Auenlandblues

Das Fest hatte mir das Gefühl gegeben zu Hause angekommen zu sein. Zwar fehlten etliche Gesichter, die ich kannte, aber damit musste ich leben. Einige von ihnen waren in den Westen aufgebrochen. Glordoron berichtete, dass in Mithlond ungewöhnlich viel Betriebsamkeit herrschte. Die Elben warteten auf die Weißen Schiffe. Von einigen anderen, wie auch von Luvalaes, fehlte jede Spur. Und von wieder anderen wusste man, dass sie im Krieg getötet worden waren. Doch egal welche Schicksale auf die Abwesenden wartete, ich war glücklich wieder hier zu sein. In dieser Nacht schlief ich so tief und traumlos wie schon lange nicht mehr.

Der nächste Morgen brachte Morgennebel und mit ihm kam eine seltsame Karawane im Tal von Cillien an. Ich saß oben auf der Balustrade. Mit einem Becher heißen Tees in der Hand beobachtete ich die Nebelschwaden, als die erste dämmergraue Gestalt auftauchte. Sie schien über dem Boden zu schweben. Hinter ihr folgten weitere, von denen manche Pferde führten, welche Bahren zogen. Jede Gestalt war in düsteres Grau gekleidet. Die Gesichter waren von Kapuzen verdeckt.

Offenen Mundes verfolgte ich ihren Weg, wobei ich nicht bemerkte, dass Anordil neben mich trat. „Unsere Toten kehren heim", flüsterte er leise. „Unsere Toten kehren heim?", wiederholte ich fragend, während sich meine Nackenhaare sträubten. Er legte mir eine Hand auf die Schulter. „Die Krieger, die im Kampf getötet wurden, werden zu ihren Heimatstätten gebracht", erklärte er weiterhin leise, „heute Abend wird das Ritual des Schwindens für sie gehalten." Die Prozession zog zum Festplatz der Enklave, dorthin, wo wir gestern noch ausgelassen gefeiert hatten. Als sie an uns vorüber kamen, konnte ich sehen, dass auf den Bahren tote Krieger lagen. Feine silbriggraue Schleier lagen über sie gebreitet, sonst nichts. Doch kein bisschen Verwesungsgeruch stieg auf. Keine Fliegenschwärme begleiteten die Toten.

„Sie verwesen nicht", stellte ich erstaunt fest. „Sie sind Elben", erwiderte Anordil, „selbst der Tod kann uns nichts anhaben. Wir hören einfach auf zu atmen und warten auf das Urteil, welches in den Hallen der Erwartung gesprochen wird. Entweder schwinden wir dann aus dieser Welt, oder wir erhalten unseren Atem zurück, so wie es Glorfindel geschah."

Mit einem Gefühl der Beklommenheit sah ich der lautlosen Prozession nach. Der Ringkrieg lag bereits Monate zurück. Ein menschlicher Körper wäre längst vermodert. Fauliges Fleisch, von Würmern zerfressen. Ich erinnerte mich an den unerträglichen Geruch nach der Schlacht von Minas Tirith. Was war mit den Elben dort geschehen?

„Die Elben, die bei Minas Tirith getötet wurden", flüsterte ich, „sie wurden doch mit in den Totengruben verbrannt." Anordil schüttelte den Kopf. „Sie waren bereits vom Schlachtfeld verschwunden, als die ersten Totengräber ihre Arbeit begannen", erklärte er, „kein Mensch wird je einen Elben bestatten."

An diesem Tage legte sich eine schwermütige Stimmung über die Enklave. So fröhlich die Bewohner am gestrigen Abend auch gefeiert hatten, so melancholisch konnten sie sich heute geben. Kaum hatte die letzte graue Gestalt den Festplatz erreicht, als auch schon der klagende Gesang von den Höhen ertönte, womit die Toten geehrt wurden. Die Sänger wechselten sich ab. Auch ich ging am Nachmittag zu dem Hügel, auf dem die Halle der Musik stand und schloss mich den Sängern an. Wie die übrigen auch, trug ich nun das düstergraue Gewand der Trauer.

Ich trat zu Uilos, die tief in ihr Lied versunken war. Sie blickte in die Ferne, während ein Lächeln auf ihren Lippen lag. Das weite Gewand umwallte sie, wie dunkler Nebel. Ihre langen weißblonden Haare wurden von einem schmalen seidenen Band gehalten, auf dem dunkelgraue Perlen gestickt waren. Keine Träne schimmerte in ihren hellgrauen Augen. Ich hatte eher den Eindruck, dass sie sich freute. Sie ließ den letzten Ton verklingen, dann wandte sie sich mir zu. Aus den Falten ihres Gewandes streckte sie ihre zarten Hände nach mir aus.

„Ich freue mich, dass du unseren Kriegern die Ehre erweist", sagte sie leise, dann räumte sie den Platz. „Ich lebe mit euch, so trauere ich auch mit euch", erwiderte ich genauso leise, bevor ich den letzten Ton ihres Liedes aufnahm und eine weitere Strophe sang. Nach einer Weile wurde ich von Eluivor abgelöst.

Auch den ganzen Nachmittag begleiteten die sphärischen Klänge das Geschehen im Tal. In der Abenddämmerung strebten die Bewohner dem Festplatz zu. Schweigend, nur begleitet von den Stimmen der Sänger. Jeder von uns trug Blumen bei sich. Anordil hielt meine Hand, während wir ebenfalls den nun geschmückten Platz aufsuchten. Dort, wo wir gestern Abend tanzten, waren die Gefallenen aufgebahrt. In blankpolierter Rüstung, mit all ihren Waffen lagen sie dort. Bleich die Gesichter mit grauen Augenschatten und stumpfgrauen Lippen. Blumen in allen Farben schmückten ihre Bahren und die grasbedeckte Erde. Fröhliche bunte Tupfer in dem allgegenwärtigen Grau. Zwischen den Bahren standen Feuerschalen verteilt.

Die Nacht brach herein. Schweigend standen wir da. Erst als die Sterne in voller Pracht über uns erstrahlten, ging Glordoron nach vorne. Er drehte sich zu uns um. Auf seinem Gesicht lag ein Leuchten. In diesem Moment verstummten die Sänger. Die Stille, die darauf folgte, war quälend, wie ein schneidendes Messer.

„Die Sterne strahlen heute Nacht besonders hell", hob er an, „denn die Erstgeborenen kehren heim." Er machte eine kurze Pause. „Die Söhne und Töchter kehren zum Vater zurück, der sie einst hinausschickte", fuhr er fort, „sie lebten, lernten und wahrten die Werte, die Ilúvatar ihnen gab. Sie gaben ihr Wissen und auch ihren Atem für diejenigen unter ihrem Schutze. Nun sind sie hier an ihrer Heimstätte und warten auf die Gunst, in die Hallen der Erwartung einziehen zu dürfen."

Anordil und Thinroval gingen jetzt nach vorne. Mit einer raschen Bewegung entfachten sie die Flammen in den Feuerschalen. Ich spürte die magische Kraft, die von den beiden ausging. Glordoron blickte zu den Sternen. Diamanten gleich strahlten sie im tiefen Blau des Nachthimmels.

„Ich rufe Námo, den Richter und Wächter der Hallen der Erwartung", sprach er mit kräftiger Stimme, „und Vaire, die Weberin und seine Gemahlin. Ilúvatars Söhne und Töchter sind müde von ihren Taten. Lasst sie ausruhen an Euren Feuern. Lasst Vaire ihre Geschichte weben, auf dass sie auf ewig in Erinnerung bleibe. Ich rufe Ilúvatar, dass er seinen Söhnen und Töchtern die Gnade erweist ihre Fea in Mandos Hallen Einzug halten zu lassen, bis das sie bereit sind erneut auf Mittelerde zu wandeln."

Durch die vollkommene Stille zuckte ein Lichtstrahl. Seine Leuchtkraft ließ die Flammen der Feuerschalen verblassen. Mit stockendem Atem verfolgte ich das Schwinden der Elbenkrieger. Es schien, als würden sie einfach so verblassen. Aufgesogen von einem immer heller werdenden Licht, dass so gleißend wurde, dass ich es selbst durch die unwillkürlich geschlossenen Lider sah. Mit einem Schlag verlosch es schließlich. Die verbleibende Dunkelheit schmerzte mehr, als es ein Schwert vermocht hätte. Die Feuerschalen waren nur mehr winzigste Funken. Es dauerte einige Zeit, bis ich wieder ein wenig sehen konnte.

„Ilúvatars Kinder sind jetzt frei", sagte Glordoron endlich, „ihre Fea werden sich dem Spruch Námos beugen. Freut euch, denn sie dürfen nun ruhen, bis die richtige Zeit gekommen ist, zurück zu kehren."

Die Sänger erhoben ihre Stimmen zu einem lustigen Wechselgesang, der nichts mehr mit dem melancholischen Klagelied des Tages zu tun hatte. Anordil winkte mich zu sich heran.

