Kapitel II – ...what is left for me?
3. Mai 1998
Wir verbrachten den ganzen Tag damit, die Verletzten und Toten zwischen den Trümmern des Schlosses zu finden. Immer mehr Abgründe taten sich auf. Immer mehr bekannte, leblose Gesichter kamen zum Vorschein. Doch in mir regte sich nichts. Ich konnte einfach nicht weinen. Es ging nicht, so sehr ich es wollte. Der Schock saß mir so tief in den Knochen, dass er mich taub werden ließ. Dieses seltsame Gefühl breitete sich in mir aus, dass mein Geist zu fliehen schien und ich mich von außen betrachtete. In mir erstarrt erkannte ich keine Gefühle mehr, die sich aus den Schatten an mich heranschlichen und mich zu packen versuchten. Als wäre ich einfach nicht mehr da. Als wäre alles in mir auf dem Schlachtfeld geblieben. Wimmernd und klagend. Zitternd und frierend. Doch mein Körper bewegte sich noch. Er setzte die Füße voreinander um zu laufen, öffnete den Mund um zu sprechen und wandte den Kopf um zu sehen. Fremdartig, unbekannt.
Ich hatte in der Nacht des nicht geschlafen, so wie viele andere auch nicht. Zusammengekauert hatte ich mich mit Ginny in eine Ecke gesetzt, während um uns herum die Nachwehen des Krieges pulsierten. Vorerst waren wir im Schloss geblieben. Nur diese eine Nacht. Ich hielt sie in den Armen und sie hatte ihre Hände fest auf ihre Ohren gedrückt. Die ganze Nacht über hielt ich sie fest und lauschte ihrem leisen Schluchzen, ehe es einem gleichmäßigem Atem wich. Doch meine Augen wollten sich nicht schließen. Immer wieder sprangen sie wie von selbst auf und ich war froh darum. Die Angst vor dem, was mich in der Finsternis meines leeren Selbst erwartete, war zu groß.
Am fand ich mit im Hospital wieder, wohin die Verletzten gebracht worden waren. Alles an mir sträubte sich dagegen, diesen Ort zu betreten, doch ich hatte Ginny und Harry zur Seite stehen wollen. Ich erinnere mich schwach daran, dass man mir erzählte, was mit Ron geschehen sei. Er habe Fred und Percy vor einer Explosion gerettet, die von einem Todesser ausgelöst worden war. Es mochte Ginny gewesen sein, die es mir erzählt hatte, vielleicht auch Harry. Es war auch unerheblich, wer es mir erzählt hatte. Es war unerheblich, wieso Ron tot war. Der einzige Gedanke, der wie ein Leuchtfeuer in meinem Kopf prangerte, war, dass Ron tot war. Kein Grund, keine Tatsache und keine Worte änderten dies.
Die Schatten auf ihren Gesichtern zeigten deutlich, wie sehr auch sie noch unter den vergangenen Nächten litten und wer hätte es ihnen übel nehmen können? Überall auf den Gängen liefen aufgescheuchte Heiler herum und verfrachteten schwerverletzte Patienten in die Zimmer. Nachdem die Schlacht vorbeigewesen war, waren die Überlebenden sofort ins gebracht worden.
Ginny und Harry liefen bereits vor, doch ich blieb reglos stehen. Das grelle Krankenhauslicht stach mir in die Augen und ich kniff sie reflexartig zusammen. Zauberer und Hexen liefen an mir vorbei. Ich mittendrin, wie ein körperloser Geist. Mir wurde bewusst, warum ich hier war, doch mein physischer Körper sträubte sich dagegen auch nur einen Schritt diesen Gang entlangzugehen, der mich zu der Weasley-Familie brachte.
