an dieser Stelle herzlichen Dank an Zita, dass ich mir einen ihrer Charas ausleihen durfte. Welchen, das werdet ihr ganz schnell merken . Ihr „Heiler"-Zyklus ist äußerst empfehlenswert und eine Lust zu lesen. Und nicht nur ihr Heiler-Zyklus . Zzt. schreibt sie die beste „Mary-Sue"-Geschichte, die ich je gelesen habe.
Meneg suil
Naurelen
Minas Tirith
Leise Stimmen drangen an mein Ohr. Ein sanftes Gemurmel elbischer Worte. Wasser plätscherte. Ich spürte ein kaltes, feuchtes Tuch auf meiner Stirn. Ein dumpfes Pochen in meiner Schulter erinnerte mich an den Schwertstreich, der mich als erstes verletzt hatte. In meinem Kopf schien sich unterdessen ein gemeiner Zwerg eingenistet zu haben. Mit einer spitzen Hacke bearbeitete er meine Gehirnwindungen auf der Suche nach etwas Wertvollem.
Ich war geneigt Baragonds Unmut gegenüber den Zwergen zuzustimmen. Was hatte er in meinem Kopf zu suchen? Vorsichtig versuchte ich mich auf die Seite zu rollen. Eine Bewegung, die mein Körper mit einer heftigen Schmerzwelle beantwortete. Leise stöhnte ich auf.
„Sie erwacht." Langsam drangen die rohirrischen Worte in mein Hirn. Wessen Stimme war das? Dann fühlte ich eine sanfte, warme Hand auf meiner Wange und ein zärtlicher Kuss, der auf meine Lippen gehaucht wurde. „Echuio, anor nin - wache auf, meine Sonne", sprach Anordil leise auf Sindarin.
Meine Lider waren bleischwer. Mit unendlicher Anstrengung gelang es mir aber trotzdem sie zu öffnen. Über mir sah ich Anordil gebeugt. Ein erleichtertes Lächeln lag auf seinem Gesicht. „Man i had hen? - wo bin ich", fragte ich mit arg kratziger Stimme.
„Wir sind noch in Helms Klamm", antwortete Anordil auf Rohirrisch. „Die Schlacht", fragte ich unsicher. „Die Schlacht ist gewonnen", erwiderte er, „in der Morgendämmerung führten Théoden und Aragorn einen Ausfall zu Pferd an. Als die Sonne aufging kam Gandalf mit dem Heer Éomers von der anderen Seite des Tales. Dermaßen in die Zange genommen, wurde das Orkheer aufgerieben."
„Wir sind den Elben zu Dank verpflichtet", meldete sich eine andere Stimme. Die Sprecherin trat nun in mein Blickfeld. Es war Éowyn. „Ohne das elbische Heer hätte Rohan die Klamm nicht so lange halten können."
Vorsichtig richtete ich mich auf. Schmerz durchflutete in Wellen meinen Körper. Ich sah an mir herunter und stellte fest, dass ich in zahlreiche leinene Verbände gehüllt war. Die Bettstatt, auf der ich lag, war aus Holz. Es quietschte etwas, was die Vermutung nahelegte, dass Lederbänder darüber gespannt waren, um als Lattenrost zu dienen. Die Auflage schien aus mit Heu gefüllten Leinensäcken zu bestehen. Eine dicke Wolldecke war über mich gebreitet. In Felsnischen und auf dem Tisch an der Wand standen Öllichter, die den Raum erhellten. Aus einer Nische, die offensichtlich nach draußen führte, fiel dämmeriges Licht. Morgen- oder Abenddämmerung?
„Die Orks in der Höhle", fragte ich statt dessen. Éowyn setzte sich auf einen Schemel. „Sie wurden vernichtet", erklärte sie, „euer Leben verdankt ihr eurem Schwager. Er war es, der die Pfeile schickte." Überrascht blickte ich auf. „Luvalaes ist hier", entfuhr es mir erstaunt, „ich dachte, er wäre in Minas Tirith."
„Nein, geliebte Schwägerin", unterbrach mich eine mir wohlbekannte Stimme von der schweren, mit geschnitzten Pferdemotiven versehenen Tür her, „die gondorianischen Grenzen sind dicht. Nicht einmal eine Maus kommt ungesehen hindurch." Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht trat Luvalaes näher. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Elegant ließ er sich auf einem weiteren Schemel nieder.
„Aber ich habe eine Möglichkeit gefunden nach Gondor zu gelangen", erzählte er, „leider musste ich dafür einen kleinen Umweg über Rohan einlegen. Dabei entdeckte ich die Orkbrut, die sich von Osten auf die Klamm zu bewegte. Eine Gruppe von ihnen hielt auf das Gebirge zu. Offensichtlich hatten sie vor, die Festung von oberhalb der Klamm anzugreifen."
Er langte nach einem tönernen Becher. Éowyn schenkte ihm Wasser aus einem Krug ein. In diesem Moment öffnete sich die Tür erneut. Ein Knecht streckte den Kopf herein und gab Éowyn scheu ein Zeichen. „Ich muss gehen", sagte sie rasch, „mein Onkel ruft nach mir." Damit eilte sie hinaus.
Luvalaes nahm einen tiefen Schluck. „Nun denn", fuhr er auf Sindarin fort, „ich folgte den Orks, bis sie augenscheinlich weit oben im Gebirge verschwanden. Da Orks, insbesondere wenn sich Uruk-hai darunter befinden, sich nicht so einfach in Luft auflösen, habe ich mir die Stelle etwas genauer angeschaut. Hinter Felsen verborgen fand ich einen schmalen Pfad, der unter die Erde führte. Es behagte mir zwar nicht, aber ich war neugierig. Daher folgte ich diesem Gezücht unauffällig." „Zu meinem Glück", warf ich ein, „denn offensichtlich hast du den Uruk-hai getötet, bevor er mich töten konnte." Er schüttelte lächelnd den Kopf.
„Nicht ganz", erwiderte er, „es gelang mir seinen Schwertarm abzulenken, so dass der Streich dich nicht tötete. Nimbrethil war es, der den Uruk schließlich erlegte. Leider begrub der Kadaver dich unter sich, daher hast du so viele Prellungen, Quetschungen und Brüche. Die eine Rippe ragte wie ein Spieß nach draußen. Du sahst fürchterlich aus. Anordil war außer sich. Er hätte fast sein Versprechen gebrochen, keine hochrangige Magie mehr einzusetzen. Zum Glück ..."
„... konnte Galen das wieder beheben", unterbrach ihn Anordil, „ohne seine Heilmagie hätte der Bruch dich wochenlang zur Untätigkeit verdammt. Selbst Mallenloth hätte da nicht viel ausgerichtet." „Galen", fragte ich, „ein Mensch?" Anordil lachte verschmitzt.
„Kein Mensch", erwiderte er, „ein Elb. Ein Rhuna-Elb um genau zu sein." Erstaunt setzte ich mich auf. „Am Meer von Rhûn leben Elben", fragte ich ungläubig. Bisher war ich davon ausgegangen, dass die Elbenenklaven sich alle im westlichen Teil Mittelerdes befanden.
„Es leben dort Elben", erklärte Luvalaes zögernd, „Überlebende des letzten Krieges gegen Sauron. Diejenigen, denen es gelungen war aus seiner Gefangenschaft zu fliehen. Elben, die ..." „... von Saurons Schergen gefoltert und gedemütigt wurden", erklang eine Stimme von der Tür, „so dass sie sich selber aus der Gemeinschaft der Elben ausstießen und den Frieden an einer rauhen Küste suchten."
Mein Blick ging zu dem Sprecher. Es war einer der Bruchtal-Heiler, wie ich unschwer an den Gewändern erkannte. Jedoch trug er nun keinen Umhang, so dass sein silberglänzendes Haar weit über den Rücken fiel. Von diesem Elb ging ein Strahlen aus, dass man nur mit Mondlicht gleichsetzen konnte. Er kam näher.
„Seid gegrüßt, Arwen Glordoroniell", sagte er dann förmlicher, „ich wollte nach euren Wunden sehen, wie der Heilungsprozess verläuft. Doch ich finde euch in guten Händen. Meine Dienste sind jetzt überflüssig." Mit einem knappen Gruß an Anordil und Luvalaes eilte er hinaus.