„Die Blumen werden auf die Bahren gestreut", flüsterte er mir zu. Mechanisch folgte ich seinen Anweisungen. Wir streuten die Blumen über die Bahren, wo vor kurzem noch die Leichen gelegen hatten. Nach kurzer Zeit war nichts mehr von den Bahren zu sehen. Alles versank in einem Meer von Blüten. Nachdem der letzte seine Blumen verstreut hatte, traten wir alle etwas zurück. Celebnên, der alte, weise Magier trat hervor und winkte Anordil zu sich heran. Gemeinsam entfachten sie eine silberblaue Flamme, in welcher das Blütenmeer verschwand. Nichts blieb mehr zurück, als das schiere Gras auf dem Boden. Nichts deutete darauf hin, dass hier vor wenigen Augenblicken gut zwei Dutzend Bahren gestanden hatten.

Damit war das Ritual zu Ende. Die meisten gingen in ihr Heim zurück, begleitete von heiteren Gesängen. Anordil und ich saßen jedoch noch lange am Rand des Festplatzes. Schweigend aneinandergelehnt schauten wir zu den Sternen.

„Was ist mit denen, die damals bei Dagorlad gefallen waren?", fragte ich nach einer Weile leise, „ihre Leiber sind doch im Totensumpf versunken. Können sie nicht einkehren in Mandos Hallen?" Anordil blickte mich leise lächelnd an. „Es sind nur ihre Hüllen, die dort in den Sümpfen liegen", erklärte er, „auch für sie wurde das Ritual des Schwindens gefeiert, aber ihre Körper schwanden nicht, sondern blieben hier, als Mahnung für die Lebenden. Ihre Fea jedoch weilen in den Hallen der Erwartung."

Ich schaute zu den Sternen hinauf. In meinen stummen Tränen spiegelte sich ihr Licht. Meine Gedanken folgten den toten Kriegern. Wie mochte es ihnen jetzt ergehen? Ich konnte jetzt nicht fröhlich sein, wie die Elben, deren Gelächter bis zu uns schallte.

Unter den Gefallenen waren viele gewesen, die ich gekannt hatte. Mit denen ich gelacht und gekämpft hatte. Sie mochten vielleicht in Mandos Hallen eingegangen sein, aber trotzdem konnte ich nicht glücklich sein. Konnte man es mir verdenken, wenn ich trauerte? Anordil ließ mich gewähren. Er schien mich zu verstehen. Hoffte ich zumindest.

Weitere fünf Tage danach verkündete das Nachrichtensystem der Elben, dass Luvalaes an der westlichen Grenze eingetroffen sei. Am Abend des selben Tages schlich ein sichtlich erschöpfter Luvalaes auf dem Weg in die Enklave. Erschrocken sog ich die Luft ein, bevor ich zu ihm stürzte. Doch Anordil war bereits schneller. Mit geübtem Griff stützte er Luvalaes und geleitete ihn ins Haus.

„So hab ich mir das Wiedersehen nicht vorgestellt", sagte er tadelnd, „was hast du nur angestellt, lieber Bruder?" Ein breites Lächeln überzog Luvalaes Gesicht, in dem sich die Anstrengung der Reise widerspiegelte. „Du weißt doch selber, dass Mithrandirs Missionen nicht unbedingt ein Spaziergang sind", konterte er recht trocken und ziemlich leise, „ein weiches Bett wäre jetzt wirklich angenehm. – Und ein bisschen von deinem Heiltrank würde auch nicht schaden."

„Konntest du nicht besser auf dich acht geben?", herrschte ich ihn an, während wir ihn in seine Gemächer brachten. Eine der Mägde lief uns über den Weg. „Rasch, ein ausgiebiges Mahl und ein warmes Bad für Herrn Luvalaes", befahl ich barscher, als gewöhnlich.

Trotz seines eher erbärmlichen Zustandes, brachte er es fertig zu lachen, was allerdings in einem Hustenanfall unterging. Erschöpft setzte er sich in einen seiner breiten Sessel. „Du scheinst dich wirklich um mich gesorgt zu haben, Schwägerin", sagte er ironisch, „folglich muss ich dir doch irgendwie am Herzen liegen."

„Bilde dir nichts darauf ein", knurrte ich ihn an, „du bist der Bruder meines Gemahls. Da mache ich mir natürlich Sorgen!" „Mir geht es gut", antwortete er und stand vorsichtig auf. „So gut, wie es jemandem geht, der von der Schlacht direkt nach Hause läuft", unterbrach ihn Anordil trocken. Dann half er ihm ins Bad.

Diskret hielt ich mich dabei zurück. Ich beschränkte mich darauf, Luvalaes das Bett zu richten und dafür zu sorgen, dass eine anständige Mahlzeit aus dem Küchengewölbe gebracht wurde. Allerdings gab es keine Tür zum Baderaum. Nur ein Vorhang aus rankenden Pflanzen verbarg den Durchgang, was mir erlaubte von der Unterhaltung, die dort geführt wurde, genügend mitzubekommen.

„Das sieht aber böse aus", hörte ich Anordil, „wo hast du dir denn das da eingefangen?" „Im Auenland", antwortete Luvalaes knapp, „vor ein paar Tagen. Irgendwann wird mich eine von Mithrandirs Missionen unweigerlich in Mandos Hallen bringen." Einen Augenblick hörte ich nichts. Dann ein schmerzliches Zischen von Luvalaes.

„Sei nicht so grob, Bruderherz", stieß er hervor. „Diejenigen, die dir diese Wunde zugefügt haben, waren auch nicht gerade zimperlich", konterte Anordil, „und außerdem hast du deinen Zustand vor mir verborgen! Du hast doch gespürt, dass ich nach dir gesucht habe!" „Ich wollte dich nicht in Unruhe versetzen", erwiderte Luvalaes beschwichtigend, „als ich fühlte, dass du nach mir suchtest, habe dir nur gestattet zu spüren, dass ich am Leben bin." „Und deine Gegner?", fragte Anordil ungerührt. „Asche. Ich hatte nachher keine Wahl mehr", erwiderte Luvalaes, „die Valar werden es mir verzeihen."

„Mithrandirs Worte sollten auch dir noch im Ohr sein", mahnte Anordil. Ein Husten unterbrach ihn. „Nein, nein", erwiderte Luvalaes eher hastig, „es war nur ganz wenig! – Wirklich!! - Mein Schwert hat dafür reichlichere Ernte gehalten." Ganz leise hörte ich Wasser plätschern, so als würde jemand in eine gefüllte Wanne steigen. Dann ein wohliges Seufzen.

„Davon habe ich seit Wochen geträumt", entfuhr es Luvalaes, „seit ich Cillien verlassen hatte, habe ich nicht mehr richtig baden können." Wasser plätscherte wieder. Ein Schwamm wurde ausgedrückt.

„Wie sieht es im Auenland aus?", hörte ich Anordil fragen. Einen Augenblick herrschte Ruhe. „Schlimm", antwortete Luvalaes düster, „das Auenland verdient nicht mehr seinen Namen. Ruinen und Trümmerfelder sind übrig geblieben von dem einstigen blühenden Land. Saurons Schergen haben arg gewütet. Allen voran ein schleimiger Gehilfe Sarumans. Überall herrscht Angst."

Ich horchte auf. Also war das Auenland doch überrannt worden! Ich hatte ja vage die Hoffnung gehabt, dass dieser schöne Landstrich von dem unbarmherzigen Krieg verschont worden sei, doch hier hörte ich das Gegenteil.

„Ich dachte, Saruman sei geschlagen worden?", fragte Anordil verwundert. „Diese Kunde ist wohl wahr", erwiderte Luvalaes, „doch obwohl Saruman fiel, brach nicht sein Einfluss. Sein wohl engster Gehilfe, ein windender Wurm namens Grima, schart die streunenden Überbleibsel von Saurons Armeen um sich und versucht das Auenland zu unterjochen. Doch die braven kleinen Hobbits setzen sich zur Wehr. Sie haben sich in bewaffneten Einheiten zusammengefunden."

Ich horchte auf. So hatte Tolkien hier Recht behalten! Das Auenland war besetzt. Wie würde es nun weitergehen? Es klopfte leise an der Türe. Eine Magd stand draußen mit einem voll beladenen Tablett. Ich nahm es ihr ab und stellte es auf den Tisch, nahe des Bettes.

„Zurzeit herrscht eine Pattsituation", hörte ich Luvalaes weiter, „keiner weiß so Recht, was er machen soll. Die Hobbits begnügen sich damit sich zu verteidigen, sofern sie angegriffen werden. Mehr tun sie dann nicht. Die Orks führen hier und da einen recht merkwürdigen Angriff durch. Sie scheinen nicht recht zu wissen, was sie tun sollen. Offenbar ist dieser Grima kein besonders guter Kampfstratege."

Ich nickte beifällig. Grima war eher doppelzüngiger Politiker, als ein alles berechnender Stratege. Ein Umstand, der dem Auenland einen Vorteil verschaffen konnte. „Allerdings nutzen die Auenländer dies nicht zu ihren Gunsten", fuhr Luvalaes fort, „ich vermute, dass sie ebenfalls keinen Strategen in ihren Reihen haben."

