Der Winter dieses Jahr war ungewöhnlich kalt und düster. Selbst den sonst gutgelaunten Elben drückte es die Stimmung. Einziger Lichtblick schenkte das Frühjahrsfest zu dem die Hohe Herrin Galadriel geladen hatte. Wir setzten uns aufgrund des Wetters drei Wochen vorher in Marsch, damit wir rechtzeitig zu Beginn des Festes ankamen. Dabei beschlossen wir den Pass oberhalb des Regenbogentales zu nehmen. Zwar war dieser Weg im Winter versperrt, weil dort unberechenbare Lawinen abgehen konnten und Eis ein Passieren unmöglich machte. Doch jetzt, am Übergang zum Frühjahr konnte man über einen schmalen, vereisten Pfad auf die andere Seite gelangen. Was diesen Weg jedoch nicht ungefährlicher machte.
Nur eine Handvoll Elben begleitete uns. Unter ihnen Nelliel und Baragond, die nicht das erste Mal nach Lórien reisten. Die übrigen fünf waren niemals zuvor im Goldenen Wald gewesen. Allerdings wollten sie diesen Ort zumindest ein einziges Mal sehen, bevor sie in den Westen segelten.
Neben Nelliel schritt die zarte, zerbrechlich wirkende Lothiel. Sie gehörte zu den Handwerksmeistern Cilliens. Keine andere konnte so wundervolle Borten weben wie sie. Vorne neben Anordil ging die dunkelhaarige Ethuil, eine erfahrene Bogenschützin aus Thinrovals Einheit. Brôghen war der Späher. Er diente unter Baragond und wusste meisterlich mit den Kampfmessern umzugehen. Allerdings war er auch mit dem Schwert ein nicht zu unterschätzender Gegner. Seine dunkle Erscheinung tat ihr übriges. Mit seinen rabenschwarzen Haaren, der hellen Haut und den schwarzen Augen ähnelte er den frühen Darstellungen Luzifers als gefallener Engel.
Die Nachhut bildete Noruiûl. Dieser gab sich eher kühl und berechnend. Doch im Kampf machte er seinem Namen, den man mit ‚Feuerglut' übersetzen konnte, alle Ehre. Obwohl er diesen wohl eher wegen seiner feuerroten Haarpracht erhalten hatte. Vor ihm ging der ständig verträumt wirkende Ithilion. Er war der schweigsamste von allen. Was wohl daran lag, dass er sich gänzlich dem Harfenspiel verschrieben hatte. Seine schlanken Finger entlockten diesem Instrument die sphärischsten Klänge, die ich je gehört hatte. Ich hatte den Eindruck, dass nur seine Musik ihn überhaupt in dieser Welt hielt. Jedenfalls konnten weder der Wind, der ihm die langen braunen Haare ins Gesicht blies, noch das trübe Wetter eine Regung entlocken. Fast immer sahen seine meergrünen Augen in die Ferne, so dass man den Eindruck gewann, er würde einer unhörbaren Melodie lauschen.
Die Elben ertrugen die Kälte sehr gelassen. Ich dagegen trug dicke Winterfelle unter dem obligatorischen graugrünen Umhang, während ich hinter ihnen her stapfte. Trotzdem sich der Winter dem Ende zuneigte, waren die Temperaturen weit unter denen der vergangenen Jahre. Ich fror erbärmlich, aber ich beklagte mich nicht. Eisern setzte ich einen Fuß vor den anderen, in der Hoffnung, dass diese mir nicht abfroren. Jeden Abend wärmte ich mich am Feuer. Zwar war es gefährlich ein Feuer zu entzünden, doch das Risiko wurde eingegangen. Wenn ich auch das Gefühl hatte, dass es nur aus Rücksicht auf mich geschah.
In der einen Nacht hätte uns diese Vorgehensweise jedoch beinahe das Leben gekostet. Wir waren tagsüber lange gewandert und die Ruhepause war wohlverdient. Sogar Nelliel setzte sich zu mir ans Feuer, um sich ein wenig zu wärmen, obwohl sie als Elbin die Kälte kaum spürte. Baragond begab sich mit Brôghen und Noruiûl auf Wache. Anordil verteilte Lembas aus dem Gepäck. Dankbar nahm ich eines davon entgegen und kauerte mich damit neben das Feuer.
Während ich langsam vom Lembas abbiss, drehte ich mich wie ein Stück Fleisch am Spieß, damit ich auch jede Seite auftaute. Aufseufzend reckte ich meine in dicke Fellstiefel gehüllte Füße den Flammen entgegen, als mich der hohle Schrei eines Hügelgrabkäuzchens in meiner Bewegung erstarren ließ. Automatisch legte ich meine Hände um die Schwertgriffe. Anordil richtete sich auf und musterte angespannt das Dunkel um uns. Ohne Hast zog er seine Schwerter. Von weiter oberhalb hörten wir ein Schneebrett abgehen. Ein kreischendes Fauchen begleitete die Lawine, die den Pass mit einem Mal hinter uns verschloss. Dieser Ton drang mir bis ins Mark, so dass sich meine Nackenhaare aufstellten.
Dann stob in einer Schneefontäne ein Wesen an uns vorbei, welches ich noch nie gesehen hatte. Recht klein, ähnlich einem Zwerg, doch nicht so gedrungen. Lange Arme, die an den Seiten baumelten und krampfhaft eine große rostige Axt festhielten. Riesige gelbe Augen musterten uns mit kalter Wut. Die bleiche, graue Haut spannte sich über den Schädelknochen. Nur wenige Haarbüschel fielen fettig und zottelig ins Gesicht. Am ehesten ähnelte dieses Geschöpf einem haarlosen Orang-Utan in dunkler, zerfledderter Lederrüstung. Ein unglaublicher Gestank ging von ihm aus. Unwillkürlich rümpfte ich die Nase.
Ihm folgten mit lautem Kreischen etwa fünfzehn andere. Von einer Sekunde zur nächsten waren wir im Kampf. Doch gegen die kampferprobten Elben kamen diese Kreaturen nicht an. Ethuil schickte Pfeil auf Pfeil in sie hinein. Nelliel und Lothiel setzten wirkungsvoll die langen schlanken Kampfmesser ein, während sie sich gegenseitig Deckung gaben. Anordil sicherte die rechte Seite. Sogar Ithilion gab für einige Momente sein verträumtes Erscheinungsbild auf und streckte drei von ihnen nieder. Ich konnte zwei Gegner außer Gefecht setzen. So schnell dieser Kampf begonnen hatte, so schnell war er auch vorüber.
Was mich verwunderte. Ich konnte mich an keinen Angriff erinnern, der derart schnell und leicht beendet wurde. Vermutlich hatten diese Kreaturen kaum Kampferfahrung. Aus der Dunkelheit der Nacht erschienen Brôghen und Noruiûl mit blank gezogenen Schwertern, von denen schwarzgrünes Blut tropfte. Wachsam blickten sie sich um. Von der anderen Seite kam Baragond. Seine Rüstung war mit dunklem Blut besudelt. Auch seine Augen suchten die Finsternis nach möglichen Gegnern ab.
„Was waren denn das für Biester?", fragte ich, während ich meine Schwerter sauber wischte, „Orks können es doch keine sein. Sie stinken zwar wie welche, aber ihre Größe spricht dagegen." Baragond stieß einen von den Leibern mit dem Fuß an. „Wargfraß", stieß er verächtlich hervor, „nicht einmal Orks geben sich mit denen ab." „Sie stammen vermutlich von Orks ab", mischte sich Nelliel ein, „in den letzten Jahrzehnten begegnet man ihnen immer häufiger hier im Nebelgebirge. Doch wo sie ihr Nest haben, ist nicht sicher." Sie strich eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr. Auf ihrer hellen Haut glitzerten schwarzgrüne Blutspritzer. „Sie wirken zwergisch, sind dabei aber auch Orks", grübelte ich, „ist es möglich, dass sie aus Moria sind?"
Anordil sah mich vielsagend an, während er sein Schwert säuberte. Doch er hüllte sich in Schweigen. „Möglich", sagte statt dessen Noruiûl, „aus Moria gibt es seit längerem keine Nachricht mehr. Seit die Zwerge die Tore verriegelten, weiß niemand, was dort vorgeht." Baragond brummte unwirsch. „Dummes Zeug", warf er ein, „selbst diese Felswühler von Zwergen dulden keine Orkbrut in ihrer Nähe." „Sofern es noch Zwerge in Moria gibt", murmelte ich düster. Anordils Blick streifte mich warnend.
„Wir sollten weiter ziehen", unterbrach Ethuil mit Nachdruck, „wir sind hier nicht sicher." Ich nickte zustimmend. Auch wenn es für mich bedeutete in stockfinsterer Nacht hinter den Elben her zu stolpern. Auf alle Fälle war das besser, als auf den nächsten Angriff zu warten. Oder gar auf die nächste Lawine. Wir konnten von Glück sagen, dass wir nicht eher den Rastplatz aufgeschlagen hatten. Die Lawine hätte uns alle mit ins Verderben gerissen. Rasch säuberten wir die Waffen. Das Orkblut wischten wir grob von unseren Gesichtern und Rüstungen. Bei der nächsten Rast konnten wir uns darum kümmern. Dann löschten wir das Feuer, bevor wir uns auf den Weg machten. Die stinkenden Kadaver ließen wir liegen. Sollten sich Warge und anderes Getier an ihnen gütlich tun.
