Am nächsten Tag brachte uns Legolas ins Weberviertel. Für die Krönung mussten wir noch mit passenden Gewändern ausgestattet werden. Anordil und ich hatten schließlich nichts dabei, was diesem Anlass angemessen gewesen wäre und da Legolas bereits die Dienste des für den gondorianischen Hof zuständigen Gewandschneiders in Anspruch genommen hatte, konnte er ihn uns ohne zu Zögern empfehlen.
„Cennithach - ihr werdet sehen", sagte er, während wir durch die Gassen gingen, „herdir Wibal edregol maen - Meister Wibal ist wirklich geschickt. – Jedenfalls für einen Menschen. Er reicht zwar bei weitem nicht an die Künste unseres Gewandmeisters in Aradhrynd heran, doch seine Werke werden dem Anlass genügen."
„Dabei dachte ich, Elben kleiden sich nur in die Erzeugnisse ihres Volkes", warf ich ein wenig spitz ein. Ich wusste natürlich, dass Elben auch die Produkte anderer nutzten. Allerdings nur dann, wenn es elbische Erzeugnisse nicht gab oder nicht erhältlich waren.
„Ab und an dürfen es auch die Webereien anderer sein", erwiderte Legolas mit einem mahnenden Unterton, „solange sie unseren Ansprüchen genügen. Erst Recht, wenn die elbische Heimat so weit weg ist, dass man keine Ware des eigenen Volkes erhalten kann."
Anordil legte ihm seine Hand auf die Schulter. „Freund Legolas", sagte er sanft, „im Grunde habt ihr beide Recht. Eigentlich sollten wir Elben auf die Erzeugnisse unseres eigenen Volkes zurückgreifen. Doch wir waren im Krieg. Die flinken Finger unserer kunstfertigen Meister sind weit weg. Die Krönung steht kurz bevor und es würde zuviel Zeit vergehen, bis wir angemessene Gewänder aus unserer Heimat erlangen könnten."
Er machte eine kurze Pause. Dann deutete er in die Runde. „Hier in Minas Tirith", fuhr er fort, „leben ebenfalls hervorragende Handwerker. Diejenigen unter ihnen, deren Familien seit Jahrhunderten im Dienste des herrschenden Hauses standen, sind annähernd vergleichbar mit denen des elbischen Volkes." Er ging einen Schritt zur Seite um einem Ochsenkarren auszuweichen, bevor er sich mir zu wandte.
„Allerdings haben wir Elben den menschlichen Handwerkern voraus, dass wir nicht alle paar Sonnenläufe von vorne anfangen müssen. Dadurch, dass wir keines natürlichen Todes sterben, können viele von uns nicht nachvollziehen, was es heißt, immer wieder von vorne anfangen zu müssen. Daher empfinde ich großes Verständnis für die Belange der Menschen."
Legolas seufzte verlegen. „Etwas was mir noch fehlt", warf er beschwichtigend ein, „trotz der vielen Sonnenläufe, die ich bereits in Mittelerde wandele, fehlt es mir immer noch am Verständnis für die übrigen Völker. Durch meine Wanderung mit Gimli und den Ringgefährten habe ich bereits viel gelernt. Ich hoffe, dass ich noch mehr lernen werde."
Währenddessen waren wir im sechsten Ring angelangt, dort, wo Meister Wibal sein Domizil hatte. Das Haus war außerordentlich groß, jedenfalls für mittelerdische Verhältnisse. Die Fenster waren während der Schlacht zu Bruch gegangen, wie so viele andere in der Stadt. Die Glasmacher kamen nicht mehr nach mit der Fertigung der neuen Fenstergläser. Doch diese hier konnten wahrlich noch ein wenig warten, denn sie waren sorgfältig mit Pergament geflickt. Die Türe war einladend geöffnet.
Gelächter und vielfältige Stimmen schallten nach draußen. Als wir hineintraten, verstummten diese abrupt. In einem hellen großen Raum saßen etliche Frauen in den typischen gondorianischen dunkelblauen Gewändern und stichelten emsig an prachtvollen Roben. An der gegenüberliegenden Wand war ein Durchgang, aus dem ein kleiner drahtiger Gondorianer mit schütterem, grauen Haar hervor trat. Sein einfaches dunkelblaues Gewand war fleckenlos und nicht das geringste Löchlein oder gar Flicken war darin zu sehen.
Als er Legolas erkannt, verbeugte er sich bis fast auf den Boden. „Euer Hoheit", säuselte er, „ich grüße Euch vielmals. Was verschafft mir die Ehre Eures hochwohlgeborenen Besuches?"
Ich wusste, dass Legolas diese Förmlichkeiten hasste, doch er lächelte sanft. „Ich grüße Euch, Meister Wibal", sagte er statt dessen sehr freundlich, „meine Gefährten hier bedürfen dringend einer angemessenen Gewandung für die bevorstehenden Feierlichkeiten."
Meister Wibal musterte uns kurz höflich. Neugier flackerte ins einen Augen. „Es wird mir eine Ehre sein", verbeugte er sich tief, „für wen habe ich das Vergnügen zu fertigen?" „Anordil Glordoronion", antwortete Anordil knapp, „und Gemahlin." „Fürst Anordil Glordoronion von Cillien", ergänzte Legolas mit einem sehr breiten Lächeln und fuhr auf Sindarin fort, „mein Freund, erinnerst du dich nicht, dass die Menschen sehr viel Wert auf Titel legen?"
Ich räusperte mich heftig um nicht laut aufzulachen, denn Legolas traf es auf den Punkt. Wie überall wo Menschen leben, sei es hier oder in meiner Welt waren sie den Hierarchien und den daraus resultierenden Titeln verfallen.
Die Verbeugung des Schneiders fiel nun jedenfalls um eine ganze Spur tiefer aus. Unter etlichen Bücklingen nahm er bei uns Maß. Dabei redete er in einem fort um uns seine Freude mitzuteilen. Ich schaltete nach einigen Sätzen meine Ohren auf Durchzug. So reduzierte ich den Redeschwall auf ein erträgliches Gemurmel. Danach konnten wir sein recht stattliches Stofflager in Augenschein nehmen. Wir entschieden uns sehr schnell für einen schweren dunkelgrünen samtigen Stoff, der mit feinen Silberfäden verwoben war. Anordils Gewand sollte an den Säumen mit Silber verbrämt werden. Für die Säume meines Gewandes wählte ich eine dunkelrote Borte aus, die mit silbernen Blüten und smaragdgrünen Blättern bestickt war. Die passenden Umhänge bestellten wir gleich dazu. Nach dem etliche Goldmünzen den Besitzer gewechselt hatten, verließen wir das Haus. Meister Wibal verbeugte sich, glaube ich, immer noch, als wir längst die Straße hinunter gegangen waren.
