Der nächste Winter kam und brachte erneut viel Kälte mit. In der Enklave wurde es unruhig. Jeder Elb fühlte nun, dass sich etwas Dunkles über Mittelerde ausbreitete. Viele Stunden verbrachte Anordil mit mir in den Übungssälen der Enklave. Neben meinen Fähigkeiten mit den elbischen Waffen versuchte er mich auch in Strategie zu schulen, was sich als hoffnungslos heraus stellte. Aus irgendeinem Grund wollte die trockene Theorie nicht in meinen Kopf. Kampfstrategie würde nie mein Metier werden. Ich verließ mich lieber auf meinen Instinkt. Als Ausgleich für die kriegerische und eher waffenlastige Ausbildung versuchte ich mich jedoch auch in den übrigen elbischen Künsten zu üben. Was mir nicht immer mit Erfolg gelang. Für vieles hatte ich einfach kein Talent.
Wie an diesem Tag. Die Vögel zwitscherten in den Zweigen und der Himmel war strahlend blau. Allerdings täuschte dies über die tatsächlich vorherrschenden Temperaturen. Der Winter hielt uns mit eisigen Klauen fest.
„Verflucht", entfuhr es mir zum wohl Hundertsten Mal an diesem Morgen. Niniel hatte es sich in den Kopf gesetzt mir die Feinheiten der elbischen Stickereien beizubringen. Eine Tätigkeit, mit der sich wohlerzogene Elbendamen die Zeit vertrieben. Und etwas, was mir absolut nicht lag. Entnervt sah ich auf meinen Finger, auf dem sich ein Blutstropfen gebildet hatte. Die spitze Nadel hatte ganze Arbeit geleistet. Nicht nur die Seide hatte sie durchstochen, sondern auch ein weiteres Löchlein in meinem malträtierten Finger hinterlassen. Ich leckte das Blut ab und verzog das Gesicht. Wenn das so weiter ging, würde ich noch zum Vampir.
Niniel lachte. „Das wird schon", ermunterte sie mich, „ich habe Jahrhunderte gebraucht, um diese Kunst zu lernen." „Und ich soll es in wenigen Wochen lernen?", brummte ich zurück, „du überschätzt meine Lernfähigkeit." „Aber das Singen hast du doch auch sehr schnell gelernt", entgegnete sie und stichelte fleißig an ihrer Seide. „Für das Singen habe ich auch Talent", konterte ich, „für dieses Zeugs hier nicht."
Ich schaute auf meinen Stickrahmen. Ungelenk und hölzern wirkten die Seidenfäden auf dem hellblauen schimmernden Stoff. Kein bisschen elegant oder sphärisch. Wenn ich dagegen Niniels Arbeit betrachtete, erblasste ich vor Neid. Kein einziges Knötchen, kein einziger loser oder zu straffer Faden. Einfach perfekt. Von dem gleichmäßigen Stichbild bis zur geschmackvollen Auswahl der Farben.
Aber ich wollte wenigstens diese Arbeit zu Ende bringen. Ich mochte es nicht, etwas anzufangen und dann halbfertig abzubrechen. Auch wenn das Ergebnis alles andere als schön sein würde. Seufzend stich ich mit der Nadel in die Seide.
Ein langgezogener Ton ließ mich aufhorchen. „Autsch", stieß ich hervor. Automatisch leckte ich das Blut von meinem Finger. Das Horn kündigte einen Eilboten an. Rasch verstaute ich die Nadel im Nadelkissen. „Entschuldigt mich, Niniel", sagte ich höflich, bevor ich erleichtert aus dem mit Efeu bewachsenen Gebäude eilte, in dem Niniel wohnte.
Draußen raffte ich mein Gewand. Die eisige Kälte verschlug mir im ersten Moment den Atem. Doch ich verzichtete darauf zurück zu gehen und mir einen warmen Umhang überzustreifen. Das kurze Stück bis zum Hauptgebäude legte ich rasch zurück. Ich wollte noch vor dem Boten in Glordorons Arbeitsraum sein. Mir gelang es allerdings im letzten Moment. Anordil, Thinroval, Baragond und Nelliel waren bereits anwesend und hatten vor Glordorons Tisch Platz genommen. Kaum hatte ich mich auf meinen Platz gesetzt, da stürmte der Bote herein. Sein hellblondes Haar und der hohe Körperwuchs wiesen ihn als Galadhel aus, einem Bewohner Lóriens. Sein typisches graugrünes Gewand war fleckig und zeugte von der Hast seiner Reise.
„Mein Name ist Môrbrôg aus Lórien", stellte er sich vor, „ich bringe Kunde von der Hohen Herrin Galadriel, dem Hohen Herrn Celeborn und Herrn Elrond von Bruchtal." „Lasst euch nieder und berichtet", sagte Glordoron und deutete auf einen freien Platz. Elegant setzte sich der Elb nieder. Ich hatte ihn bei unserem Besuch in Lórien nicht gesehen. Vermutlich war er an der Grenze gewesen.
„Mittelerde steht vor dem Untergang", begann Môrbrôg, „die Elbenvölker ziehen sich nach Valinor zurück. Etliche Schiffe liegen in Mithlond vor Anker, um unser Volk nach Westen zu bringen." Glordoron nickte und warf mir einen kurzen Blick zu. Ich hielt ihm stand, denn schließlich hatte ich es ihm vorhergesagt, dass dieser Tag kommen würde. Nun war er da - die Elben verließen Mittelerde. Meine Gedanken schweiften ab. Was würde geschehen, wenn sie nach Valinor zogen? Vor allem, was würde mit mir geschehen? Aufgrund meiner menschlichen Abstammung war mir Valinor verwehrt. Wie würde sich mein Schicksal erfüllen? Hier in Mittelerde? Oder sollte ich den Weg zurück wählen und dort meinem Ende entgegensehen? Ein leichter Händedruck lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Versammlung. Anordil hatte meine Hand erfasst. Seine Nähe wirkte beruhigend auf mich.
„.... gab Herr Elrond die Anweisung Bruchtal zu verlassen. Die meisten seiner Schutzbefohlenen begaben sich auf den Weg nach Mithlond. Nur wenige blieben zurück", fuhr Môrbrôg fort, „in Lórien rüstet man ebenfalls zum Aufbruch. Doch die Hohe Herrin, der Hohe Herr und Herr Elrond sind übereingekommen, dass Mittelerde nicht kampflos an den Dunklen Herrscher fallen soll. Sie erbitten Krieger von den Enklaven. Freiwillige, die an ein letztes Bündnis zwischen Elben und Menschen glauben und darauf, dass Mittelerde bestehen kann."
Glordoron nickte bedächtig. „Ich werde es in Cillien verkünden", sagte er, „es steht jedem frei, sich dem Bündnis anzuschließen, zu bleiben oder Mittelerde zu verlassen." Er wandte sich an Baragond. „Lasst es unter den Kriegern verbreiten", befahl er ihm, „jeder, der willens ist, sich Galadriels Wunsch zu fügen, soll sich bereitmachen." Baragond nickte knapp.
Ich hielt den Atem an. Das war etwas, was Tolkien nicht gesehen haben konnte! Jedenfalls wurde es nirgendwo in seiner Niederschrift erwähnt, dass die Elben den übrigen Bewohnern Mittelerdes zur Hilfe eilen würden. Es musste mit uns Fremden zusammenhängen. Diejenigen, die durch Zufall nach Mittelerde gelangten, so wie ich. Allerdings war mir bewusst, dass nicht nur meine Anwesenheit Einfluss auf den Lauf des Schicksals nahm. Auch Tolkien selber hatte durch sein Eintreffen in Mittelerde diese Veränderung mit beeinflusst. Sogar Tjanns Dasein schlug Kreise. Wie viele mochten noch unbewusst Einfluss auf die Zukunft nehmen? Was mochte noch kommen?
„Nelliel, bitte verfasst ein Pergament, in dem alles dargelegt wird", holte Glordorons Stimme mich zurück, „stimmt es noch einmal mit mir ab, bevor es heute Abend in der Enklave verlesen wird. Jeder Elb in Cillien soll davon Kenntnis erhalten. Anordil – schicke Boten zur Grenze, damit die Grenzwachen benachrichtigt werden." Über meine Grübelei hatte ich den Rest der Beratung versäumt.
Freundlich blickte er Môrbrôg an. „Und Ihr bedürft der Ruhe", sagte er zu ihm, „ich lasse ein Gemach für Euch herrichten." Er gab mir einen kleinen Wink. Ich nickte verstehend. Dann ging Glordoron hinaus. Die Versammlung war damit beendet.
