An dieser Stelle nochmals Danke an Valinja und Fizban für die Ausleihung des Charakters Caladúneth. Für alle, die auch mal gerne erfahren wollen, wo der Chara her kommt, kann ich nur empfehlen mal die Storys „Fallende Engel" und „Die, die wir lieben" zu lesen. Am besten auch in dieser Reihenfolge. Beides sind Geschichten von Valinja und Fizban.

Auch möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich in einigen Szenen beim Drehbuch von Peter Jackson bedient habe. Diese Handlungen bzw. Dialoge gehören selbstverständlich Peter Jackson und seinem Team. Ich hoffe, es ist mir gelungen, die entsprechenden Passagen logisch in die Handlung einzubauen.

Meneg suil

Naurelen

Saurons Schatten

Das Frühjahr ging vorüber und wich einem strahlenden Sommer. Die Äcker standen in voller Blüte und versprachen eine reiche Ernte im Herbst. Zur Sommersonnenwende erschien ein Bote der Wachpatrouille bei uns. Anordil und ich waren in der Bibliothek und saßen über den Handelslisten, die wir aus Ost-in-Edhil erhalten hatten. Der Bote grüßte knapp, als er eintrat.

„Mithrandir hat die Grenzen zu Cillien überschritten", meldete er, „er wird in wenigen Stunden hier sein." „Danke für die Nachricht", sagte Anordil, „wir werden ihn würdig empfangen." Dann verschwand der Bote. Ich saß wie vom Donner gerührt auf meinem Stuhl.

Mithrandir, Gandalf der Graue, kam nach Cillien! Mir wurde seltsam zu Mute. Gandalf war einer der Istari, ein Zauberer, mächtig und weise. Er würde auf den Grund meiner Seele blicken, wie Galadriel, und sehen, was ich wusste. Doch gerade er durfte nichts erfahren. Schließlich sollte er die Gemeinschaft der Neun mit Frodo zusammen anführen. Zögernd stand ich auf und ging zum Fenster.

„Ich möchte ihn nicht begrüßen", sagte ich nach kurzem Nachdenken mit fester Stimme zu Anordil, „es ist unhöflich von mir, ich weiß. Doch ich DARF ihm nicht begegnen." Ich spürte Anordils Blick in meinem Nacken. „Mithrandir ist ein alter Freund des Hauses, mein Onkel, wenn du es so nimmst", erklärte er mir, „ich sollte dich ihm vorstellen." Heftig drehte ich mich um. „Es GEHT nicht", sagte ich mit Nachdruck, „ich kann ihm JETZT nicht begegnen. Es wäre nicht gut." Ruhig sah er mich an. Dann nickte er zustimmend.

„Gut", lenkte er ein, „ich verstehe dich. Mithrandir wird einige Tage bleiben wollen. Ich werde dich zu Thinroval an die Grenze nach Dúnland schicken. Da ich ihm eh einen Boten senden wollte, kannst du diese Aufgabe übernehmen." Ich nickte dankbar. „Hier", sagte er und reichte mir eine Pergamentrolle von dem Stapel, der auf dem Tisch lag, „die Nachricht." „Ich werde solange bei Thinroval verbleiben, bis ich von dir höre", erwiderte ich, während ich mein Gewand raffte.

Er hauchte mir einen Kuss auf die Lippen. „Es wird nicht lange dauern", sagte er, „nicht länger, als unbedingt nötig möchte ich ohne dich sein." Ich erwiderte seinen Kuss und bedauerte schon jetzt, dass ich einige Tage ohne ihn sein musste.

Rasch begab ich mich in unsere Gemächer und tauschte meine safrangelbe Robe gegen die zweckmäßige Kampfgewänder der Elben. Sorgfältig prüfte ich jede Waffe, bevor ich sie an ihrem Platz verstaute. Es war keine Stunde vergangen, bis ich mir den leicht gewebten graugrünen Umhang über die Schultern schlang und meinen Kampfstab ergriff. Bevor ich das Haus verließ, sah ich noch im Küchengewölbe vorbei. In einem kleinen Proviantsack landeten einige in Blättern verpackte Rationen Lembas, ein frisches Fladenbrot vom Morgen, ein paar Rationen getrocknete Früchte, ein versiegelter Krug mit eingelegten Kirschen und etliche der herrlichen Früchtepasteten unserer Köchin. Über die letzten beiden Dinge würden sich Thinroval und seine Männer sehr freuen.

Nach dem ich den Wohnbereich hinter mich ließ, war ich schnell im angrenzenden Wald verschwunden. Auf einem kaum erkennbaren Pfad schritt ich der Grenze nach Dúnland entgegen. Ich wusste, dass Thinroval dort in den letzten Monaten öfters Kontakte mit Orks hatte. Wenn ich schnell ging, würde ich das Lager in der Abenddämmerung erreichen.

So war es auch. Nimbrethil, ein junger Elbenkrieger hielt dort Wache. Sein nahezu weißes Haar hatte ihm den Namen eingebracht. Trotzdem verschmolz er beinahe mit der Umgebung, was mit an der in Waldtönen gehaltenen Rüstung lag. Er blinzelte mir erstaunt entgegen und grüßte mich, in dem er seine Hand auf die Brust legte und den Kopf leicht neigte. „Brennil Arwen – Herrin Arwen", sagte er verwundert, „was führt euch an die Grenze?" Ich erwiderte seinen Gruß. „Ich habe eine Botschaft für Hauptmann Thinroval", sprach ich. „Hauptmann Thinroval ist mit den Männern weiter hoch ins Gebirge", erklärte Nimbrethil, „es gab gestern einen Zusammenstoß mit Orks am Hirschpass. Er wird aber wohl bald zurückkehren." Er stützte sich dabei leicht auf seinen Bogen.

„Ich warte", sagte ich und ging in die Unterkunft. Diese bestand aus einigen natürlichen miteinander verbundenen Höhlen, die auf halber Höhe des Gebirges aus dem Fels gewaschen waren. Der Eingang wurde durch dicht hängende immergrüne Ranken verborgen. Die größte Höhle diente als Aufenthaltsraum. Dort war das Feuer und dort wurde gekocht, erzählt und sich entspannt. Die drei kleineren Höhlen daneben dienten als Vorratskammer, Schlafsaal für die Krieger, die nicht auf Wache waren und Rüstkammer.

Ohne große Umstände breitete ich meine Decke auf einen der freien Plätze im Schlafbereich aus und legte meinen Rucksack sowie meinen Umhang darauf. Die Waffen nahm ich mit in die Haupthöhle. Dort gab es ein Gestell, auf dem man diese ablegen konnte. So waren sie in Griffweite. Dann nahm ich den Proviantbeutel und ging zur Vorratskammer. Prüfend glitt mein Blick über die wenigen Regale. Aber ich zögerte. Einerseits konnte ich bereits mit den Vorbereitungen für das abendliche Mahl beginnen, andererseits wusste ich, dass ich keine gute Köchin war. Meine bisherigen Versuche in dieser Richtung endeten meist mit einem nicht zumutbaren lukullischen Desaster, abgesehen von ein paar ganz einfachen Rezepten, die selbst ein kulinarischer Dummkopf wie ich fertigbringen konnte. Da ich mich bei Thinroval und den Kriegern auf diesem Posten nicht unbeliebt machen wollte, beließ ich es dabei meine mitgebrachten Köstlichkeiten einfach zu den anderen Vorräten dazu zu stellen.

Um die Wartezeit zu verkürzen, ging ich zu Nimbrethil zurück. Schweigend hielten wir nun zusammen Wache. Es dauerte jedoch nicht lange, bis Thinroval eintraf. Als er mich neben seiner Wache erblickte, stutze er. „Sei gegrüßt, Arwen", sagte er überrascht, „warum schickt Anordil dich persönlich hierher?" „Ich wollte mir mal wieder die Füße vertreten", antwortete ich mit einem breiten Lächeln, „im Gepäck habe ich eine Botschaft für dich und ein paar Pasteten, die ich der Köchin stibitzt habe." Er lächelte. „Auf letztere freue ich mich bereits", sagte er und wies mit einer Hand in die Höhle.

