Früh am nächsten Morgen erschien Danny in der Pathologie. Gewohnt lässig begrüßte er die wenigen, die schon dort waren und ging gleich direkt zum Assistenten der Abteilung. „Hey Marty. Hast du schon was für mich?"

„Meinst du das hier?" der junge Arzt hielt einen Pfeil in der Hand und richtete ihn dann mit theatralischem Stöhnen gegen seine Brust.

„Steht dir gut. Solltest dich vielleicht damit als Amor bewerben." witzelte Danny und übernahm dann das Beweisstück in der durchsichtigen Plastiktüte. „Der ist ziemlich unversehrt." stellte er dann nach einem prüfenden Blick fest.

„Hab auch gute Arbeit geleistet beim Entfernen. Die Spitze ist aus Carbon, ein sehr gutes Material. Der Pfeil ist links eingedrungen, zwischen der sechsten und siebenen Rippe und hat die Aorta schön getroffen. Der Mann ist innerlich ziemlich rasch verblutet."

„Tja, dann an die Arbeit." Danny drehte sich bereits um und war gleich darauf im Labor.

Nachdem er sich den Labormantel geschnappt und dünne Einweghandschuhe übergestreift hatte, packte er vorsichtig den Pfeil aus. Der Bogen, der gestern sichergestellt worden war, lag bereits daneben auf dem Tisch. Danny wollte gerade die Spurensicherung auf der Tatwaffe vornehmen, als Mac seinen Kopf bei der Türe ´reinsteckte.

„Hey, guten Morgen." begrüßte er ihn. „Ich sehe, du hast dir schon die Arbeit gekrallt?"

Danny grinste. „Das hier lasse ich mir nicht entgehen."

„Dann bleibt für mich wohl noch das Handy."

„Und die Wohnung. Ich habe sie gestern Abend noch sichern lassen."

„Ich schlage vor, dass wir zuerst beide zur Wohnung fahren und dort die Spuren sichern. Dann übernehme ich das Handy und du kriegst die Spielerei hier."

Die Wohnung des Toten Joseph Duncon lag in der Bronx. Schon der Wohnblock selbst verhieß nichts Erfreuliches.

„Vom regelmäßigen Lüften hielt der Mann nicht unbedingt viel." Mac wedelte einmal kurz mit der Hand vor der Nase, als sie das Appartement betraten. Kalter Zigarettenrauch stand in der ganzen Wohnung, Fast-Food-Verpackungen stapelten sich in der Küche und Schmutzwäsche im Bad. Die beiden Ermittler warfen sich einen Blick zu, jeder griff zum Spotlight und so machten sie sich in gewohnter Weise an die Arbeit.

„Sie mal hier." Mac hockte knappe 2 Stunden später vor dem Papierkorb, der, wie konnte es auch anders sein, überging. Vorsichtig strich er einen Zettel glatt, der offenbar aus einem Notizblock gerissen worden war.

„ ‚Du bist fällig, du Schwein.' "las Danny laut. „Sehr nett formuliert."

„Und hier gleich noch eine. ‚. Zahl oder stirb, Betrüger! Ich weiß alles.' – Tja, damit ist uns der unbekannte Schreiber wohl um eine Spur voraus."

Es wurde kein Kuvert gefunden, offensichtlich hatte jemand die Botschaften direkt im Haus abgegeben.

