Edoras

Am Rand des Waldes lag Calenost, ein kleines Dorf am Handelsweg. Nur eine niedrige Palisade umschloss diesen Ort. Das Tor stand weit offen und keine Wache war weit und breit zu sehen. Auf dem Dorfplatz standen ein paar Bauern und boten ihre Ware feil. Am Brunnen hatten sich einige Frauen versammelt und tratschten. Kaum jemand nahm von uns Notiz. Im Gasthaus ‚Zum müden Wandersmann', übrigens das einzige hier in Calenost, beschlossen wir einzukehren, da verführerische Düfte von dort herausströmten. Schon von außen wirkte es klein, doch als wir eintraten, sah ich, wie klein es wirklich war. Gerade mal fünf Tische fanden in dem engen Schankraum Platz. Ein riesiges Faß dominierte die Theke. Der Kamin fungierte gleichermaßen als Wärmequelle und als Kochplatz.

Der Wirt kam sogleich herbeigeeilt, als wir die Schankstube betraten. Er war ein rotwangiger Anórier, dessen Gesicht ein gewaltiger schwarzer Schnurrbart zierte. Die ebenfalls schwarzen Haare hatte er mit einem Lederband zusammengebunden. Auf der ledernen Schürze zeigten sich Bratenflecken und andere eingetrocknete Überreste irgendwelcher, nicht näher zu bestimmender Flüssigkeiten.

„Tretet ein, werte Herrschaften", schnarrte er uns entgegen, „hier findet Ihr köstlichen Wein aus eigener Herstellung, ein von mir eigens gebrautes Bier, dass selbst mit dem aus Michelbinge mithalten kann und leckere, schmackhafte Gerichte, um den Hunger zu stillen."

In der Schankstube war außer uns niemand zu sehen. Es war schließlich auch noch relativ früh. Die Abenddämmerung hatte noch nicht eingesetzt. Ich sah Anordil sehnsüchtig an. In einem richtigen Bett zu schlafen, wäre mal wieder schön. Er nickte zustimmend. „Wir suchen außer einem Mahl auch Unterkunft für die Nacht", ließ Anordil verlauten. „Mit einem weichen Bett kann ich ebenfalls dienen", entgegnete der Wirt, „ich habe nicht viele Zimmer, doch ein kleines ist noch frei."

„Zeigt uns das Zimmer", wies Anordil den Wirt an. Dieser eilte uns voraus am Kamin vorbei. Hinter einem verhangenen Durchgang lag ein Gang, der nicht einmal so breit war, dass zwei ausgewachsene Männer nebeneinander Platz gehabt hätten. Einige Türen zweigten davon ab. An der vorletzten auf der linken Seite blieb er stehen und öffnete diese. Eine große Bettstatt nahm beinahe den gesamten, dahinter liegenden Raum ein. Es war kalt und klamm. Jedoch schienen die Laken sauber zu sein. Auf alle Fälle konnte ich nichts entdecken, was auf Krabbeltierchen hingedeutet hätte.

Also nahmen wir das Zimmer. Wir legten unser Gepäck und die Bögen samt Köcher auf das Bett. Diese wären beim Mahl nur hinderlich. Dann gingen wir wieder in den Schankraum. Wir setzten uns an den Tisch nahe des Feuers. Ich deutete zu den Kesseln hin. „Was habt Ihr denn zwei hungrigen Mägen zu bieten?", fragte ich.

„Fleischpastete und einen Eintopf aus Kohl und Kartoffeln", antwortete der Wirt diensteifrig, „außerdem frisch gebackenes Brot." „So bringt uns von der Fleischpastete, dem Eintopf und Brot", bestellte Anordil. „Und einen Krug Wein", ergänzte ich. „Wie Ihr wünscht", erwiderte der Wirt und wieselte davon. Nur wenig später hatten wir das Gewünschte vor uns stehen. Bald nach uns kamen weitere Gäste. Es dauerte nicht lange, da war die winzige Stube voll.

Anordil und ich aßen rasch, bevor wir uns zur Ruhe begaben. Obwohl man von wirklicher Ruhe nicht sprechen konnte. Zu laut schallten die Geräusche aus der Schankstube in die dahinter liegenden Räume. Erst weit nach Mitternacht wurde es still. Am nächsten Morgen machten wir uns bereits in der Dämmerung wieder auf den Weg.

Die nächsten Tage vergingen ohne nennenswerte Ereignisse. Es war ruhig auf dem Handelsweg. Verdächtig ruhig. Niemand begegnete uns. Mit einem Mal jedoch wehte der Wind uns eine Duftnote zu, bei der sich mir die Nackenhaare hoch stellten.

„Die Orks werden immer dreister", kommentierte Anordil leise, während er die Schwerter zog, „jetzt wagen sie sich bis vor die Tore Gondors." Ich schwieg und hielt meine Schwerter fest umklammert, die ich einen Sekundenbruchteil zuvor gezogen hatte. Den Kampfstab hatte ich zur Seite geworfen, gegen eine Horde Orks wäre er mir nur hinderlich. Sekunden später brachen sie aus dem Unterholz hervor. Fünf Orks. Sie sahen uns und stürmten auf uns zu. Einer attackierte mich von links. Diesen empfing ich mit einem unangenehmen Hieb meines Schwertes. Der andere kam von rechts. Aber ein Tritt in die Weichteile verschaffte mir von dieser Seite ein wenig Luft. Es ist ärgerlich, wenn die Rüstung keinen Tiefschutz besitzt.

Aber das gab mir die Zeit mich um den Ork zu meiner Linken zu kümmern. Es gelang mir ihn ein wenig zurück zu drängen. Er schien recht unerfahren zu sein. Jedenfalls bot er mir nach einigen Attacken seinen Bauch ungeschützt dar. Dies nutzte ich gnadenlos aus. Mit einem gewaltigen Hieb durchtrennte ich seine Bauchdecke und schlitzte ihn auf. Zu einer Gegenwehr war er nicht mehr fähig. Der zweite Hieb traf ihn ins Herz. Wie ein gefällter Baum fiel er zu Boden. Schwarzgrünes Blut färbte die Erde dunkel.

Der Ork zu meiner Rechten hatte sich in der Zwischenzeit von dem Tritt erholt und griff mich erneut an. Ich schickte ihm einen Flammenblitz entgegen. Dieser traf ihn am linken Arm und versenkte diesen kräftig. Ein Aufheulen folgte meiner Attacke. Jetzt konnte er seine Axt nur einhändig führen, was ihn stark einschränkte. Dies machte es mir leicht ihn zu töten.

Nun sah ich mich nach Anordil um. Seine Schwerter wurden von blauen Flammen umwabert. Er hatte bereits einen Ork getötet und wurde von zwei weiteren attackiert. Diese waren allerdings arg verwundet. Es roch nach verbranntem Fleisch und Orkhaaren. Ich rannte hinüber und lenkte den Ork zu Anordils linken Seite ab. Dadurch bekam Anordil die Möglichkeit den zur Rechten besser anzugreifen. Sekunden später brach der Ork mit einem abgetrennten Bein zusammen. Mit dem nächsten Schlag gab ich ihm den Gnadenstoß.

Nun war nur ein Ork übrig, der jetzt rasch besiegt wurde. Diesmal hatte keiner von uns eine Verletzung davon getragen. Was in der Regel die Ausnahme war. Wir reinigten unsere Waffen und steckten sie weg. Nur um sie Sekunden später wieder zu ziehen. Geräusche auf dem Weg vor uns hatten uns erneut in Alarm versetzt.

