2. Kapitel
Umnebelte MomenteHarry wartete, doch Ginny kam nicht. Mitternacht verstrich und sie war immer noch nicht da. Harry lief nervös im Garten auf und ab, während Ron mit Fred und George noch zusammen saß und über die neusten Rennbesen diskutierte.
„Harry, du nervst!", meinte George und verdrehte die Augen. „Wenn du dir Sorgen machst, dann apparier halt ins St. Mungos und schau nach wo sie bleibt!"
„Lieber nicht, ich will nicht, dass sie denkt ich würde sie kontrollieren wollen."
„Dann setzt dich hin und trink was von dem rumänischen Feuerwhisky, den Charlie und Goldana uns geschickt haben. Der ist echt spitze.", forderte Fred ihn auf.
Harry setzte sich seufzend und nahm Fred das dargebotene Glas ab. Der gehaltvolle Whisky brannte in seiner Kehle, doch fast im gleichen Augenblick breitete sich ein warmes Gefühl in ihm aus.
Der Alkohol floss in rauen Mengen. Alle diskutierten ausgelassen, nur Harry trank schweigend Glas für Glas und ließ seine Gedanken immer wieder zu Ginny treiben.
Eine Weile lauschte er der Diskussion, in der es jetzt um Oliver Woods Position bei Eintracht Pfützensee ging. Fred behauptete, dass Woods Leistungen in den letzten Monaten stark nachgelassen hätten. Ron stimmte ihm zu, doch George und Harry hielten dagegen. Sie vertraten die Ansicht, dass es nur an den unfähigen Jägern lag, dass Wood so viele Bälle durch ließ.
„Er stellt sich so dämlich an, wie Ron es tun würde, wenn er als Sucher spielen würde.", lallte Fred, was ihm einen Seitenhieb von Ron einbrachte.
„Ich binn guter Sucher!", nuschelte Ron, bevor er sein Glas wieder an die Lippen hob. Fred und George brachen in schallendes Gelächter aus.
„Du wills n guter Sucher sein?"
„Fliegen wa ne Runne, dann seig ichs euch!", Ron war schwankend aufgesprungen.
Harry schaute ihn aus glasigen Augen an und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als Ron vor seinen Augen verschwamm.
„Keine gude Idee, glaub ich.", murmelte Harry mit schwerer Zunge und nahm noch einen Schluck Feuerwhisky.
„Arry, sei doch Spielherd...Spiel... kann ich nicht mehr sagn, weißt schon. Los, Brüder, aufe Besn!", George war aufgestanden und schleuderte durch den Garten zum Besenschuppen.
„Kann ja nich mal mehr gehen.", murmelte Harry grinsend.
„Wer nich mehr gehen kann soll fliegn, oder nich!", kicherte Fred und folgte seinem Zwilling, nicht minder schwankend.
Harry schob seinen Stuhl zurück und fiel prompt mit samt dem Stuhl um. Ron brüllte los vor Lachen und wankte um den Tisch herum auf Harry zu.
„Gut das Mum schon im Bett is... Komm, Alter, fliegn is beschimmt einfacha."
Mühsam rappelte Harry sich auf und sich gegenseitig stützend gingen er und Ron zu den Zwillingen, die unter lautem Getöse den Besen schuppen verließen.
„Für jedn einn.", und rülpsend verteilten die Zwillinge die Besen.
Harry musste sich an der Schuppenwand festhalten um überhaupt auf seinen Besen steigen zu können, während Fred ausprobierte, ob man auch am Boden liegend losfliegen kann. Nach einigen misslungenen Versuchen schaffte es jedoch jeder der vier jungen Männer in die Luft zu steigen.
„Mine würde aba schimfen...", krakelte Ron und stieg schlingernd immer höher.
„Schinny auch.", gab Harry ihm recht.
„Wir ham Bälle vergessn.", kicherte George und hielt sich mühevoll am Besen fest.
„Stimmt!", stellte auch Fred fest.
„Wenn wa aba noch ma landn, komm wa nich mehr hoch.", sagte Ron, mit angestrengtem Gesicht.
„Nehm wa doch einfach n Affel von da.", Fred deutete auf den Apfelbaum.
„Das ne schlaue Idee, das geht im Fliegn."
„Gut, dann guck ich, ob ich ausm Flug raus die Flasche mipm Whisky krich. Ham wa nämlich auch vergessn."
Und schon sausten die Zwillinge los. Ron schaute sich suchend nach Harry um und entdeckte ihn, wie er im Kreis um einen weiteren Obstbaum flog.
„Mach das Spaß, Harry? Dann mach ich mit.", rief Ron ihm zu.
„Ne, Ron, is blöd, aba ich krieg n Besn hier nich weg."
