Tief sog ich das Aroma der Blume ein. Ihr Duft gab mir ein Gefühl der Geborgenheit. Die Augen hielt ich geschlossen, denn ich wollte das Leichenfeld unter mir nicht sehen. Wo mochte Anordil sein, fragte ich mich. Mashan hatte zwar gesagt, dass er mich hierher gebracht hatte, doch es beunruhigte mich, dass Anordil nicht bei mir war, als ich aufwachte. Ich runzelte die Stirn und versuchte die dunklen Gedanken nicht hoch kommen zu lassen. Sie passten nicht zum süßen Geruch der Blüten.
„Der Duft ist wirklich betörend", hörte ich eine sanfte Stimme hinter mir. Erleichtert atmete ich aus, denn es war Anordil, der hinter mir stand. Ich öffnete die Augen und drehte mich um. „Ich bin müde", flüsterte ich, „ich will nur noch weg von all dem Blut, Tod und Krieg. Wann können wir in unser schönes Tal zurück?"
Anordil lächelte mich an und hauchte mir einen sanften Kuss auf die Stirn. Seine Haare waren sorgfältig an den Seiten geflochten, der Rest hing seidig glänzend über seinen Rücken. Er trug eine einfache Robe aus dunkelblauem Stoff. „Bald, anor nîn", antwortete er mir und geleitete mich zu einer der nahen Bänke. Immer noch hielt ich meine Nase in der Blume versenkt. „Erzähle mir, was geschehen ist", bat ich ihn, denn ich wusste, dass ich vieles nicht mitbekommen hatte.
„Ich werde dir eine Zusammenfassung der Ereignisse geben, denn es wäre zu verwirrend alles zu erzählen", schmunzelte Anordil, während er sich zurück lehnte. „Von der Schlacht brauche ich dir wohl nichts zu berichten, davon dürftest du zur Genüge mitbekommen haben", hob er an, „daher hier nur die groben Fakten. – Die Rohirrim wurden arg mitgenommen. Viele von ihnen fanden den Tod. Es wird viele Sonnenläufe dauern, bis sich Rohan von diesem Krieg erholt hat. Unter den Gefallenen ist auch König Théoden. Herrin Éowyn liegt stark verwundet hier in den Häusern der Heilung und ringt mit dem Tode. Ihr Bruder, der tapfere Éomer, ist nun neuer König der Mark."
Eine vage Erinnerung stieg in mir hoch. Hieß es nicht bei Tolkien, dass der Hexenkönig nicht von eines Mannes Hand getötet werden konnte? In diesem Punkte hatte er wohl Recht behalten, denn es schien als hätte Éowyn es tatsächlich mit dem Hexenkönig aufgenommen. War nicht einer der Hobbits bei ihr gewesen? Anordils Stimme lenkte mich aus meinen Gedanken.
„Der Truchsess Denethor ist ebenfalls tot. Sein Sohn Faramir konnte gerettet werden", berichtete er. „Stimmt es, dass Denethor ihn mit in den Tod nehmen wollte?", fragte ich dazwischen. Anordil nickte bestätigend. „Wie mir berichtet wurde, soll Denethor versucht haben sich mit Faramir in der Gruft der Könige zu verbrennen", erzählte er, „der Schatten des Wahnsinns hatte ihn im festen Griff, doch Gandalf traf rechtzeitig ein, um das Schlimmste zu verhindern. Beinahe aus den Flammen zog er Faramir, der daraufhin umgehend in die Häuser der Heilung gebracht wurde. Er ist noch sehr schwach und es wird noch viele Tage dauern, bis er diese gastliche Stätte verlassen darf."
„Den Valar sei Dank", seufzte ich, „was ist mit den Hobbits? Zwei von ihnen müssten jetzt in Minas Tirith weilen." Anordil nickte erneut. „Ja, es sind zwei", antwortete er, „Peregrin Tuks Ankunft haben wir ja mitbekommen. Der andere Hobbit, Meriadoc Brandybock, kam mit den Rohirrim an Éowyns Seite. Er ist gleich ihr schwer verwundet und schwebt zwischen dem Leben und dem Tode. Peregrin weicht nicht von seiner Seite. Er hatte Glück, da er an Gandalfs Seite war. So holte er sich nur leichte Wunden, die keiner großen Pflege bedürfen."
Ich streckte mein Bein aus. Die Muskeln schmerzten noch, doch es war auszuhalten. Immer wieder roch ich an der Blume. Ihr Duft schien mich mit sich zu tragen. Dann kroch die Erinnerung an diesen verheerenden Nebel in mir auf. Schaudernd senkte ich die Blüte.
„Was war das für ein eigenartiger Nebel am Ende der Schlacht?", fragte ich mit rauer Stimme, denn die Bilder, die ich darin gesehen hatte, standen mir noch gut vor Augen. Anordil stand auf und ging ein paar Schritte auf die Mauer zu. Seine Hand streifte die Blütenpracht, die sich dort entlang rankte.
„Ich war auf der anderen Seite von Minas Tirith, als sie kamen", antwortete er heiser, „nie zuvor in meinem langen Leben habe ich ähnliches erblickt. Es waren die Verpflichteten vom Dunharg, die an Aragorns Seite über die Heerscharen herfielen. Niemand entkam ihrer tödlichen Umarmung. Die Untoten erfüllten damit ihren längst in Vergessenheit geratenen Schwur, den sie gegenüber dem König von Gondor gaben, bevor sie feige in die Berge flohen. – Damals, vor etlichen Jahrhunderten. Nun war es Aragorns Aufgabe diesen Schwur einzufordern. Elronds Worte, überbracht durch seine Söhne Elladan und Elrohir, erinnerten ihn an die Verpflichteten, die tief verborgen im Berg auf die Erlösung warteten. Sie brachten Aragorn das Schwert Andúril, auf das die Toten ihn als König von Gondor erkennen würden."
„Elronds Söhne weilen in Minas Tirith?", unterbrach ich ihn erstaunt. „Ihr Weg hat sie bereits wieder weggeführt", erwiderte er und wies hinunter auf den Pelennor. „Nicht nur hier gibt es viel zu tun", sprach er weiter, „die Schlacht um Minas Tirith ist gewonnen, doch der Kampf um Mittelerde geht weiter. Saurons Armeen wurden zwar erheblich geschwächt, doch er hat genügend seiner dunklen Kreaturen, um den Kampf unermüdlich weiter zu führen. Aragorn, Halbarad von den Dúnedain, der ihn auf dem Pfad der Toten begleitet hat, Imrahil von Dol Amroth, Legolas vom Düsterwald, Éomer von Rohan, Elronds Söhne, sämtliche überlebenden Heerführer und Gandalf berieten sich direkt nach der Schlacht, was nun getan werden muss."
Ich horchte auf. So wurde doch ein Teil von Tolkiens Schriften bewahrheitet. „Mit welchem Ergebnis?", bohrte ich neugierig. Anordil kam einen Schritt auf mich zu. Auch er hatte sich eine Blüte abgebrochen, die er zwischen den Fingern drehte. „Faramir hatte Gandalf vor seinem selbstmörderischen Angriff auf Osgiliath davon berichtet, dass er wohl Frodo in den Bergen begegnet sei. Er und sein Begleiter Samweis Gamdschie versuchen über den Cirith Ungol nach Mordor zu gelangen."
Scharf zischte ich durch die Zähne. „Cirith Ungol!", entfuhr es mir erschrocken, „Kankra, die alte Spinne, hat doch ihr Lager oben am Pass!" „Die älteste und gemeinste Spinne von ganz Mittelerde", bestätigte Anordil, „wir können nur hoffen, dass es ihnen gelingt, ihr auszuweichen." Er wandte sich ab und ging erneut bis zur Mauer. Sinnend schaute er in die Ferne, Richtung Mordor, wo dunkle Wolken über dem Land hingen. Mit Schaudern dachte ich an Kankra. Ich war schon Riesenspinnen begegnet, doch diese musste die größte unter ihnen sein. Zumindest jedenfalls die älteste auf Mittelerde. Konnten die Hobbits ihr entkommen?
