Der nächste Morgen brachte Regen mit sich. Sturzbachartig fiel er vom Himmel. Meine Laune sank extrem. Schließlich hatte ich mich auf ein schönes heißes Bad gefreut. Allerdings würde die Wärme des Bades bei den derzeitigen Wassermassen von oben nicht lange vorhalten. Also verzichteten wir auf den Besuch der Badestuben, wuschen uns nur mit Wasser aus der Waschschüssel und blieben in Tjanns Gasthaus.
In der Schankstube war niemand außer uns. Das Feuer im Kamin brannte niedrig. Gerade genug, dass es Wärme verbreitete und die Kanne mit dem kaffeeähnlichen Gebräu heiß hielt. In der Küche waren die Feuer dagegen aus. „Heute wird kaum einer kommen", sagte Tjann, „der Regen zwingt die Gondorianer zu Hause zu bleiben. - Allerdings hat es auch den Vorteil, dass die Orks kaum voran kommen." Er nahm die Kanne und goß jedem von uns einen Becher voll.
Ariana war mit dem Kleinen oben geblieben. Seit einigen Tagen litt sie unter morgendlicher Übelkeit. Ein Zeichen, dass sie erneut schwanger war. Auf der einen Seite freute es mich, auf der anderen Seite versetzte es mir einen Stich. Nicht, dass ich Ariana nicht mochte, aber alleine die Tatsache, dass sie ihrem geliebten Mann nicht nur ein Kind schenken konnte, sondern auch noch ein weiteres, ließ in mir ein neidvolles Gefühl aufsteigen. Ich versuchte es jedenfalls zu ignorieren, so gut es ging.
Tjann setzte sich zu uns. Er hatte zwar die Schankstube geöffnet, doch wie er schon sagte, war es unwahrscheinlich, dass sich bei diesem Wolkenbruch jemand hier her verirrte. „Die Zeiten sind nicht leicht", seufzte er, „besonders mit Weib und Kind. Ich hielt es eigentlich für eine gute Idee nach Minas Tirith zu ziehen. Doch nun bin ich mir nicht mehr so sicher."
Anordil sah ihn durchdringend an. „Es war eine gute Entscheidung, Tjann", bekräftigte er, „selbst in Zeiten des Krieges ist Minas Tirith eine recht sichere Stadt. – Luvalaes hatte berichtet, dass Linhir erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Hier in Minas Tirith sind die Möglichkeiten für dich und die Deinen wesentlich besser."
Tjann sah ihn zweifelnd an. Er drehte seinen Becher in den Händen. „Ich möchte dir gerne glauben, Anordil", erwiderte er, „zumal Ariana wohl erneut guter Hoffnung ist. Doch die ständigen Angriffe durch die Orks zermürben selbst diejenigen, die an einen Sieg über Sauron glauben. Osgiliath liegt in Trümmern. Es gibt nur noch ein Kontingent Krieger, das dort verzweifelt ausharrt und auf ein Wunder wartet. Es heißt, das Hauptmann Faramir am verbissensten kämpft und äußerst umsichtig seine Männer führt."
„Da hört das Volk wohl mehr, als der Truchsess", warf ich kritisch ein, „wenn man den Gerüchten glauben mag, so hält Denethor nicht viel von seinem Zweitgeborenen." Tjann lächelte schief. „Denethor ist ein Trottel", sagte er auf Englisch, „Faramir steht seinem Bruder in nichts nach. Auch wenn sein Vater es nicht glauben mag. Das Volk liebt die beiden Brüder und vor allem lieben sie Faramir, weil dieser umsichtiger ist, als sein draufgängerischer Bruder. Immer wieder höre ich Loblieder auf den Hauptmann. Was wohl mit ein Grund ist, dass er von seinem Vater immer wieder verstoßen wird. Er bevorzugt Boromir."
„Wie ist sonst die Lage hier in der Stadt", unterbrach ich ihn fragend. Tjann nahm einen tiefen Schluck aus dem Becher und lehnte sich zurück. „Zwiespältig", antwortete er gedehnt, „solange die Orks noch mit Osgiliath beschäftigt sind, ist das Leben in der Stadt recht normal. - Wenn man in Kriegszeiten überhaupt von normal reden kann."
Er stand auf und ging zum Fenster. „Die Gondorianer benehmen sich, wie jedes andere Volk in dieser Situation", fuhr er fort, „sie horten ihre Vorräte, kaufen wie die Verrückten und manche leben als wäre jeder Tag ihr letzter."
Er schaute hinaus. „Und sie leben in Angst", sagte er, „sie ist überall zu spüren und allgegenwärtig. Einzig die Schmiede profitieren davon. Ihre Feuer brennen beinahe Tag und Nacht. Man könnte meinen mit den Waffen, die zurzeit geschmiedet werden, würde nicht nur ein Krieg geführt, sondern gleich mehrere."
„Wie ist die Lage oben in der Feste", fragte Anordil dazwischen. Tjann drehte sich um. „Es kommen öfter mal Bedienstete von dort in meine Stube", erwiderte er, „sie lieben meine belegten Fladen." Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht. „Der Truchsess schottet den Hof ab", fuhr er fort, „seit Boromirs Weggang gleicht jeder Tag dort oben dem anderen. Nur wenn Boten kommen, geruht Denethor diese zu empfangen. Entscheidungen hört man nur wenige. Und wenn etwas kommt, so von Denethors Beratern und den Hauptmännern. Nicht von ihm selbst."
Er blickte zum Fenster hinaus. „Was mit großer Wahrscheinlichkeit unser Glück ist", sagte er leiser auf Englisch, „er wähnt sich in der Sicherheit seiner Krieger. Minas Tirith gilt als uneinnehmbar, jedenfalls propagieren dies die Herolde, die täglich durch die Straßen ziehen. Denethors Befehle sind zum größten Teil haarsträubend unsinnig. Seine Berater mildern immer noch ein bisschen. Es ist ein Wunder, dass Sauron noch nicht hier einmarschiert ist."
Langsam drehte er sich zu uns um. Sein Grinsen war fast wölfisch zu nennen. „Na ja", sagte er immer noch auf Englisch, „vielleicht hat Sauron die Feste schon unterwandert und wir wissen es nur noch nicht. Es kommen kaum noch Neuigkeiten aus der Feste. Die wenigen Dienstboten, welche hier in den letzten Tagen eingekehrt waren, sind äußerst wortkarg gewesen."
Ich überschlug kurz die Ereignisse. Hatte Denethor schon von Boromirs Tod erfahren? „Vielleicht hat er Nachricht von Boromirs Ableben erhalten", mutmaßte ich, „die Zeit wäre da." Anordil sah mich etwas irritiert an, schwieg aber. „Vielleicht", sagte Tjann statt dessen, „vielleicht auch nicht ..." Schweigend hingen wir unseren Gedanken nach. Sie waren genauso grau und trüb, wie das Wetter draußen.
In den folgenden Tagen konnten wir uns selber ein Bild der Lage in Minas Tirith machen. Es gab wirklich kaum jemanden, der nicht Angst verspürte. Sie war überall und durchdrang selbst die Gerüche auf den Straßen. Selbst das Lachen der Kinder klang gedämpft. Die Menschen eilten durch die Straßen. Keiner verweilte lange um mit dem Nachbarn zu plauschen. Man spürte zwar allerorten, dass es den Bewohnern der Stadt trotz des Krieges noch gut ging, aber wie in allen Kriegsregionen war der ständige Begleiter die Angst. Die Essen der Schmiede brannten bis spät in die Nacht und noch weit vor Sonnenaufgang wurden die Feuer erneut entfacht. Tausende Pfeilspitzen wurden geschmiedet, Schwerter geschärft und erneuert und Speere neu geschaffen. Die Maschinerie des Krieges trug reiche Frucht.