Einige Tage später wurde uns von einem rotohrigen Jungen, der kaum dem Kindesalter entwachsen war, ein geschnürtes Paket mit den Gewändern überbracht. Sie waren wirklich prächtig geworden.
Dann brach der große Tag der Krönung an. Auf den Zinnen standen Fanfarenträger. Banner waren entrollt und Blumengirlanden schmückten die Straßen. Minas Tirith erstrahlte in einem Glanz, den ich vor wenigen Wochen für unmöglich gehalten hätte. Am Fuße der Stadt war eine Barriere aufgestellt worden. Ein Schlagbaum hatte das zerstörte Tor ersetzt. Dort warteten Faramir in einem prächtigen dunkelblauen Gewand mit dem weißen Baum Gondors bestickt. Neben ihm strahlte Éowyn in ihrem goldfarbenen Gewand wie eine Königin. An Faramirs linker Seite stand Húrin, der Schlüsselverwalter der Stadt, ebenfalls in gondorianischem Blau gewandet. Hinter ihnen hatten sich etliche gondorianische und rohirrische Hauptleute eingefunden. Jeder von ihnen in prächtigem Gewand. Sie schauten Richtung Osgiliath.
Von dort näherten sich über den Pelennor vier Reiter. Voran ritt Aragorn, gewandet in schwarz und weiß, verbrämt mit Silber. Der weiße Baum auf seinem nachtschwarzen Umhang schien weithin zu leuchten. Auf seinem Haupte blitzte ein einfacher Silberreif mit einem grünen Stein in der Mitte. Er wurde eskortiert von Éomer, Gandalf und einem hochgewachsenen Mann, in dem ich den Fürsten Imrahil von Dol Amroth erkannte.
Anordil und ich standen hinter dem Begrüßungskomitee in der vierten Reihe. Neben uns hatte sich Legolas eingefunden. Er sah prächtig aus in seiner silberfarbenen Robe mit der schmalen grünen Blätterkante.
Vor uns nahm jetzt ein uraltes Ritual seinen Lauf, in dem Faramir dem zukünftigen König Stadt und Würden übergab. Unter dem Jubel des Volkes betrat Aragorn schließlich die Stadt. Langsam ritt er die Straße hinauf zur Feste. Ihm folgten in einer festgelegten Reihenfolge erst Faramir mit Éowyn, die versammelten Würdenträger und der Adel, zum Schluss das Volk. Die Prozession wurde immer länger. Es dauerte lange, bis alle oben im siebten Ring angekommen waren. Der große Platz vor der Feste war alsbald zum Bersten voll.
Die gewaltigen Tore, die den Eingang zur Feste bildeten, waren geschlossen. Auf den Stufen, die dort hinauf führten, war ein dunkelblauer Teppich ausgelegt. Vor dem Tor hatte man einen Thron errichtet. Würdevoll saß Aragorn ab und wartete einen Augenblick auf Gandalf, Éomer und Imrahil, bevor er die Stufen hinauf schritt. Die Pferde wurden von Knechten rasch an die Seite geführt.
Oben angelangt, drehte Aragorn sich um. Seine Finger glitten unruhig über die Saumkante seines Umhangs. Er blickte zu Gandalf, der ihm beruhigend zunickte. Éomers Schmunzeln jedoch wurde immer breiter. Einzig Fürst Imrahil sah unbeeindruckt aus.
„Kann es sein, dass er nervös ist?", fragte ich Anordil flüsternd. Er lächelte schelmisch. „Natürlich ist er nervös", wisperte er zurück, „wusstest du nicht, dass es in Gondor Brauch ist, den Königsschwur singend abzulegen?" Überrascht blickte ich Anordil an. „Und hast du vielleicht Aragorn schon mal singen hören?", fragte er mich leise, mit deutlich amüsierter Stimme. Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte Aragorn wirklich noch nicht singen gehört.
Gandalf und Faramir brachten Aragorn die alte Krone Gondors. Auf dem dunkelblauen Kissen schimmerte sie in gleißendem Silber. Kühn hatten die Goldschmiede das glänzende Mithril zu großen Schwingen geformt. Die sieben Edelsteine im Reif glitzerten in der Sonne, als wären sie lebendig und der rote Stein in der Mitte schien aus Feuer zu bestehen. Ernst beugte Aragorn das Knie vor Gandalf und ließ sich von ihm die Krone auf das Haupt setzen. Danach erhob er sich und räusperte sich kurz, bevor er mit wohltönender, wenngleich doch reichlich unsicherer Stimme anhob den Königsschwur zu intonieren. Er machte seine Sache wirklich gut, wenn er auch an einigen Stellen nicht unbedingt den richtigen Ton traf, was nicht nur bei mir ein leichtes Schmunzeln hervorrief. Zum Glück wurden die Könige Gondors nicht nach ihrem Gesangstalent beurteilt.
Endlich hatte er es geschafft. Das Volk begann zu jubeln und mit erleichterter Mine kam Aragorn, nun König von Gondor, die Stufen herab. Würdevoll schritt er an den jubelnden Massen vorbei, als von der heraufführenden Straße ein Horn ertönte.
Überrascht horchte Aragorn auf. Über mein Gesicht flog ein diebisches Lächeln der Vorfreude, denn ich hatte, ebenso wie er, das Signalhorn von Imladris erkannt. Die Menge teilte sich und machte Platz für die eintreffende Elbenschar. Voran schritt hoheitsvoll Galadriel mit ihrem Gemahl Celeborn. Ihre blendendweißen Gewänder übertrafen sogar das Licht der Sonne. Hinter ihnen kamen Elben aus den verschiedensten Enklaven. Alle brachten ihre Hochachtung dem neuen König dar. Zum Schluss kam Elrond von Bruchtal mit seinen Söhnen und einer strahlenden Arwen, die stolz das Banner von Imladris trug. Ihr Kleid schien aus gefrosteten Blättern gewoben zu sein, denn es war von einem Grün, das schimmerte, als wenn Rauhreif es bedecken würde. Silber- und Goldfäden durchzogen es und es war mit einer breiten silbrig schimmernden Borte besetzt. Eine wunderschöne Krone zierte ihr Haupt, die wie ein filigraner Schmetterling, der aus flüssigem Silber mit einzelnen Edelsteinen zu bestehen schien, gearbeitet war.