„Wer war das", fragte ich, während ich ihm hinterher sah. „Galen Ithilos", antwortete Anordil, „ein begnadeter Heiler der Rhuna-Elben. Ich lernte ihn vor einiger Zeit in Bruchtal kennen, wo er sein Wissen mit Elrond austauschte." „Und diese Rhuna-Elben sind Ausgestoßene", bohrte ich weiter und versuchte aufzustehen. Allerdings kam ich nicht weit, weil erneut Schmerz durch meinen Körper flutete.
Tadelnd schüttelte Anordil den Kopf. „Bevor ich dir die Geschichte der Elben vom Meer von Rhûn erzähle, wirst du erst noch ein wenig schlafen", mahnte er sanft, während er mich auf das Lager zurück drückte. Er reichte mir einen Kelch. Am Geruch erkannte ich bereits Wein, der mit Kräutern versetzt war. Ich wusste, dass diese Mischung bitter schmeckte, daher verzog ich das Gesicht und setzte zu einem Protest an.
„Keine Widerrede", erstickte Anordil mein Aufbegehren im Keim, „du wirst erst schlafen. Wenn du aufwachst, erzählen wir weiter." Mit einem Kopfwink scheuchte er Luvalaes hinaus. Seufzend nahm ich den Kelch und würgte das Zeugs hinunter. Kaum eine Minute später spürte ich die Wirkung. Der Schmerz wich einem tauben Gefühl und meine Lider wurden bleischwer. Ich konnte gar nicht anders als schlafen.
Als ich aufwachte, hatte sich die Szenerie um mich nur unwesentlich verändert. Anordil saß noch immer auf dem Schemel. Er hatte mir den Rücken zugekehrt und putzte seine Schwerter. Das gleichmäßige Geräusch, was dabei entstand, hatte beinahe etwas heimeliges. Immer noch brannte das Feuer im Kamin. Auf dem Tisch stand ein Krug, ein paar umgedrehte Becher und eine Schale mit Brot.
Ich setzte mich hoch. „Du bist wach", stellte Anordil fest und drehte sich zu mir um. „Ich habe gut geschlafen", erwiderte ich, dann bewegte ich mich vorsichtig. Das dumpfe Hämmern in meinem Kopf war gewichen. Auch der Schmerz in meinem Körper war nunmehr auf einem Maß, das ignorierbar war, gesunken. „Galen war in der Zwischenzeit noch einmal hier", kommentierte Anordil meinen erstaunten Blick, „und ich habe dich ein wenig länger schlafen lassen, als der Trank es vermocht hätte."
Verblüfft starrte ich ihn an. „Ich dachte, du darfst nicht mehr zaubern", fragte ich, „oder hatte ich Gandalf falsch verstanden?" „Von gar nicht mehr zaubern hat er nicht gesprochen", lächelte er verschmitzt, „ich soll mich nur einschränken und nicht so viele mächtige Zauber benutzen." Ich schwang vorsichtig meine Beine aus dem Bett. Erfreulicherweise hatte mein Körper nichts dagegen. Offensichtlich hatte man auch einen Teil der Verbände entfernt. Jedenfalls sah ich nicht mehr aus wie eine Mumie. Statt dessen sah ich blaue Flecken und rosige, gerade verheilte Narben. Irgendjemand, vermutlich Anordil, hatte mir eine einfache braune Tunika übergestreift, so dass ich nicht völlig nackt war.
„Ich habe Hunger", stellte ich fest. „Das wundert mich nicht", antwortete er, „du hast einen weiteren Tag verschlafen." Anordil stand auf und setzte sich neben mich. Er reichte mir die Schale mit Brot. „Viel ist es nicht", sagte er, „aber es ist zumindest frisch gebacken. Die Herrin Éowyn brachte es vorhin. Das Wasser ist auch frisch. Im Küchengewölbe hängt ein Kessel mit Fleischbrühe über dem Feuer. Ich werde dir eine Schale davon holen."
Ich nickte dankbar und brach mir gierig ein Stück von dem Brot ab. Es war tatsächlich frisch. Die Krume war dunkel und die Kruste knusprig braun. In seiner Konsistenz ähnelte es einem sehr kräftigen Roggenbrot. Allerdings schmeckte es anders. Malziger als Roggen, aber würziger noch als Mehrkornbrot. Mit Genuss verspeiste ich das Stück. Dazu trank ich den halben Krug Wasser. Dieses war kühl und schmeckte leicht mineralisch. Ob es wohl aus der unterirdischen Quelle stammte?
Nach einer Weile kam Anordil wieder. Aus dem Napf in seinen Händen stieg kräftig nach Fleisch duftender Dampf auf. Darüber lag ein Stück Dörrfleisch. „Mit den besten Empfehlungen von Éowyn", sagte er und stellte es vor mir ab. Ich sah misstrauisch auf den Napf. Es war bekannt, dass Èowyn nicht wirklich eine gute Köchin war. Schon bei unserem letzten Besuch in Edoras hatten wir Gerüchte über ihre Kochkünste gehört, die mich jetzt nur mit Unbehagen auf die Brühe starren ließen. Anordil lachte auf. „Keine Angst", beruhigte er mich, „Éowyn hat die Brühe nicht gekocht. Im Küchengewölbe schwingt eine energische Rohan-Dame das Zepter. Sie lässt die gute Éowyn nicht in die Nähe des Kessels, geschweige denn irgendetwas Essbares zubereiten."
Beruhigt nahm ich den Holzlöffel und kostete von der Brühe. Sie schmeckte tatsächlich gut. Mit Appetit löffelte ich alles aus. Zwischendurch biss ich immer wieder von dem Dörrfleisch ab. Auch dieses schmeckte gut. Salzig und kräftig, wie gepökeltes Rind. Obwohl ich Rind noch nie gepökelt gegessen hatte. Aber so stellte ich es mir vor.
Nach dem ich gegessen hatte, ging es mir wesentlich besser. Jetzt konnte ich mich auch mal nach meinen Gewändern umschauen. „Eine der Rohan-Frauen hat sie mitgenommen", erklärte mir Anordil, der meinen suchenden Blick richtig erkannt hatte, „sie waren stark beschädigt und besudelt. Sie haben dir ein rohirrisches Gewand gebracht, bis sie das andere gesäubert und geflickt haben." Er deutete auf die andere Seite. Dort lag auf einer einfachen hölzernen Truhe ein zusammengefaltetes Bündel.
„Und die Rüstung", fragte ich neugierig, während ich dort hinging und das Bündel auffaltete. „Einer unserer Schmiede hat unverletzt überlebt", erwiderte Anordil, „er hat zusammen mit einem der rohirrischen Waffenschmiede die Esse in der Feste in Betrieb genommen. Seit dem Ende der Schlacht verbringt er die Zeit damit Rüstungen zu flicken und Schwerter zu schleifen. Luvalaes hat deine Rüstung auch hingebracht." Damit gab ich mich zufrieden.
Das Bündel bestand aus einem einfachen ungefärbtem Untergewand aus einem leinenähnlichen Material und einem Überkleid aus dunkelblauer Wolle, welches an den Seiten mit dünnen Lederbändern geschnürt wurde. An den Saumkanten waren Zierstiche aus grüner Wolle angebracht.
„Es ist zumindest praktisch", seufzte ich, während ich die Schnüre zuzog. „Sei froh, dass man dir ein Gewand geben konnte", konterte Anordil, „sonst müsstest du die ganze Zeit das Lager hüten, bis dein eigenes dir gebracht wird." Ich rümpfte die Nase und ging langsam zum Tisch zurück. „Ich bin zu sehr verwöhnt durch den Luxus in Cillien", knurrte ich, „so sehr, dass ich die einfachen Dinge nicht mehr zu schätzen weiß." Anordil lachte. „Du hast nur vergessen, wie die einfachen Menschen in Mittelerde leben", sagte er, „aber nun komm mit. Etwas frische Luft wird dir gut tun."
Langsam ging ich hinter ihm her. Die Gänge in der Festung waren aus Stein gemauert und ohne Schnörkel. Jeder Raum und jeder Gang war funktionell ausgerichtet. Es gab keinen überflüssigen Tand oder gar Verschönerungen. Helms Klamm diente nur einem Zweck – der Zuflucht in Zeiten der Gefahr.
Allerdings waren die Zeichen des überstandenen Kampfes überall deutlich zu sehen. An manchen Stellen klafften Löcher in den Mauern. Verkohltes Holz lag umher. Asche und Steinabrieb knirschten unter den Stiefeln. Draußen im mittlerweile notdürftig geräumten Burghof hasteten die Rohirrim von hier nach dort. Sie schleppten Gerümpel und Steinblöcke vor das Tor. Einige von ihnen zogen auch Karren mit Leichen. Der Geruch nach Tod hing in der Luft.
