Irgendwer da oben hat gründlich was gegen mich. Ansonsten fällt mir kein weitere Erklärung ein, warum es in meinem Leben so gnadenlos und unaufhaltsam abwärts geht. Inzwischen ist es schon so schlimm geworden, dass ich mich praktisch gar nicht mehr zu Hause aufhalten kann.

Es besteht erhöhte Gefahr für Leib und Leben dank eines pubertären Teenagers samt irrem Anhang. Brads Autorität fehlt einfach an allen Ecken und Enden.

Eine Woche hat Nagi gebraucht, damit die Wunde von unserem letzten Totalreinfall-Auftrag einigermaßen verheilt war, zumindest soweit, dass er sich wieder frei bewegen konnte. Und damit brach die Hölle los. Selbst so simple Regeln, wie zum Beispiel, dass außerhalb von Missionen unsere übernatürlichen Kräfte nur im Notfall angewendet werden, oder dass Kinder und Verrückte bei Zeiten im Bett zu sein haben, werden einfach gekonnt ignoriert.

Schlimmer noch. Nagi hat recht schnell eine Vorliebe dafür entwickelt, seinen Willen mit kiloschweren Wurfgeschossen durchzusetzen und Farfarello macht sich systematisch über die Einrichtung der Villa her. Unsere Vorhänge sind schon ganz am Anfang gestorben, die Teppiche kamen gleich hinterher und zur Zeit ist es, glaube ich, die Vorratskammer, die dran glauben muss.

Dazu kommt, dass alle beide zu wahren Nachteulen mutiert sind und ich kann absolut überhaupt gar nichts gegen die sich anbahnende Naturkatastrophe im Hause Schwarz tun. Ich habe einfach nicht den Willen und die Geduld plus Hartnäckigkeit und Leaderautorität, die Brad hat, wenn er will.

Aber der ertränkt sich ja leider seit zwei Wochen mit steigender Begeisterung in seinen Schnapsflaschen. Mit anderen Worten, ich bin machtlos und pleite obendrein, so dass ausziehen auch keine Option ist. Unsere momentane Jobsituation ist, mit einem Wort, jämmerlich. Mit dem nichtkontrollierbaren Wahnsinn im Doppelpack plus minderjähriger Bockigkeit ist es so ziemlich unmöglich irgendeinen Hit unverletzt oder gar erfolgreich zu überstehen.

Und, als ob die „familiären" Probleme noch nichts ausreichen würden, stehe ich mit mir selbst auch noch in doppelten Gewissenskonflikt. Zum einen wäre da die Frage, ob ich Brad auf die Sprünge helfen sollte und mir damit meinen persönlichen Feind anlache, oder ob ich den weisen Anführer in seiner Unwissenheit ersticken lasse, mir selbst einen unliebsamen Friedensvertrag erspare, aber damit den heimatlichen Beinahe-Naturkatastrophenzustand zum Dauerzustand werden lasse.

Gewissenskonflikt Nummer zwei äußert sich in meinen persönlichen Gefühle gegenüber einem ganz bestimmten Weißkätzchen, genannt Siberian. Himmel, wer hätte gedacht, das ausgerechnet ICH mich noch mal ernsthaft verliebe in meinem Leben.

Ich bin zwar kein emotionaler Kühlschrank, wie ein Bradley „Schnapsdrossel" Crawford, aber auch nicht der Typ zum verlieben. War ich noch nie und, so war zumindest meine Überzeugung, hätte es auch nie werden sollen. Umso abgedrehter ist meine derzeitige Situation.

In den vergangenen zwei Wochen war mein einziger Rückzugspunkt von der Schwarz-internen Megamisere ein ganz bestimmter Park in den Randgebieten Tokyos, wo genau jenes Weißkätzchen, dass meinen Lebensinhalt einfach über den Haufen geworfen hat, so gut wie jeden Tag dem runden Leder hinterherjagt.

Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, ich weiß nur, dass es so ist. Ich habe mich in Siberian verliebt. Mit allem, was dazu gehört, inklusive einer unerhörten Schamhaftigkeit, die mir noch mal irgendwann den Verstand rauben wird.

Laut aufstöhnend lasse ich mich nach hinten ins Gras fallen. Heute ist so ein schöner Tag und ich habe nichts besseres zu tun als im Selbstmitleid zu baden. Dabei wäre es doch viel sinnvoller meinen Lieblingsstubentiger beim Oberkörper-frei-Fußball-spielen zu beobachten.

Wunderbar...Genervt schließe ich die Augen und rufe mir, mal wieder, ein Bild von Siberian, wie er mit Feuereifer einem seiner Jungs eine komplizierte Trippeltechnik erklärt, ins Gedächtnis. Ich kann mich noch genau erinnern, dass das zwei Tage nach unserer ersten Begegnung der dritten Art war.

Ich war mal wieder absolut überrascht gewesen, wie unglaublich fixiert mein Kätzchen mental wie auch verbal war. Keine verwirrenden Gedankensprünge, keine widersprüchlichen Äußerungen und kein Unterbewusstsein, dass immer wieder seine Meinung dazwischenkrähen musste. Es war unglaublich.