„Ist man sicher, dass Frodo es bisher geschafft hat unerkannt zu bleiben?", fragte ich Anordil vorsichtig. „Nein", schüttelte er den Kopf, „es gibt keinerlei Zeichen. Wir können nur hoffen, das er einen Weg gefunden hat. Auf alle Fälle ist der Ring bisher nicht in Saurons Reichweite. Die Erschütterung des magischen Gefüges wäre enorm und das würden wir zumindest mitbekommen. Gandalf ist sich sehr sicher, dass die Hobbits noch am Leben sind, daher wurde beschlossen mit einem neu formierten Heer zum Schwarzen Tor Mordors zu reiten, um ein Ablenkungsmanöver zu starten."
„Es ist ein großes Risiko zum Schwarzen Tor zu reiten", murmelte ich nachdenklich, „werden wir mitgehen?" „Nein", lächelte er beruhigend, „wir bleiben hier. Gandalf wollte nicht, dass wir mitreiten. Er meinte, meine Heilkünste würden zur Zeit in Minas Tirith eher gebraucht und du seiest noch zu geschwächt um in der Schlacht von Nütze zu sein." Erleichtert atmete ich auf. Ich hatte wirklich keine Lust mehr auf neue Kämpfe. Es war mir, als hätte die vergangene Schlacht alle Kraft aus mir gesaugt.
„Im übrigen", fuhr er fort, „ist das Heer gestern in der Morgendämmerung aufgebrochen." „Dann wird sich das Schicksal Mittelerdes in den nächsten Wochen entscheiden", sinnierte ich. Das brachte mich abrupt wieder zu den Lebenden. Oder eher gesagt, den hoffentlich noch Lebenden. Mit bleichem Gesicht wandte ich mich an Anordil. „Was ist mit Tjann?", entfuhr es mir hastig, „hat er die Schlacht überlebt? Ariana und ihr Sohn ...?"
„Sie haben es überlebt", beruhigte er mich, „Tjann wurde zwar verwundet, doch er hat die Häuser der Heilung bereits verlassen. Ariana und der Kleine sind wohlauf. Auch die Gaststube steht noch. Es wurde nur wenig beschädigt, so dass sie schon wieder geöffnet haben. Tjanns Fladen finden großen Anklang. Er versorgt mit einigen anderen überlebenden Gastwirten die Helfer, welche die Trümmer beseitigen." Erleichtert atmete ich aus. Zum Glück hatten sie es geschafft.
„Tjann wollte sogar mit dem Heer ziehen", berichtete Anordil weiter, „doch ich konnte es ihm ausreden. Sein Platz ist hier bei seiner Familie. Es hilft ihnen nichts, wenn er vor dem Schwarzen Tor den Tod findet." „Und wenn Aragorns Plan fehlschlägt?", unkte ich, „wenn das Heer am Schwarzen Tor vernichtet wird? Was wird dann?"
Gleichmütig schaute Anordil mich an. „Dann ist Mittelerde dem Untergang geweiht", sprach er meine Gedanken aus, „sollte Aragorn versagen – nein, sollte Frodo versagen – so gibt es keinen sicheren Ort mehr auf Mittelerde. Die Elben segeln bereits gen Westen. Die wenigen von uns, die hier verweilen, werden sich in Mandos Hallen einfinden - und die Menschheit wird untergehen."
„Dann wollen wir hoffen, dass alles einen guten Ausgang nimmt", sagte ich und erhob mich. Ich humpelte zu Anordil und blickte über die Mauer. Tief unter uns erstreckte sich das Schlachtfeld auf dem etliche schwarzrauchende Feuer brannten. Die Kadaver der Mûmakil reckten ihre gewaltigen Stoßzähne in die Luft. Der Geruch des Todes wehte über uns hinweg. Rasch vergrub ich meine Nase wieder in der Blume und wandte mich ab. Ich hatte genug vom Tod.
Am nächsten Tag verließ ich die Häuser der Heilung. Meine Verletzungen waren gut angeheilt und bedurften keiner intensiven Pflege mehr. Mit dem Ratschlag mein Bein nicht zu sehr zu belasten und es ein wenig ruhig angehen zu lassen, wurde ich entlassen. Der Weg in den dritten Ring hinunter war noch immer übersät von Trümmerresten. Aus manchen Ecken roch es verdächtig nach verfaulendem Fleisch. Dazu mengte sich der allgegenwärtige Geruch nach Rauch, verbranntem Fleisch und Knochen sowie der eigenartige Verwesungsgeruch vom Pelennor. Eingetrocknetes Blut markierte die Kampfplätze. Überall waren fleißige Hände dabei wieder Ordnung zu schaffen. Doch es schien mir, als wäre Sysiphus persönlich anwesend um den Gondorianern das Aufräumen zu erschweren.
Als wir bei Tjanns Haus ankamen, wurden wir schon erwartet. Tjann kam uns entgegen. Sein breites Lächeln war erleichtert, wenn auch noch ein wenig schmerzbelastet. Über seine linke Wange zog sich eine breite rote Narbe, von der bereits der Schorf abbröckelte. Er humpelte leicht.
„Schön, dass es dir besser geht", begrüßte er mich, „komm herein und iss erst mal was anständiges. Die da oben verstehen zwar viel von der Heilkunst, aber den Kochtopf sollten sie doch lieber jemandem überlassen, der mehr davon versteht." Ich lachte auf, dass mir die Rippen schmerzten. „Die Kost bei den Heilern scheint dir nicht geschmeckt zu haben", kommentierte ich und hielt mir die Seite, „aber ist das nicht auch in unseren Krankenhäusern so?"
Er hustete beim Lachen und hielt sich ebenfalls die Rippen. „Das, was sie dort oben als Mahlzeit bezeichnen ist wirklich nur zum Hungerstillen gedacht", schnaubte er verächtlich, „zum Glück konnte ich nach zwei Tagen wieder raus, sonst hätte ich dem Koch wohl den Hals umgedreht." Mit dem Kopf winkte er auf den Hauseingang zu. „Kommt herein, bevor dieser widerliche Geruch gänzlich ins Haus zieht", sagte er dabei.
Drinnen erwartete uns bereits Ariana. Sie deckte einen der Tische. Der kleine Tarim spielte mit einem kleinen geschnitzten Pferdchen auf dem Boden der Gaststube. An einigen Stellen fehlte noch der Putz an der Wand, aber ansonsten waren die Schäden von der Schlacht kaum noch zu sehen. Tjann setzte sich hin und verzog dabei ein wenig das Gesicht. Offensichtlich litt er auch noch Schmerzen. Auch ich setzte mich sehr vorsichtig hin um den Schmerz in Grenzen zu halten.
„Zum Glück ist das Gasthaus nicht zerstört worden", sagte Tjann und wies umher, „wir hatten nur ein paar Löcher, die bereits gestopft sind. Ganz oben ist das Dach weggerissen worden. Es ist notdürftig repariert, aber wohnen kann man dort erst mal nicht. Wir sind in eines der Gastzimmer im ersten Stock gezogen. Euer Zimmer ist noch weitestgehend in Ordnung. Nur das Fenster ist kaputt. Ariana hat den ganzen Staub entfernt, und ich habe provisorisch eine Pergamenthaut vor das Fenster gezogen. Wir können von Glück sagen, dass der Winter heuer sehr mild ist."
Ariana war in der Zwischenzeit in der Küche gewesen und trug nun einen dampfenden Kessel herein, den sie mitten auf den Tisch stellt. Der Duft übertünchte wohltuend die Gerüche von draußen. Jetzt erst merkte ich, wie hungrig ich wirklich war. Nachdem sie die Schüsseln gefüllt und frisches Brot aufgetragen hatte, langte ich kräftig zu. Seit dem Abend vor der Schlacht war dies das erste richtige Mahl, was ich zu mir nahm. Bei dieser Kost würde ich in ein paar Tagen wieder bei Kräften sein.
