Hallo,

leider hat direkt nach dem Hochladen letzte Woche mein Account schlapp gemacht, so dass ich Eure Reviews auf Kapitel 26 (Show must go on) erst sehr verspätet beantworten konnte – ich hoffe, Ihr nehmt es nicht übel, es tut mir leid ...

Dafür kommt jetzt auch schon das nächste Kapitel ... : )

Und auch hier danke ich meiner wunderbaren Beta Callista Evans für die turboschnelle Bearbeitung – Du bist die Beste!

Another brick in the wall – Pink Floyd

Draco saß gemeinsam mit Hermine vor dem Gerichtssaal.
Er wünschte, am anderen Ende der Welt zu sein.

All die Wochen zuvor war es ihm gelungen, durch sein Leben in der Muggelwelt den Wirbel um seine Person zu umgehen – doch jetzt, als er die Heerscharen von Reportern sah, die sich nicht mit einem einfachen „kein Kommentar" abwimmeln lassen wollten, wurde es ihm um so deutlicher, wie sehr die Öffentlichkeit Anteil an dem Fall genommen hatte.

Er wurde befragt – über sein Leben als Muggel, über sein Verhältnis zu seinem Vater, über den Krieg, über die Folter durch die Hand seines Vater, über seine Verletzungen ...
Er gab keine Antwort.

Er wurde fotografiert.
Er wurde begafft.
Draco fühlte sich wie ein Tier im Zoo.

Er spürte, wie er immer gereizter reagierte, hoch gesteigert innerhalb von wenigen Minuten ...

Hermine hatte mit Draco zusammen vor der Tür gewartet, bis die Zeugen und Nebenkläger einzeln aufgerufen wurden.
Nicht viele wagten es, sich mit Lucius Malfoy anzulegen, aber Albus Dumbledore würde wie versprochen seine Erlebnisse schildern und sowohl Severus Snape als auch Harry Potter waren da. Aber wider Erwarten hatten sich noch mehr Menschen eingefunden, denen Lucius Malfoy im Laufe seiner Todesserkarriere Leid zugefügt hatte.
Harry hatte versprochen, möglichst viele Zeugen ausfindig zu machen, und er hatte ganze Arbeit geleistet.

Niemand sprach während sie alle warteten, nur gelegentlich wurde die Stille unterbrochen, wenn der Saalbüttel den nächsten Zeugen zum Verhör aufrief.
Draco wurde als Letzter genannt.

Unauffällig betrat Hermine hinter ihm den Saal und nahm in der letzten Reihe des großen, bis zum Bersten gefüllten Saales Platz.

Sie beobachtete, wie Draco nach vorne zum Rednerpult rollte. Sekundenlang maßen sich die beiden Männer mit den Augen – Angeklagter und Nebenkläger, Vater und Sohn, Lucius und Draco Malfoy.

Ob es nur Hermine auffiel, dass sich in Dracos Gesicht kurz, Bruchteile von Sekunden nur, der rechte Kiefermuskel anspannte? ... Und genauso, gleich einem Spiegelbild, zuckte es im Gesicht seines Vaters? Sie war sich nicht sicher, ... aber ... die Ähnlichkeit der beiden Männer nahm sie erneut gefangen.
Auch wenn der eine etwas älter war, der andere jünger; der eine wie immer die langen Haare nach hinten gebunden, der andere einen typischen, kurzen Manager-Muggel-Schnitt ... die beiden waren ... gleich.

Wie konnte sie nur diesen einen Mann so sehr lieben und den anderen so sehr hassen?

Der Vorsitzende bat Draco Malfoy, die Ereignisse des letzten Kampfes aus seiner Sicht zu schildern.
Hermine sah, wie ihr Freund trocken schluckte, bevor er zu reden ansetzte. Noch ein letztes Mal maßen sich Vater und Sohn mit Blicken ...

Vor Aufregung bohrten sich ihre Fingernägel in die eigenen Handflächen, als Draco ohne Emotionen zu zeigen schilderte, wie er an der Seite seines Vaters gekämpft hatte, ihm dann auf das Schlachtfeld gefolgt war, auf den Gipfel des Hügels, wo sie den Kampf von Voldemort gegen Harry Potter vermuteten. Der Saal lauschte atemlos, wie Draco berichtete, dass er da erst plötzlich realisiert hatte, dass er Teil eines Hinterhalts geworden war, dass er erst dann gemerkt hatte, was sein Vater vorhatte. Er berichtete von seinem Versuch, Lucius Malfoy aufzuhalten und von der Kombination der beiden unverzeihlichen Flüche.

