Finsternis umhüllte mich. Schwer hörte ich meinen Atem. Ein Blitz zuckte vom Himmel und tauchte die Umgebung für einen Sekundenbruchteil in gleißendes Licht. Schwarz verbrannt die Erde. Verkohlt die Bäume. Von Ruß geschwärzt die zahlreichen spitzen Felsen. Heftiger Wind kam auf. Er blies mir Asche ins Gesicht. Die Erde bebte unter meinen Füßen. Mein Herz schlug wild. Bis in meine Kehle konnte ich es spüren. Ströme von glühender Lava wälzten sich träge auf mich zu. Es war heiß und stickig um mich. Die Luft reichte kaum für den nächsten Atemzug. Ich fiel auf die Knie. Der schroffe Boden, durchzogen von kleinen scharfkantigen Felsstückchen, schürfte meine Haut auf. Asche klebte wie Pech an meinen Händen und biss in den Wunden. Unter mir gab die Erde nach. Wie zäher Brei klebte er an meinen Beinen. Etwas zog mich unerbittlich nach unten.
Ich wehrte mich mit aller Kraft. Sturmwinde, heiß wie der Atem der Hölle, wehten über mich hinweg. Mühsam sah ich nach oben in den pechschwarzen Himmel. Ein Auge erfasste mich mit glühendem Blick. Es brannte sich in meinen Geist. Das dröhnende Lachen, welches von allen Seiten über mich flutete, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich presste meine Hände auf die Ohren, doch es half nichts. „Du bist am Ende", flüsterte es in meinem Hirn, „dein Weg ist vorbei. Niemand kann Sauron entfliehen."
„Nein!", schrie ich gellend. „Die Macht des Bösen wird Mittelerde überfluten", hallte es aus der Dunkelheit, „niemand wird mich aufhalten! JETZT nicht mehr! – Ich werde erstarken und Mittelerde wird erzittern vor mir." Verzweifelt suchte ich Halt in dem schwammigen, klebrigen Boden. Unerbittlich sank ich immer weiter ein, als hätte ich Bleigewichte an den Füßen. Blut dröhnte in meinen Ohren. Hitze fegte über mich hinweg. Hastig sog ich ein letztes Mal die brennend heiße Luft in meine ausgedörrten Lungen. Dann hatte der Boden mich verschlungen. Ich bekam keine Luft mehr. In Panik schlug ich um mich und versuchte zu Atmen. Ich spürte einen Widerstand und dann fiel ich. Dumpf prallte ich auf dem Boden auf.
„Arwen!", rief mich Anordils Stimme, „wach auf! – Meine Sonne, ich bin hier!" Ein starker Arm hielt mich fest. Ich versuchte mich loszureißen. Mit einem heftigen Atemzug schlug ich die Augen auf. Als ich Anordils besorgtes Gesicht über mir sah, erstarrte ich in der Bewegung.
„Ganz ruhig", sagte er beruhigend, „es ist alles in Ordnung. Atme langsam und gleichmäßig. – Sag jetzt nichts. Erst atmen und zur Ruhe kommen." Erst jetzt merkte ich, dass ich am ganzen Körper zitterte. Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Gehorsam folgte ich seinen Worten. Meine Augen wanderte umher. An jedem Detail blieben sie hängen.
Ich lag auf dem Boden vor unserem gemeinsamen Bett. Die Decke hatte ich halb mit mir gezerrt, als ich stürzte. Der Vorhang des vierpfostigen Bettes war auf meiner Seite gänzlich herunter gerissen. Kerzen brannten in dem einen Leuchter direkt neben dem Spiegel. Die feinen Vorhänge an dem Durchgang nach draußen wehten leicht in der Nachtbrise. Von dort hörte ich nur vereinzelte Vogelstimmen und etliche Frösche, die ein Konzert gaben.
Vorsichtig gab Anordil mich frei. Er stand auf und hob mich hoch. Sanft legte er mich zurück auf das Bett. Dann ging er zu dem kleinen Tischchen, auf dem eine Karaffe stand. Er füllte einen Becher und kam zu mir. „Hier, trink", forderte er mich auf, „und dann erzähle, was geschehen ist."
Erleichtert hier in unserem Gemach zu sein und vor allem erleichtert darüber am Leben zu sein, nahm ich den Becher und leerte ihn. Der schwere Wein, den wir noch von unserem Nachtmahl über behalten hatten, rann durch meine Kehle. Er löste die letzte Spannung in mir. Aufseufzend ließ ich mich in die Kissen fallen. Anordil saß neben mir.
„Es war nur ein Traum", stieß ich erleichtert hervor, „bei Belenus! Es war nur ein Traum!" Anordil sah mich auffordernd an. „Erzähle!", befahl er mir knapp. Sein Blick erlaubte keinen Widerspruch. Also fing ich an zu erzählen. Als ich endete, hatte sich sein Blick verfinstert.
„Sauron beginnt zu erstarken", kommentierte er düster, „wir müssen Botschaft nach Bruchtal senden. Auch Mithrandir muss berichtet werden." Entsetzt starrte ich ihn an. „Wir dürfen nicht eingreifen", warf ich ein, „oder eher gesagt – ICH darf nicht eingreifen. Wenn meine Träume bedeuten das Sauron an Macht gewinnt, so darf ich es niemandem sagen." Anordil lächelte mich entschlossen an. „Zu spät, meine Sonne", entgegnete er zärtlich, „du bist meine Gemahlin. Du hast mir davon berichtet. Also hast du bereits jemandem erzählt, was du gesehen hast. Folglich rollt der Stein schon. – Und du kannst ihn nicht mehr aufhalten."
Ich setzte an, um etwas zu erwidern, doch er verschloss sanft meine Lippen mit den seinen. „Du vermagst es nicht zu ändern", sagte er, als er sich von mir löste, „das Schicksal nimmt bereits einen anderen Verlauf seit dem Augenblick, als du Mittelerde betreten hast. Jetzt lasse uns unsere Pflicht tun." Ergeben nickte ich. Es gab nichts mehr, was ich entgegensetzen konnte.
Anordil erhob sich. Rasch streifte er sich seine Gewänder über. Schließlich konnte er nicht im leichten Nachtgewand durch das Haus gehen. „Ich werde Thinroval bitten, mir jemanden als Boten abzustellen", erklärte er, „und ich werde beim Falkner vorbeisehen. Gandalf vermag mit den Tieren zu sprechen. Jedenfalls redet er oft mit den großen Adlern. Auch Pferde werden ganz zahm bei ihm. Hîthfân wird einen Falken mit einer Botschaft schicken. Gandalf wird es verstehen. – Ruhe dich aus und versuche noch ein wenig zu schlafen. Oder soll ich Anigel anweisen, dir einen Schlaftrunk zu bringen?"
„Nein, Anordil", erwiderte ich und sank zurück in die Kissen, „ich möchte mich nicht betäuben. Ich werde einfach versuchen zu schlafen." Anordil bedachte mich noch mit einem flüchtigen Kuss und eilte dann aus dem Gemach. Ich sah ihm nach. Von draußen hörte ich die verschiedenen Nachtgeräusche. Lange lag ich so, doch Schlaf stellte sich nicht mehr ein. Daher beschloss ich aufzustehen. Ich hüllte mich in ein wärmendes Gewand und trat nach draußen.
Von hier aus hatte ich einen wundervollen Blick über Cillien. Es dämmerte bereits. Das erste schwache Licht des beginnenden Morgens färbte den Horizont. Vögel zwitscherten und eine sanfte Brise brachte kühle Luft herbei. Tautropfen hingen auf den Blättern der unterschiedlichen Pflanzen, die sich an den Säulen hochwanden. Bald würde der Winter kommen. Die kühlen Nächte waren der erste Hinweis darauf. Ich lehnte mich gegen eine der efeuumrankten Säulen und ließ meine Gedanken wandern.