Môrbrôg kam auf mich zu und verneigte sich knapp. „Herrin?", murmelte er fragend. „Folgt mir, Môrbrôg von Lórien", sagte ich beherrscht, der Aufruhr, der ihn mir von statten ging, sollte niemand bemerken. Anordil legte mir nur flüchtig eine Hand auf meinen Arm. Diese kleine Geste zeigte mir, dass er wusste, wie es in mir aussah. Ich ging hinaus auf den Gang. Môrbrôg folgte mir. Nach wenigen Schritten begegneten wir bereits einer Magd, die in unserem Haushalt Dienst taten.
„Luinen, eile und richte das mittlere Gemach im Gästetrakt", wies ich sie an, „dazu ein Bad und ein Tablett mit Speisen. Richte Nibenchuku aus, das es einen hungrigen Galadhel zufriedenstellen soll." „Ja, Herrin", antwortete sie, bevor sie sich hastig verneigte und davon lief. Als wir wenig später im Gästetrakt ankamen, war alles bereits erledigt. Das Bett war frisch bezogen, im Nebenzimmer stand ein mit dampfendem Wasser gefüllter Badezuber und auf dem kleinen Tisch befand sich ein Tablett mit reichhaltigen Speisen. Zufrieden ließ ich Môrbrôg in der Obhut zweier Mägde, die sich um alles weitere kümmern würden.
Anordil sah ich an diesem Tage erst in der Abenddämmerung wieder, als das Pergament verlesen wurde. Unruhe herrschte unter den Elben, als sie von den Ereignissen erfuhren. Viele waren es nicht, die dem Aufruf nach Mithlond Folge leisten würden. Die meisten entschieden sich für den Verbleib in Mittelerde und den Kampf gegen den Dunklen Herrscher. Anordil und Thinroval sammelten die Krieger um sich, die sich freiwillig meldeten. Es waren etliche, die noch einmal in die Schlacht ziehen wollten. Die Vorbereitungen wurden rasch und ohne Hektik vorgenommen.
Zwei Tage später war es soweit. Die vergangenen beiden Nächte hatten Anordil und ich für uns verbracht. Sogar Glordoron hatte dafür Verständnis. Er verzichtete auf die Mahlzeiten, die wir sonst gemeinsam an seiner Tafel einnahmen. Dafür waren wir auch sehr dankbar. Schließlich wussten wir nicht, wie oft wir noch die Gelegenheit haben würden, Zeit miteinander zu verbringen. Eine Schlacht war immer gefährlich. Egal wie groß oder klein sie sein mochte.
Am Morgen unseres Aufbruchs herrschte gedämpfte Stimmung in der Enklave. Selbst ich spürte es, als ich noch im Nachtgewand auf die Terrasse trat. Nebel wallte über den Boden, aus dem die ersten grünen Halme sprossen. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Ich spürte eine Angst, wie ich sie nie zuvor gefühlt hatte. Fröstelnd zog ich einen dicken Umhang um. Dann ergriff ich den Kelch mit Wein, der gestern übrigblieb und den Rest des Brotes und ging rasch zu meinem kleinen Altar. Mit geübten Bewegungen brachte ich ein kleines Opfer dar.
„Große Mutter Brigid", murmelte ich, „halte deine schützende Hand über dieses Heim und seine Bewohner. Herr des Feuers, Belenus, spende uns Wärme und Lebenskraft. Lugh, Herr des Krieges, schenke uns eine sichere Hand in der Schlacht. Sei uns Schild und Speer." Regungslos sah ich zu, wie die reinigende Flamme das Opfer verzehrte. Doch auch dies konnte meine Angst nicht besiegen. Erst als ich Anordils Anwesenheit fühlte, konnte ich ruhig durchatmen.
„Ich spüre Furcht in dir", sagte er leise, „warum? Die Schlacht ist noch fern." Langsam erhob ich mich. „Ja, sie ist noch fern", erwiderte ich, „doch nicht so fern, wie ich es mir in meinen Träumen wünsche. Schon bald werden wir Blut riechen, salzigen Schweiß schmecken und das Geräusch von Schwertern vernehmen, die sich kreuzen. Unsere Ohren werden die Schreie der Sterbenden hören. Der Tod wird uns begleiten, wenn wir aufbrechen."
Anordil zog mich zu sich. „Der Tod ist ein ständiger Begleiter in Mittelerde", erwiderte er, „das ist nichts ungewöhnliches. Jedes Mal, wenn wir die Enklave verlassen ist er an unserer Seite. Jedes Mal, wenn wir die Klingen mit den Orks kreuzen ist er dabei und nimmt sich die Leben, die er will."
„Aber ihr Elben seid unsterblich", entgegnete ich, „selbst der Tod kann euch nichts anhaben. Ihr kehrt ein in Mandos Hallen und erhaltet die Chance auf ein neues Leben – ein Leben in dem ihr immer noch nach Valinor reisen könnt." Ich schluckte, eine einsame Träne stahl sich aus meinem Auge. Anordil sah mich fragend an. „Doch ich werde dir nicht folgen können", stieß ich hervor, während ich die Träne wegwischte, „ich bin sterblich." ... und ich bin einsam unter euch Elben, schrie ihm meine Seele entgegen, keiner von euch fühlt was ich fühle, wenn der Tod mir begegnet.
Sanft nahm Anordil mich in die Arme. „Durch mein Blut bist du langlebig", sagte er ruhig, „wenn die Valar es wollen, so wirst du diese Schlacht überleben und noch viele Jahrzehnte an meiner Seite sein." Ich schloss die Augen. Er verstand es nicht. Selbst diese lange Zeit, die er mir in Aussicht stellte, war doch nur ein Augenblick für ihn. Eine Episode in einem unendlich langen Leben. „Ich spüre deine Einsamkeit", murmelte er und gab mir einen sachten Kuss, „ich wünschte, ich könnte sie dir nehmen."
Ich lächelte ihn an. Seine Nähe gab mir mein Selbstvertrauen zurück. Ich reckte mich etwas in die Höhe. „Du hast mir schon so viel gegeben", erwiderte ich, „viel mehr, als ich mir je erträumt hatte. Es ist nur, dass das Wissen um die kommende Schlacht mir diese Angst bereitet. Ich bin nicht perfekt, wie ihr Elben. Ich bin nicht so kraftvoll und so ausdauernd. Ich bin unzulänglich und sterblich. Etwas das ..." „Nein!", unterbrach er mich entschieden, „du magst sterblich sein, doch nicht unzulänglich. Du bist für die in elbischen Maßstäben kurze Zeit der Ausbildung eine hervorragende Kriegerin geworden, die sich durchaus mit elbischen Kriegern messen kann. Nicht umsonst hast du den Rang einer Schwertmeisterin erhalten."
Das war mir doch glatt entfallen! Trotz meiner Angespanntheit musste ich lachen. „Das hatte ich doch fast vergessen", meinte ich verblüfft, „du siehst, ich bin schon zu lange bei euch Elben." Liebevoll schlang er seine Arme um mich. „Du solltest das nie vergessen", mahnte er sanft, „doch nun wird es Zeit. Wir sollten uns rüsten. Die Stunde der Abreise naht. – Und außerdem bist du ganz kalt geworden."
Nun spürte ich es auch. Die Kälte war mir in die Glieder gekrochen. Rasch folgte ich ihm in unser Gemach. Anordil schürte in der Feuerstelle die Glut hoch und schon bald breitete sich wohlige Wärme aus. Etwas, was ich in den nächsten Tagen wohl schwer vermissen würde.
Als ich die Rüstung anlegte, stieg wieder Beklemmung in mir hoch. Anordil hatte sie nach dem Vorbild seiner eigenen anfertigen lassen. Ich sollte genauso gut geschützt sein wie er. Einer zweiten Haut aus Metall gleich schmiegte sie sich an meinen Körper. Die Lamellen, die wie ineinander verwobene Palmblätter aussahen, sorgten dafür, dass sie perfekt saß. Mit einer unwirschen Geste versuchte ich die Angst zu verscheuchen, als ich den Helm aufsetzte und den Umhang um die Schultern legte. Meine Schwerter waren scharf geschliffen, mein Bogen neu bespannt und die Pfeile sorgfältig gefertigt.
Luvalaes hatte uns bereits in der Morgendämmerung verlassen. Er hatte den Auftrag erhalten, sich bis nach Minas Tirith durchzuschlagen und von dort Informationen über die Pläne des Truchsessen zu erlangen. Eine vernünftige Wahl, denn er kannte Minas Tirith. Auch würde er dort wohl erneut Unterschlupf bei Tjann Grünauge finden können.
Mallenloth hatte eine Auswahl unter den Heilern getroffen. Gemeinsam mit fünf weiteren Heilkundigen würde sie die Krieger begleiten. Ich wusste, dass es Anordil nicht recht war. Er hatte lange mit Mallenloth darüber gesprochen. Aber er musste sich ihrem Wunsch beugen. Sie war schließlich erwachsen. Und sie war die beste Heilerin, die wir uns für die kommende Schlacht wünschen konnten.