Tjann hatte uns gondorianische Kleidung geliehen, in der wir nicht auffielen, jedenfalls wenn Anordil die Kapuze aufbehielt. Mein Kopftuch verbarg mein Haar und ein wenig Asche im Gesicht verwischte meine Gesichtszüge.
Auf den Märkten und an den Garküchen konnte man immer wieder Gerüchte aufschnappen. Osgiliath ist befreit - Osgiliath ist verloren - der Feind ist vor den Toren - Denethor ist verschwunden - Denethor ist dem Wahnsinn verfallen - die Krieger Gondors wären geflüchtet und die Stadt schutzlos - die Krieger Gondors hätten sich zum entscheidenden Schlag versammelt - Osgiliath sei überrannt worden. Unzählig waren die gegensätzlichsten Meldungen.
Aber wenn man die Spreu vom Weizen trennte, so erhielt man einen Konsens, der nicht dazu gedacht war in Jubel auszubrechen. Es war nur noch eine Frage von Tagen, bis Osgiliath, das letzte Bollwerk vor Minas Tirith, dem Erdboden gleich gemacht werden würde. Dann hätten Saurons Armeen freien Zugang über die Pelennor-Felder nach Minas Tirith. Ein erschreckender Gedanke.
Nur drei Tage nach unserer Ankunft hörten wir das Gerücht, das Denethor in dumpfe Trauer verfallen sei. Es hieß, dass die Vorposten in Osgiliath das zerborstene Horn Boromirs aus den Fluten des Anduin gefischt hätten. Denethor sei daraufhin in Raserei ausgebrochen. In blinder Wut und Trauer hätte er sich über Faramirs Unfähigkeit ausgelassen und die Bediensteten in Angst und Schrecken versetzt. Danach hätte er sich eingeschlossen, ohne das Horn aus den Händen zu geben.
Wir beschlossen uns bei nächster Gelegenheit in der Feste umzusehen. Da passte es sehr gut, dass immer wieder Wachen und Bedienstete des Haushaltes des Truchsess in Tjanns Gasthaus einkehrten. Manches Mal geschah es auch, das jemand von den Bediensteten ein Mahl oder auch nur einen frischen belegten Fladen in Auftrag gab. Die Lieferung besorgte meist der Knecht Tjanns oder Tjann selber. Doch als an diesem Tag eine Magd ins Gasthaus eilte und hastig mehrere Fladen bestellte, bevor sie im Laufschritt wieder verschwand, beschlossen Anordil und ich die Lieferung zu übernehmen.
Tjann sah uns besorgt an, als er uns die frisch gebackenen Fladen in Leder einschlug. „Seid vorsichtig", mahnte er uns, „Denethor ist rasch bei der Hand mit Todesurteilen." „Sei unbesorgt, Freund Tjann", warf Anordil ein, „er wird uns nicht erwischen."
Gekleidet in einfache Gewänder, beeilten wir uns die Lieferung in die Feste zu bringen. Bis hinauf in den ersten Ring dauerte es eine Weile. Wir hofften, dass die Pizzen nicht auf den absoluten Nullpunkt gekühlt waren, bis wir die Feste erreichten. Am Tor wurden wir schon sehnlichst erwartet.
„Endlich", knurrte die eine Wache, „man wartet schon auf die Fladen. Eilt euch – das Küchengewölbe ist dort vorne." Er versetzte Anordil einen Schubs in die richtige Richtung. Gespielt tollpatschig stolperte er über den steinernen Boden. Ich hielt den Atem an. Er würde doch wohl nicht die kostbare Fracht fallen lassen?
Aber nein, im letzten Moment fing er die Fladen ab und musste sich noch einen Rüffel von der Wache gefallen lassen. So rasch es ging, lief ich hinter ihm her. Im Küchengewölbe riss uns eine der Mägde die eingeschlagenen Fladen aus der Hand. In fliegender Hast wurden sie auf ein großes Tablett gelegt und im Laufschritt hinaus getragen. Ein Paket blieb zurück. Darüber machte sich ein dicker, rotgesichtiger Mann her. Mit flinken Finger teilte er die Fladen in Stücke, nahm sich selber das größte, was mich vermuten ließ, dass er wohl das Sagen hier im Küchengewölbe hatte und ließ sich schwerfällig auf einen wackeligen Stuhl fallen. Auf seinen Wink hin machten sich die übrigen über die Pizzastücke her. In Windeseile verschwanden diese in den hungrigen Mündern.
Der dicke Mann, wischte sich den Schweiß von der Stirn und die Sauce von den fleischigen Lippen, bevor er laut aufseufzte. „Zum Glück ist auf Tjann Grünauge Verlass", brummte er, „diese Fladen sind wirklich dazu angetan die Herrschaften dort oben zufrieden zustellen." „Und nicht nur die", lachte ein anderer Mann mit einer fleckigen Lederschürze. „Ist die Lust an heißen Fladen so groß", fragte ich neugierig.
„Seit man das Horn Boromirs gebracht hat, ist dies das erste, was Herr Denethor zu sich nimmt", warf eine der Mägde ein. Sie setzte sich breitbeinig vor einen großen Eimer mit kartoffelähnlichen Knollen. „Vielleicht hebt das ja die Laune des edlen Truchsess", rief einer der Knechte sarkastisch, „es ist ein Wunder, dass noch niemand seinen Kopf verloren hat."
„Steht es so schlimm", fragte ich vorsichtig. Der Dicke mit dem roten Gesicht schnappte sich einen Krug mit drei Bechern, gab uns einen Wink zu einem der Tische, an denen die Mägde wieder emsig dabei waren Gemüse zu zerschnippeln. „Schlimm ist gar kein Ausdruck", seufzte er und goß die Becher voll, „ihr beiden seid seit Tagen die ersten, die die Feste betreten durften. Denethor hat alles abriegeln lassen, als man Herrn Boromirs Horn brachte."
„Sein Gebrüll hat man bis hier ins Küchengewölbe gehört", warf eine hagere Magd ein. Ihre knochigen Finger hatte sie um den Griff eines gusseisernen Kessels gelegt, „mir tat der arme Herr Faramir Leid. – Der gute Hauptmann tut alles, um Denethors Laune zu bessern und ihm zu gefallen." Der Dicke nickte nur und trank den Becher leer.
„In diesen Zeiten sollte man gut daran tun, seine Kräfte zusammen zu halten", murmelte er, „doch der werte Herr dort oben – der scheint das anders zu sehen." Er winkte Richtung Decke. Grob knuffte ihn eine dicke Magd in die Seite. „Pass auf was du sagst, Dangumir", raunte sie mahnend, „dein Kopf sitzt sehr locker auf deinen Schultern." Der Dicke schielte zu den Türen, doch nichts geschah. „Was geschieht in der Stadt", fragte eine andere Magd mit gesenkter Stimme, „wir hören hier nichts mehr." Sie hatte noch ein recht junges Gesicht. Ruß färbte ihre Wangen schwarz.
„Die Bewohner sind beängstigt", antwortete Anordil, „die widersprüchlichen Meldungen aus Osgiliath sind nicht dazu angetan die Leute zu beruhigen." „Wisst ihr etwas aus Osgiliath", fragte ein ebenfalls wohlbeleibter Mann, offensichtlich ein weiterer Koch, der unablässig einen Braten mit Sud bestrich, während ein Knecht den Rost drehte. „Osgiliath steht kurz vor dem Fall", sagte ich schonungslos, „die Krieger können die Stadt kaum noch halten." Betroffenheit machte sich breit. „Die Götter mögen uns beistehen", stieß die hagere Magd hervor, „was sollen wir tun?"