Auf der rechten Seite hing eine schwärzliche Rauchwolke über der Klamm. Als mir der Geruch nach verbranntem Fleisch in die Nase stieg, wandte ich mich ab. „Ich dachte, die Rohirrim begraben ihre Toten in Erdhügeln", stieß ich hervor. Anordil schaute mich schmerzvoll an. „Es waren zu viele, als dass man sie nach Edoras hätte bringen können", erwiderte er, „König Théoden hat sich daher entschlossen die Toten seines Volkes vor den Toren der Feste zu verbrennen. Die Asche wird auf die Familien aufgeteilt, so dass sie diese mit in die Hauptstadt nehmen können."
Mich schauderte. Für die Rohirrim, denen die Toten selbst viel bedeuteten, so dass sie ihnen Waffen und sogar Nahrung mit ins Grab gaben, musste es sehr schmerzvoll sein, nun der Verbrennung ihrer Krieger zuzusehen. Was mochte sie bewegen?
Ich wandte mich zur linken Seite. Verwundert schaute ich über den Wall. Über Nacht schien dort ein stattlicher Wald gewachsen zu sein. Jedenfalls konnte ich mich nicht erinnern, dass dort ein Wald gestanden hatte, als wir vor einigen Tagen Helms Klamm erreicht hatten.
„Es geschehen noch Wunder", murmelte ich, „Bäume, die plötzlich aus dem Nichts erscheinen." Das leise Lachen Anordils ließ mich herum fahren. Es schien ihn tatsächlich zu amüsieren. „Nicht aus dem Nichts", erklärte er, „sondern auf Baumbarts Geheiß. Tausende von Huórn sind den Rohirrim zu Hilfe geeilt. Éomer und seine Mannen trieben die fliehenden Orks auf die Bäume zu. Die Orks wähnten sich in Sicherheit, da die Rohirrim ihnen nicht folgten. Doch sie täuschten sich. Der Tod kam zu ihnen in fürchterlicher Gestalt."
„Die Bäume", fragte ich ungläubig, „sie sind gewandert? Und haben getötet? Du scherzt!" Ernst sah er mich an. „Nicht jeder Baum ist nur ein Baum", mahnte er mich, „es gibt Bäume, die sich bewegen können, die miteinander reden können und auch zu töten vermögen. Einzig die Ents – die Baumhirten – können ihnen Einhalt gebieten und sie kontrollieren." Entgeistert starrte ich ihn an. „Es gibt sie wirklich? Die Ents meine ich", stieß ich hervor.
„Es gibt sie wirklich", lachte er und in seinen Augen funkelte es verdächtig, „so, wie es mich gibt und die Orks." „Touché", erwiderte ich, „ich sollte mich über nichts mehr wundern." Dunkel erinnerte ich mich an Tolkiens Worte über wandelnde Bäume, Ents, Baumbart und den Ausgang der Schlacht, so wie er sie vorausgesehen hatte. Langsam ließ ich meinen Blick schweifen.
Die Ausmaße des fürchterlichen Kampfes, der hier statt gefunden hatte, waren unübersehbar. Das geborstene Tor aus schweren Holzbohlen wurde gerade ausgebessert. Etliche Rohirrim waren damit beschäftigt. In der äußeren Wehrmauer der Festung klaffte ein riesiges Loch von etwa sechzig Fuß Länge. Das Trümmerfeld reichte bis an die Felsen des Gebirges heran, an welchem die Festung gebaut worden war. Bilder der Schlacht zuckten durch mein Hirn. Ich hörte die Schreie der Verwundeten.
Abrupt drehte ich mich um. „Haldir", stieß ich hastig hervor, „was ist mit Haldir? Hat er überlebt? Und die anderen – Baragond, Thinroval, Erestor ..." „Ihnen geht es weitgehend gut", unterbrach mich Anordil beruhigend, „Erestor ist mit nur wenigen Verletzungen davongekommen. Er ist bereits mit seinen Kriegern in Gandalfs Auftrag unterwegs. Haldir ist noch ohne Bewusstsein, dafür heilen seine Wunden jedoch gut. Dank der Hilfe unseres Rhûna-Freundes Galen. Sobald er erwacht werden einige lórische Krieger ihn zurück in den goldenen Wald bringen. Die restlichen haben sich Baragond und Thinroval angeschlossen. - Thinroval ist mit seinen Kriegern den Ents nach Westen gefolgt. Baragond wurde zwar verwundet, aber er ist bereits auf Geheiß Gandalfs nach Isengard unterwegs."
„Und Mallenloth", fragte ich. „Sie begleitet Thinroval als Heilerin", antwortete er mir, „sie werden auf ihrem Weg viel Leid sehen. Die Orkhorden brandschatzten und wüteten nicht nur unter den Rohirrim, sondern auch in all den anderen Ansiedlungen. Heiler sind dort dringender von Nöten als hier." Er wies mit einer Hand hinaus über den Wall.
„Besonders, da in den Siedlungen kaum einer des Heilens mächtig ist", mischte sich eine sonore Stimme ein. Ich drehte mich um und sah einen alten Mann vor mir. Allerdings war dieser nicht von der Last des Alters gebeugt, sondern hielt sich hoch aufgerichtet. Langes weißes Haar floss über seine Schultern. Es verschmolz sichtlich mit dem ebenso langen silberweißen Bart. Gütige Augen, welche die Weisheit von vielen Jahrhunderten ausstrahlten, sahen mich an. Der Mann war in einer weißen Robe gekleidet, die bis zum Boden reichte. Einen ebenso weißen umhangähnlichen Mantel trug er darüber. Er stützte sich leicht auf einen weißen Stab, an dessen Spitze ein heller Kristall eingelassen war, als würde dieser in einem Käfig sitzen.
„Mithrandir, le suilon", sagte Anordil mit einer leichten Verbeugung. „Auch ich grüße dich, Anordil Glordoronion", erwiderte dieser, „und auch deine Gemahlin." Freundlich lächelte er mich an. „Le suilon, hîr Mithrandir", grüßte ich höflich. Ich senkte meine Augen, denn ich wollte nicht, dass er mir länger hinein sah und die Geheimnisse fand, die ich nicht preisgeben wollte.
„Kommt mit", sagte er nach wenigen Sekunden, in denen ich mich sehr unwohl fühlte. Wortlos folgten wir ihm ins Innere der Festung. Im großen Saal hielt er inne. Auch hier sah man überall die Spuren der vergangenen Schlacht. Und wie überall in der Festung waren fleißige rohirrische Hände dabei diese Spuren zu beseitigen.
Gandalf deutete auf zwei Stühle neben der Feuerstelle. Gehorsam ließen wir uns dort nieder. „Die meisten Elbenkrieger sind bereits auf ihrem Weg", fing Gandalf an, „ich betraute sie mit unterschiedlichen Aufgaben. – Setze dich zu uns, Luvalaes Glordoronion." Von der Seite war Luvalaes auf uns zugetreten. Schweigend nahm auch er Platz.
„Es sind noch etliche Dinge zu tun, bis dieser Krieg zu Ende ist", sprach Gandalf weiter, „sei es zum Guten oder zum Schlechten. Frodo und Sam sind irgendwo zwischen den Rauros-Fällen und ihrem Ziel – Mordor. Ihnen können wir nicht helfen, egal was wir auch versuchen. Wir können nur hoffen, dass sie noch am Leben sind und der Ring nicht in die Hände des Feindes fällt."
Er ging langsam hin und her. Sein Stab klackte leicht, wenn er den Boden berührte. Die linke Hand hatte er in die Hüfte gestützt. „Théoden wird sein Volk in den nächsten Tagen zurück nach Edoras führen, in der Hoffnung, dass der Krieg mit Sarumans Sturz beendet ist", fuhr Gandalf fort, „aber wir wissen, dass noch lange kein Ende zu sehen ist. – Aragorn, Legolas und Gimli werden mich begleiten. Zuerst muss ich mich versichern, dass Saruman kein Unbill anstellen kann. Die Ents halten ihn zwar in Schach, aber man kann nie wissen. - Für euch, meine Kinder, habe ich jedoch andere Aufgaben."
