lassen." „Ich bleibe mit Radumon hier und halte Wache", brummte der Zwerg, „mir tun die Füße weh. Bevor ich mich in den Badezuber setze, brauche ich ein wenig Ruhe." „Und bevor ich in den Badezuber steigen, benötige ich ein sauberes Gewand", warf ich trocken ein. Wehmütig dachte ich an mein Ersatzgewand, dass nun wohl auf dem Grund des Meeres lag.
Wir ließen unsere Bögen und Köcher bei Mati und Radumon. Dann verließen wir das Gasthaus und wandten uns dem Marktgeschehen zu. Es dauerte auch nicht lange, bis wir einen Schneider gefunden hatten, der auch tatsächlich praktische, der Jahreszeit angepasste, Gewänder in unseren Größen bereit hielt. Für eine horrende Summe erstanden wir diese schließlich. Anscheinend war alles in Pelargir teuer. Nicht nur die Übernachtung in einem durchschnittlichen Gasthaus. Vielleicht schlug er auch nur den obligatorischen Elbenbonus auf. Wie auch immer, wenn wir nicht wie abgerissene Straßendiebe aussehen wollten, mussten wir schon ein bisschen was ausgeben. Schließlich brach der Winter an. Pelargir lag noch relativ im Süden. Hier war es nicht ganz so kalt, wie wohl weiter im Norden.
Mit unseren neu erstandenen Gewändern begaben wir uns ins Badehaus. Dazu mussten wir durch die Schankstube und zur Hintertür des Gasthauses hinaus. Der kleine Hof, den wir queren mussten, war schmuddelig. Leere und volle Fässer standen ungeordnet herum. In einer Ecke faulte ein schlecht angelegter Komposthaufen vor sich hin. Es stank erbärmlich.
Durch eine grob behauene Tür betraten wir das Badehaus. An der einen Seite war Holz aufgeschichtet. Auf der anderen brannte ein Feuer im Kamin. In der Mitte des kleinen Raumes standen, auf einem leicht erhöhten Podest, zwei kleinere Badezuber, in denen eine Person so eben sitzen konnte. Eine Magd in einem grauen Gewand mit zahllosen Flecken darauf, füllte diese mit heißem Wasser. Wenigstens war dieses sauber. Ein kleiner Seifenkrug und ein alter zerfledderter Schwamm lagen auf einem aufgequollenen Holzschemel. Dies waren die einzigen Badeutensilien, die ich sehen konnte. Kein Laken zum Abtrocknen und kein weiterer Schwamm.
Entgeistert sah ich Anordil an. Das hatte ich noch nirgendwo in Mittelerde erlebt. Selbst in den öffentlichen Badehäusern in den kleineren Dörfern gab es ausreichend große Zuber und zumindest ein Laken zum Abtrocknen. Offenbar wurde es in den Städten der Menschen anders gehandhabt. „Dann müssen wir uns wohl gegenseitig waschen", erwiderte Anordil trocken auf Sindarin. Die Magd blickte ängstlich auf. Sie verbeugte sich ungeschickt und beeilte sich die Zuber aufzufüllen. Als sie fertig war, knickste sie noch einmal linkisch, bevor sie hinaus hastete.
„Es macht uns nichts aus, zu warten", sagte Helegnaur mit seiner ruhigen Stimme. Er deutet auf die Zuber, dann auf uns. Ich verstand. Er wollte uns diskreterweise den Vortritt lassen. Wohl, weil ich eine Frau war. „Es ist schon in Ordnung", erwiderte ich, „ich denke, wir sollten uns alle beeilen, bevor das Wasser kalt wird." Entschlossen streifte ich mir meine verdreckten Gewänder vom Leib. Es war mir egal, ob die Kinn-Lai zusahen oder nicht. Ich wollte nur noch ins Wasser, solange es heiß war.
Anordil half mir, mich abzuschrubben. Währenddessen entkleideten sich die Kinn-Lai ebenfalls. Als Anordil fertig war, reichte er Padordûr den Schwamm, damit dieser Helegnaur abseifen konnte. Mit einem Aufseufzer stieg ich in den Zuber und tauchte kurz unter. Ein belebendes Gefühl, das heiße Wasser auf der Haut zu spüren. Entspannt lehnte ich mich zurück. Anordil entkleidete sich. Er ließ sich Zeit damit. Durch halb geschlossene Augen beobachtete ich die beiden Kinn-Lai. Ihre schlanken Körper waren kraftvoll, beinahe sehnig. Zahllose Narben zeugten von schweren Kämpfen. Padordûr seifte Helegnaur energisch, aber doch liebevoll ab. Als dieser frei von Seifenresten war, stieg dieser in den anderen Badezuber.
Ich blieb nicht lange im Wasser. Zum einen war der Zuber zu unbequem, zum anderen sollte Anordil auch noch ein bisschen warmes Wasser haben. Als ich aus dem Zuber geklettert war, streifte ich das Wasser von meinem Körper. Dann nahm ich den Schwamm und seifte Anordil ab. Ich genoss es regelrecht das lange seidige Haar zu waschen. Sorgfältig spülte ich die Seife ab. Dann machte es sich Anordil im Zuber bequem. Helegnaur und Padordûr hatten ebenfalls die Plätze getauscht. Neugierig betrachtete mich Helegnaur. Ich wurde ein wenig verlegen. Rasch stieg ich von dem Podest und suchte die Nähe des Feuers, damit ich trocken wurde. Mit dem Kamm, den wir auf dem Markt neu erstanden hatten, versuchte ich mein Haar zu entwirren, was sich als äußerst schwierig herausstellte.