„Bereitet euch vor zu kämpfen - mit allem was ihr habt", antwortete Anordil schonungslos, „und hofft auf ein Wunder." Damit erhob er sich. Ich folgte ihm. Langsam verließen wir das Küchengewölbe, das nun in Schreck erstarrtem Schweigen verharrte. In den Gängen begegneten wir niemandem. Die Feste schien ungewöhnlich verlassen, obwohl sie bewohnt war. Totenstille umgab alles. Lautlos schlichen wir durch die Schatten.
Hastige Schritte ließen uns noch weiter in das Dunkel zurückweichen. Die Magd, welche die Fladen weggetragen hatte, eilte an uns vorüber. Wir beschlossen in die Richtung zu gehen, aus der sie gekommen war. Nur wenige Gänge später wandelte sich das Aussehen der Feste. Es wurde zusehends wohnlicher. Anscheinend erreichten wir die privaten Gemächer der Truchsessen-Familie. Langsam bewegten wir uns weiter. Wir horchten an den Türen. Dann wurden wir fündig.
Hinter einer der eisenbeschlagenen hölzernen Türen hörten wir lautstarkes Lamentieren. „Boromir", hörten wir eine laute Stimme klagen, „oh mein geliebter Sohn. – Warum bist du gegangen? – Warum musste das Schicksal dich treffen und mir wegnehmen!" Dies konnte nur Denethor sein. Wir lauschten weiter.
„Warum du? - Meine größte Stütze", schimpfte die Stimme nun, „und dieser Nichtsnutz von Faramir darf weiterhin sich des Lebens erfreuen. – Warum hat das Schicksal nicht ihn genommen und mir dich erhalten?" Schwere Schritte näherten sich der Tür. Ich schaute nach einem Versteck, doch ich sah keines. Anordil wies zu einer weiteren Tür hinüber.
„Nichtsnutz", hörte ich die Stimme drinnen brüllen, „was nützt mir ein Sohn, der nicht einmal eine Stadt verteidigen kann?!" Schweigen. Dann entfernten sich die Schritte wieder. Ich atmete auf. „Was nützt mir ein Sohn, der mich nicht mit Freude erfüllen kann", brüllte die Stimme weiter. Dann hörte ich zum ersten Mal eine andere Stimme. „Herr", sagte diese, „beruhigt euch. Eure Trauer ist groß, doch ihr müsst an das Volk denken. Gondor braucht euch."
Ich bemerkte, dass Anordil die Türe ganz knapp geöffnet hatte. So wenig, dass gerade mal die Stimmen hinaus dringen konnten. „Gondor", schnaubte Denethor verächtlich, „Gondor braucht niemanden mehr, außer einem Wunder. Das Haus der Truchsessen wird bald genauso wenig wert sein, wie das des niedrigsten Köhlers. Was schert es mich noch?!" „Herr, solange ihr lebt", lenkte die andere Stimme ein, „solange fällt Gondor nicht. - Ihr seid Gondor."
„Was nützt es mir Truchsess von Gondor zu sein", konterte Denethor scharf, „wenn mein Fleisch und Blut den Thron nicht weiter führen kann." „Aber Herr Denethor", fiel die andere Stimme ein, „euer Erstgeborener mag zwar zu den Ahnen gegangen sein, doch ihr habt immer noch Herrn Faramir, der ..." „Hört mir auf mit Faramir", donnerte Denethor erbost, „dieser unfähige Abklatsch eines Kriegers ist nicht einmal in der Lage Osgiliath zu verteidigen! Wie soll er dann Gondor führen?"
Rasche Schritte näherten sich der Tür. Anordil ließ sie angelehnt und huschte zu der gegenüberliegenden Tür hin. Ich folgte ihm, so schnell es ging. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig. Als die Türe zu Denethors Räumen krachend ins Schloss fiel, warteten wir noch einige Minuten, bis wir uns in den Gang wagten. Niemand war zu sehen. Schweigend hasteten wir dem Tor zu, dass uns ins Freie führte. Draußen atmete ich erst einmal durch. Ich begriff es nicht, wie konnte ein Mann so voller Hass auf sein eigen Fleisch und Blut sein?
Wenige Tage später kam Gandalf in die Stadt. Seine Ankunft war spektakulärer, als ich gedacht hatte. „Osgiliath fällt", schrie ein an uns vorübereilender Gondorianer und wedelte wild mit seiner Hand. Von allen Seiten hörten wir diese Worte. Hektik breitete sich aus. Man griff zu den Waffen und eilte zu den Zinnen der hohen Mauern. Von hier hatte man einen hervorragenden Blick auf die untergehende Stadt. Schwarze Rauchsäulen standen über Osgiliath und kündeten vom Ende.
Wir sahen wie die Krieger Gondors vor der Übermacht der Orks flohen. Ohne zu Überlegen griffen wir zu unseren Bogen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen hatten wir Pfeile eingelegt und warteten mit vielen anderen Bogenschützen darauf, dass die Orks in Reichweite unserer Pfeile kamen. Ein anderer Teil meines Verstandes registrierte die fliehenden gondorianischen Krieger, die in heller Panik über die Ebene auf die schützenden Mauern von Minas Tirith zu eilten.
Der markerschütternde Schrei eines Fellbiests ließ mich jedoch erstarren. Ungläubig verfolgte ich mit meinen Augen diese fliegenden Monstren. Nie zuvor hatte ich eine groteskere Mischung aus riesenhafter Fledermaus und dinosaurierähnlichem Reptil gesehen. Nicht einmal die Eisdrachen des hohen Nordens strahlten solche Bösartigkeit aus. Mit gigantischen Flügeln schwebten zwei von ihnen über der Ebene und verfolgten die flüchtenden Krieger. Doch bevor diese höllischen Bestien diese erreichen konnten, wurden sie von einem gleißenden Licht geblendet, welches sie zum Umkehren zwang.
Ich atmete scharf aus. „Gandalf", sagte Anordil und wies auf die Ebene. Von der Seite kam eine weiße Gestalt auf einem wundervollen Schimmel angaloppiert. Gandalf hatte seinen Stab hoch in die Luft gerichtet und von diesem ging dieses blendende Licht aus.
Eine Welle von Magie stob über uns hinweg. Für einen Augenblick wurde mir schwarz vor Augen. Dann hatte ich mich wieder gefangen. „Gandalf sollte es auch nicht so übertreiben", murmelte Anordil sarkastisch, „sonst sanktionieren ihn die Valar auch noch." Wie gebannt verfolgten wir die Aktion. Gandalf wendete knapp vor den Flüchtenden und geleitete sie sicher hinter die Stadtmauern. Dort hielt er nicht an, sondern ließ sein Pferd im raschen Galopp die steinernen Ringe hinaufjagen.
Als er an uns vorüber kam, sah ich zu meiner Überraschung, dass er nicht alleine war. Vor ihm saß eine Gestalt, klein wie ein Kind. Es musste einer der Hobbits sein. Warum hatte er einen Hobbit dabei? Nach einigem Nachdenken tauchte eine vage Erinnerung an Tolkiens Erzählung in meinem Hirn auf. Also hatte das Schicksal nicht gänzlich eine neue Richtung eingeschlagen. Es blieb nur zu hoffen, dass am Ende tatsächlich das Gute über das Böse siegte.