Dann sahen wir fünf gondorianische Krieger auf uns zu stürmen. Als sie sahen, dass der Kampf vorbei war, blieben sie stehen und einer von ihnen kam langsam auf uns zu. Er steckte sein Schwert weg. Gekleidet war er in die Rüstung der gondorianischen Wachen. Unter einem Helm aus gehämmerten Eisen quollen dunkle, gelockte Haare hervor. Seine Züge waren markant geschnitten. Dunkelbraune Augen blickten uns aus einem sonnenverbrannten Gesicht an.

„Seid gegrüßt, Reisende", sagte er zu uns in Westron, „ich bin Folonar Bendaren, Hauptmann der Wache Gondors an der Grenze zu Rohan. Wir hatten Orks gehört und Kampflärm. Doch wie ich sehe, ist unsere Hilfe nicht mehr erforderlich." Anordil verbeugte sich höflich.

„Seid gegrüßt, Folonar Bendaren", antwortete er gelassen, „wir danken für Eure Hilfe, auch wenn wir sie nicht mehr benötigen. Mein Name ist Anordil Glordoronion und dies ist meine Gemahlin Arwen Ceridwen." „Wohin führt Euch der Weg?" Neugierig musterten uns nicht nur Folonars Augen.

„Wir sind auf dem Weg in die Heimat, nach Cillien", gab Anordil zurück. Folonar Bendaren nickte bedächtig. „Es ist spät am Tag", sagte er nachdenklich, „darf ich Euch zu unseren Feuern einladen? Wir sind begierig auf Neuigkeiten. Es kommen leider nicht mehr oft Reisende durch." Damit waren wir einverstanden.

Folonar Bendaren gab seinen Männern einen Wink. Unverzüglich begannen sie damit den Kampfplatz zu säubern. Anschließend führte er uns ein Stück weit ins Gebirge hoch. In gebührendem Abstand folgten seine Männer. Immer wieder schauten sie sich wachsam um. Weit oben in den Felsen gab es viele natürliche Höhlen und in einer von diesen war die Wacheinheit untergebracht. Sie lag strategisch äußerst günstig und ermöglichte einen ungehinderten Blick über dieses Stück der Handelsstraße. Innerhalb des Wachpostens waren weitere Männer anwesend. Sie trugen keine Rüstung, sondern einfache Tuniken und waren mit unterschiedlichen Tätigkeiten beschäftigt. Manche pflegten ihre Waffen, andere saßen vor einem Berg Gemüse und schälten. Wieder andere lagen auf ihren Bettstätten und schliefen, trotz des um sie herrschenden Lärmes. Ein Bogenbauer saß vor einem Haufen Pfeilen, die er mit Federn versah. Einige der Männer musterten uns erstaunt, als wir hinter Folonar die Höhle betraten.

Er führte uns zu einem mit einem Vorhang abgetrennten Bereich. Dahinter befand sich eine weitere Höhle, in deren Mitte ein Feuer brannte. Darüber hing an einem eisernen Gestell ein großer Kessel, der wohl mit einem Eintopf gefüllt war. An den Seiten standen einfache Tische und Bänke. Über einem weiteren Feuer an der Seite brutzelten auf einem Rost Fische vor sich hin. Ein Mann stand davor und wendete diese. Er trug die gleiche gondorianische Tunika wie alle anderen hier auch, nur dass er darüber eine speckige Lederschürze gebunden hatte. Offensichtlich waren wir in der Küche. Als er unserer ansichtig wurde, verbeugte er sich kurz.

„Essen für drei und einen Krug Wein", orderte Folonar, „an meinen Tisch. Wir kommen gleich." Damit ging er aus der Küche heraus. Wir folgten ihm weiterhin. Vor einem verhangenen Durchgang blieb er stehen. „Dahinter haben wir eine Kammer für verirrte Reisende", erklärte er, „wenn ihr dort heute Nacht euer Lager aufschlagen wollt?" „Gerne", erwiderte Anordil, „es tut gut, eine Nacht in Frieden verbringen zu können." „Ich werde meine Waffen ablegen gehen", sagte er, „wenn ihr danach bitte in die Küche kommen würdet? Etwas Warmes zu essen und etwas Wein ist allerdings alles, was wir bieten können."

„Dies ist bereits reichlich", entgegnete ich, „und wird uns genügen." Anordil schob den Vorhang zur Seite und ging voran. Als wir die dahinter liegende kleine Höhle betraten, seufzte ich auf. Endlich einmal schlafen, ohne befürchten zu müssen im nächsten Augenblick von Orks attackiert zu werden. Vor allem endlich mal wieder schlafen, ohne die Rüstung anbehalten zu müssen. Was für ein Luxus! Sie war zwar leicht und durchaus dafür geeignet, darin schlafen zu können, aber so richtig bequem war es beileibe nicht.

Neugierig sah ich mich um. Die Höhle war grob aus den Felsen gehauen. Der Boden war jedoch sorgfältig geglättet. An den Wänden standen drei einfache Lager aus zusammengebundenen Baumstämmchen. Das Lattenrost, wenn ich das so nennen kann, bestand aus miteinander verwobenen Lederriemen. Darauf hatte ein mit Stroh gestopfter dünner Leinensack Platz gefunden, der wohl als Matratze diente. Kissen gab es nicht ein einziges. Dafür eine dunkelgraue, dicke Wolldecke auf jedem der Lager.

Als ich meinen Kampfstab auf das Lager warf, stob Staub auf. Ein leiser Fluch kam über meine Lippen. Ich nahm mir vor, diese Nacht doch eher ohne die Strohmatratze zu verbringen. Mein Mantel musste mir als Unterlage genügen. Was hatte ich auch erwartet? Schließlich waren wir nicht in einem Gasthaus, sondern in einem Grenzposten der Gondorianer. Mägde, die regelmäßig das Stroh wechselten, gab es nicht. Aber wenigstens hatten wir es warm und trocken.

Ungerührt legte Anordil seine Waffen und das Gepäck auf dem Boden ab. Ich folgte seinem Beispiel. Schließlich wollte ich nicht, dass noch ungebetene kleine Krabbelgäste sich meiner spärlichen Besitztümer bemächtigten und diese infizierten. Auch unsere Umhänge legten wir ab. Dann verließen wir unsere Kammer und gingen quer durch die Haupthöhle zum Küchenbereich hinüber.

Dort erwartete uns Folonar bereits an seinem Tisch, der nahe dem zweiten, kleineren Feuer stand. Angenehme Wärme strömte davon aus und ich genoss es. Der Mann, der vorhin die Fische wendete, hatte in der Zwischenzeit drei hölzerne Teller und drei Näpfe vorbereitet. In den Näpfen dampfte der Eintopf aus dem Kessel. Ein Gemisch aus wenigen Fleischbrocken, verschiedenen Pilzen, Zwiebeln, undefinierbarem Gemüse und wilden Kartoffeln. Alles, was die karge Landschaft hergab. Auf den Tellern lag je ein gebratener Fisch und ein großes Stück Brot. Dazu brachte er uns einen Krug Wein und tönerne Becher.

Hungrig machten wir uns über die angebotenen Speisen her. Auch Folonar langte kräftig zu. Der Eintopf schmeckte gar nicht schlecht. Die Fische hätten etwas Salz vertragen können, aber Salz war kostbar und wurde nur selten benutzt. Nur an der Küste kam man öfter in den Genuss von Salz oder kräftigen Gewürzen. Überall sonst musste man sich mit Kräutern behelfen. Das Brot war jedoch sehr gut. Im Gegensatz zum Wein. Dieser war äußerst stark verdünnt. Wie es eben überall bei den Grenzposten üblich war. Sie bekamen eine bestimmte Menge an Proviant mit. Damit mussten sie dann drei, manchmal sogar vier Monate auskommen, je nachdem, wann sie das nächste Mal versorgt wurden. Es konnte auch mal sein, dass eine Lieferung nicht ankam, weil Orks oder Wegelagerer diese überfallen hatten. Daher war es nicht verwunderlich, das der Koch den Wein mit Wasser streckte, so gut es ging.