Diesen Tag ließen wir noch ruhig vorbei gehen. Erst am nächsten Tag gesellte ich mich zu den Helfern. Die Arbeit war nicht angenehm, aber jede gesunde Hand wurde gebraucht. Es galt nicht nur die Trümmer wegzuräumen, sondern auch die vielen Leichen, die immer noch darunter zum Vorschein kamen zu begraben. Wen wir anhand des Äußeren als Gondorianer erkannten, brachten wir in die Totenstadt. Alle anderen Kadaver nach draußen, wo die vielen Totenfeuer ohne Unterbrechung brannten. Gierig verschlangen die lodernden Flammen die Überreste des Orkheeres. Zwar schaffte man nicht viel an einem Tag, angesichts der ganzen Zerstörung, doch es tat gut zu sehen, wie die Aufräumarbeiten fortschritten und die Normalität in Minas Tirith einkehrte. Es sollte allerdings noch etliche Wochen dauern, bis die Stadt wieder einigermaßen hergestellt war und vor allem dieser scheußliche Geruch sich verzogen hatte. Zum Glück bestätigten sich meine Befürchtungen bezüglich der Seuchengefahr nicht. Die Valar hatten wirklich mal ein Einsehen mit dem gebeutelten Mittelerde.
Anordil dagegen ging täglich in die Häuser der Heilung. Dort wurde sein Wissen dringend gebraucht. Abends erzählte er uns dann von den Fortschritten, die erzielt wurden. Besonders beim jungen Herrn Faramir und der schwer verwundeten Éowyn. Die besondere Pflege, die man den beiden angedeihen ließ, schien endlich Früchte zu tragen. Jedenfalls erschien Anordil eines Abends hoch erfreut zum Mahl.
„Es gibt Neuigkeiten aus den Häusern der Heilung", verkündete er, als er sich niederließ, „wie es scheint werden demnächst Rohan und Gondor einander sehr verbunden sein." Ich horchte auf. „Faramir und Éowyn?", fragte ich scheinbar gelangweilt. Anordil nickte bestätigend.
„Das sind wahrhaft gute Neuigkeiten", warf Tjann ein, „der wackere Faramir hat eine Gefährtin verdient, die nicht nur lieblich von Gestalt, sondern auch genauso wehrhaft ist." Er holte einen Krug mit Wein sowie Becher und verteilte sie. „Bist du dir sicher, Anordil?", fragte Ariana, während sie eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich, „oder ist es nur ein Gerücht?"
„Kein Gerücht", bestätigte Anordil, „ich sah die beiden mit eigenen Augen. Sie wandelten durch die Gärten und hatten nur Blicke für einander. Und diese Blicke sprachen mehr, als tausend Worte vermögen." „Sie haben es verdient", warf ich ein. „Nicht nur verdient", unterbrach mich ein Gast vom Nebentisch, „unser tapferer Hauptmann könnte keine bessere Gemahlin finden. Ich sah mit eigenen Augen, wie sie den Hexenkönig erschlug." Seine Augen leuchteten, als er dies erzählte. Er war offensichtlich Gondorianer. Er trug einfache graue Hosen mit einer dunkelblauen Tunika, deren Ärmel bis zu den Ellenbogen gekrempelt waren. An seinem rechten Arm war eine lange Narbe, die im Abheilen begriffen war. An einem Ledergürtel hingen ein paar Beutelchen und ein Essmesser in der Scheide. Eine einfache blaue Wollkappe lag neben ihm auf dem Tisch. Vom langen Gebrauch war sie verfilzt und an etlichen Stellen geflickt.
„Erzähl", wurde er von einem anderen Gast aufgefordert. Der Mann nahm sich noch einen Becher Wein. Dann strich er über die Narbe an seinem Arm. „Es war mitten in der Schlacht", hob er an, „die Rohirrim kamen wie ein Sturmwind über diese Orkbrut, als sich das Blatt plötzlich zu wenden schien. Ich sah diese Monster von Mumâkil auf uns zu kommen und dachte, jetzt ist alles vorbei. Blut und Tod wohin ich nur blickte. Plötzlich warf sich ein Schatten über uns. Ich kämpfte Seite an Seite mit einem der tapferen Reiter aus Rohan. Scharfe Krallen fegten uns über den blutgetränkten Boden. Als ich aufblickte, sah ich die scheußlichste Kreatur, die jemals auf Mittelerde gewandelt war. Davor stand ein rohirrischer Krieger, stolz, mit erhobenem Schwert in der Hand." Er nahm einen Schluck Wein. Es war ruhig geworden in der Gaststube. Jeder lauschte seinen Worten.
„Weiter! Erzähl weiter", kam es von der Seite. Der Mann schaute zum Fenster hinaus. Ein Schauer rann über ihn, als würde er erneut die gewaltige Kälte spüren, die vom Hexenkönig ausging.„Ganz langsam stieg der Reiter dieser schwarzen Kreatur ab", fuhr er fort, „riesig ragte er auf. Der Rohirrim wirkt winzig dagegen. Sie schrieen sich an. Was, das vermochte ich nicht zu hören. Aber dann begannen sie zu kämpfen. Der Rohirrim steckte einige böse Streiche ein, bevor er atemlos dem Hexenkönig gegenüberstand. Ich dachte, nun ist es vorbei. Doch der Rohirrim riss sich den Helm herunter. Eine Frau kam zum Vorschein, schön wie der junge Morgen und mit einem entschlossenen wilden Blick in den Augen. Der Hexenkönig erstarrte in der Bewegung. Es schein, als wolle er zurückweichen. Diesen Augenblick der Überraschung machte sich die Rohirrim zu nutze. In einer einzigen raschen Bewegung versenkte sie ihr Schwert bis ans Heft in der Brust des schwarzen Reiters. Den Todesschrei kann ich jetzt noch hören. Er hallt in mir wie ein düsteres Echo. Seitdem höre ich auf diesem Ohr hier nicht mehr, weil ich nicht beide mit den Händen schützen konnte." Er deutete auf sein rechtes Ohr. Sein Trommelfell musste geplatzt sein. Mitleidig schaute ich ihn an.
„Tapfere Frau", murmelten die Zuhörer beifällig, „unser Hauptmann hat sie wahrlich verdient." Auch ich hatte den Hexenkönig auf seinem Fellbiest gesehen. In dem Moment, wo er Gandalf attackieren wollte. Ein Schaudern überlief mich, bei dem Gedanken diesem eiskalten Wesen gegenüber stehen zu müssen. Meine Hochachtung vor dieser ungewöhnlichen Frau stieg ins Unermessliche. Es musste all ihre Kraft gefordert haben diesen Sieg zu erlangen.
Nach etlichen Hochs auf den guten Faramir und seiner Angebeteten wandten sich die Gespräche wieder dem Tagesgeschehen zu. Anordil, Tjann, Ariana und ich setzten uns nun ein wenig abseits der anderen. Auch wir unterhielten uns nun über belanglose Dinge.
In den nächsten Tagen verbreitete sich die Nachricht von Faramirs Romanze wie ein Lauffeuer. Daneben gab es auch nicht viel Neues in Minas Tirith. Nach einigen Wochen wich der milde Winter, begünstigt durch die Nähe zu den Südlanden einem warmen Frühlingshauch. Die ersten grünen Grashalme waren auf dem Pelennor zu sehen. Sie wirkten ein wenig deplaziert zwischen den nun blanken Knochen der Mumâkil. Offensichtlich siegte die Natur über die blutgetränkte Erde.
Zur Frühlingstagundnachtgleiche half ich Tjann bei der Zubereitung eines Festmahls. Ariana und Tarim schauten mir erst neugierig zu, dann halfen sie mit Feuereifer dabei etliche Eier mit der Hilfe von Pflanzen bunt zu färben. Zwiebelschalen ergaben einen schönen goldbraunen Ton, der Saft von Beeren unterschiedliche Farbtöne von einem satten Rot bis zu einem dunklen Rotviolett. Nachdem wir sie schön eingefettet hatten, damit sie glänzten, betteten wir sie auf ein Lager aus dickem Moos.
Danach richtete ich eine kleine Opfergabe her, die ich in der Dämmerung den Göttern darbieten wollte. Ich beschränkte mich allerdings dabei auf ein paar Eier und Brot. Währenddessen zog in einem kleinen Kessel der traditionelle keltische Tee vor sich hin. Anordil hatte Kräuter für die Heiler gesammelt und dabei einige für mich abgezwackt. Das Wasser für den Tee war zwar nicht von einer Jungfrau geschöpft worden, aber Belenus und die große Mutter würden es mir hoffentlich nachsehen.