Mit jedem Atemzug, der durch meine Lungen strömte, fühlte ich, wie ich mich immer weiter von diesem Ort entfernte. Musik, die nicht da war, strömte durch meinen Kopf und erfüllte mich erneut mit dieser bodenlosen und allesverzehrenden Trauer, die mich wieder auf den Boden ziehen wollte. Obwohl sie nicht zu hören war, übertönte sie jede Stimme, jedes Geräusch um mich herum und schwoll immer weiter an. Was war nur los mit mir?
Zitternd hob ich die Hände an meine Ohren, um die Musik aus meinem Kopf auszusperren, doch sie steckte in ihm fest. Wurde ich etwa verrückt? Gerade, als selbst die Stimmen in meinem Kopf an meinem Verstand zu zweifeln begonnen hatten, hörte die Musik abrupt auf und hinterließ nur noch die krächzenden Stimmen der anderen und das hämmernde Geräusch von Schuhen, die auf dem Boden aufkamen. Auch meine Schuhe kamen wieder auf dem Boden auf und ich blickte in die ratlosen Gesichter meiner beiden Freunde, die mir noch geblieben waren.
„Hermione?", Ginnys schwache Stimme riss mich aus meiner Trance. Die Zahnräder in meinem Kopf begannen zu rattern. „Ich glaube, ich habe gerade Professor McGonagall gesehen. Geht ruhig, ich will nur kurz mit ihr reden.", log ich rasch. Meine Stimme hörte sich dabei merkwürdig fremd an und mir wurde bewusst, dass ich sie seit langer Zeit nicht mehr gehört hatte. Zumindest nicht wirklich.
Die beiden nickten nur knapp und verschwanden schließlich. Waren sie wirklich die einzigen, die mir geblieben waren? Waren sie mir überhaupt geblieben? Hatten sie nicht vielmehr sich selbst gefunden? Was konnte ich ihnen in der nächsten Zeit schon geben? Nichts. Ich schaffe es an diesem Tag nicht mich meinen Ängsten zu stellen. Ich konnte einfach nicht in dieses Zimmer gehen, in dem Fred und Percy lagen, die Familie um sich geschart. Die Familie, die einen Sohn verloren hatte.
Ich lief in die andere Richtung, einfach nur, um von diesem Platz wegzukommen. Egal wohin. Eine Tür neben mir öffnete sich und eine Heilerin trat heraus. Im Zimmer konnte sie einen Mann sitzen sehen, auf dessen Schoß ein Baby saß. Ich erkannte ihn gleich und zögerte nicht, das Zimmer zu betreten.
„Remus.", meine Stimme war leise und dennoch erschrak der Zauberer vor mir. Er wandte mir sein Gesicht zu und musterte mich aus gütigen, aber erschöpften, grünen Augen. Die Andeutung eines Lächelns zierte seine Lippen. „Hermione. Schön dich wohlauf zu sehen.", erwiderte er mit matter Stimme. Sein bereits vorher narbenbedecktes Gesicht, war noch mehr gezeichnet als noch vor dem Krieg. Sein ohnehin bereits ergrautes Haar wirkte noch farbloser als sonst. Er wirkte blass und müde, als würde er jeden Moment beiseite kippen.
Er richtete seinen Blick wieder auf das Krankenbett neben ihm und erst jetzt sah auch ich zu dem Bett herüber. Tonks' Haar war zu einem blassen Grau ermattet und ihr sonst lebhaftes Gesicht war ausdruckslos geworden. Das einzige Lebenszeichen von ihr war, wie ihre Brust sich leise atmend hob und wieder senkte. „Sie befindet sich im Koma. Wurde von einem Fluch erwischt.", erklärte Remus mit kratziger Stimme, ohne den Blick von seiner Frau zu nehmen. „Es ist fürchterlich sie so zu sehen, wo sie doch sonst nur so vor Leben strotzte.", auch wenn er kurz vor dem Zusammenbrechen stehen musste, so versuchte er stark zu klingen.