Als es am anderen Ende des Garten laut polterte wandten sich die beiden Freunde um und sahen grad noch, wie Fred Kopf über um die Hausecke flog. Einen Moment später jedoch tauchte er wieder auf und schwang triumphierend die Whiskyflasche über dem Kopf.
„Hab se!", grölte er und hielt auf Harry und Ron zu, die noch immer im Kreis um den Obstbaum flogen.
„Warum flieg dn ihr umen Baum?", wollte er wissen.
„Geht nich anners, sagt Arry.", klärte Ron ihn auf.
„Aso.", erwiderte Fred und tat es ihnen gleich. „Wer will n was trinken?"
Harry hob seine Hand und nahm ihm die Flasche ab.
„Wir machn n Spiel, Ron un ich singn was und du sezt die Flasche ers ab, wenn wir aufhörn."
Harry nickte mit halb geschlossenen Augen. Die Brüder begannen schrill ein Lied zu grölen und Harry setzte sich die Flasche an den Hals und trank und trank. Als Fred und Ron sich unterbrachen, hörte Harry auf und rülpste laut.
„Was machtn George da?", wollte Ron wissen.
„Der kotzt in Affelbaum.", sagte Fred mit verblüffter Stimme, während es hinter ihnen bedrohlich zu knacken begann.
„Guck ma, Fred, Harry is vom Besn gefalln. Sah ja wizig aus. Ob er sich weh getan hat?"
Harry war rücklings von seinem Besen gefallen und rauschte nun mitten durch Weasleys Pflaumenbaum, ungebremst auf die Erde zu, wo er mit einem lauten Plumps aufschlug und reglos liegen blieb.
„Das war nich gut. Scheiße!", fluchte Fred und versuchte umständlich zu landen.
Ron kam als Erster bei Harry an, blieb dann aber wie angewurzelt stehen.
„Fred, guck ma, sein Arm. Un blutn tut er auch!"
Fred schien auf einen Schlag nüchtern zu sein. „Geh ins Haus und weck Bill, er soll sofort kommen, aber leise, damit Mum nichts merkt. Und du George komm runter, sofort!"
George landete umgehend, wobei er sich ein weiteres Mal übergeben musste. Er wankte rüber zu seinem Bruder und setzte sich, an den Baum, gelehnt auf den Boden.
„Hatter sich weh getan?"
„Scheiße, George, das sieht nicht gut aus. Mum bringt uns um!", keifte Fred und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
„Wenn er nich schon tot is! Wie lustig, stell dir ma vor, Voldi überlebt un dann besoffn vom Besn gefalln.", George kicherte, drehte den Kopf zur Seite und erbrach sich erneut.
„Du verdammter Idiot, das ist nicht witzig!", Fred brüllte fast.
„Musst ja nich gleich so gemein wern.", erwiderte George, schloss die Augen und schlief laut schnarchend ein.
Fred atmete erleichtert aus, als er Bill in Boxershorts, mit freiem Oberkörper, aus dem Haus laufen sah, gefolgt von einem schwankenden Ron
„Was ist denn passiert?", rief Bill im Laufen, „Ron ist ja so besoffen, den versteht ja kein... Verdammter Mist, Harry!"
Bill ließ sich auf die Knie fallen und beäugte Harry unsicher.
„Wie ist das passiert, Fred? Und was macht ihr hier eigentlich?"
„Scheiße, Bill, wir sind geflogen und Harry ist vom Besen gefallen. Wohl bisschen viel von Charlies Whisky."
„Ihr verdammten Trottel! Habt ihr denn kein bisschen Grips in euren Schädeln?"
„Ich glaub sein Arm ist gebrochen, Bill.", murmelte Fred kleinlaut.
„Betet, dass er sich nicht das Genick gebrochen hat!"
Vorsichtig befühlte Bill Harrys Arm, woraufhin dieser leise aufstöhnte.
„Harry? Mach die Augen auf, Junge, los doch.", forderte Bill ihn auf, traute sich aber nicht recht ihn zu bewegen. „Ist Ginny schon da?"
„Nein, das hätten wir wohl bemerkt."
Bill schnaubte verächtlich, sagte aber nichts, da Harry sich ein wenig zur Seite drehte und sich übergab.
„Harry? Schau mich an und sag mir was dir weh tut!", sprach Bill ihn an und rüttelte ihn ein wenig.
Harry schaute mit leerem Blick zu ihm herauf und verzog schmerzverzerrt das Gesicht.
„Aargh...Ginny...wo ist...", keuchte er und übergab sich erneut.
„Scheint wohl doch nur der Arm zu sein. Ihr habt verdammtes Glück gehabt, ihr Deppen! Ich bringe Harry jetzt ins Haus und sehe zu, dass ich Ginny irgendwo erwische. Ihr macht diese Sauerei hier weg!"
Bill belegte Harry mit einem Schwebezauber und verschwand mit ihm im Haus.