„Eine schönere Braut habe ich nie zuvor gesehen", flüsterte ich Anordil beeindruckt zu, „vor ihr verblasst selbst die edle Herrin Galadriel." „Ja, sie ist wirklich schön", wisperte er ernst zurück, „doch mit ihr schwindet das Licht des Abendsterns endgültig aus dem Reich der Elben." Ich sah ihn verwundert an. In seinen Augen sah ich Wehmut. Dann verstand ich. „Sie wird sterben", hauchte ich, „sie verzichtet auf ihre Unsterblichkeit zugunsten Aragorns." Er nickte stumm.
Arwen, der Abendstern ihres Volkes, schritt freudig auf Aragorn zu. Anmutig neigte sie vor ihm ihr Haupt, ihm ebenbürtig an Rang. Aragorn konnte es nicht fassen seine Angebetete vor sich zu sehen. Erst zögerte er, dann schloss er sie impulsiv in seine Arme, während das Volk in Hochrufen ausbrach. Nur die Elben jubelten nicht. Beherrscht und stoisch, wie man es von ihnen gewohnt war, standen sie dort.
Einzig das schmale Lächeln Elronds zeigte seine Freude über das Glück seiner Tochter. Doch in seinen Augen herrschte tiefe Trauer. Er würde ohne Arwen nach Westen aufbrechen. Nur die Erinnerung an seine vor Glück strahlende Tochter würde er mit sich tragen. Eine Erinnerung, die ewig währen würde, bis ans Ende aller Zeiten, wenn selbst die Elben der Unsterblichkeit müde wurden und freiwillig in Mandos Hallen einkehrten, um nach einer Ewigkeit erneut auf Erden zu wandeln, bis sie des Lebens ein weiteres Mal überdrüssig waren. Und immer trugen sie die Erinnerung in sich. Nicht in der Lage einfach zu vergessen. Nicht in der Lage einfach zu vergehen. Nicht in der Lage die Energien einem völlig neuen Leben zu überantworten. War das erstrebenswert?
Auf einmal beneidete ich die Elben nicht mehr ob ihrer Unsterblichkeit. Nein, ich bemitleidete sie eher. Als Mensch hatte ich doch das bessere Los gezogen. Ich würde mein Leben leben, solange es dauerte, an Anordils Seite. Irgendwann, wenn ich alt und schwach sein würde, konnte ich mich zur letzten Ruhe begeben. Vielleicht sanft wie ein Blatt im Wind, vielleicht stürmisch, wie die windgepeitschte See. Doch dann konnte ich einkehren in die Anderswelt. Ich würde dort meine Lieben wiedersehen. Und irgendwann, wenn sich keiner mehr meiner erinnerte, würden die Götter meine Seele nehmen, sie umformen und einem weiteren neuen Leben übereignen. Meine Erinnerungen würden dabei vergehen, wie zarte Nebelschwaden im Wind. Nichts würde von mir zurückbleiben.
Während ich so sinnierte, war Aragorn mit seiner wunderschönen Arwen an der Seite weitergegangen. Er hielt auf die Hobbits zu, die ein wenig verloren in der Menschenmenge standen. Ich erkannte sie kaum wieder, so herausgeputzt waren die kleinen Herren. Meriadoc und Peregrin stützten ihren Freund Samweis. Dieser hatte erst vor wenigen Tagen die Häuser der Heilung verlassen. Er wirkte zwar noch blass und sehr hager, doch seine Wunden waren verheilt. Jedenfalls die äußerlichen. Mit kindlicher Begeisterung verfolgten sie das Geschehen. Doch was dann geschah, damit hatten selbst sie nicht gerechnet.
Aragorn und Arwen beugten ihr Knie vor ihnen. Mit einer hoheitsvoll Bewegung neigten sie ihre Häupter vor den mit einem Mal äußerst verlegenen Hobbits. Wie auf ein geheimes Zeichen beugten alle, auch wir beide, das Knie und zollten dem verwirrten Samweis und seinen tapferen Freunden die höchste Hochachtung, die ihnen jemals wiederfahren war - ganz Mittelerde neigte sich vor ihnen, Menschen, Elben und Zwerge. Stumm stand Samweis da und rieb sich verlegen den Armstumpf. Meriadoc und Peregrin stand vor Verblüffung der Mund offen.
Was vorne gesprochen wurde, konnten wir nicht hören, aber wir sahen die Tränen in Samweis' Augen. Sie rannen über seine Wangen, bevor er sie sichtlich bewegt wegwischte. Dann erhoben sich Aragorn und Arwen und mit ihnen alle übrigen. Die beiden setzten nun ihren Weg durch die Menge fort, bis sie die Treppe erreichten, die zum nun geöffneten Tor der Feste führte. Langsam schritten sie hinauf und gingen hinein. Es dauerte einige Zeit, bis alle Würdenträger und Adligen die Feste betreten hatten.
Im überreich mit Blumen, seidenen Bändern, Girlanden aus Immergrün und blühenden Zweigen geschmückten großen Saal gab es Erfrischungen. Dann wurde dem königlichen Paar die Aufwartung gemacht. Es dämmerte bereits, als wir an der Reihe waren.
„Rim galu a hîn-galu - viel Glück und reicher Kindersegen", sagte Anordil auf Sindarin, als wir vor ihnen standen, „eure Bindung war schon lange abzusehen." „Cui anann i aran a i rîn gondor - ein langes Leben dem König und der Königin von Gondor", sagte ich, „mögen die Valar es gut mit euch meinen."
Aragorn lächelte. „Habt Dank für die Glückwünsche", erwiderte er, „doch die eigentliche Bundschließung wird morgen stattfinden." „Wenn der Trubel der Krönungsfeier vorbei ist", warf Arwen Undómiel erklärend ein und strahlte mich mit ihren schönen Augen an, „wir wünschen uns eine schlichte Zeremonie unter dem Sternenhimmel. Gandalf wird uns binden. Es wäre uns eine Freude, wenn ihr teilhaben könntet." „Gerne nehmen wir dies an", antwortete Anordil, damit verbeugten wir uns und gingen weiter.
