Der Kurs führte uns in Sichtweite der Küste entlang. Viele kleinere Schiffe und Boote kreuzten unseren Weg. Zum größten Teil waren es Fischer oder schwerbeladene Handelsschiffe. Die Passage an sich verlief ruhig. Auf dieser viel befahrenen Route waren kaum Piratenüberfälle zu befürchten. Einzig das Wetter machte uns zu schaffen. Nieselregen hatte eingesetzt, als wir Pelargir verließen. Und es regnete, bis wir Linhir erreichten. Mal mehr, mal weniger stark. Außerdem war es arg kalt geworden. Die Kälte kroch in die Gliedmaßen. Der Winter war unaufhaltsam gekommen.
Ich sehnte mich nach einem wärmenden Feuer, denn das einzige, was an Bord Wärme schenkte, war ein scharfes Getränk, welches ungemein Ähnlichkeit mit jamaikanischem Rum aufwies. Es wurde täglich an die Mannschaft in kleinen Mengen ausgegeben. Die Passagiere konnten gegen einen geringen Obolus die gleiche Ration erhalten. Was ich sehr begrüßte, so wurde mir wenigstens für einige Zeit warm. Anordil machte das Wetter nichts aus. Ich wünschte mir manchmal, dass das Elbenblut in mir mich ebenso unempfindlich machen würde. Doch es tat es nicht. Dafür musste man wohl als Elb geboren sein.
Nach zwei Tagen erreichten wir jedoch bereits Linhir. Es hatte aufgehört zu Regnen. Die Wolken lichteten sich, ohne jedoch die Sonne durchzulassen. Anordil und ich standen seit der Morgendämmerung an Bord. In der engen stickigen Kabine hatten wir es nicht mehr länger ausgehalten. Das wir frieren mussten, nahmen wir in Kauf. Oder eher gesagt, ich nahm es hin, denn Anordil machte die Kälte nichts aus. Erst gegen Mittag ging das Schiff im Hafen von Linhir vor Anker.
Linhir lag an der Gabelung, wo die Flüsse Gilrain und Serni ins Meer fließen. Es war im Vergleich zu Pelargir eine kleine Stadt, welche von einer gut befestigten Stadtmauer umgeben war. Überraschenderweise schien der Hafen jedoch recht groß zu sein. Viele Schiffe lagen vor Anker und Scharen von Möwen flogen kreischend ihre Runden, auf der Suche nach etwas Eßbarem, welches vielleicht im Meer landen mochte. Rege Betriebsamkeit herrschte, als wir an Land gingen. Stadtwachen in den Farben Linhirs schlenderten über den Kai und sorgten für Ordnung.
Bevor wir uns allerdings auf die Suche nach einem Gasthaus begaben, gingen wir durch das Marktviertel. In Pelargir hatten wir nur das Nötigste erworben. Hier, in Linhir, konnte ich mich auch dazu durchringen mir einen neuen Kampfstab zu zulegen. Er war zwar bei weitem nicht so gut, wie der, der in den Fluten des Meeres versank, aber er würde seine Dienste tun, bis wir Cillien erreichten. Außerdem erwarben wir neue Wasserschläuche und andere notwendige Dinge, die uns bei dem Überfall durch die Piraten abhanden gekommen waren.
Nun gut, man könnte sagen, dass wir dies auch in Pelargir hätten tun können. Doch aus welchem Grunde hätten wir dort mehr als das Doppelte ausgeben sollen, als hier? Außerdem gefiel es uns nun in Linhir wesentlich besser. Zwar feilschten die Händler genauso hartnäckig, aber sie waren von vorne herein freundlicher und den Elben weniger abgeneigt als in Pelargir. Auch lag in den Blicken der Menschen, denen wir begegneten, mehr Neugier als unterschwellige Feindseligkeit.
Nachdem wir uns ausgestattet hatten, machten wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Schließlich neigte sich der Tag seinem Ende zu und es dämmerte beträchtlich. Einer der Händler wies uns in die Straße der Reisenden, als wir danach fragten. Vom ersten Eindruck her erschien sie mir sogar weniger heruntergekommen als das vergleichbare Viertel in Pelargir. Entspannt gingen wir an den Gasthäusern vorbei, die weitestgehend einen sauberen Eindruck machten. Bis mir aus einem ein unverkennbarer, bekannter Duft in die Nase stieg. Ich blieb stehen und sog ihn noch einmal ein. Augenblicklich hatte ich das Bild einer duftenden, frisch gebackenen Teigware vor mir, welche beinahe jedes Kind meiner Welt in Freudenstürme versetzen würde.
„Pizza!", stieß ich verblüfft hervor, „hier backt jemand Pizza!" Verblüfft blickte ich zu Anordil, der mich überrascht ansah. „Diese belegten Teigfladen aus deiner Welt?", fragte er, „wer könnte...?" In seinen Augen blitzte es auf. Lachend sahen wir uns an. Mit einem Mal war uns klar, wer der Urheber sein könnte. „Tjann Grünauge", sagten wir wie aus einem Munde.
„Sollen wir nachsehen, ob wir Recht haben?", fragte ich Anordil frohgelaunt. Er nickte. „Wenn wir Recht haben, dann erwartet uns ein gutes Essen", antwortete er, „und eine gute Geschichte." Erwartungsvoll betraten wir das Gasthaus ‚Zur goldenen Muschel'.
Es war voll im Schankraum. Die Tische und Bänke waren aus hellem Holz gefertigt. Der Boden schien aus dunklen Eichenbohlen gezimmert. Nur wenige Plätze waren frei. Am dichtesten waren die Tische rund um den gemauerten Kamin besetzt. In diesem brannte ein prasselndes Feuer, über dem ein großer Kessel hing, aus dem eine Magd fleißig in kleine tönerne Becher und Krüge schöpfte. „Glühwein", schnurrte ich, als ich schnuppernd den verführerischen Duft einsog, „es kann nur Tjann sein, der hier am Werke ist."
Hungrig bahnten wir uns einen Weg an einen freien Tisch im hinteren Bereich. Zwar weit weg vom Feuer, aber dennoch geschützt genug, um die Wärme in meine Glieder aufsteigen zu lassen. Eine Magd eilte auf uns zu. Sie trug ein sauberes einfaches Gewand aus dunkelgrünem Tuch mit einem sandfarbenen Überkleid. Ihr Mieder war was moosgrünem Samt und mit einer dicken Kordel gehalten. Das dichte, dunkelbraune, lockige Haar hatte sie auf dem Kopf festgesteckt. Einige widerspenstige Löckchen kringelten sich um ihr Gesicht.
„Willkommen in der ‚Goldenen Muschel'", grüßte sie uns höflich auf Sindarin, „wir sind erfreut, elbische Gäste begrüßen zu dürfen." Ich horchte auf. „Was kann ich Euch bringen", fragte sie weiter. Anordil legte seine Hand auf das Herz und verbeugte sich leicht. „Nicht oft werden wir in der Sprache der Erstgeborenen begrüßt", antwortete er, „was kann Eure Küche bieten?"