Nach einer Weile kamen auch die Gruppenführer hinzu. Sie ließen sich an Folonars Tisch und an dem daneben nieder. Der Reihe nach stellte Folonar sie uns vor. Auch sie wurden mit Essen und Wein versorgt. Als wir unser Mahl beendet hatten, lehnte sich Folonar zurück und stopfte sich eine Pfeife. Versonnen blickte er den blauen Rauchschwaden nach, die davon aufstiegen.

„Von wo kommt ihr?", fragte er uns neugierig. „Aus Pelargir", antwortete Anordil ruhig, „unser Weg führte uns über Linhir und Calenhad. Wir sind auf der Rückkehr in die Heimat nach Cillien." „Ihr gehört zur Einheit des Glordoron?", fragte Ganamur Redagu, einer der Gruppenführer, ehrfürchtig, „er war doch einer der großen Heerführer im Krieg gegen Sauron gegen Ende des letzten Zeitalters."

„Ja", nickte Anordil bestätigend, „wir sind aus seinem Haus." „Ich habe bereits als Junge den Geschichten von den großen Kriegern der Elben gelauscht", gab er zu. Ganamur hatte sich nach vorne gelehnt und die Arme auf dem Tisch aufgestützt. Seine rehbraunen Augen leuchteten. Das Feuer warf kupferfarbene Reflexe auf sein hellbraunes, welliges Haar. Nur seine Hände spielten mit dem Weinbecher und verrieten seine Aufregung. „Sagt, ist Euch auf Eurem Weg ungewöhnliches aufgefallen?", fragte Folonar und lenkte das Thema wieder auf das Wesentliche, „wir sind immer froh über Kunde aus den ferneren Teilen des Landes."

„Unruhe macht sich breit", antwortete Anordil, „die Menschen spüren wie wir, das Böses sich aufmacht Mittelerde zu betreten. An den Grenzen gibt es wohl immer wieder Überfälle durch herumziehendes Gesindel oder Orks. Die letzteren haben arg an Zahl gewonnen. Da wir weit aus dem Süden aus Mirëdor kommen, führte unser Weg an Mordor vorbei. Das Land ist mit Düsternis überzogen. Der Schicksalsberg spuckte Feuer. – Mehr können wir nicht berichten."

Folonar nickte bedächtig. „Uns sind die verstärkten Übergriffe durch die Orks in gleichem Maße aufgefallen", warf einer seiner Männer ein, „es vergeht keine Woche, wo wir nicht einen Zusammenstoß mit ihnen haben. Vor wenigen Sonnenläufen waren die einzigen, um die man sich mühen musste Wegelagerer oder herumziehende Streuner. Doch seit geraumer Zeit ..." Seine Worte schwebten im Raum. Jeder hing seinen Gedanken nach. Mir lag es auf der Zunge, weitere Warnungen auszusprechen, doch ich beherrschte mich. Sekunden vergingen und dehnten sich zu Minuten.

„Und Ihr seid Bardin?", wurde ich von einem der Leute gefragt. „Ja", antwortete ich, „darf mein Spiel Euch erfreuen?" Erwartungsvoll blickten die Männer Folonar an. „Eigentlich ist dies ein Wachtposten", sagte er gedehnt, „Vergnügungen finden keinen Platz. Jedoch hat jeder von uns lange keinen Barden mehr gehört. Daher gebe ich die Erlaubnis. – Wenn Ihr Eure Kunst zum Besten geben wollt, steht dem nichts im Wege."

Ich spielte bis spät in die Nacht hinein. Die Männer genossen regelrecht die Musik. Auf manchen Gesichtern löste sich die Anspannung. Anordil saß an Folonars Seite. Sie sprachen lange miteinander. Mein Schlaf währte allerdings nur ein paar Stunden. In der Dämmerung wurde ich von Anordil geweckt. Viele der Männer schliefen noch. Nur die wachhabende Einheit war auf den Beinen. Mit der Patrouille würden wir den Wachtposten verlassen. Folonar begleitete uns mit seinen Männern soweit, bis wir gondorianischen Boden hinter uns ließen.

„Wir wünschen Euch eine sichere Reise", verabschiedete uns Folonar, „bis Ihr in der Heimat angelangt seid. In Gondor seid Ihr stets willkommen." Ich hütete mich ihm zu widersprechen, denn ich wusste es anders.

„Lebe wohl, Folonar Bendaren", antwortete ich stattdessen, „und seid auf der Hut mit Euren Männern. Die Orks vermehren sich rasch und werden immer dreister." „Habt Dank für Eure Gastfreundschaft", sprach Anordil, „es war uns eine Freude an den gondorianischen Feuern zu ruhen."

Damit wandten wir uns zum Gehen. Meine Gedanken schweiften davon. Ich drehte mich kurz um. Folonar stand dort mit seinen Mannen und blickte uns nach. Bald würden sie mehr zu tun bekommen, als bisher. Bald würden die Grenzen geschlossen werden. Dann wären selbst wir nicht mehr willkommen. Schon bald würde kein Fremder mehr gondorianischen Boden betreten können. Schon bald ...

„Verliere dich nicht in der Zukunft", hörte ich Anordils Stimme, „du kannst das Unvermeidliche nicht vermeiden." Ich wusste, dass er Recht hatte. Wie meist.

Nach zwei weiteren Wochen gelangten wir nach Edoras. Ich war aufgeregt. Endlich sollte ich die goldene Halle Théodens erblicken. Schon von weitem konnte man die Stadt sehen. Sie lag auf einem Berg, der mitten in der Ebene stand. Während wir dem Weg aufwärts folgten, sah ich in die Runde. Der Blick auf das Nebelgebirge war grandios. Je höher wir kamen, desto weiter sah man in das umliegende Land. Allerdings wurde es mit zunehmender Höhe auch immer windiger.

An immer mehr Häusern kamen wir vorbei. Diese bestanden überwiegend aus Holz und Lehmziegeln. Im großen und ganzen erinnerte Edoras eher an eine Wikingersiedlung, als an die Hauptstadt eines Reitervolkes. Pferde waren überall zu sehen. Sie weideten frei zwischen den Häusern oder unten in der Ebene. Sogar die Giebelverzierungen der Häuser wiesen geschnitzte Pferdemotive auf.

Die Menschen, an denen wir vorbei gingen, musterten uns neugierig. Doch ihre Blicke waren nicht feindselig. Der Großteil von ihnen schienen Bauern zu sein. Einige saßen vor den Türen ihrer Häuser und gingen ihrem Handwerk nach. Korbflechter, Hufschmiede, Kesselflicker, Schuhmacher, Schnitzer, Töpfer und Gerber. Oft waren auch Frauen zu sehen. Mit schweren Körben beladen gingen sie zum Waschplatz. Andere trugen mit Leinentüchern bedeckte Körbe, in denen wohl Brotlaibe lagen, die sie zum Backhaus brachten. Kinder liefen lachend dazwischen. Überwiegend waren die Menschen in einfache, zweckmäßige Gewänder gekleidet, die denen der Wikinger ähnlich sahen. Braun- und Naturtöne herrschten vor.

Bei unserem Eintreffen waren die Menschen dabei die Stadt zu schmücken. Pferdefiguren, kleine, wie große, aus Stroh wurden aufgestellt. Diese waren mit roten Bändern versehen. Überall wiederholte sich das Pferdemotiv und überall wehten rote Bänder im Wind. Eine ausgelassene Stimmung herrschte vor, die sich bis zu den Wachposten am hohen hölzernen Tor ausgedehnt hatte. Die dazugehörige Palisade umschloss den inneren Kern der Stadt. Dorthin, wo sich die Bewohner von Edoras im Falle eines Angriffes zurückzogen. Mittelpunkt bildete die goldene Halle, die weithin sichtbar auf dem höchsten Punkt des Berges stand. Die Strahlen der Sonne brachen sich blitzend an ihrem Dach. Grüne Fahnen mit dem weißen stilisierten Pferd Rohans wehten im Wind, der nie zur Ruhe kam.

