5. Kapitel
Wie ein VaterHarry schleppte sich durch den Garten der Weasleys, als er durch das Tor hinaus auf den kleinen Weg ging, sank er auf die Knie und übergab sich. Er schluchzte laut und vergrub das Gesicht in den Händen. Noch nie, noch nie in seinem ganzen Leben hatte er sich so schlecht gefühlt, wie in diesem Moment. Mühsam rappelte er sich auf, er hatte fürchterliche Magenschmerzen, und ging gekrümmt ein paar Schritte weiter.
Er traute sich im Moment nicht zu apparieren, vermutlich würde er an etlichen Stellen gleichzeitig landen. Also humpelte er den Weg hinunter zu der kleinen Bushaltestelle und wartete auf den nächsten Bus, der nach London gehen sollte. Da er sich vor einigen Tagen mit Hermine in London zum Eis essen getroffen hatte, fand er auch noch ein wenig Muggelgeld in seiner Tasche.
Jeder Knochen tat ihm weh, doch was sollte es, er war schließlich selbst Schuld. Was hatte ihn nur dazu bewogen sich so vollaufen zulassen? Und dann auch noch zu fliegen?
Während er da saß und versuchte nicht an Ginny zu denken, hielt plötzlich ein Auto vor ihm. Es war ein lustiger, quietschblauer Renault Twingo. Harry schaute verwirrt drein, als Neville und Linda ausstiegen.
Neville kam zu Harry rüber und setzte sich stumm neben ihn auf die Bank, während Linda ans Auto gelehnt stehen blieb.
„Wartest du auch auf den Bus, Neville?"
Neville schüttelte den Kopf und erwiderte in dem gleichen ironischen Tonfall wie Harry: „Ne, Harry, der kommt erst in zwei Stunden, das dauert mir zu lange. Ich bin mit dem Auto hier."
„Aha."
„Könntest bei uns mitfahren!"
„Sicher, das könnte ich."
„Also, kommst du dann?"
„Warum seid ihr hier?"
„Hermine hat uns eine Eule geschickt."
„So?"
„Jupp!"
„Und, was wollte sie?"
„Ach, so dies und das."
„Aha."
„Oh man, Harry! Nun steig ein und tu nicht so... so..."
„Unantastbar!", warf Linda ein.
Vorsichtig stand Harry auf, Neville und Linda warfen sich viel sagende Blicke zu.
„War ne lange Nacht, was Harry?", warf Neville ein.
Harry brummte nur.
Neville überließ ihm den Beifahrer sitz und quetschte sich nach hinten.
„Wo soll es denn hingehen?", fragte Linda und ließ den Motor an.
„London. Hast du überhaupt einen Führerschein?"
„Jepp, bin vor drei Wochen 18 geworden und hab ihn pünktlich erhalten!"
Harry nickte, lehnte den Kopf an und schloss die Augen. Die vorbeirauschende Landschaft tat seinem angeschlagenem Kopf nicht gut.
Nach einer Weile, die Harry wie eine Ewigkeit vorkam, erreichten sie endlich London. Sein Magen rebellierte und er hatte Angst, dass er sich in Lindas neuem Auto übergeben würde.
„Grimmauld-Platz?"
„Ja!"
Als sie zwischen den Häusern mit den Nummern elf und dreizehn standen, legte Neville ihm eine Hand auf die Schulter.
„Können wir noch irgendwas für dich tun, Harry?"
„Nein, ich bin müde...ich will ein bisschen allein sein."
„Aber verkriech dich nicht, Harry. Versprochen? Wir sind da wenn du uns brauchst."
Harry nickte nur, winkte Linda zu und ging in Richtung Gebäude, welches grad erschienen war.
Leise öffnete er die Tür. Er hatte hier nach wie vor seine Zimmer, aber er hatte das Haus mehr oder weniger Remus und Tonks überlassen, da er die meiste Zeit sowieso im Fuchsbau war.
Er hoffte, keinem der Beiden zu begegnen, aber das war auch unwahrscheinlich. Tonks müsste im Aurorenbüro sein und Lupin war auch meist unterwegs.
Harry stolperte die Treppe hoch, was sich als gar nicht so einfach erwies, da er sein Knie nicht beugen konnte.
Oben angekommen humpelte er in sein Zimmer und ließ sich auf sein Bett fallen. Da er trotz der sommerlichen Temperaturen fror wickelte er sich in seine dicke Daunendecke. Wäre er nicht so erledigt, dann würde er jetzt sicher wahnsinnig werden. So aber schloss er die Augen und schlief augenblicklich ein.
Als er erwachte war es dunkel im Zimmer. Harry stand auf, er hatte Hunger und Durst, sein Mund war so trocken, dass seine Zunge an seinem Gaumen festklebte. Doch viel schlimmer noch war, dass er sich jetzt selber riechen konnte. Er verzog angewidert das Gesicht. Er roch nach Alkohol und Erbrochenem. So schnell es sein geschundener Körper zu ließ, entledigte er sich seiner Klamotten und humpelte über den Flur in das Badezimmer.
„Das Linda mich so überhaupt mitgenommen hat...", dachte er und betrachtete sich angewidert im Spiegel.