Die wichtigste Zutat für diesen Tee lieferte jedoch Tjann. Der Kräuterschnaps, den er von einem gondorianischen Brenner aus der ersten Ebene erhalten hatte, kam dem irischen Whisky sehr nahe. Allerdings konnte man diesen gondorianischen Schnaps nur in äußerst geringer Dosierung verwenden, weil er wesentlich schärfer war als die irische Variante meiner Heimat. Jedenfalls ließ mir der Geruch alleine die Tränen in die Augen treten. Unser aller Gesundheit zuliebe, gab ich denn auch nur jeweils ein paar Tropfen in die Becher, um das Gebräu mit dem heißen Tee stark zu verdünnen.
In der Dämmerung versammelten wir uns vor dem kleinen Feuer in der Küche. Die gondorianischen Mägde und Knechte, die Tjann beschäftigte, sahen uns mit verwunderten Augen zu. Ich ließ mich nicht beeindrucken. Jedem reichte ich einen Becher Tee. Die Gondorianer beäugten dieses Zeug äußerst misstrauisch.
„Willkommen zum Alban Eiler", sagte ich die traditionellen Worte, die ich so oft gehört hatte, „Licht und Dunkelheit sind in Gleichklang. Keines von beiden überwiegt. Doch in wenigen Stunden wird die Waagschale zugunsten des Lichtes ausschlagen. Die Zeit der Aussaat ist gekommen. Mögen die Felder und Herden gesegnet werden." Daran schloss ich das gälische Gebet an, welches Patrick mich einst lehrte. Mir wahr, als würde diese Zeit bereits Jahrhunderte her sein. Mit ein wenig Wehmut dachte ich daran zurück, wie ich mit meiner Familie die keltischen Feste gefeiert hatte.
Dann gab ich eines der kleinen Brote mit dem roten Ei in der Mitte in die Flammen, die es dankbar aufnahmen. Die restlichen verteilte ich an alle Anwesenden, bevor ich von dem heißen Tee nippte. Wohlig warm rann er durch die Kehle. Die übrigen folgten meinem Beispiel. Die Gondorianer rochen erst vorsichtig an ihren Bechern, bevor sie behutsam die Lippen benetzten. Als sie merkten, dass man das Gebräu durchaus trinken konnte, wurden sie forscher.
Nach dieser kleinen Zeremonie begaben wir uns zu Tisch. In der Gaststube hatten Tjann und Anordil zwei der große Tische zusammengeschoben. Daran nahmen wir alle Platz. Zwei Mägde blieben noch stehen, um das Mahl aufzutragen. Sie brachten auf einem großen hölzernen Brett gebratenes Lamm mit den ersten Frühlingskräutern, dazu in einer großen Schüssel die gedünsteten zarten Triebe von Lauch, Spinat und Frühjahrsmöhrchen. Dicke Brotfladen machten die Runde, von denen jeder sich etwas abriss. Dazu gab es geschabte Nudeln, die Tjann hergestellt hatte. Jeder langte kräftig zu. Zum Abschluss des Mahles bekam jeder eine kleine Schale mit winzigen Erdbeeren, die sehr aromatisch schmeckten. Tjann hatte sogar Sahne dazu auftreiben können. Es war zwar nicht viel, aber jeder erhielt einen Löffel voll.
Als das Mahl beendet war, begaben sich die Mägde und Knechte wieder an die Arbeit. Tjann schaute nur kurz in der Küche nach dem rechten, bevor er mit Anordil die Tische wieder an ihren Platz rückte. Die ersten Gäste kamen dann auch alsbald. Anordil und ich gaben ein paar Lieder zum Besten, bevor wir noch einen kleinen Spaziergang machten.
Die Nacht hatte sich über Minas Tirith gesenkt. Fackeln beleuchteten in Abständen die Straße. Jedoch waren nur noch wenige Leute unterwegs. Wir gingen bis hoch hinauf in den siebten Ring. Von der Mauer, welche die Feste in einem weiten Rund umgab, hatte man einen grandiosen Ausblick über die Pelennorfelder bis weit nach Mordor. Die Wolken dort schimmerten in einem düsteren Schwarz mit etlichen roten Malen darin. Eine stumme Bedrohung ging von ihnen aus.
Mit einem Schaudern wies ich Richtung Mordor. „Was mag dort jetzt vorgehen?", murmelte ich fragend. „Sauron sammelt seine Streitkräfte", entgegnete Anordil. „Ich wünschte, ich wüsste, ob es Frodo gelungen ist Kankras Lauer zu überleben", seufzte ich, „diese Ungewissheit nagt an mir."
„Sie nagt nicht nur an dir", antwortete Anordil düster, „selbst mit meinen Kräften ist es mir verwehrt einen Blick auf das zukünftige Schicksal zu erhaschen. Und glaube mir, nicht einmal Galadriel wird wissen, ob Frodo noch lebt oder nicht." „Soll ich darüber erleichtert sein?", erwiderte ich sarkastisch, „das Überleben Mittelerdes hängt von diesem kleinen Hobbit ab. Was ist, wenn er versagt?"
„Wenn der Ring nicht vernichtet wird, dann wird Mittelerdes drittes Zeitalter in Düsternis versinken", antwortete er mir, „kein Elb wird dann noch hier wandeln wollen."
Schweigend starrte ich auf die schwarzen Wolken. „Wenn ich mit meinen guten Wünschen helfen könnte", murmelte ich und starrte auf meine Hände. Schweigend verharrten wir. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als würde ich den Boden unter den Füßen verlieren, doch ich fiel nicht. Ich bewegte nicht einen einzigen Muskel. Meine Arme wurden jedoch schwer wie Blei. Zitternd streckte ich die Hände aus. Wie im Zeitraffer sah ich, wie sie schrumpften und zu den kleinen Händen eines Hobbits wurden, bevor sie sich mit feinen silbrigen Fäden überzogen, bis sie einem Kokon glichen. Mit einem leisen Aufschrei kam ich in die Realität zurück. Ich taumelte, aber Anordil fing mich auf, bevor ich fallen konnte.
„Einer ist in Kankras Klauen", murmelte Anordil besorgt, während er mir tief in die Augen sah, „konntest du sehen wer?" Stumm schüttelte ich den Kopf. Die Valar hatten mir nicht genügend Zeit gewährt, dies erkennen zu können. Ich würgte, als ich an die Spinne dachte. Heftiger Ekel überrollte mich, so dass ich spucken musste. Anordil hob mich hoch, als wäre ich eine Feder und trug mich zu einer niedrigen Mauer. Behutsam setzte er mich ab. Tief atmete ich durch. Abwesend knetete ich meine Hände. Ich wollte das Gefühl dieser klebrigen Fäden wegbekommen, dass sich meiner bemächtigt hatte. Frodo oder Samweis – welchem hatten die Hände gehört, die ich gesehen hatte? Dann kehrten meine Gedanken nach Minas Tirith zurück. Hier waren doch auch noch Hobbits. Von ihnen hatte ich seit geraumer Zeit nichts mehr gehört.
„Was ist eigentlich mit den beiden anderen Hobbits?", fragte ich abwesend, „Peregrin Tuk und Meriadoc Brandybock? Es ist jetzt Wochen her, seit die Schlacht ein Ende fand." Ich knetete immer noch meine Hände. Anordil lehnte sich an die Mauer neben mir.
„Sie sind noch in den Häusern der Heilung", antwortete er mir, „dem einen – Meriadoc – geht es nicht so gut. Er wird das linke Bein nie wieder richtig gebrauchen können, falls er je wieder aufwacht. Seit der Schlacht ist er bewusstlos. Sein Zustand hat sich zwar gebessert, nachdem nicht nur Aragorn, die Heiler Gondors und auch ich unsere Heilkünste an ihm versuchten, doch er mag nicht aus seinem tiefen Schlaf erwachen. Peregrin wacht beständig am Bett seines Freundes."
Mit leichtem Schock sah ich ihn an. Laut Tolkien sollten die Hobbits doch den Ringkrieg recht unbeschadet überstehen. Von größeren Verletzungen wurde dort nicht berichtet. Eine weitere Abweichung von seinen Aufzeichnungen. Was mochte noch alles kommen? Ich hoffte nur, dass Meriadoc entgegen aller Voraussicht erwachen würde. Allerdings fragte ich mich, was seinen Geist gefangen hielt, wenn selbst Anordils Künste versagten.