Entspannt und freundlich blickten uns die Wachen entgegen. Sie waren in braunes Leder gekleidet. Die Rüstung bestand aus geflochtenem Leder, wodurch sie einerseits leicht und für den Einsatz zu Pferde geeignet, andererseits aber auch für ein Schwert rasch zu durchtrennen war. Ich fragte mich, ob sie für den Kriegsfall auch Rüstungen aus Metall besaßen. Ihre Helme zumindest waren aus gehämmertem Eisen, das mit Pferdemotiven verziert schien. Auf der Spitze derselben hatte ein Büschel Pferdehaare Platz gefunden. Im Gürtel trugen sie jeweils ein kurzes Schwert und einen Dolch. Zwei mit rot gefärbten Pferdehaaren versehene Lanzen lehnten unbeachtet an der Palisadenwand hinter ihnen.

„Seid gegrüßt", sagte Anordil freundlich zu einem der Wachen, „auf was für ein Fest bereitet Ihr Euch vor?" „Auf das Fest des Pferdes", antwortete die Wache locker, „und was gibt es neues von außerhalb der Riddermark, Herr Elb?" „Eine Menge", gab Anordil lächelnd zur Antwort, „Piraten auf dem Meer von Beleriand, Intrigen in Mirëdor und viele Orks an den Grenzen zu Gondor."

Der Blick der Wache verdüsterte sich. „Die Orks nehmen stark zu in der letzten Zeit", brummte er, „nur gut, dass sie des Nachts ihrer Wege gehen und Rohan meiden." Anordils Augen blitzten. Die Sorglosigkeit der Wache war ihm ein Dorn im Auge. „Trotzdem solltet Ihr die Grenzen im Auge behalten", sagte Anordil warnend, „sagt das Eurem Hauptmann. Es brodelt dort draußen. Etwas von Macht streckt seine Fühler aus." Die Wache zuckte zusammen unter der unvermuteten Schärfe der Worte. „Wir werden auf der Hut sein, Herr Elb", erwiderte die Wache fest und gab den Weg frei.

Voller Neugier blickte ich mich um. Die eher fröhliche Stimmung in den Gassen vertrieb die düsteren Gedanken aus meinem Kopf. Hier oben standen die Häuser dichter, als außerhalb der befestigten Tore. Etwas unterhalb der goldenen Halle befand sich ein größerer Platz, in dessen Mitte ein Brunnen stand. Um diesen Platz herum hatten sich etliche Handwerker und Gastwirte angesiedelt. In eines der kleinen Gasthäuser kehrten wir ein.

Die Schankstube war klein. Nur wenige einfach gezimmerte Tische mit Holzbänken davor hatten hier Platz gefunden. Die Balken der niedrigen Decke schimmerten schwarz. In dem gemauerten Kamin auf der anderen Seite des Raumes brannte ein Feuer, das einen schweren eisernen Kessel heizte. Auf einem Rost daneben wurden wohl Brotfladen gebacken. Die Theke war genauso dunkel wie die Deckenbalken, jedoch blank gescheuert. Dahinter befand sich ein Regal mit hölzernen Bechern und zwei Fässer. Neben der Theke führte eine schmale Stiege nach oben.

Als wir den Raum betraten war niemand zu sehen. Weder Gast noch Wirt. „Wir sollten uns bemerkbar machen", sagte ich zu Anordil. Dieser nickte. „He da!", rief er, „ist jemand hier?"

„Nur Geduld", brummte eine Männerstimme von oben, dann polterte es auf der Stiege. Einen Augenblick später sah ich zuerst lederne schwarze Stiefel, welche die Stufen hinunter kamen. Darüber kam eine grob gewebte dunkelbraune Hose ins Blickfeld. Gefolgt von dem unteren Rand einer verwaschenen braunen Tunika, die mit einem geflochtenen Ledergürtel geschlossen wurde. Eine einfache, jedoch speckige, ehemals braune Lederweste rundete das Erscheinungsbild ab. Vom Kopf war zuerst ein langer Bart zu sehen, der wohl einstmals schwarz gewesen war. Nun wurde er von zahlreichen weißen Strähnen durchzogen, wie auch das Haupthaar. Ein von Wind und Wetter zerfurchtes Gesicht sah uns dann an, in dem die dunkelbraunen Augen wachsam funkelten.

„Was kann ich für Euch tun, werter Herr, werte Herrin?", sagte der Mann mit einer Verbeugung. „Seid Ihr der Wirt in diesem Hause?", fragte Anordil. „Ja, werter Herr", gab der Mann zurück, „ich bin Hennak, der Wirt des ‚Schnellen Pferdes'." Anordil neigte höflich sein Haupt. „Seid mir gegrüßt, Wirt Hennak", sagte er, „meine Gemahlin und ich suchen Quartier für drei Nächte."

Ungläubig starrte der Wirt uns an. Man sah förmlich, wie er überlegte, was er sagen sollte. Waren wir am Ende nicht willkommen? Oder hatte er gar keine Gasträume? Nach einigen Sekunden löste sich die Starre des Mannes. „Sehr wohl, Herr", antwortete Hennak, „ich kann Euch nur das Zimmer im Dach anbieten, wenn Ihr es euch anschauen mögt? In meinem bescheidenen Haus nehmen hohe Elbenherrschaften sonst kein Quartier."

Er verbeugte sich erneut und stieg die schmalen Stufen hinauf. Wir folgten ihm. Im ersten Geschoss schienen zwei Räume zu sein. Jedenfalls gingen von dem sehr engen Flur zwei Türen ab. Wahrscheinlich verbargen sich dahinter Gemeinschaftsschlafräume. Der Wirt führte uns jedoch noch weiter hoch.

Das nächste Geschoss lag eindeutig unter dem Dach. Schräg liefen die Balken aufeinander zu und bildeten einen hohen Giebel in der Mitte. Auch hier gingen zwei Türen ab. Eine davon öffnete der Wirt. Wir traten ein. Der Raum dahinter war nicht sonderlich groß. Ein breites, vierpfostiges Bett stand in der Mitte. In das Holz der Pfosten waren Pferdeköpfe geschnitzt. Einfache braune, aber dick gewebte Vorhänge hingen vom Betthimmel. Eine schwere Decke aus dickem, besticktem braunen Stoff war über das Bett gebreitet. Dem Bett gegenüber stand ein eintüriger Schrank, der sorgfältig bemalt war. Daneben eine geschnitzte Truhe, auf der ein eiserner Kerzenhalter Platz gefunden hatte. Auf dem Boden lagen Felle.

Es war offensichtlich, dass der Wirt uns sein eigenes Gemach anbot. Ich hob an, um etwas zu sagen, doch Anordil gebot mir mit einer Hand zu schweigen. „Wir danken Euch für das Gemach", sagte er freundlich, „doch uns würde auch ein Lager auf Stroh genügen." Der Wirt verbeugte sich wieder. „Bitte, Herr", antwortete er, „erweist mir die Ehre, hier in meinen bescheidenen Räumen zu nächtigen. Mein Weib hat erst heute morgen die Säcke neu gestopft. Das letzte Mal, als Elben Edoras besuchten, ist bereits lange her. Ich erinnere mich kaum noch daran. Ich war ein kleiner Junge und Théoden wurde gekrönt. Das nun Elbenherrschaften in meinem Hause sind, ist eine große Ehre für mich und die meinen." Seine Augen leuchteten voller Stolz, als er dies sagte.

