Ich starre. Schon wieder. Meine neueste Lieblingsbeschäftigung. Und diesmal ist es Brad, der mich dazu verleitet.
Ich bin gerade von meinem mehr oder minder freiwilligen Ausflug ins Feindesland zurück und habe unsere Villa mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch betreten. Man kann ja nie wissen, ob der neugewonnene Wahnsinn meines Lieblingshellsehers mich vielleicht mit einer Runde fliegender Untertassen begrüßt.
Aber Pustekuchen. Brad ist für heute definitiv ruhig gestellt. Und eventuell auch noch für die nächsten Tage gleich mit. Er hat nämlich, dem penetranten Alkoholgestank und der reichlich herumstehenden und -liegenden Schnapsflaschen nach zu urteilen, kräftig einen über den Durst getrunken. Das letzte Mal, dass Brad dermaßen zu war, liegt acht Jahre in der Vergangenheit. Und...
Sekunde... wieso fällt mir das eigentlich jetzt erst auf. Ausfstöhnend schlage ich mir mit der Hand vor die Stirn. SO bescheuert kann doch nicht mal ich sein. Dabei sind die Indizien doch mehr als nur eindeutig. Ungläubig wende ich den Blick von der Schnapsdrossel auf dem Sofa und gehe fast wie in Trance hoch in mein Zimmer.
Bradley Crawford, DER Bradley Crawford, der jegliche Art von Gefühlen, die tiefer gehen als die Verpflichtungen gegenüber den Teamkollegen, so gut es geht meilenweit umschifft, der keinen Menschen näher als 10 Meter an sich heran lässt und der für meine, Nagis und Farfarellos Beziehungsprobleme (na gut, in Farfarellos Fall eher Nichtbeziehungspobleme) nichts als einen verachtenden Blick und ein paar spöttische Worte übrig hat, genau DIESER Bradley Crawford ist mit relativer Sicherheit bis über beide Ohren verliebt.
Haargenau dasselbe Schema hatten wir nämlich schon einmal vor acht Jahren. Brads Eigenart, vor allem positive Gefühle und ganz besonders die Liebe zu verdrängen, wirkt sich lustiger Weise ziemlich heftig und direkt auf seine praekognitiven Fähigkeiten aus. Kurz, er kriegt keine Visionen mehr. Und dann führt eins zum andern. Erst fängt er an zu lügen und Probleme herunter zu spielen, dann wird er agressiv bis zum Geht-nicht-mehr und schließlich endet er in einem Meer aus Schnaps.
Damals war es der Postbote gewesen. Und ich muss zugeben, der Kerl hätte als Model arbeiten können, wenn er das gewollt hätte. Wäre er nicht schon belegt gewesen, dann hätte ich mich an ihn rangemacht. Aber ich habe dann doch lieber die Rolle der „Kupplerin" in dem ganzen Spiel übernommen. Ich habe es damals irgendwie, nach einigem Hin und Her, auch tatsächlich gedeichselt bekommen, die beiden zu verkuppeln. Ein wirklich hartes Stück Arbeit.
Das Ergebnis hatte sich dafür gelohnt. Fast ein ganzes halbes Jahr herrschte innerhalb von Schwarz eine heilige Glückseeligkeit. In dieser Zeit hatte Brad auch in einem Anfall von Nächstenliebe Nagi ins Team geholt. Aber lange hielt es nicht.
Es stellte sich heraus, dass Herr Postbote ein geldgieriges Arschloch war, der sich gern von reichen Kerlen, oder wahlweise Weibern, aushalten ließ. Das Schwein hatte zehn davon an jedem Finger und unser armes Leaderchen gehörte da, würde man einen Vergleich anstellen, zu den ganz „Armen".
Nachdem ich das geschnallt hatte, und etwas später auch Brad, ist der Gute einfach in hohem Bogen zur Tür rausgeflogen und bezahlt wahrscheinlich heute noch seine Schulden. Ich muss grinsen. Oh ja, Brads Rache war bitter gewesen.
Jeder noch so kleine Yen, den er für diesen kleinen Gigolo ausgegeben hat, wurde notiert, zusammengerechnet und am Ende als Rechnung an betreffende Person weitergereicht. Und die Rachepläne gingen noch weiter. Irgendeine anonyme Privatperson (na, wer das wohl war...) hatte die gesammelten Informationen über das Lotterleben einer gewissen Person, inklusive der frisch angehangenen Schulden, an alle anderen bemitleidenswerten Reichen, die auf eben diese gewisse Person hereingefallen waren, geschickt. Das Ergebnis: Klein-Postboten-Betrüger saß auf der Straße.
Tja, wer sich mit Brad anlegt, der verlässt besser augenblicklich das Land. Oder besser, gleich den Planeten. Aber zurück zum Ausgangspunkt. Bradley Crawford ist verliebt und versucht diese kleine Tatsache gekonnt zu verdrängen. Mit unangenehmen Folgeerscheinungen für seine Mitmenschen. Wunderbar...
Bleibt nur noch zu klären, wie wir das Problem beheben. Ich seufze auf. Wie sagt man doch schön? Bevor man die Symptome einer Krankheit behandeln kann, muss man erst die Ursache ausschalten? Mit anderen Worten, bevor man versuchen kann, einen Brad wieder gesellschaftsfähig zu machen, gibt es eine Zusatzladung Kopfschmerzen extrastark zum Mitnehmen für Schuldig auf Kosten des Hauses. Was will man mehr...
Entnervt von meiner zukünftigen Misere schaffe ich meinen armen bemitleidenswerten Hintern wieder zurück ins Erdgeschoss und in die Küche. Anschließend, mit einem Glas Wasser und meinen Migränetabletten bewaffnet, pflanze ich mich zu Brad auf das Sofa.
Gott, stinkt der! So schlimm rieche noch nicht einmal ich nach meinen nächtlichen Clubtouren. Da wird man ja schon vom bloßen Einatmen besoffen! Entsprechend angeekelt mache ich vermutlich gerade das dazu passende Gesicht. Aber nichts desto trotz umfasse ich den Kopf der Ursache der Alkoholfahne, welcher übrigens total verschwitzt, klebrig und mindestens genauso ekelig wie der Gestank selbst ist, und schließe die Augen.
Es kostet mich einige Anläufe bis ich durch Brads mentale Mauer bin. Mister Was-will-ich-mit-Liebe konnte das Ding, leider Gottes, auch noch im größten Suff einigermaßen stabil aufrecht erhalten. Und dann beginne ich zu wühlen. ...Und werde erstaunlich schnell fündig. Ich habe noch nicht mal richtig angefangen, da prasselt auch schon ein übergroßer Haufen an Bildern von einer einzigen Person auf mich ein, mit der ich nun wirklich als allerletztes auf dieser Welt gerechnet hätte.
Eigentlich dachte ich ja, ich hätte für heute schon genug Schockmomente hinter mir, aber fliegende Bücher, ein urplötzlich extrem attraktiver und interessanter Siberian und ein stockbesoffener Schwarzleader sind anscheinend nicht Herzinfarktrisiko genug. Nein, zu allem Überfluss musste sich dieser verdammte Suffkopp auch noch ausgerechnet in IHN verknallen.
Selbst bei einem alten Opa wäre ich ja noch mitgegangen, aber das... Warum? Warum ausgerechnet er? Gab es keinen anderen? Was weiß ich, IRGENDJEMAND? Aber...nein, das übersteigt meinen Verstand. Bradley Crawford hat sich in Schwarz' erbittertesten Feind verliebt. In niemand anderen als ABYSSINIAN!