Erst seit wenigen Monaten waren wir wieder in der Heimat. Unsere Ankunft damals war bejubelt worden. Endlich zu Hause! Was hatte ich mich danach gesehnt, wieder über den Boden Cilliens zu wandeln! Die Grenzwache hatte uns freudestrahlend empfangen. So war es nicht verwunderlich, dass uns Mallenloth entgegeneilte, als wir die Häuser erreichten. Stürmisch umarmte sie ihren Vater und beinahe genauso stürmisch wurde ich begrüßt.
Aus Glordorons Haus kam uns Luvalaes entgegen. Seine Augen leuchteten vor Freude. „Willkommen zu Hause, Anordil", begrüßte er seinen Bruder, „ich bin froh dich zu sehen. Dann kann ich dir direkt die Geschäfte übergeben." Anordil stutzte. „Ist Vater nicht da?", fragte er beunruhigt. Luvalaes gab mir einen Kuss auf die Wange. „Gut siehst du aus, Arwen", sagte er, „aber ein wenig mager. Hat Anordil dir nicht genug zu essen gegeben?"
Luvalaes blickte Anordil an. „Vater ist in Lórien", erklärte er, „die Orküberfälle häufen sich in der letzten Zeit. Sie vermehren sich wie Maden. Etwas Böses haucht seinen Atem über Mittelerde. Vater wollte mit Galadriel und Celeborn darüber reden. Vielleicht gewährt ihm die hohe Lady auch einen Blick in den Spiegel. Außerdem wollte er noch Nauroval einen Besuch abstatten. Er wird bis zum nächsten Frühjahr dort bleiben, sofern sich die Lage hier nicht zum Schlechteren ändert." „So lastet alle Verantwortung auf dir?", fragte ich.
Luvalaes nickte gespielt traurig. „Doch jetzt nicht mehr", lächelte er verschmitzt, „Anordil ist wieder da. Da er der ältere von uns beiden ist, räume ich den Platz für ihn – auch wenn es mir schwerfällt." In Luvalaes Augen blitzte es vor Heiterkeit. Wer's glaubt, wird selig, dachte ich bei mir. „Wohl kaum", erwiderte Anordil, „aber ich werde dich erlösen – nachdem ich mich gewaschen, ausgeruht und etwas gegessen habe." „Aber natürlich, Bruderherz", bestätigte Luvalaes, „lasse dir ruhig Zeit. – Wie sieht es aus, Arwen? Kleine Wette, wann mein Brüderchen fertig ist?"
Ich lachte schallend, denn Luvalaes hatte sich nicht geändert in all den Sonnenläufen, die wir weg waren. „Nein, danke", winkte ich ab, „ich wette nie mehr mit dir, das weisst du doch." Herzlich nahm er mich in den Arm, bevor wir ins Haus gingen. Dort konnten Anordil und ich erst einmal zur Ruhe kommen.
An diesem Abend gab es ein Fest zu Ehren unserer sicheren Heimkehr. Nach vielen fröhlichen Stunden des Feierns und Erzählens, konnten wir endlich damit beginnen unsere Ankunft zu genießen. Erst gegen Morgen schlief ich tief und traumlos in der beruhigenden Sicherheit unseres Hauses ein. Nichts würde mich hier stören können.
So hatte ich jedenfalls gedacht. Doch nun hatte mir ein böser Traum die Freude über unsere Heimkehr verleidet. Unwirsch schüttelte ich den Kopf. Ein unzulänglicher Versuch die Nachwirkungen dieses Traumes zu verdrängen. Doch Angesichts des atemberaubenden Sonnenaufgangs war ich nicht gewillt, diesem weitere Beachtung zu schenken. Die Strahlen der Sonne brachen sich in den herbstlich gefärbten Tönen der Landschaft. Der beginnende Morgen mahnte mich jedoch gleichzeitig daran, dass Arbeit auf mich wartete.
Seit Anordil die Amtsgeschäfte Glordorons übernommen hatte, ging ich ihm, so gut ich konnte, zur Hand. Auch eine solche kleine Enklave wie Cillien war recht arbeitsintensiv. Es galt die zahlreichen Handelsbeziehungen aufrecht zu erhalten, von denen Cillien zehrte. Dazu wurden Botschafter aus allen Teilen Mittelerdes empfangen. Auch wir sandten Botschafter aus. Außerdem kamen regelmäßig Boten aus der nahegelegene Stadt Ost-in-Edhil, die ein Umschlagplatz für Waren aus allen Gebieten Mittelerdes darstellte. Nicht nur die Elben tätigten hier ihre Geschäfte, sondern auch die verschiedensten Händler und sogar Bauern aus der Umgebung.
Ein besonderes Augenmerk legte Anordil auch auf die unmerklichen Vorbereitungen auf die kommenden Ereignisse. Er sorgte dafür, dass die Grenzwachen sich allmählich verstärkten. Die Übungen der Krieger wurden verschärft und die Vorräte aufgestockt. Vor allem die im Haus der Heilung. Mallenloth hatte ebenfalls damit begonnen geeignete Elben und Menschen in der Heilkunde zu unterweisen. Sauron sollte uns nicht unvorbereitet treffen.
Während ich diesen Gedanken nachhing, hatte ich mich angekleidet. Ich mochte es nicht, Anigel damit zu behelligen, obwohl es ihre Aufgabe war, für meine Gewänder zu sorgen. Doch ich war der Meinung, dass ich mit zwei gesunden Armen und Beinen sehr wohl in der Lage war, mir selber ein Gewand überzustreifen. Heute morgen wählte ich ein schlichtes dunkelgrünes, weich fließendes Gewand mit einer schmalen Silberborte. Nach einem prüfenden Blick in den Spiegel beschloss ich mein eher karges Frühstück in der großen Küche des Hauses einzunehmen.
Um diese Tageszeit herrschte dort noch relative Ruhe. Ein kleiner Tisch in der Ecke neben dem Feuer war stets mit ein paar Kleinigkeiten gedeckt. Ich bediente mich am Brot, stopfte mir eine Handvoll geschnittener Früchte in den Mund und nahm einen Becher heißen Kräutertee. Danach schlug ich den Weg zu Glordorons Beratungsraum ein. Schon bevor ich es erreichte, hörte ich Anordils Stimme.
„... durchaus recht", sprach er, „und ich denke, wir haben für diese Aufgabe eine gute Wahl getroffen. Caladúneth wird sie mit Weitsicht und zum Wohle Cilliens lösen." „Vielen Dank, Adar", hörte ich eine sanfte weibliche Stimme, die ich hier noch nicht gehört hatte, „ich werde mich auf eine baldige Abreise vorbereiten."
Anordil hatte noch eine Tochter außer Mallenloth? Warum hatte er es mir verschwiegen? Zögernd blieb ich im Türrahmen stehen. So konnte ich einen Blick in den Raum werfen, ohne direkt die Unterredung zu stören.
Anordil saß an Glordorons Tisch, der überladen war von Pergamenten. Davor hatten Baragond und Nelliel Platz gefunden, die beiden Berater Glordorons. Baragond war ein hochgewachsener Elb, der allerdings sehr massig wirkte. Wenn er auf dem Übungsplatz das Schwert schwang, war es gut nicht in dessen Reichweite zu sein. Die rotblonden langen Haare waren an der Seite geflochten, wie die Krieger sie trugen. In dem dunkelgrauen Gewand mit altsilberner Bestickung wirkte er wie ein Wolf im Schafspelz. Nelliel dagegen erschien den Raum zum Leuchten zu bringen. Hell und klar, wie ein Gebirgsbach. Das zartgelbe schlichte Gewand betonte ihre Zerbrechlichkeit. Doch sie verfügte über einen brillianten Verstand und war eine der Stimmen, auf die nicht nur Glordoron sich beinahe blind verließ.
Zusätzlich saßen dort noch Thinroval und Luvalaes. Neben Luvalaes hatte eine jung wirkende Elbin Platz gefunden. Ihre silberblonden Haare flossen bis zu den Hüften. In ihren Zügen war etwas Vertrautes, doch ich vermochte nicht zu sagen, an wen es mich erinnerte. Das hellblaue Gewand war an den Kanten mit Silber bestickt. Sie hatte ihren Kopf in Anordils Richtung geneigt und hörte ihm aufmerksam zu.