Anordil senkte den Kopf. „Nun denn", sprach er, „dann werden wir hier bleiben." Elegant legte er sein Gepäck ab und lehnte den Bogen gegen die Wand. „Sagt, Herr Wirt", warf ich ein, „gibt es ein Badehaus in Edoras?" Der Wirt sah mich an. „Ja, Herrin", antwortete er, „am Rand der Palisade, neben dem Kupferschmied und dem Backhaus hat Bader Freder seine Badestube. Ich schicke meinen Jungen hin, wenn Ihr baden möchtet, Herrin." „Gerne", erwiderte ich, „das letzte Bad ist schon eine Weile her."

Der Wirt verließ uns nach einer weiteren Verbeugung. Dann legte auch ich meine Waffen ab und setzte mich auf das Bett. Es war weich. Allerdings knisterte es ein bisschen. Offensichtlich waren die Matratze und die Decken mit Stroh und Heu gefüllt. Ich schlug die Überdecke zurück. Das Kissen und die Decke darunter waren aus ungebleichtem feingewebtem Stoff. Der aufsteigende würzige Geruch verriet mir, dass das Füllmaterial tatsächlich Heu war.

Wir nahmen frische Gewänder aus dem Gepäck und machten uns auf den Weg nach unten. In der Schankstube erwartete uns der Wirt bereits. Ein schmaler Junge, vielleicht acht Jahre oder auch zehn alt, stand nach Atem ringend vor ihm. Die Wangen des Knaben waren gerötet. Das verwuschelte Haar schimmerte hellbraun und vereinzelt ragten Strohhalme aus den Strähnen. Die hellgraue Tunika saß schief und gab den Blick frei auf eine sehr magere braune Schulter. Aus seinen Hosen schien der Junge schon seit geraumer Zeit herausgewachsen zu sein, denn blanke Beine ragten an den dunkelgrauen Hosenbeinen heraus. Schmutz bedeckte die ungeschützten Füße.

Als der Wirt uns erblickte, verbeugte er sich erneut. Doch der Junge blieb mit offenem Mund stehen, was ihm einen Knuff von seiten des Wirtes einbrachte. Augenblicklich verbeugte er sich auch. „Mein Sohn Eofried bringt Euch zum Bader", sagte der Wirt und gab dem Jungen noch einen Stoß in unsere Richtung. Der setzte sich nun in Bewegung. Wir folgten ihm nach draußen und durch einige schmale Gassen, bis wir das Badehaus erreichten.

Allerdings war Badehaus nicht die richtige Bezeichnung. Es schien tatsächlich eher eine Badestube zu sein. Auf alle Fälle war es klein. Gerade mal zwei Zuber fanden darin Platz, die mit einem einfachen Vorhang voneinander getrennt waren. Männer und Frauen badeten getrennt. Die beiden Mägde, wie auch die drei Knechte hatten alle Hände voll zu tun. Vor uns verließen zwei frisch gewaschene Männer die Badestube. Anscheinend wollte wohl jeder das Fest sauber begehen. Dann waren wir an der Reihe. Nachdem wir das Bad beendet hatten, gaben wir unsere verschmutzten Gewänder zum Waschen. Man gab uns zu verstehen, dass wir diese übermorgen abholen könnten.

Erleichtert, damit nichts weiter zu tun zu haben, kehrten wir ins Gasthaus zurück. Der Abend dämmerte bereits, als wir unser Nachtmahl einnahmen. Die Kost war einfach, doch wirklich gut. Der Eintopf erinnerte mich ein wenig an Irish Stew, obwohl das Fleisch kräftiger schmeckte. Dazu gab es Brot und einen kleinen Krug Wein.

Derart gestärkt und ohne den Staub der Reise auf der Haut machten wir einen kleinen Spaziergang durch Edoras. Die Menschen hatten nun ihre Festgewänder angelegt. Stroh, vermischt mit würzigen Kräutern lag auf dem Boden der Gassen. Der allgegenwärtige Geruch nach menschlichen und tierischen Ausscheidungen, wie er in den meisten Ansiedlungen Mittelerdes üblich war, wurde dadurch ein wenig gemildert. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Junge Mädchen kicherten verschämt, wenn sie Anordil ansahen. Die jungen Männer hingegen musterten ihn neugierig, aber mit deutlichem Respekt. Nach Einbruch der Dunkelheit loderten überall Feuer. Musikanten spielten mitreißende Lieder. Manche der Instrumente waren äußerst ungewöhnlich gestaltet und ich wunderte mich, dass die Musikanten damit Töne hervorbrachten.

Wir hatten uns an den Rand des Marktplatzes gesetzt und beobachteten das bunte Treiben. Gefüllte Trinkhörner machten die Runde unter den Männern. Die Frauen hingegen bevorzugten tönerne Becher. An der einen Seite des Marktplatzes saßen die Alten, streng nach Geschlechtern getrennt. Sie beobachteten vergnügt die wilden Tänze der Jüngeren, während sie angeregt miteinander schwatzten. Junge Männer, gerade dem Knabenalter entwachsen, trugen Pferdemasken. Sie tanzten um die Feuer herum. Manchmal sprangen sie mit einem Satz darüber hinweg. Ihre Masken wippten dabei auf und ab. Wie die Bewegungen wilder Pferde in der Ebene.

Ab und zu gesellten sich junge Frauen dazu, deren Pferdemasken mit roten Bändern geschmückt waren. Sie kokettierten mit den Männern und forderten sie zu immer wilderen Tänzen heraus. Manch einer der Maskenträger kam einem der Feuer zu nahe und die lange, aus Stroh geflochtene Mähne der Maske fing an zu brennen. Solch einem armen Tropf wurde rasch geholfen, in dem man einen Eimer Wasser über ihn ausschüttete. Dem Gelächter der anderen preisgegeben musste er seine Maske lüften. Lachend und ungerührt durch die Nässe tanzte er dann weiter.

Entspannt hatte ich mich gegen eine Hausmauer aus Lehm gelehnt. Anordil saß neben mir. Seine Hand ruhte locker auf der meinen. Die neugierigen Blicke, die uns immer wieder streiften, blieben selbst mir nicht verborgen. Anordil war bereits aufgrund seiner Gestalt recht auffallend. Sein Erscheinungsbild als Elb tat sein übriges. Dazu noch eine Menschenfrau an seiner Seite. Das wir hier auffielen, war folglich nicht verwunderlich.

Lächelnd genoss ich jedoch das Fest. Meine Füße wippten im Takt der Trommel. Zu gerne hätte ich auch dort zwischen den Feuern getanzt. Doch ich war mir nicht im klaren darüber, ob wir, als Fremde auf diesem Fest, einfach mittanzen konnten. Also beschränkte ich mich eher auf das Zuhören und Zusehen. Irgendwann stieß Anordil mich unauffällig an. Als ich ihn ansah, wies er mit dem Kopf unmerklich auf die andere Seite des Platzes.

Eine der Wachen Théodens stand dort und blickte suchend über die feiernde Menge. Dann hatte er gefunden, was er gesucht hatte. Einen wahren Slalom um die Tanzenden herum vollführend, kam er langsam auf uns zu. Er verneigte sich knapp, als er uns erreichte. Seine Augen richteten sich auf Anordil.

„Verzeiht mir, Herr", sprach er ihn respektvoll an, „mein Hauptmann möchte mit Euch sprechen." Anordil schaute ihn kurz musternd an. „Ich bin den Herren der Riddermark gerne zu Diensten", erwidert Anordil. „So folgt mir bitte, Herr." Sogar ich konnte spüren, dass dieser Rohirrim großen Respekt vor Anordil hatte. Aufseufzend stellte ich den Becher an die Seite und stand auf. Dann folgten wir dem Mann über den Platz an den ausgelassen Feiernden vorbei. Er führte uns zu einem Seiteneingang der Goldenen Halle.