In den nächsten Tagen waren wir besonders auf der Hut, doch wir begegneten keinen weiteren dieser seltsamen kleinen Orks. Dann endlich waren wir auf der anderen Seite des Gebirges. Der Pfad führte nun bergab. Allmählich wich der Schnee graubraunem Matsch. Am Fuß des Gebirges konnte man die Grenze zum Fangorn-Wald sehen. Düster und unheimlich breitete er sich zur Rechten hin aus.
Doch dorthin führte unser Weg nicht. Am Fuß des Nebelgebirges wanderten wir nach Norden. Nichts störte unser Fortkommen und anscheinend hatte auch das Wetter ein Einsehen. Nicht nur, dass sich die Sonne am Himmel zeigte, sogar die Temperaturen kletterten ein wenig in die Höhe. Ein Umstand, den ich erleichtert begrüßte. Vereinzelt sah man die Vorboten des Frühlings. Saftig grüne Grashalme suchten sich ihren Weg ans Licht. An manchen Stellen schimmerten rote, gelbe oder lilafarbene Blütenkelche. Zeichen dafür, dass die Natur erneut über die Kälte siegen würde. Dann endlich erreichten wir die Ausläufer des Goldenen Waldes.
„Lórien", sagte Anordil und deutete zu den grünen mit Gold gesprenkelten Erhebungen hin, die sich gegen das fahle Graubraun und schmutzige Weiß des Nebelgebirges abhoben, „die Grenzwächter müssen uns bereits gesehen haben. Ich bin gespannt, wann sie uns aufhalten."
Neugierig sah ich mich um. Selbstverständlich konnte ich nichts wahrnehmen. Nach einer kurzen Pause gingen wir weiter. Die Bäume standen immer dichter beisammen. Eng stehende Büsche und Gestrüpp säumten den schmalen, nahezu nicht zu erkennenden Pfad, dem wir folgten.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis vor uns ein Grenzwächter wie aus dem Nichts auftauchte. Seine Gewandung verschmolz sichtlich mit der Umgebung. Er trug eng anliegende Hosen aus graugrünem Leder. Ein Überwurf aus einem spinnwebfeinen graugrünen Material bedeckte seinen Oberkörper bis weit über die Hüfte. Der Elb trug einen Bogen in der Hand. Die dazugehörigen Pfeile ragten aus einem Köcher hervor, den er auf dem Rücken trug. Wenn er noch andere Waffen bei sich führte, so waren diese zumindest nicht zu sehen. Auffallend war sein wie flüssiges Silber schimmerndes Haar, welches lang über den Rücken fiel, an den Seiten jedoch streng eingeflochten war. Und wer noch nie mit Elben zutun hatte, mochte seinen Gesichtsausdruck als überheblich oder gar arrogant beschreiben.
„Daro! - Haltet ein!", gebot er uns mit befehlsgewohnter Stimme, „und sagt, wer den Boden Lóriens betreten will!" „Mae govannen, Haldir ó Lórien", antwortete Anordil lächelnd, „erkennst du alte Freunde nicht mehr?" Das Gesicht des Grenzwächters zeigte keine Regung. „Gen suilon, Anordil Glordoronion", erwiderte er tadelnd, „du weisst doch, dass es meine Pflicht ist zu fragen."
Anordil lachte hell. „Du hast dich nicht verändert, Freund Haldir", gab er zurück, „die Pflicht über alles." Er zwang sich zur Beherrschung. „Damit du deiner Pflicht gerecht wirst, hier die Antwort", sagte Anordil belustigt, „höre, Wächter von Lórien. Anordil, Sohn des Glordoron, seine Gemahlin Arwen Ceridwen und ein Kontingent Elben, unter ihnen Heerführer Baragond und die Weise Nelliel, aus der Enklave Cilliens begehren Einlass zur Stadt im Goldenen Wald."
„So sei mir gegrüßt, Anordil Glordoronion", erwiderte Haldir mit dem vagen Anflug eines Lächelns, obwohl es in seinen Augen heiter blitzte, „und sei auch willkommen, Arwen Ceridwen, Gemahlin des Anordil. Seid gegrüßt, edler Heerführer Baragond und Herrin Nelliel. Die Hohe Herrin wird erfreut sein über Euer Erscheinen. Folgt mir."
Aus den Schatten der Bäume lösten sich fünf Galadhrim. Ich hatte sie nicht bemerkt, so waren sie mit der Umgebung verschmolzen. Ein weiteres Mal bedauerte ich, nicht die scharfen Augen der Elben zu besitzen. Wir gingen hinter Haldir her.
„Ist der immer so steif?", fragte ich Anordil flüsternd. Bevor er antworten konnte, drehte Haldir sich um. Seine rechte Augenbraue war hochgezogen. Damit sah er einem gewissen Mister Spock gar nicht so unähnlich. „Steif ist wohl die unpassendste Beschreibung", kommentierte er trocken, „Treue und Pflichterfüllung sind wohl angemessener. Ich bin Wächter der Grenzen zu Lórien. Damit habe ich Verantwortung gegenüber allen Elben und Lebewesen, die sich im Goldenen Wald befinden. - In erster Linie bin ich Tirith, erst lange danach kommt Haldir." Damit wandte er sich wieder um und ging weiter.
Anordil ließ ihn einige Schritte weit vorgehen, bevor er sich zu mir drehte und kurz die Augen zwinkerte. Mit seinen Händen sprach er schnell und lautlos. Die Kriegssprache war unzulänglich, doch der Kontext war zu verstehen. So ist Haldir, teilte er mir mit, erst kommt die Pflicht, dann noch mal die Pflicht, dann kommt wieder die Pflicht und erst ganz weit dahinter kommt irgendwann Haldir, der Elb.
Also doch ein Seelenverwandter von Mister Spock? Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Allerdings gelang es einem der Galadhrim nicht so recht. Seine Mundwinkel zuckten verdächtig, während er Anordils Fingerzeichen verfolgte. Anordils Finger bewegten sich rasch. Und wenn du, mein Freund, uns bei deinem Tirith verrätst, dann bekommst du nicht nur von ihm Strafe.
Der Galadhrim wurde blass und versuchte seinem Gesicht ein unbewegliches Aussehen zu geben, was ihm nicht so recht gelang. Nach geraumer Zeit erreichten wir einen lichten Platz, wo Haldir stehen blieb. Stolz wies er nach vorne.
Von einer kleinen Anhöhe aus schauten wir auf ein Tal, in dessen Mitte sich riesige Bäume in den Himmel erhoben. Einer davon überragte alle anderen mit seiner überwältigenden Krone. Ich hielt den Atem an, während ich das Bild in mich hinein sog.
„Caras Galadhon", sagte Haldir stolz, „das Herz aller Elbenreiche diesseits von Valinor. Sitz von Galadriel, der Herrin des Lichtes und ihrem Gemahl, Lord Celeborn." Damit setzte er sich wieder in Bewegung. Während wir auf die Bäume zu gingen kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wenn ich gedacht hatte, ich würde Mittelerde kennen, so hatte ich mich getäuscht. Keine Landschaft Mittelerdes, die ich bisher gesehen hatte, glich im entferntesten Lothlórien. Riesen gleich wuchsen die gewaltigen Mellyrn in den Himmel. Das Licht der Sonne brach sich in den goldenen Blättern dieser Baumgiganten. Die grünbelaubten Bäume dazwischen wirkten eher winzig. In allen Farben des Regenbogens schimmernde Blüten bedeckten den Boden. An manchen Stellen schimmerten sie silbrigweiß. Weiches Moos bildete duftende Kissen. Die Luft war frisch und rein.
Halb verdeckt durch das goldene und grüne Laub erblickte ich die wundersamsten Baumhäuser, die ich je sah. Filigran wie die Blätter selbst, gingen sie eine perfekte Symbiose mit dem Astwerk ein, welches sie trug. Aus manchen fensterähnlichen Öffnungen drang ein schwacher weicher Lichtschein. Auch durch die Blätterkronen stahl sich ab und an ein Sonnenstrahl.
Junge Elben liefen ausgelassen durch das Dickicht. Waren sie wirklich so jung, wie sie taten? Andere wandelten gemessenen Schrittes in ein Gespräch vertieft über den Waldboden. Glockenhelles Lachen durchflutete die Luft. Gesang von einer lieblichen Stimme schwebte darüber. War ich in einem Traum?
„Bei Belenus", murmelte ich, „so etwas Schönes habe ich noch nie gesehen." Anordil lächelte weich. „Lórien nimmt jeden gefangen", flüsterte er mir zu, „auf die eine oder andere Weise. Nur Elben dürfen Caras Galadhon erblicken. Eindringlinge werden gefangengenommen. Die Herrin Galadriel entscheidet dann über ihr Schicksal." „Aber ich bin ein Mensch", warf ich ein, „bin ich nicht auch ein Eindringling?" „Du bist meine Gemahlin", mahnte mich Anordil, „für dich gelten die gleichen Privilegien wie für mich. Wo immer ich hingehe, da darfst auch du dich aufhalten."