Unter den strengen Augen Glordorons verließen wir schließlich wohlgeordnet die Enklave. Von ihm hatten wir uns tags zuvor verabschiedet. Er würde den Zug der Elben begleiten, die sich nach Mithlond begaben, um ein Schiff nach Westen zu besteigen. Allerdings wollte er nicht selber an Bord gehen. „Meine Zeit ist noch nicht gekommen", hatte er augenzwinkernd gesagt, „zwar sehnt sich mein Herz nach dem Anblick meiner geliebten Gemahlin, doch Mittelerde ist mein Zuhause. Erst, wenn die letzten Elben aufbrechen um Valinor zu betreten, werde ich dem Ruf folgen."
Wir benötigten einige Tage bis zum vereinbarten Treffpunkt. Dort schlugen wir unser Lager auf. Zwei weitere Tage vergingen, bis nacheinander die Kontingente aus Lórien und Bruchtal eintrafen. Erfreut stellten wir fest, dass Haldir die Krieger aus Lórien anführte. Anstelle des graugrünen Umhangs trug er nun einen dunkelroten, der seine sorgfältig geputzte Rüstung verbarg.
„Wie schön, dich zu sehen, Freund Haldir", begrüßte Anordil ihn herzlich. „Ich grüße dich Anordil Glordoronion. Ich bringe ein Kontingent Krieger aus Lórien", antwortete dieser statt dessen, „wir sind schnell marschiert." „Sie sollen sich ausruhen, bevor wir weiterziehen", befahl Baragond, der zu uns getreten war. Haldir gab rasch Anweisung an seine Krieger. Dann gesellte er sich zu uns ans Feuer.
„Du hast dich entschlossen noch einmal in den Kampf zu ziehen?", fragte Anordil und reichte Haldir einen Becher mit Tee. Dieser nahm das heiße Getränk dankbar an. „Es zieht mich nicht nach Valinor", antwortete dieser mit einem verhaltenen Lächeln, „Mittelerde ist meine Heimat. Dafür sollte es sich lohnen zu kämpfen. - Und ich glaube an ein Bündnis zwischen den Völkern. Es hat damals funktioniert und es wird auch heute funktionieren." Erstaunlich offene Worte für den sonst so verschlossenen Haldir.
Er trank von seinem Tee. Dann drehte er den Becher in den Händen. „Die Hohe Herrin Galadriel ist besorgt", meinte er dann, „gleichzeitig ist sie sehr ruhig - erschreckend ruhig." „Die Zeit der Elben ist vorüber", warf Anordil ein, „Galadriel hat es als eine der ersten erkannt. Auch wir müssen uns dem stellen. Früher oder später folgen wir alle dem Ruf der weißen Möwen."
Haldir langte nach einem Stück Kaninchen, welches über dem Feuer bruzzelte. „Eher später als früher", entgegnete er, „ich fühle mich nicht berufen und meine Brüder auch nicht." Er wies mit dem Kaninchenschlegel zu einem der anderen Feuer, wo sich seine Krieger niedergelassen hatten. „Orophin wollte unbedingt an meiner Seite in die Schlacht ziehen", sagte er, „dabei sollte er es eigentlich besser wissen. Rûmil hatte sich auch freiwillig gemeldet, doch Galadriel ließ ihn nicht gehen. Sie braucht ihn an Naurovals Seite, bis wir die Schlacht für uns entschieden haben."
Anordil lehnte sich lässig zurück. Seine Augen spiegelten das Feuer wider. „Es ist nicht gesagt, dass wir die Schlacht gewinnen", konterte er, „wir können sie auch verlieren." Haldir schnaubte widerwillig. „Wir haben Saurons Brut bereits vor dreitausend Jahren geschlagen", knurrte er zwischen zwei Bissen, „und wir werden es wieder tun. – Bei Eru, wir sind Elben! Keiner kann uns ihm Kampf bezwingen." „Und doch zieht ihr euch aus Mittelerde zurück und überlasst es den Menschen mit dem Dunkel fertig zu werden", warf ich spitz ein. Haldir lächelte spöttisch. „Jedes Kind muss einmal lernen ohne seine Eltern auszukommen", entgegnete er mit leichter Schärfe, „die Menschen sind alt genug, um zu überleben. – Dieses Bündnis ist eine letzte Hand, die dem Menschenvolk gereicht wird. Danach sind sie auf sich allein gestellt. Ob sie dann mehr als ein Zeitalter überdauern, mag dahin gestellt sein."
Meine Güte, konnte es noch arroganter gehen? Haldir war wahrlich nicht der Elb, mit dem man über menschliche Belange diskutieren konnte. Zum Glück gelang es Anordil bald, ihn in ein harmloseres Gespräch zu verwickeln.
Nur wenig später, in der Abenddämmerung des folgenden Tages, stieß ein Kontingent Bruchtal-Krieger unter Erestors Führung zu uns. Überrascht zog Anordil eine Augenbraue hoch, als er den dunklen Noldo-Elben entdeckte. Er stand vom niedrig brennenden Feuer auf. „Ich grüße dich, Erestor von Imladris", begrüßte er den Elb. Die düstere Erscheinung Erestors, der vollständig in schwarz gekleidet war, ließ den wortkargen Elben äußerst gefährlich erscheinen. Selbst die hervorragend gearbeitete Rüstung glänzte eher in einem düsteren Altsilber. Ein Bild, das ich von ihm nicht kannte. Bisher war er mir nur als pedantischer Seneschall Elronds aufgefallen. Mit der Waffe in der Hand hatte ich ihn nie gesehen. Knapp nickte Erestor zur Begrüßung.
„Auch dir Gruß, Anordil von Cillien", antwortete er, „ich sehe, dass selbst deine menschliche Gemahlin es nicht schafft, dich von Schwierigkeiten fern zu halten." Anordil lächelte leise. „Schwierigkeiten würzen das Leben", entgegnete er schlagfertig, „außerdem zieht es meine Gemahlin genauso zu Schwierigkeiten hin wie mich." Er wies mit einer Hand zu mir hinüber.
„Ich grüße Euch, Erestor von Imladris", begrüßte ich den Noldo und reichte ihm einen Becher Tee. Mit einem sehr knappen Lächeln nahm ihn dieser entgegen. Er nippte kurz. „Habt Dank für den Trunk, Arwen von Cillien", sagte Erestor und wandte sich erneut Anordil zu. „Wo habt Ihr Glorfindel gelassen?", fragte Anordil, während er sich zurück ans Feuer setzte, „gerade ihn müsste es doch hinaus in die Schlacht ziehen." Erestor lachte verhalten. „Elrond beschäftigt ihn noch ein wenig", erwiderte er, „bevor unser edler Balrogtöter Sauron im Alleingang entgegentritt." Anordil lachte auf.
Von der Seite kam einer der Bruchtal-Heiler auf mich zu. Ich kannte ihn nur flüchtig. „Seid gegrüßt, Herrin Arwen von Cillien", sprach er mich an, „ich bin Thârion, einer der Heiler aus Elronds Schule. Ich bringe noch drei weitere Heiler mit." Flüchtig bemerkte ich diese hinter ihm. Sie waren in unauffällige dunkelbraune Gewänder gekleidet. Jeder trug zwei prall gefüllte, große Lederbeutel bei sich. Einer von ihnen hatte die Kapuze weit ins Gesicht gezogen. Eine Strähne silbernen Haares blitzte darunter hervor. „Seid willkommen an unseren Feuern, Thârion", begrüßte ich ihn, „die Heiler haben sich dort hinten niedergelassen unter Mallenloth's Führung. Ich bringe Euch zu ihnen."
Mit einer knappen Geste zu Anordil hin, verließ ich das Feuer. Thârion nahm seine Beutel. Er und seine Leute folgten mir. Als ich zurückkehrte, sah ich, dass sich Thinroval, Baragond, Haldir und die übrigen Gruppenführer eingefunden hatten. Sie unterhielten sich angeregt. Man sprach über Strategien, daher rümpfte ich bereits die Nase. Als dann noch begonnen wurde über alte Schlachten zu sinnieren, zog ich es vor an ein anderes Feuer zu gehen und mich dort zu den Kriegern zu gesellen, die mir bereitwillig Platz machten. Nach einem kargen Mahl aus Lembas schlief ich schnell ein.
In den nächsten Tagen kamen nach und nach weitere Elbenkrieger an, bis wir aus jeder Enklave, die Galadriel unterstützen wollten ein Aufgebot hatten. Am letzten Tag unserer Rast am Sammelpunkt, setzten sich die Hauptmänner und Strategen zusammen. In einer langen Besprechung legten sie die Kontingente fest und wer welchem Kontingent zugeordnet wurde. Heerführer Baragond verzichtete zugunsten Haldirs auf den Oberbefehl.