Jetzt konnte ich erkennen, das die Basis der Halle aus Stein gemauert war. Von oben hörte man Gelächter, laute polternde Stimmen, die sich unterhielten, Musik und Festlärm. Der Geruch von Gebratenem durchzog die Räume. Der Rohirrim führte uns jedoch an der inneren Halle vorbei in die untere Ebene. Nur ein flüchtiger Blick blieb mir vergönnt. Als wir die steinerne Treppe hinunter gingen, verhallte der Festlärm hinter uns. Der Gang, den wir entlang gingen, war aus Stein gemauert und an den Wänden hingen in regelmäßigen Abständen Fackeln in eisernen Haltern. Hier im unteren Gewölbe war nur ein verhaltenes Gemurmel vom obigen Fest zu vernehmen. An mehreren Türen aus dunklem Holz kamen wir vorbei, bis die Wache vor einer dieser Türen stehenblieb, um sie zu öffnen. Höflich trat er zur Seite, damit wir eintreten konnten.

„Bitte wartet einen Augenblick", sagte er zu uns, „mein Hauptmann Háma wird Euch gleich aufsuchen." Damit ging er, ohne die Tür aus schwerem Holz zu schließen. Offensichtlich wollte man uns damit signalisieren, dass wir keine Gefangenen waren. Dies gab mir Gelegenheit mich ein wenig umzusehen. Der Raum, in dem wir waren, bestand aus mit Bruchsteinen gemauerten Wänden. Fackeln erhellten ihn nur unzureichend. Ein Tisch stand an der einen Wand. Drei Stühle standen achtlos an der Seite. Als ob vor kurzem Leute daran gesessen hätten. Ein einsamer lederner Würfelbecher lag auf dem Tisch. Daneben einige Würfel, die knöchern schimmerten. Wahrscheinlich waren sie aus Tierknochen geschnitzt. An der einen Seite stand ein Regal mit Waffen. Überwiegend Hellebarden und Speere.

Wir mussten nicht lange warten. Ein hochgewachsener Mann betrat den Raum. Er wirkte wie ein Wikinger aus vergangenen Zeiten. Es fehlte nur der gehörnte Helm. Rotblondes Haar fiel, sorgfältig gebürstet bis über die Schultern. Auch der gestutzte Bart war rotblond. Grünblaue Augen strahlten in einem wettergegerbten Gesicht. Narben ließen auf vergangene Kämpfe schließen. Der Mann trug eine feingewebte Tunika in dunkelgrün, die mit einer schwarzgoldenen Borte versehen war, welche ein Pferdemotiv zeigte. Darüber eine lederne Rüstung mit dem Symbol Rohans. Die Hose war aus dunklem Leder. Dolch und Schwert steckten im Gürtel.

Ihm folgten zwei andere Männer. Einer davon überragte ihn um nahezu Haupteslänge. Sorgfältig gepflegtes dunkelblondes Haupthaar und graugrüne Augen. Ein feiner Schnauzbart betonte seine edlen Züge. Er musste ein Mitglied der königlichen Familie sein. Seine Tunika war dunkelrot mit goldener Stickerei. Darüber trug er keine Rüstung, sondern eine längere samtene Weste. Die Hose jedoch war auch aus dunklem Leder. Der andere schien ein Wachtposten zu sein. Bei näherer Betrachtung erkannte ich die Wache vom Tor.

„Bitte verzeiht, dass wir Euch in Eurer Ruhe stören, denn gewiss habt Ihr eine weite Reise hinter Euch", sprach der Wikinger in Westron, „ich bin Háma, Hauptmann der Wache König Théodens. Seid willkommen in Meduseld, der Goldenen Halle von Edoras." Anordil legte seine Hand auf die Herzgegend und deutete eine Verbeugung an. Ich tat es ihm nach. „Habt Dank für Euren Willkommensgruß", erwiderte er höflich, „sagt an, was ist Euer Begehr?"

„An meiner Seite seht Ihr Éomer, den Neffen des Königs und Heerführer Théodens", sagte Háma und deutete zu dem Hünen neben ihm, „unsere Wache berichtete mir, dass Ihr aus dem Süden kommt– Sagt, hattet Ihr Begegnungen mit Orks?" Anordil lächelte verhalten. „Nicht nur eine", entgegnete er ruhig, „doch weshalb interessiert Ihr Euch dafür?"

In Éomer kam Bewegung und er nahm auf einem der Stühle Platz. Mit einer einladenden Handbewegung bedeutete er uns sich zu ihm zu setzen. „Wir hörten von Übergriffen an den gondorianischen Grenzen", sprach er, „und wir wollen die Grenzen von Rohan schützen. – Ihr seid Schwert- und Bogenmeister des Hauses Glordoron. Deshalb zähle ich auf Euer Wort."

Währenddessen hatten wir uns gesetzt. Háma und die Wache blieben stehen. „Eure Wachen verfügen über scharfe Augen", erwiderte Anordil anerkennend, „es ist richtig. Ich bin tatsächlich Bogenmeister und Schwertmeister des Hauses Glordoron und sowie dessen Sohn. An meiner Seite ist die Schwertmeisterin Arwen Ceridwen, meine Gemahlin. – Ja, wir hatten kleinere Zusammentreffen mit Orkhorden. Allerdings werden diese es nicht mehr berichten können."

Éomer verzog sein Lippen zu einem Lächeln. „Ich freue mich, solche Krieger in der Goldenen Halle begrüßen zu können", sagte er anerkennend, „und wie ist die Lage weiter im Süden?" „Wir kommen aus Mirëdor und sind auf dem Weg zurück Richtung Cillien", erklärte Anordil, „der Weg führte uns an den Grenzen zu Mordor vorbei. Die Erde bebte und der Schicksalsberg stieß dunkle Wolken aus. Orkhorden patrouillierten an den Grenzen. Unheil erwacht in Mordor. Und es wird zunehmen in den folgenden Sonnenläufen. Wir spüren es."

Anordil sah mich an. Mit einer Handbewegung deutete er mir Schweigen zu bewahren. Ich durfte nichts verraten. Durch ein falsches Wort könnte ich die kommenden Ereignisse beeinflussen. Es war schon riskant, dass wir hier in Edoras waren. „Die Orks werden immer dreister und zahlreicher", fuhr Anordil fort, „sie greifen jeden an, der sich Mordor nähert. Wir hatten Glück, die Scharmützel unbeschadet zu überstehen. Einen Krieger verloren wir durch wilde Tiere. Auch diese werden immer angriffslustiger. Als würde der Atem Mordors sie verpesten."

Éomer nickte verstehend und sah Háma an. Dieser blickte finster drein. „Wir werden unsere Wachen an den Grenzen verstärken und uns zu verteidigen wissen", erwiderte Háma kriegerisch, „unser Dank sei Euch gewiss." Mit einer Handbewegung wies er die Wache aus dem Raum. Er verneigte sich kurz in unsere Richtung und vor Éomer, bevor er ebenfalls hinaus ging. Allein Éomer verweilte noch auf seinem Platz. Seine Finger spielten mit den Würfeln, die ein leises Klackern auf dem Tisch hervorriefen.

„Wie schlimm ist es wirklich?", fragte er unverblümt und sah dabei Anordil durchdringend an, „sagt mir die Wahrheit, damit Rohan gewappnet ist." Ohne eine Regung zu zeigen, hielt Anordil dem Blick stand. „Es wird schlimm werden", antwortete er ausweichend, „doch auch in den dunkelsten Zeiten gibt es Hoffnung. Haltet daran fest." Éomer hob an, um noch weiter zu fragen, doch ich ergriff seine Hand, aus der ein Würfel fiel. „Fragt nicht weiter, Éomer, Éomunds Sohn", fuhr ich dazwischen, „alles, was wir sagen, kann den Lauf des Schicksals unwiederbringlich verändern. Einzig eine Warnung dürfen wir aussprechen. – Seid auf der Hut in der Mark, Pferdeherr. - Seid auf der Hut und traut niemandem."