„Dol Amroth ist ein alter Handelspartner von Cillien", fuhr Anordil fort, „daher werden die Verhandlungen schnell gehen. Lege besonderen Wert auf die Sicherheit, wenn du mit dem Prinzen oder seinen Beratern verhandelst. Aus der Erfahrung heraus sind sie sehr von sich überzeugt. Betone noch einmal, dass nur die Sicherheit der Handelswege einen reibungslosen Ablauf ermöglicht. Vor allem jetzt, wo die Orks immer zahlreicher werden."
„Ja, Adar", antwortete sie und senkte verstehend ihr Haupt, „ich werde darauf achten. Wann soll ich abreisen?" „Vor dem Mittwinter", warf Thinroval ein, „die Wege über die Pässe dürften dann noch frei sein. Ich gebe dir drei Mann als Begleitung mit." „Ich bin durchaus in der Lage auf mich selber aufzupassen", entgegnete sie scharf, „die Eskorte benötige ich nicht, Hauptmann Thinroval."
„Thinroval ist nur auf deine schnelle Rückkehr bedacht, daher gebe ich ihm Recht", warf Anordil beschwichtigend ein, „eine Gruppe von Elben wird weniger schnell angegriffen, als eine alleinreisende Elbenfrau. Daher wirst du mit Eskorte reisen und das morgen früh. So ist sichergestellt, dass dein Auftrag vor dem Frühjahrsfest beendet ist."
„Außerdem reist Ihr zu Pferde", fuhr Baragond fort, „damit seid Ihr schneller. Zum Frühlingsfest werdet Ihr auch in Lórien erwartet. Lady Galadriel möchte Euch für ein weiteres Jahr an ihrer Seite haben, Cala."
Anordil hatte mich nun erblickt. „Tritt ein, Arwen", forderte er mich auf und wies mit der Hand auf einen noch freien Stuhl. Baragond, Nelliel, Luvalaes und Thinroval grüßte ich mit einem Kopfnicken, während ich eintrat. Vor der Elbin blieb ich stehen. „Wenn ich mich Recht entsinne, hattest du noch keine Gelegenheit meine Ziehtochter kennenzulernen", sagte Anordil zu mir, als er an meine Seite kam, „dies ist Caladúneth, für die ich den Vater ersetze. - Cala, dies ist Arwen, meine Gemahlin."
Ihr Gesicht verriet keine Regung. Sie erhob sich elegant und verneigte sich höflich. „Ich freue mich, Euch kennenzulernen", sagte sie höflich, ohne jede Regung, „Mallenloth hat schon viel von Euch erzählt." Neugierig gab ich ihr die Hand. „Auch ich freue mich Euch kennenzulernen", erwiderte ich, „Anordil hatte bisher nicht erwähnt, dass er eine Ziehtochter hat. Daher bin ich etwas überrascht."
Ihre Augen musterten mich voller Neugier. „Ich bin viel auf Reisen in meiner Funktion als Botschafterin Cilliens", sagte sie jedoch eher kühl, „daher wird er es wohl vergessen haben. – Entschuldigt mich bitte, ich habe noch viel zu tun, bevor meine Reise beginnt."
Sie verneigte sich knapp. Dann verließ sie würdevoll den Raum. Thinroval sah ihr entgeistert hinterher. Auch den anderen war die Unhöflichkeit der Elbin nicht entgangen. Ich bemühte mich mir meine Kränkung nicht ansehen zu lassen. Auch Anordil blickte ihr hinterher. Verletzter Stolz war in seinem Blick. „Thin, sorge dafür, dass Calas Eskorte rechtzeitig bereitsteht", sagte er beherrscht zu Thinroval, der aufsprang und hinaus eilte.
„Ich danke Euch, dass Ihr an der Beratung teilgenommen habt", wandte Anordil sich an Baragond und Nelliel, „wir werden unser Gespräch morgen fortsetzen." Höflich verneigten sich die beiden vor mir, Anordil und Luvalaes, bevor sie den Raum verließen.
„Was ist in Cala gefahren?", stieß Luvalaes aus, als wir alleine waren, „so unhöflich habe ich sie seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen." Anordil blickte Caladúneth nachdenklich hinterher. „Vielleicht bin ich Schuld", sagte er leise, „sie war in den letzten Jahrhunderten so selten in Cillien, dass ich vergaß sie Arwen gegenüber zu erwähnen." „Oh", mit gespieltem Erstaunen zog Luvalaes eine Augenbraue in die Höhe, „der große Anordil hat seine Ziehtochter vergessen? – Es geschehen noch Zeichen und Wunder!" Ein spöttisches Lachen begleitete seine Worte.
„Du darfst dich glücklich schätzen, Arwen", sagte er zu mir, „du hast es geschafft, dem armen alten Anordil dermaßen den Kopf zu verdrehen, dass er sogar sein Mündel vergisst, welches er bereits seit über zweitausendvierhundert Sonnenläufen hütet. – Kompliment." Galant verbeugte er sich vor mir.
Anordil verfolgte Luvalaes Gebaren mit gekränktem Blick. Offenbar hatte Luvalaes den Nerv getroffen. Also sollte die Kränkung nicht mich treffen. Strafend sah ich Anordil an. „Eine Frau stößt man nicht so einfach vor den Kopf", tadelt ich ihn, „auch eine Elbin nicht. Im Gegensatz zu menschlichen Frauen besitzen diese ein längeres Leben um den Übeltäter zu strafen." Zerknirscht blickte Anordil zu mir zurück.
„Und ich dachte, Elbenfrauen sind weniger nachtragend, weil sie weiser sind", gestand er. „Weiser mögen sie wohl sein", kommentierte Luvalaes lachend, „aber es bleiben nun mal Frauen. – Du hättest dich öfter auf ein Abenteuer einlassen sollen, mein lieber Bruder. Dann würdest du die holde Weiblichkeit besser verstehen."
„Ich mag zwar nicht ganz so viele Abenteuer hinter mir zu haben, wie du, kleiner Bruder", konterte er bissig, „aber dafür waren und sind meine Liebschaften durchaus von Dauer. – Wann führst du eine Braut heim, oder soll unser Vater dir eine erwählen beim nächsten Frühlingsfest?"
Luvalaes Gesichtszüge entgleisten sichtlich. Es war zwar durchaus üblich, dass in den Elbenhäusern politische Bündnisse geschlossen wurden, aber es schien nicht in seinem Interesse zu liegen. „Gemach, Bruder", hob er beschwichtigend die Hände, „ich bleibe lieber bei meinen kleinen Affären, bis sich mein Herz entschieden hat oder ich in Mandos Hallen gerufen werde. – Bitte verschone mich mit Vaters Brautsuche!"
„Warum?", warf ich fragend ein, „gefallen dir die Bräute nicht?" Luvalaes hob erneut eine Augenbraue. Dieses Mal auf die eher genervte Art. „Du glaubst gar nicht, wie viele passende Elbenmaiden mir unser Vater bereits präsentiert hat in meinem bisherigen Leben", stöhnte er, „sie sind zwar alle nett, lieblich, wohlerzogen und aus gutem Hause, aber ..." Verzweifelt blickte er sich um.
„Aber?", bohrte ich weiter. Verlegen streifte mich sein Blick. „Aber, - wie soll ich es sagen", wand er sich weiter, „die einzige Braut, die mir gefallen hätte, nahm mein Bruder mir vor der Nase weg." Ich sah Anordil an. „Míriel?", fragte ich neugierig.
Beklemmendes Schweigen hing in der Luft. Sekunden verrannen. Auffordernd blickte ich Luvalaes an. Dieser sah zuerst zu Anordil, dann zu mir. „Nein!", stieß er hervor, „ich bleibe lieber bei meinen Affären!" Abrupt drehte er sich um und verließ fluchtartig den Raum.
Überrascht sah ich ihm hinterher. Seit wann floh Luvalaes vor mir? Die Erkenntnis traf mich wie ein Hammerschlag. Heftig sog ich den Atem ein. Als ich mich zu Anordil umdrehte, um ihn um eine Antwort zu bitten, stellte ich fest, dass er ebenfalls verschwunden war. Allein mit mir und meinen Gedanken stand ich nun in Glordorons Beratungsraum.
