9. Kapitel

Gefühlschaos

Gedankenverloren sortierte Hermine Bücher in die endlosen Regale der Bibliothek ein. Um sich während ihrem Studium ein wenig Geld zu verdienen, hatte sie einen Job in einer umfangreichen Privatbibliothek eines reichen Londoner Bankiers angenommen. Dort war es ihre Aufgabe, die Bestände zu katalogisieren und neue Bücher, auf Wunsch ihres Arbeitgebers hin, nach zu kaufen. Die Arbeit machte ihr viel Spaß, sie liebte die schweren, alten Bücher, sie mochte es wie sie rochen, wie sich die samtigen Blätter zwischen ihren Finger anfühlten.

Doch heute war sie nicht recht bei der Sache. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu dem Morgen vor zwei Tagen zurück, als sie bei Harry war. Sie hatten mit einander geschlafen, so leidenschaftlich und atemberaubend, dass allein die Erinnerung daran ihre Sinne benebelte.

Doch, sie war sich bewusst, dass es für Harry immer nur Ginny geben würde. Und für sie? Wen würde es für sie geben? Victor Krum? Ronald Weasley? Ihr Herz schlug für beide Männer, so verschieden sie auch waren. Vielleicht konnte zwischen Ron und ihr keine Beziehung funktionieren. Sie kannten sich schon so lange, sie waren in jungen Jahren wie Geschwister gewesen. Würde je eine leidenschaftliche Beziehung daraus werden können? Aber andererseits, auch Harry war wie ein Bruder für sie und dennoch...

Ja, Victor, so geheimnisvoll, so stark und manchmal auch so verletzlich. Er wirkte eine unglaubliche Anziehungskraft auf sie aus. Er wirkte immer ein wenig gefährlich und düster.

Als sie glaubte, dass Ron tot sei, da war sie sich sicher, dass nur er, Ron, für sie als Partner in Frage käme. Sie hatte ihn so sehr vermisst. Als er dann wie durch ein Wunder wieder zurück kam, da schien alles perfekt. Sie hatten sich leidenschaftlich geküsst und die folgenden Tage und Nächte miteinander verbracht. Doch dann erschien wieder Victor auf der Bildfläche, der nicht gewillt war, sie einfach so einem anderen zu überlassen. Hermine war so verwirrt, dass sie ihre aufkeimende Beziehung zu Ron beendet hatte. Seitdem war es ein regelrechtes Spießrutenlaufen geworden. Victor drängte sie nie zu einer Entscheidung, er brachte ihr kleine Geschenke mit, überraschte sie mit Blumen, machte tolle Ausflüge mit ihr. Ron hingegen, zu Anfang hatte er ihr auch kleine Geschenke gemacht, doch nach und nach gab er sich immer weniger Mühe ihr Herz zu erobern. Er wurde grob und ungeduldig, hatte häufig schlechte Laune und immer öfter kam es vor, dass er betrunken an ihrer Tür klingelte und ihr ein Ultimatum nach dem anderen stellte. Er machte auch keinen Hehl daraus, dass er sich regelmäßig mit verschiedenen anderen Frauen traf.

Hermine strich mit zarten Finger über den Einband eines Buches und seufzte. Sie hatte es doch nicht anders verdient, sie hielt ihn hin, ließ ihn zappeln und erwartete dennoch seine volle Aufmerksamkeit. Zu guter Letzt hatte sie auch noch mit seinem besten Freund geschlafen, was die Situation auch nicht besser machte.

Ja, überhaupt, was spukte Harry ihr jetzt eigentlich auch noch in ihrem Kopf herum? War es nicht alles schon kompliziert genug? Das Schlimme war ja gar nicht der Sex mit ihm, es war nur so, dass sie immer häufiger an ihn dachte und sogar von ihm träumte. Harry war bislang immer nur ein guter Freund gewesen, es hatte zwischen ihnen beiden noch nie so eine Spannung gegeben, wie zwischen Ron und ihr. Was spielten ausgerechnet jetzt ihr Gefühle verrückt?

Hermine horchte auf, als sie hinter sich zögernde Schritte vernahm. Sie trat zwischen den massiven Bücherregalen heraus und schaute den Gang entlang. Sie lächelte, als sie sah, wer sie dort besuchte.

„Hallo Victor, mit dir hätte ich ja nun gar nicht gerechnet. Sagtest du nicht, dass du heute lange arbeiten würdest?"