Er musterte jeden von uns kurz. „Luvalaes", wandte er sich an ihn, „dir hatte ich bereits die Aufgabe gegeben nach Minas Tirith zu reiten und mein Aug und Ohr dort zu sein. Aber ich entbinde dich davon. Deine neue Aufgabe soll sein nach Dol Amroth zu reisen. Suche den Prinzen und gib ihm dieses Pergament. Danach begib dich so rasch es dir möglich ist nach Minas Tirith. Wir werden dich dort brauchen." Gandalf reichte Luvalaes ein gesiegeltes Pergament. „Ich werde es ihm überbringen und rechtzeitig zur Stelle sein", antwortete er ruhig.
Dann wandte sich Gandalf an uns. „Euch übertrage ich nun die Aufgabe, die ich ursprünglich für Luvalaes vorgesehen hatte", sagte er, „geht nach Minas Tirith! Ich brauche dort verlässliche Augen und Ohren." „Wir werden heute aufbrechen", sagte Anordil, doch Gandalf schüttelte den Kopf. „Ihr werdet in zwei Tagen aufbrechen", unterbrach er ihn, „ruht euch aus, setzt eure Rüstungen in Stand und schärft die Schwerter. Ihr werdet es brauchen."
„Luvalaes sagte, es gäbe keinen Weg über die Grenze", warf ich ein, „wie sollen wir dann nach Gondor gelangen?" Luvalaes lächelte mich verschmitzt an. „Ich sagte nur, dass es keinen direkten Weg nach Gondor gäbe", korrigierte er mich, „aber ich habe einen Weg gefunden, ungesehen hinüber zu gelangen. – Durch die Höhlen unterhalb von Helms Klamm gibt es einen Weg auf die andere Seite des Gebirges. Verborgen und in Vergessenheit geraten. Er führt unter der Grenze hindurch. Wenn man die Höhlen auf der anderen Seite verlässt, ist man bereits weit in gondorianischem Gebiet."
„Und wo ist der Haken", fragte ich leicht misstrauisch, „wenn es dieses Schlupfloch gibt, so nutzen es doch gewiss auch andere." Gandalf stützte sich auf seinen Stab und lächelte väterlich. „Die Höhlen unterhalb der Festung sind nur den Rohirrim bekannt", erklärte er, „und selbst diese haben vergessen, dass man durch einen schmalen Pfad auf die andere Seite gelangen kann."
Ich lehnte mich zurück. Seine Antwort stellte mich auf keinen Fall zufrieden. „Nun denn", entgegnete ich mit leichter Schärfe, „wenn dem so ist, so frage ich mich, woher die Uruk-hai von diesem Zugang wussten." Mit einem vergnügten Glitzern in den Augen neigte Gandalf sich zu Anordil. „Ich muss sagen, deine Gemahlin ist widerborstiger als jene zuvor", sagte er zu ihm, „es gefällt mir – sehr sogar. Endlich ein Weib, dass dir gewachsen ist. Nutze die Zeit, die euch verbleibt gut."
Missmutig sah ich zu Gandalf. Ich hasste es, wenn andere über mich sprachen, als wäre ich nicht da. Insbesondere, wenn ich anwesend war. Ich schloss die Augen und kämpfte den aufwallenden Zorn hinunter. Hatte man mir nicht gesagt – allen voran Anordil und Luvalaes - , dass Gandalf eine eigenwillige Persönlichkeit sei? Nun, hier hatte ich den lebenden Beweis vor mir stehen.
„Genug der Scherze", erhob Gandalf seine Stimme, „egal wie ihr nach Minas Tirith gelangt – und sei es auf den Schwingen eines Drachen – ich brauche euch dort. In zwei Tagen brecht ihr auf."
„Und ihr, hîr Mithrandir", fragte ich neugierig. Schließlich wollte ich wissen, wohin er seine Schritte lenken würde. Nicht nur, weil ich dies mit Tolkiens Schriften zu vergleichen suchte. „In einer Stunde verlasse ich die Klamm Richtung Isengard", erwiderte er unerwartet freundlich, „es gibt dort noch einiges zu tun."
Er nickte Anordil und Luvalaes zu, dann eilte er raschen Schrittes hinaus. „So," sagte ich, „Minas Tirith also. – Ob wir Tjann dort treffen werden?" „Wenn er seinen Plan umgesetzt hat, dann wird er dort wohl sein", erwiderte Anordil, „wir werden es sehen." Luvalaes erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung.
„Ich werde nach meiner Rüstung sehen", sagte er, „sobald sie fertig ist, werde ich mich auf den Weg machen. Dol Amroth liegt südwestlich von Gondor. Ich werde Zeit brauchen, um dorthin zu gelangen."
„Pass auf dich auf, Luvalaes", mahnte ihn Anordil, „dein Bogen wird noch gebraucht." „Wenn die Valar mich schützen mögen, so wird meine Reise sicher sein", erwiderte Luvalaes. „Gute Reise und sichere Heimkehr", sagte ich. „Dir auch eine sichere Heimkehr", entgegnete er, „und pass auf dich auf. Ich kann dir nicht jedes Mal aus dem Schlamassel helfen." „Danke für die Erinnerung", sagte ich und schnitt eine Grimasse. Er lachte noch einmal hell auf. Dann ging er hinaus.
In den nächsten beiden Tagen waren wir damit beschäftigt unsere Rüstungen zusammenzutragen. Meine Wunden heilten zusehends. Schließlich waren es nur noch blasse blaue Flecken und rote Striemen, die ich als Erinnerung der Schlacht mit mir trug. Am Morgen des zweiten Tages herrschte allgemeine Aufbruchstimmung in der Festung. Die Schäden waren weitestgehend beseitigt. Um die wenigen Dinge, die man in der Kürze der Zeit nicht richten konnte, würde man sich später kümmern. Auf alle Fälle verließen die Rohirrim Helms Klamm in Richtung Edoras.
Éomer wartete auf uns in der großen Halle. Er trug die Rüstung seines Volkes, allerdings ohne den obligatorischen Reiterhelm. „Ich werde euch soweit bringen, wie ich kann", sagte er zu uns, „Éowyn würde es mir nie verzeihen, wenn euch etwas zustoßen würde." Wir schulterten unsere Sachen, dann ging Éomer voraus. Er brachte uns zu dem Tor, dass ich bereits kannte. Nun lag es verlassen da. „Wenn ich hierher zurückkehre, werde ich das Tor verschließen", erklärte Éomer, „solltet ihr auf der anderen Seite nicht hinaus gelangen, so könnt ihr nicht durch die Festung ans Tageslicht. Ihr müsst dann den Weg hoch ins Gebirge nehmen. – Merkt euch die Abzweigung daher gut."
Er zündete eine Fackel an und schritt voran. Die hohe Halle mit den atemberaubenden Tropfsteinen lag merkwürdig verlassen da. Kein Laut, außer den wenigen Kieseln, die wir lostraten, durchbrach die Stille. Nun konnte man deutlich das Wasser rauschen hören, welches ich vor einigen Tagen nicht richtig ausmachen konnte. Éomer hielt darauf zu. Das Rauschen wurde immer lauter. Schon nach recht kurzer Zeit erreichten wir den unterirdischen Fluss.
Schäumendes Wasser fiel aus etwa fünfzig Fuß Höhe hinab in ein tiefschwarzes Becken. Erst beim Näherkommen sah ich, dass nur die Lichtlosigkeit in dieser Halle das Wasser schwarz erscheinen ließ. Im Licht der Fackel konnte man am Ufer bis auf den Grund sehen. Heller Kalk schimmerte mit bunten kristallinen Einschlüssen. Seltsame weiße Wassertiere, die wie eine Mischung aus Molch und Fisch aussahen, schwammen träge dahin. Sie hatten keine Augen, so dass das Licht sie nicht zu blenden vermochte. Allerdings ließ die leise Erschütterung, die unsere Füße verursachten, sie rasch in den tieferen Zonen des Wassers verschwinden.
Éomer führte uns über einen schmalen, kaum sichtbaren Weg entlang des Wasserbeckens. Kurz vor dem Wasserfall verschwand der Pfad im Fels. Er wurde immer enger, bis ich dachte, dass es nicht mehr weiterging. Meine Hände fühlten sich leicht schwitzig an. Das Gefühl lebendig begraben zu sein gefiel mir gar nicht und das gespenstisch flackernde Licht von Éomers Fackel war bei weitem nicht ausreichend um mich in Sicherheit zu wähnen. Doch mit einem Mal weitete sich der Gang und ich konnte durchatmen. Ohne Aufenthalt führte uns Éomer immer tiefer unter die Erde. Wir kletterten über Kalksteinplateaus, krochen durch schmale Gänge und enge Pfade, bis wir eine weitere etwas größere Höhle erreichten.