Am nächsten Morgen setzten wir uns in Marsch Richtung Rohan. Späher hatten berichtete, dass dort zahlreiche Orkübergriffe zu vermelden waren. Nach einem anstrengenden Marsch erreichten wir Edoras und fanden es leer vor. Doch nirgendwo sahen wir Anzeichen von Kämpfen. Das konnte nur bedeuten, dass die Bewohner geflohen waren, bevor die Orks sich über sie her machen konnten.
„Sie werden wohl Helms Klamm aufgesucht haben", vermutete Haldir, „schon in früheren Zeiten diente diese Feste als Fluchtburg für die Rohirrim. Dort wähnen sie sich in Sicherheit." „Dieses Mal werden ihnen die dicken Mauern der Feste nichts nützen", entfuhr es Baragond, „Erestor und seine Späher berichten von einer gewaltigen Orkarmee die sich in Richtung auf das Gebirge in Marsch gesetzt hat." Beunruhigt schaute ich nach Nordwesten. Graue Wolken verdüsterten dort den Himmel.
„Wir sollten eilen, damit wir Helms Klamm noch vor den Orks erreichen", mahnte Anordil, „sonst war unser Bemühen umsonst. Das Volk Rohans hat nicht genügend Krieger, um dieser Übermacht etwas entgegen setzen zu können." Mir wurde übel, wenn ich an all die Frauen und Kinder dachte, die ich damals in Edoras gesehen hatte. Was sollte nur aus ihnen werden?
Haldir trieb uns daraufhin an. Den Elben schien das Marschtempo nichts auszumachen. Mir jedoch trieb es den Schweiß auf die Stirn, obwohl ich durchtrainiert war. Es dämmerte, als wir in der Ferne die Hornburg ausmachen konnten. Die hochaufragenden Mauern der Feste wirkten winzig und doch riegelten sie die Schlucht komplett ab. Der Berg dahinter schützte die Festung mit schroffen Felsen. Helms Klamm – ein treffender Name. Wir würden es erst in der Nacht erreichen. Immer wieder schickte Erestor uns einen seiner Späher, der die Bewegungen des Orkheeres meldete. Unaufhaltsam rückte es näher und es sah aus, als würden wir nur wenige Stunden vor ihnen eintreffen. Haldir befahl dennoch eine kurze Rast. Vielleicht die letzte, die wir je haben würden. Keiner sprach. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Die meisten um mich herum machten gleichmütige Gesichter. Viele scherzten sogar oder lachten übermütig wie Kinder. Den Elben war es egal, ob sie im Kampf fielen. Ihnen waren Mandos Hallen sicher.
Doch ich fühlte mich unwohl. Die Angst hatte mich erneut erfasst. Ich hatte viele Kämpfe hinter mir. Trotzdem war mir, als hätte ich meinen ersten jetzt vor mir. Ungewissheit nagte an mir. Ich war nur ein Mensch. Auch wenn Anordils Blut mir Langlebigkeit und die Resistenz gegen Krankheit geschenkt hatte. Ich blieb ein Mensch. Von allen, die mich hier umgaben, war ich es, die gewiss dem Tod ins Auge schaute. Ich wusste, dass die Möglichkeit bestand diese Schlacht nicht zu überleben. Was würde mich erwarten? Mandos Hallen? Wahrscheinlich nicht. Die Anderswelt? Womöglich, doch es dies bedeutete die Trennung von Anordil. Für ihn war ich vielleicht nur eine Episode in seinem langen Leben. Würde er sich meiner erinnern? Vergaß er mich vielleicht am Ende aller Dinge?
Bevor ich weiter grübeln konnte, beendete Haldir unsere Rast. Mit befehlsgewohnter Stimme rief er uns in die Reihe zurück. Wir sollten einen guten Eindruck machen, wenn wir die Feste betraten. Bereits von weitem konnten wir die hektischen Bewegungen auf den Zinnen der Feste wahrnehmen. Selbst mir blieben sie nicht verborgen. Haldir war jedoch so umsichtig durch ein weithin schallendes Hornsignal unser Kommen anzukündigen. Dieser Ruf ging mir durch Mark und Bein.
Haldir ließ das Marschtempo nicht verlangsamen, während wir auf das geschlossene Tor zu schritten. Kurz bevor er auf den mächtigen Bohlen auflief, öffnete es sich. Diszipliniert reihten wir uns hinter Haldir ein. Von meiner Position aus konnte ich die Gesichter der überraschten Menschen sehen.
Voller Staunen blickten sie uns an. Hoffnung schimmerte in ihren Augen. Manche von ihnen fingen an zu weinen. Mit genauso viel Unglauben blickte uns König Théoden an, während Haldir sich knapp verbeugte.
Ich hatte den König einige Sonnenläufe nicht gesehen. Doch die Veränderung die er durchgemacht hatte fiel mir sofort auf. Als ich Théoden das letzte Mal sah, war er schwächlich und krank gewesen. Ein Schatten des Kriegers, der er einstmals war. Doch nun schien er sich erholt zu haben. Kraftvoll stand er dort. Entschlossen seine Männer zu einem heroischen Ende zu führen. „Wie ist das möglich?", fragte er fassungslos.
Haldir streckte sich ein wenig. Stolz stand er vor Théoden, auf den er beinahe hinunter blickte. „Ich bringe Kunde von Elrond von Bruchtal", sprach er mit einer leichten Verbeugung vor Théoden, „einst bestand ein Bündnis zwischen Elben und Menschen. Vor langer Zeit kämpften und starben wir Seite an Seite. – Dies Bündnis wird nun erneuert."
In diesem Augenblick sah ich, wie Aragorn die Treppe hinunter stürzte. Ohne aufzuhalten stürmte er an König Théoden vorbei. Seine Augen leuchteten schier vor Freude und Erleichterung. „Mae govannen, Haldir o Lórien", begrüßte er den Elb überschwenglich, „Ihr seid hier mehr als willkommen." Spontan umarmte er Haldir, was jener mit Überraschung registrierte. König Théoden schaute verblüfft drein.
Hinter Aragorn kam Legolas etwas langsamer die Treppe hinunter. Er grüßte Haldir höflich, wie es seinem Rang entsprach. Haldir gab uns ein knappes Zeichen mit seiner Hand.
Wie ein Mann schwenkte das Elbenheer links um und setzte die Bögen ab. Wir verharrten in absoluter Ruhe. Erst Haldirs nächster Befehl würde uns wieder in Bewegung setzen. Ich hatte einige Zeit gebraucht diese Disziplin zu entwickeln. Doch nun beherrschte ich sie zumindest soweit, dass ich nicht unangenehm auffiel. „Wieder mit den Menschen in die Schlacht zu ziehen erfüllt uns mit Stolz", hörte ich Haldir sagen.
Mit einer einladenden Geste wies König Théoden hinauf zur Halle. Haldir kam dieser Aufforderung nach. Mit eleganten langen Schritten ging er die Stufen hinauf. Stolz das Haupt gehoben. Durch einen unmerklichen Wink seiner Hand gab er seinen Hauptmännern Anweisung.
Wir teilten uns in Einheiten von je fünfundzwanzig Kriegern. Jeweils vier dieser Einheiten unterstanden einem erfahrenen Elbenkrieger. Und jeweils fünf davon unterstanden einem Hauptmann, der wiederum Haldir unterstand. Anordil befehligte eine davon. Baragond hatte diese Ehre abgetreten, er begnügte sich damit eine der kleinen Einheiten anzuführen. Ich konnte mich glücklich schätzen zu dieser Einheit zu gehören. Auch Thinroval gehörte zu den Freiwilligen. Als hervorragender Stratege hatte er einen Platz unter den Hauptmännern gefunden. Haldir schätzte seine Meinung sehr.
Doch vorerst konnten wir uns ausruhen. Unsere Einheit ging ein wenig zur Seite. Dorthin, wo man über den Wall blicken konnte. Die Menschen von Rohan betrachteten uns neugierig. In ihren Augen schimmerte Respekt und Hoffnung. Man grüßte uns ehrerbietig, wenn wir vorüber schritten.
Ohne unsere Kapuzen zu lüften, ließen wir uns nieder. Ruhig und gelassen. Keiner sprach ein Wort. Nach einer Weile sah ich Anordil von der Seite auf unsere Einheit zukommen. Ich erkannte ihn nur an der Art, wie er sich bewegte, da er ebenso wie wir alle noch die Kapuze über dem Kriegshelm trug.
„Edler Baragond", sprach Anordil leise, während er diesen knapp grüßte, „Haldir hat sich mit König Théoden besprochen. Folgende Anweisung gibt er nun weiter: die Krieger dürfen sich noch ein paar Stunden ausruhen. Durch Bedienstete der Lady Éowyn wird Wasser an uns ausgegeben. In der Schlacht wird Estel den Oberbefehl führen. Haldir postiert die Einheiten Silbermond, Nachtschatten, Wargtöter, Rotdorn und Eisdrache auf den Wällen der Hornburg. Thinroval wird mit seinen Kriegern auf die linke Flanke gehen und die übrigen sich auf der rechten Flanke hinter dem Hornwall postieren."