„Verzeiht bitte meine Neugier", hörte ich Helegnaur hinter mir sagen. Ich hatte nicht gehört, dass er hinter mich getreten war. Ich errötete bis in die Haarwurzeln, doch ich beherrschte meinen Drang mich umzudrehen. „Es gibt nichts zu verzeihen, edler Helegnaur", antwortete ich mit hoffentlich gelassen wirkender Stimme, „ich habe Euch betrachtet und Ihr mich. Damit ist der Neugier genüge getan." Für einige Sekunden herrschte betretenes Schweigen. „So lasst mir Euch bei eurem Haar helfen", sagte Helegnaur, „wie Ihr daran herum reißt, werdet Ihr kaum mehr welches auf Eurem Kopfe tragen, wenn sie trocken sind. Und Euer Gemahl wird nichts dagegen haben."
Ein rascher Blick zu Anordil bestätigte mir das. Also reichte ich Helegnaur den Kamm. Vorsichtig entwirrte er Strähne für Strähne, bevor er sie mir fest an den Seiten einflocht, so dass sie mich im Falle eines Kampfes nicht behinderten. Anordil und Padordûr waren in der Zwischenzeit auch mit ihrem Bad fertig. So halfen wir uns schließlich gegenseitig beim Kämmen und Einflechten der Haare. Nachdem ich einigermaßen trocken war, streifte ich die neuen Gewänder über. Sie fühlten sich zwar nicht so gut an wie die elbischen, aber sie waren zumindest sauber.
Ich betrachtete den Haufen verdreckten Stoffes vor mir. Wenn man diesen ein bisschen auswaschen würde, könnte man vielleicht noch was davon retten. Also widmete ich mich dieser Aufgabe. Mit dem nunmehr lauwarmen Wasser des Badezubers reinigte ich so gut es ging unsere Gewänder, bevor ich sie ans Feuer hing.
„Helegnaur und ich werden den Statthalter von Pelargir aufsuchen", sagte Anordil zu mir, „schließlich sollten wir ihn vor der drohenden Gefahr aus Mordor warnen." „Der Hafenmeister wird auch über den Verbleib des Schiffes Nachricht hören wollen", warf Helegnaur ein. „Ich bleibe lieber hier", antwortete ich, „ich habe wenig Lust mich mit irgendwelchen hochrangigen Edlen zu befassen. Der Sinn steht mir eher nach ein wenig Ruhe." Anordil nickte mir zu. Dann verließ er mit Helegnaur das Badehaus. Padordûr ging ebenfalls. Er wollte nun Mati und Radumon ablösen.
Kaum waren sie aus dem Badehaus verschwunden, huschte bereits die Magd herein, um erneut Wasser für die Badezuber zu erhitzen. Sie sprach kein Wort. Nur ihre Augen beobachteten mich die ganze Zeit. Bis ich es nicht mehr aushielt. Ich empfand es als störend, ständig neugierig angestarrt zu werden.
„Was ist dein Begehr?", fragte ich nicht besonders höflich. Die Magd zuckte zusammen. „Verzeiht, Herrin", antwortete sie schüchtern, „ich wollte Euch nicht belästigen." Ungeduldig zupfte ich an den Gewändern, die vor dem Feuer hingen. „Sprich", befahl ich, „was starrst du mich die ganze Zeit so an!" Hastig hob sie den Kessel an. Das Wasser schwappte bedenklich, aber sie vergoß es nicht. „Herrin, ich ... ich", stotterte sie, „ich wollte nur sehen ... ob Ihr eine Elbin seid." Die letzten Worte hauchte sie so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte.
Entnervt strich ich eine Locke hinter mein Ohr. „Sieh her", befahl ich weniger grob, „ich bin keine Elbin. Warum willst du das wissen?" Scheu sah sie mich an. „Es kommen selten Elben nach Pelargir", antwortete sie, „und diese übernachten nicht unbedingt im ‚Fliegenden Fisch'." Ich wurde neugierig. Falls sich doch noch eine bessere Unterkunft finden würde, wäre ich äußerst glücklich.
Auffordernd blickte ich in die Augen der Magd. „Und wo kehren sie dann ein?", fragte ich ruhig. Mit Schwung wuchtete sie den Kessel in den Badezuber und leerte ihn aus. „Meist besuchen sie kurz den Statthalter oder Leute von Adel", sagte sie, „sie bleiben nie in der Stadt. Das letzte Mal waren welche zum Fest des Jahreswechsels da. Es ist ungewöhnlich, dass Elben hier in der Stadt sind." „Wir werden auch nur diese Nacht hier verweilen", gab ich zurück, „welches Jahr schreiben wir zurzeit?" Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen. Verwirrt sah die Magd mich an. „Herrin, es ist das Jahr 3014", entgegnete sie. 3014 des Dritten Zeitalters! Folglich waren wir nicht zu früh hier gelandet sondern später, als Anordil dem Torstein angab.
„Endlich", schnaufte Mati, als er das Badehaus betrat, „ich rieche schon das dampfende Wasser. Nun komm, Radumon, beeile dich, sonst ist es kalt, bevor du deine Robe vom Leib hast." Ungeduldig stapfte der Zwerg auf den einen Zuber zu. Hinter ihm betrat etwas bedächtiger Radumon den Raum. Die Magd beeilte sich nun, die Zuber rasch zu füllen. Für mich wurde es Zeit zu gehen. Ich prüfte noch einmal den Fortgang der Trocknung unserer Gewänder, dann wandte ich mich zur Tür.