Das Fackellicht zeigte eine atemberaubende Stalaktiten-Ansammlung. Die Kristalle warfen das wenige Licht tausendfach zurück. Etwa dreißig Fuß rechts von uns floss träge der Fluss. Wir mussten nun oberhalb des Wasserfalls sein, dessen Rauschen nur noch ein vages Summen in der Ferne war. Am Ende dieser Halle zweigten etliche recht enge Gänge ab. Dort blieb Éomer stehen. Mit der Fackel wies er auf den zweiten von links und sah uns an.
„Dieser Weg führt hinauf ins Gebirge", erläuterte er, „solltet ihr den anderen blockiert finden, so müsst ihr diesen nehmen. Die Festung wird verriegelt sein." „Und wo endet er", fragte ich neugierig. „Etwa einen halben Tagesmarsch von Helms Klamm entfernt in Richtung auf Edoras zu", antwortete er, „wahrscheinlich werden dort noch versprengte Orks und Uruk-Hai herumstreunen. Nehmt euch in Acht."
„Sorgt euch nicht um uns, Freund Éomer", warf Anordil ein, „die Schlacht um Mittelerde hat gerade erst begonnen. Helms Klamm war nur der Anfang. Gondor wird die Reiter Rohans brauchen, wenn Saurons Macht sich festigt." Ernst sah Éomer ihn an. „Dies liegt nicht in meiner Macht", erwiderte er widerwillig, „denn Théoden ist König der Mark. Seinem Befehl muss ich mich beugen."
„Dann achtet auf das Wohlergehen eurer Schutzbefohlenen", bat ihn Anordil, „haltet die Mark frei von Saurons Brut. Das wird reichen müssen." „Aber haltet euch bereit, dem Ruf nach Gondor zu folgen", riet ich ihm, „man kann nie wissen, ob sich Théoden nicht doch noch eines Besseren besinnt."
Éomer verbeugte sich knapp. „Ich werde euren Rat beherzigen, edle Arwen Glordoroniell", sagte er, „doch nun muss ich gehen. Man wird schon die Festung geräumt haben und nur noch auf mich warten. – Dieser Weg führt nach Gondor. Er ist alt und ich weiß selber nur aus den Überlieferungen von ihm, daher weiß ich nicht, in welchem Zustand er ist. Seid also auf der Hut."
Er zeigte auf den mittleren Gang. Dann nickte er Anordil noch einmal kurz zu, zündete eine Ersatzfackel an und reichte sie ihm, bevor er sich zum Gehen wandte. In unserem Gepäck trugen wir noch einige dabei. Sie würden reichen müssen, bis wir auf die andere Seite gelangten.
Wir sahen Éomer hinterher, bis er hinter der nächsten Biegung verschwand und nur Schwärze zurückließ. „Komm", sagte Anordil, „wir haben noch einen weiten Weg vor uns." „Dann sollten wir nicht länger hier herumstehen und trödeln", konterte ich, als ich ihm folgte.
Und es wurde wahrlich ein langer Weg, der sich vor allem durch Eintönigkeit auszeichnete. Zum Glück hatten wir noch einige Stücke Lembas und ein wenig von den kargen Vorräten der Rohirrim bei uns, so dass wir uns nicht um die Mahlzeiten kümmern mussten. Wasser gab es reichlich in den Höhlen. Manchmal sogar viel zu viel. An einer Stelle mussten wir eine träge fließende Wasserader queren und an einer anderen einen unheimlich ruhigen unterirdischen See. Ich hatte bisher nicht oft Angst gehabt in meinem Leben, doch diese Aktionen lösten in mir ein beklemmendes Gefühl aus. Ich wollte nicht wissen, was in den Tiefen dieser Gewässer lauern mochte. Geschweige denn, dass ich es heranlocken konnte. Also verhielt ich mich entsprechend vorsichtig, während wir durch die Gewässer schwammen. Es war mir erst wieder wohl, als wir das gegenüberliegende Ufer erreichten.
Hier in der Dunkelheit der Höhlen verlor ich jegliches Zeitgefühl. Dreimal zündeten wir ein Feuer an, um uns zu trocknen und auszuruhen. Trotzdem vermochte ich nach einer Weile nicht mehr zu sagen, ob wir Tag hatten oder Nacht oder wie viel Zeit bereits vergangen war, seit wir das Höhlensystem betreten hatten. Es stellte sich jedoch als reichlich unbewohnt dar. Nur vereinzelt schreckte unsere Fackel ein Lebewesen auf. Die meisten stellten sich als kleine Ratten, relativ kleine Spinnen, Schlangen und sonstiges Krabbelzeug dar. Vor größeren Höhlenbewohnern blieben wir zum Glück verschont. Aber mit jeder Stunde, die ich hier unten verbrachte, wurde es mir unbehaglicher. Auch bei Anordil bemerkte ich nach einer Weile eine leichte Unruhe. Elben waren nicht für das Leben unter der Erde geschaffen. Er beherrschte sich zwar, doch ich sah, wie seine Augen ständig die Dunkelheit musterten.
Dann endlich hatten wir den Ausgang erreicht. Ich hätte ihn nicht einmal bemerkt, wenn Anordil mich nicht am Arm gepackt hätte.
„Dort drüben sehe ich Sternenlicht", sagte er freudig und deutete in die Schwärze vor uns. So sehr ich mich anstrengte, aber in dem tanzenden Fackellicht sah ich nichts. „Wo", fragte ich daher zurück. Er zog mich mit sich fort. „Hier", stieß er hervor, stoppte abrupt und nahm mir die Fackel aus der Hand. Mit einer Handbewegung löschte er die Flamme. „Ist das dir erlaubt", fragte ich kritisch, denn ich wusste, dass er eigentlich seine Zauber im Zaum halten sollte. „Solch ein niedriger Zauber ist mir wohl gestattet", gab er zurück.
Wir warteten einige Minuten, dann hatten sich meine Augen auch an die Dunkelheit gewöhnt. Wie von Zauberhand erschien der Umriss einer Felsöffnung vor mir. Draußen herrschte tiefe Nacht. Sterne funkelten verheißungsvoll am Himmel. Leise und vorsichtig schlichen wir aus der Höhle. Doch es war niemand zu sehen. Kein Empfangskommando, dass auf uns wartete. Erleichtert setzten wir uns auf einen der Felsblöcke.
„Wir sollten noch ein Stückchen bergab gehen, bevor wir rasten", schlug Anordil vor, „es wäre unklug genau vor dem Höhleneingang unser Lager aufzuschlagen." Da musste ich ihm leider zustimmen. „Du hast Recht", erwiderte ich seufzend, „gehen wir." Mit Bedauern stand ich wieder auf. Ich hatte mich schon auf eine ausgiebige Rast gefreut.
Da wir keine Fackel entzündeten, weil man durch den Lichtschein auf uns aufmerksam werden konnte, tastete ich mich hinter Anordil den Hang hinunter. Erst im Schutz der ersten Bäume suchten wir eine geeignete Lagerstätte, die wir auch bald fanden. Ein kleines Rinnsal von einem Bach rann einsam zu Tal und bot uns eine willkommene Ruhemöglichkeit.
Wir rasteten, bis der Morgen dämmerte. Dann setzten wir unseren Weg fort. Unzählige Male mussten wir Dörfer umrunden oder uns in den Schatten der Bäume verstecken, damit man uns nicht sah. Die Krieger Gondors waren nun für uns genauso gefährlich, wie die herumstreifenden Orks. Zum Glück hielten die einen die anderen beschäftigt, so dass wir unbemerkt Minas Tirith erreichen konnten.
Minas Tirith – die weiße Stadt. Das erste was ich sah, waren die Lichter, denn wir näherten uns der Stadt in der Nacht. Die Ebene lag in trügerischer Dunkelheit, nur der Mond sandte sein fahles Licht zu Boden. Am Fuß des Gebirges rasteten wir im Schutz der Felsen. Von hier aus konnte ich mir einen ersten Eindruck verschaffen.
Die weiße Stadt schien gewaltig zu sein. Bis weit hoch in die Felsen sah ich Fackelschein. Auf der anderen Seite der Ebene sah ich eine weitere Stadt, doch hier flackerte nur vereinzelt Licht auf. Ihre Umrisse lagen in der Dunkelheit. Dies musste Osgiliath sein.