Ich finde es auch jetzt noch unglaublich. Nur, dass ich mich inzwischen daran gewöhnt habe. Es ist angenehm, in diesen ruhigen und geordneten Gedankengängen zu schwimmen und das eigene Hirn ein wenig vom übermäßigen Denken zu entspannen.

„Du siehst fertig aus!" kommt urplötzlich eine Stimme viel zu nah neben mir aus dem Nichts. Wie von der Tarantel gestochen schieße in eine sitzende Position und reiße die Augen auf...Und pralle prompt wieder zurück.

Das hätte beinahe einen Totalcrash mit Siberian gegeben, der da unbestimmt lächelnd über mich gebeugt dasteht. Jetzt verwandelte sich das Lächeln in ein Grinsen, ob meines wahrscheinlich äußerst schockierten und dämlichen Gesichtsausdruckes. Oh Himmel und Hölle, wie, zum Geier, schafft der Junge es nur so verdammt gut auszusehen.

Ich kann förmlich spüren, wie sich mein Gesicht, langsam aber unaufhaltsam tief dunkelrot färbt. Sein Grinsen wird breiter. Schließlich lässt er sich kurzerhand einfach neben mich ins Gras fallen und sieht mich von unten her immer noch grinsend an.

„Nicht, dass es mich was angehen würde, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass über seine Probleme zu reden hilft..." setzt er noch nach. „Ich..." Ich kämpfte gerade verzweifelt darum, meine Fassung wieder zu erlangen. Gar nicht so einfach, wenn man plötzlich dem Traum seiner heißen Nächte zum greifen nahe ist.

„Ich wüsste nicht, was ausgerechnet dich das angehen würde. Geh lieber wieder mit deinem Bällchen spielen, Miezi!" Gut, dass sollte jetzt eigentlich beleidigend sein. Nur klang es eher nach einer panischen Ausrede, Siberian aus meiner Nähe zu vertreiben. Und wahrscheinlich ist dieser auch zu genau diesem Schluss gekommen, denn er grinste mich immer noch, völlig unbeeindruckt, an.

„Liege ich richtig in der Annahme, dass deine Probleme mit Oracle zusammenhängen?" Ein neugieriger Blick trifft mich und ich werde bleich. „Was...Woher..." Wusste Siberian etwa, was im Hause Schwarz vor sich ging?

Nein! Unmöglich! Wie sollte das bitteschön gehen? Ich meine, mal abgesehen davon, dass wir bei unserem letzten Treff mit Weiß wie die Kinder vor dem Löwen gerettet werden mussten, so ist Brad doch eigentlich normal gewesen... soweit man bei Eisklotz B im Schwarz-Weiß-Gefüge noch von „normal" reden konnte.

Mitten in meinen Überlegungen holte mich ein Räuspern wieder in die Realität und zu meinem unerwarteten Gesprächspartner zurück. Siberian wartet immer noch auf eine Antwort. „Äh...nein...äh" Ich räuspere mich. „Wie kommst du denn darauf?!"

Mit einem Wort: lahm! Ich bin gerade sehr erfolgreich dabei, mein sorgsam erarbeitetes und ausgebautes Image vom fiesen arroganten Telepathen-Killer in der Mülltonne zu versenken.

Diese Nähe, dieser Geruch, dieses... göttliche Aussehen bringt mich völlig aus dem Konzept. „Hey, wir sind nicht im Dienst. Feinde sein können wir immer noch, wenn wir uns bei einem Auftrag gegenüberstehen.", antwortet er amüsiert auf meinen peinlichen Versuch, seiner Frage auszuweichen, und knufft mich freundschaftlich in die Seite. „Hä?", ist mein einziger geistreicher Kommentar darauf.

Und vermutlich schaue ich dazu passend reichlich dämlich aus der Wäsche. Denn Siberian beginnt schallend zu lachen. Und was das für ein Lachen. Ich habe das Gefühl, der Garten Eden täte sich vor mir auf. Nirgendwo sonst könnte es solche wunderschönen Klänge geben.

Ich weiß nicht genau warum, (okay, gut, ich weiß sehr genau warum) aber mein Verstand verabschiedet sich gerade in Richtung Jenseits. Ohne wirklich zu realisieren, was hier eigentlich gerade passiert, beuge ich mich, einem Impuls folgend, zu dem Objekt meiner Begierde rüber und küsse ihn. Einfach so. Ein einfaches Lippenaufeinanderlegen, nicht mehr. Aber gleichzeitig das Schönste, was ich je erlebt habe.

Ganz automatisch klappen meine Augen zu, während ich für den Bruchteil einer Sekunde diese unschuldige und doch so unglaublich anregende Berührung genieße. Bis mir in mein vernebeltes Gehirn sickert, WAS ich hier eigentlich gerade tue.

Schneller, als ich es für möglich gehalten hätte, bin ich auf den Beinen und genauso schnell lande ich auch wieder unsanft auf meinen vier Buchstaben. Panisch versuchte ich von Neuem auf die Beine zu kommen, während mich Siberian entgeistert anstarrt. Völlig bar jedes rationalen Denken tue ich das in meinem Panikanfall für mich noch einzig Logische: Wegrennen.