Dort am Feuer übergab ich ihm die Botschaft Anordils. Während er diese las, trafen weitere Krieger seiner Einheit ein. Zwei von ihnen machten sich an die Vorbereitungen für das Nachtmahl. Ohne viel Aufhebens ging ich ihnen zur Hand. Gemüse putzen und kleinschneiden konnte sogar ich. Es gab einen Eintopf aus verschiedenen Gemüsen, angereichert mit vielen Pilzen. Dazu das Brot, welches ich heute morgen der Köchin entwendet hatte. Zum Schluß die zwar kalten, aber immer noch köstlichen Früchtepasteten.

Danach teilte Thinroval die Einheiten für die Nacht und den nächsten Tag ein. Mir wurde die Ehre zuteil mich um die Sicherheit des Lagers zu kümmern. Keine große Aufgabe, aber auch diese musste erledigt werden. Er erzählte viel an diesem Abend, hauptsächlich um mir ein Bild zu geben, was an der Grenze vor sich ging. Immer wieder erwähnte er Orkangriffe. Besonders, dass diese immer dreister wurden und er berichtete von den ersten Flüchtlingen, die sich aus Dúnland nach Norden schlagen wollten. Einstige Rohirrim, die sich als Bauern im Grenzgebiet niedergelassen hatten, sowie Dúnländer, die seßhaft waren. Es waren meist kleine Familien, die nichts bei sich hatten außer ihrem Leben und vielleicht einer Handvoll Habseligkeiten. Nicht einmal ein Stück Vieh war ihnen verblieben. Das einzige was Thinroval tun konnte, war, sie sicher zum nächsten Grenzabschnitt zu geleiten. Entlang der Grenze zu Cillien konnten sie recht sicher bis nach Tharbad gelangen, der nächst größeren Stadt.

Die Nacht verlief ruhig, wie auch die nächsten Tage. Einzig das Wetter schlug um. Dichte Wolken trieben über das Gebirge. Nieselregen setzte ein und verwandelte den Boden in klebrigen Schlamm. Selbst den Elben wurde es unangenehm. Ich sehnte mich nach einem schönen heißen Bad. Doch es vergingen noch einmal drei Tage stetigen Regens, bis endlich ein Bote Anordils eintraf. Völlig durchnäßt trocknete er erst einmal seine Gewänder am Feuer, während er mit mir sprach. Diskret blickte ich in der Zwischenzeit weg.

„Herr Anordil sagt, eure Anwesenheit ist von Nöten", sagte er, „daher schickt er mich an die Grenze. Ich soll euren Platz hier einnehmen und Hauptmann Thinrovals Einheit verstärken." Ich nickte ohne eine Regung erkennen zu lassen. Gefühlsausbrüche werden nicht unbedingt von jedem Elb verstanden. Ich hatte in den letzten Jahren gelernt diese zu kontrollieren und den elbischen Gepflogenheiten anzupassen. Obwohl es mir nicht gerade leicht fiel.

Thinroval sah mir in die Augen. Er wusste Bescheid, zumindest ahnte er etwas als einer der wenigen. Schließlich gehörte er zu Anordils engsten Vertrauten. Er nickte nur zustimmend. „Es ist besser, wenn du im Morgengrauen aufbrichst", sagte er zu mir, „dann kannst du auch noch meine Berichte für Anordil mitnehmen." „Gut", nickte ich zustimmend, denn ich hatte wenig Lust bei strömendem Regen durch die Nacht zu wandern, „dann räume ich meinen Platz im Schlafbereich. Ich kann hier vor dem Feuer schlafen." Was mir nur Recht war. Es war zwar unbequemer, dafür wesentlich wärmer und trockener und bevor ich mich durch den Dauerregen machte, wollte ich mich wenigstens ordentlich durchwärmen. Vielleicht hielt es ja ein bisschen an.

Noch vor Morgengrauen war ich wach. Der felsige Untergrund pikste erbarmungslos in meinen Rücken. Das Feuer war herunter gebrannt. Nur eine schwache Glut schwelte vor sich hin. Ich schürte es wieder hoch und hing einen Kessel mit Wasser in den Haken darüber, der von der Decke hing. Diejenigen, die nun bald erwachten würden sich über einen heißen Tee sehr wohl freuen. Dies war auch eines der Dinge, die ich zubereiten konnte. Ich warf ein Säckchen mit Kräutern in das heiß werdende Wasser. Mit geschlossenen Augen sog ich den belebenden Duft ein, der davon aufstieg.

Thinroval brachte mir eine lederne Röhre mit seinen Berichten drin. „Hier", sagte er, „Anordil wird nicht erfreut sein. Aber ich kann es nicht ändern. Die Orks werden immer frecher." Er nahm einen Becher heißen Tees und reichte ihn mir. „Danke", entgegnete ich, „ich werde unterwegs etwas Lembas essen. Ich möchte die Dämmerung noch ausnutzen." „Ich begleite dich ein Stück", antwortete Thinroval, „wir haben vor einigen Wochen Orks in der unteren Schlucht entdeckt." „In der unteren Schlucht", fragte ich, „da mussten sie doch an euch vorbei? Wie konnte das geschehen?"

Thinroval verzog sein Gesicht. „Wir können nicht überall sein", knurrte er, „leider waren sie bei einem nächtlichen Angriff entkommen. Nur so konnten sie in die Schlucht gelangen. Aber sie kamen dort nicht hinaus. Die Schlucht wurde ihr Verderben." Ich verstaute währenddessen die Lederröhre in meinem Rucksack und schulterte meinen Bogen. Thinroval reichte mir den Kampfstab. Dann verließen wir die Höhle. Draußen war es dämmerig. Dichte Nebelschwaden zogen vom Gebirge herunter und brachten viel Feuchtigkeit mit, die unaufhaltsam in meine Gewänder kroch.

„Diese Orks vermehren sich wie Maden auf einem Geschwür", sagte er, als wir den Pfad bergab gingen, „bald werden wir ihrer kaum noch Herr. – Und die meisten kommen von Süden." Ich starrte ihn an. „Im Süden liegt Orthanc", murmelte ich. Er nickte.

„Der weiße Zauberer ist blind geworden, dass er dieses Geschmeiß in der Nähe seines Turmes duldet", entgegnete er. Ich schwieg. Es lag nicht an mir, die Rolle Sarumans offen zu legen. Thinroval deutete mein Schweigen als Zustimmung. „Wir werden weiterhin wachsam sein", sagte er, dann erreichten wir die Talsohle. „Die Pfade hier unten sind sicher, trotzdem passe auf dich auf", mahnte er mit strenger Stimme, „wir sind zwar wachsam, doch ab und an kann auch uns etwas entwischen." „Natürlich", antwortete ich, „keine Sorge, ich werde vorsichtig sein. Cuio vae, Thinroval." Schweigend winkte er mir hinterher, als ich dem Pfad weiter folgte.

Die Wolken lichteten sich jedoch kein bisschen, je weiter der Morgen fortschritt. Unaufhaltsam tröpfelte es aus einem bleigrauen Himmel. Als ich den Wohnbereich der Enklave erreichte, war ich völlig durchnässt. Ich dankte den Göttern, dass ich ein paar Tröpfchen Elbenblut besaß, denn diese schützten mich vor den meisten gängigen Krankheiten. Seit ich Mittelerde betreten hatte, hatte ich keine Erkältung mehr gehabt. Trotzdem war ich durchgefroren und meine Gewänder klebten an mir. Anordil befahl sofort ein heißes Bad für mich herzurichten. Erst als ich gemütlich im Wasser saß und langsam auf Normaltemperatur kam, berichtete er von Gandalfs Besuch.

„Gandalf kam kurz nachdem du die Enklave verlassen hattest", erzählte er, „er kam aus Südosten aus Gondor und querte das Nebelgebirge. Viel hat er gesehen und vieles ist ihm zu Ohren gekommen. Dunkle Mächte strecken ihre Fühler nach den Ländern der Freien Völker Mittelerdes."

„Das ist nichts Neues", warf ich ein, „was war der eigentliche Anlass seines Besuches?" Anordil sah mich düster an. „Er ist auf der Suche nach jemanden, der einmal zum Flussvolk gehörte und den er Gollum, oder auch Sméagol, nannte", sagte er, „jeder Hinweis auf dessen Aufenthaltsort sei ihm wichtig. Man munkelt, Orks hätten ein Geschöpf gefangen, auf welches seine Beschreibung passen würde und hätten es nach Mordor gebracht in die einstige Feste des dunklen Herrschers. Gandalf will versuchen ihn zu befreien, bevor er Dinge ausplaudert, die nicht gesagt werden sollten."