„Ich wünsche Euch viel Vergnügen beim Baden, werter Mati und werter Radumon", sagte ich, „wäret Ihr beiden so freundlich und würdet unsere Gewänder mit in den Schlafraum nehmen?" „Aber natürlich, liebste Arwen", dröhnte Mati, „seid unbesorgt. Wir kümmern uns darum."
Die Magd huschte hastig an mir vorbei durch die geöffnete Tür. Etwas langsamer trat ich nach draußen. Ich hatte kaum die Tür hinter mir geschlossen, als ich schon lautes Plätschern von drinnen hörte. Es dauerte auch nur wenige Sekunden, bevor Mati in dröhnenden Zwergengesang verfiel. Die meisten Töne traf er nicht. Schmerzvoll verzog ich das Gesicht.
Rasch ging ich über den Hof und hastete die Stufen hinauf. Padordûr saß auf einem kleinen Schemel, als ich den Raum betrat. Mit ruhigen Bewegungen zog er einen Schleifstein über die Klinge seines Schwertes. Er hielt nur kurz inne und deutete mit dem Stein zum Fenster hinaus. „I naug linna - der Zwerg singt", stellte er fest. Ich verzog mein Gesicht, beim nächsten schrägen Ton, der von unten hoch hallte. „Er sollte es nicht weiter versuchen", erwiderte ich. Der Anflug eines Lächelns überzog Padordûrs Gesicht. Etwas, was ich bisher nicht gesehen hatte.
„Ruhe dich aus", wies er mich an und deutete zu der Bettstatt hinüber, „ich werde wachen." Sorgfältig inspizierte ich das Lager. Es war staubig, aber nicht ‚bewohnt', was mich irritierte. Doch bald hatte ich den Grund dafür gefunden. Zwischen den Halmen der mit Stroh gefüllten Säcke entdeckte ich Lavendelzweige und die getrockneten Schalen von Südfrüchten. Sie waren wohl ursprünglich dazu gedacht, die Lager gut riechen zu lassen. Die Duftstoffe jedenfalls hatten sich bereits verflüchtig. Aber die abschreckende Wirkung auf Krabbeltierchen schien noch anzuhalten.
Trotzdem breitete ich meinen Mantel über das Lager, bevor ich mich darauf legte. Schließlich wollte ich nicht gleich wieder mit Staub eingepudert werden. Mit einem leisen Aufseufzer legte ich mich hin. Es war zwar nicht so weich, wie das Bett, welches mich in Cillien erwartete, aber es war trocken und nicht der Erdboden. Daher dauerte es auch nur Sekunden, bis ich in einen tiefen Schlaf gefallen war.
Erst das laute Poltern des Zwerges ließ mich hochfahren. „...halten die sich überhaupt", grollte Mati, „bei den Valar. Soll die Schwärze Mordors sie doch verschlingen, wenn sie so überheblich sind!" Verwirrt schaute ich in die Runde. Anordil und Helegnaur standen am Fenster. Padordûr saß weiterhin auf dem Schemel, so wie vorhin, bevor ich in Schlaf gefallen war. Mati stand breitbeinig vor der Tür und Radumon saß auf der Bettstatt an der Wand. Jeder frisch gewaschen, in sauberen Gewändern und sorgfältig gekämmtem und eingeflochtenem Haar.
„Man sagte uns die Stadt wisse sich zu verteidigen und sei gut geschützt", sagte Anordil. „Gut geschützt!", schnaubte Helegnaur, „eine Handvoll Elbenkrieger würde genügen, um Pelargir einzunehmen." Ich richtete mich auf. „Offensichtlich hat den Edlen dieser Stadt nicht gefallen, dass Mordor sich regt?", fragte ich. Anordils Augen blitzten. Sah ich da tatsächlich verhaltene Wut? Bei Anordil? „Offensichtlich wurden unsere Ansichten belächelt", entgegnete er beherrscht, „der Schicksalsberg wäre oft ausgebrochen in den letzten Jahrtausenden und Erdbeben seien auch keine Seltenheit. Warum sollten sie aufmerksamer sein?" „Keiner glaubte uns", sagte Helegnaur verächtlich, „was denken diese Menschen, wer sie sind?" „Abkömmlinge der Númenorer", warf Radumon trocken ein, „von Adel oder nicht. Auf alle Fälle reich. Mächtig und mit viel Einfluss am Hofe Gondors. So von sich überzeugt, dass sie nichts fürchten, außer den eigenen Tod."
Betretenes Schweigen breitete sich aus. Es war eingetreten, was ich erwartet hatte. Warum sollte man uns glauben? Sauron schien seit langer Zeit vernichtet. Der Ring war Mythos. Nur eine Legende in den Nebeln der Zeit. In wenigen Sonnenläufen würden sie eines Besseren belehrt, doch wir hatten unsere Pflicht getan. Mehr konnten und mehr durften wir nicht tun, ohne den kommenden Ringkrieg zu beeinflussen. Ich seufzte. Der Ringkrieg! Innerlich fluchte ich, wusste ich doch, dass ohne mein Wissen jeder so reagieren würde, wie die Edlen von Pelargir es nun taten.
„Dann sollen sie doch bekommen, was ihnen gebührt", sagte ich hart, „wir haben sie gewarnt. Mehr können wir nicht tun." Anordil schaute mich an. Er ahnte, was in mir vorging. Zumindest hatte er sich beruhigt. Jedenfalls deutete die Farbe seiner Augen darauf hin. Mati klopfte imaginären Staub von seiner Hose und brummte unverständlich vor sich hin. Von den wenigen Bruchstücken, die ich verstehen konnte, waren es keine Nettigkeiten, die er in Khuzdul von sich gab.