Während Mac am Nachmittag die Drohbotschaften, welche im Wesentlichen das einzig interessante in der Wohnung gewesen waren, im Labor untersuchte, beschäftigte sich Danny mit der Waffe und dem Pfeil. Danny merkte schnell, dass sein Chef mit den gefundenen Nachrichten schneller vorankam, als er mit seiner Arbeit. Auf beiden Zetteln fanden sich dank dem allseits bei Ermittlern gern eingesetzten Ninhydrin, ein Mittel, das Fingerabdrücke auf Papier fast sofort sichtbar machte, etwas verwischte, aber doch identifizierbare Abdrücke. Mac war bereits dabei, Abzüge zu machen, um sie zunächst in der Stadt-Datenbank mit registrierten Fingerprints abzugleichen. Sollte dort nichts gefunden werden, würde er die Suche landesweit ausdehnen müssen. Er selbst hatte den Pfeil sowohl mit fluoreszierendes Puder als auch mit Jodnebel unter UV-Licht bearbeitet, doch es gab keine Spuren. Nun griff er zum Bogen. Schnell fiel ihm hier eine Einkerbung auf der Unterseite auf, offensichtlich Initialen. Doch ansonsten verliefen die Tests hier ebenso ergebnislos, sowohl Bogen wie auch Pfeil waren frei von Fingerabdrücken, Fasern oder sonstigen interessanten Spuren oder Rückständen.

„Ich habe ein Ergebnis." meldete Mac kurz. Danny hob den Blick von seinem PC und sah auf dem gegenüberliegenden Bildschirm, auf welchem Mac arbeitete, das Feld „match found" aufleuchten.

„Interessant?"

„Hmm, ja. Dennis Rodmann. Mehrmals verhaftet wegen illegalem Straßenverkauf, zuletzt sogar wegen Einbruch und Raub. – Ich lade ihn mir mal vor. Vielleicht haben wir ja Glück."

Dennis Rodmann war 52 Jahre alt und sein Allgemeinzustand zeigte sofort an, dass er sicher nicht mehr im Zenit seines Lebens stand. Rotgeränderte Augen blickten die beiden Detectives misstrauisch an. „Ja. Ich habe ja schon gesagt, dass ich ihn kenne. Aber ich habe nichts mit seinem Tod zu tun."

Mac leitete die Vernehmung.

„Was sind das für Botschaften?"

„Hej, der Kerl ist ein Gauner. Er hätte ruhig mit mir teilen können."

„Was teilen?"

Rodmann strich mit einer Hand über die Finger der anderen. Mac bemerkte mit einem schnellen Blick die verhärteten und geschwollenen Gelenke an der Hand. Das nasse Wetter des letzten Tages hatte wohl die Arthritis, die Rodmann offensichtlich hatte, verschlimmert.

„Was teilen?" wiederholte Danny nun nochmals und schlug kurz, um Rodmanns Aufmerksamkeit wieder zu haben, auf den Tisch.

„Ach Gott. Er war zwei oder drei Monate in der Stadt. Hatte kein Geld und nichts. Hat mich dann angesprochen. Wir haben dann ´nen Deal gemacht, ein kleiner Bruch in Downtown. Von mir die Adresse und die Infos, der Bruch von ihm. Aber dann war er weg und von teilen keine Rede. Erst vor ein paar Wochen habe ich ihn aufgestöbert. Hat mich doch glatt ausgelacht, der Mistkerl. Und ich dachte, so reiss' ich noch etwas."

„Um wie viel ging es?"

„Keine Ahnung. Hab ja dann nichts davon gehabt."

Die Wohnung von Duncon war nicht luxuriös gewesen und von Geld oder anderen Wertsachen war nichts zu sehen gewesen. „Cirka." hakte Mac daher nochmals nach.

„Keine Ahnung. Ich habe mit einem Anteil von ein paar Tausend Dollar gerechnet. Das Haus hat das zumindest versprochen. Aber fragen Sie IHN doch dazu." erwiderte Rodmann.

„Würden wir gerne. Aber Duncon wurde gestern Abend getötet."

„Ach Sch..." Rodmann sparte sich jede weitere Bemerkung. Er hatte genug Erfahrung mit der Polizei, sodaß er wusste, dass er mit seinen Zetteln zum Verdächtigen Nummer eins geworden war. „Ich war es aber nicht." beteuerte er fast sofort. „Ich war an dem Abend im 43. Revier. Da hat mich einer angezeigt und bin die Nacht über festgehalten worden."