Wir waren mittlerweile weit in die Waldstadt eingedrungen. Haldir strebte auf eine gewundene Treppe an einem der gigantischen Bäume zu. Er gab seinen Männern ein Zeichen. Daraufhin baten sie die übrigen unserer Gruppe ihnen zu anderen Bäumen zu folgen. Wir dagegen gingen weiter hinter Haldir her. Immer höher führte er uns hinauf. In der Baumkrone angekommen, deutete er mit einer Hand in die Runde. „Ich hoffe, dieser Talan ist nach deinem Geschmack, Anordil", sagte er etwas gelöster, „leider war der neben deinem Vater nicht mehr frei. Prinz Nólimon hat ihn bereits bezogen."
Anordil verbeugte sich leicht. „Dieser Talan ist mir, wie stets, angenehm", erwiderte er, „es ist mir eine Ehre neben dem Tirith zu wohnen." Haldir deutete ein Lächeln an. „Leider werde ich dir diesmal nicht Gesellschaft leisten können. Die Pflicht ruft mich", sagte er, „mein Dienst ist erst nach dem Frühjahrsfest beendet." Schweigend neigte er grüßend das Haupt, dann drehte er sich um. Ohne sich weiter um uns zu kümmern ging er die Treppe hinunter.
Ich schaute mich um. Der Boden des Talans bestand aus dicht miteinander verwobenen Ästen, wie auch die Seitenwände. Diese bildeten filigran wirkende hohe Fenster, von denen man einen atemberaubenden Blick auf Calas Galadhon hatte. Feingewebte Stoffbahnen hingen von der Decke und trennten den Talan in zwei Bereiche. Der vordere Bereich, in dem ich stand, schien der eher öffentliche Teil zu sein. Ein flacher Tisch stand in der Mitte. Dicke seidene Kissen, auf denen man wohl sitzen konnte, waren um diesen verteilt. Etliche Ranken mit exotisch anmutenden, betörend duftenden Blüten rankten zu den Fensteröffnungen herein und wanden sich an den Wänden entlang.
Anordil war bereits hinter die eine Stoffbahn getreten. Als ich ihm folgte, sah ich das dies wohl die Schlafkammer war. Eine dicke geflochtene Matratze lag an der einen Seite auf dem Boden. Eine seidig wirkende Decke war darüber gebreitet. Von der Bettstatt ging ein angenehmer Duft nach Blüten und Kräutern aus. An der gegenüberliegenden Wand stand eine geschnitzte Kommode aus feinem rötlich schimmerndem Holz, auf der eine silberne Schüssel und ein wunderschön gearbeiteter Krug Platz gefunden hatten. Daneben befand sich eine aus Weide geflochtene Truhe. Eine Feuerstelle suchte ich indes vergebens.
„Die Gästetelain sind nicht ganz so komfortabel", sagte Anordil, „dafür werden sie zu selten benutzt. Ich bin Haldir aber dankbar, dass er uns in seinem Gästetalan einquartiert hat." Ich legte mein spärliches Gepäck auf dem Boden ab. „Du kennst Haldir schon lange?", fragte ich ihn, während ich die Waffen in den vorderen Raum brachte.
Anordil lachte. „Ja,", erwiderte er, „sehr lange sogar. Wir haben manche Schlacht Seite an Seite geschlagen. Und manchen Krug Wein geleert. Du wirst ihn mögen. Auch seine Brüder Orophin und Rúmil. Sie sind allerdings weniger pflichtbewusst als ihr Bruder Haldir." Als ich wieder hinter den Vorhang trat, hatte Anordil die Truhe geöffnet und zog zwei einfache grüne Gewänder hervor.
„Haldir hat immer ein paar Gewänder für seine Gäste hier", kommentierte Anordil, „und ich könnte wetten, dass er schon ein Badebecken hat reservieren lassen." „Warum bist du dir so sicher?", fragte ich skeptisch. „Ich kenne Haldir", antwortete Anordil, „komm, lass uns das Badebecken aufsuchen. Danach können wir uns umsehen, wer bereits eingetroffen ist." „Solltest du nicht zuerst deinem Vater einen Besuch abstatten?", mahnte ich ihn vorwurfsvoll.
„Nicht, bevor ich nicht sauber bin", konterte er, „so dringende Nachrichten bringen wir nicht, als das sie nicht noch ein paar Stunden warten könnten." Von den vielen ‚nicht' wurde mir bereits ganz schwindelig. Ich konnte kaum folgen. Aber brav ging ich hinter Anordil her. Zu neugierig war ich auf den Rest der Stadt.
Überall gab es was Neues zu entdecken. Wir begegneten vielen Elben. Was mir auffiel war, dass es hier keine Menschen zu geben schien. „Hier gibt es keine menschlichen Bediensteten?", fragte ich Anordil leise. „Nein", schüttelte er den Kopf, „du wirst in ganz Lórien keinen einzigen Menschen finden. – Von dir abgesehen, natürlich. Alles wird von Elben erledigt. Selbst die niederste Tätigkeit."
Dann waren wir angekommen. Von hohen Bäumen eingerahmt lag ein Teich, der etwa hundert Fuß an seiner mächtigsten Stelle maß. An der einen Seite floss Wasser aus einem höher liegenden Fels hinein. Die Oberfläche dampfte verhalten. Offensichtlich wurde der Teich von einer unterirdischen warmen Quelle gespeist.
Neben dem Wasserlauf führte eine steinerne Treppe zu einem Durchgang im Fels. Der dahinter liegende Gang war kurz. Schon nach wenigen Schritten weitete er sich und mündete in einer Grotte, die mit Öllichtern erhellt wurde. An den Wänden wuchsen Flechten und Moose. Zahllose, betörend duftende Blüten sprossen darauf. Selbst die Decke war bewachsen. Zwischen dem dichten Flor der Pflanzen glitzerte es. Darunter mussten sich Tausende von Kristallen befinden. Auf steinernen Vorsprüngen, ebenfalls mit Kristallen durchsetzt, standen elegant geschwungene mattsilberne Seifenkrüge. Schmale Durchgänge führten weiter in den Fels hinein.
Kaum hatten wir die Grotte betreten, als eine junge Elbin aus einem der Durchgänge trat. Sie trug ein schlichtes Gewand aus fein gewebtem wasserblauem Stoff. Ihre langen hellbraunen Haare waren streng nach hinten geflochten. Nur an der Stirn ringelten sich widerspenstige kleine Löckchen. Sie verneigte sich höflich.
„Seid willkommen", begrüßte sie uns höflich, „Tirith Haldir hat Euer Kommen bereits angekündigt, hîr Anordil. Das Bad wartet bereits auf Euch." Sie wies auf den Durchgang, wo sie hergekommen war. „Habt Dank", erwiderte er mit einem leichten Neigen des Kopfes, bevor er an ihr vorbei schritt. Hinter dem Durchgang lag eine kleine Felsgrotte, in deren Mitte sich eine Vertiefung im Boden befand. Das Wasser darin dampfte. Anscheinend wurde es von der gleichen Quelle gespeist, wie der Teich draußen. Eine schmale Rinne versorgte das Becken mit frischem Wasser. Auf der anderen Seite konnte es abfließen. Davor befand sich eine flache Mulde. Daneben standen Seifenkrug, Schwamm und ein hölzerner Bottich mit Wasser.
„Falls Ihr einen Wunsch habt, so ruft nach mir", sagte die Elbin, die uns gefolgt war, „mein Name ist Eitheliel." Mit einer knappen Verbeugung zog sie sich zurück. Wir waren allein. Ich legte meine frischen Gewänder auf eine steinerne Bank an der Wand ab. Meine Hand streifte kurz das moosige Grün auf der Felswand. Es fühlte sich weich und angenehm an. Als ich mich umdrehte, hatte Anordil sich bereits seiner Gewänder entledigt. Er legte sie neben die meinen auf die Bank.
„Dieses Badehaus ist bereits sehr alt", erklärte er mir, bevor ich fragen konnte, „es ist eigentlich ein zusammenhängendes System aus verschieden großen Grotten, deren Wasserläufe von einer heißen Quelle gespeist werden. Die Badesenken selber sind von Zwergen vor langer Zeit aus dem Fels geschlagen worden. Damals, als Elben und Zwerge noch Handel miteinander trieben. Ich erinnere mich daran, dass eine Handvoll Zwerge den Ursprung der heißen Quelle tief unter dem Nebelgebirge gefunden hatten."
„So ist Lórien durch diese Verbindung angreifbar?", fragte ich. Er schüttelte den Kopf. „Nein", erwiderte er, „die Grotten selber reichen nicht tief genug in den Fels. Es gibt nur einen äußerst schmalen Pfad, direkt am Wasserlauf entlang. Dieser ist allerdings bewacht und durch einen Zauber geschützt. Niemand kann von dieser Seite aus nach Lórien eindringen." In der Zwischenzeit hatte er sich in die kleine Senke gestellt, den Schwamm ins Wasser getaucht und sich von der Seife aus dem Krug bedient. Er zog mich zu sich. Energisch fing er an meinen Körper abzuseifen. Anschließend spülte er mir den zarten Schaum von der Haut. Ich drückte die Haare aus, bevor ich sie wie ein Handtuch drehte, damit soviel Wasser wie möglich aus ihnen floß. Dann seifte ich Anordil ein und spülte auch ihm den Schaum vom Körper. Fasziniert beobachtete ich, wie das seifige Wasser über eine Rinne in den Überlauf floß, der das überschüssige Wasser aus dem Badebecken ableitete. Es verschwand in einem Durchbruch in der Felswand.