Die Krönungsfeier zog sich bis in die späte Nacht hinein. Die Tische bogen sich unter der Last der Köstlichkeiten. Diener trugen Krüge mit Wein und etlichen anderen Getränken. Auch für Kurzweil war reichlich gesorgt. Musiker spielten heitere Weisen, zahlreiche Sänger gaben ihre Kunst zum Besten, Gaukler und Tänzerinnen unterhielten die Menge. Irgendwann wurde es uns zuviel und wir suchten unsere ruhige Kammer in Tjanns Gasthaus auf. Erschöpft von den vielen Eindrücken schlief ich rasch ein.
Der nächste Morgen begann ruhig. Minas Tirith war betäubt von den Feiern der vergangenen Nacht. Der morgendliche Nebel verzog sich nur langsam. Auf den Zinnen waren noch die Fahnen des letzten Tages aufgezogen. Träge bewegten sie sich im leichten Wind. Erst gegen Mittag suchten wir die Feste auf. Dort begaben wir uns als erstes in die Gästequartiere. Ein Gespräch mit Legolas und Éomer stand an. Vor den Gastgemächern standen zwei Waldelben in der für sie typischen Lederrüstung. Als sie Anordil erkannten, öffnete einer von ihnen uns die Türe.
„Minno - kommt rein", rief Legolas von drinnen. Wir betraten ein eher kleines Gemach. Ein unordentlicher Vierpfoster mit halboffenen schweren, dunkelgrünen Samtvorhängen stand an der einen Wand und ragte in den Raum hinein. Gegenüber stand ein kleinerer runder Tisch mit sechs zusammengewürfelten Stühlen, die wohl sonst an den Wänden verteilt standen. Das große, bis zum Boden reichende Fenster war mit Samtvorhängen und schweren Kerzenständern eingerahmt.
Am Tisch saßen Legolas und Éomer. Sie ließen sich ein reichhaltiges Mahl schmecken, unter dessen Last der Tisch beinahe zusammenbrach. „Setzt euch nur dazu", sagte Legolas und deutete auf die freien Stühle, „es wird uns sonst niemand mehr Gesellschaft leisten."
Daraufhin ließen wir uns nieder und langten zu. „Da hat doch noch alles ein gutes Ende gefunden", sagte Éomer zwischen zwei Bissen, „Sauron ist besiegt, Gondor hat wieder einen König und der Krieg ist beendet." „Das dritte Zeitalter ist beendet", warf Anordil ein, „mit Aragorns Krönung beginnt das vierte. Mittelerde geht einer neuen Zukunft entgegen." „Ohne Saurons Einfluss", warf Legolas ein, „was werdet ihr nun tun?"
Éomer lehnte sich zurück und wischte sich ein paar Brotkrümel aus dem Schnurrbart. „In zwei Tagen werde ich mit meinen Kriegern nach Hause aufbrechen", sprach er, „in Edoras muss einiges getan werden. Théoden ist tot. Die Rückführung in die Gruft seiner Ahnen wird schwierig werden. Vor allem, wo es jetzt wieder wärmer wird. Aragorn hat mir angeboten, dass sein gesalbter Leichnam in der königlichen Gruft ruhen dürfe, bis wir ihn in seine Heimat holen können. Ich denke, das dies die richtige Entscheidung ist."
„Was sagt Éowyn dazu?", warf ich fragend ein. Éomer lachte hell auf. „Meine liebe Schwester ist mehr damit beschäftigt einem jungen Truchsess den Kopf zu verdrehen, als sich um den Leichnam ihres Onkels zu kümmern", erwiderte er schmunzelnd, „ich nehme es ihr auch nicht Übel. Das Leben ist für die Lebenden und sowieso viel zu kurz. Sie wird meine Entscheidung gutheißen."
Legolas langte nach einem rotbackigen Apfel und biss herzhaft hinein. „Ich werde erst einmal in den Düsterwald zurückkehren", sagte er, „dort muss einiges gerichtet werden. Mein Bruder Nólimon sagte mir, dass unser Vater sich nach Valinor zurückziehen will. Viele Bewohner Düsterwalds wollen ihm folgen. Nólimon will jedoch hier in Mittelerde bleiben, wie auch Lasbelin." Er biss erneut in den Apfel. „Jedenfalls noch eine Weile", fuhr er fort, „ich werde allerdings nicht Anspruch auf den Thron von Düsterwald erheben. Als erwählter Thronfolger sollte ich mich zwar darauf niederlassen, aber es zieht mich nicht dahin. Ich bevorzuge eher das Leben in einer kleinen Enklave ohne höfische Verpflichtungen."
„Dann könnte ich dir einen Platz in Cillien anbieten", unterbrach ihn Anordil auf Sindarin, „da wärst du auch in Calas Nähe." Über das Gesicht von Legolas legte sich für einen kurzen Augenblick ein Schatten. „Law - nein", sagte er ablehnend, „das wäre nicht gut. Du weißt, das dies nicht möglich ist. Das elbische Gesetz verbietet es. Ich würde nur Cala damit gefährden." Er holte tief Luft. „Nein, mein Freund", sagte er dann wieder in Westron, „ich habe unseren neuen König von Gondor gefragt, ob ich den Norden Ithiliens als Lehen erhalten könnte. Er willigte ein. Außerdem muss ich noch ein Versprechen einlösen, dass ich unserem zwergischen Gefährten Gimli gab."
„Ein Elb in Ithilien", nickte Éomer, „wirklich nicht die schlechteste Wahl. – Und Ihr, Freund Anordil, was sind Eure Pläne? Jetzt, wo Sauron gefallen ist?" Anordil lehnte sich zurück. „Meine Gemahlin und ich werden nach Cillien zurückkehren", antwortete er, „etliche Bewohner haben zwar den Weg nach Valinor eingeschlagen, doch es sind genug geblieben, um die Enklave noch etliche Sonnenläufe zu erhalten. Daher wird es auch dort viel zu tun geben."