Mac schloss die Türe hinter Rodmann, den sie etwas später hinauskomplimentierten. „Er kann es ohnedies nicht gewesen sein. Hast du seine Hände gesehen?" Danny nickte. „Arthritis und Zittern. Er hätte nicht mal getroffen, wenn er 10 Meter vor dem Opfer stehen würde, geschweige denn abends über eine Straße."

„Wäre aber auch zu schön gewesen, nicht wahr?" Mac lächelte schief.

„Was hat das Mobiltelefon ergeben, das Duncon hatte?" fragte er dann.

„Ein Freepaid, keine Registrierung. Die letzte Nummer natürlich nicht angezeigt. Ich habe schon an den Betreiber geschrieben, aber die Antwort fehlt noch. Die sind heillos mit solchen Anfragen überlastet. Ich habe alleine in dieser Woche schon 18 verschiedene Anfragen geschickt. "

Danny nahm den Bogen zur Hand. „Das finde ich wesentlich interessanter. Siehst du hier die Einschnitte?" Er zeigte auf einige verschwungene Kerben am Bogen. „Hat gedauert, bis ich herausfand, was das sein soll: Initialen, nämlich TA. Steht für ‚Tagler Archery'. Und Tagler wiederum ist ein äußerst renommierter Hersteller für Bögen und Armbrüste."

Es war kurz nach 7 Uhr Abends als Danny das Geschäft von Tagler betrat. Ein kleiner Mann schoss aus dem Hinterzimmer. „Wir haben schon geschlossen." rief er zuerst, dann stoppte er und taxierte den Ermittler kurz. „Sie sehen nicht aus wie ein Bogenschütze." stellte er fest. „Da haben Sie allerdings Recht." Danny stellte sich vor und zog dann zwei vergrößerte Fotos des zu begutachtenden Bogens aus der Tasche.

„Das ist einer von meinen." antwortete Tagler beinahe sofort.

„Das dachten wir uns schon. Was können Sie mir noch dazu sagen?"

„Tja, auf die Schnelle, ohne das ich in der Hand habe? Das ist nicht so einfach... Es ist ein Jagdbogen, auf jeden Fall handgemacht. Länge etwa 140 cm, Eschenholz – am Schwung etwas verstärkt. Die Maserung hier, hm..." Er drehte und wendete das Foto.

„Ist der Bogen eine Einzel- oder Maßanfertigung oder ein Massenprodukt?" Danny bereute die Frage sofort, denn Tagler blickte ihn streng an, er hatte ihn wohl in seinen Überlegungen gestört.

„Jeder Bogen ist handgemacht und daher für sich eine Einzelanfertigung. Ich stelle im Jahr aber nur mehr wenige her und dieser hier ist sicherlich nicht älter als 10 oder 12 Monate. Sehr guter Zustand, wird offenbar gut gepflegt, aber ich glaube das Griffstück hier ist anders. Ich denke es wurde ausgetauscht."

„Wie schnell und sicher kann man mit einem Bogen schießen?"

„Kommt auf den Schützen an. – Mit einem Jagdbogen wie diesem schafft ein guter Schütze 200 m. Dazu muss er aber wirklich gut sein. Ein Hobbyschütze bringt das nicht Zustande. Alleine die Zugkraft, die man für so einen Schuss braucht, ist enorm."

„Sie haben nicht zufällig eine Liste der Käufer der Bögen aus dem fraglichen Zeitraum?"

Wieder blickte Tagler ihn schief an. „Nein. Und wir müssen auch keine führen."

Dannys Blick war wohl ziemlich missmutig, als er die Fotos wieder einsteckte.

„Der Bogen wirkt ziemlich leicht. Ich würde sagen, er wurde ursprünglich sicher von mir für eine Frau gemacht. Und meine Bögen sind nicht unbedingt billig, es sind eben handgemachte Arbeiten." Verschmitzt lächelte er, während er Danny zur Türe brachte.

„Haben Sie es schon mal mit einer Verlust- oder Diebstahlsanzeige versucht? Gerade Frauen sind bei solchen Angelegenheiten sehr gewissenhaft."