Sie lächelte und strich sich eine Locke aus dem zartbraunen Gesicht, in dem ihre Augen in der Farbe dunkler Kirschen dominierten. „Werter Herr Elb", erwiderte sie, „es gibt belegte Teigfladen, frisch auf Stein gebacken. Dann verschiedene Braten und Pasteten. Gemüse, frisch mit Tunke oder gedünstet mit Kräutern oder eingelegt in Öl aus den Südlanden. Mit Auenlandkäse überbackene Kartoffeln und Gemüse..." Ich unterbrach sie mit einer Handbewegung.
„Bringt uns Teigfladen", sagte ich, „und von dem heißen Wein." Sie nickte höflich und verschwand. Nun konnten wir den Schankraum genauer betrachten. Zwei weitere Frauen, wohl ebenfalls Mägde, eilten zwischen den Tischen umher. Auch sie trugen dunkelgrüne Gewänder mit dem sandfarbenen Überkleid. Schon dies war ungewöhnlich für Mittelerde. Noch ungewöhnlicher war, dass keiner der Gäste, sei er betrunken oder nicht, Anstalten machte die Mägde anzufassen.
Die Magd, die uns bediente, kam rasch zurück. „Hier geht es sehr gesittet zu", sagte ich zu ihr, als sie den Krug mit heißem Wein sowie zwei tönerne Becher abstellte und deutete in die Runde. „Die Schwertkünste meines Gemahls werden in Linhir gefürchtet", lächelte sie bescheiden, „es dauerte weniger als einen Mond, bis sich keiner mehr traute uns zu berühren." Bevor ich noch weiter fragen konnte, wurde sie an einen anderen Tisch gerufen. Sie verbeugte sich höflich und eilte davon. Überrascht schaute ich ihr hinterher. Also war sie die Wirtin in diesem Gasthaus und keine Magd, obwohl sie das gleiche Gewand trug.
Ich schenkte uns die Becher voll. Meine Finger schlossen sich um den warmen Ton und ich genoss die Hitze. Dann schnupperte ich an den aufsteigenden Dämpfen. „Ein guter Rotwein", murmelte ich, „Zimt, Orangenschale, Nelke, Kardamom und ein Hauch Piment. Vielleicht auch Sternanis? – Mmh, wie gut das riecht."
Und wie gut es schmeckte! Mit der Zunge fuhr ich über meine Lippen, um ja keinen Tropfen zu verlieren. Unwillkürlich stiegen in mir die Bilder aus meiner Kindheit auf. Ein mit glitzernden Kugeln geschmückter Weihnachtsbaum, Glühwein und Ingwerplätzchen. Schneeflocken, die lautlos zu Boden fielen. Die Gegensätze in unserem Dorf. Alban Arthuan und Weihnachten. Meine Mutter, die mit Patrick zusammen die Riten durchführte. Die vielen Kerzen am Baum der Lichter. Pater Michael, der in Weihrauch geschwängerter Luft den Weihnachtschoral anstimmte. Die Krippe mit dem einsamen Jesuskind in der festlich geschmückten Dorfkirche. Ich schloss die Augen und ließ die Erinnerungen wandern. Erst als sich Anordils Hand sanft auf meine Finger legte, öffnete ich sie wieder.
Eine der anderen Frauen kam auf uns zu. Ich mochte sie jetzt nicht mehr Mägde nennen, da ich mir nicht sicher sein konnte, wer von ihnen wirklich hier in Lohn und Brot stand. Sie brachte zwei tönerne Teller mit jeweils einem dampfenden Fladen darauf. Es duftete köstlich und mir lief bereits das Wasser im Mund zusammen. Genießerisch roch ich an der reich belegten Pizza vor mir. Sie war in acht Stücke geschnitten, so dass man sie bequem mit der Hand essen konnte. Ich wartete ein wenig, bis sie etwas abgekühlt war. Dann war meine Beherrschung dahin. Anordil schaute mir belustigt zu, als ich das erste Stück nahm und zum Mund führte. Auch er bediente sich an seiner Pizza.
Mit großem Appetit biss ich in das heiße Stück in meiner Hand. Herrlich knuspriger Teig mit lockerer Krume, herzhaft belegt mit kleingeschnittenen Tomaten, gepökeltem Schinken, Zwiebeln und viel Käse. Herrlich! „Mmh", entfuhr es mir zwischen zwei Bissen, „köstlich! Selbst die Pizzen in Rom sind nicht besser."
„Es freut mich besonders, wenn es euch schmeckt", kommentierte eine uns bekannte Stimme hinter uns auf Englisch. Ich drehte mich um. Anordils Augen leuchteten vor Freude, doch er konnte nicht antworten, da er den Mund voll hatte. „Tjann!", entfuhr es mir, „ich wusste, dass du hier die Finger im Spiel haben musstest!" Vor uns stand tatsächlich Tjann Grünauge alias Robert Schumann, einstmals Bäckergeselle aus dem Odenwald.
Er hatte sich verändert. Nicht viel, aber doch so, dass man es bemerken konnte. Sein Körper war drahtiger und kräftiger geworden seit damals. Die Haare trug er nun halblang und nach gondorianischer Art geschnitten. Ein feiner Oberlippenbart zierte sein nunmehr gebräuntes Gesicht. Eine Narbe zog sich auf der linken Seite über die Schläfe. Er trug dunkelgrüne Hosen aus fest gewebtem Tuch und darüber ein Hemd aus sandfarbenem Leinen mit einem dunkelgrünen Samtwams. Zum Schutz hatte er eine dunkelbraune Lederschürze umgebunden, die von etlichen Mehlflecken geziert wurde.
„Ich bin so froh, euch beide unbeschadet hier begrüßen zu können", sagte er und strahlte über das ganze Gesicht, „selbstverständlich seid ihr meine Gäste. Ich habe Ariana bereits angewiesen ein Gastzimmer fertig zu machen." „Vielen Dank für deine Gastfreundschaft", antwortete Anordil und machte eine einladende Geste, „setze dich zu uns und erzähle, wie du hierher gekommen bist."
Tjann schüttelte den Kopf. „Ich kann mich jetzt nicht hinsetzen", erwiderte er lachend, „sonst läuft es in der Küche nicht. – Aber nachher, wenn es etwas ruhiger ist, dann werde ich euch Gesellschaft leisten." Er nickte uns zu und verschwand Richtung Küche.
Ich widmete mich wieder meiner Pizza. Genüßlich verspeiste ich den Rest. Auch Anordil ließ es sich schmecken. Nachdem wir fertig waren, kam die Frau mit den dunklen Locken, die wohl Ariana, Tjanns Gemahlin, sein musste, an unseren Tisch. „Euer Gemach ist bereit", sagte sie lächelnd und musterte uns neugierig, „vielleicht wollt ihr euch ein wenig ausruhen? Der Abend wird noch lang, bevor es hier ruhiger wird."