„Außerdem gibt es noch zahlreiche verstreute Orkhorden, denen man den Garaus machen muss", warf Legolas ein, „es wird noch lange dauern, bis Mittelerde wirklich frei ist von Saurons Schergen." „Und wir in Frieden leben können", bekräftigte ich. „Auf ein friedliches und fruchtbares viertes Zeitalter", hob Éomer seinen Pokal und leerte ihn in einem Zug. „Auf den Frieden", antworteten wir beinahe gleichzeitig.
Nach einem Augenblick des Schweigens goss ich den Männern noch mal die Kelche voll. „Was wird mit den Hobbits?", fragte ich dann, „auf die Dauer werden sie Aragorns Speisekammer arg plündern." Éomer lachte laut auf. „Zum Glück haben sich die kleinen Kerlchen gut erholt", prustete er zwischen zwei Bissen, „ihr gesunder Appetit lässt die Köche schon Verzweifeln. Zumindest diese sind ganz froh, wenn die Hobbits das Feld räumen."
„Sie werden trotz ihres sagenhaften Appetites noch eine Weile in der Stadt bleiben", unterbrach ihn Legolas, „es ist Aragorns Wunsch, dass die Gemeinschaft nicht so rasch auseinander bricht." „Außerdem gibt es noch einiges zu feiern", warf Éomer vergnügt ein, „das kann man nicht alles über das Knie brechen."
„So dauert es uns doppelt, dass wir nicht mehr allzu lange hier verweilen können", sprach Anordil. „Der Aufbau wird allenortens vonstatten gehen", entgegnete Éomer, „auch ich werde erst einmal aufbrechen und zum Herbst zurückkehren. Rohan braucht seinen König. Éowyn wird mich begleiten. Wenn unsere Angelegenheiten geregelt sind und ihre Mitgift zusammengetragen wurde, wird sie als Braut nach Minas Tirith geleitet werden."
„Der arme Faramir dauert mich, dass er noch so lange auf seine Geliebte wird warten müssen", kicherte ich vergnügt. „Der gute Hauptmann wird zu reichlich beschäftigt sein, als dass er lange in Gram verfallen könnte", sagte Éomer mit einem sehr breiten Lächeln, „unser guter Aragorn hat ihm den Süden von Ithilien als Lehen gegeben. Er wird genug damit zu tun haben dort eine Siedlung aufzubauen. Schließlich will er seine Gemahlin in ein angemessenes Haus führen, sobald sie den Bund geschlossen haben."
„Was wird mit Gimli?", fragte ich dazwischen, „wird er in die Berge zurückgehen?" Legolas runzelte ein wenig die Stirn. „Gimli hat es sich in den Kopf gesetzt mir die Schönheiten von Helms Klamm zu zeigen", sagte er verhalten, „ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll. Tagelang unter der Erde zu kraxeln, erscheint mir nicht unbedingt erstrebenswert zu sein." „Aber ihr lebt im Düsterwald doch auch in unterirdischen Höhlen?", warf ich verwundert ein.
Er lächelte verhalten. „Das ist nur eine Notwendigkeit", erklärte er, „früher, als der Düsterwald noch Großer Grünwald hieß, lebten wir in einem luftigen Palast mitten im Wald. Sauron zwang uns dann dazu eine Festung unter der Erde zu bauen, damit wir überleben konnten. Aber auch dort haben wir die Baumeister angewiesen, so viel Luft wie möglich zu zulassen. Aradhrynd ist eine perfekte Symbiose aus unserer Sehnsucht nach dem freien Himmel und festungsgleichem Schutz."
„Wirst du Gimli Aradhrynd zeigen", fragte Anordil neugierig. Legolas lehnte sich zurück und lachte leise. „Ich weiß noch nicht, ob wir es bis Aradhrynd schaffen", entgegnete er vergnügt, „denn ich werde ihm den Fangorn-Wald zeigen. Wenn er diesen übersteht – mal sehen, wohin uns unsere Reise führt."
Éomer wischte sich ein paar Brotkrümmel aus dem Bart. „In Edoras seid ihr jederzeit willkommen, sollte euer Weg euch in die Mark führen", warf er ein. Er blickte sich um. „Das gilt natürlich für euch alle hier und auch die nichtanwesenden Ringgefährten", fuhr er rasch fort. Wir lachten. „Wir hatten nicht vor, die Gastfreundschaft der Rohirrim in Frage zu stellen", sagte ich vergnügt.
Schon bald drehte sich die Unterhaltung um dies und das. Den Rest des Tages verbrachten wir so in angenehmer Gesellschaft. Wer wusste schon, wann wir uns wiedersehen würden. Bereits in wenigen Tagen würden zumindest Anordil und ich Richtung Cillien aufbrechen.
Als die Nacht hereinbrach, kehrten wir rasch zu unserer Unterkunft zurück, um uns ein wenig frisch zu machen. Nach dem wir die über Tag gelüfteten Prunkgewänder wieder übergestreift hatten, machten wir uns erneut auf in die Feste. Der Trubel des gestrigen Tages war gewichen. Nur wenige Edelleute wandelten auf den Gängen. Allerdings huschten Dienstboten eifrig umher. Als wir den Innenhof betraten, wo der weiße Baum seine eher mageren Äste in den Himmel reckte, fanden wir schon die Abgesandten der Elbenenklaven versammelt. Nur wenige Menschen waren anwesend, unter ihnen Éomer, Éowyn und Faramir, und noch weniger Vertreter anderer Völker. Einzig Gimli und die Hobbits standen ein wenig abseits. Sie wirkten etwas verloren unter all dem elbischen Volk.
Dann wurde es still. Die Aufmerksamkeit aller richtete sich auf das Tor zur Feste. Von dort kam eine kleine Prozession auf uns zu. Voran Gandalf in einem schneeweißen Gewand. Dahinter schritt Aragorn. Er trug ein eher schlichtes Gewand in einem sehr dunklen Blau, bestickt mit Silber und einem Umhang aus nachtblauem Samt, auf dem das Emblem des weißen Baumes gestickt war.
Von der anderen Seite, aus einem weiteren Tor, schritten Galadriel und Celeborn, beide in schlichte nebelgraue Gewänder gehüllt. Dazwischen strahlte Arwen in einem silbernen Gewand mit nachtblauer Bestickung. Ihr Haar wurde gehalten von einem sehr filigran gearbeiteten Reif aus geschwungenem Silber, in dessen Mitte ein Diamant von unvergleichlicher Pracht funkelte. Sie machte ihrem Beinamen ‚Abendstern' nun wahrlich alle Ehre.