„Genug, Arwen", unterbrach mich Anordil, der spürte, dass ich mehr preisgeben wollte, als guttat. Éomer schien jedoch verstanden zu haben. „Die Reiter Rohans werden bereit sein", sagte er mit fester Stimme, „gegen jedweden Feind. Er möge nur kommen und eine blutige Niederlage holen." Seine Hand schloss sich zur Faust. Mit Wucht schlug er auf den Tisch, der erzitterte. Dann erhob er sich mit einer Eleganz, die den geschulten Krieger verriet. Wir hatten uns ebenfalls erhoben. Anordil neigte grüßend sein Haupt und drehte sich zur Tür, um den Raum zu verlassen.

Éomer trat ihm in den Weg. „Bitte nehmt an dem Fest oben in der Halle teil", sagte er, „Krieger des Elbenvolkes sind uns stets willkommen." Er neigte auch nur knapp sein Haupt und verließ vor uns den Raum. Wir folgten ihm. Oben vor der inneren Halle wies er uns hinein. Dann ging er raschen Schrittes davon. An diesem Abend sahen wir ihn nicht wieder.

Wir betraten jedoch jetzt die innere Halle und ich blieb beeindruckt stehen. Vor uns lag ein großer Saal, dessen Decke hoch über uns aufragte. Von dort hingen schwere eiserne Ringe mit hunderten von Kerzen. An den Wänden steckten Fackeln in ebenfalls eisernen Haltern. Der Saal selber war wie ein Kirchenschiff in drei langgestreckte Rechtecke unterteilt. Die beiden seitlichen Bereiche waren schmaler, als das Mittelschiff. Auf der von uns gesehen rechten Seite befand sich ein gewaltiger Kamin, in dem ein Feuer brannte. Darüber hatte ein Rost Platz gefunden, auf dem Fleischstücke brutzelten. Die schweren hölzernen Tische waren reich gedeckt mit flachen Tellern aus Metall und tönernen Schalen. Pokale und Becher aus verziertem Metall standen vor den Feiernden, obwohl einige der Männer auch Trinkhörner in Händen hielten. Männer und Frauen feierten hier gemeinsam. Jedenfalls waren die Tische gemischt besetzt.

Am anderen Ende des Saales stand ein Tisch etwas erhöht. Daran saß ein Mann in einer langen dunkelgrünen Robe, die reich mit Gold und Purpur bestickt war. Das lange, dunkelblonde, leicht angegraute Haar war sorgfältig gebürstet und ein Reif aus Gold, aufwändig mit Pferdemotiven verziert, hielt es zurück. Offensichtlich war dies Théoden, König von Rohan. Er hatte seinen Kopf geneigt und hörte einem Mann zu, der an seiner rechten Seite saß. Als dieser kurz aufblickte, durchzuckte es mich, als hätte ich ein heißes Eisen berührt. Das Gesicht eines Schakals. Kalte Augen, die einem die Seele stahlen. Haare, die wie Schlangen sich auf seinem Kopf wanden. Grima Schlangenzunge, dachte ich. Kein Zweifel, das musste er sein.

Er gestikulierte eindringlich und beobachtete den König, während seine Augen ständig wieselflink die sich nähernden Menschen beobachteten. Fröstelnd wand ich mich ab. Meine Hand lag auf dem Dolch. Krampfhaft hielt ich den Griff umschlossen. Beruhigend legte Anordil seine Hand auf die meine. Er zog mich in die Nähe des Kamins. Dorthin, wo sich etliche Männer und Frauen versammelt hatten, um einer Märchenerzählerin zu lauschen. Die Frau war bereits uralt. So alt, dass es mir schien, als habe sie die Geschichten, die sie erzählte, selber erlebt.

Ein sanftes, helles Lachen ließ mich umblicken, bevor ich mich auf die Geschichtenerzählerin konzentrieren konnte. Nur wenige Schritte von mir entfernt sah ich eine schöne blonde Frau, die sich mit anderen Frauen unterhielt. Ihr Lachen war herzerfrischend. Die Brauntöne ihres Gewandes standen ihr hervorragend. Sie schmeichelten ihrer Erscheinung. Feine Goldstickereien durchzogen das Gewand, wie einzelne Strähnen ihres sonnenblonden Haares. Dieses wurde von einem schmalen goldenen Reif gehalten, der kleine Blüten aus Gold trug. Als sie sich umdrehte, trafen sich flüchtig unsere Blicke. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber es genügte, um mir zu sagen, wer diese Frau war. Dies musste Éowyn sein.

„Du beobachtest Éowyn, die Nichte des Königs?", fragte mich Anordil leise. Der Geräuschpegel um uns herum war enorm. Doch irgendwie kam es mir vor, als wären wir eine Insel. Anordils Stimme hörte ich klar und deutlich neben mir. „Ja", sagte ich in Gedanken, „sie wird eine Figur sein auf dem Schachbrett des Krieges, der kommen wird." „Du verrätst wieder zuviel", lächelte Anordil mich an, „doch ich verstehe dich." Éowyn hatte sich unterdessen abgewandt. Meine Blicke folgten ihr. Sie schritt langsam mit zwei der Frauen nach vorne, dorthin, wo der König saß. Widerwillen stand in ihrem Gesicht, als sie sich neben Grima setzte.

„Komm", sagte Anordil zu mir, „lass uns hinaus gehen. Hier in der Halle bist du zu angespannt." Er hatte Recht. Schließlich weilten meine Gedanken in der Zukunft. Doch ich wollte mir nicht das Fest verderben lassen. Heftig schüttelte ich den Kopf, um meine düstere Stimmung zu vertreiben. Gerne folgte ich Anordil aus der Halle hinaus. Draußen tanzten die Menschen um die Feuer. Doch erst nach einer ganzen Weile konnte ich das Fest wieder genießen.

Drei Tage verweilten wir in Edoras, bevor wir erneut aufbrachen. Vielleicht auf unsere letzte größere Etappe. Unser Weg führte uns nach Nordwesten, durch flache, grasreiche Ebenen. Vereinzelt waren kleinere felsige Flecken zu sehen. Sie wirkten wie winzige Inseln in einem riesigen Ozean aus grünen Halmen. Auf unserer Wanderung blieb es ruhig. Kein Ork störte uns und kein wildes Tier. In den Nächten zündeten wir kein Feuer an. Es wäre weit zu sehen gewesen in dieser hügellosen Landschaft. Zehn Tage nach unserem Aufbruch aus Edoras erreichten wir die Pforte von Rohan. Dies war ein felsiger Pass über das Nebelgebirge. Doch nicht nur nordsüdlich verlief die Gebirgskette. An dieser Stelle führte sie ebenfalls ostwestlich. Vereinzelt waren kleinwüchsige Bäume und struppiges Buschwerk zu sehen. Unwirtlich und felsig präsentierte sich die Landschaft.

Doch auch hier passierten wir diese Engstelle, ohne behelligt zu werden. Es war beinahe schon gespenstisch zu nennen. Vielleicht aber auch nur die trügerische Ruhe vor dem Sturm. Immer wieder ließ ich meinen Blick unruhig über die Felsen gleiten. Aber nichts geschah. Kein Ork sprang hinter einem Felsbrocken hervor. Kein Warg knurrte aus einer dunklen Spalte. Kein Spinnengetier versuchte uns in seidige Fäden einzuwickeln. Kein wildes Tier fauchte uns an. Nichts. Als wäre Mittelerde mit einem Schlag von all diesen Widrigkeiten befreit worden. Nur wussten wir, dass dies nicht so war.