Neugierig erwartete ich die ersten Strahlen der Sonne. Als sich die Morgendämmerung über die Felsen schob, erwartete mich ein gewaltiges Schauspiel. Wie Phönix aus der Asche erhob sich Minas Tirith aus der Dunkelheit der Nacht. Weiße Steine bildeten die Außenmauern der Stadt. So weiß, dass sie im morgendlichen Sonnenlicht beinahe funkelten. Wie eine gewaltige Pyramide schmiegte sich die Stadt mit ihren sieben Ringen an die dahinter liegende Felswand. Die Zinnen waren mit Fahnen und Banner geschmückt. Mehrere Tore sperrten die Stadt nach außen ab. Eine gigantische Felsnase führte bis an den äußeren Ring und spaltete die Stadt in zwei Hälften.
Osgiliath dagegen schien bereits weitestgehend in Trümmern zu liegen. Jetzt, im Sonnenlicht, konnte man deutlich die Schäden sehen, welche die ständigen Angriffe der Orks und Uruk-Hais hinterlassen hatten. Es war mir unbegreiflich, dass in dieser Ruine noch Krieger ausharrten, die weiterhin den Angreifern die Stirn boten.
„Nun haben wir Minas Tirith erreicht", sagte ich zu Anordil, „und wie gelangen wir hinein?" „Es gibt Pfade in die Stadt, die nur wenigen bekannt sind", erwiderte er augenzwinkernd, „angelegt vor vielen Jahrhunderten, um dem König Zugang zu gewähren oder die Flucht zu ermöglichen in Zeiten der Not."
Jetzt war mir klar, wie Luvalaes aus der Stadt hatte entkommen können, als der Truchseß Denethor begonnen hatte diese abzuriegeln. „Wir warten, bis die Nacht anbricht, dann betreten wir die Stadt", fuhr er fort. „Sollten wir nicht lieber jetzt gehen", fragte ich kritisch, „die Stadt erwacht und die Menschen gehen ihren Geschäften nach. Wir werden in dem Gedränge weniger auffallen, als in der Nacht, wenn überall Wachen patrouillieren."
Sein Lächeln war beinahe mitleidig. „Du vergisst die Lektion in Strategie", mahnte er mich vorwurfsvoll, „wir tragen elbische Rüstung, schwere Bewaffnung und elbische Umhänge, und du meinst, wir fallen nicht auf?" Beinahe beleidigt musste ich ihm Recht geben. „Du hast auffallend Recht", knurrte ich, „aus mir wird nie ein Stratege." Leise lachend reichte er mir den Wasserbeutel. Ich nahm einen Schluck. Es schmeckte ein wenig schal, aber über den Tag würde es reichen. Schließlich war die Stadt zum Greifen nah und damit auch ein weiches Bett, ein heißes Bad und anständiges Essen.
Den Tag verbrachten wir mit Müßiggang. Von unserem Platz aus konnten wir Minas Tirith beobachten. Die Tore öffneten sich nur selten. Auf den Zinnen waren jedoch schwer gerüstete Krieger zu sehen. Ihre blitzenden Rüstungen glänzten in der Sonne. Innerhalb der Stadt konnte man wenig sehen, da die hohen Mauern einen direkten Blick verwehrten. Einzig aus Osgiliath sah man Rauchfahnen und manches Mal hektische Bewegungen. Am Tage stach das ganze Ausmaß der Zerstörung ins Auge. Mahnend erhoben sich die Ruinen aus der Asche. Dabei war es einst eine blühende Stadt gewesen. Die Ebene zwischen Osgiliath und Minas Tirith glich einer kargen, von der Sonne gebleichten Wüste. Kein einziger grüner Grashalm reckte sich empor.
Erst die Abenddämmerung milderte den Eindruck. „Gehen wir", sagte Anordil und schulterte sein Gepäck. Ich nahm meinen Beutel und meine Waffen, dann folgte ich ihm. Ich war neugierig, wohin er mich führte. Wir gingen ein Stückchen den Berg hinauf. Dann verschwand Anordil hinter einer Felsnase. Als ich die Stelle erreichte, sah ich einen schmalen Spalt, in dem sich Geröll türmte. Vorsichtig kletterte ich hinein. Nach wenigen Schritten sah ich den Schein einer Fackel. Anordil hatte sie entzündet.
Als ich ihn erreichte, blickte ich mich überrascht um. Wir standen in einer kleinen Grotte, die in etwa neun Fuß im Geviert maß. In den Wänden waren zahlreiche Spalten, von denen manche nicht einmal eine Maus durchlassen konnte. Auf eine der größeren Spalten hielt Anordil zu. Mir war jetzt klar, dass wir einem sehr engen Pfad folgen würden. Ich hasste es, so eingeengt zu sein. Mit einem drückenden Gefühl im Magen und einem ergebenen Seufzer kletterte ich jedoch hinter Anordil her.
Der Weg war wirklich äußerst schmal und unwegsam. An manchen Stellen hatten wir Mühe durchzukommen. Es kam oft vor, dass wir unsere Köcher und die Beutel abschnallen und vor uns herschieben mussten, damit wir vorwärts kamen. Wie lange wir durch die engen Tunnel gekrochen waren, weiß ich nicht. Auf alle Fälle kam es mir beinahe länger vor, als der Weg von Helms Klamm durch die Felsenhöhlen.
Gerade als ich Anordil daran erinnern wollte, dass ich als Mensch eigentlich eine Rast benötigte, stoppte er vor mir. Die Fackel erlosch und ließ uns in tiefster Finsternis zurück. Nun verfluchte ich das Schicksal, dass ich zwar ein paar Quentchen Elbenblut abbekommen hatte, dieses mir aber keine Nachtsicht beschert hatte. Ich kam mir auf einmal vor wie ein Maulwurf bei Tageslicht.
„Es sind nur noch wenige Schritte", flüsterte Anordil, so leise, dass ich es kaum verstand. Ich fragte nicht nach dem Grund, aber wir mussten in einem bewachten Bereich sein, sonst hätte er normal laut gesprochen. Vorsichtig schob ich mich weiter und versuchte dabei Kontakt zu Anordil zu halten. Dann war vor mir nichts mehr.
Erschrocken wich ich zurück, doch nur einen Augenblick später spürte ich Anordils Hand, die meinen Arm ergriff und mich zu sich zog. Ich vertraute ihm, auch in dem Moment, wo ich keinen Boden mehr unter den Füßen spürte. Für einen Sekundenbruchteil schwebte ich in der Luft, dann fühlte ich Felsboden unter mir. Allmählich gewöhnten sich meine Augen auch an die Dunkelheit. Jedenfalls erschienen mir nun verschiedene Bereiche um mich herum nicht mehr ganz so dunkel wie die anderen.
Anordil war ein schwacher Schemen vor mir. Er fasste meine Hand und lenkte meine Schritte auf die rechte Seite. Anscheinend folgten wir jetzt einem Stollen. Langsam gingen wir weiter. Meine Finger tasteten über die Felswand. Kühl und leicht modrig feucht fühlte sie sich an. Dafür sprach auch der Geruch, der hier herrschte. Bitter, muffig, abgestanden und irgendwie nach Tod.
Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Der Geruch des Todes verhieß im Regelfall nichts Gutes. Manches Mal versteckte sich dahinter auch etwas äußerst Ekliges. Im schlimmsten Fall Gyrth-i-chuinar – Untote. Lebende Tote, die keine Ruhe fanden, weil man sie verflucht hatte. Vorsichtshalber prüfte ich den Sitz meiner Schwerter. Die Berührung mit dem kalten Stahl gab mir wieder Halt, obwohl die Klingen gegen die Untoten nichts halfen. Nur mit Feuer konnte man sie bekämpfen.
Anordil wurde langsamer. Er schien sich zu orientieren, welchen Weg wir einschlagen mussten. „Wo sind wir", flüsterte ich fragend. „In der Nekropole von Minas Tirith", erwiderte Anordil ebenso leise. „Die Ruhestätte der Könige Gondors", fragte ich überrascht, doch Anordil schüttelte den Kopf. „Die Gruft der Könige ist verriegelt", erklärte er, „solider Fels schützt die Grabstätten. Nein, wir sind in den Katakomben des Volkes. Hier finden die Toten ihre Ruhe." Argwöhnisch blickte ich ihn an.
„Sofern sie nicht von irgendwelchen herumtreibenden Elben und Menschen gestört werden", unkte ich, „auf eine Begegnung mit halbverwesten Gondorianern habe ich eigentlich keine Lust." Anordil lachte leise. „Keine Angst, meine Sonne", beruhigte er mich, „hier unten gibt es keine Toten, die leben. Die Gondorianer fürchten sich selber vor ihnen, daher werden die Katakomben sorgfältig verschlossen und mit Bannsprüchen versehen."