Ich setzte mich auf einen der Stühle. Das Luvalaes Gefühle für mich zeigte, war mir nicht gänzlich neu. Das sie doch tiefer gingen, als ich bisher angenommen hatte, dagegen schon. Mit dieser Erkenntnis musste ich nun fertig werden. Wie sollte ich Luvalaes das nächste Mal begegnen? Neutral? Oder eher kühl? Freundschaftlich, wie immer? Ich seufzte verzweifelt. Er hatte es mir nicht einfacher gemacht. Aber darüber konnte ich später immer noch grübeln. Entschlossen stand ich auf. Nun galt es ein paar Scherben zusammen zu kehren. Vielleicht gelang es mir, Caladúneth mit ihrem Ziehvater auszusöhnen.
Draußen auf dem Gang traf ich Anigel, die einen Krug mit Wasser trug. „Anigel, auf ein Wort bitte", sprach ich sie an. Sie verneigte sich höflich. „Ja, Herrin", sagte sie und stellte den Krug beiseite. „Du sollst mich doch nicht so nennen", tadelte ich sie sanft, schließlich war sie seit meiner ersten Ankunft in Cillien mit mir vertraut. Ich schätzte sie sehr und das mehr als Freundin, denn als Untergebene. „Kannst du mir sagen, wo sich die Gemächer von Caladúneth befinden?", fragte ich sie. Anigels Augen glitzerten vergnügt.
„Herrin Cala?", sagte sie fragend. Ich nickte. „Herrin Cala ist nicht in ihren Gemächern", erwiderte sie, „ich sah sie, wie sie den Weg zum Übungsraum einschlug." „Danke, Anigel", sagte ich, „dann werde ich dort suchen." Anigel verneigte sich höflich und ging mit ihrem Krug weiter. Ich wandte mich zum Übungsraum hin. Viele Stunden hatte ich selber dort verbracht. Meist hatte Luvalaes oder Thinroval mich mit endlosen Übungen und Kämpfen gequält.
Als ich den Raum betrat, erwartete ich eigentlich eine hochkonzentrierte Elbin vorzufinden, die sich in der Kunst des Schwertes oder einer anderen Waffe übte. Doch nichts dergleichen fand ich vor. Der Raum war statt dessen gähnend leer. Die verschiedenen Waffen standen, lagen oder hingen an ihren Plätzen. Unschlüssig blieb ich stehen. Sollte ich doch ihre Gemächer aufsuchen? Oder war sie bereits im Küchengewölbe Proviant ordern? Oder in der Rüstkammer? Oder beim Schmied? Caladúneth konnte an jedem dieser Orte und noch an etlichen anderen mehr sein. Ich würde sie nicht finden, wenn sie es nicht wollte.
Also entschloss ich mich dazu in die Bibliothek zu gehen. Dort hatte ich eine kleine, recht versteckt liegende Ecke, wo ich meine Arbeiten erledigte, die ich als Gemahlin Anordils erfüllen musste. Wahrscheinlich lagen bereits neue Pergamente auf meinem Schreibtisch, die unbedingt noch abgearbeitet werden sollten. Meist tat ich dies vor dem Mittagsmahl, so dass ich am Nachmittag den Kopf frei hatte für andere Dinge. Vor mir hatte Mallenloth sich um die Führung des Haushaltes gekümmert. Dadurch dass ich jetzt viele ihrer Aufgaben übernahm, konnte sie sich mehr auf ihre Tätigkeit als Heilerin konzentrieren. Was ihr nur Recht war.
Die Bibliothek war angenehm ruhig. Trotzdem die Sonne schon hoch am Himmel stand, lag sie im dämmerigen Licht. Von den vielen Folianten und Pergamenten ging eine beruhigende Wirkung aus. Ich konnte nicht umhin mit einer Hand sanft über die größtenteils in Leder gebundenen Bände zu streichen.
Als ich jedoch um die letzte Regalecke bog, blieb ich überrascht stehen. Mein kleiner Schreibtisch war wie erwartet mit Pergamenten bedeckt. Auf ihnen tanzten die Strahlen der Herbstsonne, die durch die glaslosen Fenster fielen. Von dem Rosenbusch, der durch diese Öffnung herein rankte, ging ein betörender Duft aus. Doch dies war es nicht, was mich innehalten ließ, sondern die Gestalt, welche auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch Platz genommen hatte.
„Herrin Caladúneth", sagte ich höflich, „was führt Euch her?" Sie erhob sich in einer fließenden Bewegung. „Verzeiht mir, wenn ich Euch hier störe", erwiderte sie höflich mit ihrer ruhigen, sanften Stimme, „aber ich hatte bemerkt, dass Euch meine Kühle vorhin nicht behagt hat. Daher bitte ich Euch um Vergebung. – Es war nicht meine Absicht Euch zu kränken."
Mit einer Hand gebot ich ihr Platz zu nehmen. „Ich habe bereits mitbekommen, dass eine gewisse Spannung zwischen Euch und Eurem Ziehvater herrscht", entgegnete ich ebenso höflich, „daher verzeihe ich Euer Verhalten gerne." Caladúneth hatte sich wieder gesetzt. Aufmerksam blickte sie mich an. „Missverständnisse kommen vor", fuhr ich fort, „daher bitte ich Euch, redet mit Anordil! Er hat es bestimmt nicht willentlich vergessen."
„Ich werde mit ihm reden, Naneth", erwiderte sie mit einem vergnügten Blitzen in den Augen, „aber vorher werde ich meinen Auftrag erfüllen." Als sie mich Naneth nannte, fuhr mir ein eisiger Stich ins Herz. Ihre Worte erinnerten mich schmerzlich daran, dass ich Anordil keine Kinder schenken konnte. Meine Züge erstarrten. Caladúneth musterte mich mit leicht schief gelegtem Kopf. „Bitte nennt mich nicht Naneth", bat ich sie in einem möglichst neutralen Tonfall, „auch Mallenloth tut es nicht. Es ehrt mich zwar, doch ihr beide seit weit älter als ich. Wenn es dir gefällt, so nenne mich Arwen und deine Freundin. Denn mehr kann ich dir nicht sein in meiner kurzen Lebensspanne."
Caladúneth nickte verhalten. Ihre Augen musterten mich weiterhin. Mit keiner Mine zeigte sie, ob es ihr aufgefallen war, dass sie mich erneut ohne es zu wollen verletzt hatte. Auch mein Wechsel vom förmlichen ‚Euch' in das vertrautere ‚Du' schien sie nicht bemerkt zu haben. Augenscheinlich zumindest. „Diese Anrede steht dir zwar zu", sagte sie schließlich, während sie ebenfalls in das ‚Du' fiel, „doch ich kann durchaus nachvollziehen, warum du sie ablehnst. Also werde ich dich Arwen nennen."
Natürlich, dachte ich, meine Kinderlosigkeit muss ein Gespräch zwischen Mallenloth und ihr gewesen sein. Schließlich waren sie wie Geschwister. Und es musste der Heilerin Mallenloth arg an die Ehre gehen, dass sie mir bei diesem Problem nicht helfen konnte. Selbst mit ihren herausragenden Fähigkeiten nicht. Sogar Elrond, der beste Heiler der Elben, stand ratlos vor diesem Problem. Ich holte tief Luft. „Ich würde dies begrüßen", erwiderte ich ruhig, „dann werde ich dich Cala nennen."
Caladúneth nickte mir zustimmend zu. Dann erhob sie sich und strich ihr Gewand glatt. „Ich muss nun gehen, Arwen", erklärte sie, „morgen früh reise ich ab. Bis dahin wird noch viel zu erledigen sein." Auch ich stand auf. „Ich werde der Küche anweisen, dir ausreichend Verpflegung mit auf den Weg zu geben, so dass du und die Eskorte baldmöglichst in die Heimat zurück kehren könnt", sagte ich.