Etwas langsamer folgten Gandalf die Überreste der gondorianischen Streitmacht, die so lange und tapfer Osgiliath verteidigt hatte. Müde sahen sie aus. Resignation sprach aus ihren Augen. Blut floss aus ihren Wunden. Heiler eilten herbei und nahmen die Krieger in Empfang. In dem allgemeinen Durcheinander gelang es uns ungesehen bis zur Feste zu gelangen.
Wir kamen gerade rechtzeitig um die Aufmerksamkeit es weißen Zauberers zu erregen. Mit einer raschen Handbewegung gab er uns zu verstehen, dass wir ihn später aufsuchen sollten. Unbemerkt zogen wir uns zurück.
Gegen Abend suchten wir Gandalf auf. Er war nicht schwer zu finden. Er hatte weit oben im siebten Ring Quartier bezogen, dort, wo er immer abstieg, wenn er in der Stadt weilte - in den Häusern der Gelehrten. Hier gab es Gasträume für Reisende der weisen Zunft und hier hatte auch Gandalf eine kleine Bleibe, die nur ihm vorbehalten war. Ein Privileg, wie es nur wenige hatten. Die Häuser der Gelehrten waren von einer mannshohen Mauer umgeben und bildeten einen abgeschlossenen Bereich innerhalb des sechsten Ringes, ähnlich dem der Häuser der Heilung. Ein großes Tor aus dunklem Holz verschloss den Zugang.
Anordil klopfte energisch an. Beinahe augenblicklich wurde das Guckloch aufgerissen. Misstrauisch wurden wir gemustert. „Was wollt ihr", herrschte uns eine raue Stimme an. Ungerührt entgegnete Anordil den Blick.
„Wir wünschen Herrn Gandalf zu sprechen", sagte er ruhig. „Der ehrenwerte Herr Gandalf ist schon zur Ruhe gegangen", entgegnete die Wache harsch, „kommt ein anderes Mal wieder." „Wir sind kein Bettelvolk", unterbrach ihn Anordil mit Nachdruck, „Herr Gandalf erwartet uns." „Wartet", knurrte es uns entgegen, dann wurde das Guckloch mit einem lauten Knall geschlossen.
„Netter Empfang", murmelte ich, „ich möchte wirklich nicht ungelegen hier ankommen." Anordil verzog sein Gesicht zu dem Anflug eines Lächelns. „Die Gondorianer haben manchmal eine seltene Auffassung von Gastfreundlichkeit", gab er leise zurück, „und gerade die Häuser der Gelehrten sind dafür berühmt."
Mit einem hässlichen Quietschen wurde das Tor vor uns geöffnet. Die Wache, ein buckliger Mann mit schmuddeliger Tunika, speckiger Lederweste und dunkelgrauen, mehrfach geflickten Hosen, winkte uns unwirsch herein. Als wir eintraten, sahen wir in der Ecke eine Hellebarde angelehnt. Ein schartiges Schwert leistete ihr Gesellschaft. Zur rechten war eine Tür halb angelehnt. Der Lärm daraus ließ auf eine Wachstube schließen, in der es recht munter zuging.
„Hier lang", herrschte uns die Wache an. Der Mann wies nach vorne auf einen Durchgang. Dahinter lag ein breiter gemauerter Gang, erhellt von zahlreichen Fackeln, von dem viele Türen abgingen. Eine davon öffnete er uns.
„Kommt nur herein", hörten wir Gandalfs warme Stimme. Die Wache schloss hinter uns die Tür. Der Raum war recht groß. Viele Tische standen säuberlich aufgereiht darin. Vor jedem waren zwei Bänke. An der gegenüberliegenden Wand brannte ein Feuer im Kamin. Darüber hing ein großer Kessel, aus dem seltsamer Dampf aufstieg. Egal, was dort vor sich her köchelte, ich würde es nicht zu mir nehmen wollen. „Leider gibt es nicht viele Orte, an denen man sich hier ungestört treffen kann", sagte Gandalf entschuldigend, „aber hier ist zur Zeit niemand, also habe ich die Gaststube in Beschlag genommen."
Dies war also die Gaststube in den Häusern der Gelehrten, dachte ich bei mir. „Ich hatte es mir etwas heimeliger vorgestellt", fuhr es mir heraus, „nähren sich die Gelehrten Gondors denn nur von warmer Tinte?" Gandalf lachte auf. „Nein, mein liebes Kind", entgegnete er, „das Küchengewölbe liegt nebenan. Hier wird nur gespeist und der Topf enthält zu dieser Jahreszeit ein Gebräu aus Kräutern, welches den Geist stärken soll." Er winkte uns zu dem Tisch nahe dem Kamin.
„Der Hobbit", fragte Anordil und schaute sich um. „Oben in der Stube", erläuterte der weiße Zauberer, „er ist vor Erschöpfung eingeschlafen. Es war ein weiter Ritt." „Warum", fragte Anordil knapp. Seufzend zog Gandalf eine wunderschön geschwungene Pfeife aus den Falten seines Gewandes und stopfte sie gemächlich. „Dieser närrische Sohn von einem Tuk", knurrte er, während er das Pfeifenkraut in Brand steckte, „er konnte die Finger nicht bei sich lassen. Die Neugier ließ ihn in einen Palantir schauen."
Ich sog die Luft scharf ein. Es war wahr! „Das heißt, Sauron weiß Bescheid", warf ich fragend ein. Gandalf bewegte nachdenklich den Kopf. „Nicht unbedingt", antwortete er, „er weiß, dass einer der Hobbits den Ring im Besitz hat. – Und ich vermute, dass er unseren jungen Tuk hier in Verdacht hat." „Weiß er es", fragte Anordil und wies nach oben.
„Nein", lächelte der Zauberer weise, „er hat keine Ahnung und das ist gut so. Obwohl ich ihn heute am Liebsten persönlich an Sauron übergeben hätte." Unser Blicke durchlöcherten Gandalf voller Neugier. Dieser sog gemächlich den Rauch des Pfeifenkrautes ein. „In einem Anfall von unbegründeten Schuldgefühlen musste er dem Truchsessen seine Dienste anbieten", erklärte er knapp, „nun wird er morgen seinen Eid gegenüber Denethor ablegen." Missmutig sog er an der Pfeife. „So hatte ich mir das nicht gedacht", murmelte er und fuhr fort, „egal – was gibt es Neues in der Stadt?"
Nun konnten wir ihm Bericht erstatten. Der Abend mit Gandalf wurde noch lang. Es war klar, dass er versuchen wollte Einfluss auf Denethor zu nehmen, damit dieser die richtigen Entscheidungen traf. Wir konnten nur hoffen, dass es funktionierte.
Aber bereits am nächsten Tag erkannten wir den Wahn den Denethor bereits erfasst hatte. Es ging die Kunde, dass Faramir einen Versuch unternehmen wollte, Osgiliath zurückzuerobern. Ein Irrsinn, der nur auf dem Miste Denethors gewachsen sein konnte.
Zur Mittagsstunde war es dann soweit. „Kommt rasch", rief uns Tjann zu, als wir die Treppe seines Gasthauses herunter kamen, „die Krieger ziehen aus." „Nein, geh nur", gab ich zurück, „wir sehen oben vom Fenster aus zu." Ich hatte wirklich keine Lust mich in das Gedränge zu stellen. Eher widerstrebend stellte ich mich an das geöffnete Fenster. Ariana hatte ihren Sohn an die Brust gedrückt. Irritiert schaute der Junge hinaus. Laut hallten die Hufe der Pferde auf der gepflasterten Straße. Zu Hunderten säumten die Gondorianer die gewundene Straße, welche hinunter führte auf das große Haupttor zu. Langsam lenkten die Krieger ihre Pferde an den schweigenden Gondorianern vorbei. Prächtig sahen sie aus in ihren funkelnden Rüstungen, geschmückt mit den weißen Federn der gondorianischen Wache und bekränzt mit den letzten Blumen, welche die gondorianischen Frauen auf den wenigen grünen Flecken in der Stadt pflücken konnten. Ein letzter stummer Gruß an die tapferen Krieger, die sich aufmachten, um sinnlos ihr Leben zu opfern.