Wenn er meinte, mich damit beruhigen zu können, so hatte er doch das Gegenteil erreicht. Meine Nackenhaare stellten sich unwillkürlich auf. Bannsprüche – folglich gab es wohl doch ab und an mal ein kleines Problem mit Toten, die nicht so völlig tot waren. Vorsichtig blickte ich mich um, während wir weiter gingen. Ich hielt mich mit einer Hand an Anordil fest, der vorausging, so dass er mich durch die Dunkelheit geleitete. Dann machten wir eine Wendung nach links. Weit vor uns sah ich einen schwachen Lichtschein.
„Ich denke, wir sind in der Totenstadt", flüsterte ich besorgt, „wer hat denn dort das Licht brennen lassen?" „Wahrscheinlich eine Bestattung", gab Anordil zurück, „es ist bei den Gondorianern üblich Fackeln brennen zu lassen, wenn sie einen Körper hierher bringen."
Trotzdem näherten wir uns vorsichtig dem Lichtschein. Zu hören war nichts. Beängstigende Stille herrschte um uns herum. Nur unser Atem durchbrach diese fürchterliche Ruhe. Dann konnten wir durch eine Öffnung in den Raum sehen, aus dem der Lichtschein kam. Nun hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit mir ein Bild von der Totenstadt zu machen.
Der Raum, der vor uns lag, war nur spärlich von vier einsamen Fackeln beleuchtet, die an den Ecken einer Art steinernem Podest befestigt waren. Auf dem Podest lag ein in Tüchern gehüllter Körper. Lederne Riemen waren darum geschlungen, damit die Tücher Halt hatten. Ob der Leichnam darunter männlich oder weiblich war, konnte ich nicht erkennen. Die Decke spannte sich in unregelmäßigen Bögen über uns. Der Fels wirkte nur grob behauen. In den Felswänden befanden sich etwa sechs Fuß lange und drei Fuß hohe Nischen. Immer drei Stück übereinander. Sie bildeten eine lange Reihe bis zum anderen Ende des Raumes. Doch nicht in jeder lag ein verhüllter Körper in verschiedenen Stadien der Vergänglichkeit. Manche Nischen waren auch angefüllt mit zahlreichen kleinen tönernen Krügen. Langsam traten wir näher.
„Die Gondorianer pflegen ihre Toten aufzubahren", flüsterte Anordil, „in der Totenstadt gibt es viele solcher Kammern. Die Nischen in den Wänden sind die eigentlichen Ruhestätten. Jede einzelne gehört einer Familie. Die Namen sind in die Tafeln daneben eingeritzt. Wenn eine Familie sehr alt ist, so kann es sein, dass sie sogar zwei oder drei dieser Nischen besitzt. Stirbt ein Familienmitglied, so wird es in der Mitte der Kammer aufgebahrt, bis der nächste Leichnam kommt. Dann wird der Aufgebahrte in der Nische beigesetzt. Der Tote, der bisher dort ruhte, wird eingeäschert und die Asche in einem kleinen Gefäß im hinteren Bereich der Nische aufbewahrt. So wird verfahren, bis die Nische niemanden mehr aufnehmen kann, dann bekommt die Familie eine weitere Nische zugeteilt."
Ich schaute mich um. Nirgendwo sah ich Anzeichen einer Verbrennung. „Aber sie müssen die Toten dann woanders verbrennen", flüsterte ich zurück, „hier in dieser Kammer geht das nicht." „Richtig", nickte Anordil, „direkt vor der Totenstadt gibt es einen steinernen Verbrennungshügel. Dort werden die Toten verbrannt." Ich trat an eine der Wände. Die Tafeln neben den Nischen zeigten die Namen der Toten und ihre Stände. Die meisten gehörten dem einfachen Volk an.
Ich drehte mich um. „Keine Adligen", fragte ich, „werden diese woanders bestattet?" „Ja", bestätigte Anordil, „der Adel hat separate Gruften innerhalb der Totenstadt. Einzig das Königshaus und derzeit das Haus des Truchsess hat eine gesonderte Gruft oben im siebten Ring nahe des Palastes. Dort werden die Toten einbalsamiert und in steinernen Sarkophagen aufbewahrt."
Anordil hatte in der Zwischenzeit das Podest, wo der Tote ruhte kritisch begutachtet. „Der Tote muss vor kurzem hierher gebracht worden sein", stellte er fest, „die Fackeln sind noch recht frisch. Auch ist noch kaum Verwesungsgeruch zu bemerken." Er bedeutete mir weiterzugehen.
Von hier aus waren die Gänge durch sporadisch verteilte Fackeln notdürftig erhellt. In recht regelmäßigen Abständen zweigten Durchgänge in weitere Kammern ab. Dieser Ort hatte große Ähnlichkeit mit den Katakomben der alten Römer. Beim Weitergehen ließen wir Vorsicht walten. Wenn Anordil Recht hatte, so bestand die Möglichkeit, dass wir dem Trauerzug begegneten. Ein Umstand, den wir auf alle Fälle vermeiden wollten.
Aber wir trafen auf niemanden. Nach einer Weile weitete sich der Gang und mündete in eine beinahe runde Kammer. Blumen schmückten ein steinernes Podest von etwa Manneslänge. Ansonsten war die Kammer leer. Auf der gegenüberliegenden Seite fiel Sonnenlicht durch eine breite Türöffnung. Wir waren wohl in einer Art Totenhalle, in der vermutlich des Toten gedacht wurde, bevor man ihn zur letzten Ruhe bettete.
Vorsichtig spähten wir nach draußen. Der Platz vor der Totenstadt war verlassen. Auf der rechten Seite war ein Hügel aus Steinen mit einer flachen Kuppe. Darauf brannte ein Feuer mit dickem Rauch. Es roch fürchterlich. Dies musste der Verbrennungshügel sein. „Keine Wachen", fragte ich würgend.
„Nein", schüttelte Anordil den Kopf, „sie ziehen es vor, den Toten alleine brennen zu lassen. Erst wenn alles zu Asche zerfallen ist, kommen sie wieder hierher. Der Geruch ist zu penetrant." Da musste ich ihm allerdings beipflichten.
Rasch zog ich ein Tuch aus meinem Gürtelbeutel und presste es vor meine Nase. So konnte ich es zumindest aushalten. Wir beeilten uns, aus dem Bereich der Totenstadt herauszukommen.
„Wir sind jetzt schon innerhalb der Mauern von Minas Tirith", erklärte Anordil, nachdem wir die äußere Mauer der Totenstadt erreicht hatten, „wir befinden uns unten an der rechten Seite des ersten Ringes. Hier leben die meisten des einfachen Volkes. Nur im Bereich der Stadttore gibt es Wachen, denn nicht einmal der Truchsess weiß von der Existenz des Pfades durch die Totenstadt. Folglich wird jeder annehmen, dass wir uns schon längere Zeit innerhalb der Stadt aufhalten."
Skeptisch sah ich ihn an. „Selbst wenn man dies annimmt", warf ich ein, „so wird es doch auffallen, wenn zwei elbisch gekleidete Krieger durch die Stadt spazieren, von denen einer offensichtlich ein Elb ist und der andere offensichtlich eine Frau." Er lächelte mich verschmitzt an. „Daher werden wir die Kapuzen ins Gesicht ziehen und die Umhänge enger schließen", erwiderte er, „es ist bereits Nacht. Die Dunkelheit wird weitere Details verwischen. - Und wenn doch jemand einen näheren Blick riskiert, dann ist noch genügend Zeit einen kleinen Zauber zu sprechen."
„Darf ich dich daran erinnern, dass du nicht so viel zaubern darfst", tadelte ich ihn vorwurfsvoll, „die Valar werden es dir noch einmal übel nehmen." „Die Valar haben es mir nicht gänzlich verboten zu zaubern", unterbrach er mich, „ich darf nur die hochrangigen Zauber nicht mehr anwenden. Doch selbst dies würde ich tun, sollte unser Leben bedroht sein."
Während wir uns so unterhielten, betraten wir durch ein kleines Seitentor die eigentlich Stadt Minas Tirith. Nun konnte ich wirklich die ganze Pracht dieser Königsmetropole sehen. Die Straßen waren recht breit und mit weißen und hellgrauen Steinen gepflastert. Sogar die Häuser hier im ersten Ring waren aus weißem Stein gebaut. Er schien weitläufig zu sein und etliche Gassen bogen von der großen Straße ab. Sie verzweigten sich in ein Gewirr von größeren und kleineren Häusern, Gässchen und Winkeln. In regelmäßigen Abständen spannten sich steinerne Bögen über die Straße. An den Wänden der Häuser waren metallene Körbe befestigt, in denen Fackeln ihren Platz hatten, die mit ihrem Schein die Wege erhellten.