Aufseufzend ließ ich mich in das Badebecken gleiten. Es war warm, beinahe heiß. Wir blieben eine Zeitlang darin liegen und entspannten uns. „Wie wäre es mit einer kleinen Runde im Badeteich?", fragte mich Anordil. Erfreut sah ich ihn an. Nur so zum Spaß hatte ich lange nicht mehr geschwommen. „Gerne", entgegnete ich, „doch wie kommen wir in den Teich, ohne dass man uns nackt sieht?" Anordil lachte hell.
„Ich dachte, du hättest deine Hemmungen mittlerweile besiegt", amüsierte er sich, „aber wenn es dich berührt, ungewandet zu gehen, so schlinge dir eines der Tücher um den Körper." Er wies mit der Hand auf einen sauberen Stapel Leinentücher, die an der einen Seite auf einem Felsvorsprung lagen.
„Das werde ich auch tun", brummte ich beleidigt, „schließlich muss mich nicht jeder Mann – Verzeihung – jeder Elb sehen, wie die Götter mich geschaffen haben." Begleitet von Anordils Lachen stieg ich aus dem Becken und nahm eines der Tücher. Sorgfältig schlang ich es um mich. Dann ging ich nach vorne, ohne mich zu vergewissern, dass Anordil mir folgte. Neben dem Wasserfall führte eine kleine steinerne Treppe in den Teich hinein.
Ich ließ mein Tuch fallen und stieg die Stufen hinab. Das Wasser war nur geringfügig kühler, als das im Badebecken. Als ich hüfttief im Wasser war, stieß ich mich ab und schwamm in den Teich hinaus. Ein leises Plätschern verriet mir, dass Anordil mir gefolgt war. „Wer als erster am anderen Ufer ist", rief ich übermütig und beschleunigte meine Züge. Doch gegen Anordil hatte ich keine Chance. Weit vor mir erwartete er mich am Ufer. Übermütig jagten wir uns durch das Wasser. Es war schön, sich keine Sorgen um die Sicherheit machen zu müssen. Sonst musste immer einer Wache halten, wenn der andere baden wollte. Außer in Cillien, doch dort hatten wir zuletzt im Spätsommer schwimmen können. Als wir aufbrachen hatte eine dicke Eisschicht den See bedeckt. Nur um den Wasserfall herum war noch ein wenig freie Fläche gewesen.
Nach einer Weile hatten wir jedoch genug vom Wasser. Vergnügt kletterten wir hinaus und rannten zurück in die Badegrotte, wo wir uns gegenseitig trocken rubbelten, bevor wir die sauberen Gewänder überstreiften. „Lass die Gewänder hier liegen", wies Anordil mich an, als ich diese aufnehmen wollte, „Eitheliel wird sie nachher zum Waschen geben. In ein paar Tagen wird man uns die Gewänder sauber in den Talan bringen." „Was für ein Service", entfuhr es mir, „da können die besten Hotels in meiner Welt kaum mithalten." Anordil lachte vergnügt.
„Elben sind gute Gastgeber", konterte er, „außerdem mögen sie keinen Schmutz." Was ich bestätigen konnte. Elbische Siedlungen waren stets sehr sauber. Auch die Elben selber achteten peinlich auf Reinlichkeit, sofern es möglich war. Nachdem wir also gesäubert waren, begaben wir uns zu Glordorons Talan. Dieser befand sich unweit des Mallorn, den Galadriel und ihr Gemahl bewohnten. Ohne große Eile folgten wir der um den Baum gewundenen Treppe.
Auf dem Weg nach oben begegneten wir Nólimon, dem Prinzen vom Düsterwald und Legolas' Bruder. Freundschaftlich begrüßte er uns. „Es ist eine Freude, dich wiederzusehen, Anordil und dich ebenso, Arwen", sagte er, „ihr verleiht dem Fest noch mehr Glanz." „Zuviel der Ehre, Prinz Nólimon", erwiderte ich, „Ihr seid alleine? Ist Legolas nicht mit Euch gereist?" Nólimon seufzte. Seine sturmblauen Augen verdüsterten sich. „Legolas treibt sich irgendwo herum und sucht Abenteuer. Sollte er mal wieder den Düsterwald betreten, wird unser Vater sich wohl eine kleine Strafe für ihn einfallen lassen. – Na ja, und ich bin mit meiner Mutter, meiner Schwester Colmeril und meiner Gemahlin Minuiell hier. Nach dem Fest werde ich sie nach Mithlond begleiten. Sie werden Mittelerde verlassen."
„Und du?", fragte Anordil, „wirst du mitgehen nach Valinor?" Nólimon zuckte mit den Achseln. Er strich sich mit einer Hand durch das silberblonde Haar. Wo hatte ich das schon einmal gesehen? „Ich bin mir nicht sicher", gestand er, „vielleicht überlege ich es mir, wenn ich das Schiff sehe. – Eigentlich bin ich noch nicht dazu bereit, aber ..." Er machte eine vage Geste mit der Hand. „Ich will euch nicht länger aufhalten", sagte er mit einem Lächeln, „der edle Glordoron wird euch beide schon begierig erwarten." „Wir sehen uns auf dem Fest, edler Nólimon", erwiderte Anordil und ging weiter. Ich grüßte den Prinzen höflich und folgte ihm.
Immer höher führte der Weg. Dann hatten wir den Talan Glordorons erreicht. Doch es war niemand da. „Der edle Glordoron ist bei der Hohen Herrin", sagte eine weiche Stimme hinter uns, „er wird vor dem Nachtmahl nicht zurückkehren." Als wir uns umdrehten, erblickten wir eine Elbin in einem einfachen sandfarbenen Gewand. Kein Zierat schmückte es. Ihre blonden Haare trug sie streng nach hinten geflochten, wo es in einem dicken Zopf bis zur Hüfte fiel.
„Sei mir gegrüßt, Tuiliniel", sagte Anordil zu ihr, „du bist noch nicht nach Valinor aufgebrochen?" Sie schüttelte leicht den Kopf. „Seid mir gegrüßt, hîr Anordil", erwiderte sie höflich, „meine Herrin Galadriel benötigt weiterhin meine Dienste. Meine Reise in die Unsterblichen Lande kann warten." „War nicht dein Gemahl vor geraumer Zeit aufgebrochen?", fragte Anordil sie.
„Ja, Herr", antwortete sie, „doch er kam nur bis Mithlond, dann kehrte er um. Er mochte nicht ohne mich über das Meer fahren. So verrichtet er die Arbeit, die er am besten kann – die Zubereitung der Speisen für Herrin Galadriels Tafel. - Seid Ihr hungrig, Herr Anordil? Oder Ihr, Herrin?" Dankbar nickte ich. „Eine warme Mahlzeit wäre nicht zu verachten", sagte ich. „Dann folgt mir", entgegnete Tuiliniel. Während wir zurück gingen, fragte Anordil sie regelrecht aus. Doch sie gab auf dem ganzen Weg bis zur Gemeinschaftsküche bereitwillig Auskunft.
Diese lag ein wenig abseits auf einer Lichtung, gut geschützt durch die Bäume. Bereits von weitem stieg einem der verführerischer Duft von frischem Brot und süßem Gebäck in die Nase. Der Platz selber war recht weiträumig. Ein gemauerter Backofen stand in der Mitte. Auf der anderen Seite davon befanden sich mehrere verschieden große Feuerstellen, von denen nur eine befeuert wurde. Über dieser hing ein großer Topf. Tuiliniel deutete uns auf einer bemoosten Stelle Platz zu nehmen. Dann holte sie uns zwei tönerne Teller mit einem würzigen Gemüseeintopf, Brot und zwei Becher Wein.
Während wir aßen, fuhr sie in ihrer Erzählung fort. Auf diese Weise erhielten wir einen Überblick, wer bereits eingetroffen war, wer nicht kam oder sich verspätete, wer wem den Hof machte, welche Verhandlungen unter den Elbenhäusern liefen und welche Gerüchte gerade die Runde machten. Ich hörte mehr als nur interessiert zu. Schließlich erhielt ich auf diese Weise einen faszinierenden Einblick in das Leben des Elbenvolkes.
„... und als ob das nicht alles wäre, so wird sich Fainalph von Dol Amroth mit Eithelion von Forlond verbinden", sprudelte es aus Tuiliniel heraus. Anordil sah sie fragend an. „Ihr erinnerte Euch, Herr Anordil?", fragte sie daraufhin, „Fainalph, die jüngste Tochter des Seelords Dînael von Dol Amroth."
„Ja, ich erinnere mich", erwiderte Anordil gedehnt, „ich hatte nur angenommen, dass die beiden Reiche sich nicht besonders geneigt seien." Tuiliniel lächelte verschmitzt. „Das stimmte", gab sie zu, „doch durch hartnäckige Verhandlungen – und nichtsdestotrotz durch die spontane Verliebtheit der beiden kam es zu einem gegenseitigen Einvernehmen."
„Dann habe ich ja nichts mehr zu befürchten", entfuhr es Anordil erleichtert, „ich habe nicht vergessen, wie Fainalph mir auf dem Frühlingsfest vor zweihundert Jahren eindeutige Avancen gemacht hat. Das war ..." „... regelrecht peinlich", beendete ein Elb den Satz, der in diesem Moment zu uns getreten war. „Was für eine Freude dich hier zu sehen", fuhr der Elb fort.