Ich blieb erstarrt im Wasser liegen. Gollum! Rasch überschlug ich die Jahreszahlen. Bei Belennus, durchzuckte es mich, es ist bereits das Jahr 3016, welches sich dem Ende neigt! In meinem Kopf ordnete ich die Daten. Gollum war bereits in Gefangenschaft und Gandalf würde zu spät kommen.

„Es ist bereits zu spät", entfuhr es mir erschrocken, „Gandalf wird nicht rechtzeitig kommen. Ist er alleine?" Anordil schüttelte den Kopf. „Nein", sagte er, „Luvalaes begleitet ihn. Gandalf hat ebenfalls die Waldläufer aus dem Westen auf Gollums Fährte gesetzt. Auch die großen Adler halten Ausschau nach diesem Geschöpf."

„Auch Luvalaes wird nichts mehr ändern können", flüsterte ich, „was hat Gandalf noch gesagt?" „Er war etwas enttäuscht, dass er meine Gemahlin nicht kennenlernen konnte", lächelte Anordil, „ansonsten hat er mir eine Standpauke gehalten." Überrascht blickte ich ihn an. Er seufzte. „Seit ich dich kenne, habe ich ein bisschen zuviel mit meinen Kräften gespielt", erklärte er, „die Valar sind nicht erfreut darüber und auch die Istari nicht. Gandalf hat mir den Ratschlag gegeben, mit meinen Kräften besser zu haushalten."

„Er hat dir verboten zu zaubern", fragte ich schockiert. „Nicht ganz", erwiderte er, „ich darf nur einige Zauber vorerst nicht mehr ausüben." „Nun denn", seufzte ich, „es wird nichts am Lauf des Schicksals ändern. Es ist vorbestimmt." Ich tauchte unter und spülte die Seife aus meinen Haaren.

Die nächsten Monate verliefen ruhig. Beinahe vergaß ich den bevorstehenden Krieg, während mich der trügerische Friede in Cillien einlullte. Unsere Zeit war ausgefüllt mit allerlei Arbeit. Da Glordoron noch in Forlond weilte, lastete alles auf Anordils Schultern.

Der Herbst kam und brachte reiche Ernte. Das Gesinde in der Küche arbeitete von früh bis spät um die ganzen Köstlichkeiten haltbar zu machen. Meine Alpträume kamen immer häufiger und quälender. Anordil musterte mich oft besorgt. Doch er konnte mir nicht helfen. Ich musste alleine mit ihnen fertig werden. Eines Morgens erwachte ich bereits sehr früh. Draußen war noch alles dunkel. Ich schlang mir einen wärmenden Umhang um und ging auf die Terrasse. Der Nachtwind wehte kühl. Er kündigte einen frühen Winter an.

Ich schaute hinauf zu den Sternen. Sie blinkten und glitzerten. „Wo mag wohl Luvalaes jetzt stecken", murmelte ich fragend vor mich hin. Eine Hand legte sich auf meine Schulter. „Du brauchst dich um ihn nicht zu sorgen", hörte ich Anordils warme Stimme, „ihm geht es gut." Ich drehte mich um. „Wir haben seit dem Sommer keine Nachricht von ihm", sagte ich. „Solange er keine sendet, ist alles in Ordnung", beruhigte mich Anordil, „er kann gut auf sich aufpassen." „Mordor ist nicht unbedingt ein Spaziergang", warf ich ein, „was ist, wenn die Orks ihn gefangen haben?"

Anordil schüttelte den Kopf. „Dann hätte er mir einen Gedanken gesandt", konterte Anordil, „du vergißt, dass Luvalaes und ich uns mit unseren Gedanken verständigen können." Entnervt sah ich ihn an. „Dann sende ihm einen Gedanken", forderte ich ihn auf, „ich möchte nur wissen, ob es ihm gut geht und ob sie Gollum schon gefunden haben." Aufseufzend nahm Anordil mich in die Arme und drückte mir einen Kuss auf die Lippen.

Dann wandte er sich der Balustrade zu. Ich sah, wie sein Blick leer wurde. In weite Ferne schien er entrückt. Ohne sich zu rühren stand er da. Nach einer Weile bewegte er sich wieder.

„Luvalaes geht es gut", sagte er, „Gandalf hat ihn nach Minas Tirith geschickt. Er soll sich dort umsehen, den Truchsess im Auge behalten und auf Gandalf warten. Dieser will sich in Calmirie im östlichen Teil Rohans mit Elessar treffen. Von dort aus wollen sie einen Weg nach Mordor suchen, um Gollum in die Hände zu bekommen. Gandalf hat vor ihn nach Düsterwald bringen zu lassen, wo er gefangen gehalten werden soll."

Ich wandte mich ab und schaute in die Dunkelheit. „Sie werden Gollum nicht finden", sagte ich leise, „jedenfalls nicht in Mordor." Anordil sah mich fragend an. Ich biss mir auf die Lippen. Dann schüttelte ich den Kopf. „Schon wieder zu viel verraten", mahnte ich mich selbst, „es tut mir leid, Anordil." „Es ist in Ordnung", erwiderte er, „lass uns wieder hineingehen. Die Nacht ist zu kühl für dich." Tatsächlich fröstelte es mich ein wenig. Wortlos folgte ich ihm in unsere Gemächer, wo ich mich vor das Feuer setzte, was er im Kamin entfachte.

In der nächsten Zeit wanderte ich oft unruhig hin und her. Verbissen stürzte ich mich in die Arbeit. Dort suchte ich Ablenkung von meinen Gedanken. Doch selbst beim Schwerttraining wirkte ich unkonzentriert. Mehr als einmal ermahnte mich Thinroval doch besser auf meine Deckung zu achten. Aber meine Gedanken waren bei Luvalaes und Gandalf.

Immer wieder überschlug ich was ich von den kommenden Ereignissen wusste. Mit Argusaugen verfolgte ich jeden Tag und jede Meldung, die Cillien erreichte. Aber kein Hinweis auf Luvalaes oder Gandalf.

Wie ich schon vermutet hatte, brach der Winter früh herein. Heftige Schneestürme zwangen selbst die wetterfesten Elben in der Enklave zu verbleiben. Nur die Wacheinheiten versahen ihren Dienst an der Grenze. Die Stürme hielten knapp drei Wochen an. Dann mäßigte sich das Wetter. Ab und an zeigte sich sogar ein blauer Himmel mit einer kalten Sonne. Ich verließ das Gebäude kaum noch. Es war viel zu kalt. Selbst innerhalb der Räume hüllte ich mich in dicke Winterfelle.

Gegen Mittwinter kehrte Glordoron aus Forlond zurück. Die Häuser hatten sich in der Zwischenzeit mit der Verbindung ihrer Kinder abgefunden. Glordorons Vermittlung wurde nicht mehr benötigt. Viel Neues konnte er nicht berichten. Orkhorden zogen über das Land. Merkwürdige Dinge geschahen in manchen Gegenden und eine unerklärliche Spannung legte sich über Mittelerde. Oftmals begegnete er auf seinem Weg missgestalteten Wesen, die das Tageslicht scheuten. Eine Beobachtung, die sich mit denen der Wächter an den Grenzen deckte.

Die Zeit verging rasch. Der Winter zog vorüber und wich einem eher mäßigen Frühjahr. Zu Beginn des Sommers kehrte Luvalaes zurück. Er brachte Kunde aus Gondor. Erfreut schlossen wir ihn in die Arme. Am Abend saßen wir in kleiner Runde zusammen. Dann erzählte er.

„Nach dem ich mich von Gandalf getrennt hatte, führte mich mein Weg nach Minas Tirith", berichtete er, „dabei traf ich auf ungewöhnlich viele Menschen, Flüchtlinge aus Ithilien. Dort hatte es etliche Übergriffe von Orkgruppen gegeben. Die Menschen fühlen sich dort nicht mehr sicher und strömen in die großen Städte." Er nippte an seinem Becher Wein.

„Mit einer dieser Gruppen gelangte ich nach Minas Tirith", fuhr er fort, „die Stadt ist bereits im Ausnahmezustand. Unbemerkt konnte ich jedoch bei Tjann Grünauge Unterschlupf finden. Er hat es tatsächlich geschafft mit seiner kleinen Familie in die Hauptstadt zu gelangen. Im vierten Ring hat er ein kleines Gasthaus."