„Woher auch?", warf Anordil ein, „die Hobbits haben sich bisher aus allen Streitigkeiten herausgehalten. Sie sind in erster Linie Bauern und keine Krieger. Wo also sollen sie Kampfstrategie erlernt haben?"

Ich hörte starke Wassergeräusche. Offenbar war Luvalaes aufgestanden. Es herrschte einige Minuten Ruhe. „Autsch", entfuhr es dann Luvalaes, „du warst auch schon mal sanfter zu mir!" „Da warst du aber auch nur ein paar hundert Sonnenläufe alt", kam prompt Anordils Antwort, „aus dem Alter bist du rausgewachsen."

Was Luvalaes dann sprach, konnte ich leider nicht vernehmen. Zu leise waren seine Worte, die er wohl eher vor sich her murmelte. Allerdings konnte ich mir irgendwie denken, dass es keine Komplimente waren, die er seinem Bruder machte.

Nach einer Weile kamen die beiden aus dem Baderaum. Luvalaes trug eine einfache bodenlange sandfarbene Tunika. Den linken Arm trug er in einer Schlinge. Er humpelte leicht, aber er war wieder sauber. Die feuchten Haare hingen sorgfältig gekämmt über seinen Rücken.

Mit einem erleichterten Aufseufzen nahm er Platz und bediente sich von dem reich gefüllten Tablett, was aus dem Küchengewölbe gekommen war. Wir leisteten ihm noch Gesellschaft, bis er äußerst müde in sein Bett sank, wo er einschlief, noch bevor wir den Raum verlassen konnten. Mit offenen Augen starrte er zum Himmel.

So leise es mir möglich war, verließ ich den Raum. Anordil warf noch einmal einen prüfenden Blick auf Luvalaes, bevor er sich mir anschloss. Schweigend gingen wir in unsere Gemächer. Dort goss Anordil uns gewürzten Wein in zwei Becher. „Wenn das Auenland in der Hand von Grima Schlangenzunge ist, so sollten wir eine Warnung nach Minas Tirith schicken", sagte er, als er mir den Becher reichte, „die Hobbits sollten nicht ahnungslos in diese Machenschaften geraten."

„Unsere Krieger könnten das Auenland beobachten", schlug ich vor, „solange es ein Patt ist und Grima sich damit begnügt sich aufzuplustern, sollten wir uns nicht einmischen. Vielleicht schaffen es die Auenländer alleine damit fertig zu werden."

„Ein bisschen Untergrundarbeit kann dabei aber nicht schaden", warf Anordil ein, „ich denke, Thinroval ist am besten geeignet dafür. Ich werde mit Vater darüber reden, sobald Luvalaes erwacht ist. Vater wird noch Fragen an ihn haben."

In dieser Nacht schlief ich nicht gut. Beunruhigende Träume suchten mich heim. Die Visionen von brennenden Feldern und fliehenden Hobbits, deren Häuser zu Asche zerfielen, raubten mir die Ruhe. Die Morgendämmerung erwartete ich auf unserer Terrasse. Ich saß auf der Balustrade und sah zu, wie der leichte Nebel das Tal in eine Zauberlandschaft verwandelte.

„Wir sollten mit Thinroval gehen", sagte ich, als ich Anordil hinter mir spürte, „das Auenland braucht jede Hilfe, die es kriegen kann." „Thinroval wird uns einen Überblick über die Lage geben", erwiderte er, „es muss gut überlegt werden, wie wir uns in die Angelegenheiten der Hobbits einmischen."

„Aber sie waren immer gastfreundlich zu uns", warf ich ein, „sollen wir es ihnen so danken?" Anordil schüttelte verständnisvoll den Kopf. „Wir werden ihnen helfen", beschwichtigte er mich, „doch unsere Hilfe sollte subtil sein. Die Hobbits sind ein stolzes Volk. Nichts würde sie mehr kränken, als wenn wir Elben ihre Angelegenheiten in unsere Hände nehmen. Thinroval wird hier vorarbeiten. - Hier ein unauffälliges Eingreifen. Dort ein gut platzierter Rat, der im Schlaf eingeflüstert wurde. - Er ist ein herausragender Stratege und wird seine Sache gut machen."

Langsam begriff ich, was er meinte. „Die Hobbits werden sich organisieren und zum Gegenschlag ausholen, bevor Grima etwas bemerkt", folgerte ich. Anordil lächelte subtil. „Du hast es erfasst", bestätigte er meine Vermutung, „noch heute wird Thinroval sich auf den Weg machen. Und auch noch heute wird ein kleiner fliegender Bote nach Minas Tirith geschickt werden, damit die Hobbits auf ihrem Heimweg hier Station machten. Mit ein wenig Geleitschutz und ein bisschen Glück, werden die kleinen Herren in ihr geliebtes Auenland als Helden zurückkehren."

Und so geschah es, dass Thinroval sich mit einigen Kriegern ins Auenland aufmachte. Alle paar Tage erhielten wir einen Bericht von ihm per „Luftpost". Niemand schenkte den kleinen geflügelten Boten Beachtung. Ein grober Fehler auf Grimas Seite, der sichtlich dazu führte, dass seine Orks immer mehr ins Hintertreffen gerieten und die Auenländer freuten sich über jeden Inch zurückgewonnenen Bodens.

Dann, im Spätsommer, kehrten Samweis Gamdschie und seine beiden Gefährten in Cillien ein. Noch immer konnten sie über die elbischen Lebensgewohnheiten staunen, obwohl sie so vieles schon erlebt hatten. Die Gefräßigkeit von zweien von ihnen setzte allerdings unsere Herrin des Küchengewölbes arg unter Druck. Ein Umstand, der uns verdeutlichte, dass dieser Besuch sich nicht allzu lange ausdehnen sollte.

Zu unserer Freude begleiteten Legolas und Gimli das Hobbitgespann. Samweis sah bereits wesentlich besser aus. Die gute Pflege in Minas Tirith hatten seine hohlen Wangen wieder rundlich werden lassen. Nun war er von der Statur wieder der Alte. Nur das Erlebte hatte tiefe Risse in seiner Seele hinterlassen. Wir nahmen es ihm nicht übel, dass er sich zurückhaltend verhielt. Das Reden überließ er meist Meriadoc und Peregrin.

Doch bei der strategischen Besprechung mit Glordoron beschränkten auch sie sich auf das Zuhören. Da sie keine geschulten Krieger waren, eine durchaus kluge Entscheidung. Legolas und Gimli dagegen erwiesen sich als sehr konstruktiv. Wenn auch gerade Gimlis Vorschläge von manchen als eher drastisch empfunden wurden. Aber letztendlich wurde sich auf eine Strategie geeinigt.

Nur wenige Tage später brach dann eine kleine Gruppe Richtung Auenland auf. Luvalaes, Anordil und ich hatten uns entschlossen sie zu begleiten. Unsere Bögen und Schwerter konnten ihnen von Nutzen sein. Da wir zu Pferd reisten, verging die Zeit rasch. Als wir uns dem Auenland näherten, ließen wir besondere Vorsicht walten. Die Brücke über den Brandywein-Fluss mieden wir, da Thinroval bereits vor Wachtposten gewarnt hatte. Wir schlugen daher einen kleinen Bogen und passierten die Grenze zum Auenland unbemerkt von Süden her über die Sarnfurt.

Unerklärlicherweise wurde diese nicht bewacht. Wieder ein grober Fehler in Grimas Planung. Auf der anderen Seite machten wir Rast, verborgen durch das herbstliche Laub. Die Nacht wollten wir vorüberziehen lassen und erst bei Tagesanbruch weiterziehen. Gegen Mitternacht erschien wie ein Schatten Thinroval an unserem niedrig brennenden Feuer. Die Hobbits erschraken beinahe zu Tode.

Er grüßte knapp und setzte sich zu uns. „Der Weg bis nach Sackheim ist weitestgehend frei", berichtete er in Westron, „doch dann wird es schwieriger. Grima hat sich in Buckelstadt breitgemacht. Die Stadt ist verbarrikadiert. Orkpatrouillen durchstreifen die Gegend bis zum Baranduin und halbe Strecke bis Sackheim."

„Was ist mit den umliegenden Höfen?", fragte Sam dazwischen, „und mit Hobbingen, Wasserau, Michelbinge und den übrigen Dörfern?" Thinroval sah ihn ruhig an. Hinter seiner Mine verbargen sich die Bilder, die er im Auenland gesehen hatte. „Die Höfe sind verlassen", antwortete er leise, „die Anwohner, welche die Orkangriffe überlebt haben, sind in die befestigten Dörfer geflohen, nach Wasserau, Michelbinge, Bockenburg und die übrigen. Von den Höfen ist nur noch Schutt und Asche übrig. Die Gefolgsleute Grimas haben ganze Arbeit geleistet. Manche der Dörfer sind ebenfalls überrannt worden. Hobbingen ist verlassen. Die Anwohner wurden entweder gefangen, getötet oder sind geflohen."