Nur ein paar Tage später rissen mich rasende Kopfschmerzen aus dem Schlaf. Ich hatte das Gefühl, als würden sich glühende Lanzen in meinen Kopf bohren und mein Gehirn langsam zerschmelzen. Vor Schmerz schrie ich auf. Dann war es vorbei. In Schweiß gebadet und die Finger in die Bettdecke gekrallt, lag ich keuchend auf der Bettstatt. Neben mir stöhnte Anordil. Ihm musste es nicht besser ergangen sein. Langsam erhob er sich und griff sich an den Schädel. Sein Blick klärte sich allmählich. Ungewohnt fahrig tastete er nach seinem Gewand. „Was war das?", fragte ich mit kratziger Stimme. Der Klang meiner Stimme dröhnte in meinem Kopf. „Sauron", antwortete Anordil dumpf, „Mordor ist gefallen."
Von draußen hörten wir vielstimmiges Gemurmel. Dazwischen laute Rufe, die in meinem Schädel widerhallten. „Wir haben das Echo seines Todes gehört", erklärte Anordil leise, „die magische Welle hätte uns beinahe mit ins Verderben gerissen." Benommen lag ich da. Vorsichtig löste ich meine verkrampften Muskeln. „Aber wir sind doch auf der guten Seite", protestierte ich schwach. Anordil rieb sich die Schläfen. Ich spürte, wie er einen Strom Heilmagie einsetzte.
„Das hat nichts zu bedeuten", gab er zurück, „Saurons Tod löste seine Magie von ihm. Ungerichtet und ziellos zerfaserte sie. Jeder Magiebegabte in ihrer Reichweite wurde in Mitleidenschaft gezogen. – Ich hoffe nur, das Gandalf sich zu schützen vermochte. Er befindet sich näher an Sauron als wir anderen."
Gandalf! An ihn hatte ich gar nicht gedacht. Hatte er diese Attacke überlebt? Wir würden es sehen. Auf alle Fälle wurden die Rufe draußen lauter. Dann klopfte es hektisch an unsere Tür. „Kommt rasch", hörten wir Tjann aufgewühlt, „der Himmel brennt!"
Der Himmel brennt? Unwillkürlich dachte ich einige Jahre zurück, wo wir in Rom waren und das Inferno Neros nur knapp überlebt hatten. Auf eine Wiederholung dieses Ereignisses in Minas Tirith hatte ich wahrlich keine Lust. Mit verbissenem Willen brachte ich meine protestierenden Muskeln dazu, meinen Körper aus dem Bett zu schwingen. Ich griff mir meine Gewänder und streifte sie so rasch es ging über.
Mit schnellen Schritten, jedenfalls, so schnell es uns möglich war, rannten wir nach draußen. Dort erwartete uns bereits eine Menschenmenge, die aufgeregt nach Osten schaute. Ich hielt den Atem an. Schon aus unserer doch recht niedrigen Perspektive sah ich, dass der Himmel glutrot waberte. Anordil bahnte sich einen Weg zur Wehrmauer. Mit Leichtigkeit erklomm er die Spitze und zog mich mit hoch. Oben angekommen, traute ich meinen Augen nicht.
Der östliche Himmel schien eine einzige Feuerwand zu sein. Meilenweit ragte eine Feuersäule in den darüber tiefschwarzen Himmel. Ein dumpfes Grollen fegte über uns hinweg, gefolgt von einem leichten Schwanken des Bodens.
„Ein Erdbeben", stieß ich hervor, „in Mordor muss der Schicksalsberg in die Luft geflogen sein, so wie das dort aussieht." „Was seht Ihr, Herr Elb?", fragte ein Gondorianer von unten. „Mordor brennt", antwortete Anordil, „der Schicksalsberg steht in Flammen." Eine Welle der Freude brandete auf, die sich wie ein Lauffeuer durch ganz Minas Tirith verbreitete.
Wir bahnten uns einen Weg nach oben zur Feste. Von hier aus hatten wir einen noch besseren Blick auf das brennende Mordor. Wir wanderten den Rest der Nacht durch die Stadt. Überall tanzten die Menschen auf den Straßen. Die Freude war schier spürbar. In den frühen Morgenstunden, die Sonne berührte sacht die Zinnen der Mauer, sahen wir einen gewaltigen Adler auf Minas Tirith zu kommen. Aufmerksam verfolgten wir seine Bahn. Anordils Augen verengten sich, während er den Adler beobachtete, der in weiten Kreisen auf den obersten Ring zuhielt.
„Er trägt einen Halbling in seinen Klauen", stieß Anordil hervor, „ich muss hinauf zu den Heilern!" „Siehst du, wer es ist?", fragte ich überrascht, doch Anordil lief schon die steinerne Straße hinauf. Ich würde auf die Antwort warten müssen. Mein Blick folgte dem Adler, der nun äußerst elegant zur Landung vor der Feste ansetzte. Langsam begab ich mich zu Tjanns Haus. Anordil würde ich nicht helfen können. Ich konnte jetzt nur warten.
In der Gaststube war alles in heller Aufregung. Geschlafen hatte niemand mehr und so hatten auch sie die Ankunft des Adlers gesehen.„Wo ist Anordil?", fragte Tjann neugierig. „Oben in den Häusern der Heilung", gab ich zurück, „dieser Adler hat einen Hobbit gebracht." „Einen Hobbit?", unterbrach er mich fragend, „weißt du welcher?" Ich schüttelte den Kopf. „Anordil konnte es auch nicht erkennen", erwiderte ich, „wir werden warten müssen." Tjann stieß einen Laut des Unmutes aus. „Ich hasse diese Ungewissheit", knurrte er und wischte heftig mit einem Lappen über die Theke. Ariana kam in diesem Augenblick aus der Küche. „Komm in die Küche, Tjann", sagte sie, „wir haben alle Hände voll zu tun. Wenn der Krieg nun wirklich ein Ende hat, so wird Minas Tirith feiern wollen."
Dann schaute sie mich an. „Willst du uns auch helfen, Arwen?", fragte sie mit einem Lächeln, „wir können jede Hand gebrauchen." „Gerne", sagte ich und ging an ihr vorbei in die Küche, wo die Mägde schon fleißig bei der Arbeit waren. Ich hatte eh nichts besseres zu tun und das Schnippeln würde mich jedenfalls von meinen wild herumrasenden Gedanken ablenken. Kurze Zeit später, es mochte vielleicht eine Stunde seit der Ankunft des Adlers vergangen sein, rannten Herolde durch die Stadt.
Als wir das Horn hörten, dass den Herold ankündigte, rannten wir nach draußen. Jetzt würden wir endlich etwas erfahren. „Volk von Gondor hört was zu berichten ist", verkündete der Herold mit lauter Stimme, „Höret, höret, höret. – Die Botschaft unseres Königs Aragorn von Gondor." Er blickte wichtig in die Runde, ob ihm auch aufmerksam gelauscht wurde. „König Aragorn von Gondor schickte Kunde aus der Schlacht", fuhr er fort, „der Feind ist besiegt, Mordors Armeen fliehen und der schwarze Herrscher Sauron ist vernichtet. Seid froh und glücklich, denn der Krieg ist nun vorüber."
So war es wirklich wahr! Der Krieg war vorbei und der Ring vernichtet. Erleichtert nahm ich die Nachricht auf. Nun konnten wir bald wieder nach Hause. Ich wartete, dass der Herold noch mehr kundtun würde, doch er schwieg und ging mit dem Hornträger weiter. An der nächsten Ecke blieb er stehen. Das Hornsignal erschallte erneut und wiederum gab er nur diese wenigen knappen Sätze zum Besten. Kein Wort ließ er verlauten über den Hobbit, der auf Adlerschwingen angekommen war.