Ich nickte zustimmend. „Habt Dank", sagte ich, „Ihr seid Ariana?" Sie errötete leicht. „Ja,", erwiderte sie, „ich bin Tjanns Gemahlin. – Wenn ihr mir bitte folgen wollt?" Wir erhoben uns. Sie ging auf den Durchgang neben der Küche zu. Dahinter verbarg sich die schmale hölzerne Treppe nach oben. Der Flur im ersten Stock war sehr eng. Nur vier Türen gingen davon ab. In der hinteren Ecke führte eine weitere Stiege in das darüber liegende Geschoss.
„Wir haben nicht viele Gastzimmer", erklärte sie und öffnete die erste Tür auf der linken Seite, „die meisten Gäste kommen um zu speisen." Sie trat beiseite und gab uns den Weg frei. Das Zimmer war nicht groß. Auf der einen Seite war ein Fenster, welches mit Pergament bespannt war, wie in den meisten Häusern der mittelerdischen Städte üblich. Nur die wirklich Reichen konnten sich das teure Glas aus den Schmelzen der Zwerge leisten. Selbst Pergament stellte einen Luxus dar. Die Armen hatten Lumpen vor den Fenstern oder Bretter oder gar nichts.
Die Mitte des Zimmers nahm ein großes Bett ein. Dafür hatte man zwei hölzerne Liegen aneinander geschoben. Das Leinen der Bezüge schimmerte weiß und es duftete nach frischem Heu. Auf dem hölzernen Fußboden war kein Staubkorn zu sehen. Eine Truhe aus dunklem Holz stand unter dem Fenster. Daneben zwei Schemel an der hell verputzten Wand. Dort konnten wir unser Gepäck ablegen.
An der Wand zum nächsten Zimmer stand ein schmales Möbelstück, welches einer Kommode ähnelte. Darauf hatten eine Waschschüssel, ein Wasserkrug, ein leinenes Tuch und eine Kerze Platz gefunden. Für hiesige Verhältnisse ein absolutes Luxusgemach in einem Gasthaus.
„Wir haben kein eigenes Badehaus", sagte Ariana entschuldigend, „aber wir teilen uns mit einigen anderen Gasthäusern eines in der Straße der Bader. Wenn ihr mögt, so schicke ich einen Knecht hin, dass er einen Badezuber reservieren lässt." Meine Augen leuchteten. Wir hatten zwar in Pelargir gebadet, aber das war bereits einige Tage her. Außerdem konnte man das Badehaus dort nicht unbedingt Badehaus nennen.
„Oh, ja, bitte", stieß ich freudig hervor, „das würden wir gerne." Anordil lachte leise. Er kannte meine Vorliebe für warmes Wasser und Seife. Ariana nickte und verließ uns dann. Ich ließ mich auf das dick gepolsterte Bett fallen. Weich gab es nach. Es knisterte ein bisschen. Die Kissen waren eindeutig mit Heu gefüllt. Aber es fühlte sich gut an. Und es roch vor allem angenehm nach gemähtem Gras, welches mit würzigen Kräutern durchsetzt war.
Ich schloss die Augen und seufzte. „Ein warmes Bad erwartet uns, melethrin nîn", sagte Anordil. Ich räkelte mich. „Das Bad kann warten", murmelte ich genießerisch, „erst verlangt es mir nach Entspannung anderer Natur." Sanft fuhren seine Finger über mein Gesicht. „Ich glaube, ich weiß, welche Art der Entspannung du meinst", hauchte er mir ins Ohr und fing an daran zu knabbern, was wohlige Schauer über meinen Rücken laufen ließ.
Erst viel später verließen wir unser Gemach und begaben uns zum Badehaus. Ariana befahl einem der Knechte uns hinzuführen. In der Straße der Bader herrschte zu dieser späten Stunde erstaunlich viel Betrieb. Doch der Knecht führte uns schnell und ohne Umwege zu unserem Ziel. Im Badehaus wurden wir bereits erwartet.
Eine resolute Frau von enormen Ausmaßen öffnete uns die Tür, als der Knecht den Klopfer betätigte. Das schwarze Mieder wurde beinahe von ihrem ausladenden Busen gesprengt. Jedoch war die leinene Bluse darunter weiß und fleckenlos. Die Ärmel hatte sie bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt. Ausgewaschen und faltig erschien die Haut an den Armen. Die Haare hatte sie unter einem schwarzen Tuch verborgen. Allein die Falten in ihrem Gesicht ließen ihr Alter erkennen. Auf ihrem schwarzen Rock aus leichtem Tuch hatten Seifenschaumreste und Wasser ein eigenwilliges Muster hinterlassen.
„Heinor, du kommst spät", herrschte sie ihn grob an, „wen bringst du?" Sie musterte uns scharf. „Ich bringe die Elbenherrschaften auf Befehl meiner Herrin Ariana, Herrin Margat", antwortete er ungerührt. Die Frau gab den Weg frei. „Die Zuber warten bereits und meine Bademägde auch", knurrte sie ungehalten. Ich grinste schief. Wir hatten wohl etwas zu lange bei unseren Entspannungsübungen zugebracht. Sie winkte uns herein.
„Warte hier, Heinor", wies sie den Knecht an und zeigte auf einen Ballen Stroh, der in dem kleinen Raum stand. Sie öffnete eine knarzende Tür in der rückwärtigen Wand. Dahinter lag ein großer Raum. Zwei Reihen leinene Vorhänge teilten ihn in der Mitte derart, dass ein schmaler Gang entstand. Alle paar Schritte hing ein blauer Stoffstreifen herunter. Anscheinend wurden so die Abtrennungen gekennzeichnet. Ein Kamin ragte an jeder Wand nach oben. Dadurch war es sehr warm in dem Raum. Nicht nur warm, sondern auch feucht.
Anscheinend waren mehrere dieser abgetrennten Bereiche besetzt, denn es herrschte ein relativ hoher Lärmpegel, der über Plätschern von Wasser bis zum schrillen Kreischen einer Magd reichte. „Steht nicht so herum", sagte die Frau hinter uns, „einfach durchgehen. Hinten rechts der letzte Vorhang, da wartet bereits der Zuber, werte Elben." Sie fuchtelte mit den Händen, als wolle sie uns in die richtige Richtung scheuchen. Schmunzelnd folgten wir ihrer Anweisung und gingen durch den schmalen Gang bis nach hinten. Anordil ging voran und teilte den Vorhang.
Der dahinter liegende Raum war klein und zur einen Seite mit einem Vorhang und zur anderen durch die Wand begrenzt. In der Mitte stand ein recht großer Badezuber, in dem bequem zwei Personen Platz finden konnten. Zwei Schemel standen daneben. Ein hölzerner Eimer stand auf dem dritten Schemel. Das Wasser darin dampfte und eine Schöpfkelle ragte heraus. Auf einem schmalen Regal standen verschiedene kleine Krüge. Wohl mit unterschiedlichen Seifen gefüllt. Mehrere Schwämme in verschiedenen Größen hatten daneben Platz gefunden. Eine Bademagd in einer leichten, dunkelbraunen Tunika beförderte mit Schwung einen Eimer heißen Wassers in den großen Zuber. Ihre Haut war gerötet von der Anstrengung. Mit einem kleinen Tuch, das von ihrem geflochtenen Gürtel hing, wischte sie sich den Schweiß aus dem Gesicht. Ihr Haar trug sie unter einem braunen Kopftuch verborgen, dessen Ränder mit heller Wolle bestickt waren.