„Estel ist eine gute Wahl", brummte Baragond, „jeder, ob Elb oder Mensch, wird ihm folgen. Wirklich ein kluger Schachzug. Was ist mit Prinz Legolas? Zu welcher Einheit wird er gehören?" „Legolas wird zu mir in die Einheit kommen", erklärte Anordil, „auf die rechte Flanke, ebenso wie sein zwergischer Begleiter." „Ein Zwerg als Begleiter?", stieß Baragond ungläubig hervor, „seit wann gibt sich der Prinz mit den Höhlenwühlern ab?"
„Seit er von der Aufrichtigkeit der Zwerge überzeugt wurde", konterte Anordil scharf. „Was ist mit den Frauen und Kindern?", fragte Baragond ungerührt. Seine Ablehnung gegenüber den Zwergen war allgemein bekannt. Das er Anordils Spitze überhörte, wunderte mich daher nicht. Sein Blick wies auf die Frauen, welche mit tönernen Krügen zwischen den Elbenkriegern her eilten, um ihnen Wasser zu geben. „Die Frauen, Kinder und Alten, die nicht mehr kämpfen können wurden in das Höhlensystem unterhalb der Hornburg gebracht", erklärte Anordil, „die Frauen hier sind noch Freiwillige, die sich gemeldet haben, um die Krieger zu versorgen. Bei Beginn der Schlacht werden auch sie sich in Sicherheit bringen."
„Und die Kinder dort?", Baragond wies mit den Augen auf eine Gruppe Halbwüchsiger, von denen einer unsicher mit einem viel zu großen Schwert spielte. Anordil seufzte. „Es sind in unseren Augen noch Kinder", sagte er, „doch für die Rohirrim sind sie bereits alt genug, um ein Schwert zu führen." Der erfahrene Krieger erbleichte. Aber seine Mine blieb undurchschaubar. „Die Valar stehen uns bei", stieß er hervor, „der Krieg ist nichts für Kinder. Ist das Volk von Rohan bereits so verzweifelt, dass es seine Kinder in den Kampf schickt?" Anordil nickte nur schweigend.
„Dir kommt noch eine besondere Aufgabe zu", fuhr Anordil fort, „deine Einheit wird nicht nur hier den Wall verstärken, sondern auch ein Auge auf den Zugang zu den Höhlen halten. Kein Ork oder Uruk-hai darf bis dort durchbrechen." Anordil zeichnete rasch einen Grundriss in den Staub des Bodens. „Hier", wies er auf eine Stelle, weit im Inneren der Hornburg, „an dieser Stelle führt eine Treppe in die Tiefe. Dahinter gibt es einen Durchgang, der zu den Höhlen führt. Dieser wird verschlossen werden. Sollte es Saurons Brut gelingen bis in die Hornburg zu gelangen, so musst du diesen Durchgang halten. Falls er nicht mehr zu halten ist, so führst du mit deinen Kriegern die Frauen und Kinder auf einem geheimen Pfad ins Gebirge."
Baragond lächelte verhalten. „Und wer kennt diesen geheimen Pfad?", fragte er. Anordil lächelte zurück. „Lady Éowyn", antwortete er, „sie ist unter den Frauen." Er winkte mich heran. „Arwen kennt sie. Sie wird dir helfen, mit ihr zusammenzuarbeiten", wies er mich an, „und außerdem soll sie mit mir zwei alte Bekannte begrüßen." „Sie ist entschuldigt", grinste Baragond, „aber nur für kurze Zeit."
Anordil zog mich mit sich. Neugierig folgte ich ihm durch die Hornburg. Die Menschen machten uns bereitwillig Platz. Im Schatten der Säulen warteten wir, bis zwei Männer aus der Halle kamen. Ich erkannte Aragorn und Prinz Legolas. Ruhig traten wir aus den Schatten auf sie zu.
„Chen suilam, Legolas Thranduilion a Estel – wir grüßen euch, Legolas Sohn des Thranduil und Aragorn", grüßte Anordil höflich. Seine Stimme zauberte ein Lächeln auf Legolas Gesicht. Überrascht sah er zu ihm. Er hob an um etwas zu sagen, doch Aragorn kam ihm zuvor. „Wie freue ich mich", stieß dieser spontan hervor, „seid willkommen, Anordil Glordoronion. - Wer ist der Kampfgefährte an deiner Seite?"
Ich schmunzelte. „Eure Augen sind müde, Herr Aragorn, dass sie mich nicht erkennen", antwortete ich stattdessen. „Arwen Ceridwen Glordoroniell", stieß Legolas erfreut hervor, „ich hatte nicht geglaubt, euch beide gesund wiederzusehen. Doch von Herrin Éowyn bekam ich die Nachricht, dass ihr beide vor einigen Sonnenläufen in Edoras gesehen worden wart. Es gab mir die Sicherheit euch am Leben zu wissen."
Aragorn deutete an die Seite. „Haldir formiert seine Leute", sagte er, „wird er euch nicht vermissen?" „Er sah uns bereits", entgegnete Anordil, „da ich einer seiner Hauptleute bin, gab er uns schon Anweisung." „Wir wollten euch nur kurz begrüßen, bevor es in die Schlacht geht", warf ich ein. Aragorn lächelte mich fragend an. „Als wir uns das erste Mal trafen, sagtet Ihr, Ihr würdet um die Zukunft wissen", sprach er, „wenn dem so ist, dann sagt uns, wie wird die Schlacht ausgehen?"
Ich lächelte müde. Woher sollte ich das wissen? Durch so viele Gegebenheiten änderte sich das Schicksal. Nirgendwo bei Tolkien hatte ich gelesen, dass die Elben ein Heer nach Helms Klamm schickten. Und doch waren wir nun hier. Vage erinnerte ich mich, dass in dem Film, den ich einmal sah, diese Version gezeigt wurde. Doch würde die jetzige Schlacht wirklich ein gutes Ende finden?
„Bereits meine Anwesenheit auf der Hornburg verändert die Zukunft", entgegnete ich voller Zuversicht, die ich kaum fühlte, „doch seid dessen gewiss, dass es einen neuen Morgen gibt." Anordil berührte mich sanft am Arm. Seine Berührung mahnte mich, nicht zuviel preiszugeben. „Wir müssen nun gehen", drängte er, „unsere Krieger warten." Wir nickten den beiden zu. Aragorn streckte seine Hand aus. Sie war warm und fest, als ich sie umschloss. „Viel Glück", sprach er, „mögen die Valar mit uns sein." Auch Anordil drückte er die Hand. Legolas nickte nur gemessen. Dann eilten die beiden davon.
Anordil ging mit mir zurück zu meiner Einheit. Bevor wir diese erreichten, zog er mich in den Schatten eines Durchganges. „Es wird vielleicht kein Morgen geben", sagte er nachdenklich, „jedenfalls für viele Krieger, die hier stehen. – Ich weiß nicht, ob ich dich im Morgengrauen in die Arme schließen kann. Die Zeit, welche die Valar uns gaben trage ich in meinem Herzen. Selbst, wenn wir diese Schlacht gewinnen, so werden doch viele in Mandos Hallen eingegangen sein. Sollte ich einer davon sein, so trauere nicht um mich. Ich werde dort auf dich warten."
Er zog meine Hände zu seiner Brust. Unter dem kalten Metall der Rüstung konnte ich seinen Herzschlag erahnen. Mein Herz wurde schwer und ich hatte Angst. „Niemand weiß, was die Zukunft wirklich bringt", erwiderte ich tapfer mit rauher Stimme, „mein Leben gehört Belenus, Brigid und Lugh. Ich bin sterblich - der Eingang in Mandos Hallen ist mir verwehrt, aufgrund meiner Geburt. Auch die Tropfen deines Blutes werden daran nichts ändern. Gerne würde ich mit dir alle Ewigkeit verbringen, doch ich weiß, ..." Sanft verschloss Anordil meine Lippen mit den seinen. „Bei den Valar, ich werde sie um ihre Gunst bitten", sagte er inbrünstig, „versprich mir nur, dass du auf dich aufpasst."
„Das ist das einzige, was ich dir versprechen kann", entgegnete ich. Wir küssten uns ein letztes Mal, bevor wir aus dem Schatten traten. Baragond erwartete uns bereits. Ich gesellte mich zu den Kriegern. Der Blickwechsel zwischen Anordil und Baragond entging mir nicht. Passe auf sie auf, schien Anordil zu sagen, bevor er weg eilte.
Baragond wandte sich zu uns. „Wir werden mit den übrigen Einheiten diesen Teil des Walls verstärken", sagte er, „ihr postiert euch zu je fünf Kriegern auf folgende Positionen." Ich hatte bereits öfters in Baragonds Einheit Wachdienste verbracht. Daher waren mir die Krieger bekannt. Ich konnte mich blind auf sie verlassen und wir waren gut eingespielt. Ein Vorteil angesichts der Schlacht. Doch Baragond teilte mich keiner der Gruppen zu. „Arwen wird in meinem Verband kämpfen", sagte er zum Schluss.