„Wie geht es ihm und seiner Frau", fragte ich dazwischen. Luvalaes lächelte sanft. „Sehr gut, Ariana hat Tjann einen gesunden Jungen geboren", berichtete er, „er heißt Tarim und wird bald einen Sonnenlauf alt werden." „Oh", entfuhr es mir überrascht, „das freut mich für die beiden." Ein schaler Geschmack lag auf meiner Zunge. Mühsam schluckte ich es hinunter. Ich musste mich endlich damit abfinden, keine Kinder zu bekommen, schalt ich mich in Gedanken.

„...so oft es geht im Schwertkampf", hörte ich Luvalaes, „er bereitet sich auf einen Krieg vor. Und so wie ich das sehe, wird das nicht mehr lange dauern." Er kostete erneut von dem Wein. „Ich traf Gandalf dann zu Mittwinter", erzählte er weiter, „er nistete sich in der großen Bibliothek ein und kam mehrere Tage nicht zum Vorschein. Dann stürmte er heraus. Er war sehr aufgeregt. Bevor er überstürzt abreiste, gab er mir den Befehl, den Truchsess so lange als möglich zu beobachten. Dann verschwand er." Lässig nahm er sich von dem geschnittenen Obst, welches unser Mahl abrundete.

„Ich blieb bis Denethôr den Befehl gab, Gondors Grenzen zu schließen", sagte Luvalaes, „Orks griffen immer wieder von Südosten aus an. Doch noch haben sie Osgiliath nicht erreicht. Es gelang den Gondorianern, die Orks in die Schranken zu weisen. Gleichzeitig befahl der Truchsess das Land abzuriegeln. Kein Wesen sollte mehr den Fuß auf Gondors Boden setzen. Ich hörte Gerüchte, dass jeder getötet werden soll, der unbefugt die Grenzen überschreiten sollte. Umkehrt würde es wohl nicht mehr möglich sein Gondor zu verlassen, daher suchte ich schleunigst einen Weg aus der Stadt. Tjann half mir auch dabei."

„Und was ist mit Elessar", fragte ich, „hast du etwas von ihm gehört?" Luvalaes nickte. „Ich traf einen dúnländischen Waldläufer in Onodrith an der Ostfold Rohans. Er hatte Elessar ein Stück des Weges begleitet", erzählte er, „dieser berichtete, dass Elessar ein merkwürdiges Geschöpf nach Düsterwald brachte, welches ständig vor sich hin brabbelte und dabei immer wieder ‚gollum, gollum' ausstieß."

Erleichtert atmete ich auf. Anscheinend verlief bisher alles, wie Tolkien es berichtet hatte. Bisher hatte meine Anwesenheit oder die von Tjann keinen Einfluss auf die Geschichte. Mal sehen, ob dies auch weiterhin gut ginge. Luvalaes erzählte noch eine Weile. Was er berichtete war düster. Wir konnten jedoch nichts anderes tun, als weiterhin wachsam zu sein und auf neue Nachrichten zu warten. Leider war Geduld etwas, dass nicht unbedingt zu meinen Tugenden gehörte. Doch ich beherrschte mich. Schließlich war es niemandem dienlich, wenn ich zu viel von dem preisgab, was ich wusste.

Der Sommer ging rasch vorbei und wich einem strahlenden Herbst. Ich hatte mich in mein kleines Refugium in der Bibliothek zurückgezogen und las in einem alten Pergament, als Anordil herein kam. Er blieb neben dem Regal stehen. Erwartungsvoll sah ich ihn an. „Komm mit, meine Sonne", sagte er freudig, „ein Bote aus Lórien wird in Kürze eintreffen." Was mochte Galadriel wohl für Neuigkeiten schicken, fragte ich mich. Doch ich nickte stumm und folgte ihm in unser Gemach. Dort machte ich mich rasch frisch und zog ein sauberes Gewand über, bevor ich im Küchengewölbe vorbeiging, um mein vergessenes Frühstück hinunter zu schlingen. Danach ging ich in Glordorons Arbeitsraum. Dort erwarteten wir den Boten.

Zu unserer Überraschung war es Caladúneth, die aus Lórien heimkehrte. „Ich bringe Grüße von der Hohen Herrin Galadriel", sagte sie, nachdem sie uns höflich begrüßt hatte, wie es ihre Art war. „Was gibt es Neues im goldenen Wald", fragte Glordoron, „seit meiner Rückkehr aus Forlond habe ich von dort nichts mehr gehört." Caladúneth neigte ihr Haupt. Auf ihrem Reisegewand waren Flecken. Die Reise muss unangenehm gewesen sein. Auch in ihrem Haar hatten sich einige Blätter verirrt.

„Herrin Galadriel wurde von Gandalf über die Gefangennahme des Geschöpf Gollum benachrichtigt", erzählte sie, „sie stellte Elessar am Rand des goldenen Waldes eine Eskorte zur Verfügung, die ihn und dieses Wesen nach Düsterwald begleiten sollte. Kurz danach hielt sie Zwiesprache mit Herrn Elrond von Imladris." Dankbar nahm sie den Kelch mit Wasser, den ich ihr reichte. Sie nippte kurz daran.

„Sie kamen darüber überein, die Freien Völker Mittelerdes zum Großen Rat nach Imladris zu laden", fuhr sie fort, „die Benachrichtigung Denethôrs von Gondor gestaltete sich schwierig. Die Grenzen sind seit einiger Zeit verriegelt. Nicht einmal eine Maus kann ungesehen auf gondorianischen Boden gelangen. Ob es Galadriel gelungen ist, einen Boten zu schicken, ist mir nicht bekannt. Ich verließ Lórien, bevor Nachricht aus Gondor eintraf. Zumal selbst das elbische Nachrichtensystem aus dieser Richtung stark eingeschränkt ist."

„Wer wurde zum Rat berufen", fragte ich dazwischen. Cala sah mich an. „Es ging Nachricht an Denethôr von Gondor, Thranduil vom Düsterwald, den Fürsten von Dol Amroth und Forlond sowie den Herrschern der kleineren Elbenenklaven. Dann noch an Théoden von Rohan, einigen anderen menschlichen Fürsten und an den König der Zwerge in den Blauen Bergen", sagte sie, „sie werden wohl nicht alle ihre Boten schicken, doch die meisten werden anwesend sein." „Von Cillien wird ...", begann Glordoron. „Mit Verlaub, edler Glordoron", unterbrach Caladúneth ihn jedoch entschieden, „die Herrin Galadriel wünscht keinen Boten unserer Enklave beim Großen Rat. Sie hat ihre Gründe. Allerdings würde sie es begrüßen, wenn Cillien sich bei den Entscheidungen Lóriens Rat beugt."

Glordorons Augen hatten sich verdunkelt. Es war ihm anzusehen, dass er es gar nicht mochte, von Galadriel so behandelt zu werden. Doch er gab nach. „Ich hoffe, Galadriel weiß was sie tut", stieß er hervor, „allerdings werde ich entgegen ihres Rates einen Boten nach Imladris schicken. Er muss nicht am Rat teilnehmen, aber er wird mir Nachricht über den Verlauf bringen." Cala beugte sich nach vorne.

„Es wäre ratsam nicht selber zu gehen und das Haus Glordoron nicht offensichtlich in Erscheinung treten zu lassen", raunte sie. „Was schlägst du vor", fragte Anordil unverblümt. „Schickt mich", sagte sie, „ich könnte Arwen Undómiel besuchen. Dies wäre ein willkommener Vorwand." Glordoron nickte zustimmend.

„Das ist eine gute Idee", bestätigte er, „ruhe dich aus. Den Weg nach Imladris solltest du vor Beginn des Winters zurücklegen." „Mit deiner Erlaubnis werde ich in fünf Tagen aufbrechen", sagte sie. „In fünf Tagen", bestätigte Glordoron, „bis dahin bist du von deinen Aufgaben entbunden. – Heerführer Baragond und Nelliel, bitte bleibt noch hier. Ich habe noch einige Fragen." Für die anderen war der Rat beendet. Wir verließen den Raum.

„Ich würde mich gerne erst einmal baden", sagte Cala entschuldigend, während wir sie herzlich umarmten. „Ich denke, Anigel hat bereits das Bad bereitet", sagte ich lachend, „es ist schön, dass du wieder hier bist." „Das finde ich auch", unterbrach uns Anordil, „vielleicht hast du Lust auf einen kleinen Jagdausflug zu gehen?" Cala sah ihn mit leuchtenden Augen an. „Gerne", erwiderte sie, „doch erst in drei Tagen. Ich möchte mich erst ein wenig entspannen." Anordil nickte.