„Hallo Hermine, ich habe mir den Nachmittag frei genommen. Harry kam heute wieder ins Büro und hat angeboten, meine Schreibtischarbeit zu übernehmen. So konnte ich eher gehen. Ich wollte dir etwas zeigen.", er hatte sanft ihre Hand in die Seine genommen und lächelte sie glücklich an.

„Was willst du mir denn zeigen, Victor?"

„Es ist eine Überraschung, hast du Zeit mit mir zu kommen?"

„Ja, ich bin hier soweit fertig, allerdings muss ich noch eine Hausarbeit erledigen, die ich in zwei Tagen abgeben muss."

„Ist es sehr wichtig? Dann verschieben wir die Überraschung einfach."

Hermine grinste ein wenig verlegen. „Nein, so wichtig ist das auch nicht." Sie musste sich von ihrem Gefühlschaos ablenken, dass ging am besten in Victors Gegenwart.

Krum legte einen Arm um ihre Schulter und zog sie näher zu sich heran. Erstaunt schaute Hermine zu ihm auf, doch ehe sie sich versah, hatte er sie beide an einen anderen Ort appariert.

Blinzelnd schaute Hermine sich um, es war windig und es regnete stark. Sie standen auf einem kleinen, von Bäumen gesäumten Weg. Victor griff nach ihrer Hand und zog sie mit sich, den Weg hinunter.

„Es ist gleich da vorn, nur ein kleines Stück."

Sie folgte ihm und fragte sich, was es denn nur sein könnte. Die Bäume lichteten sich und der Weg wurde breiter. Sie lächelte, als sie erkannte wo sie waren.

„Victor, aber..."

„Scht, sei ganz leise, schau nur, dort drüben."

Er war mit ihr in den Londoner Zoo appariert und nun standen sie vor dem Gehege der Eisbären.

„Schau nur, es ist grad erst geboren, ich habe davon in der Zeitung gelesen und wollte es dir unbedingt zeigen.", Victor war hinter sie getreten und hatte die Arme um sie geschlossen.

„Ein Eisbär-Baby. Victor, wie niedlich es ist."

Der winzige Eisbär tollte neben seiner Mutter umher, mit tapsigen Schritten lief er vor ihr hin und her. Nach einem waghalsigen Sprung von einem Baumstamm wäre es um ein Haar gestürzt, doch die kräftigen Pranken seiner Mutter fingen ihn auf.

Hermine beobachtete das kleine Geschöpf mit einem seligen Lächeln. Der Regen lief ihnen über die Gesichter, ihre Kleider waren völlig durchnässt, doch sie bemerkten es gar nicht. Sie hatten nur Augen für den kleinen Erdenbürger. Fast eine halbe Stunde standen sie vor dem Gehege und beobachteten die kleine Familie.

„Mine, du zitterst ja. Ist dir kalt?", Victor zog sich seine Jacke aus und legte sie zärtlich um Hermines Schultern.

„Ja, danke für die Jacke, aber was ist mit dir?"

„Da wo ich herkomme, sind die heutigen Temperaturen sommerlich. Ich frier nicht so schnell.", sagte er leise und schaute Hermine dabei so verzückt lächelnd an, dass sie ihren Blick senkte. „Du bist so schön, Hermine." Vorsichtig wischte er ihr einen Wassertropfen von der Wange. „Komm, wir apparieren in meine Wohnung. Ich mache uns eine heiße Schokolade und wir wärmen uns vor dem Kamin auf. Was meinst du?"

„Das klingt verlockend, Victor."

Hand in Hand liefen sie durch den Regen in das nahegelegene Waldstück, um von dort aus ungesehen disapparieren zu können.

Triefend naß standen sie wenige Augenblicke später in Victors Wohnzimmer und verfielen einen Moment in verlegenes Schwiegen. Dann zog Victor seinen Zauberstab aus seiner Tasche und mit einem kleinen Schlenker waren ihre Kleider und ihre Haare wieder trocken.

„Mach es Dir gemütlich, Mine. Ich bin sofort wieder bei Dir."

Hermine kuschelte sich auf das bequeme Sofa, schloss die Augen und lauschte dem Regen, wie er trommelnd aufs Dach fiel.

Aus welchem Grund zögere ich eigentlich noch?", fragte sie sich im Stillen. „Victor macht mich so unheimlich glücklich, er überrascht mich jeden Tag aufs Neue. Was will ich eigentlich mehr?"