„Willkommen, Herr, willkommen Herrin", grüßte sie höflich und verbeugte sich, „ich werde Imara gerufen. Euer Bad ist bereitet. Wünscht Ihr eine besondere Seife für Eure Reinigung?" Anordil lächelte sie an. Mit roten Wangen schlug sie die Augen nieder. „Danke, Imara", antwortete er, „welche würdest du uns empfehlen?" Sie schluckte nervös. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Es war offensichtlich, dass nicht viele Elben zu den Gästen des Badehauses zählten.
„Ich schlage Euch die Sommerblütenmischung vor", erwiderte sie, „diese könnte zu Euch passen." Anordil nickte zustimmend. Imara stellte ein Krüglein Seife und einen Schwamm zurecht. Dann half sie zuerst mir beim Entkleiden. Mit raschen, jedoch keineswegs hektischen Zügen strich sie anschließend mit dem seifigen Schwamm über meinen Körper. Der ruhige Rhythmus und der sanfte Druck den sie dabei ausübte, sprachen für eine lange Übung. Als sie fertig war, schöpfte sie Wasser aus dem Eimer über mich. „Entspannt Euch nun im Zuber", sagte sie, nachdem der letzte Rest Seife von mir gespült war.
Mit einem wohligen Aufseufzer stieg ich in den großen Zuber und streckte mich aus. Von hier aus konnte ich die Waschprozedur bei Anordil verfolgen. Der Anblick seines entblößten Körpers vertiefte die Röte in Imaras Wangen. Obwohl sie als Bademagd doch nackte Körper gewöhnt war. Aber Elben waren in ihrem Erscheinungsbild wesentlich genußvoller anzusehen, als Menschen. Allein ihre seidige Haut lud dazu ein, sie zu berühren. Beinahe ehrfürchtig wusch sie Anordil.
„Ich hole noch einen Zuber mit heißem Wasser, Herr", sagte sie, nachdem sie den letzten Rest Wasser über ihn geschöpft hatte. Er lächelte sie freundlich an. „Das ist nicht nötig", erwiderte er, „ich bin nicht mehr seifig und werde jetzt meiner Gemahlin Gesellschaft leisten." „Ruft nach mir, wenn Ihr das Bad beenden möchtet, Herr", sagte sie, „ich werde im Gang warten." Sie verbeugte sich kurz und verschwand mit hochrotem Kopf hinter dem Vorhang. Ich kicherte leise.
„Es ist immer wieder ein Vergnügen zuzusehen, wie du arme Frauen in Verlegenheit bringst", sagte ich amüsiert auf Sindarin. Anordil stieg zu mir in den Zuber und streckte sich aus. Er zog eine Augenbraue fragend hoch. „Ich habe doch gar nichts getan", verteidigte er sich. „Nein, hast du nicht", stimmte ich zu, „doch alleine die Tatsache, dass sie einen Elben entkleidet vor sich sah, hat das arme Mädel verunsichert. Sicher sieht sie nicht jeden Tag Elben hier im Badehaus." Er lachte. „Dann wird sie sich lange daran erinnern", konterte er.
Wir blieben eine ganze Weile im warmen Wasser liegen. Erst als meine Haut anfing schrumpelig zu werden, rief ich nach Imara, die auch sofort erschien. Sie half mir mich trocken zu rubbeln und verteilte dann ein wohlriechendes Öl auf meiner Haut. Dasselbe wiederholte sie bei Anordil, während ich mich ankleidete. Wiederum stieg Röte in ihr Gesicht. Ihr Atem beschleunigte sich sogar ein bisschen. Es war offenkundig, dass die Berührung von Anordils Körper sie in Erregung versetzte. In Anordils Augen blitzte es belustigt auf. Seine feinen Sinne mussten es ihm ebenfalls verraten haben.
Imaras Hände zitterten zumindest, als sie uns die Umhänge über die Schultern legte. Als wir den Badebereich verließen, küsste Anordil mich leidenschaftlich auf die Lippen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Imara mich neidvoll beobachtete. Ihre Augen glänzten in verhaltener Erregung. „Arme, kleine Magd", murmelte ich in Anordils Ohr, „so heftig entbrannt und ohne eine Möglichkeit die Flamme zu löschen." „Sie wird ihrem Liebsten eine unvergeßliche Nacht bereiten, wenn sie jetzt zu ihm geht", entgegnete Anordil leise.
Die Herrin des Badehauses empfing uns bereits im Eingangsbereich. Dort, wo Heinor geduldig auf uns wartete. „Ich hoffe, das Bad war zu Eurer Zufriedenheit, Herr", schnarrte sie und schaute zu Anordil hoch, „zwei Silberstücke wären zu entrichten." Auffordernd hielt sie die Hand auf. Ich seufzte verhalten. Hoffentlich waren wir bald wieder außerhalb der größeren Städte. Da mussten wir zumindest keinen Elbenbonus bezahlen.
Ohne ein Wort zu verlieren, zog Anordil die geforderte Summe aus seinem Lederbeutelchen. Dann folgten wir dem Knecht zurück zum Gasthaus. Dort ging es bereits ruhiger her. Der Schankraum schien bei weitem nicht mehr so voll, wie vorhin. Ein kleiner Tisch neben dem Feuer war in der Zwischenzeit frei geworden. Dort ließen wir uns nieder. Meinen Umhang legte ich über meine Beine. Anordils Umhang fand neben ihm Platz. Wir saßen kaum, als Ariana auf uns zu kam.
„Mein Gemahl läßt fragen, ob ihr noch Wünsche habt?", fragte sie uns. „Nur einen Becher Wein", erwiderte Anordil. „Und wenn Ihr eine süße Pastete im Ofen habt, so auch davon ein Stück", ergänzte ich. Sie lächelte mir zu und winkte einer der Mägde uns den Wein zu bringen, bevor sie selber in die Küche ging.
Anordil und ich lehnten uns zurück. Ich genoss die Wärme in meinem Rücken, die von dem prasselnden Feuer ausströmte. Etwas später kam Tjann aus der Küche. Er trug ein Tablett in Händen auf dem kleine Schälchen standen. Mit einem breiten Grinsen stellte er zwei Schälchen vor uns hin. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich auf den Inhalt blickte.