Tuiliniel hatte sich erhoben und grüßte den Ankömmling ehrerbietig. Auch ich erhob mich. Dabei musterte ich ihn aufmerksam. Er war hochgewachsen, ein kleines bisschen größer als Anordil. Die langen kupferbraunen Haare fielen locker bis zur Hüfte und wurden nur durch einen schmalen Reif aus geflochtenem Kupfer gehalten. Die Gesichtszüge waren ebenmäßig. Strahlendblaue Augen ruhten auf Anordil. Feine kupferne Fäden durchzogen die braune Robe, als wären es einzelne Strähnen des Haares.
Anordil und dieser Elb waren Brüder. Daran gab es keinen Zweifel. Galant verbeugte sich der Elb vor mir. „Ich bin Nauroval", stellte er sich vor, „der Bruder Anordils." Neugierig musterte er mich. „Ich bin Arwen", antwortete ich schlicht, „deine Schwägerin." „Hätte ich gewusst, welch liebreizendes Geschöpf du bist, so hätte ich durchaus den Weg nach Hause gefunden", sagte er mit einem leichten Blitzen in den Augen. Ich seufzte innerlich. Warum nur mussten alle Brüder Anordils solch schwülstige Reden schwingen?
„Wo steckt Luvalaes?", fragte Nauroval und sah sich um. „In Cillien und hütet das Haus", antwortete ich trocken an Anordils Stelle. „Dabei hat Vater eine durchaus passende Bündnispartnerin ausgesucht", sagte Nauroval mit einem leicht spöttischen Lächeln, „er wird sich nicht ewig drücken können." „Solange es irgendwie geht, wird er es aber tun", warf Anordil ein, „setze dich zu uns. Dann können wir uns noch ein wenig unterhalten."
Daraus wurde dann der Rest vom Tag. Erst als die Dämmerung einsetzte, begaben wir uns zu unserem Talan. Tuiliniel hatte sich kurz nach Naurovals Erscheinen zurückgezogen. Nauroval begleitete uns ein Stück, bevor er zu seinem eigenen Talan ging. Ich sah ihm hinterher, als er im Dämmerlicht verschwand.
„Und was ist mit ihm?", fragte ich Anordil, „hat er keine Gemahlin?" Anordil lächelte. „Nauroval?", fragte er zurück und schüttelte den Kopf, „nein, er wird sich nie mehr eine Gemahlin nehmen. Vor einigen Jahrhunderten hatte er mal den Versuch unternommen. Siriell war aus gutem Haus und ganz nach Vaters Geschmack. Aber es war eher ein politisches Bündnis. Geliebt haben sie sich nicht. Nach der vereinbarten Zeit trennten sie sich. Danach hat Nauroval nie mehr mit einer Frau das Lager geteilt."
„Und?", fragte ich voller Neugier, „er muss doch einen Grund gehabt haben." Mittlerweile hatten wir unseren Talan erreicht. „Ja", erwiderte er mit gesenkter Stimme, „dieser Grund hieß Rúmil." Entgeistert starrte ich ihn an. Bisher hatte ich in diesem Teil Mittelerdes keine Elben angetroffen, die der gleichgeschlechtlichen Liebe frönten, daher hatte ich es bei den beiden Kinn-Lai, denen wir begegnet waren, als absolute Ausnahme angenommen.
„Nauroval und Rúmil?", stieß ich hervor, „ein Paar?" „Du wirst Rúmil mögen", sagte Anordil, „er hat viel Humor und ist nicht wie sein Bruder Haldir. Morgen abend werden wir mit Nauroval und Rúmil das Nachtmahl einnehmen." Er zog mich durch das dunkle Zimmer in den Schlafbereich. Die Nacht war kühl und es fröstelte mich. Anordil spürte mein Erschauern.
„Gleich wird es wärmer", sagte er. Es raschelte etwas. Dann spürte ich, wie er mich auf die Bettstatt zog. Mit flinken Fingern knotete er die Verschnürung meines Gewandes auf und streifte es von meinem Körper. Als der Nachtwind meinen Körper berührte, zog ich die Schultern hoch. Bibbernd schlüpfte ich unter die Decke und schmiegte mich eng an Anordil heran. Kurze Zeit später waren wir in ein sehr erregendes Liebesspiel vertieft, wodurch mir mehr als warm wurde. Wir vergaßen dabei völlig, dass der Talan keine festen Wände besaß und die Nachtluft die Geräusche unseres Tuns weitertrugen.
Am nächsten Morgen wunderte ich mich jedenfalls über die anzüglichen Blicke, mit denen wir gemustert wurden. Anordil ignorierte diese geflissentlich. Erst als mir bewusst wurde, warum man uns so ansah, errötete ich bis in die Haarwurzeln. Ich war Anordil dankbar, dass er auch darüber hinweg sah. Den Tag über verbrachten wir mit Müßiggang. Er zeigte mir die Werkstätten, in denen fleißige, schlanke Hände die begehrten Seile flochten. Auch bei den Webern schauten wir vorbei. Dort konnte ich sehen, wie aus spinnwebfeinen Fäden dieser herrliche Stoff gewoben wurde, der so gegensätzliche Eigenschaften vereinte, die ich so an den Elbenumhängen schätzte.
Gegen Abend begaben wir uns zu Naurovals Talan. Er bewohnte einen Baum in der Nähe von Galadriels Mallorn. Auf halber Höhe breitete sich ein sehr großer Talan aus. Anordil strich mit der Hand über ein Klangspiel, das von einem Ast hing. Zarte Töne schwebten durch die Luft. „So kündigen wir uns an", erklärte er, „dies ist mehr eine Geste der Höflichkeit, denn Nauroval hört bereits, dass Besuch kommt."
Der öffentliche Bereich, den wir betraten, war äußerst geräumig. Um einen niedrigen Tisch waren Kissen verteilt, die wohl zum Sitzen dienten. Auf dem Tisch standen bereits zahlreiche Schalen und Platten mit verschiedenen Köstlichkeiten. An dem einen Ende saß Glordoron. Lässig saß er auf einem Kissen, angelehnt an ein weiteres. Seine altgoldfarbene Robe war schlicht und nur mit einer schmalen Borte verziert. Sein langes Haar wurde von einem schmalen geflochtenen Reif aus Gold gebändigt. Er unterhielt sich angeregt mit einem Elb, den ich nicht kannte. Dieser trug eine blassblaue Robe mit feiner Stickerei. Das silberblonde Haar fiel lose bis zu den Hüften, nur von einem schmalen silbernen Reif gehalten. Die Gesichtszüge waren fein geschnitten. Blaue Augen trafen auf meine, als wir eintraten.
„Ich denke, wir sind dann vollzählig", sagte der Elb, während er sich elegant erhob. „Willkommen in unserem Talan, Freund Anordil", grüßte er uns dann, „dies ist also deine neue Gemahlin?" „Ich grüße dich, Rúmil, Sohn des Orktöters Celebech", antwortete Anordil, „ja, dies ist Arwen, meine Sonne." Ich legte meine Hand auf die Brust und verbeugte mich leicht. „Ich grüße dich, Rúmil", sagte ich. „Nauroval hat bereits von dir erzählt", fuhr Rúmil ohne Umschweife fort, „setzt euch. Er wird gleich hier sein." Er wies auf den Tisch und verschwand hinter dem leichten hellgrünen Vorhang, der den privaten Bereich abtrennte.
„Ich grüße dich, Vater", sagte Anordil höflich. Glordoron winkte ab. „Nicht so förmlich, mein Sohn", erwiderte dieser heiter, „wir sind nicht bei einer Audienz Galadriels. Ich freue mich euch beide wohlbehalten zu sehen. Wie war die Reise?" „Danke, Vater", entgegnete Anordil, während wir uns setzten, „die Reise über das Nebelgebirge war gut. Wir hatten nur einen Zusammenstoß mit diesen merkwürdig kleinen Orks, aber ansonsten war der Weg wenig beschwerlich." Glordoron schüttelte den Kopf. „Dies meinte ich nicht", warf er unwirsch ein, „ihr wart einige Zeit nicht in Cillien. Was habt ihr beiden erlebt?"
„Genau", tönte es vom Durchgang her, „erzähle, Bruder. Ich bin neugierig zu erfahren, was du alles erlebt hast." Nauroval betrat mit Rúmil den Raum. Sie standen nahe beieinander. So nahe, dass man ihre Vertrautheit spüren konnte. „Was ist mit Orophin?", fragte ich dazwischen, „wird er heute nicht kommen?"
Bedauernd schüttelte Rúmil den Kopf. „Orophin hat es sich mit unserem Bruder Haldir verscherzt", sagte er mit einem verschmitzten Lächeln, „und da versteht unser lieber Haldir leider keinen Spaß. Orophin muss Strafdienst an der Grenze schieben." Nauroval und Rúmil hatten sich zwischenzeitlich zu uns gesetzt.
Während des Essens mussten wir erzählen. Alles was uns widerfahren war. Nach dem wir geendet hatten, ergriff Glordorons Hand die meine. „Mein Kind", sagte er „die Zukunft der Elben hier in Mittelerde ist besiegelt. Du weißt es, wie auch wir. Bald werden wir an Bord der Schiffe nach Valinor gehen. Doch dieses ‚Bald' kann auch noch in Jahrhunderten sein. Deine Zeit an Anordils Seite soll noch glücklich werden. Der Segen der Valar soll mit euch beiden sein." „Ich danke Euch, Vater Glordoron", erwiderte ich leise, wohlwissend, dass es keine Jahrhunderte mehr dauern mochte.