Überrascht sah ich ihn an. „Ich spreche kein Rohirrisch", sagte er als Begründung, „in jedem Verband ist mindestens einer der Rohirrisch spricht. Du bist dieser in meinem Verband." Gut, dagegen konnte ich nichts sagen. Widerworte hätten auch keinen Zweck gehabt. Baragond war der Befehlshaber, also gehorchte man. Schweigend begaben wir uns auf unsere Plätze.
Dann begann das Warten. Die Menschen um uns herum fingerten nervös an ihren Waffen. Manche strichen wieder und wieder über die Bogensehne. Andere drehten Dolche in ihren Händen. Wiederum andere kauten auf ihren Lippen oder an den Fingernägeln. Wie gut konnte ich sie verstehen! Auch ich hatte Angst und ich roch die Angst, die von ihnen ausging. Doch ich durfte keine Angst zeigen. Stoisch verharrte ich neben Baragond. Die Kapuze weit ins Gesicht gezogen. Aber unter meinem Umhang spielte meine Hand mit dem Ring, den mir Anordil zu unserem Bündnis schenkte. Als könnte dieses Kleinod mir die Stärke geben, die ich so nötig brauchte.
Die Nacht war finster. Die Fackeln, welche die Rohirrim aufgestellt hatten, flackerten unruhig im Wind. Sie warfen gespenstische Schatten auf die trutzigen Felsquader der Burg. Der Wind frischte auf. Unangenehm blies er ins Gesicht. Dunkle Wolken begannen den Himmel noch mehr zu verdüstern. Sie verdichteten sich. Vereinzelt zuckten Blitze. Dumpfer Donner grollte heran.
Es dauerte auch nicht lange, bis der Regen einsetzte. Die meisten Fackeln verloschen und tauchten die Hornburg in eine tiefe Finsternis. Nur die Blitze erhellten nun die Nacht. Regungslos blieben wir stehen. Die Rohirrim um uns waren unruhig. Manche von ihnen senkten den Kopf mit Resignation in den Augen. Ein Aroma unerträglicher Furcht legte sich über die Hornburg. Die Menschen von Rohan hatten Todesangst. Es war offensichtlich, dass sie den Regen als Zeichen deuteten, dass selbst der Himmel sich gegen sie verschworen habe. Dagegen konnte selbst die Anwesenheit einer Elbenarmee nicht helfen.
Unheimliche Geräusche drangen aus der Dunkelheit an die Ohren von Mensch und Elb. Ein Frösteln lief über meinen Rücken. Dumpfe Trommeln, stampfende Füße sowie unartikulierte Laute. In der Schwärze der Nacht sah man Bewegung. Das Flackern von Tausenden von Fackeln erhellte schaurig die Dunkelheit. Eine auf und ab schwingende unbestimmbare Masse kam näher. Ich schluckte nervös.
Baragond neben mir stand völlig ruhig. „Orks", flüsterte er, „und Uruk-Hai. Mehr als genug für unsere Bögen und Schwerter. Die Nacht wird blutig werden." Ich war froh, dass ich nicht die scharfen Augen der Elben besaß. Allein die Geräusche, die das Herannahen der Orkarmee begleitete, jagte Schauer über meinen Körper. Unruhig fuhr meine Zunge über die trockenen Lippen.
Dann hörte ich Aragorns Stimme. „Ú-dano i faelas a hyn an uben tanatha le faelas! – Zeigt ihnen keine Gnade, denn auch ihr werdet keine von ihnen erhalten!", schrie er gegen den Regen an. Die Elbenkrieger zeigten keinerlei Gefühlsregung. Dagegen wurden die Menschen unruhig.
Nun konnte auch ich die Orkarmee sehen. Eine wogende Masse, die sich undeutlich von der Schwärze der Nacht abhob. Sie trampelten. Sie tobten in Vorfreude auf das kommende Gemetzel. Rhythmisch schlugen sie ihre Speere auf den Boden. Dum, dum, dum - hallte es dumpf. Die Erde erzitterte. Unheilvolle Laute hallten durch die verregnete Nacht. Begleitet vom tierisch anmutenden Gebrüll der Orks.
Die Angst zog meinen Magen zusammen. Heftig atmete ich ein, während ich mühsam nach Beherrschung rank. Die Geräusche mussten bis in die tiefsten Höhlen der Hornburg schallen. Was mochten die Frauen und Kinder dort fühlen? Die, die sich dort in Sicherheit wähnten?
Meine Augen huschten zu Baragond. Wie ein Fels stand er dort. Unerschütterlich. Wann kam endlich der Befehl, die Bögen zu spannen, fragte ich mich. Es musste doch soweit sein! Unauffällig fühlte ich nach meinem Bogen. Ich hoffte, dass diese kleine Bewegung nicht von Baragond registriert wurde. Damit riskierte ich eine Bestrafung, wenn die Schlacht vorbei war. – Falls wir überleben sollten!
Dann kam endlich der erlösende Befehl. „Tangado a chadad! – Bereitmachen zum Schießen!", hörte ich Aragorns Stimme. Die Elbenkrieger zogen emotionslos ihre Pfeile. Gelassen spannten sie die Bögen. Auch ich legte mit einer geübten Bewegung einen Pfeil ein. Langsam spannte ich den Bogen und suchte mein Ziel. Etwas lauter hörte ich die Stimme des rohirrischen Hauptmanns Gamling. Er gab den Befehl auf Rohirrisch. Ich bemerkte, dass die Rohirrim diesem ebenfalls nachkamen.
Unten in der Dunkelheit rückte Sarumans Armee beständig näher. Unendlich dehnten sich die Sekunden. Dann, unbeabsichtigt, löste sich der erste Pfeil. Ein alter Mann auf den Zinnen der Hornburg hatte nicht mehr die Kraft, den starken Bogen zu halten. Einsam schoss der Pfeil in Richtung der Orkarmee – und fand ein Ziel. Ich hielt den Atem an. Unbeirrt hielt ich meinen Bogen gespannt. Ich wartete auf Baragonds Befehl.
Eine todesähnliche Stille legte sich über die Schlucht, als der Ork zu Boden stürzte. Es schien, als würde Mittelerde den Atem anhalten. Der folgende Aufschrei der Orks war weithin zu hören. Danach kamen sie. Mit Urgewalt brandeten sie gegen die Mauern der Hornburg.
Die Schlacht hatte begonnen!
Baragond senkte unmerklich seinen Kopf. In der selben Sekunde flogen weißgefiederte Pfeile auf die Orks zu. Jeder von ihnen fand sein Ziel. Auch meiner schoss von der Bogensehne. Immer wieder sandten wir Pfeilsalven auf die Orks hernieder. So lange, bis wir keine Pfeile mehr hatten.
Um mich herum fielen Menschen und Elben getroffen von Orkpfeilen. Ein Ächzen und Stöhnen drang an mein Ohr. Unwirklich, wie durch dicke Watte gedämpft. Selbst die Schreie der Verwundeten nahm ich nicht richtig wahr.
Automatisch zog ich meine Schwerter, nachdem die Pfeile zur Neige gegangen waren. Einmal hatte ich den Eindruck, als hätte ich Aragorns Stimme gehört, wie sie laut nach Legolas schrie. Doch ich konnte mich täuschen. Nur wenige Augenblicke später erschütterte eine gewaltige Explosion den Klammwall. Erschrocken hielt ich mich an der Mauer fest.
Saurons Schergen besaßen Sprengstoff? Ungläubig starrte ich auf die gewaltige Lücke, wo vormals eine solide Mauer stand. Hastig ging mein Atem. „Du musst in die Höhlen!", schrie mir Baragond zu, während er mit einem gewaltigen Hieb einen Ork tötete, der sich über die Mauer schwang.
Dann war ich ebenfalls in Nahkämpfe verwickelt. Unaufhörlich schwang ich meine Schwerter. Ich sah, wie Kampfgefährten fielen. Ich hörte die Todesschreie der Rohirrim, als sie gemetzelt wurden. Ich hörte Aragorns Stimme. „Na barad! – Zur Festung!", hallte es über die Kämpfenden. In der Ferne sah ich Haldirs schimmernde Rüstung. In seiner Nähe musste auch Anordil sein. Doch ich konnte ihn nicht erblicken.
„Na barad, Haldir!", vernahm ich Aragorns Stimme ein weiteres Mal. Dann sah ich, wie Haldir fiel. Der gewaltige Streich eines Orks streckte ihn nieder. „Haldir!", brüllte ich, den Tränen nah. Um ihn herum sah ich Elben, die sich gegen die Übermacht wehrten und verloren.