Vor dem weißen Baum blieben sie stehen. Gandalf lächelte gütig, bevor er anhob zu sprechen. „Meine Kinder", begrüßte er die beiden, „ich grüße Isildurs Erbe, den Herrn von Gondor, Aragorn, Arathorns Sohn und ich begrüße Arwen Undómiel aus dem Hause Feanors, Tochter Elronds und Celebrians. - Vor etlichen Sonnenläufen verspracht ihr euch einander. Nun ist der Tag gekommen, euer Wort für alle Zeit zu binden."
Elrond trug eine steinerne Mine zur Schau. Man sah ihm an, dass er schwer damit zu kämpfen hatte, dass Arwen ihr Herz an Aragorn vergeben hatte. Ungeachtet dessen fuhr Gandalf fort. Er nahm Arwens Hand und legte sie in die rechte Hand Aragorns. Mit seinen Händen hielt er beide fest. „Den Segen der Valar empfangt durch mich", sagte er, „möge er euch schützen in den kommenden Zeiten."
Von der Seite trat Galadriel heran und reichte den beiden den Kelch aus Mithril, den ich bereits von der Bindungszeremonie zwischen Fainalph und Eithelion kannte. Anmutig reichte sie ihn zuerst Aragorn, dann Arwen. Beide tranken daraus. Dann schüttete sie die Neige an die Wurzeln des Weißen Baumes. „So wie das Wasser die Erde nährt, so soll das Bündnis zwischen Arwen Undómiel und Aragorn, Arathorns Sohn, Früchte tragen", fuhr sie fort, „wenn es der Wunsch der Valar sei."
Gandalf zog einen Ring aus den Falten seines Gewandes. Er glitzerte golden und ein wunderschöner milchigweißer Stein, umrandet von funkelnden Diamantsplittern schmückte ihn. „Aragorn steht alleine, daher überreiche ich das Pfand seines Hauses", sprach er, bevor er sich Arwen zuwandte, „edle Arwen, dies ist das Pfand des Hauses Isildurs als Zeichen der Verbundenheit eurer Häuser."
Dann trat Elrond vor. Er nahm eine Kette aus den Händen seines Sohnes Elladan. Mithril schimmerte sanft und funkelte mit dem großen ungeschliffenen Smaragd um die Wette, der in einem Netz aus Mithrilfäden gefangen war. „Dir, Aragorn, Arathorns Sohn, Herrn von Gondor, überreiche ich dieses Pfand als Zeichen der Verbundenheit unserer Häuser." Vorsichtig nahm Aragorn die Kette und streifte sie über.
Damit endete die schlichte Zeremonie. Es dauerte eine Weile, bis wir den beiden gratulieren konnten. Anschließend gab es ein einfaches Mahl. Kaum jemand außerhalb hatte von der Zeremonie etwas mitbekommen.
Als wir in unser Quartier gingen, war ich sehr nachdenklich. „Man na cen, anor nîn? - Was ist los, meine Sonne?", fragte mich Anordil besorgt. Ich schüttelte den Kopf. „Im orchal si - ich grüble nur", erwiderte ich und lehnte mich an die Wehrmauer. Ich spürte seine Nähe, ohne dass ich mich umdrehen musste. Behutsam legte er seine Hände auf meine Schultern. „Vieles ist in Erfüllung gegangen, so wie Tolkien es gesehen hatte", hob ich an, „aber einiges nicht. Es gab Tote, die nicht vorgesehen waren, es gab Begebenheiten, die er nicht gesehen hatte ..."
„... und es wird weiterhin Dinge geben, die er nicht niedergeschrieben hat, weil er sie nicht sehen konnte", ergänzte Anordil, „es ist so, wie es ist. Die Zukunft ist ein ungewisses Ding. Es pendelt hierhin und dorthin. Das, was im Spiegel zu sehen ist, zeigt nur eine Möglichkeit von Tausenden. Schon die kleinste Kleinigkeit verändert die Richtung, in der die Zukunft verläuft. - Der Krieg ist vorbei. Sauron ist tot und Aragorn wurde zum König gekrönt. Alles ist dort, wo es sein soll, auch wenn die Wege dahin etwas anders waren als vorgesehen."
„Und was ist mit den Dingen, die ich sonst noch sah?", fragte ich ihn und schloss die Augen. In mir stiegen die Bilder auf, die ich im Spiegel sah. Das Lachen von Pater Jacobus sandte Schauer über meinen Rücken. „Mit den Dingen, die sich geändert haben, seit du in den Spiegel geschaut hast", sagte Anordil beruhigend, „ändern sich auch die Dinge, die noch nicht vergangen sind. Alles andere liegt in der Zukunft. – Der möglichen Zukunft."
Ich hoffte nur, dass er Recht behielt. Ich mochte nicht daran denken, dass die Dinge Wirklichkeit werden könnten, die ich dort gesehen hatte. Schweigend setzten wir unseren Weg fort. Allerdings schlief ich in dieser Nacht sehr unruhig. Immer wieder kamen die Bilder hoch, die ich eigentlich verdrängen wollte.
Einige Tage später brachen wir als eine der ersten Richtung Heimat auf. Aus den Ställen Aragorns hatte man uns Pferde gegeben. Diese würden unsere Heimreise erheblich beschleunigen. Der Abschied von unseren Freunden fiel uns auf der einen Seite schwer und auf der anderen leicht, denn wir konnten es kaum erwarten nach Hause zu kommen. Tjann und Legolas begleiteten uns noch bis in die Ebene.
„Ein sichere Reise", wünschte uns Tjann, bevor wir uns trennten, „kommt bald wieder nach Minas Tirith. Ihr werdet sehen, die Stadt wird aufblühen unter Aragorns Herrschaft." „Daran habe ich keinen Zweifel", bestätigte ich, „cuio vae, Tjann, für dich und deine Familie."
„Cuio vae, Anordil a Arwen", sagte Legolas zum Abschied, „ihr werdet mir stets willkommen sein." „Cuio vae, Legolas", antwortete Anordil, „möge deine Enklave eine Burg des Friedens werden." „Wir werden den Weg nach Ithilien finden", ergänzte ich, „sei dessen gewiss. Cuio vae, Legolas Thranduilion."