In den nächsten Tagen verbrachten wir viel Zeit mit Cala. So lernte ich die Elbin wirklich kennen. Hinter der teilweise kalten Fassade verbarg sich eine warmherzige, offene Persönlichkeit, die neugierig und ohne Vorbehalt ihren Weg ging. Am dritten Tag brachen Anordil und Cala zu einem Jagdausflug an die Grenze auf. Bei dieser Gelegenheit wollten sie die Grenzwachen aufsuchen.

In der Morgendämmerung des vierten Tages wurde ich durch Lärm geweckt. Laute Rufen hallten durch die Stille. Erschrocken sprang ich aus dem Bett und schlüpfte schnell in Hose und Tunika. Dann eilte ich hinaus. Auf den Gängen herrschte Chaos. Elben rannten an mir vorbei mit Bögen in der Hand. Der langgezogene Ton eines Horns schallte durch Cillien. Wir wurden angegriffen!

Ich lief hastig in unser Gemach und schnallte mir in Windeseile Schwertgurt und Köcher um. Den Bogen spannte ich sorgfältig, bevor ich nach draußen rannte. Ich schloss mich Thinroval an, der mit lauter Stimme Befehle schrie. Erst vor wenigen Wochen war er von der Grenze heimgekehrt. Als er mich sah, hielt er mich am Arm zurück.

„Kümmere dich um Cala", wies er mich an, „sie wurde verletzt. Anordil brachte sie in das Haus der Heilung. Gehe Mallenloth zur Hand. Bis hierher wird vermutlich keiner kommen. Die Enklave ist abgeriegelt. Sorge dafür, dass die anderen Verwundeten auch versorgt werden können." Ich nickte.

Aufmerksam nach allen Seiten schauend, ging ich zum Haus. Dort suchte ich das Haus der Heilung auf. Dort herrschte reges Treiben. Bedienstete hasteten mit Eimern voll heißem Wasser herbei. Auf der einen Seite, halb verdeckt durch einen leichten Vorhang, entdeckte ich Mallenloth. Sie hatte ihr Haar streng nach hinten geflochten. Blut bedeckte ihre Arme.

Ich stellte den Bogen in Reichweite ab und schaute hinter den Vorhang. Auf einer hohen Pritsche lag Cala. Blutüberströmt, bleich wie der Tod. Mallenloth arbeitete fieberhaft um die Blutung zu stillen. „Ich brauche eine Hand", sagte sie, ohne sich umzudrehen, „wasche dir die Hände in diesem Kräutersud dort. Dann drücke hier auf die Ader." Ohne ein Wort zu verlieren, folgte ich ihrer Anweisung.

Als mein Finger auf der Ader lag, spürte ich das Zittern derselben. „Sie wird überleben", antwortete Mallenloth auf meine stumme Frage, „es hat sie schwer erwischt, aber sie wird es überleben." Ruhig arbeitete sie weiter. Minuten dehnten sich unendlich. Aufmerksam folgte ich Mallenloths Anweisungen. Dann waren die Wunden Calas versorgt und Mallenloth eilte zum nächsten Verwundeten. Der Kampflärm draußen war seit einiger Zeit verhallt.

Als ich hinaus ging dämmerte es bereits. Ein neuer Tag brach an. Von der Grenze kehrten unsere Krieger zurück. Auch Anordil war darunter. Seine Jagdgewänder waren voller Blut, eigenes und orkisches. Aber er war nur leicht verletzt. Er ließ sich seine Wunden versorgen, bevor er Glordoron aufsuchte.

„Anordil, schicke einen Falken an Elrond von Imladris", wies Glordoron an, „wir werden keinen Boten zum großen Rat schicken, denn wir beugen uns Lóriens Entscheidung. Setze ihn von dem Angriff in Kenntnis." „Ja, Vater", entgegnete Anordil. Dann wandte sich Glordoron zu Baragond. „Die Wachen an den Grenzen werden verstärkt", befahl er, „ich will über jede Bewegung dort informiert werden." Schließlich drehte er sich zu mir. „Wie geht es Caladúneth", fragte er mehr als besorgt.

Anordil schaute mich beunruhigt an. „Ihr geht es soweit gut", antwortete ich, „Mallenloth ist sich sicher, dass sie die Verwundung überstehen wird und wieder gänzlich genesen wird. Allerdings erst in einigen Wochen." Erleichterung sprach aus Anordils Gesicht. Glordoron nickte wohlgefällig. „Gut", brummte er, „ich hätte nicht gewusst, was ich Thranduil oder Legolas hätte sagen sollen."

Überrascht blickte ich in die Runde. Baragond hatte bereits den Raum verlassen, desgleichen Nelliel. Nur Anordil und ich saßen noch dort. „Thranduil", fragte ich, „Legolas? Was haben die beiden denn mit Cala zu tun?" Anordil seufzte verhalten. „Cala ist die Tochter von Legolas", sagte er leise. Wie vom Donner gerührt blieb ich sitzen. „Was? Wie kann denn Cala...", entfuhr es mir.

„Es ist lange her", unterbrach mich Anordil, „zu Beginn des Zweiten Zeitalters kehrte unsere beste Kriegerin und Diplomatin Thurinil aus einer Schlacht nach Cillien zurück – schwanger von Thranduil, der davon nichts ahnte. Für beide war es nur eine Episode gewesen. Nichts, wofür man den Bund eingeht. Thranduil war zu dieser Zeit bereits gebunden. Und er ahnte auch nicht, dass Thurinil von ihm ein Kind erwartete. So brachte sie ihre Tochter Gwiwileth hier in Cillien zur Welt. Thurinil starb jedoch zweihundert Jahre später. Gwiwileth wuchs zu einer intelligenten, scharfsinnigen Elbin heran. Nelliel nahm sie bald unter ihre Fittiche und brachte ihr alles bei, was eine Diplomatin wissen muss. Im Jahr 553 des Dritten Zeitalters schickte mein Vater sie nach Düsterwald. Eine fatale Entscheidung. Legolas und Gwiwileth verliebten sich und zeugten eine Tochter – Caladúneth. Da Gwiwi schwanger war, wollten die beiden nicht die Verlobungszeit abwarten, sondern gingen zur Mitte der Schwangerschaft den Bund ein." Anordils Augen waren feucht.

Glordoron erhob sich und ging zum Fenster. Er schaute hinaus. „Als wir davon erfuhren, war es zu spät, um einzugreifen", fuhr er leise fort, „es gab nichts mehr, was wir tun konnten. Anordil brach auf, in der Annahme, es würde die Verlobungszeit eingehalten. Als er in Aradhrynd ankam, war die Tragödie bereits geschehen." Er verstummte. Sekunden dehnten sich unendlich.

„Was war geschehen", fragte ich vorsichtig. „Gwiwi hatte entbunden, ein paar Tage vor meinem Eintreffen", sagte er langsam, „direkt nach der Geburt hatte sie sich hinaus geschleppt. Legolas fand sie nahezu verblutet, mit einem Dolch in der Hand. – Sie wurde unter einem Baum begraben. Legolas hatte nicht die Kraft Cala mir anzuvertrauen, daher tat seine Mutter diesen Schritt. Ich nahm Caladúneth und verließ Düsterwald. Sie wuchs hier auf. Erst als sie alt genug war, erzählte ich ihr alles. Den Kontakt zum Düsterwald hielten wir nur durch Boten aufrecht. Daher war das Zusammentreffen mit Legolas vor einigen Sonnenläufen eher ungewöhnlich und er erkannte mich nicht sofort. Cala hat ihn jedoch bereits mehrfach getroffen. Sie halten Kontakt, wenn auch nicht offensichtlich, da Cala einer unsittlichen Verbindung entsprungen war. Keinem der betroffenen Häuser ist daran gelegen, die Verwandtschaft zwischen Cala und Legolas zu sehr zu offenbaren."