Einen Tag später gelangten wir zum Isen. An seinem Ufer machten wir den Abend Rast. Im Norden konnte ich schwach einen der Ausläufer des Nebelgebirges sehen. Dort in der Ferne musste sich Isengart, oder Angrenost in der elbischen Sprache, befinden. Mich fröstelte ein wenig. Unwillkürlich hüllte ich mich enger in meinen Umhang. In weniger als drei Jahren würde sich bei Isengart eine gewaltige Schlacht abspielen. Von unserer Lagerstatt aus konnte ich jedoch den Turm nicht sehen. Ich fragte mich allerdings, wie er wohl aussehen mochte. Vielleicht dunkel und drohend? Vielleicht hell, einem Saruman dem Weißen würdig?

Als wir am nächsten Morgen weiterzogen, setzte ich meine Schritte automatisch. Denn ohne es verhindern zu können, versank ich in Gedanken. Ich versuchte mich an die Beschreibungen Tolkiens zu erinnern. Doch es wollte nicht so ganz gelingen. Wusste Gandalf der Graue zu diesem Zeitpunkt bereits von Saurons Plänen? Wurde der Ring schon von den Nazgûl gesucht? Hatte Gollum das Auenland verraten? Was mochte Frodo Beutlin tun? Bilbos hundertelfzigster Geburtstag war bereits eine Weile vorbei. Folgerichtig musste der Ring bereits in Frodos Besitz sein. War Saruman bereits dabei seine finsteren Pläne zu schmieden? Oder hatte er sich schon mit Sauron verbündet? Was mochte er in diesem Augenblick vor haben? Blickte er vielleicht in unsere Richtung und sah zwei einsame Wanderer? Oder verfolgte er die Spur des Einen Ringes?

Derart grübelnd ging ich hinter Anordil her. „Du wirkst in Gedanken", sagte er, als wir eine kurze Rast machten. „Ich blickte nach Norden Richtung Angrenost. In der Ferne nahm ich einen vagen Schimmer wahr", flüsterte ich nervös, „und mich fröstelte. Ich weiß so viel, was ich nicht sagen darf und dies stimmt mich traurig."

Anordil sah mich forschend an. „Isengard ist Sitz von Saruman, des Herrn des Weißen Rates", warf er ein, „was sollte dich daran frösteln lassen? – Ich verlange keine Antwort von dir. Doch eines sei gewiss. – An meiner Seite brauchst du keine Furcht zu haben. Egal, wie finster die Zukunft aussehen mag." Ich sah ihn dankbar an. Beinahe mechanisch erledigte ich meine abendlichen Aufgaben. Das Feuer hielt ich klein und unauffällig.

„Wir werden in der Dämmerung aufbrechen und dem Isen nach Norden folgen ins Nebelgebirge hinein", sagte Anordil nach dem Mahl, „der Weg durch das Nebelgebirge ist am kürzesten. Bald werden wir in Cillien sein." Entsetzt blickte ich ihn an. „Bitte, Anordil", beinahe panisch wirkten meine Worte, „lass uns nicht an Isengart vorbei ziehen. Lass uns lieber einen Umweg gehen. – Ich bitte dich inständig, nicht diesen Weg zu nehmen."

Anordil sah mich erstaunt an. Sekunden blickte er mir in die Augen. „Du hast Angst", sagte er leise, „du willst nicht von einem Istari bemerkt werden. – Nun gut. So werden wir die weitere Strecke über Tharbad nehmen. – Doch jetzt lege dich zur Ruhe. Niemand wird dich verletzen. - Milon gen, anor nîn a darthon gen. Ú-ben narchatha. Sen 'weston gen. - Ich liebe dich, meine Sonne und ich bleibe bei dir. Keiner wird uns trennen. Dies schwöre ich dir."

In dieser Nacht schlief ich äußerst unruhig. Erinnerungen hielten mich vom Schlafen ab. Immer wieder durchzogen Textfetzen aus Tolkiens Werken meine Gedanken. Und noch etwas raubte mir die Ruhe. Trotz Anordils beruhigenden Worten hatte ich weiterhin Angst vor dem, was kommen mochte. Der Ringkrieg stand bevor und ich war mir nicht sicher, ob wir ihn überleben würden. Mittelerde würde dabei beinahe zugrunde gehen. Viele würden den Kampf gegen Saurons dunkle Mächte mit dem Leben bezahlen. Elb, Mensch, Zwerg oder Hobbit. Keiner würde verschont bleiben. Doch die Zeit bis es soweit war, würde ich glücklich an Anordils Seite verbringen.

Am nächsten Morgen überquerten wir die Furt des Isen und folgten der alten Nord-Süd-Straße Richtung Tharbad. Das Gelände war rauh und leicht unwirtlich. Das Dunland fing hier an. Die Dunländer waren mit unseren Hochlandschotten zu vergleichen. An die rauhe Umgebung angepasste, kriegerische Stämme durchzogen als Nomaden die Region. Wir hatten Glück niemandem zu begegnen. Außerdem mieden wir alles, was bewohnt aussah.

Anordil beschleunigte das Tempo. Das war mir Recht. Je mehr Distanz zwischen uns und dem Turm von Isengard war, desto besser. Ich war nicht scharf auf eine Begegnung mit einem der mächtigsten Zauberer Mittelerdes.

Nach anstrengenden Tagen, in denen wir unserem Ziel entgegen eilten, lag endlich Tharbad vor uns. Bald würden wir Cillien erreichen. Es war nicht mehr weit. Voller Unruhe und Vorfreude beschleunigte ich meine Schritte immer mehr. Es war wie ein unsichtbares Band, dass mich zog. Sogar Anordil lenkte seine Schritte schneller unserem Ziel entgegen. Wir hielten uns nicht mehr mit Rast auf. Wir hielten nur kurz um ein karges Mahl zu verspeisen.

Als wir kurz am Fluss hielten und ich meinen Blick auf das Nebelgebirge richtete, wurde mir leicht ums Herz. „Dich zieht es ebenfalls nach Cillien", wisperte Anordil mir zu. „Ja", erwiderte ich leise, „ich sehne mich nach der Ruhe und Geborgenheit des Tales von Cillien." „So lasse uns weiter ziehen, anor nîn." Rasch folgte ich ihm. Meinen Blick fest auf das Nebelgebirge gerichtet.

Vielleicht drei Jahre der Ruhe würden vor uns liegen. Danach würde Mittelerde in einen Krieg gestürzt werden. Ich war nicht davon überzeugt, dass wir diese Zeit bis zum Beginn des Krieges ruhig in Cillien verbringen würden. Doch ich freute mich jetzt auf die gelassene, eher gesagt ausgelassene Atmosphäre, die in der Elbenenklave herrschte. Ich war begierig darauf Mallenloth wieder zu sehen. Vielleicht war Luvalaes ebenfalls anwesend.

Als ich endlich das Tal von Cillien vor mir liegen sah, kamen mir die Tränen. Wunderschön lag es da im Sonnenschein. Frische grüne Farbtöne wechselten sich mit braunen ab. Zwischendurch blitzten immer wieder Blüten in den schönsten Farben auf. Ein kleiner Wasserfall glitzerte in der Sonne. Das Wasser des Flusses schimmerte silbrig im Licht. Anordil sah meine Tränen und wischte sie fort. „Tränen?", fragte er weich, „warum?"

Ich sah ihm tief in die strahlendblauen Augen, bevor mein Blick wieder auf das Tal schweifte. „Vor Freude", antwortete ich, „ich habe nicht gedacht, dass ich je wieder in dieses Tal zurückkehren würde. – Ich habe es vermisst." Du bist zu Hause, dachte ich bei mir und lächelte selig. „Ja", sagte Anordil, „willkommen zu Hause, Arwen." Wieder hatte er meine Gedanken erraten. Willkommen zu Hause!

to be continued ...