Dann wendeten wir die Pferde und ließen sie angaloppieren. Unser Weg war noch weit. Doch die Ungeduld trieb uns voran. Bereits wenige Tage später näherten wir uns Isengart. Diesmal hatte ich keine Scheu diesen Weg einzuschlagen. Schließlich wussten wir von Gandalf, dass Saruman nicht mehr Herr des Turmes war.
Aber die Verwüstungen erschreckten mich. Stumm lenkten wir die Pferde über das verbrannte und öde Land. Einsam erhob sich der gigantische Turm aus dieser Ödnis. Kein Vogel war zu hören, kein Mäuslein huschte durch das zersplitterte Holz. Tiefe Gräben durchfurchten die Erde. In manchen floss träge schmutziges Wasser. In Richtung des Nebelgebirges jedoch sprossen die ersten grünen Triebe. Offensichtlich hatte Baumbart und seine Genossen die Samen für die neuen Bäume gelegt und mit Entwasser begossen um ihren Wuchs zu beschleunigen.
Oberhalb von Isengart legten wir eine Rast ein. Da wir kurz vorher ein Kaninchen erlegt hatten, was sich vorwitzigerweise aus dem kläglichen Rest Wald gewagt hatte, entfachten wir ein kleines Feuer. Recht schweigsam verzehrten wir unser Mahl. Von Müdigkeit übermannt schlief ich auch alsbald ein. Ich wusste, dass Anordil mich erst weit nach Mitternacht wecken würde, um selber ein wenig zu Ruhen.
Doch mein Schlaf währte nicht lange. Lautes Orkgebrüll ließ mich hochfahren. Mein erster Griff galt meinen Schwertern neben mir, die ich zu meinem Glück noch rechtzeitig ergreifen konnte. Nur haarscharf blockte ich das niedersausende Schwert. Schweratmend und geifernd stand ein Ork über mir. Das war sein Pech, denn sein Gemächt lag ungeschützt in meiner Reichweite. Rücksichtslos trat ich zu. Vor Schmerz brüllend krümmte sich der Ork zusammen, was mir die Gelegenheit gab aufzuspringen. Gleichzeitig holte ich mit den Schwertern aus und trennte dem Ork den Kopf vom Rumpf. Polternd fiel dieser zu Boden. Auf diesen folgten leider noch einige andere. Anordil war auf der anderen Seite des Feuers im Kampf mit mehreren Orks. Doch auch hier hielt sein Schwert reiche Ernte.
Dann war der Spuk vorbei. So plötzlich, wie sie gekommen waren, flohen die restlichen Orks in die Dunkelheit. Zornig schickte ich ihnen einen Feuerkugel hinterher, die einem von ihnen mächtig den Hintern verkohlte. Allmählich verstummte das Gejaule. Anordil stand hochaufgerichtet und lauschte ihnen nach.
Ich stützte meine Schwerter auf den Boden. Schweratmend versuchte ich wirklich wach zu werden. Mir zitterten die Knie vor Anstrengung. Es dauerte eine Weile, bis mein hämmerndes Herz zur Ruhe kam.
„Was war denn das?", stieß ich fragend hervor, „ich dachte, Sauron ist gefallen!" Da löste sich Anordil aus seiner Starre. Ruhig wischte er seine Schwerter sauber. „Sauron mag vernichtet sein", knurrte er, „doch seine Schergen treiben noch ihr Unwesen." Er wies mit dem sauberen Schwert in die Richtung, in welche die Orks geflohen waren.
„Es wird noch etliche Sonnenläufe dauern, bis Mittelerde endgültig von diesem Gezücht befreit ist", mahnte er, „die Völker Mittelerdes müssen weiterhin auf der Hut sein. Umherstreunende Orks sind noch gefährlicher, als vorher."
„Na das sind ja hervorragende Aussichten", seufzte ich, „dabei dachte ich, dass ich endlich meinen Aufenthalt hier genießen könnte. – War wohl nichts mit ein bisschen Ruhe." Anordil lachte hell. „Zuviel Ruhe ist auch nicht gut", konterte er, „man wird träge und faul. – Komm, lass uns aufbrechen. Der Morgen ist zwar noch fern, aber die Orks könnten mit Verstärkung zurückkehren."
Wenn ich es genau bedachte, so konnte er durchaus Recht behalten. Auf eine weitere Begegnung mit Orks in den nächsten Stunden hatte ich wirklich keine Lust. Eigentlich hatte mir die Schlacht um Minas Tirith meinen Bedarf an Orks für die nächsten Jahre arg gesättigt. Die Aussicht, dass diese Kreaturen auch weiterhin noch eine Bedrohung darstellten, sorgte nicht dafür, dass ich in freudiger Stimmung war. Auch der Gedanke, dass noch andere dunkle Wesenheiten frei herumliefen konnte meine Laune nicht heben. Orks, Warge, Blutsauger, Trolle, Spinnen und was sich sonst noch so alles herumstreunte. Allein der Gedanke daran ließ mich grollen. Düster sammelte ich mein Gepäck und meine Waffen zusammen. Zum Glück hatten die Pferde sich nicht davon gemacht.
Die Überreste des Kaninchens nahmen wir als karge Wegzehrung mit, bevor wir das Feuer endgültig löschten und uns auf den Weg machten. Wir führten die Pferde am Zügel hinauf ins Gebirge. Über einen schmalen Pfad wanderten wir bis ins nächste Tal, dass wir im Morgengrauen erreichten. Nach einer kurzen Rast saßen wir auf und trieben die Pferde an. Die Ebene wollten wir rasch hinter uns bringen. In der Ferne konnten wir bereits den Ausläufer des Nebelgebirges ausmachen, hinter dem sich Cillien verbarg. Voller Vorfreude hielten wir darauf zu.
Am Fuß des Gebirges wurden wir von einem Wachposten aufgehalten. Aus dem Schatten der Felsen trat Lintaras hervor. Dieser eher sanftmütige Elb war mir wohlbekannt. Normalerweise betreute er die Pferde, die zum Bestand von Cilliens Enklave gehörten. Aber auch ihn schien wohl ab und an das Los des Grenzganges zu treffen.
„Seid gegrüßt, Anordil Glordoronion und Arwen Glordoroniell", rief er uns entgegen, „es ist eine Freude, euch wiederzusehen." „Wir grüßen Euch, Lintaras", entgegnete Anordil, „ist Cillien wohlauf?" Lintaras nickte. „Der Krieg hat uns weitestgehend verschont", berichtete er, während er einem seiner Männer ein Zeichen gab, „der Weg nach Hause ist frei. Ihr werdet schon sehnsüchtig erwartet." Anordil schmunzelte.