Heißer Schmerz durchzuckte mich, als mich ein Orkschwert traf. Mit letzter Kraft riss ich mein Schwert hoch und streckte den Ork nieder. Schweratmend ging ich in die Knie. Dann wurde es schwarz um mich.
Erst Baragonds harte Hand holte mich zurück. Man hatte mich notdürftig verbunden. „Ich befehle dir, in die Höhlen zu gehen!", wies er mich barsch an, kaum, dass ich etwas erkennen konnte. „Anordil", murmelte ich leise, „was ist mit ihm?" „Ihm geht es gut", brummte Baragond, „er ist in der großen Halle." „Ich will zu ihm", sagte ich, während ich mich hochstemmte.
Baragonds Hand schoss vor und packte mich an meiner verletzten Schulter. Unwillkürlich jaulte ich auf vor Schmerz. „Anordil wird mich in Morgoth' tiefsten Kerker schicken, wenn ich dich nicht in die Höhlen bringe", unterbrach er mich schroff, „außerdem ist das ein Befehl!" Ich zuckte zusammen.
Ich hatte wohl nichts zu melden. Aber ich kannte Baragond und ich kannte Anordil. Folglich blieb mir keine andere Wahl, als mich zu fügen. Schweren Herzens tastete meine Hand zu den Schwertern. Nur eines davon würde ich jetzt führen können. Für das andere fehlte mir die Kraft. Die Wunde in der Schulter war zu schmerzhaft.
Aufstöhnend nahm ich den Weg zu den Höhlen. Zwei junge Rohirrim bewachten den Zugang. Sie wären für keinen Ork würdige Gegner. Furcht sprach aus ihren Augen, als sie uns sahen. Baragond hatte weitere Krieger mit mir geschickt. Alle waren sie verwundet. Doch sie würden noch genug Kraft besitzen, um den Zugang zu den Höhlen lang genug zu verteidigen.
Einen davon kannte ich. Es war Nimbrethil, ein erfahrener Krieger unter Thinrovals Kommando. Erschöpft lehnte ich mich gegen die Wand. Ich musste viel Blut verloren haben. Jede Bewegung wurde zur Anstrengung. „Herrin Arwen", sagte er zu mir, „Ihr solltet in die Höhlen gehen. Hier draußen könnt Ihr nichts mehr erreichen." „Ich warte auf Nachricht von Anordil", antwortete ich hartnäckig und verbiss den Schmerz.
In diesem Augenblick kamen etliche Rohirrim, die Verletzte brachten. Unter ihnen auch Elbenkrieger. Unruhig blickte ich über die Leiber. Doch Anordil war nicht dabei. Erleichtert atmete ich auf. Doch dann sah ich Haldir. Sein Umhang glich einem Leichentuch. Bleich war sein Gesicht, verunziert von zahlreichen Blutspritzern. Schwarzgrünes Orkblut besudelte seine Rüstung. Hastig stand ich auf und ging zu der Trage. Er schien nicht mehr zu atmen. Ich legte meine Hand auf seine Brust. Durch die Rüstung spürte ich nichts.
Aber ich musste Gewissheit haben. Also legte ich meinen Finger auf seinen Puls. Schwach, ganz schwach spürte ich ein Flattern. „Er lebt noch", stieß ich hervor, „bringt ihn in die Höhlen. – Rasch!" Ich stolperte hinterher. Nimbrethil nickte wohlgefällig. Er hatte mich nun doch noch dazu gebracht, die sicheren Höhlen aufzusuchen. Sei es auch nur, um Haldir zu begleiten.
Als wir die Höhlen betraten, musterten uns erschrockene Augen. Frauen drängten sich zwischen den Stalagmiten zusammen. In ihren Armen die vor Angst starren Körper kleiner Kinder. Éowyn stand als eine der wenigen aufrecht. In der rechten Hand hielt sie ein Schwert, welches sie sinken ließ, als sie in uns Freunde erkannte.
„Helft den Verwundeten bis unsere Heiler aus der Schlacht kommen", sagte Donnadhor, ein Krieger der Galadhrim, auf Sindarin. Ich packte seine Schulter. „Sie verstehen kein Sindarin", warf ich ein, „sprichst du Rohirrisch?" Er schüttelte den Kopf. „So überlasse das Reden mir", befahl ich und fuhr auf Rohirrisch fort, „wir bringen Verwundete, die nicht mehr kämpfen können, Herrin Éowyn. – Habt Ihr hier einen Platz, um sie zu versorgen bis unsere Heiler hier hinunter kommen können?"
Sie kam auf mich zu. „Ja", bestätigte sie rasch, „bringt sie dort hinten hin. Wir haben Verbandszeug und schmerzstillenden Kräutersud." Mit gebieterischer Stimme befahl sie einigen Frauen Wasser heiß zu machen und die Wunden zu säubern. „Herrin Éowyn", sprach ich sie an, „einer der Elbenkrieger ist schwer verletzt. Ich weiß, dass Ihr ein wenig von der Heilkunde versteht. Seht ihn Euch an, bitte."
„Gern", erwiderte sie. Ich ging zu Haldirs Trage. Die Rohirrim-Burschen hatten sie auf den Fels gesetzt. Ein entsetzter Laut entfuhr Éowyn. „Bei allem, was uns heilig ist!", stieß sie hervor, „es ist ein Wunder, dass dieser Krieger noch am Leben ist." Rasch nahm sie die Wunden in Augenschein. Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich kann nur die Blutungen stillen und die Wunden nähen", erklärte sie, während sie aufstand, „der Rest liegt in der Hand der Götter." Sie blickte sich um.
„Freeda!", rief sie laut, „ich brauche Nadel und Sehne hier und zwar rasch." Die angesprochene Frau eilte davon. Nur wenige Minuten später kam sie wieder. In der Zwischenzeit hatten wir damit begonnen Haldir aus seiner Rüstung zu schälen. „Ich brauche Eure Hilfe mit diesen Knoten", sagte Éowyn zu mir, „elbische Rüstungen sind mir nicht bekannt." Ich nickte nur schweigend und löste so schnell es ging die Knoten. Stück für Stück nahm ich die Rüstung ab. Die hellgraue Tunika darunter war blutgetränkt. Dann lag Haldir vor uns.
Nun konnten wir das ganze Ausmaß der Verletzungen sehen. Mir kamen die Tränen. Es erschien mir schier unmöglich, dass er diese überleben würde. Ich hoffte nur, dass Mallenloth bald in die Höhlen kam. Trotzdem begann ich Éowyn zur Hand zu gehen, so gut es ging. Wie lange es dauerte, konnte ich nicht sagen, aber letztendlich waren die Wunden versorgt. Jede war sorgfältig vernäht und mit einer Kräuterpaste bestrichen worden. Breite Leinenstreifen bedeckten nun Haldirs Körper.
Éowyn strich sich erschöpft eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr Handrücken hinterließ eine schmale Blutspur auf ihrer hellen Haut. Auch ich lehnte mich zurück. Alles tat mir weh. Der anfängliche Schmerz in der Schulter war einem dumpfen Pochen gewichen. Ich verzog mein Gesicht und tastete nach dem Verband. Als ich meine Hand zurückzog war sie rot von Blut.
„Ihr seid auch verletzt?", fragte Éowyn mich. Mir wurde kurz schwarz vor Augen. Ich schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen. „Ja, ein Orkschwert traf mich an der Schulter", murmelte ich, bevor ich mich setzen musste. Energisch schlug Éowyn den Umhang zur Seite. Damit konnte ich auch einen Blick auf die Schulter werfen. Der notdürftige Verband war mit Blut getränkt.
„Ihr bleibt hier sitzen", befahl sie mir, „ich brauche frisches Verbandszeug. Ich bin gleich wieder da." Damit eilte sie davon. Mit dem Rücken lehnte ich mich an einen Tropfstein. Ich schaute in die Runde. Die Höhle schien recht groß zu sein. Tropfsteine in allen Größen und Varianten wuchsen in die Höhe oder von der hoch über uns befindlichen Decke herunter. Im Schein der Fackeln glitzerten die Tropfsteine in tausend Farben. Als wären Millionen kleiner Diamanten in ihnen verborgen. Dazwischen sah ich blasse Flechten und Moose. Ein Zeichen für die Feuchtigkeit, die hier herrschte. Woher kam sie?
Jetzt erst fiel mir auf, dass ich immer noch den Kriegshelm trug. Mit meiner gesunden Hand nahm ich ihn ab. Dann atmete ich durch. Ich schloss kurz die Augen und versuchte mich zu konzentrieren. Irgendwo in den Höhlen rauschte Wasser. Ein unterirdischer Fluß? Leider konnte ich die Richtung nicht herausfinden. Die Geräusche in der Höhle waren zu vielfältig. Ihr Echo hallte hundertfach von den Wänden wieder. Das angstvolle Wimmern der Kinder, die Kampfgeräusche von oben und das Stöhnen der Verwundeten vermischte sich zu einer beängstigenden Kakophonie.