„Und was ist mit den Bewohnern von Buckelstadt?", fragte Peregrin dazwischen, „mein Vater Paladin ist Thain vom Auenland. Er wird sich doch nicht einfach ergeben. – Und was ist mit meinen Schwestern Pimpernell, Perle und Petunia?" „Ja, genau", unterbrach ihn Meriadoc, „was ist mit meiner Mutter? Sie ist doch Paladins Schwester! Der Groß-Smial dürfte doch noch stehen – oder??"

Ohne mit der Wimper zu zucken hatte Thinroval sich den Wortschwall angehört. „Über den Verbleib deiner Schwestern, kleiner Perian, kann ich dir nichts sagen", sprach er dann, „aber der Thain Paladin ist Grimas Gefangener." Betretenes Schweigen machte sich breit.

„Gibt es niemanden, der sich ihnen entgegenstellt?", fragte Sam erneut, „das Auenland kann sich doch nicht so kampflos dem Feind ergeben!" Thinroval lächelte ihn freundlich an. „Es gibt kleinere Scharmützel, doch die Auenländer beschränken sich auf die Verteidigung", erklärte er Sam, „sie haben niemanden, der sie unter sich vereint und führt. Wir beschränken uns darauf, Hilfe aus dem Hintergrund zu leisten. Ich weiß, dass ihr ein stolzes Volk seid."

Auf einmal schien Sam zu wachsen. „Es kann nicht sein, dass das Auenland so einem schleimigen Schuft wie Grima überlassen wird", knurrte er, „ich habe gelernt ein Schwert zu führen und ich habe gelernt, was es heißt zu kämpfen. Blut und Tränen habe ich vergossen. Nur die Erinnerung an mein geliebtes Auenland ließ mich alles ertragen. Ich bin es ihm schuldig, dass ich nun alles versuche, um es zu befreien."

„Nette Rede, Freund", warf Peregrin trocken ein, „und wie hast du dir das vorgestellt?" Meriadoc und er hatten offensichtlich überrascht den Redeschwall ihres sonst so schweigsamen Gefährten verfolgt.

Samweis' Miene verdüsterte sich. Enttäuscht setzte er sich hin. „Ich bin nur ein Gärtner", sagte er leise, „kein Stratege." Hilfesuchend blickte er zu uns hinüber. „Wir brauchen Hilfe", fuhr er fort, „könnt ihr uns helfen?"

Mitfühlend legte ich eine Hand auf seine Schulter. „Das tun wir doch bereits, Herr Samweis", sagte ich besänftigend, „auch ich bin kein Stratege, doch Anordil, Luvalaes, Legolas, Gimli und insbesondere Thinroval sind da sehr erfindungsreich."

Und so kam es, dass in dieser Nacht beschlossen wurde, wie das Auenland zu befreien sei.

Am nächsten Morgen brachen wir auf. Unsere Elbenmäntel gaben uns ausreichend Schutz vor unliebsamen Augen. Felder gab es keine mehr auf dem Weg nach Sackheim. Niedergebrannt oder zertrampelt präsentierten sich die Äcker mit Weizen, Tabak und Feldfrüchten. Die Haine, welche die Felder säumten, schienen auch arg mitgenommen zu sein. Manche Bäume waren bis auf die Wurzeln zerstört.

Nicht nur mir kamen die Tränen. Auf Samweis' Wangen hatten sich kleine Rinnsale gebildet. Fassungslos berührte er hie und da eine verkohlte Rinde oder die schwarzverfärbten Blätter. Selbst seine geschwätzigen Freunde Meriadoc und Peregrin schwiegen betroffen. In der Abenddämmerung erreichten wir Sackheim.

Auch hier ein Bild der Trostlosigkeit. Die einst sorgfältig gepflegten Wege und Gassen waren mit Unrat überhäuft. Runde Türen hingen in den Angeln und quietschten bei jedem Windstoß. Einsam rollte ein halb zerbrochener hölzener Eimer über die Gasse.

Von den einstigen Bewohnern zeugten nur die in der Hast zurückgelassenen Dinge. Die Hobbits waren sehr still geworden. Ihre Augen suchten nach etwas Bekanntem, woran sie sich festhalten konnten. Doch nichts war mehr übrig von der heilen, beschaulichen Welt der Auenländer.

„Es muss doch noch etwas geben, was nicht zu Bruch gegangen ist", stieß Samweis verzweifelt hervor. Legolas legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter. „Sie sind geflohen, tapferer Samweis", sagte er und wies auf die Spuren, „die meisten sollten also am Leben sein. Vielleicht sind sie nach Westen gegangen, um in den Bergen Zuflucht zu finden."

„Nein!", schüttelte Peregrin energisch den Kopf, „wir Auenländer flüchten nicht in die Berge." „Stimmt", bestätigte Meriadoc, „wir haben unsere eigenen Stätten, wo wir uns verstecken können."

Samweis merkte auf. Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Warum habe ich nicht daran gedacht", entfuhr es ihm zerknirscht, „was meint ihr, Pippin? Merry? Eher die Marschen oder eher den Wald?" Peregrin überlegte kurz. „Die Sackheimer werden eher zu den Marschen gegangen sein", sagte er dann, „wenn dieser Grima sich in Buckelstadt eingenistet hat, dann wäre der Wald keine gute Wahl." Meriadoc nickte zustimmend. „Ich denke auch eher bei den Marschen", bekräftigte er, „wir sollten dahin gehen."

„Aber erst sollten wir schauen, ob die Sackheim-Beutlins noch was in der Speisekammer gelassen haben", unterbrach ihn Peregrin, „mein Magen würde sich über was anständiges zu Essen wirklich freuen." Kopfschüttelnd schaute ich zu Anordil. Wie konnte dieser Hobbit noch ans Essen denken, während das Auenland in Schutt und Asche lag? Anordil lachte leise. „Dann sollten wir uns eilen", sagte Luvalaes schmunzelnd, „damit ihr den Mäusen noch ein paar Krumen abjagen könnt."

Meriadoc und Peregrin gingen voran. Zielsicher fanden sie den Groß-Smial, in der die Sackheim-Beutlins ihr Zuhause hatten. Wohlgemerkt hatten, denn auch hier hing die Tür schief in den Angeln und schon länger schien sich niemand mehr um die Behausung gekümmert zu haben.

„Meinst du wirklich, dass die Hobbits hier noch was finden?", fragte ich Anordil leise auf Sindarin. In seinen Augen blitzte es vergnügt. „Wenn jemand etwas Essbares in dem Schutt findet, dann sind es Hobbits", antwortete er trocken.

Wie Wiesel durchforsteten die drei jeden Winkel und tatsächlich schleppten sie noch genügend Zeugs an, dass wir nicht nur für diesen Abend reichlich zu Essen hatten. Was nach dem Mahl noch übrig war, wurde sorgfältig eingepackt.

Der nächste Morgen brach kühl und windig an. Genau das richtige Wetter, um die Marschen aufzusuchen, dachte ich bei mir, während ich meinen Umhang eng um mich schlang. Wortlos brachen wir auf. Noch war Luvalaes an der Spitze unseres kleinen Trosses. Doch schon bald gesellten sich die drei Hobbits dazu. Sie waren sichtlich aufgeregt. Nur Thinroval lächelte vielsagend in sich hinein.

„Was lächelst du so?", fragte ich ihn leise auf Sindarin. Sein Lächeln wurde breiter. „Die Auenländer hier", er deutete verstohlen auf die drei Hobbits, „denken, dass ihre Zufluchten geheim sind, dabei kennt unser Volk sie schon seit langem." Verwundert schaute ich ihn an. „Warum sagst du dann nichts?", fragte ich weiter. „Sie sind stolz", wiederholte er schlicht, „außerdem müssen sie ja nicht wissen, dass ich schon einige Male unter ihnen gewandelt bin in der letzten Zeit."

Ein gewisser Mr. Spock wäre erfreut über das Hochziehen meiner Augenbraue gewesen. „Wer sonst hätte ihnen gewisse Dinge einflüstern können?", ergänzte Thinroval lässig. Ich knuffte ihn kurz freundschaftlich. „Ihr Elben seid wahrlich das hinterhältigste Volk, dass ich je kennen gelernt habe", murmelte ich, „nicht einmal die Zwerge sind so ..." Mir fehlten die Worte, um auszudrücken, was ich empfand. „... so intrigant", half Anordil mir aus, der zu uns aufgeschlossen war. „Das Wort trifft es nicht ganz, aber kommt dem schon sehr nahe, was ich denke", erwiderte ich gedehnt. Sichtlich vergnügt setzten die Elben ihren Weg fort. Ich folgte eher kopfschüttelnd.

