Es braucht ein paar Stunden und eine ganze Tankfüllung, bis ich mich durchringen kann, mein reichlich überhöhtes Tempo auf Normal herunter zu schrauben und mich ernsthaft auf die Suche nach einem Ort zu machen, an dem ich ausspannen kann.

Ich schwanke gerade zwischen der freien Natur irgendwo außerhalb von Tokyo und dem nächstbesten Stadtpark. Entsprechend meiner steigenden Unlust, noch weiter hinterm Steuer meines Wagens zu sitzen, wäre wohl Letzteres angebracht. Also folgte ich einfach meiner Nase und komme tatsächlich nur kurze Zeit später an einem hübschen kleinen Stadtpark vorbei. Gut, so überraschend ist das jetzt nun auch wieder nicht, schließlich gibt es in Japans Hauptstadt reichlich davon.

Nur leider leider hatte meine erste Wahl einen gut bespielten Fußballplatz. Meinem derzeitigen Glück nach zu urteilen wäre es ehrlich keine Überraschung, wenn ich mir die fehlgeleiteteten Torschüsse mit der Präzision ein Hirnchirurgen einfangen würde. Außerdem bin ich kein allzu begeisterter Fan davon, 22 Knalltüten dabei zuzusehen, wie sie einem kleine Ball hinterher jagen, wie die Hundemeute der Katze.

Ich bin schon drauf und dran mir ein neues Ziel auszusuchen, als mir etwas, oder besser gesagt, jemand ins Auge fällt. Augenblicklich stehe ich mit beiden Füßen auf der Bremse. Die Reifen protestieren quietschend und der Motor meldet sich mit einem beleidigten Rülpsen ab, aber das ist nur Nebensache. Dort, auf dem Fußballplatz, zwischen einem Haufen Kindern, befindet sich jemand, den ich definitiv immer und überall wiedererkennen würde, genau, wie jeden anderen der größten Konkurrenten von Schwarz im Killergeschäft. Meine Wenigkeit ist mit traumwandlerischer Sicherheit genau in die Arme Siberians gelandet, metaphorisch gesehen.

Was, zur Hölle, macht dieses Katzenvieh ausgerechnet hier, wenn ich anmaschiert komme?! Obwohl...umgedreht wäre die Frage sinnvoller. Was zur Hölle mache ich an einem Ort, wo, laut Nagis gesammelten Akten, eines der vier kleinen Weißmiezen sich gerne tummelt. Brads Buch muss mich irgendwie doch erwischt haben und irgendwas an meiner geistigen Gesundheit gedreht haben. Warum sonst sollte ich mich frewillig so zielstrebig in Feindgebiet begeben. Also, nicht, dass ich mich nicht wehren könnte bzw. ein einzelner Weißmember mir überhaupt gefährlich werden könnte... Man muss es halt nur nicht drauf anlegen.

Aber andererseits, eigentlich könnte das sogar noch recht interessant werden und ich könnte ein paar angestaute Aggressionen loswerden. Was könnte im Moment auch spannender zu sein, als einmal selbst in die Position des Bösen zu schlüpfen, anstatt das Opfer zu sein, Missionen nicht mitgezählt

Siberian war doch das perfekte Opfer. Schüchtern, Unscheinbar, der Trottel vom Dienst und nicht besonders schlagfertig, wie ich ihn bis jetzt so erlebt hatte. Ich muss gerade richtig hinterhältig grinsen. Das konnte doch glatt was lustiges werden...

Entschlossen steige ich aus und mache mich auf den Weg, dem Fußballgeschehen im Park mal einen genaueren Blick zu widmen. Den Wagen lasse ich einfach stehen, wo er sowieso schon recht gemütlich steht. Für den unmöglichen Fall, dass irgendwer sich daran stört... nun, wozu war ich Telepath.

Die paar Meter bis zum Spielfeldrand waren schnell überwunden und schon stehe ich relativ unsichtbar im Schatten eines Baumes und bekomme den Mund nicht mehr zu. Ich muss ehrlich zugeben, meine Augen sind nicht die besten. Unter normalen Umständen trage ich auch Kontaktlinsen, oder manchmal auch eine Brille. Aber ausgerechnet heute musste ich Hornochse ja darauf verzichten.