Schweigen hing im Raum. Cala war also die Tochter von Legolas! Was für eine Wendung. Was ich gehört hatte, musste ich erst einmal verarbeiten. Ich brauchte eine Zeit, um mir über das Gesagte klar zu werden. Cala gegenüber schwieg ich. Ich war mir nicht sicher, ob es ihr Recht war, eine weitere Person eingeweiht zu wissen. Allerdings vermutete ich stark, dass ihr eher daran gelegen war, die engere Verwandschaft zu Legolas nicht an die große Glocke zu hängen. Auch die Elben mit ihrer jahrhundertealten Weisheit sahen Inzest als Tabu an und ein Verstoß wurde in der Regel auch schwer geahndet. Das Legolas bisher davon verschont geblieben war, lag zum einen an der Verschwiegenheit des Hauses Glordoron, zum anderen an der Tatsache, dass Legolas königlicher Abstammung war. Für Cala schien es jedoch nicht nur wichtig zu sein, zu wissen, wer ihre Eltern waren. Den eher losen Kontakt, den sie zu Legolas aufrecht erhielt, tat ihr sogar noch eher gut.

So sah ich zwar Cala jetzt mit anderen Augen, aber ich zeigte es nicht. Vielmehr folgte ich ihrer Genesung. Es dauerte lange, bis sie wieder auf den Beinen war und am Kampftraining teilnehmen konnte. Aber Mallenloth bestand darauf, dass Cala sich nicht zu viel zumutete. Schließlich wusste sie, dass bald jede Hand, die ein Schwert führen konnte, gebraucht wurde.

Der Winter kam mit viel Kälte und hielt Mittelerde in eisigem Griff. Wir verließen die Enklave nur noch, wenn es unbedingt nötig war oder um die Wachen an den Grenzen abzulösen. Diese ertrugen die Unbill des Wetters mit stoischer Gelassenheit. Viele von ihnen hatten bereits den Fellwinter vor einigen Jahrhunderten miterlebt, daher erschien ihnen dieser Winter beinahe schon angenehm.

Aber auch dieser Winter ging zu Ende. Das Frühjahr kam allerdings nur langsam und zögerlich. Die Sonne hatte kaum Kraft, die grünen Grashalme aus der Erde zu locken. Auch die Nächte blieben noch ungewöhnlich kalt. Selbst zur Frühlingstagundnachtgleiche. Alban Eiler stand vor der Tür. Es füllte mich mit Sehnsucht, während ich grüne Kränze wand und Eier rot färbte. Auf die schönen Muster, die Sinéad jedes Jahr auf die Schalen malte verzichtete ich. Dafür hatte ich kein Talent. Für einen Moment hielt ich inne und schaute in die Ferne.

Wie mochte es ihnen jetzt ergehen? Für mich gab es keine Möglichkeit mehr zurück. Aber ich sehnte mich nach ihnen. Nicht, das mir das Leben in Cillien nicht gefiel, doch ich blieb ein Mensch unter all den Elben. Manchesmal zog es mich ins Küchengewölbe zu den anderen Menschen. Allerdings blieb ich dort nie lange. Ich wusste, dass sie insgeheim aufatmeten, wenn ich wieder ging. Schließlich gehörte ich nicht zu ihnen, sondern war de facto ihre Herrin. Ein Stand, der mir missfiel, doch hier in Mittelerde gehörte es zum täglichen Leben.

Mehr aus dieser stillen Sehnsucht heraus hielt ich fest an den keltischen Bräuchen, die mein Leben begleitet hatten. Anordil tolerierte mein Tun. Allerdings übertrug ich die Zubereitung der Speisen zu Alban Eiler lieber an Nibenchuku. Meinen Kochkünsten vertraute ich nicht. Allerdings verzichtete ich auf das obligatorische Opfer an die Götter. Die Elben, außer Anordil, der die Riten kannte, würden es nicht verstehen. Folglich beschränkte ich mich auf ein bisschen Wein, dass ich vergoß. Dabei bat ich die Götter um Vergebung.

Es war etwa drei Wochen nach Alban Eiler, als ich eines Nachts hoch schrak. Ein langgezogener, gequälter Schrei hatte mich geweckt. Ich lauschte in die Dunkelheit, doch ich hörte nichts mehr. Ich streifte das Gewand über, welches ich am Abend nur achtlos auf den Boden hatte gleiten lassen. Barfüssig schlich ich mich hinaus, wohlwissend, dass Anordil mich doch gehört hatte.

Es war kühl, obwohl das Frühjahr schon weit fortgeschritten war. Nach dem irdischen Kalender hatten wir Mitte April. Von draußen hörte ich nur ein Käuzchen rufen. Ich schlich ins Küchengewölbe. Hier schwelte ein bisschen Glut in der Feuerstelle. Gerade so viel, dass am Morgen das neue Feuer entfacht werden konnte. In der Kanne auf dem Tisch befand sich noch ein Rest kalter Tee. Ich goss ihn in einen tönernen Becher und trank ihn in kleinen Schlucken. Dann entfachte ich das Feuer neu. Der Morgen würde bald dämmern. Die Magd, die dann das Gewölbe betrat, würde sich freuen, dass diese Arbeit bereits getan war und mich lenkte es von meinen düsteren Träumen ab.

Als das Feuer aufloderte, setzte ich mich davor. Ich starrte hinein und versuchte mich an meinen Traum zu erinnern. Es war zuerst ganz harmlos gewesen. Ich hatte das Auenland gesehen. Prächtige Felder und grüne, saftige Wiesen. Eine runde Tür in einem grasbewachsenen Hügel. Gandalf, wie er in der Nacht durch diese Tür in die dahinter befindliche Behausung stürmte. Das Haar wirr und nass vom Regen. Er packt den Bewohner an den Schultern. Ein Kind wie es schien. „Weiß auch niemand davon", fragte er dieses barsch, „ist er gut versteckt?"

Das Kind drehte sich rasch um. Nun erkannte ich einen erschrockenen, doch wohl ausgewachsenen jungen Hobbit, welcher mit großen runden Augen auf Gandalf starrte. „Was, Gandalf", fragte er zurück. „Der Ring", hörte ich Gandalfs Stimme, „hole ihn aus seinem Versteck." Erkenntnis flackerte in den Augen des Hobbits. Dann rannte er zu einer Truhe und wühlte darin herum. Er zog ein Stück gefaltetes Pergament hervor. Blitzschnell entriss Gandalf dem Hobbit das Pergament und warf es ins Feuer. „Was machst du denn da", stieß der Hobbit hervor. Doch Gandalf antwortete nicht. Wie gebannt starrte er auf die Flammen, die gierig die pergamentene Hülle fraßen. Dann fasste Gandalf den Ring mit einer Zange und holte ihn aus dem Feuer. „Streck deine Hand aus, Frodo", wies er den Hobbit an, „er ist ganz kühl!"

Dies also war Frodo Beutlin! Er sah tatsächlich ein wenig so aus, wie Peter Jackson in interpretiert hatte. Allerdings war die Haarpracht nicht ganz so lockig und tiefbraun, sondern eher gewellt und mittelbraun. Die Augen erinnerten eher an das klare Meerwasser der Karibik, obwohl sie genauso schön groß waren. Damit hörten die Ähnlichkeiten bereits auf. Dieser Frodo hier war deutlich kleiner und drahtiger.

„Was siehst du? Kannst du irgendwas erkennen", hörte ich Gandalf fragen. Frodo starrte auf den Ring in seiner Hand. So schlicht, so unschuldig lag er dort. „Gar nichts", sagte er spontan, „da ist nichts." Gandalfs Gesicht entgleiste. Ergeben seufzte er, dann wandte er sich ab. „Warte", stieß Frodo plötzlich hervor, „da sind feine Linien. Es sind elbische Buchstaben, ich kann sie nicht lesen."

Anspannung lag auf Gandalfs Gesicht. Mit einem Schritt war er bei Frodo. „Das können nur wenige", murmelte er erklärend, „es ist die Sprache von Mordor, die ich hier nicht aussprechen will." „Mordor", unterbrach ihn Frodo ungläubig.

„In unsere Sprache übersetzt heißt es:", fuhr Gandalf ungerührt fort, „- Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. – Dies ist der Eine Ring. Geschmiedet vom dunklen Herrscher Sauron in den Feuern des Schicksalsberges. Isildur schnitt den Ring von Saurons Hand und nahm ihn für sich."

Dann wechselte das Bild abrupt. Ich sah ein brennendes Auge. Es verbrannte mich mit seiner Hitze. Schwarze Gestalten in wallenden Roben, neun an der Zahl, auf düsteren Rössern, die Rauch durch die Nüstern ausstießen, galoppierten durch ein geöffnetes kohlschwarzes Tor. Angst war ihr Begleiter. In alle Himmelsrichtungen zerstreuten sie sich. Wo sie vorüber zogen, erstarrten die Herzen.
Ich konnte die Angst beinahe spüren. Ich atmete nicht mehr, aus Furcht, die Gestalten könnten mich hören. Dann zerriss ein Schrei die Nacht, der mir bis ins Mark fuhr. Es war der Schrei, der mich geweckt hatte.