Bald war es Mittag. Wir kamen sehr gut voran. Auch wenn wir unterwegs einer Orkpatrouille ausweichen mussten. Diese waren allerdings nur wenig aufmerksam gewesen. Ihre Nachlässigkeit hätte sie beinahe ihr Leben gekostet. Doch wir wollten unauffällig unser Ziel erreichen, daher ließen wir sie unbehelligt passieren.

Gegen Abend erreichten wir die kleinen Hügel, die das südliche Ende der Oberbronnmarschen bildeten. Sanft geschwungen gingen sie schließlich in die eigentliche Marschlandschaft über. Halbhohe Büsche und viel Geröll mit kleineren Felsen durchsetzt bestimmten das Landschaftsbild. Ab und zu wuchsen schilfähnliche Gräser in hohen Büscheln. Unsere drei Hobbitfreunde strebten auf einen Hügel in der Mitte des Feldes zu.

Ein greller Pfiff fuhr mir durch Mark und Bein. Unwillkürlich zuckte ich zusammen. Meine Hand fand automatisch den Schwertgriff. Doch unsere Hobbits eilten unbeirrt, sogar eher freudig auf die mit Büschen bedeckte Flanke des einen Hügels zu. Ein Hobbit trat hervor. Zu meiner Freude und Überraschung erkannte ich Gunerbin Flinkwiesel. Er war einer der Hobbits, denen wir vor etlichen Sonnenläufen begegnet waren.

„Was für eine Freude Euch zu sehen, Gunerbin Flinkwiesel", platzte es aus mir heraus, „wo sind Eure Freunde Merebrin Immergrün und Fennymore Starkbein?" Vor Überraschung ließ er seine geladene Schleuder fallen. „Oh, oh, oh,", stieß er hervor und rieb sich ungläubig die Augen, „Herrin Arwen und Herr Anordil!!! Ich hatte nicht mehr geglaubt euch wiederzusehen."

Freudestrahlend kam er auf uns zu. Seine Kleidung war nicht mehr so gepflegt, wie wir es von ihm gewohnt waren. Etliche grob geflickte Risse zierten sein Gewand. Auch wirkte er hagerer, als ich ihn in Erinnerung hatte. Offenbar hatten die Entbehrungen der letzten Wochen an ihm gezehrt.

„Seid willkommen im Hügel der letzten Hoffnung", begrüßte er uns. „Hügel der letzten Hoffnung?", wiederholte Luvalaes sarkastisch, „seid Ihr schon so hoffnungslos?" Gunerbin verbeugte sich energisch. „Oh, nein, Herr Elb", erwiderte er stolz, „von hier aus werden wir das Auenland von diesen stinkenden Orks befreien. – Kommt nur herein. Elb oder Auenländer. Ihr seid willkommen!" Einladend deutete er auf einen Felsen hinter sich.

„Es hätte mich auch gewundert, wenn du uns nicht willkommen geheißen hättest, Gunerbin Flinkwiesel", maulte Peregrin Tuk, „schließlich kaufen wir Tuks jeden Sonnenlauf das Bier deines Herrn Vater." „Ich hatte mich schon gefragt, wann ich dich wiedersehe, Pippin Tuk", konterte Gunerbin, „deinen letzten Streich hat mir mein Herr Vater sehr übel genommen. Du kommst mir gerade Recht." Mit finsterer Miene trat er auf Peregrin zu.

„Für solch kleinliches Geplänkel ist nicht die Zeit", fuhr Samweis scharf dazwischen, „ich bin zwar nur ein Gärtner, aber ..." „... ich weiß, wann man zeigen muss ein Mann zu sein", ergänzte Meriadoc seufzend, „also lasst uns friedlich alle den Hügel betreten. – Gunerbin, sind noch andere aus Buckelstadt, Michelbinge oder gar Hobbingen drinnen?"

Gunerbin nickte. „Auch deine Familie haben wir beliefert, Merry Brandybock", erkannte er ihn, „ja, es sind noch etliche aus Michelbinge und Hobbingen. Auch aus den anderen Dörfern. Aus Sackheim sind viele da." „Weißt du ob die Hüttingers in Sicherheit sind?", fragte Samweis hoffnungsvoll.

„Oh, ja", Gunerbin nickte freudig, „der alte Hüttinger samt seiner Familie sind bei guter Gesundheit. Wären Rosies Kochkünste nicht, würden wir schon längst am Hungertuch nagen." Das erste Mal seit langem sah ich aufrichtige Freude auf Samweis' Gesicht.

Ungeduldig schob Gunerbin die drei Hobbits auf den einen Felsen des Hügels zu. Als ich näher trat, sah ich, dass sich dahinter eine Spalte auftat, durch die man einen düsteren Gang betreten konnte. Diesem folgten wir, bis wir auf einen kleinen Saal trafen, in dem sich schon etliche Hobbits eingefunden hatten.

Mit einem lauten Aufschrei stürzte sich eine junge Hobbitdame auf Samweis und umarmte ihn heftig. „In was für Abenteuer hast du dich gestürzt, Samweis Gamdschie", schimpfte sie mit heller Stimme, „warum bist du nur Herrn Frodo gefolgt!? – Weißt du eigentlich, was für eine Angst ich um dich ausgestanden habe???? – Wo ist Herr Frodo überhaupt?"

Mit hochrotem Kopf schob Samweis das aufgeregte Bündel Hobbitfrau von sich weg, die als Antwort darauf energisch ihre Händen in die Hüften stemmte. Das dunkelblaue wollene Kleid war vielfach geflickt, aber sehr sauber. Selbst die Bluse unter ihrem Mieder wirkte frisch gewaschen. Auf ihrer Schürze dagegen hatten sich zahlreiche Flecken eingefunden, wohl, weil sie bis vor wenigen Augenblicken noch am Kessel gestanden hatte. „Ich habe nur meine Pflicht erfüllt", erwiderte Samweis schlicht und fuhr leiser fort, „außerdem ist Herr Frodo von uns gegangen."

Entgeistert starrte die Hobbitdame ihn an, während sie die Hände vor ihren Mund legte. Ihre wilden Locken ringelten sich widerspenstig um ihr von der Hitze gerötetes Gesicht. „Von uns gegangen?", wiederholte sie schockiert, „Herr Frodo war doch noch jung!" „Das Schicksal macht vor niemandem halt", stieß Samweis beinahe tonlos hervor. Schmerzvoll blickte er sie an.

„Aber man kann das Schicksal ändern", sagte die Hobbitdame energisch, „so wahr ich Rosie Hüttinger heiße!" Resolut stemmte sie ihre Hände erneut in die Hüften. Ihre Augen blitzten. So klein dieses Persönchen war, um nichts in der Welt mochte ich mich jetzt mit ihr anlegen. „Kommt erst einmal herein", unterbrach eine dunklere Stimme Rosies Wortschwall, „ihr müsst hungrig und müde sein." Dankbar sah ich zu der unscheinbaren Hobbitfrau, von der diese Worte kamen und nahm das Stück Brot von ihr entgegen, welches sie mir reichte. Es war zwar hart, aber mit viel Wasser sowie einem Napf heißer Suppe konnte man es genießen. Auch die übrigen erhielten etwas Essbares.

Beim Mahl konnten wir uns ein Bild von den geflüchteten Auenländern machen. Sie leisteten erbitterten Widerstand, aber mit nur eingeschränktem Erfolg. Es war offensichtlich, dass sie einen guten Sieg benötigten, um weiterhin motiviert zu bleiben. Das war nun unsere vornehmlichste Aufgabe. Kaum dass wir den Hügel erreicht hatten, begannen wir mit unserer Arbeit.

Eigentlich waren wir viel zu wenige, als das wir eine Chance gegen die Überzahl der Orks gehabt hätten. Doch unser Vorteil lag darin, dass wir überraschend auftauchen und wieder verschwinden konnten. Die Ortskenntnisse der Hobbits waren hierbei von entscheidendem Nutzen, wie auch ihre Zielsicherheit mit der Schleuder. Immer öfter gelang es uns die Orks empfindlich zu treffen und immer mehr staute sich der Unmut in ihnen über die Unfähigkeit ihres Anführers Grima. Die Hobbits jedoch staunten über die Führungsqualitäten, die in Samweis Gamdschie zum Vorschein kamen. Aus dem schüchternen Gärtner entwickelte sich ein umsichtiger Kämpfer.

Dann endlich war es soweit. Der entscheidende Schlag stand bevor. In den frühen Morgenstunden breitete sich Unruhe im Hügel aus. Schon bald würden wir mit einer Gruppe Hobbits Richtung Buckelstadt aufbrechen. Dorthin hatte sich Grima zurückgezogen. Seit er Kampf um Kampf verlor, hatte er sich dort regelrecht verschanzt. Es galt ihn hervorzulocken und dann kampfunfähig zu machen. Wenn er erst einmal besiegt war, gab es nichts mehr, was die Orks zusammenhielt. Ihre Kampfkraft beruhte auf einer funktionierenden Befehlskette. Da diese schon mehrfach nachhaltig geschwächt und unterbrochen worden war, konnte man bereits jetzt die Konfusion innerhalb der Kampfverbände erkennen.