Dies beunruhigte mich sehr. Insbesondere weil der Tag immer weiter fortschritt und ich dabei nichts von Anordil hörte. Ich wurde immer unruhiger, je länger der Tag andauerte. Gegen Abend beschloss ich schließlich hinauf in die Häuser der Heilung zu gehen. Vielleicht konnte ich mich ja doch irgendwie nützlich machen. Der Weg bis in den siebten Ring war recht beschwerlich, denn die Gondorianer feierten den Sieg auf den Straßen. Mehr als einmal musste ich den ausgelassen tanzenden Menschen ausweichen. Im siebten Ring dagegen war es dagegen regelrecht ruhig. Aus den Häusern drang zwar auch Gelächter und mancherlei Musik, doch nur sehr wenige waren auf den Straßen.
Als ich das Tor zu den Häusern der Heilung durchschritt, spürte ich sofort die angespannte Atmosphäre. Kaum jemand war auf den Gängen zu sehen. In den Krankenzimmern herrschte tiefe Ruhe. Rasche Schritte kamen auf mich zu. Um die Ecke bog Mashan, die eilig an mir vorbei wollte. Sie lächelte mir dabei recht knapp zu. Dies war die Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte. Ich hielt sie am Arm auf. „Kann ich mich nützlich machen?", fragte ich schnell, bevor sie mich wütend anfauchen konnte. Sie schluckte ihre Verärgerung herunter und nickte. „Komm mit", wies sie mich an, „Ihr könnt mir helfen Kräuter zu zerstampfen. Sie werden dringend gebraucht." Damit zerrte sie mich mit sich.
Erst in einem großen Raum machte sie halt. Kräuterbündel hingen von der Decke, in den Regalen an den Wänden stapelten sich Kräuter, Flaschen, geschlossene Tonkrüge, zugedeckte Körbe, Glasbehälter mit verschiedenstem Inhalt, Töpfe und Tiegel mit unterschiedlichsten Pasten und was man in der Heilkunst sonst noch benötigte. In der Mitte waren mehrere Tische angeordnet. Diese hatten unter der Tischplatte etliche Fächer mit Mörsern, Stößeln, Schneidgeräten, Brettchen, Messlöffeln, Phiolen und sonstigem Zubehör.
Mashan nahm zwei große Mörser, Brettchen und scharfe Messer. „Zerreibt die Kräuter, die ich Euch gebe in diesem Mörser", befahl sie, während sie begann aus den Kräuterbündeln Zweige und Blätter zu pflücken. Gehorsam begann ich alles mit einem Stößel zu zermahlen.
„Was ist mit dem Hobbit?", fragte ich zwischendurch, „den, welchen der Adler brachte." Mashan sah besorgt auf. „Es geht ihm sehr schlecht", antwortete sie, „die linke Hand wurde ihm abgetrennt. Der Stumpf ist verbrannt. Außerdem hat er zahlreiche Brandwunden, offene Wunden, ein paar Knochenbrüche. Die blauen Flecke mag ich gar nicht zählen. Außerdem ist er nur noch ein Häufchen Knochen, so mager ist er. Dadurch ist er sehr schwach. Der Blutverlust ist enorm und hohes Fieber hält ihn gefangen. Die Heiler kämpfen um sein Leben, genau wie Euer Gemahl."
„Und wer ist es?", bohrte ich weiter. Ich musste wissen, ob Frodo es geschafft hatte. „Er ist seit seiner Ankunft bewusstlos, aber in der Botschaft des Königs wurde dieser Hobbit Samweis Gamdschie genannt", berichtete sie weiter, „kennt Ihr ihn?" „Samweis?", hauchte ich verblüfft, „Samweis Gamdschie! Seid Ihr sicher? Nicht Frodo Beutlin?"
Sie schüttelte heftig den Kopf. „Ganz sicher", bekräftigte sie, während sie energisch mit dem Stößel den Inhalt ihres Mörsers bearbeitete, „ein Frodo Beutlin wurde nicht erwähnt." Fast fiel mir der Stößel aus der Hand. „Pass auf!", fauchte sie mich hektisch an, „wir haben nicht die Zeit, alles noch mal anzurühren!"
Ich riss mich zusammen. Automatisch zerrieb ich die Kräuter zu einer feinen Paste. Mashan gab noch Öle und andere Dinge hinein, die ich nicht so genau erkannte. Dann hatten die Pasten die von ihr gewünschte Konsistenz. Sorgfältig gab sie die beiden Pasten in kleine Tontöpfe, versah das ganze mit Holzdeckeln, schnappte sich die Töpfe und eilte hinaus.
Ich blieb in der Kräuterkammer stehen. Es war also Samweis Gamdschie, der mit dem Adler kam. Was war mit Frodo? Lebte er noch? War er womöglich bei Aragorn? Aber wenn ja, warum hatte Aragorn ihn in der Botschaft nicht erwähnt?
Doch vorerst blieben mir die Antworten verwehrt. Ich räumte die gebrauchten Sachen auf ein Tablett und trug es hinüber in das Küchengewölbe. Dort gab es einen Raum, wo diese Dinge gereinigt wurden. Ich stellte alles ab. Da ich niemanden antraf, begab ich mich in die Gärten. Hier blieb ich und schaute besorgt Richtung Mordor. Immer noch waberte es dort rotglühend. Das würde vermutlich noch Tage so andauern. Als die Dämmerung einsetzte spürte ich hinter mir einen Hauch.
Anordil umarmte mich sanft. Ich lehnte mich an ihn. Seine Nähe war wohltuend beruhigend. „Ist es wirklich Samweis?", fragte ich leise. Er seufzte bekümmert. „Ja, es ist Samweis", antwortete er genauso leise, „wir tun alles, was wir können. Ich habe sogar starke Heilmagie eingesetzt - die Valar werden es mir wohl verzeihen. Aber es wird noch einige Zeit dauern bis er erwacht. Selbst dann ist es fraglich, an was er sich erinnert." „Und was ist mit Frodo?", warf ich ein, „gab es irgendeine Nachricht von ihm?"
Er schüttelte den Kopf. „Die Botschaft des Königs, die der Adler brachte, sprach von einem Ringträger", berichtete er betrübt, „Frodo wurde nicht erwähnt. Die Herolde haben auch nur das Ende des Krieges verbreitet. Jede andere Nachricht wird erst verkündet werden, wenn Aragorn zurückgekehrt ist." „Was ist bloß geschehen?", fragte ich erschüttert. „Wir müssen warten", sagte Anordil, „solange warten, bis Samweis uns Antworten geben kann. – Wenn er es kann .."
Schweigend gingen wir zurück ins Gebäude. Aus einem der Zimmer hörte ich leise Stimmen. Anordil blieb kurz stehen. „Aber es gibt eine gute Nachricht", fuhr er leise fort und wies mit dem Kopf auf die halb angelehnte Tür, „Meriadoc ist erwacht. Anscheinend ist mit der Vernichtung Saurons der Grund für seinen tiefen Schlaf verschwunden." „Den Valar sei Dank", murmelte ich erfreut. Ohne das die beiden Hobbits uns bemerkten, setzten wir unseren Weg fort. Sie würden sich eine Menge zu erzählen haben. Als wir die Häuser der Heilung verließen ging die Sonne auf. Minas Tirith erwachte gerade. Nur wenige Menschen begegneten uns, während wir die Ringe hinunter gingen. In Tjanns Gasthaus war noch alles ruhig. Das Feuer in der Küche war erloschen. Ich nahm einen Schluck stark verdünnten Kräuterschnapses, bevor wir unser Gemach aufsuchten. Zumindest ich brauchte dringend Schlaf.
Der Zustand von Samweis veränderte sich kaum in den nächsten Tagen. Sogar als die Fanfaren die Ankunft der siegreichen Krieger verkündeten, kämpfte er noch mit dem Tode. Den Jubel mit dem der König und die Krieger begrüßt wurden, bekam er nicht einmal ansatzweise mit. Unsere Freude, mit der wir dem Strom der Ankömmlinge in die Feste folgten, war dementsprechend verhalten.
Im allgemeinen Trubel gesellte sich Legolas zu uns. „Es ist mir eine Freude, euch gesund wiederzusehen", begrüßte er uns. „So ist es auch für uns", gab Anordil zur Antwort, „wir befürchteten bereits dich nur noch in den Hallen Mandos wieder zu finden." Legolas lächelte. „Námo wird mich noch lange nicht in Mandos Hallen begrüßen dürfen", konterte er, „wann werdet ihr abreisen?" Anordil nippte an seinem Kelch. „Nach der Krönung", antwortete er, „sofern wir hier nicht mehr gebraucht werden."