Als er Harry vorsichtig auf das Bett gleiten ließ, stöhnte dieser wieder vor Schmerzen auf.
„Harry, jetzt sag mir bitte mal was dir weh tut. Außer deinem Arm."
„Rücken...Knie...Alles, ich glaub ich muss..."
Schnell beschwor Bill einen Eimer herauf und hielt ihn Harry unters Gesicht.
Aus einer Wunde über Harrys rechtem Auge tropfte Blut, an einigen Stellen waren seine Klamotten zerrissen und die Haut zerkratzt. Er bot ein jämmerliches Bild.
Mit einem dumpfen Schlag wurde die Tür aufgestoßen und Ginny stand im Zimmer. Sie hatte einen hochroten Kopf. „Was ist passiert? Fred sagte nur, dass...Harry!"
Sie eilte zum Bett hinüber und schaute ungläubig von Bill zu Harry, der noch immer würgend mit dem Gesicht im Eimer da lag.
„Was fehlt ihm denn, Bill?", ihre Stimme zitterte angsterfüllt.
„Diese Idioten sind sturzbetrunken geflogen und Harry ist vom Besen gefallen.", knurrte Bill zornig.
„Er ist betrunken geflogen?", Ginnys Stimme klang schrill. „Ist er verletzt? Er blutet."
„Du musst ihn dir mal anschauen, sein Arm scheint gebrochen zu sein, Platzwunde überm Auge und er sagt, dass sein Rücken weh tut und sein Knie."
Ginny presste die Lippen auf einander und erinnerte stark an Minerva McGonagall.
„Laß mich mal sehen!", zischte sie und zog Harrys Kopf an den Haaren aus dem Eimer.
Harry blinzelte, als er Ginny erkannte versuchte er zu grinsen.
„Ginny..."
„Halt den Mund!", fuhr Ginny ihn an und betastete seinen Arm. „Die Klamotten müssen weg!"
„Können wir ihn denn aufsetzen, Ginny? Er sagte doch sein Rücken..."
„Wer besoffen fliegen kann, kann sich auch aufsetzen!"
Vorsichtig legte Bill Harry den Arm um die Schultern und richtete ihn auf, was Harry dazu veranlasste leise aufzuschreien.
„Wenn ich noch einen Ton von dir höre!", knurrte Ginny zwischen zusammen gebissenen Zähnen. Mit einer Sanftheit, die ihrer bissigen Worte Lügen strafte, schob Ginny das T-Shirt hoch und zog es Harry aus. Harry war währenddessen noch eine Spur blasser geworden.
„Leg ihn wieder hin. Jetzt die Hose!"
Ginny fluchte leise, als sie sah, wie stark Harrys linkes Knie angeschwollen war. Es schillerte in den verschiedenen Blautönen.
„Ich komme jetzt allein klar, danke Bill."
„Aber lass ihn am Leben, Ginny. Er hat nichts schlimmeres getan, als es auch andere in eurem Alter tun."
Ginny schluckte und nickte.
„Dein Arm ist ausgekugelt, es wird weh tun, wenn ich ihn einrenkte, aber es geht nicht anders. Wobei, so betrunken wie du bist...", murmelte Ginny und packte Harry an Arm und Schulter. Mit einigen geübten Handgriffen schob sie Harrys Arm wieder in seine ursprüngliche Position. Harry biss die Zähne zusammen und gab keinen Ton von sich, nur eine vereinzelte Träne kullerte zwischen seinen geschlossenen Lidern hervor. Ginny wischte sie zärtlich weg und legte eine Hand an Harrys Wange, bis er sich wieder entspannte.
Dann nahm sie ihren Zauberstab und verschloss, mit einem kleinen Schlenker die Wunde über Harrys Auge.
Mit Sorgenfalten auf der Stirn betrachtete sie sein Knie, dann stand sie auf und ging zu einer kleinen Kommode und holte eine bräunliche Paste raus. Diese strich sie auf die verletzte Stelle an Harrys Bein und wickelte eine Bandage darum.
„Es muss erst mal abschwellen, falls da richtig was kaputt ist musst du sowie so ins St. Mungos, das kann ich hier nicht machen. Deinen Rücken schaue ich mir morgen an.", sie ging wieder zu der Kommode zurück und holte ein kleines Fläschchen. „Du musst ein paar Schlucke davon nehmen, das ist gegen die Schmerzen. Wenn du es allerdings wieder auskotzt, kann es nicht helfen!"
Harry nahm einige kleine Schlucke davon und schaute Ginny aus glasigen Augen an. „Mein Engel, es tut mir so leid..."
„Schlaf jetzt, wir reden morgen!"
Mit zitternden Fingern deckte sie Harry zu und zog sich ihren Schlafanzug an. Dann rollte sie sich am Fußende des Bettes zusammen und weinte sich in den Schlaf.