Wir warteten draußen auf die Hobbits, die mit uns reisen sollten. Samweis war der erste, der zu uns stieß. Rosie stand im Schutz des Felsens und schaute ihm besorgt nach, bevor sie sich einen Ruck gab und in den Hügel zurückkehrte. Ihr war bewusst, auf welche Gefahr sich Samweis einließ.

Nach und nach trafen die anderen ein, Meriadoc, Peregrin, Gunerbin, Merebrin und Fennymore. Kurz nach ihnen kamen noch ein paar andere Hobbits, die ich nicht kannte. Zusammen bildeten wir eine doch recht große Gruppe. Kaum war der letzte eingetroffen, da ging es auch schon los. Schweigend, wie man es von den lebhaften Hobbits nicht gewohnt war, schlugen wir den Weg Richtung Buckelstadt ein.

Die Landschaft war trostlos. Je näher wir dem Grünbergland kamen, desto stärker wurde die Zerstörung. Um nicht zu früh den Orks aufzufallen, näherten wir uns von Weidengrund aus. Im Schutze des kleinen Wäldchens hinter dem verlassenen Dorf, schlugen wir unser Lager auf. Bis jetzt waren die Bäume dem Zerstörungstrieb der Orks nicht zum Opfer gefallen. Im Schatten des Blattwerkes harrten wir bis zum nächsten Morgen aus.

Luvalaes entfernte sich gegen Mitternacht, um die Lage zu erkunden. Mit ihm ging Thinroval. Er wollte sich mit seinen Kriegern südwestlich von Buckelstadt treffen. Von dort aus sollte sein Angriff erfolgen. In der Morgendämmerung kehrte Luvalaes zurück. Aus dem Nebel kommend, erschien er beinahe wie ein Geist. Fennymore zuckte sichtlich zusammen, als er neben ihn trat.

„Bei allen guten Geistern, Herr Elb", hauchte er mit bleichem Gesicht, „Ihr lasst mich um etliche Sonnenläufe altern." „Euch bleibt noch genügend Zeit", konterte Luvalaes lächelnd, „so schnell sterben die Auenländer nicht."

„Wie ist die Lage in Buckelstadt", fragte Anordil dazwischen. Legolas war mit Gimli dazu getreten. Der Zwerg stützte sich mit grimmigem Gesicht auf eine seiner schweren Äxte. Auch Samweis, Meriadoc und Peregrin hörten gespannt zu.

Luvalaes wies in den Nebel. „Die Orks sind nachlässig", sagte er ruhig, „ und die Verteidigungsmauern schwach. Sie geben sich keine Mühe. Grima verlässt sich auf die Stärke der Orks und ihre Überlegenheit gegenüber den Auenländern." „Ein schwerer Fehler", knurrte Samweis entschlossen, „werter Herr Luvalaes, habt Ihr vielleicht bemerkt, ob die Felsengruppe an der Auenbronnmühle bewacht wird?" „Ihr meint den kleinen Felsengang an der kleinen Staustufe", schmunzelte Luvalaes fragend, während Meriadoc heftig ausatmete.

Samweis war mittlerweile derartige Überraschungen gewöhnt. „Ja, Herr Luvalaes, genau den meine ich", sagte er daher recht ruhig. „Kein Ork hat den Felsen Aufmerksamkeit geschenkt", schnaubte Luvalaes verächtlich, „der Gang ist frei."

„Dann sollten wir uns aufmachen", unterbrach Legolas, „von dort aus können wir uns noch einmal einen Überblick verschaffen." „So ist es", nickte Luvalaes, „ich war bis in das Backhaus in Buckelstadt gelangt. Es ist verlassen. In den Nachtstunden herrschte nur mäßiges Treiben in der Stadt. Aber es waren kaum Auenländer zu sehen. Diejenigen, die ich sah, waren in Ketten und wurden durch die Gassen getrieben, wie Vieh. Doch offenbar ist Grima in der Stadt. An einer Türe, die wohl in eine große Behausung führte, sah ich Uruk-Hai mit dem Zeichen der weißen Hand."

„Ich denke Saruman ist tot?", entfuhr es mir. Luvalaes nickte. „Der weiße Zauberer ist tot", bestätigte er, „aber Grima bedient sich seiner Machtinsignien, um die Orks bei Laune zu halten." „Ein weiterer Fehler in seinem Denken", stieß Anordil hervor, „er wird es nicht mehr lange schaffen, die Uruk-hai zu täuschen. Im Gegensatz zu den normalen Orks besitzen diese ein wenig Verstand."

„Verstand bei Orks!", schüttelte Gimli den Kopf, „na so was! Im Ringkrieg haben sie jedenfalls wenig Verstand gezeigt. – Worauf warten wir dann noch? Lasst uns Orks jagen." Grimmig schüttelte er seine Axt.

Wenige Minuten später brachen wir auf. Der Morgennebel hatte uns schon bald vollständig verschluckt. Wie Schatten bewegten wir uns. Geschützt durch den Dunstschleier erreichten wir das reich bewaldete Grünbergland. Bald jedoch wich der Nebel einem für die Jahreszeit zu kalten Herbsttag. Die Blätter der vereinzelt noch intakten Bäume zeigten sich bunt verfärbt. Die übrigen Bäume wiesen ein trostloses Grau mit bröckeligen Blättern auf.

„Das Auenland wird hungern müssen, wenn Grima bezwungen ist", murmelte Samweis traurig, „diesen Sonnenlauf werden wir keine Ernte einbringen." „Ihr werdet zwar den Gürtel etwas enger schnallen müssen, Herr Hobbit", antwortete Gimli leise, „aber Hunger leiden wird das Auenland nicht. Wir Zwerge haben genug gehortet, dass auch ein paar Hobbits mit über den Winter kommen können." „Gimli hat Recht", bestätigte Legolas, „wenn das Auenland befreit ist, wird es sich auch König Aragorn nicht nehmen lassen, dem kleinen Volk zu helfen. Und auch auf das Elbenvolk könnt ihr euch verlassen. – Niemand wird im ersten Winter nach dem Fall Saurons darben müssen."

„Wir nähern uns der Auenbronnmühle, seid ruhig", mahnte Anordil und wies nach vorne. Kaum hatte er die Worte gesprochen, als wir auch schon knackende Geräusch hörten. Rasch versteckten wir uns so gut es ging. Kaum war der letzte von uns außer Sicht, als ein Trupp Orks den Weg entlang kam. In ungeordneten Reihen wanderten sie lärmend über den zertrampelten Pfad. Fragend schaute ich zu Anordil und Luvalaes. Sie bedeuteten uns jedoch ruhig zu bleiben. Nicht angreifen, signalisierte ein Handzeichen von Luvalaes stumm. So ließen wir die Orks unbehelligt an uns vorüber ziehen. Ob sie wohl ahnten, wie nahe sie dem Tode waren?

Regungslos harrten wir aus, bis wir keinen Laut mehr von ihnen hören konnten. Erst dann kamen wir aus den Büschen. Anordils Augen blickten zu Legolas. Dieser nickte kurz stumm und huschte hinter den Orks her. „Wir können weitergehen", sagte Anordil zu uns, „Legolas wird uns sichern."

Vorsichtiger geworden, gingen wir weiter. Schon bald sahen wir die Auenbronnmühle vor uns liegen. Sie war von Bäumen umgeben. Die Staustufe, aus der das Wasser auf die Schaufeln des Mühlrades floss, war zerstört. Ebenso das Mühlrad. Nur noch die Hälfte davon war übrig.

„Wir warten hier auf Legolas und auf Thinrovals Boten", wies Anordil an. Ich ging durch die schief in den Angeln hängende Türe ins Innere der Mühle. Hinter der Tür lag ein Gang, dessen Boden aus gestampftem Lehm bestand. Die Wände waren ebenfalls mit Lehm verputzt. Auf dem Boden rollten dicke Staubflocken. Es war offensichtlich, dass die Mühle schon längere Zeit nicht mehr in Betrieb war.

Im Erdgeschoss gab es drei Zimmer. Eines davon schien dem Handel vorbehalten zu sein, denn hier stapelten sich prall gefüllte, muffig riechende Säcke an der einen Wand, während an der anderen eine Waage mit Gewichten stand. An einem zu unterst liegenden Sack war eine Ecke aufgeknabbert. Die herausgekullerten Körner lagen verstreut. Mit leisem Fiepen huschten ein paar Mäuse von dannen.

Ich sah, wie sich die Hobbits betroffen anblickten. Ihnen musste das Herz brechen bei dem Anblick verdorbener Lebensmittel, so gerne, wie sie aßen. Das schmale Fenster war, wie in den übrigen Räumen auch mit einem dünnen Stoff verhangen. Das Licht von außen wurde dadurch stark abgeschwächt. Der nächste Raum enthielt in der Mitte den Mühlstein. Es lag immer noch altes Mehl darauf, welches nicht weggefegt worden war. Im dritten Raum lagerten Säcke mit Mehl. Auch hier tummelte sich bereits das Ungeziefer. Zu allem Überfluss gab es hier, wie auch in den anderen Räumen, noch zahllose Spinnweben, die traurig von der Decke hingen. Von hier aus führte eine Tür in das Nebengebäude, welches in den Hügel hineingebaut war. Eine grobe Inspektion bestätigte die Vermutung, dass dies die Wohnräume des Müllers und seiner Familie gewesen sein mussten.