Wir sahen, dass Gandalf sich Faramir in den Weg stellte. Seine Worte hörten wir nicht, doch wir sahen Faramirs resignierende Geste. Für ihn gab es kein zurück mehr. Entweder er fand den Tod draußen auf der Ebene oder er bekam die Anerkennung seines Vaters, die ihm zustand.
Als sich das große Tor unten im ersten Ring öffnete, schien es mir, als würde bereits der kalte Hauch des Todes über die Krieger wehen. „Komm", sagte Anordil leise. Ich nickte. Er hatte Recht. Wir sollten uns das Geschehen ansehen, obwohl wir wussten, dass es in einem Desaster enden würde. Ich war zwar kein Stratege, doch niemals hätte ich den Befehl für dieses wahnwitzige Manöver gegeben. Nach den Regeln meiner Welt würde Denethor vor ein Kriegsgericht gehören. Doch hier ... hier galten andere Gesetze. Gesetze, die nicht mehr viel wert waren.
Ich folgte Anordil, als wäre ich eine Marionette. Von den Wehrmauern aus sahen wir zu, wie sich die Krieger zu einer disziplinierten Reihe formten. Mit uns verfolgten Hunderte weitere Augenpaare, wie die Pferde langsam antrabten und dann in Galopp verfielen.
„Kannst du sehen, was in Osgiliath vor sich geht", fragte ich Anordil leise auf Sindarin. Anordil kniff die Augen ein wenig zusammen. „Sie warten", antwortete er knapp. Dann brandeten die gondorianischen Krieger mit einem ohrenbetäubenden Geschrei auf die Trümmer von Osgiliath. Wut und Hass auf die Reihen der übermächtigen Orks wogte darin mit. Ein gellendes Zeichen des Untergangs. Sie zerschellten an den Orks, wie die Brandung des Meeres am felsigen Ufer zerbrach. Kurz war der Kampf, ähnlicher einem Abschlachten, als eines fairen Kampfes.
Mit Tränen in den Augen verfolgte ich die Rückkehr der wenigen Überlebenden nach Minas Tirith. Ein einsames Pferd schleifte einen gefallenen Krieger auf das Tor zu. An seiner Rüstung erkannten wir Faramir. Ob er tot oder lebendig war, konnten wir von unserem Standpunkt aus nicht erkennen. Eine Traube von Menschen bildete sich um ihn, als er durch das Tor gezogen wurde. Hektik brach unter ihnen aus.
Ich wandte mich ab und sprang von der Wehrmauer. Unten wischte ich mir die Tränen von den Wangen. Entsetzte Augen in bleichen Gesichtern sahen mir zu. Mit einem Mal, als hätte jemand ein Signal gegeben, hasteten die Gondorianer die Straße entlang. Das Aroma tiefster Furcht legte sich, einem schweren Nebel gleich, über die Stadt.
„Wir sollten uns bereit machen", sagte Anordil, „die Orks werden bald angreifen. Wahrscheinlich in den Morgenstunden des nächsten Tages. Sie werden sich formieren und für das kommende Abschlachten ausruhen." Verachtung lag in seiner Stimme. Stumm folgte ich ihm hinein ins Haus. Oben in unserer Kammer ordneten wir unsere Waffen. Tjann brachte uns später ein Tablett mit Essen. Schweigend trat er ein und stellte es auf dem kleinen Tisch ab.
„Ich habe das Gasthaus geschlossen", sagte er, „noch vor Morgengrauen werde ich Ariana und den Kleinen in die Vorratshöhle bringen und diese verbarrikadieren. Dort können sie einige Zeit überleben." „Und du", fragte ich ihn mitfühlend. Tjann seufzte schwer. „Ich werde meine Waffen nehmen und mich zu den Kriegern gesellen", antwortete er, „jeder Mann wird dort gebraucht. – Und falls es mich erwischt ..." Er atmete tief und fuhr sich mit der einen Hand durch das Haar. „... nun denn", fuhr er fort, „dann hatte ich ein erfülltes, wenn auch zu kurzes Leben." Er drückte uns kurz heftig an sich, bevor er aus der Tür eilte.
Wir hörten seine schweren Schritte auf der Treppe nach oben. War dies die letzte Nacht, die er mit seiner Ariana verbrachte? War dies die letzte Nacht für uns? Stumm lagen wir uns in den Armen. Langsam liebten wir uns, als wäre es das letzte Mal. Wir gaben uns einander, wie Dürstende, denen man Wasser reicht. Erst spät schliefen wir eng aneinander gekuschelt ein.
Leise Schritte weckten uns. Es war Tjann und Ariana, die die Treppe hinunter gingen. Sie gingen behutsam, als wollten sie uns nicht stören. Aber wahrscheinlich wollten sie eher das Kind schlafen lassen. Prüfend sah ich zum Fenster hinaus. Der erste vage Schimmer des nahenden Morgens färbte den Rand des Horizontes. Anordil neben mir erhob sich elegant. Ich folgte zögernd.
Die Wärme der Bettdecke verhöhnte mich. Kuschel dich unter mich, zieh mich über den Kopf und bleib in der wohligen Wärme meiner Daunen, suggerierte sie mir. Doch ich wusste, dass es mir nicht vergönnt war. Also schwang ich meine Beine auch aus dem Sicherheit heischenden Polster heraus. Die Nachtluft, die zum Fenster hinein wehte, war kühl und hinterließ bei mir eine Gänsehaut. Rasch streifte ich meine Gewänder über, bevor ich zur Rüstung griff. Sorgfältig schnürte ich diese über mein Gewand. Ernst überprüfte ich den Sitz der Schienen, bevor ich die Schwerter zog. Mein Blick suchte nach winzigsten Scharten und Rissen auf den perfekten Klingen. Doch ich fand nichts. Schimmernd und funkelnd brach sich statt dessen das Licht der einsamen Kerze darin. Bald würden sie matt sein vor Blut. Mit einem metallischen Schnarren fuhren die Klingen in die Scheide zurück. Entschlossen drehte ich mich zu Anordil, der ebenfalls seine Vorbereitungen beendet hatte. Schweigend küsste er mich ein letztes Mal voller Innigkeit. Dann gingen wir hinaus.
Auf den Wehrgängen hatten sich schon zahlreiche Krieger eingefunden. Nicht nur Krieger, sondern jeder Mann und jeder Knabe, der eine Waffe führen konnte. Etliche Frauen und Halbwüchsige drückten sich ängstlich in den halbgeöffneten Türen herum, bereit ihren Männern Nachschub an Waffen zu bringen. Kinder sah ich keine. Wahrscheinlich harrten sie in den Kellern und Katakomben der Stadt aus.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit nach unten auf den Pelennor. In der Dämmerung des Morgens konnte ich sie sehen. Ihr Aufmarsch ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Tausende von Orks und Uruk-hai wogten in ungewohnt geordneten Reihen auf Minas Tirith zu. Ihr Anblick war beängstigender, als der Angriff auf Helms Klamm. Riesige Trolle zogen schwere Trebuchets und Rammböcke auf die Mauern zu.