„Tiramisu", hauchte ich inbrünstig, „du meine Güte, Tjann! Wie kommst du an die Zutaten dafür?" „Kostet es erst", wies er uns an, „es schmeckt nicht ganz so, wie das Original, aber es kommt ihm sehr nahe. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich den richtigen Käse dafür hatte." Mit Wonne genehmigte ich mir den ersten Löffel. Und ehe ich es versah, war die Schale leer. Es schmeckte zwar wirklich nicht wie die Tiramisu, die ich kannte, aber auf alle Fälle war sie unglaublich lecker. Bittend sah ich Tjann an. „Mehr", bat ich, „es ist absolut göttlich." Tjann kam meiner Bitte nach. Nur wenig später hatte ich die zweite Schüssel geleert. Danach konnte ich auch nichts mehr essen. Tjann holte sich einen Becher Wein und gesellte sich zu uns, da in der Schankstube nicht mehr so viel zu tun war.
„Wie kommst du nach Linhir?", fragte Anordil ihn und nippte an seinem Wein. Tjann lehnte sich zurück. „Eine lange Geschichte", fing er an, „als ich mit euch nach Mittelerde ging, wusste ich nicht wirklich, auf was ich mich einließ. Ich wollte Abenteuer, ja, aber wie hoch der Preis dafür war ..." Er sah in die Ferne, dabei massierte er seine Fingerknöchel. Feine weiße Narben zeugten von alten Wunden. An der linken Hand fehlte der kleine Finger. „Ich dachte damals, alles wäre wie im Rollenspiel. Ein bisschen kämpfen und dann Lagerfeuerromantik. Doch bereits in den ersten Tagen wurde ich eines Besseren belehrt."
Ich erinnerte mich. Ein paar Tage hatten wir gemeinsam verbracht, bevor er mit Luvalaes aufbrach. „Ich begleitete Luvalaes nach Süden", fuhr er fort, „und er erwies sich als ein harter und unerbittlicher Lehrmeister. Aber ich denke, ich verrate da nichts Neues. Ich verdanke ihm viel und besonders häufig mein Leben." „Wo ist er jetzt?", fragte ich dazwischen.
„Ich weiß es nicht genau", antwortete Tjann, „er verließ Linhir im Frühjahr, nachdem ich Ariana geheiratet hatte. Ein paar Tage zuvor traf er sich mit Gandalf dem Grauen. Luvalaes war sehr ernst, als er von hier fort ging. Er sagte nur, er müsse nach Norden. Aber er wollte mal vorbeischauen, wenn er wieder in Linhir sei." Ich blickte zu Anordil hinüber. Er sah unbesorgt aus. Also musste es Luvalaes gut gehen. Die beiden hatten schließlich die Fähigkeit sich telepathisch zu verständigen. Eine Seltenheit, selbst unter den magiebegabten Elben.
„Tja, Luvalaes brachte mich nach Linhir zum Heiler", erzählte Tjann, „einige Wegelagerer hatten uns aufgelauert. Leider erwischten sie mich auf dem falschen Fuß." Er lächelte schief. „Na ja, jedenfalls hatte ich keinen guten Tag", erläuterte er, „sie schlugen mich beinahe zu Brei. Aber sie haben es bitter bereut. Luvalaes hat die meisten von ihnen erschlagen. Der Rest suchte sein Heil in der Flucht. Er flickte mich dann notdürftig zusammen. Als er mich hier im Haus der Heilung abgab, da dachte selbst er, dass ich es nicht schaffen würde."
Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher. „Doch ich erwies mich als zäh. Unkraut vergeht eben nicht. – Als ich so halbwegs gesundet war, war der Winter fast vorüber und ich konnte die Häuser der Heilung verlassen. Luvalaes hatte indes eine Nachricht erhalten, die wohl dringlich war. Allerdings sagte er nicht, um was es ging. Zumindest wirkte er sehr besorgt. Er musste fort, aber ich konnte ihn noch lange nicht begleiten. Er ließ mich daher hier und stattete mich mit einem kleinen Goldvorrat aus, damit ich nicht hungern musste."
Unwillkürlich musste ich schmunzeln. Das sah Luvalaes ähnlich. Gold bedeutete ihm nichts. „Aber es kränkte mich in meiner Ehre, dass er mir wohl nicht zutraute, mich selbst zu versorgen", sagte Tjann mit einem Grinsen auf dem Gesicht, „von dem Gold habe ich nichts angerührt. Ich verdingte mich als Tagelöhner bei den Bäckern hier. Mit einem von ihnen bekam ich allerdings dann Streit." Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher. In seinen Augen blitzte es vergnügt. „Und zwar nicht nur wegen seines harten Brotes, sondern auch wegen seiner hübschen Tochter, die ich dabei kennenlernte." Er deutete zu Ariana hinüber, die zu uns blickte.
„Es dauerte nur zwei Tage, bis ich als Geselle in seiner Backstube stand, bis zu den Haaren eingemehlt. Weitere drei Tage, bis ich ihn davon überzeugt hatte, ein anderes Rezept zu verwenden als bisher. – Und es dauerte nur wenige Tage länger, bis ich wusste, dass Ariana die Frau meines Lebens war." Er warf ihr einen liebevollen Blick zu.
„Als Luvalaes zurückkehrte, teilte ich ihm mit, dass ich in Linhir bleiben wollte. Er war Zeuge bei meiner Vermählung mit Ariana und versprach vorbeizuschauen, sobald es möglich sei. Das Gold hat er übrigens nicht zurückgenommen, sondern schenkte es mir als Mitgift. Ich habe einen Teil davon verwendet um dieses Gasthaus zu kaufen. – Nun, dass ist jetzt ein Dreivierteljahr her. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und ihr seid jetzt da."
„Ja, und wir werden in Linhir bleiben müssen, bis die Pässe wieder frei sind", sagte ich, „leider sind wir zum falschen Zeitpunkt zurückgekehrt." Neugierig sah er uns an. „Ihr wart drüben?", fragte er leise auf Englisch, „habt ihr Bekannte getroffen?" Ich nickte und begann zu erzählen. Die Nacht wurde lang. Es wurde noch viel geredet von vielen Abenteuern und alten Bekannten. Erst weit nach Mitternacht begaben wir uns zur Ruhe.
In unserem kleinen Gemach schälte ich mich aus den Gewändern und schlüpfte unter die Decke. Der Wohlgeruch des Heus umhüllte mich, wie auch die starken Arme Anordils. „Geht es Luvalaes gut?", fragte ich ihn leise, „du hast vorhin nichts gesagt." Er streichelte sanft mein Haar. „Er ist wohlauf", erwiderte er, „und zurzeit in Lórien. Allerdings wird er im Frühjahr in den Düsterwald weiterreisen." „Gandalf?", warf ich fragend ein. „Ja", flüsterte Anordil, „Gandalf sucht ein Wesen, dass sich Gollum nennt. Er hat sich an alle reisenden Elben und an die Waldläufer gewandt, dass sie ihm helfen mögen."
Ich zuckte zusammen. „Es hat begonnen", flüsterte ich atemlos. Beschützend nahm er mich enger in die Arme. „Noch ist Zeit", entgegnete er, „schlaf jetzt. Ich werde über dich wachen." Doch Schlaf wollte sich nicht wirklich einstellen in dieser Nacht. Immer wieder suchten mich große, haßerfüllte Augen heim. Nur Anordils Nähe gab mir ein Gefühl der Sicherheit.