„Mein Vater ist demnach von den Grauen Anfurten zurückgekehrt?", fragte er trocken. Lintaras verdrehte leicht die Augen. Eine ungewöhnliche Geste des ansonsten recht beherrschten Elben. Ich drehte mich um, damit ich mein Lachen besser unterdrücken konnte.
Ich wusste zwar, dass Glordoron sich die Heimkehr nach Valinor wünschte, aber genauso gut wusste ich auch, wie Anordil, dass er noch abenteuerlustig genug war, um noch etliche Sonnenläufe durch Mittelerde zu streifen.
„Ich freue mich Vater wiederzusehen", unterbrach ich die beiden, „ wir sollten uns eilen, bevor er sich aufmacht uns zu suchen." Anordil nickte amüsiert. „Meine Gemahlin hat durchaus Recht", kommentierte er, „wir werden sofort aufbrechen, dann sind wir in den Abendstunden in der Enklave." „Der Weg ist frei", sagte Lintaras, „ihr braucht euch nicht um die Sicherheit zu sorgen." Mit einer einladenden Geste wies er auf den Pfad hinter sich.
Ich nahm die Zügel meines Pferdes und schritt in die angegebene Richtung. Ein Gefühl der Geborgenheit machte sich bereits bei mir breit. Ich wusste, dass ich nun nicht mehr auf der Hut sein musste. Die Grenzen Cilliens waren wohl bewacht. Anordil folgte mir dieses Mal.
Als wir am Gebirgskamm ankamen, blieben wir einen Moment stehen. Unter uns lagen die grünen Wälder Cilliens. Wir konnten den Glanduin sehen, wie er silbern seine Bahn durch das Tal lenkte. Die Sonne schickte blitzende Reflexe aus seinen Fluten zu uns empor.
„Zu Hause", entfuhr es mir sehnsüchtig, „endlich sind wir zu Hause!" Anordil schlang seine Arme um mich und hauchte mir einen Kuss auf das Haar. „Nur noch wenige Stunden", flüsterte er, „nur noch wenige Stunden."
Seltsam beschwingt folgte ich ihm den Pfad ins Tal hinab. Unten angekommen bestiegen wir die Pferde. Der letzte Rest des Weges führte durch vertrautes Gelände. Wir gaben den Pferden die Sporen. In Windeseile trugen sie uns nach Haus.
Als wir die ersten Häuser erreichten, war unser Ankunft schon längst bekannt. Wie ein Lauffeuer hatte es sich verbreitet, dass wir wieder zurück waren. Neugierig kamen die verbliebenen Elben aus den Häusern. Auch Glordoron selber ließ es sich nicht nehmen uns zu begrüßen. Mit deutlicher Freude in den Augen umarmte er Anordil und mich.
„Willkommen zu Hause", sagte er erleichtert, „es tut gut, euch beide gesund wieder zu sehen." „Sei mir gegrüßt, Vater", antwortete Anordil, „auch ich freue mich dich wohlbehalten zu sehen. Es ist schön, dass du noch nicht dem Ruf der Möwen gefolgt bist."
„Auch ich grüße Euch, Vater", warf ich ein und neigte meinen Kopf ehrerbietig, „es ist eine Freude wieder in Cillien zu sein. Und es ist mir eine Freude zu sehen, dass Ihr noch kein weißes Schiff bestiegen habt."
„Ich muss zugeben", schmunzelte Glordoron mit blitzenden Augen, „es war verlockend, als ich das Schiff vor Anker liegen sah im Hafen der Grauen Anfurten. Doch so sehr ich mir wünsche nach Valinor zu fahren, ich fühle mich noch nicht bereit dazu Mittelerde den Rücken zu kehren."
Mit einer auffordernden Bewegung hieß er uns eintreten. Ich schaute mich um. Die Hallen waren leerer, als ich es gewohnt war. „Wo ist Mallenloth?", fragte ich, während ich meine Schwerter vom Rücken nahm.
„Sie weilt in Lothlorien", erwiderte Glordoron, „Galadriel verlangte nach ihrer Anwesenheit. Sie wird wohl erst im nächsten Frühjahr wieder in Cillien eintreffen." Ich nickte beruhigt. Offenbar war dann Mallenloth in Lothlorien geblieben, da ich sie nicht in Minas Tirith bei der Bindungszeremonie gesehen hatte.
„Und mein Bruder ist auch noch unterwegs", fragte Anordil leichthin. Glordoron seufzte mit leichtem Unmut. „Luvalaes folgte Gandalfs Ruf", sagte er mit einem Hauch Verärgerung, „anstelle sich um die Enklave zu kümmern. Als ich hier eintraf, hatte er die Verantwortung in Niniels Hände gegeben. Sie sagte mir, dass eines Abends ein Adler mit einer Nachricht von Gandalf eintraf. Daraufhin sei Luvalaes am folgenden Morgen aufgebrochen. Ich hoffe, dass er bald seine Aufgabe erfüllt hat und nach Hause kommt."
Nachdem wir weitere Neuigkeiten ausgetauscht hatten, ließ Glordoron uns in unsere Gemächer gehen. Dort konnten wir uns erst einmal ein wenig ausruhen. Doch trotz Glordorons Worte war mir etwas unwohl, wenn ich an Luvalaes dachte.
„Kannst du nicht fühlen, wo er ist?", fragte ich Anordil, während ich den Ausblick auf Cillien genoss. Er nickte mir zu. Dann wurden sein Blick abwesend. Nach einigen Minuten blickte er mich vergnügt an. „Es geht ihm gut", sagte er, „aber offenbar habe ich ihn im Kampf kontaktiert. Er war ein wenig harsch."
Den Gedankenaustausch konnte ich mir lebhaft vorstellen. Wenn Luvalaes kämpfte, hatte er es nicht gerne abgelenkt zu werden. Aber da es ihm wohl gut ging, war ich nicht mehr besorgt und ich konnte mich auf das abendliche Fest freuen. Ausgelassen wie seit langem nicht mehr, tanzten und sangen wir bis in die frühen Morgenstunden. Einzig die Abwesenheit Luvalaes trübte etwas unsere Freude.
To be continued...