„Es tut mir leid, wenn Ihr warten musstet", stieß Éowyn atemlos hervor, „es sind so viele Verletzte. – Zeigt mir Eure Schulter." Sie half mir den Umhang ablegen. Kritisch beäugte sie den Verband. „Die Rüstung muss runter und der Verband auch", befahl sie kurzerhand. Ungern trennte ich mich von dem schützenden Metall. Ich öffnete die Rüstung auch nur soweit, dass Éowyn meine Schulter behandeln konnte.
Ich stöhnte vor Schmerz auf, als sie den Verband entfernte. Frisches Blut sickerte nach. Rasch säuberte sie die Wunde mit einem Sud, in dem wohl auch etwas betäubendes war. Jedenfalls ließ der Schmerz nach. „Trinkt das", wies sie mich an und reichte mir einen Becher, „ich weiß zwar nicht, ob es bei Euch Wirkung zeigt, weil ich es bei Elben noch nicht versucht habe." Das Gebräu roch bitter. „Ich bin keine Elbin", erwiderte ich schlicht, „der Trank müsste helfen." Ich nahm einen tiefen Schluck aus dem Becher und verzog das Gesicht. Bei allen Göttern, dachte ich, dieses Zeug zieht einem die Stiefel aus. Aber es tat seine Wirkung. Ich spürte nicht viel von Éowyns Nähkünsten. Nur die ersten Stiche taten weh. Dann hatte ich mich daran gewöhnt. Sie tupfte die Wunde immer wieder mit dem Kräutersud ab. Allmählich wurde die Wundgegend taub.
Als sie fertig war, wickelte sie einen sauberen Leinenstreifen um meine Schulter. „Ihr solltet den Arm möglichst schonen", sagte sie zu mir. Ich lächelte bitter. „Dazu wird später Zeit sein", entgegnete ich, „jetzt wird jedes Schwert gebraucht." Sie nickte verstehend und nahm ihre Sachen. „Ich muss zu den anderen", sagte sie rasch, bevor sie ging.
In der Zwischenzeit waren immer neue Verwundete gebracht worden. Die Frauen hatten alle Hände voll zu tun. Ich zog mir meinen Kriegshelm über und ging zum Eingang vor. Die Rohirrim-Wachen zappelten nervös von einem Fuß auf den anderen. Der Kampfeslärm war hier deutlich zu hören. Immer wieder hörte ich elbische Befehle durch die Hornburg hallen.
„Wie sieht es oben aus?", fragte ich Nimbrethil, der ruhig neben den Rohirrim stand. „Estel und der Zwerg waren auf der Rampe", berichtete er, „so war es möglich das Tor zu flicken. Etliche Orks fielen unter ihren Streichen. Der Rohan-König ist verwundet worden. General Baragond hält die Westflanke. General Thinroval die Ostflanke. Noch kann die Burg gehalten werden. Doch nicht mehr lange. Man berät über einen Ausfall zu Pferd in den Morgenstunden."
Nervös zuckte meine rechte Hand zum linken Handgelenk. Was gäbe ich nicht alles für eine Uhr! „Wie lange noch bis zur Dämmerung?", fragte ich statt dessen. „Nicht mehr lange", entgegnete er. „Wo sind Mallenloth und die Heiler?", fragte ich weiter. „Sie sind noch immer in der letzten Kampfreihe, wie üblich", erwiderte Nimbrethil, „die Heiler aus Bruchtal haben einen Teil der großen Halle umfunktioniert für die gröbste Versorgung."
„Ich gehe hinauf", sagte ich entschlossen, „Haldir benötigt unbedingt die Hilfe von Mallenloth." Doch Nimbrethil stellte sich mir in den Weg. „Ich habe Befehl Euch nicht in die Burg zu lassen", sagte er ruhig, „und ich werde dem Folge leisten." „Von wem?", zischte ich wütend. „Anordil", erwiderte er knapp, „er lebt und hat sich vorhin kurz erkundigt."
Empört holte ich Atem. Ich würde nicht an ihm vorbei kommen, das stand fest. Folglich blieb mir nur der Weg zurück in die Höhlen. Die beiden Rohirrim hatten unseren Wortwechsel mit staunenden Augen verfolgt. Sindarin klang wohl reichlich ungewohnt in ihren Ohren. Vor allem, wenn es zornig hervor gestoßen wird.
Ich ging zu Haldirs Lager zurück. Der Elbenkrieger lag ruhig da. Sein Atem ging ganz flach, doch er atmete zumindest. Hier konnte ich nichts tun. Also ging ich zu den übrigen Frauen. Ich half mit so gut es mit meinem verbundenen Arm ging. Kleine Handreichungen konnte ich durchaus vollbringen. Bis zu dem Moment wo vom Eingang her ein schriller Schrei durch die Höhle hallte. „Orks!" Beinahe augenblicklich brach Panik aus. Die Frauen rafften was sie gerade in Reichweite hatten an sich und eilten weiter in die Höhle hinein. Einzig ein paar mutige, unter ihnen Éowyn, griffen sich Schwerter und versteckten sich hinter den Tropfsteinen. Ich zog mit dem gesunden Arm ein Schwert. Den Bogen zu spannen wäre mir nicht möglich gewesen.
Auch die übrigen Verletzten, die noch einigermaßen eine Waffe führen konnten, quälten sich auf die Beine. Dann sah ich die Orks kommen. Es war nur eine Handvoll. Unter ihnen zwei Uruk-Hai. Sie mussten sich mit viel Glück zu dieser Höhle durchgeschlagen haben. Doch das würde ihr Verhängnis werden. Was war mit den Wachen am Eingang? Wie konnten die Orks an denen vorbei gelangt sein?
Éowyn starrte mich entschlossen an. Ihre Hand lag weiß um den Schwertgriff. Ich gab ihr ein Zeichen zu warten. Dann sah ich weiter oben zwischen den Tropfsteinen eine Bewegung. Ein weiß gefiederter Pfeil fand sein Ziel. Der erste Ork stürzt tödlich getroffen zu Boden. Der zweite war nun in Éowyns Reichweite. Sie schloss kurz die Augen, nahm tief Luft und mit einem markerschütternden Schrei sprang sie hinter der Tropfsteinsäule hervor. Der völlig überraschte Ork war kaum einer Gegenwehr fähig. Rasch hatte sie ihn besiegt. Schwarzgrüne Blutspritzer verunzierten ihr Gewand.
Ein weiterer Pfeil hatte in der Zwischenzeit einem Ork das Leben gekostet. Schließlich konnte ich den widerlichen Gestank riechen, der von ihnen ausging. Entschlossen packte ich mein Schwert fester und attackierte den nächsten Ork, der sich leider als Uruk-Hai erwies. Die Wucht meines eigenen Schlages riss mich fast von den Beinen, denn er ließ mich ins Leere laufen. Im letzten Augenblick konnte ich mich ducken, bevor sein Konter mich enthauptet hätte. Ich keuchte vor Angst.
Dieser Uruk-hai war ungewöhnlich gut. Seine kalten gelben Augen musterten mich geringschätzig. Ich packte mein Schwert mit der einen Hand. Die andere konnte ich nicht mehr fühlen. Einerseits von dem Kräutersud, den Eowyn darauf gestrichen hatte, andererseits von der körpereigenen Schmerzbetäubung. Der Uruk-Hai kam näher. Lauernd wie eine Raubkatze. Ich schaute auf seinen Schwertarm. Die Schreie in der Höhle raubten mir meine Konzentration. Dann griff er an. Mit Kraft und Präzision führte er sein Schwert. Die Bewegung war kurz, aber wirkungsvoll. Es gelang mir den Schlag zu blocken, doch die Wucht erschütterte mich bis ins Mark. Schmerz durchfuhr meinen Körper, der bis zum Zerreissen angespannt war. Mit einem lauten Aufschrei stieß ich das Schwert mit meiner Klinge weg. Kreischend fuhr Stahl über Stahl. Der Uruk lachte hämisch auf. Er wusste, dass ich ihm unterlegen war und nicht nur, weil ich verwundet war, sondern auch, weil ich nicht die Kraft hatte, gegen ihn zu bestehen.
Blanke Todesangst stieg in mir auf. Ich wusste, dass dieser Uruk mein Schicksal besiegeln würde. Wir umlauerten uns erneut. Mit einer lässigen Bewegung griff er dann an. Ich raffte alle verbliebene Kraft zusammen und konterte erneut. Ein unmutiges Knurren entfuhr ihm. Damit hatte er nicht gerechnet. Wütend setzte er nach. Sein nächster Schlag kam mit voller Wucht und riss mich von den Beinen.
Hart schlug ich auf dem Boden auf. Ich sah die blitzende Klinge über mir. Dann spürte ich nur noch rasenden Schmerz, der schlagartig aufhörte. Es wurde schwarz um mich.
To be continued