Wir blieben mehrere Wochen in Linhir und Tjanns Haus. Solange, bis wir sicher sein konnten, die Gebirgspässe ohne größere Schwierigkeiten überqueren zu können. Als Dank für seine Gastfreundschaft spielten wir mehrmals die Woche auf, wodurch wir ihm noch mehr Gäste verschafften, die dem Zauber des runden Teigfladens erlagen. Auch das Wintersonnenwendfest verbrachten wir hier. Es war eine merkwürdige Mischung aus den verschiedensten Traditionen.
Auf Tjanns Wunsch und auch auf meine Bitte hin, sammelten wir vor der Stadt Zweige von Immergrün und schmückten damit die Schankstube sowie die Wohnstube im hinteren Bereich zum Hof hin. Mit längst vergessen geglaubten Sprüchen hing ich Kräuterbündel in die Fenster. Ariana stellte dicke weiße Kerzen auf. Zum Fest selber buk Tjann einen wunderbaren Kuchen, der nach Zimt, Äpfeln und Gewürzen duftete.
Wie jeden Abend war auch an diesem Tag die Schankstube gut besucht. Die Leute feierten die längste Nacht des Jahres ausgelassen und fröhlich. Wir spielten bis gegen Mitternacht auf, dann zogen wir uns zurück. In der Wohnstube versammelten wir uns vor dem Kamin.
Auf dem Tisch lagen ein Brot in Form eines Sonnenrades, ein großer Kelch mit Wein und ein Kranz aus Immergrün. Ich entzündete die vier Kerzen, die Tjann auf den Kranz gesteckt hatte. Dann sprach ich den Segen zu Alban Arthuan. Meine Stimme zitterte leicht, schließlich war es das erste Mal, dass ich den Ritus durchführte.
„Ich begrüße Euch am Fest der Wintersonnenwende", sagte ich, „willkommen zur längsten Nacht des Jahreskreises. In dieser dunkelsten Nacht huldigen wir der Geburt der Sonne. Erneut wird sie die Finsternis besiegen und ihren Lauf aufnehmen. Sie spendet uns Leben und Wärme. In ihrem Licht gedeiht die Erde. Wir opfern ihr von unseren Speisen, um sie zu stärken für ihre lange Reise." Ich schloss ein gälisches Gebet an, dankte dabei Belenus für seine Gnade und gab die Speisen ins Feuer.
Danach brach ich ein Stück Brot ab und nahm einen Schluck Wein. „Brot und Wein als Symbole für das Leben, das die Sonne uns schenkt", sagte ich, „ich wünsche Gesundheit, Wohlstand und Frieden für dieses Haus." Dann reichte ich den Kelch weiter an Anordil. „Den Segen der Valar erbitte ich für Tjann und seine Familie", sprach er, „und eine sichere Heimkehr für meine Gemahlin und mich." Auch er brach ein Stück Brot und trank einen Schluck Wein, bevor er den Kelch weiter an Tjann reichte.
„Herr im Himmel", sagte er auf Englisch, „deinen Segen erflehe ich für mein Haus. Schenke Anordil und Arwen eine sichere Heimkehr." Er machte eine kurze Pause. Dann brach er ein Stückchen Brot ab und trank aus dem Kelch. „Ich erbitte den Segen der Valar für mein Haus und diejenigen, die unter seinem Dach sind", fuhr er auf Westron fort, bevor er Kelch und Brot an Ariana weitergab.
„Als Herrin des Hauses erbitte ich den Segen der Valar für alle seine Bewohner", sagte sie und nahm das letzte Stück Brot und trank den letzten Schluck Wein. Danach löschten wir die Kerzen und begaben uns wieder in die Schankstube. Dort wurde gefeiert bis weit in die frühen Morgenstunden. Überall in Linhir gingen in dieser Nacht die Lichter erst sehr spät aus. Schließlich war es eines der wenigen Feste auf dieser Welt, an denen jeder Anteil nahm.
Der Winter währte lange. Aber dann kam doch die Stunde des Abschieds. Der Morgen, als wir aufbrachen, war kalt und neblig. Etliche Tage lang hatte es abwechselnd geregnet und geschneit. Nun war es zwar trocken, doch dicke Wolken verschleierten den Himmel. In der Luft hing immer noch viel Feuchtigkeit, die unangenehm in die Gewänder kroch. „Wollt ihr wirklich heute gehen?", fragte Tjann besorgt, „das Wetter wird noch eine Weile so unbeständig bleiben." „Wir wollen den Pass nach Calenhad bei Beginn des Frühlings erreichen", antwortete Anordil, „dann sind wir zur Sommersonnenwende in Cillien. Vielleicht sogar ein bisschen eher." Ich umarmte Tjann und drückte ihn. „Mach dir um uns keine Sorgen", sagte ich und fuhr leise auf Englisch fort, „sei auf der Hut. Du weisst, dass der Ringkrieg kurz bevorsteht."
Tjann nickte ernst. „Ich übe regelmäßig, damit ich meine Schwertfähigkeiten nicht vergesse", entgegnete er, „und mir ist bewusst, dass Linhir nicht sicher genug sein wird. Die Piraten ..." Er verstummte kurz und sah sich um. „Die Piraten werden immer dreister", fuhr er fort, „man sagt, an Bord manches ihrer Schiffe seien auch Orks zu finden."
„Wohin willst du gehen?", fragte Anordil dazwischen. Tjann lächelte verschmitzt. „Wir werden spätestens in einem Jahr nach Minas Tirith aufbrechen", antwortete er, „bis dahin haben wir so viel Gold zusammen, dass wir dort ein Gasthaus eröffnen können." „Minas Tirith?", entfuhr es mir erschrocken, „das ist nicht dein Ernst!"
„Und ob das mein Ernst ist", sagte Tjann ruhig, „wenn Tolkien Recht behält, dann wird die Stadt zwar belagert und auch arg gebeutelt werden, aber sie wird standhalten. Wir werden überleben, Arwen. Auf alle Fälle sind die Chancen dort zu überleben wesentlich größer, als bei einem Piratenangriff auf Linhir." Anordil drückte Tjanns Hand. „Ich wünsche dir alles Gute und eine sichere Hand", verabschiedete er sich von ihm, „vielleicht sehen wir uns auf dem Schlachtfeld wieder."
Tjann hob eine Augenbraue. „Er weiß Bescheid?", fragte er mich verwundert. Ich stieß einen Seufzer aus. „Elben und ihre Neugier", entgegnete ich, „wir waren doch so lange drüben. Versuch mal einen Elben von Tolkiens Erbe fernzuhalten, wenn die ganze Welt damit überschwemmt wird."
In diesem Moment kam Ariana aus der Küche. Sie trug einen prall gefüllten Beutel in der Hand. Lächelnd reichte sie ihn mir. „Zum Abschied noch ein bisschen Wegzehrung", sagte sie und drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Ich danke euch beiden", antwortete ich, während ich den Beutel nahm. Er war schwer. Anordil reichte Ariana die Hand. „Möge ein Licht über deinem Weg leuchten", verabschiedete er sich von ihr, „cuio anann – lebe lang." Dann wandte er sich zum Gehen. „Cuio vae – lebe gut, Tjann Grünauge", sagte ich zu Tjann, bevor ich Anordil folgte.