Legolas nickte bedächtig. „Dann wird euch unsere Überraschung zu Aragorns Krönung nicht entgehen", sagte er mit einem schalkhaften Lächeln. Er nahm ebenfalls einen Schluck Wein. „Armer Aragorn. - Sein Herz ist voll Kummer. Wähnt er doch seine Herzensdame bereits auf einem weißen Schiff in den Westen", seufzte er gespielt theatralisch und fuhr dann in einem verschwörerischen Ton fort, „doch ein kleiner fliegender Bote wurde von Elladan nach Imladris geschickt, auf dessen Nachricht ein gewisser Abendstern schon sehnsüchtig wartete."
„Eine äußerst großzügige Gabe an den König von Gondor", schmunzelte Anordil, „das wird wahrlich eine glanzvolle Krönung werden." Ich lachte leise. „Aragorns Gesicht möchte ich um nichts in der Welt versäumen", kicherte ich.
„Wie geht es dem Ringträger?", wechselte Legolas unvermittelt das Thema. Mein Lächeln gefror. Ringträger? So hatte Samweis den Ring getragen? Aber Frodo war doch damit von Bruchtal aus aufgebrochen!
„Er lebt - noch", antwortete Anordil, „seit seiner Ankunft hier hat sich sein Zustand kaum verbessert. Fieber hält ihn beständig in den Klauen. Wir können es eindämmen, doch bisher nicht heilen. Der hohe Blutverlust zehrt an ihm. Außerdem ist er noch nicht aufgewacht." Legolas schaute besorgt.
„Aragorn wird nicht erfreut sein", sagte er düster, „er hoffte nach seiner Ankunft mit dem Ringträger reden zu können."
„Woher weißt du, dass Samweis den Ring getragen hat?", fragte ich neugierig, denn nichts deutete bisher darauf hin. „Der Ring hinterlässt magische Spuren beim jeweiligen Träger", erklärte Anordil. „Gandalf hat Samweis so genannt", unterbrach ihn Legolas, „am Schicksalsberg, als er ihn auf Adlerschwingen zu Aragorn schickte. Der weiße Zauberer wird es wohl wissen."
Nun gut, da konnte ich nicht widersprechen. Gandalf wird wohl wirklich wissen, was er tut. Ich nahm einen Schluck Wein. „Weiß man etwas über den anderen Hobbit?", fragte ich dann Legolas, „Frodo Beutlin? Der mit dem Ring von Bruchtal aus aufbrach?" Legolas Augen verdüsterten sich weiter. „Es gab kein Zeichen vom ersten Ringträger", antwortete er dumpf, „am Schicksalsberg fanden wir nur Samweis – und er war nicht in der Lage etwas zu sagen." „Wird nach Frodo gesucht?", fragte Anordil.
„Ja", nickte Legolas, „die großen Adler haben den Emyn Muil bis nach Ithilien überflogen ohne eine Spur von Frodo zu finden. Elladan und Elrohir haben sich auf die Suche nach ihm gemacht. Sie durchkämmen das Gebiet bis zu dem Punkt wo die beiden Hobbits von Hauptmann Faramir das letzte Mal gesehen worden sind."
„Dann wollen wir hoffen, dass sie erfolgreich sein werden", warf ich ein. Die Ungewissheit über Frodos Schicksal hinterließ bei mir einen schalen Geschmack. So hätte es laut Tolkiens Aufzeichnungen nicht enden dürfen. Aber was hatte Galadriel noch einmal gesagt?
„Die Zukunft ist eine unsichere Zeit, die einem steten Wandel unterliegt. Alles was wir tun, was die Menschen tun - oder auch unterlassen - ändert sie. Nichts ist so, wie vor einigen Jahrhunderten."
Zumindest war Sauron vernichtet. Dahin gehend hatte der Spiegel Recht behalten. Und das war mehr, als wir zu hoffen wagen durften. Ich versuchte den Rest der spontanen Siegesfeier zu genießen, doch irgendwie gelang es mir nicht so Recht. Ich musste immer wieder an den Spiegel denken und was ich damals darin gesehen hatte.
In den folgenden Wochen ging es in Minas Tirith emsig zu. Die ganze Stadt war beschäftigt mit den Festvorbereitungen zur bevorstehenden Krönung. Es gab keine Ecke, die nicht geputzt und geschmückt wurde, um diesem Anlass gerecht zu werden. Die Köche in der Feste kamen nicht mehr nach. Tjann und mit ihm eine Reihe anderer Meister aus der Zunft wurden von ihnen gerufen und sie halfen tatkräftig mit, all die Köstlichkeiten herzustellen, die für ein solches Ereignis gebraucht wurden. Dies hatte allerdings zur Folge, dass Ariana alleine dastand um die Gaststube zu unterhalten. Zwar gingen ihr die Knechte und Mägde zur Hand, aber sie konnte nicht gleichzeitig in der Küche sein und in der Gaststube. Also half ich ihr, wo es ging. Zu meinem Glück musste ich jedoch keine Speisen zubereiten. Das wäre in einer Katastrophe geendet. Aber schon allein beim Schneiden oder in der Gaststube zu helfen, war eine große Erleichterung für sie.
Anordil ging weiter jeden Tag hinauf zu den Häusern der Heilung. Doch jeden Tag kam er abends ohne große Neuigkeiten zurück. Er konnte nur berichten, dass die Heiler oben alles erdenkliche taten, um Samweis zu helfen. Auch er versuchte alles, was ihm möglich war, ohne dass er den Zorn der Valar auf sich rief. Die vereinten Bemühungen trugen dann auch Früchte. Eines Tages kam Anordil mit einer guten Nachricht zurück.
„Samweis ist erwacht", berichtete er erfreut, als er abends die Gaststube betrat, „und er ist auf dem Weg der Besserung. Sein Denken ist klar und frei von Fieberträumen."„Den Valar sei Dank", platzte es aus mir heraus, „konnte man schon etwas über Frodo erfahren?"
Anordil nickte schmerzlich und gab uns einen Wink, dass wir uns abseits der Gäste setzen sollten. Erst als wir Platz genommen hatten, sprach er weiter. „Aragorn sprach sofort nach Samweis Erwachen mit ihm. Die Kunde, die er brachte ist schmerzlich", sagte er dumpf, „Frodo ist tot. - Samweis und er hatten einen harten Kampf mit Kankra. Frodo wurde von ihrem Stachel durchbohrt. Samweis gelang es zu entkommen." Ich starrte ihn nachdenklich an.
„Aber die Spinnen betäuben doch nur ihre Opfer", warf ich ein, „er musste zwar gelähmt, aber am Leben gewesen sein." Anordil nickte bestätigend.„Dies stellte Samweis auch fest", fuhr er fort, „als er nach dem Kampf versuchte Frodo zu bergen, um ihn wenigstens zu bestatten, fand er ihn in einem Kokon vor. Er war gerade dabei die Spinnfäden zu durchtrennen, als eine Orkpatrouille vorbeikam. Also nahm er erst einmal nur den Ring an sich."
So düster kam mir die Erkenntnis, dass sich die Geschehnisse analog zu dem Film bewegten, den ich damals sah, bevor ich nach Mittelerde zurückkehrte. Konnte es sein, dass dem Regisseur ein Blick auf Mittelerde von den Valar gestattet worden war? Oder war das nur Zufall? Einer der möglichen Schicksalslinien?
„Die Orks fanden Frodo und nahmen ihn mit", erzählte Anordil, „dabei erwähnten sie, dass Kankra ihre Opfer betäubte. Samweis wurde bewusst, dass Frodo noch lebte. Daher folgte er den Orks. Es gelang ihm bis vor die Festung zu gelangen. Doch es gab keinen Weg für ihn hinein. Er musste warten. Nur kurze Zeit später, kam es zu einem Kampf unter den Orks. Nach dem sich diese gegenseitig ausgelöscht hatten, konnte er in die Feste gelangen."
„Was war mit Frodo?", unterbrach ihn Tjann unruhig. Anordil beschwichtigte ihn mit einer Hand. „Samweis fand Frodos Leib übel verstümmelt an. Die Gliedmaßen waren ihm ausgerissen und von einigen fand er nur noch abgenagte Knochen. Da wusste Samweis, dass es nun an ihm lag, den Ring zur Vernichtung zu bringen."