„Ich danke dir", erwiderte sie, „wir werden uns dann zum Frühlingsfest in Lórien sehen. Von Dol Amroth aus werde ich direkt dorthin reisen." „So wird Anordil einige Zeit auf die Aussprache mit dir warten müssen", sagte ich lächelnd, „doch das geschieht ihm Recht. Soll er ruhig ein paar Monate warten. – Ich wünsche dir eine gute Reise, Cala."
„Danke, Arwen", entgegnete sie. Dann neigte sie grüßend ihr Haupt, bevor sie hinter den Regalen verschwand. Aufseufzend wandte ich mich meinen Pergamenten zu. Schließlich wollte die Arbeit getan werden. Sie liegenzulassen brachte nichts. Spätestens wenn die Glocke zum Mittagsmahl rief, würde die resolute Köchin des Hauses Glordoron hier vor meinem Tisch stehen und mir die Leviten lesen.
Eigentlich mochte ich Nibenchugu sehr, bis auf die Tatsache, dass der elbische Name „Kleine Taube" nun wirklich nicht zu ihr passte. Zum einen, weil sie ein Mensch war, zum anderen, weil sie wirklich nichts mit einer kleinen Taube gemein hatte. „Kleines Nilpferd" wäre wohl treffender gewesen. Doch trotz ihrer Körpermasse, durch die sie unter den Elben auffiel, wie das berühmte schwarze Schaf, war sie herzlich und liebenswert. Schon oft hatte ich bei ihr im Küchengewölbe gehockt und ihren Erzählungen gelauscht.
Ihre Eltern waren in elbische Dienste getreten, bevor sie geboren wurde. Cillien war ihre Heimat und sie wollte auch nirgendwo anders leben als hier. Was ich durchaus verstehen und nachvollziehen konnte. Defacto war ich zwar ihre Herrin, aber nichtsdestotrotz konnte sie mir die Hammelbeine langziehen, was sie wohl auch genüßlich tun würde, sollte ich nicht fertig werden. Also beeilte ich mich ihre Listen abzuarbeiten. Erst zum Mittagsmahl würde ich von der Schreibtischarbeit erlöst sein.
Der nächste Tag brachte nicht viel Neues, außer der Abreise von Caladúneth. Anordil blickte ihr von der Balustrade aus hinterher, als sie die Enklave zu Pferd verließ. Sie hatte ihn nicht eines Blickes gewürdigt. Ihr wallendes Gewand vom Vortag hatte sie gegen eine zweckmäßige Kombination von Hose und Tunika in unauffälligen Grautönen getauscht. Der ebenfalls graue Umhang verdeckte die lederne Rüstung beinahe vollständig. Den Bogen hatte sie über den Rücken geschlungen. Ein einfacher grauer Köcher mit etlichen Pfeilen daneben. An der linken Seite des Sattels ragte der Griff eines elbischen Schwertes hervor. Drei Elbenkrieger in ledernen Rüstungen folgten ihr mit stoischem Gesichtsausdruck.
„Warum ist sie denn noch immer beleidigt?", murmelte er vor sich hin. Ich rollte die Augen. Männer, seien es Elben oder Menschen, hatten kein Feingefühl, was die weibliche Psyche betraf. Da waren sie doch alle gleich. Selbst die weitaus größere Lebensspanne der Elben machte darin keinen sonderlichen Unterschied.
„Denke darüber nach", warf ich scharf ein, „bis zum Frühlingsfest solltest du dir darüber im Klaren sein. Und du solltest dir überlegen, wie du sie besänftigen kannst." Anordil setzte einen beleidigten Blick auf. „Ihr Frauen müsst auch immer zusammenhalten", konterte er, „denkt ihr mal an uns arme Männer?" Ich musste schmunzeln. „Arm seid ihr Männer bei weitem nicht", gab ich zurück, „ihr solltet nur darüber nachdenken, wie ihr euren Reichtum in Ehren haltet, der nicht aus Gold und Edelsteinen besteht."
„Touché", antwortete er, „wir sollten das Thema beiseite schieben. Bis zum Frühlingsfest habe ich Zeit genug, um über eine Lösung zu grübeln." Wieder einmal musste ich seine Fähigkeit eine Sprache zu lernen bewundern. Wir waren damals nur wenige Tage in Frankreich gewesen, doch es hatte für ihn ausgereicht sich einen Grundwortschatz und einige geläufige Redewendungen anzueignen. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte ich selber ein knappes Jahr gebraucht, um auf diesen Stand zu kommen. Da konnte man wirklich neidisch werden.
Er wandte sich dem übervollen Schreibtisch zu und blätterte in ein paar Pergamenten. „Wir sollten Ost-in-Edhil einen kleinen Besuch abstatten", sagte er. „Warum?", fragte ich und setzte mich auf einen der Stühle.
Anordil strich sein burgunderfarbenes Gewand glatt und setzte sich ebenfalls. „Es wurde berichtet, dass es Schwierigkeiten mit einigen Händlern aus dem Süden geben würde", erklärte er, „da wir aus Südgondor und noch weiter einiges an Ware beziehen, möchte ich mich selber darum kümmern." Ich nickte verstehend. „Wann?", fragte ich wiederum. „Morgen", entgegnete er, „wir benötigen keine Verpflegung. Es wird nur eine kurze Reise und wir werden die Pferde nehmen." Wiederum nickte ich zustimmend, bevor ich mich erhob. Bevor ich den Raum verließ ordnete ich die Falten meines senfgelben Gewandes. Ich mochte die elbischen Gewänder, doch manchmal sehnte ich mich schon nach einer einfachen Jeans mit Shirt und Turnschuhen. Daher war es schon ein Vergnügen die Gewänder gegen die elbische Reisekleidung zu tauschen.
In unserem Schlafgemach packte ich jedoch auch ein frisches Gewand ein, man konnte nie wissen, wozu man es gebrauchen konnte. Dann legte ich alles für den nächsten Morgen bereit. Sorgfältig prüfte ich meine Waffen. Mir fiel auf, dass ich ein paar neue Pfeile in meinem Köcher benötigen würde. Auch mein Dolch zeigte Gebrauchsspuren. Der Gang zur Rüstkammer und zum Schmied wurde damit unvermeidlich. Als ich zu unseren Gemächern zurück eilte, wo ich mit Anordil das Mittagsmahl einzunehmen pflegte, sah ich Luvalaes aus Glordorons Beratungsraum kommen. Er sah nachdenklich aus. Als er mich erblickte, begrüßte er mich erfreut. Mit keiner Mine ließ er erkennen, dass er sich offenbart hatte. Er war einfach nur Luvalaes, mein guter Freund.
„Gen suilon, Luvalaes", grüßte ich ihn, „isst du heute nicht mit uns?" „Nein, Arwen", erwiderte er mit einem leichten Lächeln, „ich muss nach Bruchtal mit einer Nachricht für Elrond." „Schade", sagte ich, „sei vorsichtig und grüße meine Namensschwester von mir." „Natürlich mache ich das", entgegnete er, „und ich werde ihr auch die neuesten Klatschgeschichten über dich erzählen." Seine Augen blitzten. „Wage es nicht", lachte ich und gab ihm spielerisch einen Klaps. Geschickt wich er aus.
„Ich werde versuchen mich zu benehmen, werte Schwägerin", sagte er amüsiert, „vielleicht sind auch die Zwillinge da, dann kann ich mich wieder im Würfelspiel versuchen." „Du denkst auch nur an das Spielen", schnaubte ich, „denk lieber daran, deinen Kopf auf den Schultern zu behalten." Elegant verbeugte er sich. „Ich denke immer daran. Ansonsten säße er schon lange nicht mehr dort, wo sein angestammter Platz ist", konterte er spitzzüngig. Dann gab er mir demonstrativ einen Handkuss und verschwand um die nächste Ecke, bevor ich noch reagieren konnte.
Als wir uns am nächsten Morgen zum Stallmeister begaben, war Luvalaes schon längst unterwegs. Ost-in-Edhil lag nur eine Tagesreise entfernt. Trotzdem bestand Anordil dieses Mal darauf, dass wir zu Pferd reisten. Cillien verfügte über ein paar Dutzend Pferde, die allerdings überwiegend nur von den Boten genutzt wurden. Meist reisten die hiesigen Elben zu Fuß. Das ging zwar langsamer, aber sie konnten sich bewegen, ohne gesehen zu werden. Ein großer Vorteil in unruhigen Zeiten.