An der Ecke der Straße schaute ich noch einmal zurück. Im dichten Nebel verschwanden Tjann und Ariana nahezu. Nur als Schemen waren sie zu erkennen, wie sie uns hinterher blickten. Ich zog meinen Umhang enger um mich und beeilte mich Anordil einzuholen.
Erst gegen Mittag lichtete sich der Nebel. Linhir lag schon weit hinter uns. Der Boden war feucht und matschig. Es machte keinen Spaß darüber zu wandern. Doch ich wusste, dass dies eine Zeit lang so bleiben würde. Erst, wenn wir weiter hoch ins Gebirge kamen, würde es besser werden. Kälter zwar, aber dadurch würde das Erdreich fest gefroren sein.
Etliche Tage wanderten wir am Ufer des Gilrain entlang bis zu seiner Quelle im Ered Nimrais Gebirge. Felsig, regelrecht zerklüftet wirkte die Landschaft. Überzogen von feinem Schnee, der stellenweise steinhart gefroren war. Die Quelle selber, war ein äußerst tiefer Gebirgssee, der von zwei kleineren Quellflüssen gespeist wurde. An seinen Ufern lag auf einer Felsspitze eine kleine Festungsanlage der Gondorianer. Die Paßstraße, der wir folgten, lief auf die Festung zu. Wir hatten keine Möglichkeit sie zu umgehen. Am Tor wurden wir von Wachposten in gondorianischer Rüstung aufgehalten.
„Wohin des Weges, Reisende?", fragte die eine Wache. „Seid gegrüßt, Wachen aus Gondor", antwortete Anordil, „ich bin Anordil Glordoronion und mit meiner Gemahlin auf dem Weg zurück nach Cillien." Die Wache musterte die Spange, mit der unsere Umhänge geschlossen wurden. Dort war deutlich das Wappen Cilliens zu sehen. Respektvoll trat er zur Seite.
„Tretet ein", wurden wir angewiesen, „unser Hauptmann wird mit Euch sprechen wollen." Das Tor öffnete sich und gab den Weg ins Innere der Festung frei. Es war eine kleine Befestigungsanlage. Nur eine Handvoll Männer verrichtete hier ihren Dienst. Wir wurden zum Hauptmann der Wache gebracht. Er versah seine Arbeit in einem winzigen Raum, der wohl angenehm warm war durch das kleine Feuer, welches im Kamin brannte. Wie auch seine Untergebenen trug er die gondorianische Uniform mit dem Symbol des weißen Baumes darauf. Nur mit dem Unterschied, dass er momentan keine Rüstung mit dickem, wollenem Gewand und Umhang trug, sondern eine schwarze Tunika.
Vor ihm lagen etliche Pergamente auf dem Tisch. Als wir eintraten, legte er die Feder aus der Hand und rieb seine verkrampften Finger. „Ein Schwert wäre mir lieber", sagte er aufseufzend, „seid willkommen, Krieger aus Cillien. Ihr seid auf der Durchreise?" „Ja", bestätigte Anordil, „wir kommen weit aus dem Süden und sind begierig die Heimat wiederzusehen." Verständnis blitzte in den grauen Augen des Hauptmannes auf. „Ja, Heimat", sagte er sehnsüchtig, „jeder sehnt sich nach dem Zuhause. Ich bin ebenfalls begierig meine Familie wiederzusehen. Doch leider wird es noch einige Monate dauern, bis ich sie in die Arme schließen kann. – Die Passage sei gewährt."
Er fuhr mit einer Hand durch sein dunkelbraunes, halblanges Haar. „Die Pässe sind frei", erläuterte er weiter, „jedenfalls konnten mir das meine Späher berichten. Allerdings streifen neuerdings des öfteren kleine Gruppen Orks durch das Gebirge. Ich habe bereits zwei Männer bei den Scharmützeln verloren." „Wir werden aufpassen", beruhigte Anordil und schulterte seinen Bogen. „Dann wünsche ich Euch eine gute Weiterreise", entgegnete der Mann, „und seid auf der Hut. Etwas sagt mir, dass uns unruhige Zeiten bevorstehen."
Er nickte uns noch einmal zu, dann durften wir gehen. Wir verließen die Festung durch ein weiteres Tor auf der anderen Seite. Dahinter verlief der Pass hoch hinauf ins Gebirge. Wir folgten dem steinernen Pfad. Die kalte Luft ließ meinen Atem als kleine Schwaden dahintreiben. Unbewusst schweiften meine Gedanken ab. Schon bald würde man an dieser Stelle, wo wir beinahe routinemäßig durchgeschleust worden waren, die Grenzposten verschärfen. Ein so ungehindertes Durchkommen, wie jetzt, wäre dann unmöglich. Vielmehr würde Denethor, der Truchsess von Gondor, die Grenzen gänzlich schließen. Keiner würde mehr gondorianischen Boden betreten können, ohne von den Wachen entdeckt zu werden und ohne Strafe befürchten zu müssen. Wahrlich, harte Zeiten standen bevor. Härter, als der Hauptmann dieser kleinen Festung sich träumen lassen würde.
Nach zwei Wochen mühseliger Kletterei über felsigen Boden erreichten wir schließlich Calenhad. Die Festung lag trutzig auf einem Felsen und sein aufgeschichtetes Leuchtfeuer auf dem gewaltigen Turm war von weitem zu sehen. In seiner stufenförmigen Bauweise wirkte er leicht assyrisch auf mich. Wie eine kleinere Ausgabe des Turmes zu Babylon. Eine Verteidigungsmauer aus gemauertem Stein zog sich darum herum. Diese wurde an strategisch günstigen Punkten von Wachttürmen durchbrochen.
Bei genauerer Betrachtung konnte ich erkennen, dass sich dahinter ein zweiter Schutzwall befand. Diese innere Mauer besaß ebenfalls Wehrtürme. Erst dann betrat man die eigentliche Festung. Unterhalb der Anlage hatte sich eine kleinere Stadt gebildet, die durch eine hölzerne Palisade geschützt wurde.
Am Stadttor standen nur zwei einsame Wachen, die müßig den wenigen Leuten zusahen, die in die Stadt hinein gingen oder hinaus. Der größte Teil davon waren Bauern, welche an den Berghängen karge Felder bestellten. Am Tag zuvor hatte es wieder einmal geregnet. Unsere Umhänge hatten zwar einen Großteil abgehalten, zudem wir auch noch Zuflucht unter einem felsigen Überhang gefunden hatten. Doch trotzdem war die klamme Nässe durch die Gewänder gedrungen. Fröstelnd zog ich den Umhang enger und sehnsüchtig starrte ich auf die kleinen, strohgedeckten Häuser auf der anderen Seite der Palisade.
