Es war Abend geworden.
Müde strich sich Danny mit den Handflächen über die Augen und die Stirn und warf einen Blick zur Wanduhr im Labor. Die Suche in Duncons Wohnung hatte am Vorabend wieder nichts Verwertbares ergeben. Auch am Schuldach waren keine brauchbaren Spuren zu finden.
„Nichts. Nichts. Nichts. Hätte es nicht später regnen können?" schimpfte er kurz und schlug ungeduldig auf den Tisch.
„Na, was ist dir denn über die Leber gelaufen?" Lucie, eine der jungen Assistentinnen, hatte sich fast unbemerkt bei der Türe reingeschoben.
„Der Wettergott." beschwerte sich Danny, nochmals strich er über die Stirn und setzte dann die Brille gerade. „Was gibt's?"
„Du hattest doch eine Anfrage wegen Duncon laufen. Ich schätze mal, das Ergebnis wird dich interessieren." Sie hielt ihm mehrere Ausdrücke hin. Dannys Lächeln verschwand, als er die ersten Zeilen überflog. „Das glaub ich nicht. – Ist Mac noch hier?" Lucie, die schon wieder halb bei der Tür draußen war, wandte sich nochmals um. „Hmm, ja. Ich hab ihn vorher noch grad mit Stella gesehen." Sie hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, als er schon hinaus lief, immer noch den Blick auf die Unterlagen geheftet. „Gern geschehen, war mir ein Vergnügen." Lucie schüttelte den Kopf, das Verhalten der Ermittler war ihr aber schon zur Genüge bekannt, sie wunderte sich nicht mehr.
„Mac!" Danny riss die Bürotüre auf und unterbrach damit abrupt Stellas Satz. Irritiert zog Mac die Augenbrauen hoch.
„Das glaubst du nicht!" Immer noch konnte er seinen Blick nicht von den Papieren abwenden. Stella lächelte belustigt Mac zu. „Der Fall Duncon mit dem Jagdbogen." „Hast du was gefunden?" „Ja. Aber nicht das, was du nun glaubst. – Duncon ist doch erst vor kurzem nach New York gezogen, also hab ich über die Führerscheinstelle seinen alten Wohnsitz raussuchen lassen und dort eine Anfrage mit den Fingerprints gestellt. Das Ergebnis haut dich aus den Socken."
„Dich offenbar eher, als mich. – Also was war?"
„Joseph Duncon heißt wirklich Joseph Deacon. Er hat es wohl irgendwie geschafft, den Zunamen etwas zu ändern. Und in Florida ist er kein unbeschriebenes Blatt. – Vor 7 Jahren wurde erstmals eine Anzeige gegen Deacon wegen Stalking eingebracht. Das Opfer war eine 22 jährige Tänzerin. Sie versuchte gegen ihn vorzugehen, die Anzeige wurde aber mangels ausreichender Nachweise fallen gelassen. 5 Monate später ist Joseph in das Haus eingebrochen, hat den Mann und die 4 Monate alte Tochter getötet und die Frau schwer verletzt. Es gab keine Verurteilung. Deacon wurde zufällig bei einer Polizeikontrolle angehalten und dabei wurde die Waffe sichergestellt. Noch bei der Vorverhandlung musste der Staatsanwalt alles zurücknehmen, da die Kontrolle nicht vorschriftsmäßig und rechtswidrig war."
Mac's entspannter und amüsierter Blick angesichts Dannys Aufregung, war mit jedem Wort der Erzählung mehr und mehr verschwunden, er hatte aufmerksam zugehört.
„Das Beste kommt aber erst." Danny konnte es sich nicht verkneifen und machte eine Künstlerpause. „Das Opfer lebt nun seit 4 Jahren in New York." Wiederum kurze Stille, eher er weiter sprach. „Und wir kennen sie bereits..." Mac wollte gerade ungeduldig die Antwort einfordern, als Danny diese schon gab: „Alessandra Grishenkow."
„Alessandra Grishenkow?" wiederholte nun nicht nur Mac, sondern auch Stella, die ansich mit dem Fall nicht betraut war.
Dannys Blick ging von Mac zu Stella. „Kennst du sie?"
Stella lehnte sich gegen ein Regal. „Kann sein, allerdings nicht wirklich persönlich. Hieß ihr Mann Sergej?"
Danny überflog nochmals die Unterlagen. „Ja, da steht es. Sergej Grishenkow. – Woher weißt du das?"
„Bei deiner „Tänzerin" wie du sie beschrieben hast, dachte ich eher an etwas – hmm – exotisches. Aber Alessandra Grishenkow und Sergej Grishenkow sind mir ein Begriff aus der Ballettwelt. Sie galten lange Zeit als DAS Traumpaar auf der Bühne und im Privatleben. Alle einschlägigen Zeitungen haben damals über den Mord berichtet. Sergej Grishenkows Tod war für die Ballettwelt so, als würde ein Popstar getötet werden."
Mac hatte sich von Danny den Ausdruck geben lassen und hatte diesen überflogen. „Und was weißt du über Alessandra?" fragte er dann.
„Sie leitet ein Tanzprojekt in New York. Kürzlich war erst ein Artikel über sie in der Times. Es geht um die Zusammenarbeit von behinderten und nicht behinderten Kindern und Jugendlichen in einer Klasse. Alessandras Schule wurde schon mehrfach ausgezeichnet. Nicht nur wegen Art und Weise des Unterrichtes, sondern weil sie selbst auch Stipendien für minderbemittelte Begabte vergibt. "
„Na herrlich – heißt das, wir haben eine Mutter Theresa als Verdächtige?" Ein ironischer Unterton schwang in Dannys Frage mit. Er dachte an Alessandras gestrigen Auftritt im Büro.
Stella lächelte mitleidig die beiden Ermittler an „So schaut es wohl aus."