Dann wandte sich die Unterhaltung der Bündnisschließung zu, die das Frühlingsfest krönen sollte. „Eithelion ist bereits sehr aufgeregt", berichtete Rúmil, „ich begegnete ihm gestern am Badesee." Anordil lächelte verständnisvoll. „Solange er seinen Kopf nicht vergisst zur Bündnisschließung mitzubringen", unkte er. Nauroval seufzte. „Es war ein gutes Stück Arbeit dieses Bündnis zu arrangieren", warf er ein, „die Häuser waren nicht glücklich über die Wahl. Aber sie müssen sie akzeptieren. Zum Glück hat Vater mich tatkräftig unterstützt. Ohne seinen weisen Rat wäre ich mehr als einmal gescheitert." Glordoron hob seinen Kelch und neigte den Kopf huldvoll.
„Ich helfe dir immer gerne, mein Sohn", entgegnete er, „doch ich würde es noch mehr begrüßen, wenn du dein Bündnis mit Rúmil offiziell machen würdest." Nauroval schaute verlegen zur Seite. Rúmil lachte leise. „Es liegt nicht an Nauroval, edler Glordoron", sagte dieser entschuldigend, „sondern eher an mir. Orophin und ich haben einen Schwur getan, den wir nicht brechen können." „Was für ein Schwur", warf ich fragend ein. In Rúmils Augen blitzte es. „Wir dürfen so lange kein Bündnis eingehen, bis Haldir eine Braut gefunden hat", erklärte er, „dies haben wir unserer Mutter versprochen, bevor sie nach Valinor ging." Ich stöhnte auf. Wie sollten sie jemals Haldir unter die Haube bekommen? Diese Inkarnation eines imaginären Vulkaniers!
„... für das Bündnis. Vater hat daraufhin seine Pläne geändert", hörte ich Naurovals Stimme. Leider hatte ich aufgrund meiner Grübelei den ersten Teil nicht mitbekommen. Ich sah zu Glordoron. Dieser lächelte und drehte den Kelch in der Hand. „Ich werde mit dem Bündnispaar nach Forlond reisen", erklärte er, „und nicht vor Ende des Sonnenlaufes nach Cillien zurückkehren." Anordil stieß einen überraschten Laut aus.
„Damit zwingst du mich weiterhin deinen Platz einzunehmen", sagte er. Glordorons Lächeln wurde breiter. „Gewöhne dich daran, mein Sohn", erwiderte er belustigt, „bald werde ich nach Valinor aufbrechen, dann bist du für Cillien verantwortlich."
Der Rest des Abends drehte sich um Glordorons Abreise nach Forlond. Vor allem um die politischen Hintergründe des Bündnisses der beiden Elbenhäuser. Weit nach Mitternacht erst brachen wir zu unserem Talan auf. Es war zwar dunkel, doch in vielen anderen Telain war noch Licht, so dass unser Weg einigermaßen erhellt war. Im Talan angekommen kroch ich unter die Decke. Nach wenigen Minuten war ich eingeschlafen.
Am nächsten Morgen erschien früh eine Botin Galadriels. Für den Nachmittag lud uns die Hohe Herrin zu sich ein. Ich war aufgeregt, als wir nach dem Mittagsmahl den Weg dorthin einschlugen. Am Fuß des Mallorn wartete eine weitere Elbin auf uns, die uns voran den gewundenen Pfad um den Baum herum ging. Wir folgten ihr immer höher, bis wir auf einer Art Plattform angelangt waren. Dies schien der offizielle Bereich zu sein. Stufen führten auf der einen Seite in den Talan Galadriels.
Erst hatte ich gedacht, dass ihr Gemahl Celeborn ebenfalls an der Unterredung teilnehmen würde, doch sie schwebte alleine die Stufen hinunter. Ihr Schreiten war nicht anders zu beschreiben. Engelsgleich in ihrem makellos weißen Gewand von atemberaubender Schlichtheit. Ihr Haar schimmerte in einem Ton der zwischen Gold und Silber lag. Am Mittelfinger ihrer rechten Hand sah ich einen elegant geformten silbrigen Ring – Nenya, der Ring aus Adamanth.
Sie hielt drei Stufen über uns inne. Ihr Lächeln war mild und die Lichter der Sterne spiegelten sich in ihren Augen. „Willkommen in Lórien, Anordil, Sohn des Glordoron", hieß sie uns willkommen, „und willkommen Arwen Ceridwen, Gemahlin des Anordil."
Ich schaute sie stumm an. Meine Stimme versagte mir den Dienst. Ich konnte nicht klar denken, geschweige denn, dass ich Anordils Worte hörte, die er zu ihr sprach. Sanft lächelte sie mich an. „Meine Enkelin hatte mir bereits von dir berichtet", fuhr sie fort. Mit einer knappen Bewegung deutete sie uns auf einer Bank an der Seite Platz zu nehmen. Deine Geschichte ist äußerst interessant, hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf, dabei sprach sie nicht, sondern sah mich nur intensiv an.
„Insbesondere", fuhr sie fort, „da vor nicht allzulanger Zeit ein Fremder bei uns weilte, dessen Gedanken ähnlich der deinen waren." Wie vom Donner gerührt sah ich sie an. Tolkien, schoss es mir durch den Kopf. War der Professor wirklich hier gewesen? Hatte er die Hohe Herrin gesehen?
Galadriel lächelte nur sanft. Doch weder bestätigte sie meine Vermutung, noch negierte sie diese. „Ich gewährte ihm einen Blick in den Spiegel", sagte sie, „was er sah, bestürzte ihn und nagte an ihm. Er blieb nur wenige Wochen, dann schlug er den Weg nach Minas Tirith ein. Mir wurde berichtet, dass er auch dort nur kurze Zeit verweilte. Letztendlich verlor sich seine Spur. Niemand hat ihn mehr gesehen."
„So hatte er gesehen, was nun geschehen wird?", fragte Anordil. Galadriels Lächeln nahm an Tiefe zu. „Der Spiegel ist trügerisch", sprach sie, „er zeigt eine der vielen Möglichkeiten, welche die Zukunft sein kann. Er zeigt, Dinge, die waren, Dinge, die sind und Dinge, die vielleicht sein mögen. Nicht einmal ich bin in der Lage die wahre Zukunft vorauszusehen." Sie erhob sich.
So ist der Fremde tot, hörte ich wieder ihre Stimme, doch er schrieb auf, was er von Mittelerde wusste? Auf diese Weise werden wir Elben weiter im Gedächtnis der Völker Mittelerdes existieren, selbst wenn wir längst gegangen sind. Ich schloss die Augen. Ihre Stimme klang mit einem leichten Widerhall. Sprach sie oder hörte ich sie in meinem Kopf?
„Ich habe Antwort erhalten auf meine Fragen", sagte sie leise, „nun wirst auch du Antworten finden wollen." Mit einer eleganten Bewegung deutete sie auf den Weg der nach unten führte. Ich hatte bisher kein Wort gesprochen und doch schien sie zufrieden zu sein mit unserer Unterredung, die keine wirkliche Unterhaltung war. Ihre Augen hatten mich die ganze Zeit unverwandt angesehen. Hatte sie meine Gedanken gelesen? War das möglich? Andererseits, warum nicht? Anordil und Luvalaes konnten auch gegenseitig ihre Gedanken erspüren.
Als ich aufstand und den gewundenen Weg nach unten ging, fühlte ich Beklemmung in mir hochsteigen. Sollte mir tatsächlich die Gnade widerfahren in den Spiegel der Galadriel blicken zu dürfen? Was würde ich sehen? Anordil fühlte meine Anspannung.
„Egal, was geschieht, sei unbesorgt", flüsterte er mir zu. Worte, die nicht dazu gemacht waren, mich zu beruhigen. Wir folgten der Herrin über den moosigen Boden, bis zu einer kleinen Lichtung in deren Mitte eine erhöht stehende Schale stand. Eine Quelle sprudelte zwischen den wenigen moosbewachsenen Felsen am Rand der Lichtung hervor. Galadriel schöpfte etwas von dem Wasser mit einem silbernen Krug und goss es in die Schale. Dann trat sie zurück.
„Es ist dein Wunsch in den Spiegel zu sehen", sprach sie, „– nimm dies als Geschenk der Galadriel zu deinem Bündnis mit dem Haus des Glordoron." Unsicher trat ich näher. Angst bemächtigte sich meiner. Die Angst davor, was sich mir offenbaren würde. Trotzdem siegte die Neugier.
Mit einem tiefen Atemzug blickte ich auf das spiegelglatte Wasser, in dem ich mein Gesicht erkannte. Dann verschwamm es in einem Wirbel. Die unzusammenhängenden Farben und Formen nahmen langsam Gestalt an.
...Brennende Feuer. Donnernde Hufe von Tausenden von Pferden. Orkhorden, die über die Ebenen stürmten. Schlachtgetümmel und Tod. Die brechenden Augen von Haldir. Anordil, dem das Blut vom Regen aus dem Gesicht gewaschen wurde. Menschen und Elben niedergemetzelt durch rostige Orkklingen. Der drohende Schatten eines Nazgúl. Sein kreischendes Schreien. Im Staub blutbefleckt die alte Flügelkrone Gondors. Die höhnisch lachende Fratze von Pater Jacobus, der das sorgsam gehütete Pergament in seinen Händen hielt. Pater Aurelius mit gehetztem Blick. Fiona, wie sie voller Angst ihr Schwert umklammerte. Blut im Gesicht. Ein gellender Schrei, der mir bis ins Mark fuhr. Feuer und Tod. Hitze. Unendlicher Schmerz. Das Grab des Petrus. Es zerfiel zu Asche. Tiefschwarze Schwingen, die sich in den Himmel erhoben. Totenschädel, von denen das vermoderte Fleisch fiel...