Padordûr legte Helegnaur eine Hand auf die Schulter. Sie sahen sich an. Tiefe Weisheit sprach aus ihren Augen. Wie viele Jahrtausende mochten sie gesehen haben? Ihnen konnte das kommende gleich sein. „Wir werden in den Westen gehen", sagte Padordûr zu Helegnaur, „die Belange der Menschen berühren uns nicht mehr." Zärtlich strich Helegnaur ihm über die Wange. Ein sehr intimer Moment, den sie mit uns teilten.
Mati schaute zur Seite. Es war ihm peinlich, dass die Elben sich so zeigten. Anordil lächelte nur wissend. Radumon kramte in den Taschen seines Gewandes. Ihm war es offensichtlich peinlich, dass die beiden Zärtlichkeiten austauschten.
„Ich wünschte ...", hob ich an, doch ich kam nicht weit. Laut knurrte mein Magen und lenkte die Aufmerksamkeit auf ein eher profanes Problem, welches meinen Gefährten ein heiteres Lachen entrang. Betreten legte ich eine Hand auf meinen Bauch und spürte den Protest meines Gedärms.
„Ich habe Hunger", stellte ich fest, „wir sollten unser Mahl einnehmen, wofür wir bezahlt haben." Freudig strahlte mich Mati an. „Endlich jemand mit Vernunft", donnerte seine Stimme, „ich schließe mich gerne an." Es war, als würde ein Orkan über mich hinweg fegen. Wie konnte ein so kleiner Wicht nur eine solche Stimmgewalt haben?
„Wir bleiben hier", warf Helegnaur ein, „schickt uns nur Brot und Wein hoch. Padordûr und ich verzichten gerne auf die Gesellschaft der anderen Menschen." Er betonte das Wort „Menschen" mit Verachtung. Dies gab mir einen Stich ins Herz. Schließlich war ich auch ein Mensch. Helegnaur mustert mich intensiv. Er hatte gespürt, dass er mich verletzt hatte. „Es gibt immer wieder Ausnahmen darunter", sagte er freundlich zu mir, „daher fühlt Euch nicht angesprochen. Diese Stadt behagt uns nicht. Schon seit Jahrhunderten. Pelargir haben wir meist gemieden auf unseren Reisen. Nun sind wir hier. – Ein notwendiges Übel, das nicht lange dauert."
Damit wandte er sich Padordûr zu. Sie würden es nicht dulden, wenn wir versuchten, sie zu überreden. Ein Umstand, der mir sehr klar war. Schließlich war ich mit einem Elben verbunden. Auch Anordil konnte sehr stur und eigen sein. Also gingen wir ohne die beiden hinunter.
Bereits auf der Treppe schallte uns der Lärm entgegen. Lautes Gelächter und Gegröle drang aus der vollen Schankstube. Ich verzog das Gesicht. Als wir uns durch die Zechenden drängten, konnte ich die beiden Kinn-Lai durchaus verstehen. Mehr als einmal musste ich die aufdringliche Hand eines bereits betrunkenen Mannes zur Seite schlagen. Warum musste jedes benebelte Männerhirn einen Rockzipfel direkt mit einem willfährigen Barmädchen gleichsetzen?
Entnervt setzte ich mich endlich an den kleinen freien Tisch in der hintersten Ecke, den wir erspäht hatten. Eine dralle Magd kam Augenblicke später zu uns. Ihre Wangen waren gerötet von der Hektik und der Wärme, die hier herrschte. Eine Haarsträhne fiel widerspenstig ins Gesicht. Die Ärmel hatte sie hochgekrempelt. Der dunkelblaue derbe Stoff ihres Gewandes zeigte bereits deutliche Flecken. „Willkommen", grüßte sie knapp, „was kann ich Euch bringen?" „Braten, Brot und Wein", bestellte Mati übermütig, „und das nicht zu knapp!" Ich lachte leise. Zwerge schienen eine Abstammungslinie mit den Hobbits zu teilen. „Gemüse wäre auch nicht schlecht", warf ich ein und erntete einen amüsierten Seitenblick von Anordil.
Mati sah mich entgeistert an. Er schnaubte verächtlich. „Grünzeugs", knurrte er, „davon wird man doch nicht satt!" Die Magd ignorierte seine Einwände und sah mich an. „Wir haben scharf gewürzten sauren Kohl da", erwiderte sie, „und gekochte Pflaumen." „Perfekt", sagte ich und freute mich bereits, „von beidem eine ordentliche Portion." Die Magd nickte, bevor sie zur Küche eilte. Geschickt wich sie dabei den grapschenden Männerhänden aus - bewundernswert. Nur wenig später kehrte sie zurück. Schwer beladen mit einem Tablett auf dem sich die duftenden Köstlichkeiten türmten.
Mati rieb sich in freudiger Erwartung die Hände. Hungrig machten wir uns über das Mahl her. Ich stellte fest, dass der Koch wirklich was von der Zubereitung von Speisen verstand. Der Braten war knusprig und zerging auf der Zunge. Das Brot duftete herrlich frisch. Die Krume war weiß und die Rinde goldbraun. Sogar der Kohl schmeckte bemerkenswert gut.