„Wir werden sterben", murmelte ich auf Sindarin vor mich hin, „das ist so sicher wie das Amen in der Kirche." „Unser Leben ist in den Händen der Valar", antwortete Anordil ruhig, „wenn sie beschließen, dass unser Weg beendet ist, so ist er eben beendet." Ich werde die Elben nie begreifen, dass sie dem Sterben so gleichmütig gegenüberstehen. Andererseits haben sie ja auch nichts zu verlieren. Was bedeutete es also schon für sie?
Aufseufzend nahm ich einen Pfeil und legte ihn an die Bogensehne. Nun denn, wenn heute mein Ende kommen sollte, dachte ich grimmig, so sollten doch so viele Orks wie möglich ebenfalls dran glauben.
Dann flog der erste Felsbrocken aus den Ruinen Osgiliaths auf Minas Tirith zu. Der Aufprall ließ das Gemäuer des zweiten Rings erzittern. Dann hatte uns die Schlacht eingeholt. Hunderte von Pfeilen hagelten auf die Orkmassen nieder. Nur um verschwindend geringe Verluste unter ihnen anzurichten. Als Antwort kamen weitere Geschosse, die einen Aufschrei des Entsetzens hervorriefen. Selbst mir stellten sich die Nackenhaare hoch, als ich die abgeschlagenen Köpfe der gefallenen Krieger vom Vortag erkannte. Wut stieg in mir hoch. Mit wilder Entschlossenheit sandte ich Pfeil auf Pfeil, bis ich keine mehr hatte.
„Bring mir neue", herrschte ich einen Jungen an, der die Krieger mit Nachschub versorgte. Mit bleichem Gesicht und schreckweiten Augen hastete er los, um meinem Befehl Folge zu leisten. Leider kam er nicht weit. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er von einem heran fliegenden Trümmerstück begraben wurde. Ich verschloss mein Herz. Trauer und Tränen konnte ich mir jetzt nicht leisten. Ich musste mich nun selber um Nachschub kümmern.
Ich hastete nach hinten und sammelte so viele Pfeile auf, wie ich konnte. Immer wieder musste ich Geschossen ausweichen. Die Pfeile und Geschosse von draußen waren dabei nicht einmal das Schlimmste. Die absplitternden Steinbröckchen, die von den einschlagenden Trümmerstücken umhergeschleudert wurden, waren unberechenbarer. Wie Schrapnellgeschosse pfiffen sie uns um die Ohren. Es dauert auch nicht lange, bis ich aus zahlreichen Kratzern blutete.
Allerdings ignorierte ich dies geflissentlich. Was würde mir das Jammern nützen, wenn ich jeden Moment mein Leben verlieren mochte? Der Kampf zog sich ewig hin. So dachte ich jedenfalls, denn ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Immer wieder verschoss ich meinen Pfeilvorrat, immer wieder sammelte ich neue Pfeile, um diese wiederum zu verschiessen. Meine Arme wurden taub. Mein Körper gefühllos. Das Schreien und Sterben um mich herum prallte an mir ab. Es zählte nur noch das Hier und Jetzt. Ich wischte mir Blutspritzer aus dem Gesicht, um wieder sehen zu können. Es war mir gleichgültig, ob es mein Blut war oder das eines der zahlreichen Toten um mich herum.
Mittlerweile war ich bis hinunter in den ersten Ring gelangt. Als ich mich rasch umblickte, sah ich dass ich von Anordil getrennt worden war. Ich konnte ihn nirgendwo erblicken. Damit war ich auf mich allein gestellt. Kalte Angst griff nach meinem Herzen. Sie kroch mir durch die Adern und ließ mich frieren, wie nie zuvor.
Wilder Hufschlag ließ mich dann die Straße hoch schauen. Für einen kurzen Augenblick lächelte ich hoffnungsvoll, denn auf diesem unglaublich schönen Schimmel kam Gandalf angaloppiert. Eine leuchtende Lichtgestalt in diesem Meer von Blut und Tränen. Ein Pulk Krieger umgab ihn, schirmte ihn ab und wartete auf seine Befehle.
„Egal, was durch dieses Tor kommt, haltet es auf", hörte ich Gandalf brüllen. Gehorsam formierten sich die Krieger. Auch ich nahm Aufstellung unter ihnen. Laut atmend verfolgte ich die Erschütterungen des Tores. Immer und immer wieder erzitterte es, bis es mit einem lauten Krachen endlich barst. Ein hässlicher Schädel aus schwarzem Metall bohrte sich hindurch. Glühender Atem entwich dem Ungetüm, in dessen Augenhöhlen und Rachen gierige Feuer brannten. Als der gigantische Rammbock nach hinten schwang, machte er Platz für mehr Schrecken, als ich bis dahin zu sehen bekommen hatte.
Gewaltige Trolle stürmten über die Reste des Tores hinweg, wie eine Sturmflut. Ihre Keulen hielten reiche Ernte unter den gondorianischen Kriegern. Mechanisch sandte ich Pfeil auf Pfeil in die dahinter hervorkommenden Orks. Zufrieden sah ich sie sterben. „Rückzug", gellte Gandalfs Stimme über den Kampflärm hinweg.
Nichts lieber als das, dachte ich grimmig und mähte mit dem gerade gezückten Schwert einen Ork nieder, der sich mir in den Weg stellte. Mit langen Schritten folgte ich Gandalfs Anweisung. Die Gondorianer liefen durcheinander. Frauen, Halbwüchsige und jetzt auch etliche Kinder suchten Zuflucht in den oberen Ringen. Die Krieger versuchten sie in trügerische Sicherheit zu bringen. Die Welle der Flüchtenden trug mich mit sich. Ich konnte nur froh sein, von ihnen nicht erdrückt zu werden. Erst als das Tor zum zweiten Ring sich hinter uns schloss, kehrte etwas Ruhe ein. Erschöpft brachen einige Frauen auf der Straße zusammen. Doch harte Hände zogen sie hoch und stießen sie weiter vorwärts. Irgendwo weinten Kinder herzzerreißend. „Nach oben", brüllte einer der Krieger, „wir müssen uns zurückziehen!"
Zurückziehen, schön und gut, dachte ich grimmig, doch nur wohin? Minas Tirith war eine Mausefalle. Noch schlimmer als Helms Klamm. Dort gab es wenigstens noch den Fluchtweg durch die Höhlen. Hier gab es keine Möglichkeit mehr die Stadt zu verlassen. Vielleicht gab es oben in der Burg noch einen Fluchttunnel, doch der Weg durch die Totenstadt war versperrt.
Die Gondorianer hasteten an mir vorbei. Etwas langsamer ging ich mit der Masse mit. Immer wieder schaute ich mich um, ob ich nicht Anordil sehen konnte. Allerdings entdeckte ich nicht ein einziges Haar von ihm. Dafür erblickte ich Gandalfs Gestalt auf der Wehrmauer des dritten Rings. Er saß auf diesem Schimmel und hatte drohend seinen Stab erhoben. Ein Schatten lenkte mich ab, gefolgt von einem durchdringenden Schrei, der durch Mark und Bein schoss. In Entsetzen erstarrt blieben die Gondorianer stehen und blickten nach oben. Ich drückte mich an eine Mauer, denn über uns kreiste ein Fellbiest. Auf seinem Rücken eine riesenhafte schwarze Gestalt, die von Finsternis umwabert wurde. Mir stockte der Atem, als ich sah, das diese Bestie Kurs auf Gandalf nahm.