Mehr konnte und wollte mein Geist nicht aufnehmen. Ich spürte noch, wie ich den Boden unter den Füßen verlor und fiel. Die gnädige Schwärze einer Ohnmacht umfing mich. Nur ganz allmählich kam ich wieder zur Besinnung. Von weitem vernahm ich die Stimmen Anordils und Galadriels, die sich unterhielten.
„... nicht sein müssen", hörte ich Anordil leise. „Jeder, der in den Spiegel schaut, tut es freiwillig", antwortete Galadriel ruhig, „niemand wird dazu gezwungen, denn dann würde der Spiegel nichts als Schwärze zeigen. Nur ein Geist, der bereit ist, sich dem Spiegel zu unterwerfen, kann sich mit diesem verbinden." „Und doch sagtest du, hat sie nicht ähnliches gesehen, wie dieser Fremde", warf Anordil ein.
Einige Sekunden herrschte Schweigen. „Die Zukunft ist eine unsichere Zeit, die einem steten Wandel unterliegt", entgegnete Galadriel, „alles was wir tun, was die Menschen tun - oder auch unterlassen - ändert sie. Nichts ist so, wie vor einigen Jahrhunderten. Als dieser Fremde hier stand und in den Spiegel schaute, war die Zukunft noch so möglich, wie er sie sah. Doch seit damals ist viel geschehen."
„Wird ...?", hob Anordil an. „Du darfst nicht weiter fragen, Anordil", unterbrach Galadriel ihn schroff, „du weißt, genau wie ich, dass die Wege der Valar unergründlich sind. In uns fließt das Blut Finwes und der Maiar. Füge dich in dein Schicksal! Und vor allem zügle deine Kräfte. – In den letzten Sonnenläufen hast du zu oft Gebrauch davon gemacht, als das dies den Valar verborgen geblieben wäre. Hüte dich davor leichtsinnig zu werden, Anordil, Sohn der Faenmîr!" „Ich werde deine Worte im Herzen tragen, Herrin Galadriel", hörte ich Anordil sagen. „So genieße das Fest. Bringe deine Gemahlin zurück in euren Talan", erwiderte Galadriel.
Dann hörte ich nichts mehr als das Rauschen der Blätter der Mallorn-Bäume um uns herum. Nun gestatte ich mir die Augen zu öffnen. Ich lag auf dem moosigen Boden neben der Quelle. Anordil stand mit dem Rücken zu mir. Er sah auf das Becken. Von Galadriel sah ich nichts. Sie hatte sich wohl zurückgezogen.
Als Anordil bemerkte, dass ich erwacht war, kam er zu mir. „Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt", sagte er leise zu mir, „tu das nicht noch einmal. – Einfach so in Ohnmacht fallen." „Ich konnte nichts dafür", entschuldigte ich mich, „die Bilder, ich ..." Mit einem Finger verschloss er meine Lippen. „Nichts wird so geschehen", fuhr er fort, „der Blick in den Spiegel ist für dich die Chance Dinge zu ändern. Nichts von dem, was du gesehen hast, kann nun so geschehen. – Lass uns zu unserem Talan gehen. Morgen beginnt das Fest. Du solltest dich ausruhen." Ich nickte, denn ich fühlte mich müde und ausgelaugt. Als hätte der Spiegel Energie aus mir gesogen.
Erst am nächsten Morgen fühlte ich mich wieder einigermaßen gut. Die Vögel über uns im Baum zwitscherten aufgeregt und weckten mich damit. Anordil war bereits wach. Ich hörte ihn im vorderen Teil des Talan mit Caladúneth reden.
„... recht zufrieden", sagte Anordil, „deine Anwesenheit in Dol Amroth trug Früchte." „Es war auch eine Herausforderung", antwortete Cala mit ihrer sanften Stimme, „die Verhandlungen wurden stark durch die Bündnisgespräche beeinträchtigt. Bis zuletzt hat das Haus Dol Amroth versucht, das Bündnis zu verhindern."
Ich hatte mich in der Zwischenzeit angezogen und ging nach vorne. „Ich grüße dich, Cala", sagte ich zu ihr, „hattest du eine gute Reise?" Sie hatte sich erhoben, als ich eintrat. „Vielen Dank, Arwen", erwiderte sie freundlich, „die Reise verlief schnell und ohne Zwischenfälle." „Ihr redet über die bevorstehende Bündnisschließung?", fragte ich und nahm mir einen Becher Wasser.
Cala nickte. „Es überschattete die Verhandlungen, doch ich konnte meinen Auftrag gut erfüllen", informierte sie mich kurz, „der Prinz von Dol Amroth und der Fürst von Forlond gaben sich recht scharfzüngige Rededuelle." Über ihr Gesicht glitt ein spöttisches Lächeln. „Einmal standen sie kurz davor die Schwerter zu ziehen", fuhr sie fort, „ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass sich erwachsene Elben so verhalten können, wenn ich es nicht gesehen hätte." Mit einem Seitenblick musterte sie Anordil. Dieser schien die Spitze nicht zu bemerken.
„Manchmal sieht selbst ein Elb den Wald vor lauter Bäumen nicht", bemerkte ich spitz, was mir einen verwunderten Blick Anordils eintrug. Er seufzte verhalten. „Ich habe euch schon verstanden", sagte er mit gespieltem Frust. Dann wandte er sich an Caladúneth. „Um unseren Disput zu bereinigen", fuhr er fort, „bitte ich dich, mich morgen früh auf die Jagd zu begleiten. Dann können wir in Ruhe reden."
„So wie früher?", fragte sie vergnügt. Anordil nickte lächelnd. „So wie früher", bestätigte er. „Gerne, Vater", erwiderte sie. In ihren Augen blitzte es. „Es ist bereits einige Jahrhunderte her, seit wir zusammen auf der Jagd waren", sagte sie, „doch ich freue mich darauf. – Doch jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss noch einiges erledigen, bis ich heute abend feiern kann."
Ich sah sie fragend an. „Fainalph ist reichlich nervös wegen dem Bündnis", erklärte sie mit leichtem Spott in der Stimme, „sie ist noch recht unerfahren für eine Elbin ihres Alters. Insbesondere der körperliche Aspekt der Verbindung ist ihr nicht bewusst. Darauf müssen wir sie noch vorbereiten." Das hatte ich auch noch nie gehört – eine Elbin, die noch Jungfrau war, obwohl sie bereits seit einigen Hundert Jahren erwachsen war.
Cala stand auf und grüßte knapp, dann verließ sie den Talan. Anordil und ich beschlossen ein wenig durch Lórien zu wandern. Bis zum Fest heute Abend war noch reichlich Zeit. In der Dämmerung gingen wir dann zur festlich geschmückten Lichtung unterhalb von Lady Galadriels Talan. In der Luft lag Fröhlichkeit und Lachen. Von allen Seiten strömten Lieder auf uns ein. Flöten spielten mitreißende Melodien. Die Heiterkeit steckte uns an und es dauerte nicht lange, bis wir wie Kinder herumalberten.
Als ich Hunger bekam, zogen wir uns auf die Lichtung zurück, wo die Kochstellen waren. Dort standen hölzerne Schüsseln mit allerlei Köstlichkeiten, von denen sich jeder nehmen konnte. Ich naschte von diesem und jenem. Als ich gesättigt war, reichte mir Anordil einen Becher Wein. Dann wies er zu einem der Baumstämme hinüber. Dort ließen wir uns nieder.
Ich lehnte mich zurück. In meinem Rücken fühlte ich die Rinde. Wenn ich die Augen schloss, so hatte ich das Gefühl, die Gesänge der Elben würden mich in die Luft heben und zu den Sternen tragen. Ich fühlte mich leicht und froh. Nach dieser Pause hatte ich genug Energie um weiter zu tanzen. Die nächste Ruhepause legten wir erst ein, um den Geschichten zu lauschen, die einer der Lórien-Elben meisterhaft zu erzählen verstand. So verging die Zeit wie im Flug.
Am Abend versammelten sich die Elben am Fluss. Sie hielten zarte Blüten der ersten Frühlingsblumen in den Händen. Jeder gab eine der Blüten auf das langsam dahin fließende Wasser. Bald war der Fluss übersät mit hellen Blütensternen in vielen Farben. Als letztes ging Galadriel zum Fluss hinunter. Mit einzigartiger Anmut legte sie ihre Blüte auf der Wasseroberfläche ab. Es schien, als würde ein Hauch davon ausgehen. Silbriger Staub senkte sich auf jede einzelne Blüte herab. Sobald dieser die Blütenblätter berührte, ging ein sanftes Glühen von ihnen aus. Es schien, als wäre die Wasseroberfläche mit Tausenden von Glühwürmchen übersät, die langsam davon getragen wurden.