Lintaras brachte uns die Pferde. Sie folgten ihm, ohne das er sie am Zügel fassen musste. Lintaras war ein ruhiger Elb. Eher unauffällig und nicht so groß, wie die meisten anderen Elben. Er sah mehr wie ein Mensch aus. Gut gebaut, doch nicht massig. Er wartete, bis wir heraus kamen. Leicht hatte er seinen Kopf an den Hals des Rappen gelehnt. Sein langes braunes Haar vermischte sich mit der schwarzen Mähne des Tieres. Das andere Pferd hatte seine Nüstern in Lintaras' Hand gelegt und schnaubte leise.
„Sie freuen sich auf die Reise, hîr Anordil", sagte er sanft, „ich habe Niphredil für die Herrin ausgewählt und Fuindae für Euch." Er übergab uns die Zügel und strich noch einmal sanft über das Fell der Tiere. Ich nahm den Zügel entgegen, während ich zu der wintergrauen Stute trat, die den Hals neugierig streckte. Ihre Nüstern blähten sich, als sie meinen Geruch aufnahm.
„Vielen Dank, Lintaras", antwortete ich, während ich der Stute über die weiche Nase streichelte. Sie blies mir warmen Atem in die Hand. Geschickt schwang ich mich in den Sattel. Anordil saß auch auf den Rücken des nachtschwarzen Hengstes auf. Dann begaben wir uns auf den Weg.
Die Reise nach Ost-in-Edhil verlief ruhig. Wir kamen nur an unseren Grenzposten vorbei, die keine Vorkommnisse zu melden hatten. An einer kleinen Furt, etwa auf halbem Wege zur Stadt, setzten wir über. Das Wasser stand momentan recht niedrig, so dass wir trockenen Fußes den Fluss überquerten. Nur die Pferde freuten sich über das kühle Fußbad.
Langsam ritten wir auf die Stadt zu. Ost-in-Edhil war eine größere Ansiedelung, die von einer hölzernen Palisade umgeben war. Um die Stadt herum waren weite Felder angelegt. Goldene Ähren wiegten sich in der Sonne. Auf einem der entfernteren Felder konnte ich einige Menschen arbeiten sehen. Offensichtlich wurde die Ernte eingebracht. Ohne uns aufzuhalten, ließ die Stadtwache uns passieren.
Innerhalb der Stadt herrschte reges Treiben. Menschen unterschiedlichen Standes eilten hin und her. Bauern zogen schwerbeladene Wagen. Mägde trippelten rasch mit züchtig verdecktem Haar über das unregelmäßige Pflaster. Kostbar gekleidete Frauen flanierten träge mit weiß gepudertem Gesicht. Ein Musikant lüftete seinen speckigen Lederhut und grüßte höflich, als wir vorüber ritten. Zwischendrin schritten kleine Grüppchen Elben gemessenen Schrittes daher. Sie grüßten zurückhalten, wenn wir an ihnen vorbeikamen.
Als ich in eine Seitengasse blickte, sah ich Kinder spielen. Das laute zornige Gemeckere eines Esels lenkte die Aufmerksamkeit in eine andere Gasse. Dort versuchten drei Männer das störrische Tier zum Weitergehen zu bewegen. Vor vielen Türen hingen hölzerne Schilder, auf denen man sehen konnte, welcher Handwerker dort wohnte. Einige hatten die Türen und Fenster weit geöffnet, so dass man ihnen bei der Arbeit zuschauen konnte. Aus einer Gasse wehte der Duft von frisch gebackenem Brot und Kuchen. Um den Marktplatz, den wir überquerten, hatten zahlreiche Händler aus allen Teilen Mittelerdes ihren Platz gefunden. Ich sah den in vielen Rottönen gekleideten haradhischen Händler genauso, wie den auenländischen Hobbit, der mit reichem Wortschatz den würzigen Schinken aus Hobbingen anpries. Zielsicher fand Anordil den Weg durch die verwinkelten Straßen, Gassen und Gässchen, bis wir vor einem hölzernen Tor anhielten.
„Hier wohnt unser Botschafter in Ost-in-Edhil", erklärte mir Anordil. Das Tor schwang auf, ohne das er angeklopft hatte. „Willkommen, Herr. Willkommen, Herrin", tönte es uns entgegen. Aus der Düsternis des Torbogens trat ein Jüngling hervor. Ein Mensch, soviel ich erkennen konnte. Er trug einfache Gewänder, die aber sehr sauber waren. Seine Augen musterten uns flink, während wir in den Hof ritten. Rasch ergriff er die Zügel der Pferde, als wir abstiegen.
„Der Herr Meneglas ist nicht hier", sagte er höflich, „er weilt im Kontor des Herrn Andanmar." „Danke", erwiderte Anordil, „wir werden auf ihn warten." Der Junge verbeugte sich erneut höflich und verschwand mit unseren Pferden. Wir gingen auf das flache Gebäude zu, welches dem Torbogen gegenüber lag.
„Da Meneglas nicht da ist, werden wir auf seine Wiederkehr warten müssen", seufzte Anordil, „das macht es nicht leichter." „Vielleicht sollten wir ebenfalls dieses Kontor aufsuchen?", schlug ich vor. Anordil schüttelte hingegen den Kopf. „Nein", sagte er entschieden, „das würde keinen guten Eindruck machen. Ich vertraue Meneglas. Wenn er sich entschlossen hat, nicht auf unsere Ankunft zu warten, so muss ich es akzeptieren. Wir warten." Damit war es entschieden.
In der Zwischenzeit hatten wir das Gebäude betreten. Es war ein eher zweckmäßiger Bau. Hinter dem Eingang lag ein recht großer Raum von dem mehrere Türen in verschiedene Richtungen abgingen. Der Raum war so hoch, wie das gesamte Gebäude. Auf der oberen Ebene führte eine Balustrade ringsherum. Von dieser gingen ebenfalls Türen ab. Ein kreisförmiger Leuchter hing von der Decke und erhellte den eher düsteren Raum.
Anordil ging nach rechts durch eine der Türen durch. Dahinter lag ein schmaler Gang. Diesem folgten wir. Dann traten wir durch eine weitere Türe in einen kleineren Raum, der vollgestopft war mit Büchern und Pergamenten. Ein einsamer, aber überladener Schreibtisch stand in der Mitte. Licht fiel durch große Fenster.
Mit einer geschmeidigen Bewegung beförderte Anordil seinen Umhang auf einen der Stühle. Ich legte meinen weniger elegant dazu. Dann trat er an den Schreibtisch und blätterte in den Pergamenten. Er seufzte verhalten. „Ich werde auf Meneglas warten müssen", stieß er hervor, „es nützt nichts, wenn ich mich hier durchwühle." „Was tun wir dann?", fragte ich.
Er nahm seinen Umhang wieder auf. „Ich werde Carathand aufsuchen", erwiderte er, „er wird sich freuen, mich zu sehen." „Wer ist Carathand?", fragte ich weiter. Anordil lächelte. „Ein alter Krieger, Diplomat und Freund", erklärte er, „ich diente unter ihm, als wir Elrond nach Süden begleiteten. Nun ist er hier in Ost-in-Edhil seßhaft geworden. Ihm obliegt die Aufsicht über den Handel. Bei ihm werden Verträge geschlossen, er schlichtet Streitigkeiten und ist für den reibungslosen Ablauf zuständig."
Das hörte sich nicht sehr spannend an. „Ich bleibe lieber hier", sagte ich, „vielleicht sehe ich mir die Stadt an." Anordil nickte verstehend. „Wir sehen uns nachher", mit diesen Worten verließ er die Bibliothek.