Hätte ich vom Auto aus einen ein bisschen besseren Ausblick gehabt, wäre ich wahrscheinlich nicht so übervoll mit fiesen Gedanken und Ideen losgestürmt, sondern hätte mich schleunigst aus dem Staub gemacht und alles vergessen, was ich gesehen habe. Der Anblick, der sich mir hier gerade bietet ist absolut und unbestreitbar das Schönste, was ich je zu Gesicht bekommen habe.

Siberian zeigt gerade den Kindern, direkt vor meiner Nase, die vollendete Perfektion im Umgang mit Körper und Ball. Dazu hatte er nicht viel mehr an an als Shorts und Sportschuhe und sein nackter Oberkörper offenbarte mir glatte braungebrannte Haut und genau die richtige Menge an Muskeln, die sich deutlich abzeichneten.

Was waren nochmal meine genauen Gedanken von vorhin? Schüchtern? Unscheinbar? Der Trottel vom Dienst? Definitiv nicht! Mit so einem Adoniskörper war man nicht unscheinbar, und wenn man sich so ungeniert größtenteils nur in Adamshaut gekleidet in der Öffentlichkeit zeigte, war man unter Garantie auch nicht der schüchterne Typ. Und so, wie er mit dem Ball umging als ob er nur mal eben in den Supermarkt nebenan zum Kaffeeholen gehen würde, frage ich mich ernsthaft, warum überhaupt irgendjemand auf die IDEE kommen konnte, Siberian wäre ein Trottel.

Heilige Scheiße, wer konnte auch ahnen, dass sich in einem mickrigen hässlichen Straßenkater mit Säcken als Klamotten ein verdammter Adonis mit allem drum und dran steckt. Gut, ein paar Nummern kleiner vielleicht als die zahlreichen Originale, aber ein Adonis bleibt ein Adonis.

Himmel, Arsch und Zwirn, Brads Wahnsinn ist ansteckend. Ich bin gerade drauf und dran einer Miezekatze zu verfallen. Und das nicht zu knapp.

Ich bin Perfektionist. Das mag für jeden, der nicht viel mit mir zu tun hat, wie Brot mit Kakerlake klingen, aber ich finde Perfektion einfach faszinierend. Das sich überall in meinem Lebenswandel niederschlägt, leider auch in meinem Liebesleben.

Man, das letzte Mal ist schon Ewigkeiten her. Ich kann fühlen, wie sich in mir ein gewisses Verlangen breit macht, während ich Siberian weiter bei seinen Spielereien beobachte. Verflucht noch eins, der Kerl gehörte verboten. Ich habe schon eine Beule in der Hose. Ich kann heilfroh sein, dass meine Hosen eng genug sind, um die Reaktion auf die Adonis-und-sexuell-frustriert-Kombination aufzuhalten.

Aufeufzend setzte ich mich schließlich einfach an den Baum und genieße die Show. War ja nicht so, dass ich allzu bald nach Hause musste. Und warum nicht ein bisschen das Leben genießen, wenn es auch anders geplant war.

Etwa eine Stunde sitze ich da. In dieser Zeit ist meine Erregung nicht ein einziges Mal wenigstens ein klitzekleines Bisschen abgeklungen. Trotzdem fühle ich mich seltsam ruhig. Ich hatte ein wenig in Siberians Gedanken herumgeschmökert. Einfach, um zu schauen, was ich vielleicht noch alles nicht weiß. Und da habe ich die nächste Überraschung erlebt. Ich habe, ehrlich gesagt, noch nie so ruhige und gradlinige Gedankengänge erlebt.

Der normaldurchschnittliche Mensch leidet nervigerweise an einem überlauten Unterbewusstsein, das munter vor sich hin wütet. Vorzugsweise in äußerst depressiven und selbstzerstörerischen Gedankengängen, die zusätzlich meist noch wunderbar chaotisch waren.

Ich war eigentlich immer der festen Überzeugung, dass Siberians Hirn ein einziges kreischendes Chaos sein musste (ich hatte es bisher noch nicht für nötig befunden, einmal nachzuschauen), aber gut, ich hatte ihn ja auch für mickrigen hässlichen Straßenkater ohne Rückgrad gehalten. So konnte man sich irren...