Gemächlich schlenderten wir die große Straße entlang, die sich einer Serpentine gleich in die oberen Ringe hinaufschlängelte. Die Straße war belebt, obwohl es schon Nacht war. Männer und Frauen kamen uns entgegen oder hasteten an uns vorbei. Die meisten einfach gekleidet in dunklen Gewändern. Die Farben schwarz, dunkelbraun und dunkelblau herrschten vor. Die Frauen erinnerten mich an das Bild der älteren Italienerin. Einfache dunkle Kleider mit einem schürzenartigen Überwurf, dazu trugen sie dunkle Kopftücher, die im Nacken gebunden wurden. Manche trugen noch einen Umhang aus dunkler Wolle darüber. Kinder sahen wir nur wenige. In diesen unruhigen Zeiten und vor allem nach Einbruch der Nacht hielt man sie lieber zu Hause. Kaum jemand würdigte uns eines Blickes. Keiner stellte uns Fragen.
Der zweite Ring war deutlich von den Handwerkern geprägt, die hier lebten, Schmiede, Zimmerer, Waffenschmiede, Steinmetze. Tagsüber musste es sehr laut sein, doch nun waren die Werkstätten verriegelt und nur vereinzelt sah man noch Licht hinter den Fenstern. Über den Türen hingen Schilde, auf denen das Handwerk des Betreffenden dargestellt wurde. Eines war besonders prägnant, denn der mumifizierte Überrest einer toten Ratte war auf das Brett genagelt. Offensichtlich ein Rattenfänger, der dort wohnte. Ich rümpfte die Nase. Ratten waren nicht mein Ding, schon gar nicht, wenn man, wie ich, wusste, was diese Viecher mit sich tragen konnten.
Auch hier gingen wir unbehelligt unserer Wege. Im dritten Ring hatten sich die Bäcker und Garküchen angesiedelt. „Wir sollten uns hier aufmerksam umsehen", sagte ich leise zu Anordil, „vielleicht finden wir Tjann." „Warum nur umsehen", fragte mich Anordil, „wenn jemand weiß, wo sich ein neues Zunftmitglied niedergelassen hat, dann einer der Bäcker hier."
Er ging auf einen halboffenen Stand zu, wo eine Frau emsig dabei war einen kleinen Stand zusammenzuräumen. Sie trug niedrige Kisten, in welche wohl Backwaren gelegen hatten, in das dahinter liegende Haus. Auf dem Boden waren Brotkrümel verstreut. Als sie unserer ansichtig wurde, strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und stopfte es unter ihr graues Kopftuch. Ihr Kleid war ebenfalls grau. Ursprünglich musste es einmal schwarz gewesen sein. Vom vielen Waschen war es ausgebleicht. Eine dunkelblaue Schürze mit etlichen Mehlflecken hatte sie darüber gebunden. Ihre Hände wirkten rau und ihre Gesichtszüge hatten tiefe Falten, obwohl sie noch nicht sehr alt sein mochte.
„Mein Herr", grüßte sie höflich, „unsere Backstube ist geschlossen. Wir haben kein Brot mehr für heute. Aber vielleicht findet ihr weiter oben noch Brot." „Gute Frau", grüßte Anordil zurück, „wir wollen kein Brot. Nur eine Auskunft, wenn es euch gefällt." Verlegen strich sie ihre Schürze glatt. Es geschah wohl nicht oft, dass sie derart angesprochen wurde.
„So sprecht, mein Herr", antwortete sie, „wie kann ich euch behilflich sein?" Anordil beugte sich ein wenig näher. „Sagt, gute Frau", sprach er mit gesenkter Stimme, „wisst ihr vielleicht ob sich hier eine Familie aus Linhir niedergelassen hat? Ein Bäcker mit Frau und Kind? Tjann Grünauge ist sein Name."
Sie nickte heftig. „Oh ja, Tjann Grünauge, den kenne ich", sagte sie eifrig, „der wohnt nahe dem vierten Ring. Folgt einfach dieser Straße, dann kommt ihr an seiner Wirtsstube, dem ‚Vierblättrigen Kleeblatt', vorbei. Es ist wirklich eine vortreffliche Wahl bei Tjann Grünauge einzukehren. Niemand fertigt solch köstliche Fladen wie er."
Das Wasser lief mir bereits im Mund zusammen, als wir uns von der Frau verabschiedeten und weitergingen. Pizza! Schon allein der Gedanke an eine schöne, dick belegte, mit zerlaufenem Käse garnierten und heißen Pizza ließ meinen Magen lautstark knurren. Aufmerksam sahen wir auf die Symbole an den Häusern. Wir kamen an etlichen Bäckern, Zuckerbäckern, Wurstmachern, Pastetenbäckern und Garköchen vorbei. Auch die meisten Gasthäuser schienen sich in diesem Ring angesiedelt zu haben. Vereinzelt sah ich auch ein Badehaus. Dann bogen wir wieder um eine Kurve. Ein kleiner Platz breitete sich aus, begrenzt von einigen Häusern und dem Torbogen, der zum vierten Ring führte. Kurz davor, auf der linken Seite sah ich das Schild mit dem aufgemalten vierblättrigen Kleeblatt.
„Hier sind wir richtig", murmelte ich. Dann öffneten wir die Tür aus dunklem Holz. Ohne zu knarren schwang sie nach innen auf. Vor uns lag eine gemütliche Schankstube. Der Boden war mit hellgrauen Steinplatten belegt. An der einen Wand stand eine gemauerte Theke. Dahinter ein Regal aus dunklem Holz, auf dem sich Krüge und Becher türmten. Die Tische im Schankraum waren ebenfalls aus diesem dunklen Holz. Bänke und einige Stühle boten reichlich Platz und waren gut besucht. Zwei Mägde in Tjanns Farben gekleidet flitzten umher. Ein gewaltiger offener Kamin schmiegte sich in die eine Ecke. Über dem Feuer hing ein großer Kessel, aus dem es verführerisch nach Gulasch duftete. In der anderen Ecke war ein Durchgang. Ich sah dort den Schatten einer Treppe, die nach oben führte. Hinter der Theke war ein Durchgang in einen dahinter liegenden Raum. Von dort hörten wir emsige Geräusche und die laute Stimme Tjanns, der gerade jemanden zurecht wies, gefolgt von einem lauten Poltern und raschen Schritten.
Aus dem Durchgang stürmte Tjann und eingemehlt bis über beide Ohren. „... wenn man nicht alles selber macht", schimpfte er laut vor sich her, „eine Verschwendung von Mehl ist das. Und das im Krieg! Diesem Bengel ..." Weiter kam er nicht, denn vor Überraschung blieb ihm die Luft weg. Es dauerte zwei Sekunden, bis er sich zu einem freudigen Lächeln durchrang.
„Oh, bei den Göttern", stieß er hervor, „was macht ihr denn hier? – Welch eine Freude. Kommt rein, kommt rein." „Hallo Tjann", grüßte ich auf Englisch, „bekommt man bei dir immer noch eine gute Pizza?"
„Nicht nur Pizza, wenn dieser unfähige Trampel von Knecht seine Hände sortiert", knurrte Tjann, „für euch koche ich ein Festmahl." Freudig schob er uns auf den einen Durchgang mit dem Vorhang zu. Dahinter befand sich eine Treppe nach oben. „Immer nur hinauf", wies er uns an, „wir wohnen ganz oben, über den Gastzimmern." Wir folgten ihm über die dunkle Treppe, die nach oben führte. Dort wurden wir freudig von seiner Frau Ariana begrüßt. Den Nachwuchs sahen wir leider nicht, denn dieser ruhte bereits.
Tjann stellte uns einen Gastraum zur Verfügung. Dort deponierten wir unser Gepäck und konnten uns ein wenig frisch machen, bevor wir uns von Tjann bekochen ließen, denn die Badestuben hatten bereits geschlossen. Trotzdem wurde es ein gelungenes Wiedersehen. An diesem Abend schwelgten wir regelrecht in gutem Essen und für Kriegszeiten ausgesprochen gutem Wein. Für einige Stunden war der Krieg weit weg. Weiter, als er eigentlich war.
To be continued…