Entsetzt starrte ich ihn an. Jetzt hatten wir Gewissheit. Frodo Beutlin war wirklich tot. Die Orks hatten ihn gefressen. Was für ein unrühmliches Ende für diesen tapferen kleinen Hobbit. Tränen brannten in meinen Augen und rannen mir über das Gesicht.
„Ja, er wusste, dass es nun auf ihn ankam" bekräftigte Anordil, „und trug den Ring zum Schicksalsberg. Hart war der Weg, voller Entbehrungen und Angst. Die ständige Furcht vor Gollum ließ ihn nicht schlafen. Orkhorden kreuzten seinen Weg. Das letzte Stück durch Mordor hindurch musste er sich unter Orks mischen, verfaultes Wasser trinken und stinkendes, wurmstichiges Fleisch kauen, um nicht aufzufallen. Schließlich, am Ende seiner Kraft erklomm er den Schicksalsberg und fand den Weg ins Innere. Dort, kurz vor dem Ziel, wurde er von Gollum überrascht, der wahnsinnig war in der Gier nach dem Ring. Er ließ Samweis keine Wahl, als den Ring überzustreifen."
Daher wusste Gandalf, dass Samweis den Ring hatte, dachte ich. Er musste es gespürt haben, dass der Hobbit in seiner Verzweiflung diesen Weg gewählt hatte. „Doch Gollum gab nicht auf", hörte ich Anordils Stimme, „er fand die Hand, die den Ring trug und verbiss sich in ihr. Samweis zerrte an Gollum, aber dieser ließ nicht los. Er spürte, dass Gollums Klauen hastig nach dem Ring tasten. Als Gollum begann den Ring von Samweis Finger zu reißen erkannte er, dass er nur die Möglichkeit hatte sich von seiner Hand zu trennen oder gemeinsam mit Gollum in die glühende Lava zu stürzen. Verzweifelt schaffte er es mit letzter Kraft die Elbenklinge zu ziehen, die Frodo einst von Bilbo erhalten hatte und die er sich an Kankras Lauer angeeignet hatte."
Vor meinem Auge sah ich, wie Samweis mit Gollum rang. Was musste in dem tapferen Hobbit vorgegangen sein? Ich schämte mich meiner Tränen nicht. Auch die anderen hingen wie gebannt an Anordils Lippen.
„Mit aller Willenskraft schlug er sich die Hand ab, an der Gollum hing", erzählte Anordil weiter, „durch den plötzlichen Ruck kam dieser in die Nähe des Abgrundes. Doch Gollum merkte es nicht. Er hatte nur Augen für die Hand, an welcher der Ring glänzte. Voller wahnsinniger Freude riss er daran, bis er ihn endlich in seinen Klauen hielt. Die Hand warf er achtlos in die Lava. Doch durch das Blut war der Ring glitschig geworden. Er glitt Gollum aus den Klauen und rollte über den Rand des Abgrundes. Gollum versuchte ihn aufzufangen, was misslang. Er stürzte dem Ring hinterher in die Tiefe."
„Und was geschah dann mit Samweis?", fragte ich erschüttert. „Er schaffte es noch bis an den Felsen zu kriechen, wo ein dünnes Lavarinnsal in die Tiefe floss. Dieser tapfere kleine Kerl drückte seinen Armstumpf dagegen und konnte so die Blutung stillen. Dann wurde er bewusstlos", berichtete Anordil weiter, „Gandalf hat auf Gwaihirs Rücken den Weg bis zum Schicksalsberg überflogen, denn er war es, der Samweis fand. Als der weiße Zauberer feststellte, dass dieser noch Leben in sich trug, schickte er ihn mit einem weiteren Adler zu Aragorn. Dort wurde er notdürftig verbunden und dann mit einer Botschaft nach Minas Tirith gesandt."
„Tapferer Samweis", murmelte Tjann mit schwerer Stimme, „er hätte den Ring seinem Schicksal überlassen können. So nahm er die Bürde seines Herrn auf sich." „Nicht nur die Bürde, sondern auch seinen Platz", ergänzte ich traurig, denn ich wusste, dass in Tolkiens Aufzeichnungen es Frodo gewesen war, der zwar nicht die Hand, aber einen Finger verlor beim Kampf um den Ring.
„Wird er wieder gesund?", fragte Ariana, „so ein mutiger Held sollte nicht so einfach dahinsiechen." Anordil lächelte sie beruhigend an. „Samweis wird wieder gesunden", sagte er mit fester Stimme, „seine Wunden beginnen gut zu heilen. Nur die Wunden an seinem Geist werden noch lange brauchen, bis sie vernarbt sind."
Jeder hing seinen Gedanken nach, als wir auseinander gingen. Auch mich ließ diese Schicksalswendung nicht in Ruhe. Ich ging hinaus in die Nacht. Meine Schritte führten mich bis hoch in den siebten Ring. Wie ein Geist betrat ich die Häuser der Heilung. Dort in den Gärten brach ich eine von den wunderschönen blauen Blüten, bevor ich das eigentliche Haus betrat.
Auf den Gängen begegnete mir niemand. Alles war ruhig und in tiefem Schlaf. Zielsicher fand ich den Raum, in dem Samweis lag. Geräuschlos schwang die Tür auf. Da lag er vor mir. Ein schmaler Hobbit, der immer noch von Hunger und Leid gezeichnet war. Tiefe Falten hatten sich in sein bleiches Gesicht gegraben. Sie bildeten einen eigenartigen Kontrast zu den rosigen Narben der verheilten Brandwunden. Sein Kopf war von einem dichten Flaum Haare bedeckt. Offensichtlich waren sie ihm bis auf die Wurzeln versenkt worden. Der linke Arm endete abrupt in einem leichten Verband. Doch sein Atem ging gleichmäßig. Ich starrte ihn an. Wie mochte er erst ausgesehen haben, als der Adler ihn gebracht hatte? Ich wollte es mir nicht vorstellen. Es war ein Wunder, dass er noch lebte.
„Auf Anraten der Heiler habe ich mir erlaubt den Schlafzauber anzuwenden", wisperte Anordil hinter mir. Ich hatte ihn nicht kommen hören. „Ich wusste, dass du ihn sehen wolltest", flüsterte er. Ich nickte. Ja, ich hatte ihn sehen wollen, ihn, den Gärtner, der wider Willen zum Helden wurde. „Frodo wäre stolz auf ihn", sagte Anordil, „niemand kann das Schicksal vorhersagen. Es gibt nur Möglichkeiten. Gib dir nicht die Schuld, dass Frodo nicht das Schicksal erfüllt bekam, was ihm zugedacht war."
„Aber durch mein Erscheinen hat sich die Zukunft verändert", flüsterte ich hart zurück, „wäre ich nicht hier in Mittelerde erschienen – vielleicht würde Frodo dann noch am Leben sein." „Oder auch nicht", konterte Anordil, „Galadriel sagte, dass dieser Gelehrte aus deiner Welt auch hier gewesen war. Vielleicht war er es, dessen Anwesenheit die Zukunft ändert."
Ich schwieg und drehte die Blüte in der Hand. „Vielleicht war vor dir oder nach dir noch jemand hier, der Einfluss auf das Schicksal nahm", sprach Anordil weiter, „vielleicht war es Tjanns plötzliches Auftauchen, was das Rad des Schicksals in einen anderen Weg lenkte. – Wir werden es nie mit Sicherheit wissen. – Nur eines – Galadriels Spiegel zeigte dir, wie auch diesem Gelehrten, eine mögliche Zukunft. Gräme dich also nicht."
Schwer seufzte ich auf. Samweis lag friedlich da. Nur auf seinem Gesicht spiegelte sich das ganze Grauen, was er gesehen hatte. Sanft legte ich ihm die Blüte auf die Brust. So, dass er mit jedem Atemzug von ihrem süßen Duft atmen konnte.
„Tolo dan nan galad, Samweis Gamdschie – kehre zurück ins Licht, Samweis Gamdschie", murmelte ich sanft. Dann schlang Anordil seinen Arm um mich und wir verließen die Häuser der Heilung.
To be continued ...