Gegen Abend stieß Legolas wieder zu uns. „Die Orks sind Richtung des alten Waldes gegangen", berichtete er, „sie werden nicht so rasch zurückkehren." „Wenn wir Glück haben wird sich der Alte Wald um sie kümmern", warf Peregrin ein, „dann sind wir wieder ein paar von denen los."

„Wir müssen die Nacht über hier rasten", sagte Luvalaes, „von Thinroval ist noch keine Nachricht eingetroffen." „Dürfen wir Feuer machen?", fragte Peregrin dazwischen, „eine richtig gute Mahlzeit wäre doch schön." Seine Augen leuchteten bereits in Vorfreude auf was warmes zu Essen. „Das geht nicht", unterbrach Samweis, bevor Luvalaes eine Antwort geben konnte, „wir sind viel zu nahe an Buckelstadt. Man könnte den Rauch sehen. Kein Feuer – keine warme Mahlzeit. Wenn wir Buckelstadt befreit haben, können wir immer noch Eintopf kochen."

Die Hobbits sahen ihn überrascht an. Peregrin holte Luft, um etwas zu erwidern, doch ein kräftiger Knuff von Meriadoc brachte ihn zum Schweigen. „War ja nur ein Vorschlag", sagte er stattdessen kleinlaut.

„Ein Vorschlag, der durchaus gut wäre, wenn nicht so viele Orks in der Nähe wären", beschwichtigte Anordil, „aber Lembas und Wasser werden für heute auch genügen." Nachdem dies geklärt war, suchten wir uns ein relativ bequemes Plätzchen, um die Nacht zu verbringen. Ich zog es vor, recht weit weg von den Getreidesäcken zu verbringen, denn auf nächtlichen Besuch auf vier kleinen Pfötchen legte ich keinen gesteigerten Wert.

Wir hatten unsere Lager kaum aufgeschlagen, als Legolas einen leisen Pfiff ertönen ließ. Jemand näherte sich der Mühle. Rasch nahmen wir unsere Waffen in die Hand, doch schon einige Sekunden später gab es Entwarnung. Luvalaes, Anordil und ich erkannten Sarnaith, einen der Krieger, die unter Thinrovals Kommando standen. Dieser grüßte knapp, als er die Mühle betrat.

„Hauptmann Thinroval ist auf dem vorgesehenen Platz", berichtete er, „wir warten auf das Kommando zum Angriff." Luvalaes nickte zufrieden. „Sehr schön", er schnurrte fast dabei, „morgen früh werden wir in der Stadt sein. Thinroval soll sich bereithalten." Sarnaith verbeugte sich knapp und wandte sich zum Gehen.

„Wie ist die Lage in der Stadt?", fragte ich dazwischen, „konntet Ihr etwas in Erfahrung bringen?" „Unverändert, berichteten die Späher", antwortete Sarnaith, „Grima hat sich offenbar im Bürgermeisterhaus verschanzt. Soviel wir herausfinden konnten, hat er einige Hobbits, unter ihnen den Thain Tuk, ins Kellergewölbe gesperrt." „Geht es ihnen gut?", unterbrach ihn Meriadoc angespannt, während Peregrin die Luft anhielt.

Sarnaith nickte. „Soviel wir wissen, leben sie noch", erwiderte er ausweichend, „es war nicht leicht, etwas in Erfahrung zu bringen. Was von den Orks zu hören war, lässt zumindest den Schluss zu, dass Grima wohl den Verstand verloren hat." Luvalaes lächelte zufrieden. „Das würde die völlig planlose Führung erklären", sagte er. „Was für eine Führung?", fragte Legolas zynisch, „alles deutet darauf hin, dass dieser Grima nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung von Strategie hat."

„Aber ihre werte Hoheit haben diese wohl mit der Muttermilch aufgesogen?", stichelte Gimli. So arrogant wie möglich schaute Legolas auf ihn herab. „Jeder Krieger sollte ausreichende Kenntnisse der strategischen Kriegsführung erhalten haben", dozierte er, „oder handhabt ihr Zwerge das etwa anders? – Ach ja, ich vergaß. Bei euch Zwergen kümmern sich die alten Weiber mit dem Waschknüppel um die Strategie." Ein beleidigtes Grummeln entfuhr Gimli. „Unsere ehrenwerten Frauen haben zumindest mehr Mumm in den waschknüppelschwingenden Armen, als ihr zarten Elblein euch vorstellen könnt", knurrte er zurück.

„Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche", unterbrach Anordil und wandte sich an seinen Bruder, „Luvalaes, wir müssen kurz nach Mitternacht aufbrechen. Sorge dafür, das alle bereit sind." Sarnaith deutete er mit einer knappen Geste zu gehen. Dieser verbeugte sich kurz, bevor er wie ein Geist in der Dunkelheit verschwand. Dann sah Anordil die Hobbits an. „Schlaft noch ein wenig", befahl er, „der morgige Tag wird anstrengend." Ohne zu murren, folgten wir alle seinen Worten. Ich konnte allerdings kaum Schlaf finden. Recht ruhelos wälzte ich mich auf dem harten Boden. Ich war wohl gerade eingedöst, als ein leiser Pfiff uns weckte. Automatisch langte ich zu meinem Schwert. Ein gedämpftes Lachen stoppte meine Bewegung. „Kein Gegner in Sicht", hörte ich Anordils Stimme, „aber wir müssen aufbrechen."

Ich rappelte mich hoch. Während ich noch den Schlaf aus den Augen vertrieb, schüttelte ich meinen Umhang aus und rückte meine Waffen an den richtigen Platz. „Eilt euch", mahnte Luvalaes streng, „wir müssen los."

So rasch es ging, sammelten wir uns. Dann ging es los. Samweis und Luvalaes führten unsere Gruppe zu der ehemaligen Staustufe. An einer felsigeren Stelle, führte er uns in das seichte Uferwasser. Versteckt zwischen den Felsen und geschützt durch einen Überhang aus schnellwachsendem Efeu, bemerkte man den Höhleneingang im letzten Augenblick. Er war schmal, so schmal, dass eigentlich nur ein Hobbit eine Chance hatte hineinzuschlüpfen. Ich zweifelte daran, ob es uns gelingen würde, hindurch zu kommen. Gimli besah sich das Ganz skeptisch. Auch er schien ähnliche Überlegungen zu hegen.

„Es ist zwar sehr eng", erklärte Luvalaes, als er unsere Blicke bemerkte, „aber der Gang dahinter wird nach ein paar Schritten breiter." Dann zwängte er sich hindurch. Er musste sich stark bücken, um nicht an den Fels zu stoßen. Die Hobbits folgten ihm. Diese hatten keine Schwierigkeiten.

Mit einer auffordernden Handbewegung wollte ich Gimli den Vortritt lassen. „Das geht nicht, Herrin", knurrte er, „auch wenn ich ein Zwerg bin, bin ich durchaus höflich und lasse Euch voraus gehen." „Nun, denn, Herr Zwerg", sagte ich, „wir sehen uns auf der anderen Seite."

Ich nahm die beiden Schwerter vom Rücken sowie Köcher und Bogen. Es war nicht leicht alles in der Hand zu tragen, doch es blieb mir keine Wahl, wenn ich durch diese Spalte wollte. Mit der rechten Seite voran beugte ich mich etwas, damit ich nicht mit dem Kopf an die Decke stieß. Mit einem leisen Fluchen zwängte ich mich hindurch. Mittendrin hatte ich das Gefühl, dass es nicht vorwärts und nicht rückwärts ging. Verbissen kämpfte ich mich voran. Warum nur ist es den Elben so leicht gefallen hier durchzukommen, fragte ich mich, sie waren doch durch die Bank größer als ich! Aber dann fühlte ich eine Hand, die mich packte und nach vorne zog. Anordil half mir aus der Spalte heraus.

„Erinnert mich etwas an die Höhlentour in Rohan", grummelte ich, während ich mir den Felsenstaub von meinem Gewand klopfte. „In Rohan waren die Gänge allerdings etwas breiter, dafür aber länger", konterte Anordil lachend. Hinter mir hörte ich ein Ächzen und Schimpfen.

„Das kann nur Gimli sein", stellte ich trocken fest. „Er passt offenbar nicht durch", kommentierte Meriadoc die Laute. „Wohl doch zuviel gegessen, der Gute", meinte Peregrin, als der blonde Schopf von Legolas auftauchte.

