Vorwort:

In meinem Kopf hatte ich das Kapitel schon lange fertig gestellt, aber leider sträubten meine Finger sich gegen das Tippen. Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen! Das nächste Kapitel wird ebenfalls etwas länger dauern, da ich gerade zur Weihnachtszeit nicht immer viel Zeit zum Schreiben habe und auch eine ganze Zeit lang krank war. Ich hoffe, dass das Kapitel euch dennoch gefällt, auch wenn es etwas kürzer und anders geraten ist, als ich geplant hatte (:


Kapitel III – Homeward

4. Mai 1998

Ich verbrachte die Nacht im Grimmauldplatz, wo ich noch immer ein Zimmer bezogen hatte. Ich nahm an, dass Harry jetzt, wo der Krieg vorbei war, hier einziehen würde. Schließlich gehörte das Haus ihm und zu den Dursleys wollte er sicher nicht wieder zurück. Auch wenn es ihn so schmerzlich an Sirius erinnerte, so konnte er sich hier eine bessere Zukunft aufbauen. Ein Gedanke, der sich nur schwer bei mir einfand. Ob Harry und Ginny die Nacht ebenfalls hier verbracht hatten, wusste ich nicht. Gehört hatte ich nichts und die meiste Zeit war ich auf meinem Zimmer gewesen. Selbst wenn sie da gewesen wären, hätte ich es wohl nicht ausgehalten, mich zu ihnen zu setzen. Alles in mir sträubte sich dagegen, ihnen zu begegnen, auch wenn ich nicht genau wusste, wieso.

Dennoch zog es mich am nächsten Tag nach Hogwarts. Ich wollte helfen. Irgendetwas tun. Hauptsache ich würde nicht mit meinen Gedanken alleine sein. Das Schloss lag noch immer in Trümmern und ich vermutete, dass es noch lange dauern würde, bis es wieder vollständig aufgebaut würde. Viele Hexen und Zauberer – unter ihnen auch zahlreiche Schüler – halfen beim Wiederaufbau und in der Menge fiel es mir schwer, Professor McGonagall auszumachen. Doch schließlich fand ich sie und teilte ihr mit, dass ich an diesem Tag ebenfalls helfen wollte und vermutlich auch noch ein paar Wochen länger. Ich brauchte eine Aufgabe, eine Beschäftigung. Es wollte mir einfach nicht gelingen mit mir alleine zu sein, auch wenn ich wusste, dass ich es zwangsläufig irgendwann musste.

Ich arbeitete allein und war dennoch abgelenkt genug, dass meine Gedanken nicht die Oberhand gewannen. Aus der Ferne konnte ich auch Harry ausmachen, in dessen Nähe auch Ginny wiederzufinden war. Ich nahm an, dass sie einander kaum noch aus den Augen ließen, denn obwohl der Krieg vorbei war, spürte man noch immer, wie einem die Angst im Nacken saß. Ich ging jedoch nicht zu ihm und obwohl ich mir sicher war, dass auch er mich gesehen hatte, kam er auch nicht zu mir. Es war in Ordnung, ich verstand es. Die Befürchtung, der Zwang über Ron reden zu müssen, wenn wir aufeinander träfen, hielt uns zurück. Ich hatte es ja nicht einmal geschafft, die Weasleys im Krankenhaus zu besuchen.

Die Arbeit tat mir gut. Ich kam mir für diese kurze Zeit nicht mehr nutzlos vor und nicht mehr so schrecklich leer. Ich hatte zu tun, ich konnte mich nützlich machen und brauchte keine sinnlosen Ausreden zu suchen, weshalb ich mir selbst aus dem Weg ging. Doch immer behielt ich den Gedanken im Hinterkopf, dass auch das wieder vergehen würde. Die Verdrängungstaktik würde nicht ewig funktionieren und obwohl ich mir bewusst war, dass ich gerade alles tat, um mich nicht mit der grausamen Realität beschäftigen zu müssen. Doch bis ich dazu gezwungen war, brauchte ich etwas Neues. Eine Aufgabe, ein Projekt, ein Ziel. Es gab noch so viele Baustellen in meinem Leben zu bewältigen und ich hatte das Gefühl, darunter zu zerbrechen. Selbst dieses Gefühl nahm ich lieber in Kauf, als mich Rons Tod zu stellen. Alleine würde ich daran zugrunde gehen.

Als auch die Letzten mit der Arbeit aufhören, ging auch ich. Eigentlich hatte ich noch mit Professor McGonagall reden wollen, doch sie war – wie ich erwartet hatte – beschäftigt. Jetzt, wo der Krieg vorbei war, musste sie den Platz von Professor Dumbledore in Hogwarts einnehmen. Es gab so viele, die sich an sie wandten und so viele Helfer, auf die sie von sich aus zukam. Ohne noch ein Wort an sie richten zu können, disapparierte ich. Jedoch nicht zum Grimmauldplatz...