Sehnsüchtig schaute er zur Dusche, doch er musste erst die Bandage abwickeln, mit der Heiler Diggins sein Knie verbunden hatte. Aber komm mal mit einer schmerzenden Schulter, einem geprellten Rückrad an ein Knie, dass du nicht beugen kannst. Vor Wut warf Harry einen Zahnputzbecher gegen die Wand. Dann setzte er sich auf den Klodeckel und vergrub sein Gesicht in den Händen.
Es klopfte leise an der Tür und als Harry aufschaute streckte Remus den Kopf hinein.
„Harry? Ich wusste ja gar nicht, dass du hier bist? Ach du liebe Zeit, wie siehst du denn aus? Gab es Ärger im Ministerium?"
Harry schüttelte den Kopf. „Dann hat Hermine dir also keine Eule geschickt?"
„Was? Warum sollte Hermine mir denn eine Eule schicken?"
„Ach, nicht so wichtig. Kannst du mir die Bandage abnehmen? Ich komme nicht ran."
Remus trat näher heran und beäugte Harry misstrauisch. „Hast du dich geprügelt? Du hast ja überall Kratzer und blaue Flecke!"
„Nein."
Remus fragte nicht weiter nach, sonder kniete sich vor Harry hin und begann vorsichtig den Verband zu lösen. Als er Harrys Knie sah zog er entsetzt die Augenbrauen hoch.
„Ist eigentlich noch irgendetwas heil an dir?"
Harry über legte kurz, dann schüttelte er den Kopf.
„Danke, Remus. Ich würde jetzt gern duschen."
„Klar! Hast du vielleicht Hunger? Dann mache ich dir was zu essen."
„Das wäre super."
Als Lupin gegangen war stellte Harry sich unter den heißen Wasserstrahl und genoss es.
Nur mit einem Handtuch um die Hüften ging Harry zurück in sein Zimmer und holte eine frische Boxershorts aus dem Schrank. Dann setzte er sich auf sein Bett und starrte an die Wand.
Leise betrat Remus den Raum und stellte ein Tablett mit Broten auf den Tisch.
„Soll ich dein Bein wieder verbinden?"
„Das wäre gut. Tut so doch noch ziemlich weh."
Schweigend machte sich Lupin ans Werk, danach reichte er Harry eine Tasse Tee und holte die Brote rüber zum Bett.
„Leg dich lieber wieder hin, Harry. Du bist ganz blass um die Nase. Erzählst du mir was passiert ist? Ich mache mir Sorgen um dich."
Harry kroch weiter auf sein Bett und lehnte sich an die Wand.
„Ach, nichts schlimmes, Charlie hat eine Flasche Feuerwhisky geschickt und...naja...es war wohl bisschen zu viel."
„Sicher, Harry, aber Feuerwhisky greift einen im Normalfall nicht an. Wer hat dich so zu gerichtet?"
„Niemand. In unseren Suffköppen kam uns die Idee, dass wir ja fliegen könnten. Irgendwann bin ich dann vom Besen gerutscht, durch Weasleys Pflaumenbaum gedonnert und auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Im wahrsten Sinne des Wortes..."
Lupin lachte schallend. „Oh ja, so was haben Sirius und dein Vater auch schon gemacht. Nur ist es ein wenig glimpflicher ausgegangen."
Harry kaute lustlos auf seinem Wurstbrot herum.
„Ist sonst noch etwas passiert? So ein derber Kater und etliche Prellungen sind ja recht schmerzhaft, da kann einem das Lachen schon vergehen, aber du machst den Eindruck, als stünde uns eine Hungersnot bevor. Mindestens!"
Harry seufzte und schluckte schwer. „Ginny...sie hat...einen anderen..."
Remus riss die Augen weit auf. „Niemals, Harry, so ein Blödsinn. Sie ist vielleicht etwas sauer, weil ihr Jungs es ein wenig übertrieben habt, aber das gibt sich wieder!"
„Nein, Remus, es ist aus. Er ist Heiler im St. Mungos. Er bringt sie zum Lachen und...wie drückte sie sich aus...ach ja, er schleppt keine Altlasten mit sich herum."
„Bei Merlins Bart, Harry!"
„Schon gut, ich komme schon klar."
„Nichts ist gut, Harry, gar nichts." Er rutschte zu Harry auf das Bett und legte ihm väterlich den Arm um die Schulter.
„Sie will mich nicht mehr, Remus. Nach all dem, was wir erlebt haben. Sie liebt mich nicht mehr.", Harry schossen Tränen in die Augen.
„Schon gut, mein Junge."
„Sie war doch alles, wofür ich immer gekämpft habe. Ohne sie...wozu hat das dann alles einen Sinn gehabt? Ich wollte für sie ein bessere Welt...ich...es tut so weh, Remus!", Harry schluchzte völlig haltlos.
„Ich weiß, mein Sohn, ich weiß."
„Und er...er ist besser für sie als ich...er ist besser, weil er...weil er nie..weil..."
„Schscht, beruhige Dich, Harry, und hör mir zu. Niemand ist besser als du. du bist der beste Junge den ich je kennen gelernt habe. Er ist nur anders, nicht besser. Und das wird sie erkennen, früher oder später. Aber, Harry, bedenke auch, ihr seid so jung und vielleicht hat sie einfach Panik bekommen? Ein Strohfeuer, wie man so schön sagt." Remus strich Harry über die Haare und deckte ihn zu. „Versuch ein bisschen zu schlafen. Morgen sieht es schon ganz anders aus, glaub mir. Wenn du möchtest, dann reden wir morgen noch mal. Aber jetzt schlaf."
