Drei Tage ist es her, seit wir unsere Mission so oskarreif in den Sand gesetzt haben und drei Tage ist es her, seit Brad angefangen hat endgültig am Rad zu drehen.
Ich habe ja schon viel im Hause Schwarz erlebt, aber dass unser Leader seine hellseherischen Fähigkeiten einfach komplett und ohne Hinweise auf eine baldige Wiederkehr abhanden kommen, das ist nun wirklich noch nie passiert.
Natürlich war erstmal ich der Schuldige. Wer auch sonst. Mein Name prädestiniert mich ja geradezu für Schuldzuweisungen. Und ich muss ehrlich zugeben, einen kurzen Augenblick habe ich es sogar selbst geglaubt. Immerhin hatte der arme Brad meiner Kurzschlussreaktion in jener Nacht einen halben Hirnschlag zu verdanken.
Aber, wie bereits erwähnt, es war nur ein kurzer Augenblick. Es gab genug Hinweise darauf, dass es schon vor meiner geistigen Notbremse mit seinen Fähigkeiten alles andere als rosig ausgesehen hatte. Ich war bei dieser ganzen Misere wohl nur der Tropfen, der das Fass zum überlaufen gebrachte hatte, gewesen.
Die Bestätigung war auch nicht schwer zu bekommen. Angenehmer Weise redet unser Leader nämlich im Schlaf, wenn ihn irgendwas schwer belastet, wie zum Beispiel sein unfreiwilliger Fähigkeitenkonkurs. Dann kann man ihn wirklich ausnahmslos alle Fragen stellen. (auf diese Weise habe ich ihm schon so manches wohl gehütetes Geheimnis aus der Nase gezogen)
Tja, und seither hängt bei uns der Haussegen gründlich schief. Brad kann einfach nicht damit umgehen nicht zu wissen, was als nächstes passieren wird. Daraus folgt eine grenzenlose Unsicherheit, mit der er noch weniger umgehen kann. Und daraus wiederum folgt ein unbeherrschter, jähzorniger und langsam dem Wahnsinn anheim fallender Scheißkerl.
Nagi ist dabei wohl am Schlimmsten dran. Unser Jüngster ist dank seiner Verletzung nicht agil genug, um Brad einfach aus dem Weg zu gehen. Farfarello kann sich in seinem Keller verstecken, was er natürlich auch ausgiebig macht und sich nur blicken lässt, wenn er Freund Nase in mindestens zwanzig Metern Entfernung weiß. Und mich selbst lässt unser hauseigener Brüllaffe den jüngsten Ereignissen entsprechend noch in Ruhe.
Wenigstens hält er sich mit Handgreiflichkeiten gegenüber Nagi zurück. Wäre ja noch schöner.
Ich sitze also gerade gemütlich im gemeinsamen Wohnzimmer, hänge meinen Gedanken nach und schaue mir meine Lieblingsserie im Fernsehn an, da scheint meine Schonfrist unglücklicherweise abgelaufen zu sein. Ich höre Brad die Treppe runterstürmen und kann gerade noch dem bunten Etwas ausweichen, dass er nach mir geworfen hat.
Dem dumpf klatschenden und anschließend laut scheppernden Geräusch nach zu urteilen war es wohl ein Buch, dass gerade eine der teuren Ming-Vasen ins Jenseits befördert hat. Wie auch immer ich mir mit Fernseh schauen den Beinamen Zielscheibe für fliegende Bücher eingehandelt habe, der Tod einer von Brads heiß geliebten und potthässlichen Antiquitäten gab dem folgenden Sturm nochmal zusätzlich gewaltigen Zündstoff.
In einer Lautstärke, dass mir die Ohren klingeln, wird mir sonstwas an den Kopf geworfen. Was es genau ist, will ich lieber nicht wissen. Das Einzige, was ich mir aus den sich überlagernden Schallwellen von Brad und dem Fernseher, den ich parallel immer lauter stelle, zusammenreimen kann, ist, dass ganz offenbar meine Wenigkeit schuld an dem Vasenmord sein soll.
Danke, wer's glaubt wird selig und ich habe jetzt endgültig die Nase voll. Ich brauche dringend frische Luft und Ruhe. Dieser ganze Irrsinn lässt mich ja schon selbst nicht mehr ganz rund laufen. Personifizierte Gegenstände sind der beste Beweis. Und Brad wird ja wohl nicht gleich, so hoffe ich zumindest, die Schwarzvilla in eine Leichenfabrik verwandeln, wenn meine überreizte Wenigkeit für ein paar Stunden das Schlachtfeld räumt.
Ohne noch groß darüber nachzudenken, welche Folgen es vielleicht haben könnte, Brad ausgerechnet JETZT stehen zu lassen, stehe ich einfach auf, gehe an ihm vorbei und zur Haustür raus. Meinen Autoschlüssel trage ich ja zum Glück immer in der Hosentasche mit mir rum.
Bevor also irgendjemand, speziell ein Bradley Crawford, auf die Idee kommen könnte, mich aufzuhalten, sitze ich auch schon in meiner zu den Schlüsseln gehörenden Höllenmaschine und düse über die Stadtautobahn irgendwohin. Wohin genau werde ich sehen, wenn ich da bin. Soweit reicht der Arbeitsspeicher meines gequältes Hirns jetzt dummerweise nicht mehr.