„Das Essen ist weit besser, als die Bettstatt", kommentierte Mati zwischen zwei Bissen, „nicht so gut, wie es in Baraz-dûm war, doch es ist jedes Silberstück wert." Schweigend nickte ich. Wie gerne hätte ich Baraz-dûm in ihrer Blütezeit erlebt, doch ich sah nur ihre Toten. Gedankenverloren schob ich mir noch eine gekochte Pflaume in den Mund, die süßlich-herb in meinem Mund zerfloss.
Alsbald begaben wir uns zur Ruhe. Trotz des Lärms, der aus dem Schankraum nach oben hallte, schlief ich sehr schnell ein. Die Elben hielten abwechselnd Wache. Sie konnten nicht wirklich schlafen in einer Stadt der Menschen. Es war ihnen viel zu laut. Zumal Elben auch eigentlich nicht schlafen. Sie ruhen. Meist mit offenen Augen. Den Blick entrückt in weite Ferne. Anfangs hatte es mich bei Anordil erschreckt, doch mit der Zeit hatte ich mich daran gewöhnt.
Am Morgen wachte ich bereits früh auf. Fröstelnd zog ich den Umhang enger um mich. Die Nachtkühle hatte meine Glieder erstarren lassen. Es dauerte einige Minuten, bis ich mich wieder bewegen konnte. Mati streckte sich ebenfalls. „Brr", knurrte er, „dann lobe ich mir doch ein kleines Feuer in freier Natur. Diese Häuser sind viel zu kalt." Radumon erhob sich ungelenk von seinem Lager. „Ich wünschte, wir wären schon unterwegs nach Rhûn", sagte er, „da ist es zumindest warm um diese Jahreszeit."
„Ich denke, dein Meister Radagast lebt weit oben im Norden?", stichelte ich, „da solltest du doch derartige Temperaturen gewohnt sein." Er schaute mich ungehalten an. „Ja", erwiderte er, „mein Meister ist zwar Radagast der Braune, doch in seiner Wohnstatt ist es schön warm. Die Kälte, die dort oben draußen herrscht, hält eher ungebetene Besucher ab, sich zu nähern."
Wir sammelten unsere Waffen und Habseligkeiten zusammen, bevor wir den Raum verließen. Die Treppe knarrte, als wir hinunter gingen. Im Schankraum brannte ein niedriges Feuer. Ein einsamer Gast saß direkt daneben auf einer Bank und schlürfte eine dampfende Flüssigkeit aus einem tönernen Becher. Die Wirtin lugte aus der Küche heraus. „Lebt wohl", grüßte sie uns, „möget Ihr eine gute Reise haben." Dann verschwand sie wieder.
Draußen vor dem Gasthaus war es ruhig. Keiner hetzte an uns vorbei. Es dämmert am Horizont. Dichter Nebel wallte vom Meer her über die Stadt. „Wohin?", fragte Radumon in die Runde. „Wir sollten zuerst den Markt aufsuchen", erwiderte Mati, „so früh am Morgen sind die Brote noch frisch und es herrscht nicht viel Gedränge. Da können wir uns in aller Ruhe mit dem Nötigsten versorgen, bevor wir uns nach Osten aufmachen."
„Die Valar mögen Euch beschützen", sagte Anordil. „Gebt gut auf Euch acht", mahnte ich den Zwerg, „der Weg ist weit und wird immer gefährlicher." „Wir werden aufpassen", versicherte Radumon. Mati und Radumon drückten uns noch einmal die Hände, dann schulterten sie ihr weniges Gepäck und verschwanden Richtung Marktplatz.
„Auch wir werden aufbrechen", sagte Helegnaur, „unser Weg ist weit." „Mögen die Valar Euch begleiten", antwortete ich und verneigte mich ehrerbietig. „Wir werden uns wiedersehen an den weißen Stränden Valinors", sprach Padordûr, „ich spüre es." Anordil verneigte sich stumm. Die beiden Kinn-Lai nickten uns kurz zu, dann wandten sie sich zum Gehen. Lautlos verschwanden sie in den Nebeln, als hätte es sie nie gegeben.
„Und wir?", fragte ich, „was tun wir nun?" Anordil musterte mich. „Wir haben noch ein Versprechen zu erfüllen", antwortete er, „Loreanas Familie." Ich nickte zustimmend. Schließlich hatten wir Loreana versprochen, ihre Familie über ihr Schicksal in Kenntnis zu setzen. Auch wenn dieses Versprechen gegeben wurde, bevor wir sie freikauften. Es würde ein schwerer Gang werden. Niemand überbringt gerne Kunde vom Tod eines geliebten Menschen.
„Wohin?", fragte ich erneut. „Zum Händlerviertel am Hafen", erwiderte Anordil, „Loreana sagte, dass ihr Onkel ein einflussreicher Händler in Pelargir sei. Dort im Hafen werden wir fragen." Als wir uns dem Hafen näherten, wurde es etwas belebter um uns. Anscheinend wurde hier bei Tag und Nacht gearbeitet. Lastenträger hasteten an uns vorbei. Es klapperte und rumpelte an allen Ecken und Enden. Und überall die Anwesenheit der Stadtwache.
„Verzeiht mir", grüßte er höflich, „wir sind fremd in der Stadt und suchen den Händler Marbin Echemin." „Der alte Echemin?", fragte einer der Wachen, „ja, der wohnt in der Mittelstadt in der Straße der Tuchhändler. Hier am Hafen hat er nur sein Kontor und ein paar Lagerhäuser." „Habt Dank für Eure Auskunft", sagte ich und drückte ihm drei Kupferstücke in die geöffnete Hand. Ein Brauch, der wohl überall gleich war.