„Gimli und ich werden uns Thinrovals Kriegern anschließen", erklärte er, „er passt nicht durch die Spalte." „Sie lagern südwestlich von Buckelstadt", sagte Anordil, „Thinroval wird euch erkennen." Legolas nickte nur kurz verstehend, bevor er sich erneut durch die Spalte zwängte.

Luvalaes hatte in der Zwischenzeit ein paar Fackeln verteilt, die in einer Kiste lagen. „Wir brauchen nur eine", meinte Anordil. „Die restlichen sind für später", sagte Luvalaes, „wir werden sie in Buckelstadt vielleicht noch brauchen können." Er entzündete eine der Fackeln und reichte sie Anordil. Kaum hatte er sie in der Hand, so wandte er sich auch dem rechten der beiden Gänge zu und verschwand darin. Wir folgten ihm leise.

Es dauerte nicht lange bis sich bei mir ein Gefühl der Beklemmung einstellte. Ich mochte diese engen Gänge nicht. Die Hobbits vor mir hatten keine Probleme. Sie passten bequem hindurch und hatten sogar noch ein bisschen Platz. Aber ich blieb ständig an der groben Felswand hängen. Andauernd stieß ich mich irgendwo oder musste mich durch ein engeres Gangstück zwängen.

Doch bevor mir tatsächlich klaustrophobische Anwandlungen kamen, weitete sich der Gang vor uns. „Wir sind unterhalb des großen Backhauses in Buckelstadt", flüsterte Luvalaes, „dort vorne müssen wir die Leiter hinauf." „Sieh nach, ob das Backhaus immer noch unbewohnt ist", warf Anordil ein. Luvalaes nickte und kletterte behände die reichlich grob gezimmerte Leiter hinauf. Sie schien schon alt zu sein, obwohl sie keineswegs morsch wirkte. Nach einer Weile steckte er den Kopf hinunter. „Alles in Ordnung", sagte er im normalen Tonfall, „kein Ork weit und breit."

Etwas entspannter, doch immer noch mit der notwendigen Prise Vorsicht, kletterten wir die Leiter hinauf. Oben kamen wir in einem Raum heraus, der wohl mehr als Lager genutzt wurde. Auch hier sahen wir zahlreiche Säcke mit verdorbenem Mehl. Im Nebenraum standen drei große Backtröge, in denen noch vertrockneter Teig klebte. Offenbar waren die Betreiber des Backhauses von ihrer Arbeit vertrieben worden, ohne sie beenden zu können. Jedenfalls durchdrang der säuerlich faulige Geruch nach verdorbenem Teig das gesamte Backhaus.

Von draußen drang Lärm zu uns herein. Ich hielt meine Hände in Reichweite meiner Waffen. Mein Puls stieg merklich an. Luvalaes ging lautlos zu einem der verhangenen runden Fenster. Vorsichtig spähte er hinaus. „Es dämmert bereits", sagte er leise, „draußen kehrt Ruhe ein." Ruhe? Na ja, wenn man das ganze vom Orkstandpunkt aus betrachtete, mochte er vielleicht Recht haben, aber als Ruhe konnte ich diesen undefinierbaren Lärm nicht bezeichnen.

Anordil trat neben Luvalaes und sah ebenfalls hinaus. „Hm", ließ er verlauten, „von hier aus haben wir einen wirklich guten Blick auf Buckelstadt ..." „... so können wir uns mit dem Gelände vertraut machen, ohne einen Fuß hinaussetzen zu müssen", ergänzte Luvalaes trocken.

Neugierig schlich ich mich zu den beiden. Mit äußerster Vorsicht lugte ich hinaus. Tatsächlich konnten wir einen Großteil der Stadt überblicken. Buckelstadt lag vor uns ausgebreitet. Das Backhaus war an eine Seite der Stadt gebaut worden. In einigem Abstand dazu stand das nächste Haus. Freistehende Häuser mischten sich mit denen, die in die Erde hineingebaut waren. Es erstaunte mich immer wieder, dass die Hobbits nicht nur Häuser in die Erde gruben, sondern auch auf offenem Gelände bauten. Aber allen gemeinsam war die halbrunde Türe und die rundlichen Fenster. Jedoch störten die Orks, die lärmend durch die Gassen zogen, das Gesamtbild empfindlich.

Zum Glück kam keiner von ihnen auf die Idee in dem verlassen daliegenden Backhaus nachzusehen. Auch ließen die Aktivitäten mit dem steten Aufgehen der Sonne drastisch nach. Offenbar zogen die Orks es vor, schützendes Dunkel aufzusuchen. Trotzdem war Buckelstadt eine Stadt der Orks geworden. Von unserem Standpunkt aus hatten wir einen guten Blick zum Groß-Smial der Tuks, dem Bürgermeisterhaus von Buckelstadt. Es wurde von zahlreichen Orks bewacht.

Die Orks, die offenbar zu nichts nützlichem eingeteilt waren, beschäftigten sich , wie Orks sich eben beschäftigen - Schlägereien, Streitigkeiten, Nahrung beschaffen. Doch es war wohl noch genügend Vieh vorhanden, so dass sie sich nicht an den gefangenen Hobbits gütlich taten.

„Oder diese Kreaturen denken, dass an uns nicht viel dran ist", flüsterte Samweis mir zu, der meine Gedankengänge wohl nachvollziehen konnte. Er war neben mich getreten und lauschte angewidert dem verhallenden Lärm der Orks. „Oder sie haben den Befehl keinen Auenländer zu verspeisen", konterte ich und sah ihn an. „Möglich", entgegnete er knapp. Dann zog er sich wieder zurück zu seinen Freunden.

Als sich die Sonne der Mittagsstunde näherte, begannen unsere Vorbereitungen. Jeder ging auf den Posten, der ihm zugestimmt war. Dann warteten wir. Schließlich war es soweit. Ein brennender Pfeil schlug zischend in einen der zahlreichen verstreuten Heuballen ein, die keiner weggeräumt hatte. Ein grober Fehler, wie sich jetzt herausstellte.

Nur einen Sekundenbruchteil später stand der Ballen in hellen Flammen. Dies war das Zeichen für Thinrovals Krieger. Wir brauchten auch nicht lange zu warten, bis wir das Hornsignal Cilliens hörten. Kampfeslärm erhob sich von der Verteidigungsmauer. Da Thinroval die Schwachstellen herausgefunden hatte, konnten die angreifenden Elben rasch Erfolge erzielen. Orks hasteten von allen Seiten auf die Mauern zu. Man sah ihnen an, dass das Sonnenlicht sie quälte.

Erst als die Uruk-Hai eingriffen, kam unser Angriff. Von den gezielten Schüssen aus den Schleudern der Hobbits verwirrt, suchten sie eine Möglichkeit sich zu verteidigen, doch die meisten fielen unseren Pfeilen zum Opfer. Der nachfolgende Kampf Mann gegen Ork gestaltete sich als sehr schnell. Die Sonne war noch nicht viel weitergewandert, als die Stadt sich wieder in Hobbithänden befand.

Grima hatte dabei sein Heil in der Flucht versucht. Doch diesmal kam er nicht zu den Stadtmauern hinaus. Vor dem Westlichen Tor wurde er gestellt. Seine Augen blickten wirr aus dem abgemagerten Gesicht hervor. Seine Haare fielen verfilzt und fettig auf den von Motten zerfressenen Fellmantel. Er machte eher den Eindruck einer übergroßen Ratte, denn eines Menschen. Und so wurde er auch behandelt. Unter einem Hagel von Steinen hauchte er sein Leben aus. Kein schöner Tod, doch er hatte ihn wohl verdient.

Sobald die überlebenden Orks und Uruk-Hai mitbekamen, dass ihr Anführer und somit ihre Verbindung zu Saruman verschied, trachteten sie danach zu entkommen. Einigen gelang es, doch der größte Teil hauchte sein Leben unter den blitzenden Schwertern der Elben aus, oder wurden ebenfalls gesteinigt.

Am Abend gehörte Buckelstadt wieder den Hobbits. Die Gefangenen wurden befreit und die Erleichterung war nahezu spürbar. Als Peregrin in den Armen seines Vaters lag, kamen mir beinahe die Tränen. Doch so herzergreifend sich das Wiedersehen auch gestaltete, ich war nicht fähig eine wirkliche Regung zu zeigen. Das viele Blutvergießen hatte mich stumpf gemacht. Erst als Anordil mich umarmte taute ich auf. „Ist es nun vorbei?", fragte ich zaghaft. Er lächelte sanft. „Nun ist es wohl vorbei", antwortete er zärtlich. Wir gingen zurück in das Backhaus. Dem einzigen Ort zurzeit, wo sich niemand aufhielt. Ich konnte es auch niemandem verdenken. Aber das war mir egal. Abgeschirmt von den Blicken anderer konnte ich hier meinen Tränen freien Lauf lassen. Ich heulte und schluchzte erbärmlich. Alles, was sich aufgestaut hatte, brach aus mir heraus. Erst als der Tränenstrom versiegte, war ich bereit an der Freudenfeier teilzunehmen, die draußen stattfand. Es war vorbei!

To be continued ...