Mit einem leisen Schluchzen zog das Baby in Remus Armen seine Aufmerksamkeit auf sich, als teilte er das Gefühl des Verlorensein seines Vaters. Auch ich spürte es. „Kannst du Teddy nicht zu seiner Großmutter bringen?", fragte ich vorsichtig, doch der Zauberer schüttelte nur sacht den Kopf. „Andromeda hat angeboten, ihn zu nehmen. Aber ich habe ihn lieber bei mir. Ich bin immerhin sein Vater.", einen kurzen Moment schwieg er, „Es beruhigt mich, ihn bei mir zu wissen." Ich blickte Remus in stillem Einverständnis an. Seine Augen waren liebevoll auf seinen kleinen Sohn gerichtet, dessen feuerrotes Haar sich soeben in ein helles Türkis gewandelt hatte. Auch sie halfen sich gegenseitig über ihre Trauer hinweg, in der Hoffnung, dass ihre Ehefrau und Mutter bald wieder aus dem Koma erwachen würde. Dann wären sie wieder eine Familie.
Ein stechendes Gefühl zog sich durch meinen Magen. „Sie wird sicher bald wieder aufwachen.", sagte ich mit leiser Stimme und Remus nickte knapp, ohne mich anzusehen. Ohne ein Wort der Verabschiedung verließ ich das Zimmer wieder. Sobald ich meinen Fuß auf den Flur gesetzt und die Tür hinter mir geschlossen hatte, stieß ich ein leises Seufzen aus. Ich schlang meine Arme um meinen Körper, als sich mein Magen verkrampfte und Übelkeit in mir anstieg. War ich denn die Einzige, die zurückgelassen worden war?
Aus dem Augenwinkel erkannte ich eine Gestalt und eine bekannte Stimme dazu. Mein Blick huschte zu Professor McGonagall, welche sich ein paar Türen weiter mit einem Heiler unterhielt. Ihr gewohnt strenger Blick war einem besorgten gewichen. Ab und zu nickte sie verstehend, ehe der Heiler sie schließlich zurückließ.
Ohne nachzudenken kam ich auf sie zu. Jede Gelegenheit, die mich weiter von dem Zimmer der Weasleys weg führte, wollte ich nutzen. „Professor!", rief ich ihr hinterher, bevor sie verschwinden konnte. Die ältere Hexe blieb stehen und bedachte mich mit einem mitleidigen Lächeln. Wieso sah mich jeder so an?
„Kindchen, schön, dass es Ihnen gutgeht.", auch sie klang angeschlagen. Tiefe Augenringe zeigten mir, dass sie nicht viel Schlaf gehabt haben musste und ich konnte es ihr nicht verdenken. Vermutlich hatte niemand von uns viel geschlafen. „Haben Sie jemanden besucht?", fragte ich, ohne zu wissen, worauf ich hinauswollte. Sie nickte. „Ja, ich habe Severus besucht.", antwortete sie und warf einen Blick auf die geschlossene Tür neben uns.
Das war das erste Mal, dass ich nach dem Krieg überhaupt wieder an Professor Snape dachte. Irgendwo in dem Chaos der Schlacht hatte ich gesehen, wie man ihn in die große Halle, zu den anderen Verletzten, geschleppt hatte. Er hatte mehr tot als lebendig ausgehen und es wunderte mich, dass er offenbar überlebt hatte.
„Er lebt?", fragte ich überrascht und hoffte im nächsten Moment, dass ich nicht enttäuscht geklungen hatte. „Ja, er lebt. Aber er ist schwer verletzt und noch sehr schwach. Bisher schläft er die meiste Zeit.", sie stieß ein leises Seufzen aus, „Er hat einige Nervenschäden davongetragen. Es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt."
Es war wohl wirklich ein Wunder. Ich hatte gesehen, wie Nagini ihn angegriffen hatte und im nächsten Augenblick hatte ich Schuldgefühle, dass wir ihn einfach in der heulenden Hütte zurückgelassen hatten, als wir glaubten, er sei tot gewesen. Doch er lebte. Ich erinnere mich daran, wie ich mich unweigerlich fragte, ob er davon wusste, dass Harry vor allen seine wahren Intentionen preisgegeben hatte.