Als Draco mit dem Satz schloss, dass damit seine Erinnerungen schwanden und er erst wieder in der Krankenstation erwachte, herrschte minutenlange Stille im Saal.

Draco hatte während des gesamten Vortrags seinem Vater gerade in die Augen gesehen. Dieser erwiderte den Blick seines Sohnes ohne Zeichen einer Gefühlsregung, die rechte Augenbraue leicht hochgezogen ... fast verächtlich.
Hermine spürte, wie eine Träne ihre Lippen erreichte ... sie hatte nicht gemerkt, dass sie weinte, aber sie ließ es einfach geschehen ...

Der Richter hob das Wort und forderte den Anwalt der Verteidigung zum Verhör auf ... Hermine hielt den Atem an.

Langsam, sehr langsam erhob sich der ältere, grauhaarige Herr in der schwarzen Robe und schlenderte fast gemütlich auf das Pult zu, an dem Draco auf ihn wartete.

Hermines Herz klopfte bis zum Hals ...
Das Verhör begann wie ein harmloses Geplauder. Hermine hörte wie durch eine dicke Watteschicht, wie der Anwalt sich erkundigte, wie Lucius Malfoy als Mensch gewesen sei. Als Vater ...

Doch Draco Malfoy war vorbereitet ... ruhig und sachlich, wie stundenlang mit George geübt, wies er den Anwalt darauf hin, dass dies hier nichts zur Sache tue, dass er nicht verpflichtet sei, Aussage über familiäre Verhältnisse zu treffen ...

Der gegnerische Anwalt suchte darauf hinzuweisen, dass es für die Wahrheitsfindung nötig sei, zu eruieren, wie Lucius Malfoy als Mensch sei, und was für ein Vater-Sohn-Verhältnis zwischen den beiden herrsche – oder ob es sich hier, mit dieser Aussage vielleicht nur um eine bloße Rache handeln könne. Hermine sah ein Zucken durch die Augen ihres Gefährten, doch ehe Draco antworten konnte, erhob der Vorsitzende Einspruch und verhinderte ein weiteres Eingehen auf private Themen.

Mit einem überlegenen Lächeln setzte der Anwalt erneut zum Verhör an.

„Mister Draco Malfoy ... Sie waren selber an dem Kampf beteiligt?"
„Jawohl."

„Und Sie standen auf ... welcher Seite?"
„Ich stand damals auf der Seite des dunklen Lords, dem, dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf."

Hermine blickte sich um. Sie spürte, wie die Stimmung in dem Saal umschwenkte. Einige Zuhörer hatten bei der Erwähnung Voldemorts scharf die Luft eingezogen.

„Sie waren Todesser?"
„Ja, ich war selber Todesser."

Der Anwalt spielte mit der Sympathie der Zuhörer wie mit einem Ball.
Hermine hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen.

„Sie tragen selber das dunkle Mal?"
„Ich trage selber das dunkle Mal."

Die alte Dame neben Hermine schüttelte leise vorwurfsvoll den Kopf.

„Seit wann?"
„Seit meinem siebzehnten Lebensjahr."

Und Hermine sah, wie Lucius Malfoy ... lächelte.

„Sind Sie nach Beendigung des großen Krieges gegen den dunklen Lord entsprechend geprüft worden?"
„Auch wenn dieser Umstand mit der momentanen Verhandlung nichts zu tun hat, möchte ich darauf hinweisen, dass ich, sobald es mir möglich war, Kontakt zu den zuständigen Behörden aufgenommen habe. Verständlicherweise war es mir in den ersten Jahren nicht möglich, Kontakt zur Zaubererwelt aufzunehmen ...
Der Anwalt versuchte ihn zu unterbrechen: „Warum nicht?"
Doch Draco fuhr ungehindert fort: „... aber ich hatte, nachdem ich wieder Kontakt zum Zaubereiministerium aufgenommen hatte, zügig die zuständigen Mitarbeiter kontaktiert."

„Und warum haben Sie so lange ...", der Anwalt blätterte kurz in seiner Aktenmappe, als müsste er nachlesen, „... also mehr als zehn Jahre gebraucht, bis Sie sich an das Zaubereiministerium wandten?"

Hermine spürte, wie das Misstrauen gegen den Sohn des Angeklagten im Saal fast greifbar wurde.

Draco setzte zur Antwort an, doch der Vorsitzende unterbrach das Verhör. „Das ist wohl kaum Thema der heutigen Verhandlung. Mister Malfoy ist bereits durch die Zaubereiministerin persönlich rehabilitiert worden, wenn ich Sie daran erinnern darf, Herr Verteidiger. Wenn Sie bitte wieder zu dem heutigen Fall zurückkehren wollen ..."