Ich war noch in meine Gedanken vertieft, als Anordil das Küchengewölbe betrat. Hinter ihm eilte die Magd vorbei, die eigentlich das Feuer entzünden sollte. Sie grüßte höflich und ging rasch in die Vorratskammer, um alles für das Frühstück vorzubereiten. Offensichtlich wollte sie warten, bis wir gegangen waren.

„Was ist geschehen, meine Sonne", fragte Anordil leise. Ich wandte mich zu ihm um. „Gandalf ist im Auenland", flüsterte ich, „ich sah ihn im Traum. Er war in einer Hobbithöhle und sprach mit einem der Hobbits – Frodo Beutlin. Jung, mit großen, traurigen Augen. Ich sah einen Ring in seiner Handfläche. Dann hörte ich einen markerschütternden Schrei. Kein Lebewesen kann diesen Schrei ausgestoßen haben." Ich erschauerte, wenn ich nur daran dachte.

Anordil setzte sich zu mir. Beschützend legte er seinen Arm um mich. „Gandalf hat den Ring der Macht gefunden", kommentierte er ruhig, „er wird dafür sorgen, dass er Sauron nicht in die Hand gelangt." „Das können wir nur hoffen", entgegnete ich. Die Magd kam aus der Vorratskammer. Sie musterte uns abwartend. „Wir sollten gehen", sagte Anordil, „bevor uns Nibenchuku aus dem Küchengewölbe wirft." „Sie ist noch nicht hier", antwortete ich. „Aber sie wird bald kommen", konterte Anordil und zog mich mit sich.

Im Frühsommer traf ein Bote aus Lórien ein. Glordoron empfing ihn diesmal alleine. Doch schon nach kurzer Zeit wurden wir dazu gerufen. An der Versammlung nahm sogar Caladúneth wieder teil. Sie war soweit genesen, dass sie wieder fähig war am Rat teilzunehmen.

„Danke, dass ihr gekommen seid", begrüßte uns Glordoron knapp, „die Hohe Herrin Galadriel schickt Neuigkeiten von besonderem Interesse." Er schaute in die Runde. „Anscheinend ist das Geschöpf Gollum aus den düsterwaldischen Verließen entkommen", fuhr er fort, „Galadriel bittet jeden um Mithilfe, ihn wieder einzufangen." „Wir können keine Krieger abstellen, um dieses Wesen zu verfolgen", warf Baragond ein, „die Orks lassen uns kaum Zeit unsere Wacheinheiten abzulösen." Glordoron nickte zustimmend. „Daher werden wir nur in soweit mithelfen, als das wir unsere Grenze beobachten", sagte er, „sollte Gollum dort auftauchen, können wir ihn in Gewahrsam nehmen."

„Was ist mit Mithrandir", fragte Thinroval dazwischen, „er hat schließlich diesen Gollum in den Düsterwald gebracht. Weiß Galadriel seinen Aufenthaltsort?" Glordoron seufzte. „Seit einigen Wochen gibt es keine Nachricht von Mithrandir", entgegnete er, „weder weiß man wo er ist, noch wann er zurückkehrt. Er ist wie vom Erdboden verschluckt." Dann wandte er sich an Cala. „Doch der Bote hat noch eine Nachricht mitgebracht", fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „sie betrifft Cala." Er gab dem Boten einen Wink zu sprechen. Dieser erhob sich. „Die Hohe Herrin Galadriel bittet darum, dass Cillien ihr Lady Caladúneth für einen weiteren Sonnenlauf zur Verfügung stellt", sagte er mit einer leichten Verbeugung in Calas Richtung.

Diese senkte leicht den Kopf. „Ich werde der Aufforderung folgen", sagte sie, „sofern meine Dienste hier nicht benötigt werden." „Da ich weiß, dass Galadriel nicht ohne Grund eine versierte Diplomatin an ihrer Seite wünscht", sprach Glordoron, „lasse ich dich gehen. Eine Eskorte wird dich begleiten. Du wirst in drei Tagen zusammen mit dem Boten aufbrechen."

So kam es, das Cala erneut nach Lórien reiste. Den Sommer über waren wir mit vielen Dingen beschäftigt. Vor allem die ständigen Orkangriffe wurden allmählich unerträglich. Es verging kaum einen Tag, wo es nicht an den Grenzen kleine Scharmützel mit herumziehenden Orks gab. Nun machten sich die Vorbereitungen der vergangenen Sonnenläufe bezahlt. Cillien hatte kaum Verwundete und es wurde bisher niemand auf elbischer Seite getötet. Gespannt warteten wir auf Nachrichten. Doch es kamen keine Boten. Nur einige Gerüchte schafften es bis zu uns zu gelangen.

Flüchtlinge erzählten den Wachen an den Grenzen, was sich in Mittelerde zutrug. Angeblich wäre Osgiliath angegriffen worden. Die Stadt gliche einem Schlachtfeld. Nur noch gondorianische Krieger würden dort ausharren und sie gegen immer neue Orkhorden verteidigen. Keiner wusste, wie lange Osgiliath noch zu halten sei. Ein paar Wochen später hörten wir von anderen Flüchtlingen, dass Denethór, der Truchsess von Gondor, seinen älteren Sohn Boromir weggeschickt hätte, eine neue mächtige Waffe zu holen, um Gondor zum Sieg zu führen.

Immer neue Gerüchte machten die Runde. Gandalf sei gefangen im Orthanc. Saruman der Weiße ließe Wälder abholzen und etliche Orks hätten sich in seinem Herrschaftsbereich breitgemacht. Schwarzer Rauch stiege auf. Etwas was unsere elbischen Späher durchaus bestätigen konnten. Folglich hatte Saruman auf seine Maskerade verzichtet. Er zeigte nun sein wahres Gesicht. Beunruhigt wurden wir jedoch durch die immer wieder kehrenden Gerüchte über die Nazgûl, die gesehen worden waren. Bisher hatte es keiner von ihnen gewagt sich Cillien zu nähern. Doch das war nur eine Frage der Zeit.

Der Herbst begann mit strahlendem Wetter. Die ersten rot und gelb gefärbten Blätter fielen langsam zu Boden. Die Bauern, die Cillien verpflichtet waren, brachten ihre Ernte ein. Allerdings wurden sie durch Wacheinheiten geschützt. Keiner mochte mehr alleine auf die Felder gehen. Das Risiko, dass Orks urplötzlich auftauchten wuchs von Tag zu Tag. Die Höfe glichen kleinen Festungen. Auf jedem dieser Anwesen wurde zumindest ein Elb untergebracht, der den Hof schützen sollte. Schließlich ernährten die Bauern uns, dann konnten wir auch etwas im Gegenzug für sie tun.

Heftige Herbststürme lösten das schöne Wetter ab. Rasch wurden die letzten Felder abgeerntet und die letzten Reben gepflückt. Cilliens Speisekammern quollen über. Alle hatten mit angepackt. Keiner war sich zu schade für die Arbeit. Selbst Glordoron hatte ein einfaches und recht praktisches Gewand angezogen, um mit Hand an zu legen. Jeden Abend fiel ich müde ins Bett. Tagsüber wurde gepflückt, geschnipselt und eingelegt. Keine Hand ruhte. Sogar den Bienen jagten wir das kostbare flüssige Gold namens Honig ab. Diese Aufgabe hatten Anordil, sechs weitere Elben und ich übernommen.

In der Morgendämmerung wollten wir uns aufmachen und die Bienenkörbe besuchen, die im Frühjahr im Wald verteilt worden waren. Doch die Nacht verlief alles andere als ruhig. Wie die Nächte zuvor fiel ich in einen tiefen Schlaf. Unruhig wälzte ich mich hin und her. Was ich träumte, ließ mich kaum Ruhe finden.