Durch die erwachende Stadt gingen wir in den alten Stadtkern, der auf den Resten des númenorischen Pelargir errichtet war. An manchen Stellen ragten alte Mauerreste auf oder sie waren in neuere Häuser verbaut. Noch zweimal mussten wir nach dem Weg fragen. Dann waren wir an der Straße der Tuchhändler angelangt. Die gemalten Türschilder halfen uns, das richtige Haus zu finden. Als wir vor dem hohen Tor aus geschnitztem Holz standen, klopfte mein Herz lautstark. Ich wünschte, es wäre bereits vorbei. Anordil hob den reich verzierten Klopfer aus Messing. Dumpf hallte das Geräusch durch den Morgen. Es dauerte eine Weile, bis eine schmale Luke geöffnet wurde.
„Was ist Euer Begehr, Fremder?", fragte eine Männerstimme. Anordil neigte kurz sein Haupt. „Seid gegrüßt", sprach er, „wir suchen den Händler Marbin Echemin. Wir bringen eine Botschaft von seiner Nichte Loreana." „Wartet", hörten wir die Stimme antworten. Die Luke schloss sich. Nach wenigen Minuten öffnete sich das Tor.
„Tretet ein", wies uns der Mann an, „mein Herr erwartet Euch." Wir betraten das Haus durch das Tor. Der dahinter liegende Gang war düster. Aber ich konnte erkennen, dass er doppeltmannshoch war. Ein Pferd mit Reiter hätte mühelos passieren können. Wenige Schritte vor uns öffnete sich ein weiteres Tor. Dahinter lag ein kleiner Innenhof. Rechts lagen die Stallungen. Links wohl der Dienstbotenbereich und die Küche. Vor uns das Hauptgebäude. Alles war aus Stein gemauert und mit hölzernen Balken verstärkt. Die Stufen, die in den ersten Stock führten, waren ebenfalls sorgfältig aus Stein gemauert.
Der Mann, der uns geöffnet hatte, ging uns voran. Er war offensichtlich ein Diener, denn er trug einfache Gewänder. Eine Hose aus festem, braunen Tuch mit einem Hemd aus fein gewebter Wolle und einem sorgfältig gefertigten, doppellagigen Wams aus dunkelroter Wolle. Auch die Mägde und Diener, die uns begegneten, waren sauber gewandet. Anscheinend sorgte Marbin Echemin dafür, dass in seinem Haus niemand darbte.
„Wartet hier einen Augenblick", wies uns der Diener an, als wir vor einer Tür stehenblieben. Er klopfte höflich an und wartete auf den Befehl, dass er eintreten durfte. Hinter ihm schloss sich die Türe wieder. Nach wenigen Augenblicken wurde sie erneut geöffnet. Ein Mann trat hervor. Er verneigte sich höflich nach drinnen hin, bevor er sich umdrehte. Er trug ein schwarzes, langes Gewand, dass mich an eine Kutte erinnerte. Vorne wurde es von vielen geschnitzten, braunen Hornknöpfen geschlossen. Unter seinem rechten Arm klemmte eine Mappe, aus der Pergamente lugten. Die Finger waren fleckig schwarz von Tinte. Der Buchhalter, schoss es mir durch den Kopf, oder ein Schreiber?
Endlich trat der Diener wieder vor die Tür. „Mein Herr empfängt Euch nun", sagte er und gab die Tür frei. Der Raum, den wir betraten, war groß, obwohl recht düster. Nur wenig Licht fiel durch die Fenster herein. Die schweren Vorhänge, welche vor den Fenstern hingen, waren nur zum Teil zur Seite gezogen. Auf der anderen Seite des Raumes stand ein wuchtiger Tisch mit zahllosen Pergamenten darauf. Dahinter ein Regal mit vielen Fächern, in denen sich hunderte von Pergamenten stapelten. An der einen Seite befand sich ein Stehpult. Einige Stühle standen an der Wand. Der Fensterseite gegenüber sah ich einen Kamin, in dem ein niedriges Feuer brannte. Ein Mann stand am Fenster. Er drehte uns den Rücken zu. Die Gestalt war hochgewachsen und breitschultrig. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch den pelzverbrämten dunkelbraunen Samtmantel, den dieser trug.
„Ihr bringt Kunde über meine Nichte?", fragte der Mann mit dumpfer Stimme, „sagt, wo ist sie?" „Seid gegrüßt, Marbin Echemin", antwortete Anordil, „ich bin Anordil Glordoronion und dies ist meine Gemahlin Arwen Ceridwen. Eure Nichte trafen wir weit im Süden, wo sie uns bat, Euch Nachricht zu bringen." Abrupt drehte sich der Mann um. Nun konnte ich sein Gesicht sehen. Das schwarze, mit grauen Strähnen durchzogene Haar, wie auch der Bart waren sorgfältig gestutzt. Klare, grüne Augen wiesen ihn als engen Verwandten Loreanas aus.
„Mae govannen, edhil", grüßte er uns nun, „verzeiht mein schlechtes Sindarin, aber ich beherrsche eher die Zahlen, als die Sprache." „Habt Dank für Euren Gruß, Marbin Echemin", erwiderte Anordil höflich auf Sindarin, „die Sprache der Elben wird nur selten von den Menschen gesprochen. So ehren mich die Worte um so mehr."