Regungslos stand ich einfach eine Weile vor dem Haus, welches verlassen an der Straße stand, zwischen Häusern, die vor Leben nur zu strotzen schienen. Der Vorgarten schien völlig verwildert. Es war lange her, dass sich jemand um die Pflanzen gekümmert hatte und dennoch hatten sie sich so entfaltet, als wäre es die Einsamkeit gewesen, von der sie sich ernährt hatten. Ich schluckte schwer und für einen Moment hegte ich den verzweifelten Gedanken, dass die Tür sich öffnen würde und meine Mutter mir entgegenkommen würde, glücklich, ihre lang verschollene Tochter wiederzusehen. Doch ich wusste, dass das nicht passieren würde.

Zögerlich legte ich die Hand auf die Holzpforte, als fürchtete ich, dass sie zu Staub zerfallen würde, wenn ich sie berührte. Vielleicht, weil ich Angst hatte, dass ich nicht wirklich hier war. Es war eine irrationale Angst, aber dennoch war sie präsent. Vorsichtig schwang ich die Pforte beiseite und betrat den Weg aus Steinplatten, der zum Haus führte. Er war mit Moos überzogen und kaum noch zu erkennen. Mein Blick richtete sich starr auf die Haustür, welche sich noch immer nicht zu öffnen versuchte.

Der Weg zu ihr erschien mir endlos und doch erinnere ich mich daran, wie ich sie doch endlich erreichte. Zitternd hob ich meine Hand an die leicht rostige Klinke und hätte sie am liebsten wieder zurückgezogen. Sie war eiskalt, zumindest kam sie mir so vor. Meine Kehle schnürte sich zu und langsam drückte ich die Klinke hinunter. Es geschah nichts. Die Tür ließ sich nicht öffnen und für einen Moment wünschte ich mir, dass meine Beine sich in Bewegung setzten und wieder von hier verschwanden. Stattdessen durchzuckte mich ein Gedanke wie ein Stromschlag und ich verfiel in Panik. Hastig zog ich meine Hand zurück und durchsuchte meine Taschen. Ich fand, was ich suchte und es dauerte nicht lange, bis ich die Tür mit dem Schlüssel aufgeschlossen hatte. Die Tür stand nun auf und mit ihr meine Angst vor dem, was ich in dem Haus finden würde.

Es fühlte sich unwirklich an, als ich die Schwelle übertrat und mich schließlich im Flur wiederfand. Das Licht trat nur schwach durch die vorgezogenen Vorhänge. Der Staub tanzte in den seichten Sommerstrahlen vor meiner Nase und wie hypnotisiert, blickte ich ihm hinterher. Langsam führten meine Schritte mich durch den Flur durch die nächste Tür, hinter welcher sich das Wohnzimmer befand. Wie in einem Traum durchschritt ich den großen Raum, welcher nur darauf zu warten schien, jemanden in Empfang zu nehmen. Das Sofa stand noch genau da, wo ich es das letzte Mal gesehen hatte. Alles stand an seinem Platz. Bilder und Dekoration. Sie waren einfach abgereist, ohne auch nur daran zu denken, was aus ihrem Haus wurde. Ein Gedanke, der mich plötzlich ergriff. Sie hatten alles zurückgelassen, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. So wie sie auch mit zurückgelassen hatten, ohne es zu wissen.

Langsam ließ ich mich auf das Sofa sinken und starrte auf das Fenster, welches mir gegenüber lag. Wo sie wohl gerade waren? Wie ging es ihnen? Was machten sie? Es gab tausend Fragen, die ich meinen Eltern in dem Moment hätte stellen wollen, doch es ging nicht. Denn auch sie waren nicht mehr in meinem Leben. Zumindest für diesen Moment.

Ich zog die Knie an meinen Körper und schlang meine Arme um meine Beine. Ich wusste, dass ich weinen wollte, doch ich konnte einfach nicht. Ich fühlte mich wie leer. Was war nur geschehen? Was sollte ich jetzt tun? Ich hatte das Gefühl, alles verloren zu haben. Ron, meine Eltern, Hogwarts, meine Hoffnung, mein Lächeln... mein Halt. Die Sicht um mich herum wurde immer schlechter. Ich wusste nicht mehr, wohin ich mich wenden sollte. Ich konnte das nicht alleine bestehen und ich wusste, dass ich mich zerstören würde, wenn ich weiterhin mit mir alleine bliebe.

Meine Gedanken drehten sich im Kreis und langsam wurden meine Lider immer schwerer. Ohne es zu merken fielen mir die Augen zu und die Dunkelheit riss mich in einen wirren Schlaf, aus welchem ich völlig erschöpft erwachen würde, noch immer leer, noch immer gefangen in mir selbst. Ahnungslos. Haltlos. Aber wieder daheim...