Etwas langsamer begab ich mich auch auf den Weg nach draußen. Ziellos streifte ich durch die Gassen. An allen Ecken und Enden wurde gehandelt. Fast überall konnte man Handwerkern bei ihrer Arbeit zuschauen. So verging die Zeit sehr schnell. Frohgelaunt ging ich zu unserer Unterkunft zurück. Dort angelangt machte ich mich auf die Suche nach unserem Zimmer, wobei eine durch die Gänge eilende Magd sehr hilfreich war. Da bereits der Abend dämmerte, kleidete ich mich in das mitgebrachte Gewand und beschloss meiner Nase zu folgen, denn so allmählich breitete sich doch ein gewisses Hungergefühl in mir aus.
Meine Nase betrog mich auch nicht. Nach einigen Minuten hatte ich zumindest das Küchengewölbe gefunden. Der Anblick, der sich mir bot, war durchaus vertraut. Emsig wurde gewerkelt. Eine unerwartet schlanke Köchin in bemehlter brauner Schürze und einfachem braunem Gewand scheuchte eine Handvoll Mägde durch die Gegend. Eine Magd war damit beschäftigt einen Braten über dem Feuer zu drehen, während eine andere einen Haufen Gemüse putzte. Wieder eine andere knetete aus Teig kleine runde Fladen, die dann in einem heißen Steinofen verschwanden, um als duftende goldbraune Brotfladen wieder zu erscheinen.
Als man mich bemerkte, hielt jeder inne. Die darauf einsetzende Ruhe wurde beinahe greifbar. Offensichtlich war ich ein Störfaktor in dem wohlgeordneten Chaos der Küche. „Kann ich Euch dienlich sein, Herrin?", fragte die Köchin leise, während sie ihre mehligen Hände an der Schürze abwischte.
„Ich suche etwas zu Essen", antwortete ich, „mein Gemahl ist noch nicht wieder eingetroffen und Herr Meneglas scheint auch noch abwesend zu sein." „Oh, Herr Meneglas ist vor kurzem zurückgekehrt", sagte die Köchin freundlich, „und Euer Gemahl, sofern es sich um den heute eingetroffenen Gesandten aus Cillien handelt, war in seiner Begleitung. Die Herren erwarten das Mahl. – Marnia wird Euch in das Speisezimmer bringen."
Eine der Mägde löste sich aus ihrer Starre, als sie ihren Namen hörte. Mit einem ungeschickten Knicks forderte sie mich auf, ihr zu folgen. Nach dem ich mich umgedreht hatte, kam wieder Leben in das Küchengewölbe. Mit scharfer Stimme blaffte die Köchin ihre Untergebenen an. Ein lautes Klatschen sagte mir, dass sie auch Ohrfeigen verteilen konnte.
Erleichtert über die Tatsache, dass ich nicht unter ihr Dienst tun musste, ging ich hinter der Magd her. Sie führte mich durch einen der Gänge und öffnete dann eine Tür. Dahinter lag ein von dicken Kerzen erhellter Raum, der wohl als Speisezimmer genutzt wurde. Ein großer schwerer Tisch stand in der Mitte, umgeben von etlichen hohen Stühlen mit geschnitzter Lehne. Im Kamin brannte ein wärmendes Feuer. Anordil stand neben dem Kamin und unterhielt sich mit einem dunkelhaarigen Elben in einer düsteren dunkelkupferfarbenen Robe. Er lächelte, als er mich sah.
„Ich sehe, du hast uns gefunden, meine Sonne", begrüßte er mich und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Dann wandte er sich dem anderen Elben zu. „Dies hier ist Meneglas", stellte er ihn vor, „und dies ist Arwen, meine Gemahlin." Der Dunkelhaarige drehte sich um. Bei seinem Anblick stockte mir der Atem. Im Normalfall sind Elben schöne Wesen. Doch dieser hier trug eine Narbe im Gesicht, die ihn beinahe völlig entstellte. Ein gewaltiger Schwerthieb musste ihm vor gar nicht langer Zeit die rechte Gesichtshälfte bis auf die Knochen aufgetrennt haben. Eine dicke rote Narbe zeigte den Verlauf noch deutlich an. „Ich freue mich, Anordils Gemahlin kennenzulernen", sagte er mit einer dunklen, leicht rauchigen Stimme, „ich muss gestehen, er hat nicht übertrieben, als er Euch mir schilderte." Galant hatte er sich verbeugt.
„Ich freue mich ebenfalls Euch kennenzulernen, Meneglas", erwiderte ich höflich. „Wir sollten unser Mahl einnehmen", sagte Meneglas und deutete zum gedeckten Tisch, „sonst verärgern wir noch unsere Köchin. Ihr werdet feststellen, dass ihre Kunst durchaus mit derjenigen der Küchenmeister Cilliens mithalten kann." Nur Sekunden nach dem wir uns gesetzt hatten, öffnete sich lautlos die Tür und Diener trugen das Mahl auf. Während des Essens musste ich Meneglas Recht geben. Die Speisen waren hervorragend. Während des Mahles drehte sich die Unterhaltung vorwiegend um belanglose Dinge. Erst als der Tisch abgeräumt war und wir uns vor dem Kamin setzten, kam das Gespräch auf den Grund unseres Hierseins.
„Die Händler sind beunruhigt", sagte Meneglas ruhig, „immer wieder kommt es zu Orküberfällen. Und immer öfter trifft Handelsware nicht ein. Kein Händler kann eine Lieferung zusichern. Die Preise werden immer höher. Was Unmut zur Folge hat. Viele Waren, insbesondere aus den entfernten Südlanden, wie Mirëdor, erreichen nicht mehr die Häfen, geschweige denn die Händler weiter im Norden. Aus Haradwaith kommen kaum noch Nachrichten. Und wenn, dann nur düstere. Es wird berichtet, dass sich etliche Haradhrim-Stämme auf den Weg nach Mordor gemacht hätten." Anordil nickte nachdenklich.
„Es ist wahrlich beunruhigend", sagte er bedächtig, „doch wir sollen danach trachten, die Händler zu besänftigen, mit denen wir Handel treiben. Außerdem sollten unsere Abnahmen vergrößert werden. Besonders von seltenen südländischen Waren, wie Gewürze oder bestimmte Heilkräuter. Auf letztere lege ich bedeutenden Wert. Doch das müssen die Händler nicht unbedingt ahnen."
„Die Händler, vor allem die menschlichen, sind gierig", warf ich ein, „sie wollen Profit und diesen möglichst schnell. Mit Goldstücken könnt Ihr sie zu fast allem überreden." Anordil lächelte wissend zu Meneglas. Der Widerschein des Feuers erzeugte ein wirres Muster auf dessen Gesicht, so dass es beinahe dämonische Züge annahm, als er zurück lächelte.
„Und ich kenne ein besonders raffgieriges Exemplar", schnurrte er genießerisch, „besonders, was Goldstücke anbelangt." Neugierig sah ich ihn an. „Gurbintar Andanmar", erwiderte er, „einer der zähesten Händler, die mir je begegnet sind. – Und ein Frauenhasser dazu." Ich zog eine Augenbraue hoch. „Die Weiber sind nur dazu nütze um das Feuer in Gang zu halten, was anständiges zu essen zu zubereiten und die Beine zu spreizen", zitierte Meneglas mit einem fisteligen nasalen Tonfall. „Oh, auf diese Art von Männern kann ich verzichten", sagte ich trocken und rümpfte die Nase.
Anordil und Meneglas besprachen noch eine Weile ihre Vorgehensweise. Ich hielt mich daraus zurück. Nur ab und an warf ich etwas ein. Ich war kein Stratege und würde es auch nie werden. Nicht was den Handel betraf und auch nicht für den Kampf. Solche Dinge überließ ich liebend gerne denjenigen, die etwas davon verstanden. Nach einer Weile begaben wir uns zur Ruhe.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Anordil bereits mit Meneglas unterwegs. An diesem Tag bekam ich die beiden überhaupt nicht zu sehen. Selbst die Mahlzeiten nahm ich alleine ein. Auch die beiden nächsten Tage sah ich Anordil nicht oft. Und wenn ich ihn sah, dann berichtete er mir kurz über die aufreibenden Verhandlungen mit diesem Gurbintar Andanmar.