„Gandalf", brüllte ich, doch ich wusste im selben Moment, dass er mich nicht hörte, da die Bestie ihn bereits erreicht hatte. Nur einen Sekundenbruchteil später wogte eine Welle von Magie über mich hinweg, die mir fast das Bewusstsein raubte. Wie in Zeitlupe sah ich, dass das Fellbiest die Flucht ergriff. Ich zwang mich weiter zu laufen. Über mir schlug ein Trümmerstück ein. Pfeifend sausten Tausende von kleinen Splittern um mich herum. Nur am Rand nahm ich zur Kenntnis, das einige davon mich trafen und weitere blutige Spuren auf meiner Haut hinterließen.
Ohne mich beirren zu lassen, folgte ich den Flüchtenden weiter hinauf. Auf einmal schien es, als wäre der Kampf vorbei. Es flog kein Trümmerstück mehr, kein Pfeilregen goss auf uns nieder. Keine Flammen tropften vom Himmel und kein Fellbiest war am bleigrauen Himmel zu sehen.
Dafür hörte ich ein Hornsignal. Ungläubig arbeitete ich mich durch die Menge hindurch zur Wehrmauer. Dann sah ich sie ... Tausende von rohirrischen Reitern, die sich links von uns zum Angriff formierten.
„Ist es vorbei", fragte mich ein alter Mann, dessen Hände sich um einen Bogen mit zerrissener Sehne krampften. Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht", gab ich zurück, „vielleicht sind die Rohirrim unsere Rettung." Tränen schimmerten in den Augen des Mannes. Ohne ein weiteres Wort setzte er sich auf die Stufen eines Hauses. Fenster und Türen waren mit Brettern verriegelt.
Jetzt spürte auch ich meine Beine. Sie zitterten vor Anstrengung. Erschöpft ging ich ein paar Schritte zur Seite und ließ mich im Schatten eines Pfeilers nieder. Von hier aus hatte ich einen guten Blick auf das geschlossene Tor des dritten Ringes. Außerdem gaben mir die wenigen Augenblicke der Ruhe neue Kraft.
Dann hörte ich einen gewaltigen Schrei aus Tausenden von Kehlen. Die Rohirrim starteten ihren Angriff. Ich zwang mich auf die Beine, wankte zur Wehrmauer und starrte wie gebannt auf das Schlachtfeld unter uns. Die Rohirrim fegten über die Orks hinweg, als wären sie Spielzeugfiguren auf einem Schachbrett. Unter den Hufen der Pferde wurden etliche zertrampelt. Ich jubelte, denn es sah so aus, als würden die rohirrischen Krieger die Übermacht erlangen. Erst ein langgezogener tiefer Ton ließ mich in der Bewegung erstarren.
Ganz langsam wandte ich meinen Kopf zur anderen Seite. Was ich dort kommen sah, das konnte nicht wahr sein. „Nein", brüllte ich verzweifelt, „das kann nicht sein!" Doch nichts löschte die gewaltigen Kolosse aus meinem Blickfeld. Sie mussten in Reserve gehalten worden sein. Der Boden zitterte, als sie über die Ebene stapften. Ihre gewaltigen Schädel trugen lange Stoßzähne, die zusätzlich mit spitzen Pflöcken bestückt waren. Diese mörderischen Waffen hielten reiche Ernte unter den Rohirrim. Gnadenlos stapften die Kolosse, die in ihrem Erscheinungsbild den irdischen Elefanten nicht unähnlich waren über die im Vergleich dazu winzigen rohirrischen Reiter hinweg. Mit einer Vehemenz und Brutalität fegten sie die sich verzweifelt wehrenden Krieger aus dem Weg. Blut spritzte auf und die Schreie der Sterbenden übertönte fast noch das Donnern der über die Ebene preschenden Kolosse.
Mûmakil! Vor knapp zwei Sonnenläufen hatte ich sie schon einmal gesehen. Als Herde gemächlich, ruhig über die Ebene ziehender Tiere. Doch nun sah ich, was die Herdenmeister der Haradhrim daraus gemacht hatten. Kriegsmûmakil, wie einst ihre irdischen Kollegen unter Alexander dem Großen.
Laut hallte der Aufprall des Rammbocks über uns hinweg. Das Tor zum dritten Ring erzitterte. Doch es hielt – noch. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es brach. Wir, die wir hier oben waren, hatten eine Atempause. Vom Schlachtfeld unter uns hörten wir das Heulen, Schreien und die Hornsignale in einer gewaltigen höllisch anmutenden Kakophonie.
Dann sah ich Gandalf langsam die Straße herunter kommen. Neben ihm ging eine kleine Gestalt, ein Hobbit mit bleichem, blutverschmiertem Gesicht. Es fiel mir schwer darin Pippin zu erkennen. Kurz vor dem erneut zitternden Tor hielten sie an. Gandalf inspizierte es prüfend und wechselte ein paar Worte mit einigen erschöpften Kriegern, die neben dem Tor Posten bezogen hatten. Dann ging er mit dem Hobbit zur Seite. Nur wenige Schritte vor mir ließen sie sich nieder.
Ich war mir sicher, dass Gandalf mich nicht bemerkt hatte, denn ich hatte mich hinter einem Hauspfeiler verborgen in den Schatten gesetzt, um die vermeintliche Ruhe auszunutzen. Jedenfalls hatte er sich ganz und gar dem Hobbit zugewandt.
Ruhig, fast ergeben, sah Pippin zu Gandalf empor, während er sich auf einen Mauerrest setzte. Nachdenklich drehte er sein kleines, kurzes Schwert in der Hand, welches eher wie ein langer Dolch wirkte. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so enden würde", sagte er. Gandalf musterte ihn aufmerksam. „Enden", fragte er zurück, „nein, hier endet die Reise nicht. Der Tod ist nur ein weiterer Weg, den wir alle gehen müssen." Er sah in die Ferne, als würde er dort etwas erblicken. „Der graue Regenvorhang dieser Welt zieht sich zurück", fuhr er fort, „und alles verwandelt sich in silbernes Glas und dann siehst du es ..." Er hielt inne.
„Was", fragte Pippin, „Gandalf, was sehe ich?" Das Gesicht Gandalfs erhellte sich und er lächelte sanft. „Weiße Strände", erwiderte er, „und dahinter ein fernes grünes Land unter einer rasch aufgehenden Sonne." „Dann ist es nicht schlimm", fragte Pippin erleichtert. „Nein", Gandalf schüttelte leicht den Kopf, „nein, ist es nicht."
Resignierend senkte ich den Kopf. Wie gerne wollte ich Gandalfs Worten Glauben schenken und so vertrauensvoll darauf hoffen, wie Pippin es tat. Für mich würden sich die weißen Strände nicht zeigen. Ich durfte nicht darauf hoffen, jenes grüne Land zu sehen. Sobald sich mein Vorhang schließen sollte, würde es die Trennung von Anordil bedeuten. Zwar war ich mir gewiss, dass meine Familie drüben in der Anderswelt auf mich wartete, doch die Gewissheit Anordil zu verlieren ließ mir das Herz schwer werden.
Über mein Grübeln hatte ich die Orks fast vergessen, die weiterhin einen Weg durch das Tor suchten. Ihre Hartnäckigkeit wurde schließlich belohnt. Mit einem lauten Krachen flogen die Holzbalken auseinander. Dann standen wir wieder im Kampf.
Der alte Mann neben mir fiel in den ersten Sekunden. Aus seiner Brust ragte ein schwarz gefiederter Pfeil. In seinen brechenden Augen sah ich Erleichterung und Todesangst. Erleichterung, das der Kampf für ihn vorüber war und die Angst vor der immer währenden Dunkelheit des Todes.