Wir standen noch lange am Ufer und sahen den leuchtenden Blütensternen hinterher, bis diese in der Dunkelheit verschwanden. „Die Blüten tragen den Segen der Valar in sich", wisperte mir Anordil zu, „sie bringen Fruchtbarkeit und Frieden nach Mittelerde." „Etwas, was das Land gut gebrauchen kann", entgegnete ich, „gerade in dieser unruhigen Zeit." Nachdenklich ging ich neben Anordil her. Auf dem Festplatz ging es jetzt etwas ruhiger zu. Es hatten sich kleine Gruppen gebildet, die sich angeregt unterhielten. Die Melodien der Sänger wurden getragener. Ich zog mich an den Rand des Platzes zurück und setzte mich an einen Baum. Mit einem Becher Wein in der Hand beobachtete ich die Elben.
Das Fest war völlig anders verlaufen, als ich gedacht hatte. Es gab keine Reden oder festgelegte Zeremonien, bis auf das Aussetzen der Blüten. Nichts erinnerte an die Rituale, die ich von den keltischen Festen kannte. Etwas wehmütig dachte ich an zu Hause. Alban Eiler stand vor der Tür. War Shancahir bereits geschmückt?
Mein Blick ging zu Anordil. Er hatte sich zu einer Gruppe von Elben unweit von mir gesellt und unterhielt sich mit einem dunkelhaarigen breitschultrigen Elben. Als er zu mir sah, lächelte er und kam zu mir. „Was hast du, meine Sonne?", fragte er mich zärtlich. Ich schüttelte den Kopf. „Nichts, Geliebter", entgegnete ich, „ich bin nur müde. Es ist wohl besser, wenn ich zu unserem Talan gehe. Du brauchst mich nicht zu begleiten. Hier in Lórien wird mich wohl niemand angreifen."
Anordil lachte. „Sei dir da nicht so sicher", scherzte er, „Gefahren lauern überall. – Doch es ist unwahrscheinlich, dass sie an Haldir vorbei gelangen. Wenn es dir wirklich nichts ausmacht, so bleibe ich noch ein Weilchen. Gute Nacht, meine Sonne." Sanft drückte er einen Kuss auf meine Lippen. „Nun geh schon", stieß ich ihn unwirsch an, „man wartet schon auf deinen Teil der Unterhaltung." Mit dem Kopf wies ich zu der kleinen Gruppe, die uns beobachtete. Er küsste mich ein weiteres Mal, bevor er auf die Elben zuging.
Ich drehte meinen Becher in Händen. Auf einmal fühlte ich mich einsam. Aufseufzend trank ich den Wein. Ich war eben doch nur ein Mensch. Ich erhob mich und ging langsam zu unserem Talan. Der Gesang der Elben begleitete mich, bis ich einschlief.
Der nächste Tag verlief recht ruhig. Es war kaum etwas von den Vorbereitungen zu spüren, welche die Bundschließung von Fainalph und Eithelion mit sich brachte. Als die Nacht hereinbrach und die Sterne anfingen zu funkeln, kamen wir zur Lichtung unter Galadriels Talan. Fleißige Hände hatten den Platz in ein Meer aus Blumen und Pflanzen verwandelt. Jeder trug sein festlichstes Gewand. Fainalph trug ein traumhaftes Gewand in meerblau mit silbrigem Schimmer. Ihr langes dunkelblondes Haar fiel in weichen Wellen bis über die Hüfte. Einzelne silbrigweiße Niphredilblüten waren hinein geflochten. Eithelion hatte eine Robe in einem kupfrigen Braunton mit moosgrünen Stickereien an. Sein Haar wurde durch einen kupferfarbenen, kunstvoll gearbeiteten Reif gehalten.
Leises Gemurmel verebbte, als Galadriel an der Seite Celeborns die breite Treppe herunter schritten. Vor ihr verblasste selbst die wunderschöne Fainalph, die glücklich strahlte. Alles andere als glücklich erschienen die Eltern der Bündnispartner.
Galadriel schaute hoheitsvoll in die Runde. Erst als alles still war, begann sie zu sprechen. „Die Zeiten sind im Wandel", sagte sie getragen, „ich fühle es in der Luft, ich fühle es im Wasser und in der Erde. Nichts wird mehr sein wie es war. Das Zeitalter der Elben neigt sich dem Ende zu." Sie machte eine kleine Pause.
„Doch es erfüllt mein Herz mit Freude, dass in solch schwierigen Zeiten sich die Herzen zweier Elben gefunden haben", fuhr sie fort, „sie stehen hier um den Bund zu schließen, der sie und ihre Häuser noch vor Ablauf der Verlobungszeit bindet. Dies war ihr Wunsch."
Die beiden sahen sich an. Es war unverkennbar, dass sie in Liebe einander zugetan waren. „Ich rufe den Segen der Valar für dieses Bündnis", sagte Galadriel, „möge es beiden Partnern gerecht werden und den Häusern Frieden bringen." Sie reichte den beiden einen Kelch aus Mithril aus dem die beiden schweigend tranken. Die Neige schüttete Galadriel in die Quelle. „So wie das Wasser die Erde nährt, so soll das Bündnis zwischen Fainalph und Eithelion Früchte tragen", fuhr sie fort, „wenn es der Wunsch der Valar sei."
Anschließend traten die Eltern vor. Eithelions Vater spielte mit einem Ring in seiner Hand. Er schien aus Mithril zu sein. Kunstvoll wanden sich Mithrilfäden um einen tiefblauen Saphir, in dessen Facetten sich das Licht der Öllichter brach. Ohne Fainalph anzusehen, reichte er ihr den Ring. „Dies ist das Pfand der Verbundenheit unserer Häuser", stieß er hervor. Man sah Fainalph an, dass sie sich unwohl fühlte. Ihre Hand zitterte leicht, als sie den Ring annahm. „Habt Dank für Eure Gabe", erwiderte sie, „ich werde das Pfand in Ehren halten."
Dann trat Fainalphs Mutter vor. Im Gegensatz zu ihrem Gemahl sah sie heiter aus, während sie auf Eithelion zu ging. „Nach dem Fainalph geboren war, hatte ich immer wieder einen weiteren Sohn gewünscht", sprach sie, „doch die Valar versagten mir diesen Wunsch. Nun hat sie ihr Herz gefunden und mir einen Sohn gebracht. Darüber bin ich sehr glücklich. – Eithelion, nimm dieses Pfand der Verbundenheit unserer Häuser und betrachte dich als mein Sohn." Sie öffnete ihre Hand und nahm eine Kette aus Mithril auf. An den feinen Gliedern hing ein Opal, der in allen Farben des Meeres schillerte. Stolz streifte sie Eithelion die Kette über den Kopf.
„Habt Dank für Eure Gabe", entgegnete er, „ich werde sie gut behüten." Damit endete die schlichte Zeremonie. Den beiden wurde gratuliert und auch den Eltern Gratulation ausgesprochen. Danach wandte man sich dem Fest zu. Es wurde gesungen, getanzt und gelacht bis in die frühen Morgenstunden. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass sich alles mit einer gewissen Spannung abspielte. Offenbar konnten die Eltern der Bündnispartner sich doch nicht so vollkommen mit dem Glück ihrer Kinder abfinden.
Anordil und ich reisten zwei Tage später ab. Uns erwartete daheim eine Menge Arbeit. Caladúneth blieb, wie es von Galadriel gewünscht wurde, in Lórien. Sie würde der Hohen Lady zur Seite stehen bei schwierigen Entscheidungen. Über den Jagdausflug mit Cala verlor Anordil kein Wort. Jedoch begleitete uns Cala bis an die Grenze Lóriens. Unter den wachsamen Augen der Galadhrim nahmen wir Abschied. Leider zog es Haldir vor, sich nicht blicken zu lassen. Die Pflicht über alles, dachte ich spöttisch, selbst ein guter Freund kann das wohl nicht ändern.
„Ich wünsche euch eine sichere Heimkehr", verabschiedete sie uns, „in einem Sonnenlauf kehre ich nach Cillien zurück, sofern die Hohe Herrin meine Dienste nicht mehr benötigt." Anordil gab ihr einen väterlichen Kuss auf den Scheitel. „Pass auf dich auf, Cala", sagte er, „unseren Jagdausflug sollten wir dann in den Wäldern Cilliens wiederholen. In den letzten Jahrhunderten haben wir viel zu wenig mit einander gesprochen." „Ich bin froh, dass wir uns wieder gut verstehen", entgegnete sie, bevor sie sich mir zuwandte, „auch dir eine gute Heimkehr, Arwen."
Sie umarmte mich herzlich. „Danke", flüsterte sie mir ins Ohr. „Wofür?", flüsterte ich zurück. Damit war alles gesagt. Schließlich wandten wir uns zum Gehen. Nach einigen hundert Fuß blickte ich zurück. Am Rande Lóriens stand eine einsame Gestalt, welche kurz die Hand mit dem Bogen hob und grüßte. Es war Haldir. „Er muss krank sein", kommentierte Anordil trocken, „sonst bleibt er meistens bei seinen Kriegern." Anordil winkte zurück. Nur Sekunden später verschwand Haldir, als hätte es ihn nie gegeben.
Vor uns lag die beschwerliche Reise über das Nebelgebirge. Die Rückreise verlief jedoch ohne nennenswerte Unterbrechungen. Wir trafen zwar auf einige dieser merkwürdig schmächtigen Orks, als wir das Nebelgebirge überquerten, doch diese waren schnell überwältigt.
to be continued ...