Ich beschränkte mich darauf durch Ost-in-Edhil zu wandern und einige Dinge einzukaufen. Ich erstand ein paar wunderbare Stoffe, die ich nach Cillien schicken ließ. Außerdem noch so etwas seltenes wie ein kleines Fäßchen Salz, welches nicht mehr als ein Pfund beinhaltete, doch für mich war es das Schönste, was ich kaufen konnte. Salz war eines der Dinge, die ich doch vermisste. Als wir am Meer waren zwar weniger, doch hier im Binnenland eher. Dieses kleine Salzfäßchen würde mich über den Winter begleiten. Wenn ich Glück hatte, und sparsam damit umging, konnte es sogar noch bis zum nächsten Sommer reichen. Ich durfte eben nur an besonderen Tagen davon nehmen. Anordil schüttelte darüber den Kopf, war doch die elbische Küche an sich würzig genug, doch mir fehlte eben manchmal der salzige Geschmack, den ich aus meiner Welt gewohnt war. So ganz hatte sich meine Zunge bisher nicht an die salzarme mittelerdische Küche gewöhnen können.
Am Morgen des vierten Tages konnten wir uns endlich auf den Heimweg machen. Man war schließlich, nach zähem Ringen, zu einem zufriedenstellenden Ergebnis für beide Seiten gekommen. Etliche Goldstücke hatten dabei den Besitzer gewechselt. Im Gegenzug würde vor allem Mallenloth ihre begehrten Heilkräuter erhalten. Erleichtert kehrten wir Ost-in-Edhil den Rücken. Anordil war sichtlich froh die Stadt verlassen zu können.
Die folgenden Wochen verliefen überwiegend ereignislos. Sah man von einigen Orks mal ab. Der Mittwinter kam und brachte Schnee mit. In dicken Flocken fiel er vom Himmel und bedeckte die Landschaft mit einem zarten weißen Pelz. Mit dem Schnee kam die Kälte. Die Temperaturen fielen so stark, dass selbst die Elben es vorzogen, die Fenster zu verhüllen. Ihnen genügte allerdings ein dicker Vorhang davor. Ich jedoch fror erbärmlich. Anordil hatte die Fenster und Türen unsere Räume verschließen lassen, so dass die Wärme des Kaminfeuers nicht entweichen konnte.
Trotzdem konnte ich nicht umhin zu bibbern. Schließlich musste ich die Räumlichkeiten des öfteren verlassen. Nicht nur, um beim Gesinde nach dem Rechten zu sehen, sondern auch, um zum Kampftraining zu gelangen oder zu meinem Schreibtisch in der Bibliothek. Diesen verlagerte ich aber alsbald in unsere Räume. In der Bibliothek war es zu kalt, als das ich dort arbeiten konnte. Mir fror selbst die Tinte ein. Unter dem Gesinde wurde gemunkelt, dass der Fellwinter zurückgekehrt sei. Angst vor den Wölfen machte sich breit. Nur mit Mallenloths Hilfe konnte ich sie beruhigen. Wölfe wagten sich nicht in die Nähe einer Elbensiedlung. Genauso wenig wie Bären oder anderes Getier. Außerdem waren die Wachen auf ihrem Posten.
Allen Bemühungen zum Trotz gelang es uns nicht wirklich sie von der Sicherheit Cilliens zu überzeugen. So wurde das Mittwinterfest sehr ruhig begangen, obwohl es ein wichtiges Fest für die Elben war. Das letzte Mittwinterfest, dass ich hier verbrachte, war unter freiem Himmel gefeiert worden. Doch dieses Mal war dies nicht möglich. Es hörte nicht auf zu schneien. Es gab kaum ein Tag, der nicht mit Wolken verhangen war. Folglich wurde der große Saal geschmückt. Ein paar Unermütliche holten Immergrün aus dem Wald und einige der Blüten, die dem Schnee trotzten. Wieder andere hatten trotz des miserablen Wetters Jagdglück und brachten ihre Beute in das Küchengewölbe.
Zum Mittwinterfest steuerte jeder etwas bei. Sei es, dass er ein Gericht kochte, oder am Abend selber für die Unterhaltung sorgte. Da ich nicht kochen konnte, sang ich einige der Lieder aus meiner Heimat, welche zur Wintersonnenwende Tradition hatten. Gegen Mitternacht schlang ich mir einen warmem Umhang um die Schultern. Die Kapuze zog ich über den Kopf, als ich das Haus verließ. Meine Schritte knirschten leise im frisch gefallenen Schnee. Lautlos fielen weitere Schneeflocken vom Himmel. Sie vollführten einen geheimnisvollen Tanz in der beinahe windstillen Luft. Mein Atem gefror zu einem feinen Nebel, der träge davon schwebte.
Vom Haus hörte ich die Klänge der Feiernden. Am Rand der Siedlung hatte ich im Sommer einen jungen Baum gepflanzt. Er sollte mich an meine Familie erinnern. Dorthin lenkte ich meinen Schritte. Im nächsten Frühjahr würde er Knospen tragen und kleine grüne Blätter zeigen. Doch jetzt war er kahl und scheinbar tot. Zart reckte er seine schneebeladenen Äste in den Nachthimmel. Ich murmelte ein Gebet. Dann nahm ich die Kerze aus den Falten meines Gewandes und platzierte sie zu Füßen des Baumes. Ein rasch gemurmelter Spruch ließ das Licht aufflackern. Ruhig brannte sie, ohne sich um den fallenden Schnee zu kümmern.
„Du denkst oft an sie", hörte ich Anordils Stimme hinter mir. Es wunderte mich nicht, dass ich ihn nicht hatte kommen hören. „Ja", erwiderte ich, während ich weiterhin im Schnee kniete, „ich werde sie nie vergessen." „Es ist kalt", sagte er, „du solltest den Schutz des Hauses aufsuchen." Sanft half er mir beim Aufstehen.
„Ich habe kein gutes Gefühl, für die Zeit die kommen mag", murmelte ich. Anordil schloss mich in seine Arme. Die Wärme, die von ihm ausging, war bemerkenswert. „Du hattest schlimme Träume?", fragte er mich. Ich nickte. „Sie kommen und gehen, wie Geister im Wind", erwiderte ich, „und sie hinterlassen jedes Mal Angst in mir."
„Es ist gut Angst zu haben", entgegnete er, „Angst ist der beste Freund des Kriegers. Sie bewahrt ihn dafür überhastet zu handeln." „Doch in mir ist es eine andere Angst", versuchte ich zu erklären, „und ich kann es nicht in Worte fassen." Anordil nahm sanft mein Gesicht und verschloss meine Lippen mit einem langen Kuss. „Lass uns in unser Gemach gehen, anor nîn", sagte er, „dann versuche ich deine Ängste zu vertreiben." Wenig überzeugt sah ich ihn an. „Wenigstens für heute Nacht", schloss er seinen Satz lächelnd ab. Er legte seinen Arm um meine Schulter und gemeinsam gingen wir zum Haus zurück.
Das Gelächter und die Lieder begleiteten uns bis in unsere Gemächer. Dort verhallten die Geräusche zu einem murmelnden Bach steter Heiterkeit. Zärtlich entkleidete er mich, bevor er mich auf die weichen Decken unserer Bettstatt legte. Dann schloss er die Vorhänge des Vierpfosters. So erhielten wir eine kuschelige Insel in der Kälte der Nacht.
Ich spürte Anordils Wärme, als er sich zu mir unter die Decke legte. Seine samtweiche Haut löste Schauer in mir aus. Sanft fuhr er mit einer Hand über meinen Rücken. Tastete sich zu den Stellen vor, von denen er wusste, dass sie mich erschauern ließen. Ich quittierte sein Tun mit einem wohligen Seufzer. Gerne gab ich mich seinen Liebkosungen hin. Es dauerte auch nicht lange, bis wir von unserem Spiel gefangen waren. Alles andere verlor an Bedeutung. Selbst die Kälte, die diesen Winter beinahe unerträglich machte, wich zurück. Es gab nur uns beide. Jedenfalls für diese Nacht.
to be continued...