Mit zwei dampfenden Tassen kam Victor zurück ins Wohnzimmer, reichte eine der Tassen Hermine und setzte sich neben sie auf seine Couch. Behutsam legte er den Arm um ihre Schulter und spielte mit einer Hand in ihren Haaren. Langsam beugte er sich vor zu ihr und küsste sie sanft auf ihre weichen, vollen Lippen. Er hielt inne und stellte seine heiße Schokolade auf den Wohnzimmertisch, um seine Angebetete in seine Arme schließen zu können. Grade als er sie zu sich zog und sie erneut küssen wollte, klopfte es an der Wohnungstür. Er schloss seine Augen und lehnte seine Stirn an Hermines.

„Wer auch immer das ist, ich werde ihn abwimmeln und bin gleich wieder bei Dir."

Hermine nickte nur und sah ihm lächelnd hinterher.

Als Victor die Tür öffnete und Hermine erkannte wer dort geklopft hatte, verschwand ihr lächeln und sie kniff die Lippen zusammen.

„Hi Victor, ich hoffe ich störe nicht.", begrüßte ihn der Besucher. „Es gibt da nur etwas, in deinem letzten Fall, was wir noch besprechen müssen. Du weißt schon, in dem es um die gestohlenen Autos geht."

„Harry, was für eine Überraschung. Im Moment ist es grad ungünstig. Meinst du nicht, dass es reicht, wenn wir morgen im Büro darüber reden.", Victor fuhr sich mit einer Hand über die kurzgeschorenen Haare und versuchte Harry den Blick ins Wohnzimmer zu versperren.

„Nein, das reicht wirklich nicht. Ich muss den Bericht heute Abend abgeben, dafür brauche ich zum einen Deine Unterschrift, weil wir gemeinsam an dem Fall gearbeitet haben und zum anderen musste ich ein klein wenig die Tatsachen verdrehen.", er lachte leise auf und zuckte mit den Schultern.

Victor seufzte. „Also gut, ein paar Minuten Zeit kann ich wohl erübrigen. Komm rein."

Hermines Herz klopfte bis zum Hals, als Harry die kleine Wohnung betrat und sie frech grinsend begrüßte.

„Ach, so ist das also.", neckte er sie. „Jetzt verstehe ich natürlich, warum Victor keine Zeit hat."

„Hi Harry.", sagte Hermine mit einem stetig wachsenden Kloß im Hals. „Herrgott, was will er denn jetzt hier? Den hatte ich grad vergessen. Verdammt!"

Unbewusst verfolgte Hermine jede von Harrys Bewegungen und starrte ihn nahezu unverhohlen an. Victor musterte sie schweigend und runzelte die Stirn.

Harry jedoch ging unverwandt durch den Raum und ließ sich auf einen Sessel fallen.

„Oh, ihr trinkt heiße Schokolade? Bei dem Sauwetter genau das Richtige."

Victor überlegte einen Augenblick und fragte dann ein wenig unwirsch. „Soll ich dir auch eine machen?"

„Oh, das wäre natürlich super."

„Ja ja, kein Problem.", murmelte Krum und ging in die Küche.

Hermine wurde es zu nehmend unwohler und sie schaute verstohlen auf ihre Füße.

„Ich habe euch doch nicht etwa gestört, Mine? Das war nicht meine Absicht.", verschmitzt grinste er sie an.

„Natürlich nicht, Harry.", murmelte Hermine ohne ihn dabei anzusehen. „Ich... Ich wollte sowieso grade gehen.", fuhr sie fort und stand auf.

Ein wenig irritiert schaute Victor sie an, als er das Wohnzimmer betrat und sah, dass sie sich anzog.

„Hermine? Wo willst du denn hin?", fragte er leise und runzelte die Stirn.

„Ich muss... Die Hausarbeit, ich hatte dir doch davon erzählt?"

Er reichte Harry die Tasse. „Oh, natürlich, davon hattest du gesprochen. Also dann, wenn du wirklich gehen musst..." Seine Stimme klang traurig und auch ein wenig verletzt.

Als sie an der Tür ankamen, legte Hermine ihre Hand auf seinen Arm. „Es tut mir leid."

Er nickte nur und beugte sich zu ihr hinunter um sie zum Abschied zu küssen, doch Hermine drehte den Kopf zur Seite und wich ihm aus.

„Hermine...", er schaute sie fragend an.

„Ich muss gehen.", hastig wandte sie sich um und verließ die Wohnung. Schnell stieg sie die Treppe hinab und flüchtete sich auf die Straße. Sie lief den Weg entlang durch den Regen. Der Wind zerrte an ihrer Jacke. Als sie um eine Ecke gebogen war bleib sie stehen und lehnte sich atemlos an eine Hauswand. Tränen liefen über ihr Gesicht und sie verbarg es in den Händen. „Nein.", flehte sie leise. „Nein, nicht auch noch Harry!"