Marbin deutete auf zwei Stühle, die dem großen Tisch gegenüber standen. „Nehmt Platz", bat er uns, „und dann sagt mir, wo ich meine Nichte finden kann." Anordil und ich setzten uns hin. „Wir trafen Loreana in Lótor, einem kleinen Flussdorf im Westen Mirëdors." „Geht es ihr gut? Wie kam sie dorthin?", unterbrach ihn Marbin aufgeregt.
Anordil zeigte keine Regung. „Sie erzählte uns, dass man ihr Schiff überfallen habe", fuhr Anordil fort, „sie wurde als Sklavin verkauft und gelangte so in den Süden." Marbins Gesicht wurde bleich. „Sklavin?", fragte er, „meine schöne Loreana eine Sklavin? – Herr Anordil, sagt mir, ist sie noch dort unten? Dann kann ich einen Boten schicken und sie freikaufen."
Mein Herz wurde schwer. „Loreana ist nicht mehr in Lótor", sagte ich leise, „wir kauften sie frei, in der Hoffnung sie hierher nach Pelargir bringen zu können." Marbin musterte uns aufmerksam. Sekunden verstrichen. Es war still in dem Raum. Nur das Knistern des Feuers war zu hören. „Aber sie ist nicht bei Euch", sprach er ruhig, „wo ist sie? Was ist geschehen?"
„Wir gingen mit ihr nach Ostelor", berichtete Anordil weiter, „dort schifften wir uns ein auf der ‚Stern von Belfalas'. Wir ließen Loreana frei, damit sie als freie Frau Pelargir betreten sollte. Auf der Höhe von Umbar wurden wir jedoch von Piraten angegriffen. Die ‚Stern von Belfalas' ging verloren. Wir gingen über Bord. Loreana wurde dabei getötet." Marbin hatte ihm schweigend zugehört.
Müde erhob er sich von seinem Stuhl. Er ging zum Fenster und schaute hinaus. „Das Schicksal der ‚Stern von Belfalas' hatte sich seit gestern herumgesprochen", murmelte er, „ich hatte nur keine Ahnung, dass sie an Bord war. - So ruhe denn in Frieden, meine Loreana." Aufseufzend wandte er sich uns zu. „Habt Dank, für Eure Nachricht", sagte er traurig, „auch wenn sie eine schlechte war. So wissen wir nun über Loreanas Schicksal Bescheid. Es ist besser, als weiterhin im Ungewissen zu sein und auf ein Wiedersehen zu hoffen." Verstohlen wischte er sich ein paar Tränen weg, die sich aus seinen Augenwinkeln gelöst hatten.
„Kann ich etwas für Euch tun?", fragte er, „eine Passage besorgen oder Geleit in eine andere Stadt? Gold, um Loreanas Kaufpreis zu erstatten?" Wir schüttelten den Kopf. „Vielen Dank, aber wir haben alles, was wir benötigen", erwiderte ich, „uns liegt nichts am Gold. Wir haben unser Versprechen gehalten, das genügt uns."
Er musterte uns kurz. Scharf, aus Augen, die es gewohnt waren, den Gegenüber einzuschätzen. „So will ich Euch nicht aufhalten", antwortete er und ging rasch auf die Tür zu. Er öffnete sie ruckartig. „Navan", rief er laut. Wenige Sekunden später eilte der Mann in der schwarzen Robe, der vorhin den Raum verlassen hatte, herbei. „Ja, Herr", fragte er mit einer kleinen Verbeugung. „Bringe Herrn Anordil mit seiner Gemahlin in mein Kontor", befahl er, „dort kleidet sie in anständige Reisegewänder und sorge dafür, dass ein weiteres Gewand im Gepäck Platz findet."
„Das ist nicht notwendig", warf Anordil ein. Marbin drehte sich zu ihm um. „Lasst mir diesen Weg, um Euch zu entlohnen", sagte er, „verglichen mit dem, was Ihr getan habt, ist es nur wenig. – So schätze ich Euch jedenfalls ein." Zögernd gab Anordil stumm seine Zustimmung. Marbin drückte uns nur zum Abschied schweigend die Hände und verließ dann fluchtartig den Raum.
„Bitte folgt mir", wies Navan uns an. Höflich ging er uns voran. Im Kontor breitete er mehrere Gewänder aus, damit wir uns etwas aussuchen konnten. Das zweite Mal innerhalb von zwei Tagen statteten wir uns mit neuen Gewändern aus. Doch diesmal ohne zu bezahlen. Ich entschied mich für praktische, warme Reisegewändern, die meinen alten recht ähnlich waren. Die abgetragenen Gewänder, welche ich gestern noch ausgewaschen hatte, legten wir auf einen Stapel und ließen sie dort.
Gegen Mittag suchten wir dann den Hafen auf. Schließlich mussten wir auf dem Seeweg weiter, weil der Weg über das Gebirge versperrt war. Die wenigen Pässe, die hinüber führten, würden unzugänglich sein, wenn wir sie erreichten. Folglich blieb uns nur eine Passage nach Linhir, um dort den Winter zu verbringen. Wenn wir Glück hatten, dann konnten wir von dort aus bei mildem Wetter bereits eher aufbrechen.
Zumindest bei der Suche nach einem Schiff war uns das Glück hold. Wir fragten uns durch die Hafenkneipen durch. In einer eher heruntergekommenen Spelunke wies uns der Wirt zu einem Tisch, wo ein bärtiger kräftiger Mann vor einem tönernen Becher saß. Die Statur war nicht eindeutig zu erkennen, doch er musste recht groß sein.