Automatisch schoss ich, bis mein Köcher erneut leer war, dann zückte ich die Schwerter. Immer neue Angreifer kamen durch das Tor. Meine blutverschmierten Klingen hielten reiche Ernte. Aber bald erlahmten meine Kräfte. Nur mein verbissener Wille hielt mich aufrecht. Blut besudelte meine Rüstung. Die Schwertgriffe waren glitschig von all dem Blut. Ich watete knöcheltief darin. Schwarz oder rot, es machte keinen Unterschied mehr.
Schließlich war mir alles egal. Ich wollte nur, dass der Kampf zu Ende ging. Was ich dann sah, raubte mir zum Schluss das letzte bisschen Verstand, was in meinem durch das Töten stumpfen Gehirn noch übrig geblieben war.
Ein grüner wabernder Nebel legt sich wie ein Sturmwind über die Orks. Schemenhaft sah ich in diesem Nebel Gestalten tanzen, wie sie nur aus einem Albtraum stammen konnten. Halbverweste Körper, teils skelettiert, die ohne Gnade verrostete, schartige Schwerter und Dolche schwangen. Laut gröhlten sie vor sich hin, während sie ihre grausige Arbeit verrichteten. Die Gegenwehr der Orks erstickte mit einem Mal im Keim.
So rasch, wie der Nebel gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder und hinterließ eine gespenstische Stille. Zu unseren Füßen lagen die verstümmelten Überreste der Orkarmee. „Es ist geschafft", murmelte ich mit trockenen Lippen. Meine Zunge fuhr darüber und schmeckte Blut. Mit leeren Augen musterte ich das Tor, durch das jetzt niemand mehr stürmte. Entkräftet entglitten mir die Schwerter. Sie klirrten laut auf dem steinernen Boden. Dann forderte mein Körper sein Recht. Es wurde Nacht um mich.
Als ich wieder erwachte, lag ich in einem sauberen Bett. Sorgfältig war ein Laken über mich geschlagen. Sanftes Gemurmel von Stimmen drang durch die Fensteröffnungen, begleitet von einem fast unerträglichen Gestank.
Angeekelt verzog ich das Gesicht und stemmte mich hoch. Der Raum, in dem ich lag, war nicht sonderlich groß. Ich teilte ihn mit zwei anderen Frauen, die wohl schliefen. An der einen Seite war ein kleiner Kamin zu sehen. Ansonsten war er schmucklos. Die Tür war mit einem Vorhang verhangen. Er geriet in Bewegung, als eine junge Frau ihn zur Seite rückte. Sie trug die typische dunkelblaue gondorianische Gewandung und sah mich an, als sie eintrat. In ihren Händen hatte sie eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch.
„Sie sind schon wach", stellte sie fest und stellte die Schüssel auf die schmale Kommode neben dem einen Bett. Dann kam sie zu mir. Routiniert fühlte sie mir die Stirn und fühlte den Puls. „Ich bin Mashan", sagte sie zu mir, „ich gehe den Heilern hier zur Hand." „Seid gegrüßt Mashan", antwortete ich, „ich bin Arwen Glordoroniell. Wie bin ich hierher gekommen? Wo bin ich überhaupt?"
Sie lächelte. „Ihr seid in den Häusern der Heilung von Minas Tirith", erwiderte sie gelassen, „ein elbischer Krieger, wie es schien, wohl euer Gemahl, brachte euch hierher." Also lebte Anordil! Erleichtert lehnte ich mich zurück. Meinen Körper spürte ich kaum. Wie ich mich drehte, so schmerzte er unerbittlich. Ich verzog das Gesicht. „Die Schlacht", fragte ich weiter.
„Vorüber", entgegnete sie knapp, „es gab viele Verluste, aber Saurons Brut ist zurückgeschlagen worden. Wäre König Aragorn nicht mit den Verpflichteten von Dunharg gekommen, so würde Minas Tirith jetzt nicht mehr existieren." Eine dunkle Ahnung hatte ich von dem was sie sprach. Also war Aragorn tatsächlich auf dem Pfad der Toten gegangen. Ein Frösteln überlief mich, wenn ich nur daran dachte.
„Darf ich aufstehen", fragte ich und setzte mich wieder auf. Ich verzog erneut das Gesicht. „Natürlich", sagte sie. Resolut faste sie mich unter den Achseln und half mir hoch. Diese Aktion wurde mit einer Schmerzwelle quittiert. Zischend sog ich die Luft ein und wartete darauf, dass der Schmerz abebbte. Mashan klemmte mir in der Zwischenzeit eine Krücke unter den Arm.
„Ihr solltet den linken Fuß noch schonen", mahnte sie, „der Bruch ist zwar gut angeheilt, dank der Heilkünste der Elben, aber er könnte noch leicht wieder brechen." Oh, dachte ich bei mir, da hatte ich doch richtig gefühlt gehabt, als ich den letzten Ork niedergestreckt hatte.
„Die frische Luft wird euch gut tun", plauderte sie weiter, „jedenfalls ist die Luft in den Gärten noch einigermaßen frisch." Sie rümpfte die Nase. „Es wird Zeit, dass man die Ebene aufgeräumt bekommt", fuhr sie fort, „seit Tagen werden die Leichen an die Seite geschafft und verbrannt, aber es werden nicht weniger. Vor allem diese riesigen Mûmakil-Kadaver sind ekelerregend."
Jetzt war mir klar, woher der Geruch kam, der mir die ganze Zeit in der Nase stach. „Wie lange ist die Schlacht vorbei", fragte ich, während ich durch den Mund atmete. „Fünf Tage", kam die Antwort, „seither brennen die Totenfeuer. Jeder, der einigermaßen gesund ist, wurde zum Aufräumen abgestellt. Trotzdem wird der Leichenberg nicht kleiner. Besonders diese Mûmakil werden noch lange ein Problem sein. Ihr Fleisch wird zwar von den Geiern zerfetzt, aber ihre Knochen werden uns noch einige Zeit an diese Schlacht erinnern." Jetzt wunderte mich der Gestank überhaupt nicht mehr. Man konnte von Glück sagen, wenn Minas Tirith sich keine Seuchen einhandelte.
„Doch nun muss ich eilen", sprach Margan, „es gibt viel zu tun in diesen Tagen." Mit diesen Worten ging sie raschen Schrittes hinaus. Ich folgte ihr weniger schnell. Mein Körper wollte mir noch nicht so recht gehorchen. Langsam humpelte ich den breiten Gang hinunter. Die Bauweise ähnelte alten italienischen Klöstern. Schmucklose Steingänge, die auf einen sorgfältig angelegten Garten stießen.
Trotz der hohen Lage der Häuser der Heilung sah man auch hier Spuren der Verwüstung, die allerdings zum größten Teil notdürftig beseitigt worden waren. Einzig die verbrannten Bäume nahe der Mauer standen noch mahnend da. Viele steinerne Bänke standen zwischen dem Grün. So manch ein Genesender suchte hier ein wenig frische Luft zu atmen, denn der allgegenwärtige Geruch des Todes vermischte sich hier mit den reinen Aromen frischen Laubes und blühender Blumen. Auch ich brach eine der süß duftenden riesigen Blüten ab. Tief versenkte ich meine Nase darin und schloss die Augen. Der Duft dieser blassblauen Blume war überwältigend. Für einen Augenblick war alles vergessen. Für einen Augenblick versank ich in der Erinnerung an ein wundervolles Tal.
To be continued ...