Die Wache hinderte uns nicht, die Stadt zu betreten. Sie blickten eher furchtsam zu Anordil, der erhobenen Hauptes an ihnen vorbei schritt. Zielstrebig hielt er auf eines der kleinen Häuser zu. Ein windschiefes Schild zeigte einen schwarzen Eber, der mit aufgerissenem Maul einen jungen Burschen jagte. „Vor vielen Sonnenläufen war ich einmal hier", erklärte Anordil, „der Wirt ist ein Freund der Elben." Auffordernd sah ich ihn an. Er lächelte verschmitzt. „Elrond hat mit den übrigen Elbenfürsten ein Netzwerk über ganz Mittelerde aufgebaut. Nachrichten werden durch Boten hin und her gesandt. Manchmal sind auch Menschen dabei, wie dieser Wirt, dessen Familie seit vielen Generationen in elbischen Diensten steht."
Neugierig betrat ich hinter ihm das Gasthaus. Die Schankstube war niedrig und die Wände aus grob behauenen Holzbalken. Von der rußgeschwärzten Decke hingen ein paar eiserne Leuchter, in denen talgweiße Kerzen steckten. Im gemauerten Kamin in der Ecke brannte ein Feuer. Nur zwei Bauern saßen an einem der wenigen Tische. Ohne auf Anordil zu warten, strebte ich dem Tisch neben dem Kamin zu. Die wohlige Wärme drang bereits durch die Gewänder. Aufseufzend streckte ich die Hände aus. Es kribbelte leicht in den Fingerspitzen, als sie allmählich angewärmt wurden. So entging mir, dass Anordil mit dem Wirt sprach.
Wir bekamen ein kleines Zimmer mit einem sauberen Bett und eine warme Mahlzeit. Der Wirt brachte sie uns persönlich auf das Zimmer. So waren wir nicht gezwungen in dem engen verräucherten Schankraum zu essen. Der Eintopf aus Hammelfleisch und Kartoffeln war einfach, aber heiß und gut gewürzt. Zusammen mit dem warmen Brot mundete es wirklich gut. Am nächsten Morgen verabschiedete er uns, dabei reichte er Anordil ein gefaltetes Pergament. „Eine Botschaft für Lord Elrond, Herr", sagte der Wirt, „ich erhielt diese vor ein paar Tagen aus Südgondor. Ich hatte bereits überlegt, wem ich sie zur Weiterreise mitgeben könnte. Wenn Ihr so freundlich wäret?"
Anordil nahm das Pergament entgegen. „Ich werde es mitnehmen und von Cillien aus einen Boten zu Elrond schicken", antwortete er. Der Wirt zögerte noch. „Wenn Ihr denn auch so freundlich sein würdet, diese kleine Nachricht an meine Tochter mitzunehmen?", fragte er und zog ein noch kleineres Stück Pergament aus der Tasche seiner ledernen Schürze. Anordil nickte. „Ich werde es mitnehmen", erwiderte er freundlich, „wohin soll es gelangen?" „Auch nach Bruchtal", sagte der Wirt, „meine Tochter ist in Diensten der Lady Ivoriel." „Ich kenne Lady Ivoriel", warf Anordil ein, „die Gemahlin des Iavasmall ist mir gut bekannt." Er nahm auch das kleine Pergament und steckte es zu dem anderen. Mit einem kurzen Senken des Hauptes verabschiedete er sich von dem Wirt und ging auf das Tor zu. Ich folgte ihm.
Nebel hüllte das Gebirge ein. Der Turm, der das Leuchtfeuer enthielt, verschwand in einer Nebelbank. Schon bald kroch erneut die Kälte in meine Glieder. Ich zog den Umhang wieder enger, doch das vertrieb sie nicht. Es dauerte auch nicht lange, bis ich mich nach einem wärmenden Feuer sehnte.
Von Calenhad aus bogen wir in die Große Nordstraße ein. Diese verband Gondor mit den übrigen Königreichen und war ein gut ausgebauter Handelsweg, an dessen Rand in regelmäßigen Abständen kleine Schutzhäuschen aufgestellt waren. Hier konnte man sich bei Regen und Sturm unterstellen. Alle paar Meilen waren Wegsteine aufgestellt, auf denen die Entfernungen zu den großen Handelsstädten eingemeißelt waren. In dieser Hinsicht ähnelte die Praxis dem römischen Kaiserreich. Allerdings waren da die Straßen in erster Linie für schnelle Truppenbewegungen gebaut worden und nicht wie in Gondor für den Handel. Das Wetter schien mit uns zu sein, denn es wurde ein paar Grad wärmer und auch der Himmel zeigte sich nun überwiegend strahlendblau.
Allerdings begegneten wir nur wenigen Händlergruppen oder Bauern, obwohl diese ein Handelsweg war. Es war offenkundig, dass dies die ersten Vorboten für den bevorstehenden Ringkrieg waren. Man reiste nicht mehr viel. Und wenn, dann gut bewacht durch Söldner. Jedenfalls waren die paar Händler, denen wir begegneten, gut geschützt von bezahlten Kriegern. Nur die Bauern wagten sich ohne Begleitschutz auf den Weg. Die meisten von ihnen hatten gar keine andere Wahl, weil sie den geforderten Preis nicht zahlen konnten.
Vielfach wurden wir beäugt. Misstrauisch und manches Mal furchtsam. Keiner wagte es uns aufzuhalten oder gar anzusprechen. Oft war es mir unangenehm. Wir waren doch auch nur einsame Reisende. Ab und an begegnete uns eine Wachpatrouille der Anórier oder eine gondorianische Grenzwache. Aufgrund dessen verlief unsere Reise ohne bemerkenswerte Zwischenfälle.
Nach wenigen Tagen durchquerten wir den Eryn Myth. Dieses von den Elben ‚Grauwald' genannte kleine Waldgebiet war bemerkenswert. Kein Tier regte sich. Kein Vogel war zu hören. Es herrschte absolute Stille, wenn man vom Blätterrauschen absah. Die Bäume schimmerten grau und düster. Jedwede Farbe schien diesem Landstrich abzugehen. Ich bekam ein Gefühl der Beklemmung. Etwas ruhte tief unter uns, dass abgrundtief böse war. Die Aura war deutlich zu spüren. Schauer rannten über meinen Rücken.
„Was ist mit diesem Wald los?", fragte ich Anordil leise, aus Angst Unheimliches auszulösen. „Man erzählt sich, dass Böses diesen Wald vor langer Zeit betreten habe", wisperte Anordil zurück, „und dass seit dem ein Schatten hierauf läge. Kein Lebewesen verweilt lange in diesem Wald. Man spürt deutlich die schwarze Aura. Doch selbst uns Elben ist nicht mehr bekannt, um was für ein Wesen es sich handelte. Das Wissen darüber verliert sich im Nebel der Zeit."
Schweigend durchquerten wir rasch den Wald. Ich war froh, als er hinter uns lag. In meinem Magen hatte ein Kloß gelegen und mich fröstelte. Ich mochte nicht daran denken, was der Auslöser dieser schwarzen Aura war.
to be continued ...