„Kann ich... ihn besuchen?", fragte ich zögerlich und war selbst überrascht über meine Frage. Offenbar war auch Professor McGonagall überrascht, denn sie blickte mich fragend an. Dennoch nickte sie. „Natürlich. Ich sollte nun wieder zurück nach Hogwarts. Wenn irgendetwas ist, können Sie sich gerne an mich wenden, Miss Granger.", damit verschwand die Hexe um die nächste Ecke und ließ mich allein vor der Tür stehen, die zum Krankenzimmer von Professor Snape führte. Es ängstigte mich beinahe, was ich in Kauf nahm, um nicht zu diesem bestimmten Zimmer zu müssen, doch ich verdrängte den Gedanken daran einfach und öffnete die Tür.
Eine unheimliche Stille umgab den Raum. Bedächtig schritt ich an das Bett, in welchem eine Gestalt lag, die ich beinahe nicht mehr als meinen ehemaligen Zaubertrankprofessoren erkannte. Mein Körper begann zu zittern, als ich ihn musterte und langsam ließ ich mich auf den Stuhl sinken, der daneben stand.
Sein rabenschwarzes, fettiges Haar bildete einen starken Kontrast zu dem schneeweißen Kissen, auf dem sein Kopf gebettet war. Seine Augen waren geschlossen und verborgen somit die finstere Schwärze hinter den Lidern. Sein Gesicht war aschfahl und unter seinen Augen waren große Schatten zu erkennen. Er wirkte, als hätte er in seinem Leben nie richtig geschlafen, so erschöpft und müde sah er aus, selbst wenn er schlief. Sein Gesicht war schmal, seine Wangen eingefallen, als spannte sich seine Haut über einen Totenschädel. Mager und dürr war er. Es erschreckte mich, dass ich an diesem Tag zum ersten Mal erkannte, wie kränklich er aussah und die Schuld überkam mich, erst jetzt zu erkennen, wie viel Last dieser Mann hatte ertragen müssen, dass er nur noch wie ein Toter von der Bürde, die er sich auferlegt hatte, angetrieben worden war.
Mein Blick fiel auf den Verband, der um seinen Hals und seinen Nacken geschlungen war, um die Wunde zu verdecken, die Nagini zweifellos hinterlassen haben musste. Der Verband war bereits rot von Blut und färbte auch das weiße Laken in ein helles Rosa.
Dieser Anblick brannte sich in mein Gedächtnis ein. Er sah so verlassen und krank aus. Erdrückt von einer Last, die er nicht mehr hatte tragen können. Zerbrechlich. Ja er sah so aus, wie ich mich fühlte und das machte mir Angst. Angst, weil ich blind gewesen war, es nicht schon früher zu erkennen. Hatte er schon immer so ausgesehen? War er nicht immer stark gewesen? Voll Stolz und Zorn? Wenn ich das Offensichtliche übersehen hatte, was hatte ich dann noch alles übersehen?
Kälte ergriff meinen Körper und obwohl ich wollte, hatte ich nicht weinen können. Sein Anblick ließ mich nicht los, spiegelte er doch mein innerstes wieder. Was sagte das über mich aus? Wenn ich lieber hier saß und die tiefen meiner Gefühlswelt – fühlte ich überhaupt noch? – betrauerte, anstatt bei meinen Freunden zu sein?
Doch er war alleine hier. Genau wie ich. Vielleicht war es das, was mich zwar ängstigte, aber andererseits auch beruhigte? Die Antwort darauf wollte ich gar nicht erfahren, denn ich wusste, dass sie mich schmerzen würde. Wenn nichts mehr für mich übrig war, was war dann noch für ihn übrig? Wenn alles vorbei war? Wo ich doch so viel gegeben hatte? Wo er doch so viel gegeben hatte? Was gab es dann noch? Ich wusste es nicht.
„Vielen Dank, Professor..."