Vier Hobbits stapften tapfer hinter Elessar her, der rasch voranschritt. Trotz des hohen Tempos alberten die Hobbits noch miteinander herum. Jedenfalls zwei von ihnen. Einer, recht massig von der Gestalt, warf ihnen immer wider mal einen mahnenden Blick zu. Der vierte war der Hobbit, den ich bereits mehrfach im Traum gesehen hatte – Frodo Beutlin. Seine Hand suchte immer wieder einen Punkt auf seiner Brust. Als wollte er sich vergewissern, dass noch etwas an seinem Platze war, dass er dort verstaut hatte.

Sie wanderten über eine mit dünnem Gras bewachsene Ebene auf einen hoch aufragenden Felsen zu. Ich kannte diesen Ort. Vor einigen Sonnenläufen war ich bereits dort gewesen. Die Ruine auf dem Gipfel war unverkennbar. Elessar führte sie auf die Wetterspitze. Doch anstatt bei den Hobbits zu verweilen, verließ Elessar sie um die Gegend zu erkunden, nach dem er ihnen Kurzschwerter und Dolche gegeben hatte. Frodo fiel auf der Stelle in Schlaf. Was ich ihm nicht verübeln konnte. So ein Marsch war recht kräftezehrend, wie ich aus eigener Erfahrung wusste.

Die anderen widmeten sich dem Müßiggang. Bis einer auf die Idee kam, dass es doch nun Zeit zum Essen wäre. Ich sah, wie zwei der Hobbits in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit Feuerholz zusammen suchten und ein kleines Feuer entzündeten, über dem der dicke Hobbit eine Pfanne erhitzte. Nach einander landeten darin Speck, Würstchen und diese kleinen roten fleischigen Knollen, die den Tomaten so ähnelten. Die Proviantsäcke der Hobbits schienen ungeahnte Vorräte zu beinhalten. Beinahe konnte ich den würzigen Geruch des Gebratenen riechen.

Auf alle Fälle roch Frodo es. Mit einem Ruck setzte er sich auf. „Was macht ihr denn da", fragte er überrascht. „Tomaten, Würstchen, knuspriger Speck ...", konterte einer mit vollen Backen. Der dicke Hobbit rührte in der Pfanne und häufte Essen auf einen Teller. „Wir haben dir auch was aufgehoben, Herr Frodo", sagte er geschäftig. Frodo schnellt hoch. Seine Augen huschten unruhig umher. Er musterte hastig die Umgebung. „Macht das aus, ihr Tölpel", sagte er barsch, während er das Feuer hastig austrat, „macht das aus!"

Entnervt zog einer der Hobbits den Teller aus der Reichweite der funkenstiebenden Aschewolke. „Na wunderbar", knurrte er, „Asche auf meinen Tomaten!" Nur einen Sekundenbruchteil später ließ ein hohes Kreischen sie zusammenfahren. Erschrocken drehen sich die Hobbits um. Teller fallen zu Boden, während sie ungelenk nach den Schwertern greifen. Unheilvollen Schatten gleich tauchten die Nazgûl aus der Nacht auf. Mein Herz zog sich zusammen. Ich sah, wie sie sich den Hobbits näherten.

Mit einem heftigen Atemzug wurde ich wach und setzte mich aufrecht hin. Mein Herz schlug wild. Es hämmerte in meiner Brust. „Du spürst sie", hörte ich Anordils ruhige Frage. „Ja", antwortete ich, nach dem ich mich gefangen hatte, „ich fühle die Schatten der Nazgûl. – Sie sind ihrem Ziel ganz nah."

Fahrig zog ich mir einen Umhang um. Ich konnte jetzt nicht mehr schlafen. Die Kühle des Nachtwindes brachte mich zur Besinnung. Es war zum verzweifeln. Ich stand hier und schaute Richtung Ammon Sûl. Ich wusste, was sich in diesem Moment dort abspielte. Doch ich war zur Untätigkeit verdammt. Ohne etwas tun zu können, musste ich abwarten, was geschah. Warum nur? Was konnte ich tun, um die Dunkelheit von Mittelerde abzuwenden?

„Nichts kannst du tun", raunte mir Anordil zu, „nur warten, ob das Schicksal seinen Lauf fortsetzt, wie es sein soll." Seine Arme boten mir Schutz und Wärme. Geborgenheit ging davon aus. Gemeinsam erwarteten wir die Morgendämmerung. Als der erste schmale Streifen am Horizont erschien, machten wir uns fertig um Honig sammeln zu gehen. Von meinem Traum begleiteten mich nur die dunklen Gedanken.

Erst Tage später erreichte uns ein Adler, mit schlechten Neuigkeiten. Der schrille hohe Schrei des Tieres verhieß jedenfalls nichts gutes. Der Falkner unseres Hauses eilte mit dem erschöpften Vogel herbei. „Mithrandir ist gefangen", teilte er uns mit, nachdem er sich einige Zeit mit dem Adler beschäftigt hatte, „Gwaihir, der Herr der Adler muss Gandalf zu Hilfe eilen."

„Warum Gwaihir", fragte ich dazwischen, „wo ist Gandalf der Graue gefangen? Wäre es nicht besser, man würde dann ein Kontingent Krieger schicken?" Der Falkner beugte sich über den Adler. „Nein", entgegnete er entschieden, „Mithrandir ist im Orthanc in Gefangenschaft. Hoch auf den Zinnen der Feste. Nur ein geflügelter Freund kann ihn von dort erretten."

„Wie konnte es Gandalf gelingen eine Botschaft zu schicken", sinnierte ich. Der Adler kreischte. „Eine Motte brachte die Nachricht zu den Vögeln", übersetzte der Falkner, „jetzt suchen sie Gwaihir, den Herrn der Lüfte. Nur er kann Gandalf befreien."

Das war einleuchtend. „Schicke jeden Adler und Falken aus, die uns hier begleiten", befahl Glordoron, „sie sollen die Nachricht weiter verbreiten und Gwaihir finden." „Wie ihr befehlt", entgegnete der Falkner und eilte hinaus. Bald wimmelte es in der Luft von Vögeln. Sie flogen in alle Himmelsrichtungen.

Und es vergingen keine zwei Wochen bis wir Nachricht aus Imladris hatten. Gandalf war auf den Schwingen des großen Adlers Gwaihir eingetroffen. Erschöpft und ausgezehrt, aber lebendig. Beinahe zeitgleich mit ihm erreichte Frodo das letzte heimelige Haus. Dem Tode näher als dem Leben. Doch es schien wohl, als könne es Elrond gelingen ihm den Fängen der Dunkelheit zu entreißen.

Gespannt warteten wir auf den nächsten Falken, der kurz vor Mittwinter eintraf. Auf Elronds Ruf zum großen Rat waren etliche Vertreter der freien Völker gefolgt. Imladris war so gut besucht, wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Aus allen Teilen Mittelerdes kamen Botschafter. Beim Rat selber ging es wohl hoch her. Die Meinungen waren entzweit. Doch Gandalf war es wohl gelungen, Einigkeit zu erzielen.

„Jeder der freien Völker beanspruchte den Ring", sprach Glordoron, während er das Pergament überflog, „erst Mithrandir gelang es mit Hilfe der schwarzen Sprache, den Rat zu einen. Er machte ihnen klar, dass Sauron alles tun würde, um den Einen Ring erneut in seiner Macht zu wissen. – So wurde beschlossen, den Einen Ring zur Vernichtung dorthin zu bringen, wo er geschmiedet wurde ..." „Zum Schicksalsberg", entfuhr es mir.

Glordoron musterte mich durchdringend. „Ja, zum Schicksalsberg", bestätigte er, „es wurden Vertreter der freien Völker bestimmt, die Frodo Beutlin, den jungen Hobbit, der im Besitz des Ringes ist, zu begleiten." Er sah in die Runde.

„Aragorn, Arathorns Sohn und Boromir von Gondor, als Botschafter der Menschen, Legolas Thranduilion für die Elben, Gimli, Glóins Sohn von den Zwergen, drei weitere Hobbits, die Frodo nicht alleine ziehen lassen wollen und Mithrandir", zählte Glordoron auf, „sie werden Imladris nach Mittwinter verlassen."

Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. Die Kälte von draußen schien nun einen Weg in mein Herz gefunden zu haben. Es war soweit! Der Wettlauf zum Schicksalsberg hatte begonnen. Frodo hatte es geschafft, den Nazgûl zu entkommen und sich von der Attacke auf der Wetterspitze zu erholen. Das Schicksal war noch auf der Seite der Guten. Doch wie lange noch?

„Die Gemeinschaft der Neun", murmelte ich, „mögen sie siegreich sein."

to be continued ...