Siberian ist in seinem ganzen Wesen ein menschgewordener Fels in der Brandung. Unerschütterlich und mit einer Ruhe gesegnet, die selbst meinen Wildwassercharakter in langsamere, weniger aufgewühlte Bahnen lenkte. Für mich hatte hat Spruch „Stille Wasser sind tief" eine ganz neue Bedeutung gewonnen. Nicht, dass ich mir normaler Weise darüber Gedanken mache.

Wie ich da so meinen Gedanken und Gelüsten nachhänge, kommt er plötzlich mit äußerst zielstrebigen Schritten auf mich zu. So ganz hat mein Gehirn das Ende der Fußballsession vor meiner Nase wohl nicht wahrgenommen.

Ich erstarre und drücke versuche mich auf meinem Platz unsichtbar zu machen. Aber das erweist sich als sinnlos. Siberian hat mich nicht gesehen. Er will nur zu seinem Zeug, dass er am Spielfeldrand abgeladen hatte. Ein wenig erleichtert seufze ich auf.

Das hätte ich nicht tun sollen. Der junge Gott, der gerade sein Gesicht abtrocknet, hat mich gehört. Und wie es sich für einen normal neugierigen Menschen eben gehört, schaut auf und mich an. Sekundenlang starren wir uns gegenseitig in die Augen, bis mir ein zornig und lautstark gedachtes „Mastermind" einer Atombombe gleich ins Hirn kracht.

Nur mit Mühe halte ich meine Mimik unter Kontrolle, kann aber ein schmerzverursachtes Zischen nicht verhindern. Himmel, hatte der Junge ein geistiges Organ. Aber der mentale Brüllaffe hatte sich erstaunlich schnell wieder unter Kontrolle, widmet sich wieder seinen eigenen Sachen und dreht mir dabei unverblümt der Rücken zu.

Wieder erwischte er mich eiskalt. Ich hätte jetzt wirklich mit allem Möglichen gerechnet. In den Sekunden, die wir uns angestarrt haben, habe ich mir die unterschiedlichsten Reaktionen von ihm ausgemalt, von einem Blitzangriff bis zum schreiend Davonrennen. Aber ignoriert zu werden stand definitiv nicht auf meiner Liste.

Die Überraschungen sammeln sich. Seine Anziehungskraft auf mich auch. Ich sehe Siberian sehr interessiert dabei zu, wie er sein Zeug zusammenpackt und, bedauerlicher Weise, in diese für ihn so typischen sackartigen Sportklamotten schlüpft. Er ist schon im Begriff zu gehen, als ich, einem plötzlichen Impuls folgend, mit einer schnellen Bewegung auf den Beinen bin und mit zwei langen Schritten bei meinem neugewonnenen Objekt der Begierde. Ich stelle mich ihm einfach in den Weg.

„Warum bist du so gelassen?" Okay, seltsame Frage, zumindest für ein Schwarz. Aber es interessierte mich gerade wirklich BRENNEND! Siberian sieht mir ausdrucklos in die Augen. Dann antwortet er genauso ausdruckslos: „Nicht einmal euer messerschwingendes Narbengesicht wäre so dumm, einen Mord auf offener Straße zu begehen."

Zwei kurze Sekunden lang werde ich noch mit diesen tiefbraunen, fast schwarzen Augen, die mir die Seele auszusaugen schienen, fixiert, dann geht er. Einfach so, ohne sich umzuwenden, ohne Hast, ganz so, als wäre alles in allerbester Ordnung. Nun, vielleicht war es das auch für ihn. Aber ich hatte ganz schön mit meiner Fassung zu kämpfen. Damit hat er mein letztes Vorurteil, er wäre nicht schlagfertig, erfolgreich ausradiert.

Fluchend gehe ich zurück zum Auto. Heute war eindeutig nicht mein Tag. Und die schöne Ruhe, mit der mich die bloße Anwesenheit Siberians erfüllt hatte, ist seit seinem Weggang auch wieder futsch. Da nicht zu erwarten ist, dass ich mich heute noch irgendwie wieder in Griff kriege, entschließe ich mich, einfach wieder nach Hause zu fahren. Brad würde ich schon irgendwie gebändigt kriegen. Zwar hätte das grauenhafte Kopfschmerzen zur Folge. Aber hey, vielleicht werde ich ja dann dieses äußerst verwirrende Bild von einem Fußballspielenden Liebesgott los, welches sich gnadenlos in meine Netzhäute eingebrannt hatte. Gott, Siberian bräuchte für dieses Aussehen einen Waffenschein...