Doch die Stimmung im Saal war bereits in den Händen des Anwaltes ...

In Hermines Kopf fuhren die Gedanken Karussell. Wie ein Gebet wiederholte sie in Gedanken die Sätze, die Draco mit George geübt hatte. Immer und immer wieder.

„Sie sagen, Sie erinnern sich nach diesen Flüchen an nichts mehr?"
„Nein, danach erinnere ich mich an nichts mehr."
„Aber an alle Details vorher können Sie sich genau erinnern?"

Ein ironisch-überlegenes Lächeln umspielte die Lippen des Anwalts.

„Soweit ich berichtet habe. Ich habe ausschließlich die Fakten dargelegt, an die ich mich genau erinnern kann. Auf Spekulationen habe ich bewusst verzichtet."
„Und Sie halten es nicht für möglich, dass Ihre Erinnerungen ... durch die anschließende Folter ein wenig ... getrübt sein könnten?"
„Ich habe nur erzählt, an was ich mich genau erinnern kann."

„Und ...", das Lächeln des Anwaltes wurde breiter und er zog ironisch den rechten Mundwinkel nach oben, „Sie wollen wirklich behaupten, wenn man von zwei unverzeihlichen Flüchen gleichzeitig getroffen wird, kann man sicher orten, woher diese Flüche kamen? Sie halten diese Erinnerungen für zuverlässig, die Sie behaupten, an einen Augenblick gehabt zu haben, an dem Sie mit dem Crutiatus gefoltert wurden?"

Draco maß den Anwalt mit den Augen. Und lächelte ebenfalls. „Ja, das kann ich mit gutem Gewissen behaupten."
„Vielen Dank, keine weiteren Fragen an den Zeugen."

Der Staatsanwalt verzichtete auf weitere Fragen ... Dracos Augen suchten Hermines. Unter dem Gewitter der Photoapparate kam er zu ihr in die hinteren Reihen des Gerichtsaals, um den Abschluss der Verhandlung abzuwarten.

Wie erwartet bezogen sich die Anwälte hauptsächlich auf ihn, auf Draco Malfoy ... die anderen Aussagen, Dumbledore, Snape, Potter ... wurden nur als Bestätigung seiner Aussage verwendet.

Das Plädoyer des Verteidigers ... nahm ihm jede Glaubwürdigkeit.
Ein ehemaliger Todesser, der sich über zehn Jahre von der Zaubererwelt ferngehalten hatte ... und dessen Aussage sich auf einen Augenblick bezog, in dem er unter zwei unverzeihlichen Flüchen stand, einen Augenblick, in dem niemand, aber auch gar niemand klar denken, geschweige denn an den man korrekte Erinnerungen haben könne ...
Niemand konnte wirklich bestätigen, dass Lucius Malfoy die Flüche ausgesprochen habe ... niemand.
Und: Warum gab es keine Aussage zu Lucius Malfoy als Mensch? Wenn ein Sohn nicht über seinen Vater, über seine Kindheit Auskunft geben möchte ... war das nicht ein Zeichen dafür, dass nichts als bloße Rachegefühle hinter diesen Aussagen steckten?

Hermine hielt Dracos Hand so fest wie noch nie.

Und Lucius Malfoy lächelte.

Das Plädoyer des Staatsanwaltes ... war noch schlimmer.
Ja, es bestätigte ihm, dass er vom Zaubereiministerium rehabilitiert worden war.
Ja, es bestätigte ihm, dass er zu der Zeit des großen Krieges noch unter dem Einfluss seines Vaters stand.
Ja, es bestätigte, dass er keine andere Möglichkeit gehabt hatte, als sich über zehn Jahre vor den Schergen seines Vaters zu verbergen.
Ja, es zeigte auch auf, dass es noch mehr Zeugen gegen Lucius Malfoy gab als ihn, seinen Sohn ...

Doch dann ... prangerte der Staatsanwalt Lucius Malfoy an, was er seinem Sohn angetan hatte.
Dass er seinen eigenen Sohn gefoltert habe.
Dass er sein Leben zerstört habe.
Dass er versucht hatte, ihn zu töten.
Dass er ihn als Krüppel zurückgelassen hatte ...
Draco fühlte sich ... bloßgestellt. Nackt und hilflos der Meute ausgeliefert.

Und auch wenn Lucius Malfoy schon in diesem Augenblick ahnte, dass er verloren hatte ...
Er sah seinem Sohn in die Augen. Und lächelte ...