„Seht dort drüben", sagte er zu uns, „das ist Kapitän Rachant Lembian. Sein Schiff fährt oft Linhir an. Fragt nach, ob er eine Passage für euch hat." Ich betrachtete den Mann näher. Furchen durchzogen das Gesicht. Die sonnengebräunte Haut wirkte wie zähes Leder. Seine Gewänder waren aus dunkelblauem Tuch und kaum abgetragen. An einigen Stellen konnte man die sorgfältigen Reparaturen sehen. Das salzwassergebleichte Haar war ehemals braun gewesen. Er trug es kurzgeschnitten. Schwielige Hände verrieten die schwere Arbeit. Er blickte kaum auf, als wir an den Tisch traten.
„Seid gegrüßt, werter Herr", fing Anordil an, „Ihr seid Kapitän Rachant Lembian?" Sein Gegenüber brummte nur kurz, bevor er den Becher an die Lippen führte und einen großen Schluck trank. Immer noch blickte er nicht auf. „Der Wirt sagte uns, Ihr würdet nach Linhir fahren", fuhr Anordil ohne erkennbare Emotion fort. Wieder ein Brummen aus der Kehle des Mannes. Wieder ein tiefer Schluck aus dem Becher. „Wir suchen eine Passage nach Linhir", vollendete Anordil seine Rede. Jetzt beliebte der Mann seinen Kopf zu heben. Aufmerksam musterte er uns aus grauen Augen. Deutlich war Widerwillen in seinem Blick zu spüren. Aber auch eine Spur Furcht.
„Ich dachte, Elben würden nur ein einziges Mal ein Schiff betreten", antwortete er mit salzwasserverkratzter Stimme. Sein Blick blieb kurz an Anordils Ohrspitzen hängen. Die Hände des Mannes spielten krampfhaft mit dem Becher. „Ein weitverbreiteter Irrtum", lächelte Anordil liebenswürdig, „schließlich gibt es andere Gelegenheiten ein Schiff zu betreten, als die Überfahrt in die Unsterblichen Lande."
„Andere wiederum erzählen, dass Ihr Elben über das Wasser laufen könnt", sagte der Mann gedehnt, „warum soll ich Euch dann an Bord nehmen?" „Können Menschen über das Wasser gehen?", konterte Anordil fragend, „unserem Volke ist zwar die Leichtfüßigkeit gegeben, doch selbst dieses Kunststück würde uns schwerfallen." Der Mann beobachtete uns weiterhin. Musterte jeden einzelnen Inch von uns. Mir war es unangenehm. Sehr unangenehm.
Ich wandte mich zum Gehen. Warum sollten wir wie Bittsteller vor diesem Mann buckeln? Wir konnten auch ein anderes Schiff finden, dass nach Linhir fuhr. Anordil machte ebenfalls Anstalten den Raum zu verlassen. „Wartet", sagte der Mann. Wir drehten uns zu ihm um. Der Mann war aufgestanden. „Ich wollte Euch nicht kränken", sagte er beinahe entschuldigend, „die Zeiten sind unsicher. Man muss genau aufpassen, wen man unter sein Segel lässt. Mein Schiff ist das einzige, das nach Linhir fährt. Jedenfalls das einzige für die nächsten Wochen. Wenn ihr noch immer an einer Passage interessiert seid, so seid ihr mir an Bord willkommen."
Anordil ging wieder auf ihn zu. „Die Zeiten sind wahrlich unsicher", antwortete er, „und wir sind weiterhin daran interessiert an Bord eines Schiffes nach Linhir zu gelangen." „Nun denn", räusperte sich Rachant, „die Passage kostet zwei Goldstücke für jeden. Dafür bekommt ihr eine Kabine. Für Kost müsst ihr selber sorgen." Fragend blickte er uns an. "Das gilt", antwortete Anordil. "Mein Schiff, die ‚Seeschwalbe', wird heute Abend auslaufen. Kommt rechtzeitig an Bord." Mit diesen Worten waren wir entlassen und er widmete sich wieder dem Inhalt seines Bechers.
Ohne eine Mine zu verziehen, legte Anordil die geforderten Goldstücke auf den Tisch und ging hinaus. Ich folgte ihm auf dem Fuße. Dort drinnen hatte ich den Atem angehalten ob der Unhöflichkeit des Kapitäns. Aber Anordil ließ sich nicht provozieren.
„Es gibt immer wieder Menschen, die den Elben gegenüber nicht wohlgesonnen sind", erklärte er mir leise, „und es geschieht ebenfalls immer wieder, dass wir herausfordernd behandelt werden. Man versucht sich an uns zu messen. Die Menschen hören viele Dinge über uns, die sie bestätigt haben wollen."
„Sollten wir nicht lieber zu Fuß nach Linhir gehen?", fragte ich, „oder Pferde erwerben?" Anordil schüttelte den Kopf. „Der Seeweg ist schneller und weniger unangenehm, selbst wenn der Kapitän keine Elben mag und einen horrenden Preis verlangt", erwiderte er gelassen, „nun lass uns ein wenig durch Pelargir wandern und Wegzehrung erwerben. Danach sollten wir uns auf das Schiff begeben, bevor es ausläuft."
Als die Sonne gegen den Horizont sank, kehrten wir zum Hafen zurück. Die ‚Seeschwalbe' war rasch gefunden. Ein kleines, wendiges Handelsschiff, das schwer beladen in den Fluten dümpelte. Außer uns kamen noch zwei Händler an Bord. In der Abenddämmerung legte das Schiff schließlich ab.
to be continued ...
